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Автор: Labudde D.
Теги: computertechnik informationssicherheit internet forensik
ISBN: 978-3-7517-2385-5
Год: 2022
Текст
Inhalt
Cover
Über das Buch
Über den Autor
Titel
Impressum
Kapitel 1: Digitaler Spurensucher
Kapitel 2: Das tote Mädchen unter der Teufelstalbrücke
Kapitel 3: Mord im Parkhaus
Kapitel 4: Kopfschuss nach Streit um Drogengeld
Kapitel 5: Der tote Soldat und die Rätsel der Vergangenheit
Exkurs: Die Zukunft der Tatortrekonstruktion
Kapitel 6: Mord mit Ansage
Kapitel 7: Das Skelett der Täter – Der Goldmünzenraub
Kapitel 8: Und sie funktioniert doch: Der Tankstellenraub und das Skelett der
Täter
Exkurs: Die Zukunft der Foto- und Videoanalyse
Kapitel 9: Den Toten ein Gesicht geben
Kapitel 10: Die ältesten Morde Österreichs
Exkurs: Die Zukunft der Gesichtsrekonstruktion
Kapitel 11: Die Zukunft der digitalen Forensik – wie sich die Strafverfolgung
ändern muss
Quellen
Anmerkungen
1
Über das Buch
Es sind scheinbar aussichtslose Fälle: Das Kind, das von einer Brücke in den Tod
stürzte. Das Video, auf dem zu hören und zu sehen ist, wie im Leipziger
Rockerkrieg ein Mann erschossen wird. Oder der Tatort eines schweren Raubes,
an dem es zwar viele Spuren aber nur wenige Erkenntnisse gibt. Er rekonstruiert
Tatorte in 3-D-Modellen, simuliert den Tathergang und schafft digitale Doubles
von Opfern und Tätern. Immer dann, wenn Ermittler mit klassischen Methoden
der Spurenauswertung nicht weiterkommen, wenden sie sich an Dirk Labudde.
Anhand seiner spannendsten Fälle zeigt er, dass die Zukunft der digitalen
Forensik längst begonnen hat, welche Chancen darin liegen, aber auch welche
Risiken.
2
Über den Autor
Dirk Labudde, geboren 1966, hat in Rostock, Enschede und Kaiserslautern
Theoretische Physik und Medizin studiert. Seit 2009 ist er Professor für
Bioinformatik und digitale Forensik an der Hochschule Mittweida. Als Berater für
verschiedene Polizeien der Länder und Staatsanwaltschaften hilft er bei der
forensischen Aufklärung von Straftaten und ist als Sachverständiger vor Gericht
tätig.
3
DIRK LABUDDE
mit Heike Vowinkel
DIGITALE
FORENSIK
Die Zukunft der Verbrechensaufklärung
LÜBBE
4
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Ulrike Strerath-Bolz
Umschlaggestaltung: Kristin Pang
Umschlagmotiv: © Tomas Rodriguez, Köln
eBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-2385-5
luebbe.de
lesejury.de
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KAPITEL 1
DIGITALER SPURENSUCHER
Es passt einfach nicht zusammen. Von der Steilküste kann der Junge nicht ins
Meer gestürzt sein. Wo sind seine Hose, die Schuhe, die Socken? Hat die
Strömung sie ihm ausgezogen?
Dafür war sie eigentlich zu schwach.
Oder hat er sich selbst vorher entkleidet? Nur, wo sind die Sachen dann? Und
wer zieht sich vor einem Unfall die Hose aus?
Ich sitze mit drei meiner Studierenden vor der großen digitalen
Bildschirmwand des Labors. Wir sind ratlos. Das Surren der Klimaanlage
untermalt unser Schweigen. Der Kaffee in meinem Becher ist kalt. Seit Stunden
versuchen wir, einen Ablauf für diesen Fall zu rekonstruieren, einen, der
Antworten gibt und nicht ständig neue Fragen aufwirft. Auf dem Bildschirm ist die
Steilküste des spanischen Ferienortes Lloret de Mar zu sehen, ein originalgetreu
nachgebautes 3-D-Modell, das wir mithilfe von Daten aus Spezialkameras erstellt
haben. Vor einigen Wochen ließen wir diese Kameras mit Drohnen über die
Küste fliegen, genau dort, wo im Juli 2019 der 17-jährige Linus Wetzel* aus
Hessen mit schwerem Schädelbruch tot aus dem Meer gezogen worden war.
Zusammen mit zwei Freunden hatte er in Lloret de Mar mit einem
Jugendreiseveranstalter Urlaub gemacht. Auch für Linus Wetzel bauten wir ein
Computermodell, ein Dummy, das auf seinem Körpergewicht und seiner Größe
beruhte. Von Dutzenden Positionen aus ließen wir es immer und immer wieder
von der Küste hinunterstürzen. Nur ein einziges Mal landete es im Wasser,
allerdings von einer Stelle aus, die flacher ist und an der ein Weg verläuft, sodass
Linus Wetzel nicht so dicht an der Küste hätte entlanggehen müssen. Dass sein
Sturz ein Unfall war, erscheint an dieser Stelle daher eher unwahrscheinlich. Von
allen anderen Stellen aus schlug das Dummy aber stets an den Klippen und
Steinvorsprüngen auf – jedenfalls landete es nicht im Wasser.
Wie kommen wir hier weiter? Ich laufe zwischen Bildschirmwand und Stuhl
hin und her, in Bewegung kann ich besser denken. Noch einmal gehen wir alle
Informationen durch:
Linus Wetzel soll in der Nacht nach einem Streit mit Freunden oder Fremden
am Strand – dazu gibt es unterschiedliche Aussagen – den Weg hinauf zu den
Klippen gelaufen sein. Vorher machte er noch einen Abstecher in eine Bar. Dort
fiel er auf, weil er betrunken und hilflos wirkte. Er soll dann weiter in Richtung
Steilküste gelaufen sein. Danach verliert sich seine Spur. Die spanische Polizei
geht davon aus, dass er betrunken von den Klippen ins Meer stürzte. Ein Unfall
also. Doch unsere Simulation zeigt, dass das sehr unwahrscheinlich ist. Und es
bleiben die vielen unbeantworteten Fragen: Warum ist die Aussage des Freundes
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so widersprüchlich? Und wo sind die Hose, die Schuhe, die Socken? Das alles
passt einfach nicht zusammen.
*
Morde, Raubüberfälle, Erpressungen, nicht zu identifizierende Leichen und
uneindeutige Tode wie der von Linus Wetzel bestimmen seit Jahren meinen
Alltag. Vorgezeichnet war dieser Weg für mich nicht. Denn ich bin Physiker,
Bioinformatiker und Professor an der Hochschule Mittweida in Sachsen.
Rückblickend passte es zwar hervorragend, dass ich viele Jahre lang in der
Bioinformatik als einer der Pioniere Methoden entwickelt habe, mit denen sich
biologische Prozesse in Computersimulationen übertragen lassen. Doch
Verbrechen interessierten mich damals höchstens im Film. Dass ich heute als
digitaler Forensiker Tatorte und -abläufe mithilfe von Computersimulationen
analysiere, verdanke ich dem früheren Chemnitzer Polizeipräsidenten. Er hatte
seit Anfang der 2010er-Jahre immer öfter Betrugs- und Schadensmeldungen auf
dem Tisch, die mit elektronischen Medien und dem Internet zu tun hatten. Doch
nur wenige seiner Polizistinnen und Polizisten kannten sich damit gut genug aus,
um effektiv zu ermitteln. 2013 wandte er sich deshalb an meinen
Hochschulrektor: Ob wir Wissenschaftler seine Leute unterstützen könnten, etwa
durch Kooperationen, wollte er wissen. Vielleicht könnten wir sie ja auch
weiterbilden?
Die Anfrage landete auf meinem Tisch. Seitdem hat mich die Welt der
Verbrechen nicht mehr losgelassen. Heute bietet mein Lehrstuhl vielfältige ITForensik-Schulungen für Ermittlerinnen, Ermittler, Staatsanwältinnen und
Staatsanwälte an. Außerdem arbeite ich als Sachverständiger und Berater eng
mit Strafverfolgungsbehörden zusammen. Parallel baute ich einen Studiengang
für Allgemeine und Digitale Forensik auf, um Forschung und Praxis enger
miteinander zu verknüpfen. Denn anders als in den USA, den Niederlanden oder
Großbritannien werden Ermittlerinnen und Ermittler in Deutschland nicht an
staatlichen Hochschulen ausgebildet, sondern an Polizei(hoch)schulen und akademien. Einen institutionellen Austausch zwischen Grundlagenforschung und
Praxis gibt es nicht. Mit meinem Studiengang versuche ich das zu ändern. Mein
Team und ich entwickeln digitale Lösungen und Methoden für
Ermittlungsprobleme, denen ich in der Praxis, also bei konkreten Fällen,
begegne. Beides fließt in die Ausbildung der Studierenden ein, die später zur
Polizei gehen, aber auch in der freien Wirtschaft als IT-Sicherheitsexperten oder
als digitale Forensiker arbeiten.
DER EWIGE WETTLAUF – VON EDMOND LOCARD BIS ZUR
CYBERKRIMINALITÄT
Forensik ist eine Querschnittswissenschaft, und genau das macht sie so
spannend für mich: Medizin, Biologie, Physik, Chemie, Psychologie greifen
ineinander, und mittlerweile gehört eben auch die Informatik dazu. Das war nicht
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immer so. Die moderne Forensik entstand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts,
als die Analyse und Systematisierung von Spuren ins Zentrum von Ermittlungen
rückte. Zuvor konzentrierten sich diese vor allem auf Zeugenaussagen. Das
Problem dabei war: Aussagen von Zeugen sind nie objektiv, zumal wenn sie –
wie noch bis weit ins 19. Jahrhundert üblich – unter Androhung oder Einsatz von
Gewalt zustande kommen. Der Beweiswert von Spuren wurde also immer
wichtiger.
Doch was genau sind Spuren? Edmond Locard, Direktor des weltweit ersten
offiziellen Polizeilabors in Lyon und Begründer der modernen Forensik,
formulierte es um 1910 so:
Überall dort, wo er [der Täter] geht, was er berührt, was er hinterlässt, auch
unbewusst, all das dient als stummer Zeuge gegen ihn. Nicht nur seine
Fingerabdrücke oder seine Fußabdrücke, auch seine Haare, die Fasern aus
seiner Kleidung, das Glas, das er bricht, die Abdrücke der Werkzeuge, die er
hinterlässt, die Kratzer, die er in die Farbe macht, das Blut oder Sperma, das
er hinterlässt oder an sich trägt. All dies und mehr sind stumme Zeugen
gegen ihn. Dies ist der Beweis, der niemals vergisst. Er ist nicht verwirrt durch
die Spannung des Augenblicks. Er ist nicht unkonzentriert, wie es die
menschlichen Zeugen sind. Er ist ein sachlicher Beweis. Physikalische
Beweismittel können nicht falsch sein, sie können sich selbst nicht verstellen,
sie können nicht vollständig verschwinden. Nur menschliches Versagen, diese
zu finden, zu studieren und zu verstehen, kann ihren Wert zunichtemachen.1
Einen Tatort ohne Spuren gibt es also nicht. Wobei unter Tatort nicht nur der
eigentliche Ort des Geschehens zu verstehen ist, sondern es sind auch all jene
Orte, die einen Bezug zur Tat haben, etwa weil sich Täter oder Opfer vorher oder
nachher dort aufhielten. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden dann die
Grundlagen für die heutige Spuren- und Tatortanalyse gelegt: Systematiken und
wissenschaftliche Methoden entstanden, um etwa Schusswaffen zu analysieren,
um Merkmale abzugleichen, mit denen sich Menschen identifizieren lassen – wie
Schuh- und Fingerabdrücke, DNA-Spuren –, oder um Verletzungen von Opfern
rechtsmedizinisch einzuordnen.
Ab den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich ein
neuer Tat- und Spurenort: die digitale Welt. Computer wurden zu einem
Massenprodukt, das Internet trat seinen Siegeszug an und veränderte die
Arbeits- und Lebensweise der Menschen fundamental. Heute gibt es kaum noch
einen Bereich, der nicht digital beeinflusst ist. Die meisten von uns führen längst
ein digitales Leben: 94 Prozent aller über 14-jährigen Deutschen nutzen das
Internet und verbringen im Schnitt darin täglich 136 Minuten. Und es wird immer
mehr: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Nutzungsdauer digitaler
Medien fast verdoppelt.2 Überwachungskameras filmen uns, wir schreiben
Sprachnachrichten, chatten in Messengern, suchen im Netz nach Themen oder
Produkten, bestellen diese und hinterlassen dabei – Spuren. Natürlich nutzen und
missbrauchen auch Kriminelle all dies. Doch bis die Strafverfolgungsbehörden
begannen, die digitale Welt als Tatort ernst zu nehmen und bei Ermittlungen auch
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an diesen Bereich zu denken, dauerte es eine Weile – die Entstehungsgeschichte
unseres Studiengangs ist nur ein Beispiel dafür. Selten wurde der technologische
Wettlauf zwischen Tätern und Ermittlern unter so ungleichen Startbedingungen
begonnen wie im Zeitalter der Digitalisierung.
Ein frühes Beispiel für diesen Wettlauf liefert bereits Locards Lehrer, der
französische Kriminalist Alphonse Bertillon. Der drängte einst darauf, Straftäter in
möglichst immer gleicher Position und auf die gleiche Art und Weise zu
fotografieren; erst dann seien die Aufnahmen hilfreich bei der Suche und
Identifizierung von Tätern. Damit hatte er zwar recht. Doch es dauerte nicht
lange, bis Verbrecher begannen, ihr Äußeres zu ändern, sich Bärte und Haare
wachsen zu lassen oder sie zu färben. Der Wettlauf zwischen Tätern und
Kriminaltechnik läuft seitdem in immer schnellerem Tempo. Technologien
entwickeln sich rasant. Täter adaptieren sie so schnell, dass
Strafverfolgungsbehörden naturgemäß das Nachsehen haben. Ihre Strukturen
sind nicht gut geeignet, um bei diesem Wettrennen mithalten zu können. Sie
hinken wie auch andere Behörden in Deutschland bei der Digitalisierung
hinterher, sind oft schwerfällig, weil es viele Entscheider und langwierige
Prozesse gibt. Datenschutzbestimmungen und der Föderalismus erschweren oft
flächendeckende, einheitliche Lösungen – und das in einer digitalen Welt, die
weder Länder- noch Zeitgrenzen kennt. Es gibt zu wenige IT-Experten bei Polizei
und Justiz, und den meisten Ermittlern mangelt es an digitalem Grundwissen. Im
Vergleich zur analogen Welt haben Straftäter es daher immer noch ungleich
leichter, unbemerkt und ungestraft in digitalen Tatorten davonzukommen.3
MIT DIGITALEN METHODEN ANALOGE VERBRECHER JAGEN
Inzwischen ist zwar das weite Feld der IT-Forensik entstanden. Allerdings
beschränkt es sich meist noch darauf, Methoden und Analysen allein auf digitale
Taten und Orte anzuwenden, also auf sogenannte Cybercrime-Delikte wie etwa
Datendiebstähle, digitale Erpressungen oder das Verschicken und Teilen von
Bildern und Videos, die Kindesmissbrauch zeigen. Die Herausforderungen, vor
denen Ermittler dabei stehen, sind immens. Denn die Datenflut ist riesig und
wächst kontinuierlich: Allein innerhalb eines Chats werden meist neben
Textnachrichten massenweise Bilder und Videos geteilt, die es dann auszuwerten
gilt. Auf beschlagnahmten Datenträgern wie Computern oder Handys finden sich
Terabytes an möglichen Spuren – Verdächtiges und Strafbares gilt es von
Unverdächtigem abzugrenzen. Bislang werten vor allem Menschen diese Daten
aus. Doch das ist längst nicht mehr angemessen zu bewältigen – es ist zu viel für
die verfügbare Zahl an Polizistinnen und Ermittlern. Noch sind die Möglichkeiten
begrenzt, mithilfe von intelligenten Systemen die Auswertungen zu
beschleunigen. Doch überall auf der Welt wird an solchen Software-Lösungen
gearbeitet. Auch mein Team und ich sind daran beteiligt.
Zu wenig genutzt wurden und werden zudem digitale Methoden bei analogen
Verbrechen, also all jenen Straftaten, die nicht im digitalen Raum passieren.
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Dabei können sie die Ermittlungen in diesen Fällen immens verbessern. Zum
einen liefert die Auswertung der digitalen Kommunikationsmittel von Täter und
Opfer oft entscheidende Hinweise, wo sie sich wann aufhielten oder mit wem sie
zuletzt in Kontakt standen. Darüber hinaus können digitale Methoden aber auch
helfen, die Spurenlage analoger Tatorte besser zu systematisieren. Sie lassen
sich als getreue 3-D-Modelle am Computer rekonstruieren, Spuren können in
diese Modelle übertragen und überprüft, Tatabläufe darin simuliert werden. Fotos
und Videos lassen sich mit digitalen Werkzeugen verbessern und genauer
auswerten. Inzwischen können wir sogar Menschen allein anhand ihrer Anatomie
in Überwachungsvideos identifizieren. Ein Schädel reicht, um mit digitalen
Methoden Gesichter unbekannter Toter in 3-D-Modellen zu rekonstruieren.
Die Software-Grundlagen für diese Methoden sind vorhanden und werden in
anderen Feldern wie der Architektur, der Spiele- und Filmwelt schon lange
genutzt. In der Ermittlungsarbeit kommen sie jedoch erst seit gut zehn Jahren in
Deutschland langsam an. In diese Lücke bin ich damals mit meinem Studiengang
gestoßen. Inzwischen habe ich an Dutzenden Fällen mitgearbeitet. Von einigen
werde ich im Folgenden erzählen, nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern
nach den jeweiligen Forensik-Methoden, die hierbei angewandt wurden und diese
darin genauer erklären. Ich werde zudem zeigen, wie diese Methoden sich
voraussichtlich weiterentwickeln werden und warum vieles von dem, was heute
schon technisch möglich ist, aus guten Gründen noch nicht angewandt wird.
Softwareprogramme, die auf Basis intelligenter Systeme arbeiten, können zwar
enorm bei der Auswertung von Datenmassen helfen, etwa von Fotos, Videos und
Dokumenten. Sie können auch zerstörtes Material wiederherstellen und solches
in schlechter Qualität verbessern. Teilweise tun sie das auch bereits.
Vorhersagen, wo und wann es am wahrscheinlichsten ist, dass eine Straftat
passiert, können sie ebenfalls schon treffen. Doch noch fehlen vielfach die
juristischen Rahmenbedingungen, um all dies beweiskräftig vor Gericht einsetzen
zu können. Es muss klar sein, wie genau diese Systeme arbeiten, wie
Algorithmen programmiert wurden und auf welcher Basis Informationen ersetzt
werden.
Datenschutzkriterien
sind
einzuhalten.
Auch
Risikound
Folgenabschätzungen müssen mit einfließen in die Erarbeitung solcher
Rahmenbedingungen.
»WENN ICH DEN SEH’, ICH HAU’ DEN TOT!«
Normalerweise sind es Staatsanwaltschaften oder Gerichte, die mich um Hilfe
bitten und als Sachverständigen für digitale Forensik beauftragen. Im Fall des 17jährigen Linus Wetzel, der im Meer vor Lloret de Mar tot aufgefunden wurde, war
es ein TV-Journalist, der mich Ende 2020 um eine Tatortrekonstruktion bat. Klingt
ein Fall spannend und kann ich an ihm unsere Methoden ausprobieren oder
sogar weiterentwickeln, nehme ich mit meinem Team auch Anfragen von
Privatermittlern oder eben Journalisten an. An ihnen kann ich meinen
Studierenden erklären, mit welchen forensischen Herausforderungen sie in
Zukunft zu tun haben werden. In diesem Fall war die Aktenlage der spanischen
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Ermittler dürftig und lückenhaft. Es gab nur wenige gesicherte Spuren – was
durchaus häufiger der Fall ist. Ein Hobbytaucher hatte Linus Wetzels Leiche mehr
als 36 Stunden nach seinem Verschwinden in sieben Metern Wassertiefe vor der
Küste gefunden. Die Obduktion ergab später, dass der junge Mann an schweren
Schädelverletzungen gestorben war, vermutlich verursacht durch einen Sturz von
den Klippen. Die spanische Polizei befragte Linus’ Freunde, die mit ihm nach
Lloret de Mar gereist waren, und suchte die Küste nach seiner fehlenden Hose,
den Socken und Schuhen sowie seinem Ausweis ab – ergebnislos. Mitte August,
knapp vier Wochen nach Linus’ Tod, schloss die spanische Polizei das Verfahren
ab. Ihr Ergebnis: Der Schüler stürzte in jener Nacht alkoholisiert und offenbar
unter Einfluss von Ecstasy ohne fremdes Zutun die Klippen hinunter ins Meer.
Wir
versuchten
daher
zunächst,
mithilfe
von
Aufnahmen
aus
Überwachungskameras, Chatverläufen und Zeugenaussagen einen Ablauf jener
verhängnisvollen Nacht am Computer zu rekonstruieren. Demnach war Linus
Wetzel irgendwann nach Mitternacht vom Strand verschwunden – allerdings
widersprachen sich die Aussagen seines Freundes dazu. Anfangs erzählte er,
Linus und er hätten sich zu zweit mit drei Mädchen am Strand amüsiert. Der dritte
Freund sei zu dieser Zeit allein in der Disco gewesen. Plötzlich sei Linus dann
aufgestanden und weggegangen. Die Mädchen wurden nie identifiziert und von
der spanischen Polizei befragt, um die Aussage des Freundes zu überprüfen.
Später sprach er von drei jungen Einheimischen, die ihn und Linus plötzlich
angegriffen hätten. Linus sei weggerannt, weshalb er sehr wütend auf ihn
gewesen sei. Tatsächlich schickte er noch in der Nacht an einen anderen Freund
in Deutschland eine Sprachnachricht, in der er die Situation schilderte und sich
über Linus’ Verhalten aufregte: »… wenn ich den finde, fick ich den richtig« und
»Bei Gott … wenn ich den seh’, ich hau’ den tot!«. Er gab an, Linus später in der
Nacht zusammen mit dem Freund, der in der Disco war, gesucht, aber nicht
gefunden zu haben. Gegen 1.30 Uhr will ein Barkeeper Linus Wetzel am Tresen
seiner Bar gesehen haben, die auf dem Weg zu den Klippen liegt. Linus soll um
Hilfe und Alkohol gebeten haben. Auf seinem T-Shirt seien Blutstropfen zu sehen
gewesen, betrunken und desorientiert habe er gewirkt. Der Barkeeper sah ihn
noch in Richtung Steilküste laufen. Was danach geschah, ist unbekannt.
Für die dreidimensionale Ablaufrekonstruktion des Sturzes haben wir den
Obduktionsbericht, die Zeugenaussagen, den Fundort im Meer, aber auch die
Strömungsverhältnisse zugrunde gelegt. Das Ergebnis, dass Linus Wetzel von
nur einer einzigen Stelle aus ins Meer hätte stürzen können, hat mich ratlos
zurückgelassen. Zumal von dieser Stelle ein Unfall noch unwahrscheinlicher ist,
da es dort einen Weg gibt. Und die Stelle liegt nicht in der Richtung, in die der
Barkeeper Linus hat laufen sehen. Ich bitte daher einen befreundeten
Rechtsmediziner, der Experte für die Biomechanik von Verletzungen ist, sich den
Obduktionsbericht genauer anzuschauen. Er wundert sich, dass darin keine
Halswirbelverletzungen vermerkt sind, die eigentlich bei einem Sturz von den
Klippen zu erwarten wären. Am Ende können wir trotz all dieser Ungereimtheiten
und offenen Fragen mit unserer Rekonstruktion und Simulation nicht erklären, wie
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Linus Wetzel starb. Die Unfalltheorie der spanischen Polizei allerdings lässt sich
auch nicht bestätigen. Im Gegenteil, sie erscheint sehr unwahrscheinlich.
Stattdessen zeigen wir, wie notwendig es gewesen wäre und noch immer ist,
weitere Spuren zu suchen und zu sichern. Wichtige Handydaten wie die GPSStandortinformationen wurden nicht ausgewertet, Zeuginnen und Zeugen nicht
vernommen, längst nicht alle Überwachungskameras überprüft. Und nach den
fehlenden Kleidungsstücken suchte die Polizei ebenfalls nicht intensiv genug. Der
Journalist berichtet zwar in einem Fernsehbeitrag über die Ergebnisse unseres
Gutachtens. Doch die spanische Polizei beeindruckt das offenbar nicht. Der Fall
galt für sie bereits als abgeschlossen. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat zwar
ein Verfahren zur Aufklärung der Todesursache eingeleitet, doch das
Amtshilfeersuchen, das sie an die Spanier stellt, zieht sich hin. Ein Jahr, nachdem
der Fernsehbeitrag gesendet wurde, gibt es noch immer keine neuen
Erkenntnisse. Ich fürchte, meine Ergebnisse bleiben folgenlos. Wie genau und
warum Linus Wetzel starb, darauf wird es vermutlich keine Antworten geben.
*
Anders als im Krimi, wo sich alle Ungereimtheiten nach und nach aufklären,
stoßen Ermittlerinnen und Ermittler und auch ich als Forensiker immer wieder auf
Fragen, die wir nicht beantworten können. Das hat verschiedene Gründe; meist
liegt es an der Spurenlage. Im Laufe meiner Arbeit habe ich dabei viel über das
Locard’sche Prinzip gelernt: Jemand betritt einen Ort und hinterlässt automatisch
und immer Spuren. Diese gilt es so vollständig wie möglich zu finden. Doch das
ist nur ein Teil der forensischen Wahrheit. Denn gesucht werden muss nicht nur
nach allen physischen Spuren, sondern vor allem auch nach Mustern, also nach
Informationen, die fehlen, und solchen, die vorhandene Spuren in einem ganz
anderen Licht erscheinen lassen können. Auf die Suche nach diesen
Informationen haben mein Team und ich allerdings nur dann Einfluss, wenn wir
als Berater bei Ermittlungen frühzeitig eingebunden sind. Meist werde ich jedoch
als Sachverständiger beauftragt und bekomme für eine bestimmte Frage die
entsprechenden Informationen und Ermittlungsergebnisse zur Verfügung gestellt.
Manchmal ist das besser so, denn ich gerate nicht in Gefahr, mich von
Ermittlungsergebnissen und Hypothesen beeinflussen zu lassen. Manchmal
erfahre ich als Sachverständiger auch erst im Laufe eines Gerichtsprozesses von
bestimmten Spuren oder Aussagen, die für meine Rekonstruktion wichtig
gewesen wären. Dann muss ich meine Simulationen im laufenden Verfahren und
oft unter Zeitdruck anpassen. Es gibt aber auch jene Fälle, bei denen ich von
Anfang an oder ab einem frühen Zeitpunkt als Berater dabei bin. Dann kann ich
frühzeitig schauen, ob es digitale Werkzeuge und Wege gibt, um Muster in der
Spurenlage und fehlende Spuren zu erkennen. Im Fall von Linus Wetzel wäre
das sicherlich sinnvoll gewesen.
Am Ende aber sind auch digitale Forensik-Methoden – ob sie nun auf
intelligenten Systemen basieren oder nicht – immer nur ein Hilfsmittel, um eine
Tat besser zu verstehen. Sie können die Fallarbeit von Ermittlerinnen und
Ermittlern enorm erleichtern und verbessern. Sie können sie aber nicht ersetzen.
12
*
Name wurde anonymisiert. Der echte Name ist den Autoren bekannt.
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KAPITEL 2
DAS TOTE MÄDCHEN UNTER DER TEUFELSTALBRÜCKE
»Hallo, Herr Labudde, Kriminaldirektor Thomas Mayer* hier von der
Landespolizeidirektion Thüringen. Kann ich mir mal Ihre Arbeit anschauen?« Der
Anruf im Herbst 2016 kommt überraschend. Seit ich vor zwei Jahren das Institut
gegründet habe, ist die Zusammenarbeit mit der Polizei nur schleppend
vorangekommen. Doch in diesem Jahr haben einige Medien über unsere Arbeit
berichtet – vor allem über unsere 3-D-Tatortrekonstruktionen. Mayer ist
Dezernatsleiter im Thüringer Landeskriminalamt und kennt mich von der
Durchsuchung eines Unternehmens im Jahr zuvor, bei der ich als IT-Berater
dabei war. Damals ging es um die Auswertung von Computern. Jetzt will er
wissen, was wir sonst noch so können. Der Brandanschlag auf ein geplantes
Flüchtlingsheim in Rockensußra, einem Ortsteil von Ebeleben in Thüringen, soll
unser Testfall werden. Ein Jahr zuvor hatten Unbekannte die Dachstühle von drei
Wohnblocks angezündet, in denen Asylsuchende untergebracht werden sollten.
Mehrere Bewohner des Ortes werden nun verdächtigt, das Feuer gemeinsam
gelegt zu haben. Mayer bringt uns die Zusammenfassung der Akte nach
Mittweida. Er möchte, dass wir überprüfen, ob die Aussagen verdächtiger
Bewohner, wo sie zum Tatzeitpunkt waren, und was sie von dort aus gesehen
haben, stimmen können. Dafür fahren wir mit ihm, zwei weiteren Kollegen und
einem Brandexperten nach Rockensußra. Mit Drohnen machen wir dort 3-DAufnahmen von den Gebäuden und Straßen, wo die Zeugen gewesen sein
wollen, und erstellen damit später am Computer ein Modell des Ortes. Mit diesem
lässt sich zeigen, dass etliche Aussagen nicht zutreffen können. Ein Mann hätte
durch einen Bauernhof schauen müssen, andernfalls wäre nicht zu sehen
gewesen, was er ausgesagt hat. Ein anderer konnte mit einem Nachbarn nicht
geredet haben, weil dieser viel zu weit entfernt stand. Viele der Aussagen, die
einzeln betrachtet möglich erscheinen, werden durch die Visualisierung
unplausibel oder widerlegt.
Mayer ist überzeugt. Erst jetzt verrät er, worum es ihm eigentlich geht: drei
Kindermorde aus den 90er-Jahren, die nie aufgeklärt werden konnten. Nun, so
scheint es, ist ein vierter hinzugekommen, ein besonders brisanter. Eine
Sonderkommission werde gerade eingerichtet und soll mit allem arbeiten, was an
moderner Technologie zur Verfügung steht. Mayer schaut mich ernst an: »Lassen
sich Ihre Rekonstruktionen auf die Fälle anwenden?« – »Klar«, antworte ich
spontan und schiebe schnell hinterher: »Wenn die Datenlage es hergibt.« Ich bin
aufgeregt. Dies könnte der Durchbruch für meine Methoden werden, für die
digitale Forensik und das Institut. Denn seit ich weiß, worum genau es geht, ist
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mir klar: Das öffentliche Interesse an den Ermittlungen in diesem seit Jahren
ungelösten Fall wird riesig sein.
EIN SENSATIONSFUND MIT RÄTSELHAFTER DNA-SPUR
Am 2. Juli 2016 hat ein Pilzsammler in einem Waldstück bei Rodacherbrunn in
Thüringen Skelettteile von Peggy Knobloch entdeckt – 15 Jahre, nachdem das
neunjährige Mädchen in seiner Heimatstadt Lichtenberg auf dem Heimweg von
der Schule spurlos verschwunden war. Lichtenberg in Oberfranken liegt nur 20
Kilometer von Rodacherbrunn entfernt. Als dann auch noch eine DNA-Spur des
NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Tatort gefunden wird, der Ende der 90erJahre zusammen mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in den rechtsextremen
Untergrund gegangen war, ist die Sensation perfekt. Die drei hatten zwischen
2000 und 2006 neun Menschen aus rassistischen Gründen getötet. Böhnhardt,
der aus Jena stammt, war 2014 schon einmal mit einem Kindermord in
Verbindung gebracht worden: dem an dem neunjährigen Bernd Beckmann. Der
Schüler war 1993 aus Jena spurlos verschwunden und lag wenige Tage später
tot am Ufer der Saale. Böhnhardt war damals als Zeuge befragt worden, ein
damaliger Freund galt als Tatverdächtiger. 2014 beschuldigte dieser nun
Böhnhardt, für die Tat verantwortlich gewesen zu sein. Das ließ sich nicht
erhärten. Doch nun sieht es nach ein paar Zufällen zu viel aus, waren doch in
dem ausgebrannten Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt zusammen mit Uwe
Mundlos 2011 in Eisenach das Leben genommen hat, verkohlte Reste eines
Kinderschuhs, einer Puppe, eines Teddys und einer Wasserpistole gefunden
worden. An dem Schuh und den Spielzeugen befanden sich auch DNA-Spuren
der beiden Männer. Und schließlich hatten Ermittler auf einem Computer, der in
einer vom Terroristen-Trio genutzten Wohnung in Zwickau stand,
Missbrauchsdarstellungen von Kindern entdeckt. Könnte es also sein, dass die
drei (oder einer von ihnen) etwas mit Peggy Knoblochs Tod zu tun hatten und
vielleicht sogar mit dem weiterer Kinder?
In den 90er-Jahren war in der Region nicht nur Bernd Beckmanns Tod
unaufgeklärt geblieben. Auch bei der zehnjährigen Ramona Kraus aus Jena, die
im August 1996 spurlos verschwand und deren Leiche ein Jäger ein halbes Jahr
später in einem Wald bei Treffurt in Hessen fand, wurde nie ein Täter ermittelt.
Dasselbe gilt für die zehnjährige Stephanie Drews aus Weimar, deren lebloser
Körper im August 1991 unter der Teufelstalbrücke an der A 4 tot gefunden wurde.
Politiker fordern nun neue Ermittlungen. Die Landespolizeidirektion Thüringen
beschließt daher, die Fälle wieder aufzunehmen und vor allem: nach
Verbindungen zwischen ihnen zu suchen. Deshalb hat Thomas Mayer mich
kontaktiert. Ich soll mit meinen Methoden die Ermittlungen unterstützen – von
Beginn an. Anfang 2017 kommt heraus, dass die DNA-Spur von Böhnhardt wohl
doch nicht vom Fundort bei Rodacherbrunn stammt – sie befand sich an einem
winzigen Textilstück, das so viele Jahre im Wald nicht überdauert haben konnte.
Angeblich kam der winzige DNA-Fitzel über die Spurensicherung an den Tatort,
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so die offizielle Erklärung, eventuell durch einen Messstab, der auch am Fundort
von Böhnhardts Leiche, dem ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach, benutzt
wurde. Überzeugend ist diese Erklärung nicht. Die Thüringer Behörden schließen
eine solche Übertragung aus, die Reinigungsvorschriften sprächen dagegen.
Auch ich halte eine Verunreinigung bei der Spurensicherung wegen der langen
Zeit zwischen beiden Terminen für extrem unwahrscheinlich. Aufgeklärt wurden
die Hintergründe der DNA-Spur am Fundort von Peggys Leiche bis heute nicht.
Die Soko »Altfälle« soll dennoch starten – und damit auch mein Team und ich.
Unser erstes Treffen findet im Frühjahr 2017 statt. Zu neunt sitzen wir in einem
Besprechungsraum der Soko »Altfälle«, sechs Kripobeamtinnen und -beamte,
zwei meiner wissenschaftlichen Mitarbeiter und ich. In dem alten Polizeigebäude
in Jena ist noch vieles im Umbau, der Besprechungsraum nur spärlich
eingerichtet: ein großer Tisch, an der Wand eine Leinwand, durch die hohen
Fenster des Altbaus scheint die Sonne. Die Stimmung im Büro dagegen ist
unterkühlt. Die Beamten sind skeptisch, das ist deutlich zu spüren. Was wollen
diese Theoretiker bei uns?, fragen sie sich wohl insgeheim. Sie ziehen die
Vorhänge zu und starten eine Präsentation, um uns die Fälle zu erklären. Jeweils
ein Teil der insgesamt 19 Ermittler der Soko soll sich mit einem der drei Morde
beschäftigen. Geleitet wird jede Mord-Einheit von einem Verfahrensführer, eine
weitere Gruppe soll nach Querverbindungen suchen. Die Akten, Hunderte LeitzOrdner gefüllt mit mehreren Zehntausend Seiten, die in einem Dokumentenraum
nebenan stehen, müssen hierfür erst mal digitalisiert werden. Dann sollen
Hinweise der alten Ermittlungen erneut überprüft, noch lebende Zeugen ein
weiteres Mal vernommen werden. Eine Mammutaufgabe hat begonnen, die
Suche nach dem roten Faden. Eine Polizistin projiziert Fotos der drei toten Kinder
und die Bilder der Spurensicherung auf die Leinwand.
So wird das nichts, denke ich nach ein paar Minuten. Die Beamten rattern
runter, was bisher getan wurde und was sie noch tun wollen, geben aber keinen
Einblick in die kriminalistischen Fragen. Wo, frage ich mich, sollen wir da ins Spiel
kommen? Wollen die überhaupt eine Zusammenarbeit? Also wage ich einen
Versuch: »Was weiß man darüber, ob der Fundort jeweils auch der Tatort war?«
Kurzes Schweigen, zögerlich zählt die Beamtin, die gerade präsentiert hat, die
Indizien auf, die etwa im Fall von Bernd Beckmann dafür sprechen. Jetzt muss
ich dranbleiben, den Ermittlern zeigen, wie unsere Computermodelle ihnen helfen
können: »Die Taten sind fünfundzwanzig Jahre her. Die Tat- und oder Fundorte
haben sich seitdem verändert. Wir können Ihnen die Orte, so wie sie in den
Neunzigern aussahen, am Computer wiedererschaffen und in dieses Modell alle
Hinweise aufnehmen, sie auf Zusammenhänge oder Widersprüche hin
abklopfen.« Zumindest sind jetzt alle Augen auf mich gerichtet. Ich fahre fort:
»Dafür brauche ich alle Informationen über die Tat- und Fundorte: Wo genau lag
die Leiche? Wie war die Körperhaltung, wie die Beschaffenheit des Bodens, der
Umgebung? Schien die Sonne an dem Tag oder regnete es?« Jedes noch so
kleine Detail sei wichtig, sage ich. Und dass ich nicht nur alle Ermittlungsdetails
kennen muss, sondern auch die Hypothesen zum möglichen Tatablauf, damit ich
diese anhand der Daten durchspielen und so überprüfen kann. Jemand stellt eine
Frage, dann noch einer. Das Interesse scheint geweckt. Aber als ich wissen will,
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ob wir kompletten Zugang zu den Akten bekommen, heißt es, das müsse erst
noch geprüft werden. Das Eis ist noch nicht ganz gebrochen, aber die
technischen Möglichkeiten scheinen sie zu interessieren.
Im Fall von Bernd Beckmann wird die Eiszeit zwischen den Ermittlern und uns
nie vollends enden. Dabei beschäftigt uns sein Tod in den Wochen nach diesem
ersten Treffen am stärksten. Für seinen Fall erstellen wir das erste
Computermodell des Fundortes am Ufer der Saale, wo wir tagelang mit Drohnen
und Spezialkameras die Gegebenheiten fotografieren und vermessen. Doch die
Ermittlergruppe, die sich schwerpunktmäßig mit Bernd Beckmann beschäftigt,
bindet uns nicht ein und kann mit unserer Arbeit nicht viel anfangen. Mir zeigt
diese Reaktion, dass unsere Methoden nur dann in einem Verfahren hilfreich
sind, wenn es eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit gibt. So wie im
Fall von Stephanie Drews, zu dessen Ermittlergruppe wir ein paar Monate später
stoßen.
EIN TOTES KIND UNTER DER BRÜCKE
Der 24. August 1991 war ein warmer Sommertag, einer der letzten Ferientage in
Weimar. Die zehnjährige Stephanie Drews, ihre beste Freundin Claudia und zwei
jüngere Geschwister von Stephanie waren in den nahe gelegenen Goethepark
(Park an der Ilm) gegangen, um am Ochsenauge zu spielen. Der kleine, von
einem Steinkreis eingerahmte Teich war ein beliebter Spielort für die Kinder.
Ganz in der Nähe entspringen die Läutraquellen, wo in einer kleinen Grotte auf
einem Quader eine Sphinxfigur ruht. Vertieft in ihr Spiel seien sie gewesen, so
erzählte es später Claudia, als sich plötzlich ein Mann zu ihnen gesellte und ein
Gespräch mit ihr und Stephanie begann. Nach einiger Zeit fragte er die beiden
Mädchen, ob sie ihm den Weg zum vier Kilometer entfernten Schloss Belvedere
zeigen könnten. 50 Mark werde er ihnen dafür geben und sie anschließend
zurückbringen. Es dauere auch nur eine halbe Stunde, versprach er, ganz schnell
seien sie zurück. Claudia wollte trotzdem nicht mit, sie fürchtete, zu spät nach
Hause zu kommen an diesem Samstagnachmittag. Stephanie, ein
zurückhaltendes, eher ängstliches Mädchen mit langen braunen Haaren und
einer großen Hornbrille, ließ sich dagegen überreden. 50 Mark waren viel Geld
und ihre Eltern einfache Leute. Sie ging mit dem Mann mit.
Und sie kehrte nicht zurück. Nicht an diesem Tag, nicht an einem anderen.
Eine Suchaktion der Polizei blieb erfolglos. Erst zwei Tage später, am Nachmittag
des 26. August, machten Kinder an einem Hang unterhalb der Teufelstalbrücke
an der A 4, 55 Kilometer von Weimar entfernt, einen grausigen Fund: Zwischen
Sträuchern und Gräsern lag der leblose Körper der vermissten Stephanie Drews.
Das Mädchen lag auf dem Rücken, den Kopf nach rechts gedreht, die Arme wie
erhoben daneben, das linke Bein angewinkelt unter dem rechten. Auf den ersten
Blick sah es aus, als schliefe sie nur. Doch sie war tot, offenbar von der 54 Meter
hohen Teufelstalbrücke gestürzt.
Die Gerichtsmediziner in Jena kamen zum gleichen Schluss: Die
Verletzungen, an denen Stephanie starb, stammten von einem Sturz aus großer
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Höhe. Und sie habe noch gelebt, als sie von der Brücke in die Tiefe fiel. Zudem
deutete einiges auf einen Missbrauch hin. Die Unterhose war ihr auf links
angezogen worden; Textilfasern, die man nicht zuordnen konnte, wurden am
Gesäß und der Unterhose des Kindes gefunden. Sie könnten von einer Decke
stammen, hieß es im Obduktionsbericht. Stephanies Brille, ohne die das
Mädchen wenig sah, fehlte und wurde nirgendwo gefunden. Entweder hatte der
Täter sie ihr abgenommen oder sie ging bereits auf dem Weg zwischen
Goethepark und Teufelstalbrücke verloren. In Stephanies Blut wurden hohe
Mengen Medazepam und Diphenhydramin gefunden, Wirkstoffe, wie sie
Beruhigungs- und Schlafmittel enthalten, sowie Diazepam, ein Abbauprodukt von
Medazepam. Die Konzentration von Medazepam überschritt die zweieinhalb- bis
fünffache Tagesmaximaldosis, die von Diphenhydramin die zwei- bis dreifache.
Das Kind müsse stark sediert, wenn nicht gar bewusstlos gewesen sein,
schrieben die Gerichtsmediziner. Die Ermittler gingen in den darauffolgenden
Jahren mehr als 100 Hinweisen nach. Fast 300 Personen wurden überprüft, doch
nichts brachte sie wirklich weiter.
All das lese ich 26 Jahre später im Juni 2017 in den Akten. Vor wenigen Wochen
ist Kathrin Mende* bei uns gewesen. Die 34-jährige Kriminalhauptkommissarin
führt das Verfahren im Fall Stephanie Drews. Sie ist offen für neue Methoden und
weiß genau, was sie von uns will: eine detailgetreue Rekonstruktion der
Teufelstalbrücke, denn 1999 wurde die ursprüngliche Brücke abgerissen und bis
2002 neu aufgebaut. Mende hat Monate intensiver Aktenauswertung hinter sich,
140 Männer stehen auf ihrer Verdächtigenliste, bei den Vorbestraften hat ihr
Team auch alte Gerichts- und sogar Stasiakten hinzugezogen und digital
ausgewertet. Noch hat sie keinen Hauptverdächtigen. Doch sie weiß, sobald es
ihn gibt, wird sie ihm nachweisen müssen, dass er Stephanie getötet hat. Und
dass es ein Mord war, alles andere wäre verjährt. Mit unserer Rekonstruktion will
sie darum klären: Kann Stephanies Sturz von der Brücke ein Unfall gewesen sein
oder wurde sie gestoßen bzw. geworfen? Und noch eine dritte Hypothese
besprechen wir: Zeugen wollen 1991 ein parkendes Auto auf der Brücke gesehen
haben. Ist Stephanie vielleicht auf der 270 Meter langen Brücke ausgesetzt
worden, am Geländer entlanggelaufen bis zum Anfang der Brücke und hat
versucht, von dort aus hinunter ins Tal zu laufen? Ohne Brille konnte Stephanie
schlecht sehen. Sie könnte also auch gestürzt sein.
Eigentlich spricht der Obduktionsbericht bzw. das toxikologische Gutachten
von 1991 gegen diese Hypothese. Danach hatte Stephanie so viele Beruhigungsbzw. Schlafmittel in ihrem Blut, dass sie vermutlich bewusstlos war. Doch das
untersuchte Blut war ihr damals nur aus dem Herzen entnommen worden und
nicht, wie heute üblich, auch aus der Oberschenkelvene. Letzteres hätte eine
genauere Einschätzung ermöglicht, wie stark die gegebenen Medikamente und
Wirkstoffe sich im ganzen Körper verteilt hatten und damit wirkten. Medazepam
zum Beispiel ist ein Wirkstoff, der im Blut dazu neigt, sich an dem Ort der
höheren Konzentration zu sammeln. Es hätte also auch sein können, dass sich
der Wirkstoff im Herzen konzentriert hatte, sich aber im Rest des Körpers in gar
nicht so hoher Konzentration befand. Das Gutachten der Rechtsmediziner, das
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1991 zu dem Schluss kam, Stephanie sei schwer sediert bis bewusstlos
gewesen, sähe dann vielleicht anders aus. Deshalb hat Kathrin Mende ein neues
toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben, erzählt sie mir. Doch das Ergebnis
liegt noch nicht vor. Ich will mir daher auch die Unfall-Hypothese genauer
anschauen.
Nachdem Kathrin Mende die Aktenfreigabe bei der Staatsanwaltschaft für uns
bekommen hat, können wir daraus zwar viele wichtige Daten sammeln. Doch das
Material, das wir eigentlich brauchen – möglichst viele Fotos und Infos zur Brücke
–, ist eher dürftig. Die Bilder, die ein Beamter der Spurensicherung 1991 gemacht
hat, bieten lediglich Ansatzpunkte: Etwa die Abstände von der
Fahrbahnbegrenzung zum Brückenrand, der ausgemessen wurde, oder der
Abstand zwischen der Stelle, an der Stephanies Körper aufschlug, und der
Brücke: Acht Meter liegen dazwischen. Immerhin wissen wir, dass die
Absturzstelle fast mittig lag, an Brückenpfeiler 47, nach 129 Metern
Brückenverlauf. Auf den Bildern ist zudem das 78 Zentimeter hohe Geländer am
äußersten Brückenrand gut zu erkennen, die Höhe, die Entfernung zu den
Seitenpollern. Doch damit ist die Datenlage auch schon erschöpft.
TATORT TEUFELSTALBRÜCKE
Also fahren meine Mitarbeiter und ich an einem kühlen Sommertag zum
Teufelstal, um einen Eindruck vom Fundort zu bekommen. Vielleicht gibt es ja
doch noch Übereinstimmungen, lassen sich mithilfe von Drohnen 3-D-Aufnahmen
machen, die uns weiterhelfen. Wir parken am Wanderweg unten im Tal und
laufen von dort die paar Meter hoch bis zu dem kleinen Hang, an dem der Körper
des Mädchens aufschlug, etwa 48,5 Meter unterhalb der Brücke. Die genaue
Stelle lässt sich nicht so einfach finden, denn auch der Untergrund wurde beim
Neubau der Brücke verändert, wie wir nun feststellen. Die schweren Pfeiler sind
um einige Meter breiter als die ursprünglichen und stehen auch nicht mehr an der
gleichen Stelle. Beim Verankern der Pfeiler im Boden wurden etliche Kubikmeter
Erde verschoben. Wir vergleichen das, was wir sehen, mit den Tatortfotos,
messen nach, laufen hin und her, bis wir uns schließlich sicher sind: Dies muss
die Stelle sein, an der Stephanie aufschlug. Wir fotografieren sie, dokumentieren
die Vegetation, messen noch einmal die Abstände nach. Dabei wird mir endgültig
klar: So funktioniert das nicht. Nicht nur die Brücke ist eine andere, auch das Tal
hat sich derart verändert, dass eine originalgetreue Rekonstruktion aufgrund
dieser Daten unmöglich ist. Ein neuer Ansatz oder besser: Neue Daten müssen
her.
Lediglich die Hypothese, dass Stephanie versuchte, entlang der Böschung
hinunterzulaufen, erscheint zunehmend unwahrscheinlich. Ohne Brille und mit all
den Medikamenten im Blut wäre es sehr schwer für sie gewesen, überhaupt so
weit zum Anfang der Brücke zu laufen. Dass sie aber dann von dort nach einem
Sturz bis zur Fundstelle am Hang fiel oder rollte, kommt mir, nachdem ich den
Untergrund und die Bodenbeschaffenheit gesehen habe, sehr unwahrscheinlich
vor. So tief wie sie stürzte, wäre sie sicherlich von der Böschung aus nicht
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gefallen, Büsche und Gestrüpp hätten sie gestoppt. Außerdem stand in den
Akten nichts von zerdrückten Sträuchern oder abgeknickten Halmen, die es aber
hätte geben müssen, wenn sie sich tastend den Hang hinunterbewegt hätte.
Auch Fußabdrücke wurden nicht gefunden. Bleiben noch die beiden anderen
Hypothesen: Ein Sturz aus Versehen von der Brücke. Oder sie wurde gestoßen,
vielleicht geworfen. Doch um das in einem Computermodell überprüfen zu
können, brauchen wir detailliertere Daten zur Brücke.
Eine akribische, wochenlange Suche nach alten Fotos und Zeichnungen von
der Teufelstalbrücke beginnt. Meine Kollegen und ich telefonieren mit Museen,
Archiven, der Autobahnmeisterei, mit Lokalzeitungen und Wandervereinen.
Hunderte Bilder kommen so zusammen, doch die meisten sind unbrauchbar oder
unvollständig. Auf einem Video über die Bauarbeiten der neuen Teufelstalbrücke,
das wir vom MDR bekommen, ist zwar zu sehen, wie stark der Untergrund durch
Baggerarbeiten für die Pfosten tatsächlich verändert wurde. Doch auch das reicht
nicht, um die Brücke und den Ort originalgetreu nachzubauen.
Den Durchbruch liefert schließlich ein Mitarbeiter im Weimarer Bauamt. Er ruft
eines Tages an und erzählt, dass er die Original-Baupläne der Teufelstalbrücke
von 1938 gefunden hat. Ein Jubelschrei geht durch unser Labor. Endlich haben
wir die genauen Maße, kennen das verbaute Material, die Statik-Berechnungen.
Um sie am Computer nachzubauen, nutzen wir die Open-Source-Software
Blender, ein 3-D-Grafikprogramm, dessen Quellcode im Internet frei zugänglich
ist, und das beliebig kopiert, genutzt und verändert werden kann. Wir haben die
Software für unseren Zweck angepasst. Die Brücke können wir nun darin 1:1 als
3-D-Modell nachbauen. Wir fühlen uns wie Architekten, die ihrem Werk beim
Entstehen zusehen.
UNFALL ODER MORD?
In unserem Fallbesprechungsraum sieht es längst aus wie bei der Kripo im 120
Kilometer entfernten Jena: Um die Computer und Arbeitsplätze herum stehen
Stellwände, auf denen die wichtigsten Fotos und die Baupläne angepinnt sind.
Pfeile weisen auf Details hin, ausgedruckte Fragen erinnern an zu klärende
Punkte. Viele Stunden verbringen wir in diesem Raum, jede freie Minute, die uns
unsere eigentliche Arbeit an der Uni lässt. Als Nächstes füttern wir das
Brückenmodell mit zusätzlichen Daten. Wir passen es an die Umgebungskarte
an, tragen Rastplätze, Tankstellen ein und lassen die Ergebnisse der
Spurensicherung vom Fundort einfließen, die Ausmessungen von der Fahrbahn,
dem Fundort der Leiche. Auch unsere eigenen Aufnahmen vom Ort und die alten
Fundortbilder werden eingegeben. Am Ende entsteht so am Rechner ein Ort, der
dem vor 26 Jahren so genau wie möglich gleicht. Lediglich das Aussehen des
Tals, die Beschaffenheit und der Bewuchs des Hangs, auf den Stephanie Drews
fiel, lässt sich nicht mehr hundertprozentig rekonstruieren. Es gibt zu wenige
Fotos davon. Und doch, als die Brücke schließlich auf dem Bildschirm erscheint,
sind wir Zeitreisende, die in die Vergangenheit blicken. Für Stephanie Drews
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bauen wir ein Dummy, einen 35 Kilogramm schweren ovalen Körper mit den
physikalischen Eigenschaften des Mädchens: 1,44 Meter groß, 35 Kilo schwer.
Es ist ein unheimlicher Moment, als wir vor dem Computer sitzen und zum ersten
Mal dieses Dummy auf die Brücke stellen, um mit ihm die verbliebenen
Hypothesen durchzuspielen. Wie wäre Stephanie aufgeschlagen und gefunden
worden, wäre sie nach der zweiten Hypothese durch einen Unfall, also aus
Versehen von der Brücke gestürzt? Das Programm lässt das Dummy 30 Mal im
freien Fall von der Brücke stürzen, mal dreht es sich nur einmal, dann drei oder
zwei Mal. Die Art des Sturzes erfolgt mit unterschiedlichen Startbedingungen,
sodass ein arithmetischer Mittelwert des Aufprallareals entsteht: Er liegt bei etwa
vier Metern Abstand zur Brücke. Tatsächlich aber wurde Stephanies Körper acht
Meter von der Brücke entfernt aufgefunden. Die zweite Hypothese kann also
nicht zutreffen. Wir lassen das Dummy nun nicht mehr von allein hinunterfallen,
sondern mithilfe eines Moduls den Computer berechnen, wie hoch die
Anfangsgeschwindigkeit sein muss, um das Dummy zum Auffindeort zu bringen.
2,5 Meter pro Sekunde, lautet die Antwort. Es braucht also eine Beschleunigung,
einen Impuls oben auf der Brücke, um Stephanie so von ihr hinunterfallen zu
lassen, dass sie dort aufprallt, wo der Körper gefunden wurde. Die dritte
Hypothese scheint also bestätigt: Das Mädchen fiel durch einen
beschleunigenden Impuls, einen Stoß oder Wurf, von der Brücke.
Die Ermittler der Soko »Altfälle« haben inzwischen einen operativen
Fallanalytiker (OFA) aus Nordrhein-Westfalen um Hilfe gebeten. Martin Sölle* soll
anhand der Zeugenaussagen und Spuren ein Profil des Täters erstellen und
Muster erkennen, die auf mögliche Szenarien schließen lassen, was zwischen
Stephanies Verschwinden und dem Auffinden ihrer Leiche passiert sein könnte.
Als Sölle Ende August 2017 nach Jena zur Besprechung mit den Kommissaren
kommt, will ich unbedingt dabei sein. Die Auswertungen der Spuren durch die
OFA können auch für unser Modell noch wichtige Informationen liefern. Sölle geht
davon aus, dass der Mann, der die Kinder im Park ansprach, plante, eines der
Mädchen zu missbrauchen, und darum Medikamente mit sich führte. Er wollte
sein Opfer betäuben. Einiges deute darauf hin, dass er ein Serien-Missbraucher
sei, aber kein Serienmörder, sagt Sölle. Auf der Strecke zwischen Weimar und
der Teufelstalbrücke habe er dann gehalten, um Stephanie auf einer Decke zu
missbrauchen. Vermutlich wollte er sie danach einfach zurückbringen. Doch
etwas muss schiefgelaufen sein. Wurde Stephanie schlecht, wurde sie gar
bewusstlos? Glaubte der Täter vielleicht, sie sterbe, weil er ihr zu viele
Medikamente gegeben hatte? Handelte er dann aus Panik? Die auf links
angezogene Unterhose, die fehlende Brille könnten dafür sprechen, sagt Sölle.
Denn das neue toxikologische Gutachten, das inzwischen vorliegt, hat zwar
ergeben, dass Stephanie nicht unbedingt bewusstlos gewesen sein muss, wie die
Rechtsmedizin 1991 angab, doch sei sie so stark sediert gewesen, dass sie in
keinem Fall in der Lage war, allein zu laufen.
Sölle und das neue Gutachten bestätigen also unsere Hypothese, dass
Stephanie nicht zum Anfang der Brücke gelaufen sein kann, wo sie dann beim
Versuch, die Böschung hinunterzulaufen, gestürzt wäre. Für mich bestätigt sich
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damit die letzte Hypothese: Stephanie fiel durch einen beschleunigenden Impuls
von der Brücke. Die Gewissheit trifft uns alle wie ein Schlag. Wer diesen Impuls
auslöste, sie also warf oder stieß, um die vorangegangene Entführung und den
Missbrauch zu vertuschen, hat ein noch lebendes Kind von der Brücke gestürzt.
Unsere Berechnungen und die Auswertung der Fallanalytiker lassen für Kathrin
Mende und ihr Team nur einen Schluss zu: Sie suchen nach einem Mörder.
ENDLICH EINE HEISSE SPUR
Im November 2017 hat das Ermittlerteam schließlich eine heiße Spur: Dringend
tatverdächtig ist ein wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs vorbestrafter Mann,
der bereits im Fall des 1993 in der Saale tot aufgefundenen Bernd Beckmann in
Verdacht geraten war. Schon 1969 und 1979, aber auch später in den 90erJahren hatte er Kinder missbraucht und war dabei stets ähnlich vorgegangen.
Karl-Heinz König* lockte seine Opfer mit der Aussicht auf eine Belohnung in sein
Auto. Und einige stellte er auch mit Medikamenten ruhig. Im Fall von Bernd
Beckmann konnte der Mann 1993 ein Alibi vorweisen. Aber kann er das auch im
Fall der zwei Jahre zuvor ermordeten Stephanie Drews? König arbeitete in den
90er-Jahren als Lkw-Fahrer und stammte aus Weimar. 1982, also noch zu DDRZeiten, war er nach Berlin ausgereist. Nach der Wende besuchte er dann
regelmäßig Verwandte in Weimar. Er kannte die Gegend also gut. 1993 wurde er
in Thüringen zum ersten Mal wieder straffällig, geriet so auch bei den
Ermittlungen zu Bernd Beckmann in den Fokus. Kathrin Mende bittet uns nun,
alle aktenkundigen Straftaten von König mithilfe einer Google-Maps-Karte und
den entsprechenden Daten zu visualisieren. Auf einen Blick wird dabei deutlich,
dass die Teufelstalbrücke ganz zentral in seinem Bewegungsradius lag.
Je mehr die Ermittler der Soko »Altfälle« über den inzwischen 65-jährigen KarlHeinz König erfahren, desto sicherer sind sie sich, dass er der Gesuchte sein
könnte. Im Februar 2018 observieren sie ihn zwei Wochen lang und werten die
Beobachtungen mit einer Verhaltensspezialistin aus, bevor sie schließlich Anfang
März zugreifen. Die Verhaltensspezialistin hat die Beamten auf die Vernehmung
im Landeskriminalamt in Berlin vorbereitet, erklärt ihnen, was für ein Tätertyp
König ist, wie er auf Fragen, auf Anschuldigungen reagieren wird. Im Gespräch
gibt König dann zwar schnell zu, dass er Stephanie 1991 entführte, sie mit
Medikamenten ruhigstellte und missbrauchen wollte. Nur von der Brücke will er
sie nicht gestoßen haben. Es sei ein Unfall gewesen, behauptet er und verstrickt
sich in Widersprüche. Die Ermittler sind – auch durch die Arbeit mit der
Verhaltenspsychologin – darauf vorbereitet. Kathrin Mende hat mich daher
gebeten, ihr die Computersimulationen zu schicken. Sie will Karl-Heinz König
damit konfrontieren. Er schaut sich die Brücke und das herunterfallende Dummy
an. Ihm sei anzusehen gewesen, wie er zwischen Erkennen und
Nichtwahrhabenwollen schwankte, erzählt Mende später. Am Ende gesteht er,
dass er Stephanie von der Brücke stieß, weil er fürchtete, entdeckt zu werden.
Der Fall scheint gelöst.
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Bei einer Pressekonferenz im März 2018 wird der Ermittlungserfolg
verkündet. Im Mai, zwei Monate später, treffen wir uns mit allen an den
Ermittlungen Beteiligten, etwa 30 Personen, in der Sportschule Bad Blankenburg
für eine Nachbesprechung. Was lief gut bei den Ermittlungen, was nicht so gut?
Jeder erzählt noch einmal, was er in seinem Bereich gemacht hat und wie er zu
seinen Ergebnissen gekommen ist. Auch wir präsentieren dort unsere
Computersimulation, lassen das Dummy von der Brücke fallen und erläutern, wie
wir unsere Hypothesen überprüft haben. »Können Sie das Dummy eigentlich
auch so aussehen lassen wie Stephanie?«, will plötzlich der Leiter der Soko
wissen. »Klar«, sage ich. »Nur, was würde das bringen? Die physikalischen
Ergebnisse bleiben ja gleich.« Das weiß der Sokoleiter natürlich. Er erklärt, dass
es wichtig sei, dem Opfer vor Gericht ein Gesicht zu geben. Ich bin skeptisch. Ist
diese Art der Individualisierung für ein Gutachten angemessen, bei dem es um
physikalische Zusammenhänge geht? Ich fürchte, wenn vor Gericht nicht nur ein
Dummy, sondern ein optisch wie Stephanie aussehendes Kind von der Brücke
stürzt, immer und immer wieder, wird das viele Menschen schockieren, für
manche vielleicht auch zu viel sein. Muss man das Schreckliche unbedingt
zeigen? Ist das voyeuristisch, ist es ethisch vertretbar? Ich bin unsicher. Der
Sokoleiter argumentiert, an der Tat gebe es nichts zu beschönigen und dass die
Grausamkeit nicht hinter physikalischen Berechnungen verschwinden dürfe. Ich
verspreche, darüber nachzudenken.
Zurück in Mittweida diskutieren wir weiter, bis meine Mitarbeiter und ich
schließlich zu dem Schluss kommen, dass es berechtigt ist, diese grausame Tat
auch als solche zu zeigen. Mit dem Programm MakeHuman bauen wir also einen
Avatar von Stephanie, ein Kind mit langen braunen Haaren, so groß wie
Stephanie, so schwer wie sie. Es ist der Mittelwert eines zehn Jahre alten
Mädchens. Den passen wir an die Fotos von Stephanie noch etwas mehr an,
geben ihm ein Kleid, das das gleiche bunte Muster jenes Kleides hat, in dem sie
gefunden wurde. Es ist beklemmend, als wir sie zum ersten Mal so von der
Brücke fallen lassen: Wie von unsichtbarer Hand wird das Kind nach vorn
gestoßen, stürzt von der Brücke, überschlägt sich im Fallen, prallt auf dem Hang
auf, die Arme neben dem Kopf, den Kopf nach rechts verdreht, das linke Bein
angewinkelt unter dem rechten. Die Frage, wie realistisch Opfer gezeigt werden
sollten, wird uns auch in Zukunft noch beschäftigen. Es ist eine – auch ethisch –
schwierige Frage.
UND WENN SIE SELBST GESPRUNGEN IST?
Kurz bevor am 15. Oktober 2018 im Landgericht Gera der Prozess beginnt,
widerruft Karl-Heinz König sein Geständnis. Er habe Stephanie an der Brücke
aus dem Auto aussteigen lassen und sei ohne sie weggefahren, sagt er nun. Sie
müsse danach allein von der Brücke gefallen sein. Kathrin Mende überrascht das
nicht, sie hatte es fast erwartet. Sie kennt diese Art von Widerruf, sagt sie mir am
Telefon. Und doch ist es eine heikle Situation für die Ermittler. Ihre gesamte Arbeit
wäre vergebens, wenn sie König vor Gericht nicht nachweisen können, dass er
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Stephanie von der Brücke warf. Alles hängt nun von unserer 3-D-Simulation ab.
Kann diese das Gericht nicht überzeugen, ist König ein freier Mann. Alle anderen
Verbrechen, die Entführung, der Missbrauch, die Betäubung, sind verjährt.
Nur wenige Zuschauer sitzen im Gerichtssaal, als ich dort einige Tage später zum
ersten Mal meine Simulation auf eine Leinwand projiziere. Ich zeige und erkläre,
warum Stephanie nicht durch ein Versehen von der Brücke gefallen sein kann.
Warum es einen Impuls gegeben haben muss, um sie dorthin zu bringen, wo sie
aufprallte. König sitzt apathisch da. Ihm ist nicht anzusehen, was er denkt oder
fühlt. Dann steht sein Verteidiger auf: »Und wenn sie selbst gesprungen ist?
Haben Sie auch diesen Fall berechnet?«, will er wissen. Ich spüre, wie mir heiß
wird, und verneine. Tatsächlich bin ich auf diese Möglichkeit nicht gekommen,
wohl auch weil ich so etwas nach dem Bericht des operativen Fallanalytikers, der
Stephanie als stark sediert beschrieb, nicht für möglich gehalten habe. Ich frage
mich gerade noch, wie wir überhaupt an Daten kommen sollen, wie weit ein
sediertes Kind aus dem Stand heraus springen kann, als der Anwalt schon die
nächste Frage stellt: »Und welche Rolle könnte der Fahrtwind vorbeifahrender
Fahrzeuge gespielt haben? Eines Lkws zum Beispiel?« Er bezieht sich auf eine
Notiz in den Akten: Ein Polizist hatte dort 1991 geschrieben, dass »man schon
sehr wackele«, wenn man am Brückenrand stehe und ein Lkw vorbeifahre. Der
Anwalt fragt: »Könnte Stephanie vom Fahrtwind eines Lkws erfasst worden
sein?«
Mist, denke ich. Warum habe ich daran nicht gedacht? Auch ich hatte die
Notiz des Beamten gesehen, aber als unwichtig abgetan. Doch nichts, so lerne
ich jetzt, ist vor Gericht im Zweifelsfall unwichtig. Diese Hypothese wird schwer
durchzuspielen sein, denn Strömungskanäle zu simulieren ist hochkomplex. Der
Anwalt will zudem wissen, wie sich der Fahrtwind auf Stephanie ausgewirkt hätte,
wenn sie am Brückenrand gesessen hätte. Das Gericht bittet, für all diese Fälle
Simulationen zu berechnen, und bestellt uns zum nächsten Prozesstermin in zwei
Wochen. Das ist eine kurze Frist für zwei so komplexe Berechnungen. Kathrin
Mende ruft an und will wissen, ob wir das schaffen. Ich beruhige sie und
versichere ihr, dass wir es hinbekommen. Ein bisschen beruhige ich auch mich
damit.
Von jetzt an verbringen meine Kollegen und ich jede freie Minute vor unseren
Rechnern. Muss ich in eine Vorlesung, rufe ich meinen Mitarbeitern zu, dass sie
an der Stelle, an der ich gerade bin, weitermachen sollen. Muss einer von ihnen
sein Kind aus der Kita abholen, springe ich ein. Wie in einem Staffellauf hetzen
wir durch diese Tage. Für den Fall, dass Stephanie von sich aus von der Brücke
sprang, eventuell in Panik oder aus Verzweiflung, müssen wir herausfinden, wie
weit ein Kind aus dem Stand heraus springen kann. Nach einigen Tagen werden
wir schließlich beim Schulamt fündig: Es erhebt für alle Klassenstufen die
durchschnittliche Weite des sogenannten Standsprungs, also eines Sprungs mit
beiden Beinen aus dem Stand heraus. Demnach bekommt ein Kind der vierten
Klasse wie Stephanie die Note Vier, wenn es einen Meter weit springt. Es muss
also kein besonders sportliches Kind sein. Schon bei dieser Weite wird bei einem
Absprungwinkel von 45 Grad eine Anfangsgeschwindigkeit von 3,26 Metern pro
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Sekunde erreicht – was sogar zu einem von der Brücke aus gesehen noch weiter
entfernten Aufprallort führt als dem tatsächlichen. Demnach könnte Stephanie
tatsächlich allein gesprungen sein.
Bleibt die zweite Frage: Welche Wirkung hat der Druck und Sog
vorbeifahrender Fahrzeuge? Sie zu beantworten erscheint mir in der Kürze der
Zeit besonders schwierig. Die Berechnung von Strömungs- und Windmechaniken
ist komplex, viele Faktoren spielen eine Rolle. Unter Hochdruck beginnen meine
Kollegen und ich, nach relevanten Daten zu recherchieren. Wir sind schon fast so
weit, aufzugeben, als ich in einer durchgearbeiteten Nacht auf die
Straßenverkehrsordnung der 90er-Jahre stoße. Darin ist ein Mindestabstand von
einem Meter zum Überholen von Personen und Fahrzeugen vorgeschrieben, um
Schäden durch Sog und Druck auszuschließen. Diesem Mindestabstand muss
eine Berechnung zugrunde liegen. Nur welche? Ich finde schließlich eine
amerikanische Studie aus dem Jahr 1977, die als Grundlage für den
Mindestabstand diente. Sie benutzt eine Formel, die anhand der Geschwindigkeit
eines Fahrzeugs und des Drucks, der davon abhängig beim Überholen entsteht,
den Abstand errechnet. Wir wenden sie auf unsere Daten an. Das Ergebnis ist
eindeutig: Um einen derartigen Druck/Sog zu erzeugen, dass ein Kind vom
Brückenrand stürzt, müsste ein Lkw mindestens 200 km/h gefahren sein. Das
aber ist extrem unwahrscheinlich.
ANGST VOR EINER BEGEGNUNG MIT DER MUTTER
Zwei Wochen später stehe ich wieder im Gericht und präsentiere meine
Simulation, diesmal im großen Saal. Die Zuschauerbänke sind an diesem Tag voll
besetzt; ich frage mich, ob auch Stephanies Mutter da ist. Noch einmal gehe ich
alle Hypothesen durch: die Varianten eines möglichen Unfalls, wie Stephanie
einfach nur hinunterfällt, mal am Rand stehend, mal auf der Brücke sitzend, und
jedes Mal zu dicht an der Brücke auf dem Boden aufschlägt. Und erläutere, dass
diese Variante daher ausgeschlossen werden kann. Im nächsten
Animationsvideo ist zu sehen, wie Stephanie eigenständig vom Brückenrand aus
springt und an der markierten Stelle oder sogar darüber hinaus aufschlägt. »Dass
sie selbst gesprungen ist, lässt sich also nicht ausschließen«, erkläre ich,
verweise aber auf den Obduktionsbericht. Mehr kann ich, mehr darf ich dazu
nicht sagen, denn von mir wird nicht erwartet, dass ich die Ergebnisse bewerte –
das ist Aufgabe des Gerichts.
Und schließlich erläutere ich die Lkw-Variante. Ich zeige, wie das Kind am
Brückenrand steht, sitzt, sogar auf dem Geländer steht, und der Lkw jeweils in
verschiedenen Geschwindigkeiten an ihm vorbeifährt. In allen Fällen wird
deutlich, dass der Fahrtwind zu schwach ist, um Stephanie von der Brücke zu
drücken. Zum Schluss präsentiere ich die Simulation, bei der Stephanie von der
Brücke gestoßen wird und so wie beim Standsprung am tatsächlichen Fundort
aufschlägt. Die ganze Zeit denke ich: Was, wenn die Mutter sieht, wie ihr Kind
immer und immer wieder von der Brücke hinunterstürzt? Was für ein Horror wäre
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das für sie? War es vielleicht doch falsch, aus dem Dummy einen Avatar von
Stephanie zu machen?
Das Gericht und der Anwalt stellen nur noch wenige Fragen. Schließlich
werde ich aus dem Zeugenstand entlassen. Als ich zurück zu meinem Platz
gehe, traue ich mich nicht, ins Publikum zu schauen. Doch ich habe das Gefühl,
dass mehrere Personen eine Bewegung in meine Richtung machen. Vielleicht
sind es Journalisten, vielleicht ist aber auch die Mutter darunter. Oder bilde ich
mir das nur ein? Was soll ich ihr bloß sagen, wenn sie mich anspricht? Ich will so
schnell wie möglich aus dem Saal heraus. Meinem Mitarbeiter sage ich daher, er
möge den Laptop einpacken: »Ich gehe schon mal vor.« Ich eile hinaus. Vom
Gutachten des Fallanalytikers bekomme ich nichts mehr mit und erfahre erst
später von Kathrin Mende, dass seine Aussagen unsere Ergebnisse bestätigen.
Vor allem seine Ausführungen zum toxikologischen Gutachten hätten deutlich
gezeigt, dass ein eigenständiger Sprung kaum möglich war angesichts der hohen
Konzentration an Beruhigungsmitteln in Stephanies Blut. Einige Tage später wird
das Urteil gesprochen. Der Richter erklärt, Karl-Heinz König habe Stephanie
vorsätzlich von der Brücke gestürzt, um den Missbrauch und die überhöhte
Medikamentengabe zu vertuschen. Er stützt sich dabei auch auf unsere
Gutachten. Am 30. November 2018 wird König zu lebenslanger Haft wegen
Mordes an Stephanie Drews verurteilt. Für den Mord an den beiden anderen
Kindern, dem neunjährigen Bernd Beckmann und der zehnjährigen Ramona
Kraus, ist König nicht verantwortlich. Ihre Täter werden weiterhin gesucht.
Wenn ich heute mit meinen Studierenden diesen Erfolgsfall im Seminar
behandele, dann erzähle ich auch von meiner Angst, Stephanies Mutter im
Gericht zu begegnen. Davon, dass ich damals mit der Situation überfordert war.
Sie sollen sich bewusst werden, wie emotional belastend die Arbeit für die
Polizei, aber auch als Gutachter sein kann. Wie wichtig es darum ist, auf sich zu
achten und sich gegebenenfalls selbst zu schützen. »Heute«, sage ich ihnen
dann aber auch, »würde ich anders handeln.« Inzwischen habe ich gelernt, mit
solchen Situationen umzugehen. Und ich weiß, dass es nicht nur für die Mutter
womöglich wichtig gewesen wäre, mit mir zu reden, um einen Abschluss zu
finden. Sondern auch für mich.
26
KAPITEL 3
MORD IM PARKHAUS
Schuldig oder nicht schuldig? Fehlt ein Geständnis oder ein glaubwürdiger
Zeuge, dann hängt die Antwort allzu oft von der Spurenlage und ihrer
Interpretation ab. Kaum ein anderer Fall hat mir das so deutlich gezeigt wie jener,
der mich mit Axel Petermann zusammenbrachte. Der Fallanalytiker und
ehemalige Leiter der Ersten Mordkommission des Landeskriminalamts Bremen
beschäftigt sich seit seiner Pensionierung im Auftrag von Angehörigen und
Anwälten mit ungeklärten Todes- und Verbrechensfällen.
Im Frühsommer 2016 ruft Petermann mich an. Wir beide sind kurz zuvor
unabhängig voneinander für einen MDR-Bericht interviewt worden. Das Filmteam
hatte die Idee, uns zusammenzubringen. Petermann ging sofort darauf ein, ich
auch. Denn für Forschung und Lehre bin ich stets auf der Suche nach
spannenden Fällen, an denen sich unsere Methoden weiterentwickeln und
erproben lassen. Einen solchen Fall bearbeitet Petermann gerade: den Mord an
der Unternehmerin Charlotte Böhringer, der 2006 als »Münchner Parkhausmord«
bundesweit Schlagzeilen machte.
Mir sagt der Name zunächst nicht viel. Ich habe lediglich vage Erinnerungen
an Medienberichte von damals. Petermann skizziert mir ein paar Details am
Telefon, erzählt vom ältesten Neffen Böhringers, Benedikt Toth, der für den Mord
verurteilt wurde. Er war als Erbe des Unternehmens vorgesehen, hatte also nach
Ansicht der Ermittler ein Motiv und für die Tatzeit kein Alibi. Das Verfahren vor
dem Landgericht München war ein reiner Indizienprozess. Toths Anwalt will ein
Wiederaufnahmeverfahren beantragen, ein früheres wurde abgelehnt. Dafür
braucht er neue Erkenntnisse. Toths Familie hat Petermann daher mit der
Überprüfung der Ermittlungen von damals beauftragt. Der erfahrene Kriminalist
erzählt mir am Telefon, dass er etliche Indizien noch einmal überprüft und dafür
die Hilfe von Experten braucht. Von mir will er eine 3-D-Tatortrekonstruktion.
Wir verabreden, uns einige Wochen später an dem Parkhaus in München zu
treffen. Dort will Petermann mir weitere Details geben. Mein Team und ich sollen
dann die Wohnung von Charlotte Böhringer digital vermessen. In der
Zwischenzeit lese ich im Internet, was es zu dem Fall gibt. Erst da dämmert mir,
dass der Mord an Charlotte Böhringer eines der spektakulärsten Verbrechen der
vergangenen 20 Jahre ist. Nur wenige andere haben für derart viel Aufsehen
gesorgt, auch weil der Prozess 93 Tage dauerte, und der Neffe stets die Tat
bestritten hat. Während der zwei Jahre dauernden Untersuchungshaft ging er in
den Hungerstreik, und als das Urteil im Sommer 2008 fiel, lagen sich Freunde
von Toth weinend in den Armen, Familienmitglieder und sein Anwalt protestierten
lautstark. Bis heute kämpfen Benedikt Toth und seine Unterstützer gegen das
27
Urteil. 250.000 Euro bietet die Familie inzwischen für Hinweise auf den wahren
Täter.
Im Juli treffen wir also Axel Petermann und eine Kollegin von Toths Anwalt vor
dem Münchner Parkhaus. Ich kannte Petermann zuvor nur von Fotos und
Dokumentationen. In beigefarbenem Trenchcoat, mit Schnauzbart und wirrem
weißen Haar stellte ich ihn mir wie eine Mischung aus Albert Einstein und dem
US-Serienermittler Columbo vor. Das passt tatsächlich. Er ist ein echtes Original,
redet bedächtig mit norddeutscher Färbung und lässt Eindrücke erst einmal auf
sich wirken, bevor er Schlüsse aus ihnen zieht. Schon beim ersten Telefonat
haben wir uns geduzt. Jetzt, da wir uns sehen, sind wir uns gleich sympathisch.
Zusammen gehen wir zur Tankstelle im Parkhaus, wo Benedikt Toths Bruder
Mate arbeitet, und holen von ihm den Schlüssel zur Wohnung. Mit dem Fahrstuhl
fahren wir hoch in den vierten Stock des Parkhauses. Der weiß gestrichene Flur
endet an einer gelben Metalltür mit Sichtfenster, hinter der die Stellflächen eines
Parkdecks zu erkennen sind. Direkt daneben gibt es noch eine weitere, schwere
Metalltür mit einem Türspion. Eine dunkelbraune Gegensprechanlage ist neben
ihr angebracht, aber kein Namensschild. Von außen deutet nichts darauf hin,
dass sich hinter dieser unscheinbaren Tür die ehemalige Wohnung einer
Millionärin verbirgt.
Wir betreten den unteren Flur. Es ist der Ort, an dem Charlotte Böhringer
starb – ein kleiner, vollkommen kahler Raum, der Boden aus Marmor, die Wände
weiß gestrichen. Das kleine goldfarbene Barocktischchen mit einer Replik der
Denkerfigur von Rodin darauf, die fünf Bilder an der rechten Wand, die Brücken,
die zum Zeitpunkt der Tat im Flur lagen, all das, was ich gleich auf Fotos vom
Tatort sehen werde, gibt es darin nicht mehr. Doch in der oberen Ebene der
Wohnung, in die man über eine Treppe vom unteren Flur aus gelangt, sind noch
etliche Möbel unverändert. Während meine Mitarbeiter beginnen, die Räume mit
der 3-D-Kamera zu scannen, setzen Petermann und ich uns an den großen
Esstisch im Salon. Er zeigt mir die Akte und erzählt von dem Fall, der nun schon
zehn Jahre zurückliegt.
DER MORD, DER VERDÄCHTIGE UND EIN LANGER INDIZIENPROZESS
Am 16. Mai 2006, einem Dienstag, hängte ein Angestellter um acht Uhr wie an
jedem Werktagmorgen eine Tüte mit Zeitungen an die gelbe Metalltür der
Wohnung seiner Chefin. Charlotte Böhringer war eine in Münchens High Society
gut vernetzte Frau. Die 59-Jährige, die aus Ungarn stammte, hatte von ihrem
1995 verstorbenen Mann etliche Immobilien und ein florierendes Parkhaus am
Münchner Isartor geerbt. Über diesem wohnte sie in einer 400 Quadratmeter
großen Penthousewohnung. Das vierstöckige Parkhaus mit seinen 210
Stellplätzen, der angeschlossenen Tankstelle mit Shop und Serviceangeboten für
Reifenwechsel und Autowäschen war der wichtigste Teil ihres Unternehmens.
Charlotte Böhringer war kinderlos und wollte ihren beiden Neffen ihr Vermögen
vererben: Benedikt Toth, damals 33, den alle nur Bence nennen, und Mate, 31.
Benedikt sollte als älterer der beiden die Geschäftsführung übernehmen. Beide
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Neffen hatten bereits als Schüler im Parkhaus mitgearbeitet, Mate vor allem an
der Kasse der Tankstelle, Benedikt in der Geschäftsführung. Beide taten dies
auch während ihrer Studienzeit.
An diesem Dienstag schien zunächst alles wie immer zu sein. Benedikt Toth
kam gegen Mittag ins Parkhaus. Von den Angestellten erfuhr er, dass seine Tante
sich noch nicht gemeldet habe. Das war ungewöhnlich. Normalerweise fragte sie
mehrmals am Tag bei ihnen an, ob etwas zu klären sei. Toth rief sie an, doch sie
nahm nicht ab. Also fuhr er hoch zur Wohnung und sah, dass die Zeitungen nicht
mehr an der Tür hingen. Er sei davon ausgegangen, dass sie diese hereingeholt
hätte, sagte er später. Darum habe er sich zu dem Zeitpunkt noch nicht gesorgt,
als die Tante auch auf sein Klingeln nicht reagierte. Er habe gedacht, sie habe
vielleicht spontan etwas unternommen, und fuhr daher erst einmal wieder nach
Hause. Doch auch in den folgenden Stunden reagierte Charlotte Böhringer nicht
auf Anrufe. Mate Toth rief Freundinnen und Freunde der Tante an, doch niemand
wusste, wo sie sein konnte. Zu dem wöchentlichen Stammtisch in einem nahen
Wirtshaus sei sie am Abend zuvor nicht gekommen, erfuhr er. Irgendwann rief er
den stellvertretenden Geschäftsführer an, der an jenem Tag frei hatte. In dessen
Büro lag ein Schlüssel zur Wohnung der Tante. Mate Toth bat ihn, zum Parkhaus
zu kommen und gemeinsam mit seinem Bruder Benedikt in der Wohnung
nachzusehen.
Als beide gegen 19 Uhr die Tür öffneten, lag Charlotte Böhringer am Ende des
Eingangsflurs in einer Blutlache, dort wo die Treppe aus der oberen Etage in den
Flur mündet. Die weißen Wände waren mit Blutspritzern übersät. Toth gab später
an, im ersten Moment habe er gedacht, seine Tante sei die Treppe
hinuntergestürzt. Er kniete sich neben sie und versuchte, ihren Puls zu ertasten.
Doch das Handgelenk war kalt, der Körper starr, Charlotte Böhringer war tot. Die
Obduktion ergab später, dass sie am Abend des 15. Mai zwischen 18.45 und
19.30 Uhr mit mindestens 24 Schlägen auf den Kopf getötet wurde. Die Tatwaffe
musste ein schwerer Gegenstand gewesen sein, ein Hammer oder ein
Kombiwerkzeug. Gefunden wurde diese Waffe nie. Damit hatte der Täter offenbar
immer und immer wieder auf Böhringers Kopf eingeschlagen. In der Forensik
spricht man in so einem Fall von »Übertötung«: Das Opfer ist tödlich verletzt, und
doch lässt der Täter nicht von ihm ab. So ein Verhalten zeugt meist von einer
stark emotional motivierten Tat, von extremer Aggression, von Wut und Hass.
Beobachtet wird es häufig bei Beziehungstaten, wenn lang angestaute Gefühle
sich Bahn brechen, meist im Affekt. Aber auch jugendliche und überforderte Täter
sowie solche, die unter Drogeneinfluss stehen, reagieren oft unkontrolliert
aggressiv.
Die Polizei sicherte Spuren, befragte die Mitarbeiter. Auch die beiden Neffen
sowie Benedikt Toths herbeigeeilte Verlobte mussten angeben, wo sie zur Tatzeit
gewesen waren. Toth sagte, er habe zu Hause ein Bad genommen, weil er eine
Erkältung hatte, während seine Verlobte nachmittags mit einer Freundin
unterwegs und abends auf eine Feier eingeladen gewesen sei. Er besaß also
kein Alibi, anders als sein Bruder, der zur Tatzeit an der Kasse des
Tankstellenshops gesessen hatte. Außerdem hätte er – so die Ermittler – ein
29
Motiv gehabt: Seine Tante und seine Familie sollen nicht gewusst haben, dass er
sein Jurastudium abgebrochen hatte, wie die Ermittler später erfuhren. Dieses
Studium war Böhringers Bedingung dafür, dass er dereinst die Hälfte ihres
Unternehmens erben und es führen sollte. Doch Jura interessierte Benedikt Toth
nicht wirklich. Er träumte davon, Schauspieler zu werden, wechselte
zwischendurch zu Theaterwissenschaften und kehrte schließlich doch wieder
zum Jurastudium zurück. Zum ersten Staatsexamen trat er jedoch nicht an.
Stattdessen arbeitete er mehr und mehr in der Geschäftsleitung des Parkhauses
mit. Trotzdem erzählte er allen, dass er das erste Staatsexamen bestanden habe
und nun dabei sei, das Rechtsreferendariat zu machen. Im Mai 2006, so die
Staatsanwaltschaft, drohte sein Lügengebäude einzustürzen. Da hätte nämlich
das zweite Staatsexamen stattfinden sollen. Die Ermittler fragten sich also: Tötete
Benedikt Toth seine Tante, damit sie ihn nicht wegen seiner Lügengeschichte
enterbte?
Drei Tage, nachdem Benedikt Toth sie tot aufgefunden hatte, wurde er für
eine Befragung zur Polizei gebeten. Stundenlang verhörten ihn die Ermittler. Am
Ende waren sie sich sicher, dass er ein Motiv und die Möglichkeit zur Tat gehabt
hätte. Benedikt Toth kam in Untersuchungshaft. Seine Wohnung wurde
durchsucht. Dort fanden die Ermittler drei der Zeitungen von dem Tag, an dem
Böhringer tot aufgefunden worden war: die gleichen drei Zeitungen –
Abendzeitung, BILD und Süddeutsche Zeitung –, die der Parkhausmitarbeiter am
Morgen an ihre Tür gehängt hatte, zwei davon mit der Ausgabe des Stadtteils, in
der das Parkhaus liegt, nicht aber Toths Wohnung. Die Ermittler schlossen
daraus, dass Toth die Zeitungen von der Tür seiner Tante mitgenommen hatte,
damit es so aussah, als sei sie zu Hause, und ihr Auffinden verzögert würde. Er
dagegen behauptete, die Zeitungen aus dem Tankstellenshop am Morgen mit
nach Hause genommen zu haben, konnte das aber nicht belegen. Immer mehr
Indizien schienen für seine Täterschaft zu sprechen. In seinem Portemonnaie
fanden die Ermittler 2350 Euro, davon drei klein gefaltete 500-Euro-Scheine in
einem hinteren Fach. Viel Geld für jemanden, der kaum mehr als 1000 Euro im
Monat bei seiner Tante verdiente. Sie glaubten, Benedikt Toth habe das Geld
seiner Tante gestohlen. Toth dagegen behauptete, das Geld teilweise von seiner
Tante für ein neues Fahrrad bekommen, teilweise in einem Wettbüro gewonnen
zu haben. Er sagte zudem aus, seiner Tante schon im Spätsommer 2005 den
Abbruch des Jurastudiums gestanden zu haben. Sie sei der einzige Mensch
gewesen, dem er davon erzählt habe. Warum, fragten sich die Ermittler, hätte er
ausgerechnet ihr davon erzählen sollen, die so viel Wert darauf legte, seiner
Familie und seinen Freunden aber nicht?
Die Staatsanwaltschaft klagte ihn schließlich wegen des Mordes an seiner
Tante an. Im Mai 2007 begann vor dem Landgericht München I ein
Indizienprozess gegen Toth. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass
Benedikt Toth und seine Tante sich kurz vor ihrem Tod gestritten hatten und dass
er daher tagelang nicht mehr im Parkhaus gewesen war. Schon vorher habe sie
immer mal wieder gedroht, ihn und seinen Bruder zu enterben. Finanziell sei Toth
vollkommen abhängig von ihr gewesen, sagten Zeugen. Charlotte Böhringer,
auch das kam im Laufe des Prozesses heraus, war eine temperamentvolle Frau,
30
deren Stimmungen schnell wechseln konnten. Zeugen beschrieben sie als
großzügig und liebevoll, aber auch als aufbrausend und streitsüchtig. Benedikt
Toth dagegen sagte, seine Tante sei zwar schnell aufgebracht, aber genauso
schnell auch wieder zu besänftigen gewesen. So habe es ihn auch nicht
überrascht, dass sie ihn am Muttertags-Sonntag, dem 14. Mai, zu sich bestellt
habe. Sie hätten sich ausgesprochen, und sie habe ihn dann gebeten, am
kommenden Dienstag und Freitag im Parkhaus in der Geschäftsstelle
auszuhelfen, da die beiden Geschäftsführer nicht anwesend seien. Einen Tag
später war sie tot.
Doch das Gericht glaubte nicht ihm, sondern folgte der Staatsanwaltschaft
und erklärte Benedikt Toth am 12. August 2008 für schuldig, seine Tante aus
Habgier und niederen Beweggründen erschlagen zu haben. Es verurteilte ihn zu
einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld
fest, weshalb Toth nicht schon nach 15 Jahren aus der Haft entlassen werden
kann, sondern frühestens nach 23 bis 25 Jahren. Laut Urteil soll er gewusst
haben, dass seine Tante am Abend des 15. Mai 2006 zu ihrem wöchentlichen
Stammtisch wollte. Er habe die Tat geplant, wofür auch die Handschuhspuren in
der Wohnung sprachen, und ihr im Hausflur aufgelauert. Als sie die Tür öffnete,
habe er mit einem schweren Gegenstand immer wieder auf ihren Kopf
eingeschlagen, bis sie tot war. Danach sei er in ihr Arbeitszimmer gegangen und
habe nach dem Testament gesucht, weil er sich nicht sicher gewesen sei, ob er
immer noch als Erbe eingesetzt war.
Tatsächlich fanden sich seine DNA-Spuren in Böhringers Arbeitszimmer, auch
am Umschlag des Testaments und ihrem Blazer. Allerdings konnte nicht
festgestellt werden, wie alt diese Spuren waren, ob sie also auch schon vor der
Tat dorthin gelangt sein könnten. Toths Anwalt argumentierte, dass sein Mandant
regelmäßig im Büro seiner Tante arbeitete, die Spuren daher jederzeit an die
Kleidung und Gegenstände gekommen sein könnten. Das Gericht ging außerdem
davon aus, dass Toth vier 500-Euro-Scheine aus der Geldbörse seiner Tante
gestohlen habe; das erkläre den hohen Geldbetrag in seinem Portemonnaie. An
zweien der Scheine wurde vermeintlich Charlotte Böhringers DNA gefunden.
Allerdings sagte im Laufe des Verfahrens eine DNA-Spezialistin aus, es sei nicht
eindeutig festzustellen, ob die Spur von Böhringer stamme. Insgesamt 14 Indizien
nennen die Richter im Urteil, die gegen Benedikt Toth sprächen. Jedes einzelne
reiche allein für sich nicht aus, »um den vollen Beweis dafür zu erbringen«, dass
Toth seine Tante ermordete. Erst in der Gesamtschau legten sie sich »wie ein
Ring« um seine Täterschaft, so die Richter.
Als das Urteil fiel, war Toths Familie, waren seine Freunde entsetzt. Bis heute
beteuert Benedikt Toth seine Unschuld, bis heute glauben Freunde und seine
Familie ihm. Sie werfen dem Gericht und der Staatsanwaltschaft vor, einseitig nur
in eine Richtung ermittelt und von Anfang an nur Benedikt Toth als möglichen
Täter in Betracht gezogen zu haben. Und sie lassen seitdem nichts unversucht,
das Urteil des Landgerichts anzufechten. Doch eine Revision wies der
Bundesgerichtshof 2009 zurück. Auch das Oberlandesgericht lehnte eine
Beschwerde ab. Bis vors Bundesverfassungsgericht zog Toths Anwalt Peter
31
Witting daraufhin, doch das nahm seinen Antrag nicht an. Ein Antrag für ein
Wiederaufnahmeverfahren wurde ebenfalls abgelehnt. Die Familie will das nicht
akzeptieren und strebt daher ein weiteres Wiederaufnahmeverfahren an. Dafür
braucht sie neue Indizien, besser noch Beweise. Sie wendet sich an Journalisten
und bekommt so im Frühjahr 2016 Kontakt zu Axel Petermann. Der beginnt die
Akten zu studieren. Dabei fallen ihm Unstimmigkeiten auf. Ihm kommen Zweifel,
ob tatsächlich so sorgfältig wie behauptet ermittelt wurde und ob der Tatablauf so
gewesen sein kann, wie von der Staatsanwaltschaft und dem Gericht
angenommen.
NEUE ERKENNTNISSE UND VIELE OFFENE FRAGEN
Im Juli 2016 sitzen wir also auf barocken Stühlen an Charlotte Böhringers
großem Esstisch. Von draußen scheint die Sonne durch die Fenster, es ist ein
warmer Sommertag. Ich bin beeindruckt von der Größe der Wohnung, aber auch
von dem neureichen Einrichtungsstil. Abgesehen von einigen Möbeln hat die
Familie die Wohnung im Zustand wie vor zehn Jahren belassen. Schwere dunkle
Brücken liegen auf dem Marmorboden, das große Wohnzimmer wird von einem
offenen Kamin und wuchtigen rosafarbenen Polstermöbeln beherrscht. Die
abgeschrägten Decken sind teilweise mit Holz vertäfelt. In den Bädern gibt es
allerlei Goldverzierungen, an den Wänden Kerzenlüster. Ich frage mich, wie der
Mensch Charlotte Böhringer war, der ganz allein – und vermutlich auch einsam –
in diesen unpersönlich, museal wirkenden Räumen lebte.
Petermann erzählt mir von seinen bisherigen Recherchen. Von den Zweifeln,
die ihm beim Sichten der Akten kamen. Wie er sich die Originalbilder vom Tatort
genau angeschaut und an die Stellen im Flur geklebt hat, wo sie aufgenommen
wurden. Dabei sei ihm aufgefallen, dass in der Nähe der Tür und im vorderen Flur
keine Blutspritzer gefunden wurden. Das Gericht ging aber davon aus, dass
Benedikt Toth seiner Tante an der Tür auflauerte und sie, als sie diese öffnete,
gleich mit einem hammerähnlichen Werkzeug attackierte. Warum also gibt es im
vorderen Flur und an der Tür keine Blutspritzer?, fragt er sich. Gutachter erklärten
das im Prozess damit, dass es bei einem ersten Schlag auf ein unverletztes
Opfer noch nicht zu Spritzspuren komme. Die ersten Blutspuren waren von der
Tür aus gesehen nach etwa zwei Metern an der rechten Wand gefunden worden.
Das Gericht schloss daraus, dass Charlotte Böhringer zurückwich und an dieser
Stelle in einer entweder aufrechten oder gering gebückten Haltung erneut vom
Täter attackiert wurde. Das hält Petermann für unwahrscheinlich. Auch mir
erscheint es wenig plausibel. Denn wenn Böhringer an der Tür den ersten Schlag
abbekam, zurücktaumelte oder geschubst wurde, dann dürfte sie danach kaum
noch aufrecht oder auch nur fast aufrecht gestanden haben, als sie der nächste
Schlag traf. Petermann fragt sich zudem: Wenn der Täter direkt nach dem Mord
in den oberen Teil der Wohnung gegangen ist, um dort im Arbeitszimmer nach
dem Testament zu suchen, wie vom Gericht angenommen, warum wurden dann
keine blutigen Schuhabdrücke auf der Treppe oder auf dem Weg zum
Arbeitszimmer oder im Arbeitszimmer entdeckt? In weniger als zehn Minuten
32
hätte Benedikt Toth die Tat laut Urteil verübt. Um 18.14 Uhr soll seine Tante das
letzte Mal von ihrem Telefon aus versucht haben, den Verwalter ihrer Wohnungen
zu erreichen. Wenn sie zu ihrer Verabredung im Wirtshaus gehen wollte, hätte sie
vermutlich gegen 19 Uhr die Wohnung verlassen, vor deren Eingangstür Benedikt
Toth ihr aufgelauert haben soll. Da er aber um 19.34 Uhr von seiner Wohnung
aus mit der Mutter seiner Verlobten telefonierte, hätte er für die Tat maximal zehn
Minuten Zeit gehabt. Denn mit dem Fahrrad, so hatten die Ermittler errechnet,
hätte er mindestens 20 Minuten von Tür zu Tür gebraucht. Können also die
Blutspuren im unteren Flur so schnell getrocknet sein, dass Toth in der oberen
Wohnung keine Fußabdrücke mehr hinterließ? Auch das soll ich untersuchen.
Je mehr Petermann erzählt, desto komplexer, aber auch spannender finde ich
den Fall. Er bittet mich, in unsere 3-D-Tatortrekonstruktion eine detaillierte
Analyse der Blutspuren im Flur einzufügen, um herauszufinden, wie die Tat nach
diesem Spurenbild tatsächlich verlaufen ist. Außerdem möchte er wissen, wie die
DNA-Spur am unteren Rücken von Charlotte Böhringers Blazer, die von Benedikt
Toth stammen soll, daran gelangt sein kann. Auch diese Spur hatte Toth im
Prozess schwer belastet. Eine »behandschuhte Hand« soll sie am Blazer
hinterlassen haben. Allerdings war die genetische Spur damals nicht vollständig
darstellbar gewesen, weshalb die DNA-Expertin vor Gericht aussagte, sie könnte
auch von einem anderen Verwandten stammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit
sei sie aber Benedikt Toth zuzuordnen, was das Gericht dann auch tat.
BLUTIGE SPUREN UND WAS SIE ERZÄHLEN
Zurück in Mittweida erstellen wir zunächst ein 3-D-Modell des unteren Flurs und
der Treppe. Für die Frage nach dem Tatablauf nehmen wir uns dann eine
intensive Analyse der Blutspritzer im Flur vor. Aus jedem Blutstropfen lässt sich
anhand seiner Form herauslesen, in welchem Winkel und aus welcher Richtung
er auf einen Gegenstand gefallen ist. Dabei wird zwischen passiven und
projizierten Blutspuren unterschieden. Von passiven Blutspuren spricht man,
wenn Blut von einem Körper oder Gegenstand der Schwerkraft folgend einfach
abtropft. Je höher die Fallhöhe, desto größer werden die Tropfen, und es bilden
sich Sekundärspritzer, also kleinere Spritzer, die von dem Haupttropfen
abstrahlen. Projizierte Blutspuren entstehen durch eine Bewegung, etwa einen
Schlag auf den Kopf, oder durch ein blutiges Tatwerkzeug. Beides lässt sich in
einer 3-D-Tatortrekonstruktion mit sogenannten Bewegungstrajektoren darstellen,
also Linien, die die Richtung anzeigen, aus der eine Blutspur stammt. Mithilfe
dieser Linien lässt sich an ihrem Schnittpunkt herausfinden, wo sich die Quelle
des Blutes, also das Opfer, aufhielt. Wir übernehmen dafür die Fotos von den
Blutspritzern im Flur aus den Akten und projizieren sie maßstabsgetreu in unser
3-D-Modell.
Mit dieser Methode können wir zeigen, dass die Tat tatsächlich im hinteren
Teil des Flurs stattgefunden haben muss. Das erste wahrnehmbare Blutmuster
befindet sich zwischen den letzten beiden Bildern, die von der Tür aus gesehen
an der rechten Wand im hinteren Teil des Flurs hängen. An dieser Stelle muss
33
Charlotte Böhringer gestanden haben, also vor dem goldenen Tisch am Ende des
Flurs, als sie der erste Schlag traf. Danach ist sie vermutlich zusammengesackt,
während der Täter weiter auf sie einschlug. Die übrigen Blutspritzer rechts und
links der Wand sind durch das Schleudern der Tatwaffe sowie die dadurch
verursachten Verletzungen entstanden. Außerdem waren bei der Obduktion der
Leiche an beiden Oberarmen Hämatome festgestellt worden, die aussehen, als
habe jemand Charlotte Böhringer festgehalten. Für uns ergibt sich daraus ein
anderer als der vom Gericht angenommene Ablauf: Wenn die ersten Schläge sie
also nicht am Eingang des Flurs, sondern an seinem Ende trafen, dort wo die
Treppe aus der zweiten Etage in den Flur mündet, kamen sie und ihr Mörder
vermutlich die Treppe hinunter, der Täter lief hinter ihr her, packte sie an den
Oberarmen und riss sie herum. Vielleicht hatte es einen Streit gegeben. Erst
dann griff der Täter zu dem Werkzeug, um auf sie einzuschlagen. Allerdings
können auch wir nicht ausschließen, dass der Täter von der Eingangstür
hereinkam, sie in den hinteren Teil des Flurs drängte und dann dort begann, auf
sie einzuschlagen.
WIE KOMMT DIE DNA-SPUR AN DEN BLAZER?
Als Nächstes überprüfen wir die blutigen Spuren, die am unteren Rücken des
Blazers von Böhringer gefunden wurden und die als Abdruck eines Handschutzes
oder Handschuhs gedeutet worden waren. An einer haftete eine DNA-Mischspur,
die eine Gutachterin sowohl Böhringer als auch mit großer Wahrscheinlichkeit
Benedikt Toth zugeordnet hatte. Wir sollen herausfinden, ob diese Spur auch
anders an den Blazer gelangt sein könnte, etwa als Toth seine Tante am Boden
liegend fand und überprüfte, ob sie noch lebte, indem er nach ihrem Puls tastete.
Dafür erstellen wir dreidimensionale Personenmodelle mit der biometrischen
Körpergröße und dem Gewicht von Charlotte Böhringer und Benedikt Toth, um
realistische Bewegungen zu erzeugen. Als Benedikt Toth zusammen mit dem
stellvertretenden Geschäftsführer in Böhringers Wohnung kam, ging er zu seiner
Tante, kniete neben ihr und tastete an einem ihrer Handgelenke nach ihrem Puls.
Auch das Gericht erklärte sich die Blutspur am linken Knie seiner Hose damit,
dass er auf der blutgetränkten Brücke kniete, die unter seiner Tante lag.
Ansonsten gab es auf seiner Hose keine Blutspuren, er berührte also nur mit dem
linken Knie den Boden. Ich schaue mir noch einmal genau die Fotos vom Tatort
an: Charlotte Böhringer liegt darauf lang ausgestreckt bäuchlings am Ende des
Flurs zwischen der untersten Stufe der Treppe und dem kleinen goldfarbenen
Tisch. Ihr Oberkörper verdeckt den linken Oberarm, die linke Hand liegt
ausgestreckt zwischen Wand und dem linken hinteren Tischbein. Der rechte Arm
und die rechte Hand sind angewinkelt auf Kopfhöhe, die Hand ruht in der
Ellenbeuge des linken Arms. Genauso passen wir ihr Modell in das
Computermodell ein. Dann lassen wir Benedikt Toths Computerfigur mehrere
Male neben Böhringer knien und aus verschiedenen Positionen den Puls
nehmen, mal an der rechten, mal an der linken Hand. In beiden Fällen wird klar:
Der Linkshänder Toth musste sehr wohl über den unteren Teil des Blazers
34
greifen, um an die Handgelenke seiner Tante heranzukommen – was das Gericht
für unwahrscheinlich gehalten hatte. Dabei kann er, der nur ein kurzärmeliges
Polo-Shirt trug, natürlich auch Hautschuppen verloren haben. Wir zeigen sogar,
dass er sich sehr wahrscheinlich mit der rechten Hand am Rücken seiner Tante
abstützte, denn sonst hätte er mit nur einem Knie am Boden vermutlich das
Gleichgewicht verloren.
Außerdem können wir nachweisen, dass diese Spur nicht, wie vom Gericht
angenommen, durch Handschuhe entstanden ist. Die Spur war damals so
gedeutet worden, weil auf dem Blazer ein leicht genopptes Muster zu erkennen
war, Noppen, wie sie auch manche Gummihandschuhe haben. Wir werten die
Fotos bildtechnisch aus und jagen Bildverbesserungssoftware darüber. Nun ist
deutlich zu sehen, dass die Abdrücke von den Gewebestrukturen des Blazers
stammen. »Das passt«, sagt Axel Petermann, als ich ihm unsere Ergebnisse
durchgebe. Er sieht seine Hypothese gleich in mehrfacher Hinsicht bestätigt:
dass der erste Schlag Charlotte Böhringer nicht am Eingang des Flurs traf,
sondern am Ende. Und dass die DNA-Spur am Rücken des Blazers nicht von der
Tat stammte, sondern entweder dorthin kam, während Toth ihren Puls ertastete,
oder vielleicht sogar noch früher. Denn Toth hatte regelmäßig Kontakt zu seiner
Tante, und auch an anderen Kleidungsstücken von ihr wurde seine DNA
gefunden. Außerdem hatte Petermann die vermeintlich auf einen
Gummihandschuh hindeutende Blutspur am Rücken des Blazers auch in einem
Textilforschungsinstitut in Thüringen untersuchen lassen. Dort kam man zum
gleichen Ergebnis wie wir: Das, was als Noppen eines Gummihandschuhs
gedeutet wurde, ist eine Rautenstruktur, die entstand, als das Blut in das Gewebe
eindrang.
Auch an anderen Gegenständen sollen Handschuhspuren sichergestellt
worden sein, und zwar immer von den gleichen. Das Gericht ging daher davon
aus, dass der Täter Handschuhe übergezogen hatte, der Mord also geplant war.
Auch auf der Marmorplatte des kleinen Tischs wurden blutige Wischspuren
gefunden, die von Handschuhen stammen sollten. Um diese zu untersuchen,
lassen wir uns die Marmorplatte nach Mittweida schicken. Mit Schweineblut, das
ähnliche physiologische Eigenschaften besitzt wie menschliches Blut, versuchen
wir in Experimenten ein vergleichbares Spurenbild wie auf der Platte zu
erzeugen. Wir probieren verschiedene Varianten und Haushaltshandschuhe
durch. Am Ende können wir keinen eindeutigen Nachweis erbringen, ob die Spur
von Haushaltshandschuhen oder anders verursacht wurde; der Abdruck ist
einfach zu klein.
WIE LANGE TROCKNEN BLUTSPUREN?
Vor Gericht spielte auch Charlotte Böhringers schwarze Handtasche eine Rolle.
Sie lag auf dem Boden vor dem kleinen Flurtisch. Es sah so aus, als sei sie vom
Tisch gefallen und der Inhalt dabei aus der Tasche herausgerutscht oder beim
Durchsuchen ausgeschüttet worden. Das nahm auch das Gericht an. Für
Petermann ergibt das keinen Sinn – zumindest nicht nach dem offiziellen
35
Tatablauf: Wenn Charlotte Böhringer ausgehfertig die Tür öffnete, als sie auf
ihren Mörder traf, dann müsste sie ihre Handtasche, die keinen Schulterriemen
hatte, ja eigentlich in der Hand gehalten haben. Schlug der Täter nun auf sie ein,
hätte sie sich dann nicht reflexartig mit den Händen und der Tasche vor den
Schlägen geschützt? Die Tasche müsste daher eigentlich entsprechende Spuren
aufweisen. Auch ihr Inhalt hätte dann schon viel weiter vorn herausfallen können
oder müssen. Petermann ist überzeugt, dass die Tasche erst nach der Tat auf
dem Boden am rechten Tischbein landete. Mir fällt auf, dass ein paar Dinge hinter
der Tasche und ihrer Öffnung liegen, und ich frage mich, wie diese dorthin
gelangt sind. Mein Team experimentiert mit einer ähnlichen Tasche und lässt sie
immer wieder vom Tisch fallen. Dabei stellen wir fest, dass die Gegenstände
nicht so herausgefallen sein können, dass sie hinter der Tasche landeten. Auch
die Anordnung der übrigen Gegenstände deutet für uns eher darauf hin, dass sie
behutsam entleert beziehungsweise durchsucht wurde und dass die Blutspuren,
die an und in der Tasche festgestellt wurden, erst nach der Tat beim Durchsuchen
daran gelangten. Vielleicht entleerte der Täter die Tasche, um nach Geld zu
suchen?
Petermann bittet mich, die Fotos von der Tasche und ihrem Inhalt zu
untersuchen und mithilfe von Bildverbesserungssoftware herauszufinden, ob sich
unter den Gegenständen auf den Fliesen Blutspuren befinden. Doch zweifelsfrei
lässt sich das nicht feststellen: Zu schlecht ist die Qualität der Bilder und zu
unvollständig. Nur unter einem Mäppchen, das bei der Tasche lag, ist
verschmiertes Blut zu erkennen. Eine weitere Wischspur lässt sich etwa 45
Zentimeter von dem Mäppchen entfernt auf einer Fliese nachweisen. Diese Spur
hat keinen Eingang in die Akten gefunden. Interessant ist auch die Frage, ob an
den am Boden liegenden Gegenständen Blut haftet oder nicht. Zweifelsfrei
festgestellt wurde das nur für ebenjenes Mäppchen, das bei der Tasche lag und
das zudem selbst eine Blutspur trug, sowie für die Tasche. Die übrigen
Gegenstände wiesen keine Spuren auf, doch das kann verschiedene Gründe
haben: Entweder gab es keine Blutspritzer auf den Fliesen, auf denen die
Gegenstände landeten. Oder sie gelangten darauf, als diese schon getrocknet
waren. Doch wie lange brauchen Blutspuren, um zu trocknen? Wie lange, um
Wischspuren zu erzeugen, die so aussehen wie die gefundenen? Diese Fragen
sind entscheidend, auch für die Dauer der Tat. Wie gesagt: Die Richter gingen
davon aus, dass Benedikt Toth den Mord in fünf bis sieben Minuten verüben
konnte und dass er in dieser Zeit auch noch das Büro der Tante durchsuchte,
ohne auf dem Weg dorthin oder im Büro Blutspuren zu hinterlassen.
Petermann bittet mich, diese Fragen unter den Bedingungen der Wohnung zu
untersuchen. Wir experimentieren dazu wieder mit Schweineblut. In einer
Klimakammer probieren wir bei Temperaturen von 16 bis 22 Grad aus, wie lange
einzelne Bluttropfen getrocknet sein müssen, damit Wischspuren entstehen wie
die, die gefunden wurden. Das Ergebnis ist eindeutig: Mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Wischspuren am Boden erst nach
mindestens 15 Minuten entstanden. Denn es sind keine Verwischungen von
frischem Blut, dann wäre der gesamte Tropfen verschmiert. Vielmehr sind es
solche, bei denen der äußere Rand bereits angetrocknet ist und die Verwischung
36
aus der noch nicht getrockneten Mitte herrührt. Für Petermann ist das eine
Bestätigung, dass der Täter sich deutlich länger als fünf bis sieben Minuten am
Tatort aufgehalten haben muss.
WAS DIE VERLETZUNGEN ÜBER DIE TATWAFFE VERRATEN
Als Letztes schauen wir uns die Fotos der Verletzungen am Kopf genauer an.
Petermann hat Charlotte Böhringers Schädel an ein rechtsmedizinisches Institut
geschickt. Die Experten dort sollen untersuchen, ob sich anhand der
Verletzungen sagen lässt, in welcher Reihenfolge sie entstanden und mit
welchem Tatwerkzeug sie verursacht wurden. Schon im Obduktionsbericht waren
schwarze Partikel am Schädelknochen festgestellt worden. Die Spurensicherung
stellte ähnliche Teilchen an der Flurtapete sicher. Eine chemische Untersuchung
ergab damals, dass es sich bei beiden Spuren um den Abrieb eines
einschichtigen schwarzen Lacks handelte, der vermutlich von einem Werkzeug
stammte. Darüber hinaus wurden auch eisenhaltige Kügelchen am Schädel
festgestellt, Partikel, die laut Gutachten bei Schweißarbeiten entstehen. Doch das
von Petermann beauftragte Institut kommt an dieser Stelle nicht weiter. Die
Rechtsmediziner können weder die Reihenfolge der Verletzungen noch das
Tatwerkzeug genauer bestimmen. Sie bestätigen lediglich die ursprünglichen
rechtsmedizinischen Untersuchungen, dass es sich bei dem Tatwerkzeug um ein
Multifunktionswerkzeug gehandelt haben muss, das eine rechteckige, flächige
Seite und auch andere Seiten hatte.
Petermann bittet darum auch mich, mir die Fotos von dem Schädel genauer
anzuschauen. »Gibt es vielleicht digitale Methoden, um ein mögliches Werkzeug
zu identifizieren?«, will er wissen. Am Computer modellieren wir einen
vergleichbaren Kopf, auf den wir anhand der Obduktionsbilder die getreue
Anordnung und das Muster der Verletzungen übertragen. Danach suchen wir
verschiedene Werkzeuge, vor allem Schweißer-Hammer, und schauen uns ihre
Oberflächen genauer an. Wie bei einem Puzzle suchen wir nach einem, dessen
Oberfläche vergleichbare Verletzungsmuster verursachen kann. Tatsächlich
finden wir ein Modell, das wahrscheinlicher als die anderen überprüften
Werkzeuge zu den Verletzungen passt. Allerdings wollen Benedikt Toths Anwälte
diesen Pfad nicht weiterverfolgen – für den Wiederaufnahmeantrag werde die
Spur nicht genug bringen, ist ihre Einschätzung.
Überhaupt nutzen sie etliche der von uns, aber vor allem von Petermann
zusammengetragenen Ergebnisse nicht in ihrem Wiederaufnahmeantrag, den sie
Anfang 2019 beim Landgericht Augsburg einreichen. Stattdessen konzentrieren
sie sich auf die DNA-Spur am Blazer. Ein Experte für Wiederaufnahmeverfahren
hatte zusätzlich einen DNA-Analytiker beauftragt, zu untersuchen, ob diese Spur
tatsächlich so eindeutig Benedikt Toth zuzuordnen sei, wie es damals geschehen
war. Dieser kommt zu dem Schluss, dass sie sehr wohl auch von Toths Mutter
oder Bruder stammen könnte. Zudem habe die damalige Analyse nichts darüber
ausgesagt, woher die DNA stammte, etwa von Blut, Speichel oder Schweiß, und
wann sie entstand. Die Herkunft zu bestimmen gehöre aber zu den »anerkannten
37
Standards« der DNA-Analytik. Die DNA-Spuren, auf die sich das Urteil
maßgeblich stützte, seien nicht richtig bewertet worden, das Verfahren gegen
Benedikt Toth daher wieder aufzunehmen, so der Anwalt. Lediglich meine
Rekonstruktion, die nachweist, dass Toth sehr wohl die DNA-Spur auf dem Blazer
seiner Tante hinterlassen konnte, als er nach ihrem Puls suchte, fließt in den
Antrag mit ein. Mit der Begründung, dass andere Spurengeber wie die Mutter und
der Bruder ein Alibi für die Tatzeit hatten, wird auch dieser Antrag im Mai 2020
abgelehnt. Toths Anwälte legen sofort Widerspruch dagegen ein, doch Ende Juli
2021 wird auch dieser zurückgewiesen. Die Antwort auf eine
Verfassungsbeschwerde steht noch aus, doch sehr wahrscheinlich wird auch
diese nicht zugelassen. So ganz haben Petermann und ich nie verstanden,
warum sich die Anwälte so sehr auf die DNA-Spur fokussiert haben und nicht
stärker mit unseren Ergebnissen zur Tatzeit und dem -ablauf argumentiert haben.
Ob das zu einem anderen Ergebnis geführt hätte, können aber auch wir nicht
sagen.
Als Petermann mir am Telefon von dem gescheiterten Wiederaufnahmeantrag
erzählt, ist seine Enttäuschung unüberhörbar. Mir geht es ähnlich. Allerdings hat
er noch deutlich mehr Zeit und Energie eingesetzt, um auch mit unserer Hilfe
nachzuweisen, dass etliche Annahmen des Gerichts auf nicht eindeutigen und
falsch bewerteten Spuren beruhen. Fehler auf Ermittlerseite sind manchmal
unvermeidbar, so viel habe ich durch meine Arbeit in den vergangenen Jahren
gelernt. Zu viel Druck lastet oft auf ihnen: vonseiten der Angehörigen, der
Öffentlichkeit, der Staatsanwaltschaft. Letztlich sind Ermittler wie Richter auch nur
Menschen, die selbst mit den besten Absichten falsche Schlüsse ziehen.
Dennoch: Am Ende kann auch ich die Frage nach Benedikt Toths Schuld oder
Unschuld nicht beantworten. Auch nicht mit digitalen Methoden. Ich bin froh, dass
ich es nicht muss.
38
KAPITEL 4
KOPFSCHUSS NACH STREIT UM DROGENGELD
Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 2018, ein milder Frühlingsabend, als kurz
nach elf Uhr ein weißer BMW zur Notaufnahme der Uni-Klinik in Leipzig rast. Auf
dem Beifahrersitz liegt bewusstlos Boran Keser*, 28 Jahre alt. Sein Kopf ist
blutüberströmt, in seiner Stirn steckt drei Zentimeter tief eine Pistolenkugel. Nur
durch eine stundenlange Not-OP können Ärzte Kesers Leben retten. Das
Krankenhaus verständigt die Polizei, offensichtlich liegt hier eine Gewalttat vor.
Der Fahrer des BMW, Emre Can*, 30, gibt sich den Beamten gegenüber
ahnungslos: Er und sein kurdischer Kumpel seien mit dem Auto seiner Mutter
einfach so durch die Gegend gefahren, sagt Can. Zwischendurch hätten sie
immer mal wieder Zigarettenpausen eingelegt, zuletzt auf einem Parkplatz im
Süden Leipzigs, wo genau, wisse er nicht mehr. Als sie schon wieder im Auto
saßen, seien plötzlich drei Männer auf das Auto zugekommen. Einer habe sich
vor seine Tür gestellt und ihn am Aussteigen gehindert, ein anderer die
Beifahrertür aufgerissen und versucht, Kesers Gurttasche wegzureißen, die er
über der Schulter trug. In der Tasche seien 1500 Euro gewesen. Als sich Keser
wehrte, habe der Mann auf ihn geschossen. Auch auf Can habe er Schüsse
abgegeben, ihn aber nicht getroffen. Can habe dann Vollgas gegeben und seinen
angeschossenen Freund so schnell wie möglich in die Unik-Klinik gebracht.
In den folgenden Stunden machen sich zwei Ermittler gemeinsam mit Emre
Can auf die Suche nach dem Tatort. Als sie an einem Parkplatz im Leipziger
Stadtteil Lößnig vorbeifahren, erkennt Can diesen wieder. Die Spurensicherung
findet wenig später dort Kesers linken Schuh, einen Ring mit zwei Schlüsseln und
eine Patronenhülse.
Emre Can ist kein Unbekannter für die Polizei. Er ist wegen mehrerer
Drogendelikte vorbestraft, auch aktuell laufen Ermittlungen gegen ihn. Er soll
unter anderem mit Crystal Meth handeln. Die Polizei vermutet daher, dass es sich
bei dem Angriff auf Keser und Can um einen Streit im Drogenmilieu handeln
könnte und bei dem gestohlenen Geld um Drogengeld. Doch wie lief dieser Streit
ab? Weil Cans Telefon wegen der laufenden Verfahren überwacht wird, kommen
die Ermittler schnell auf die Spur von Deniz Erkin*, 27, und Samir Malik*, 25.
Offenbar kannte Can die drei Angreifer und war mit ihnen am Tatabend
verabredet – anders als er und auch Keser ausgesagt hatten, der im
Krankenhaus vernommen worden war. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass
Deniz Erkin die beiden für einen fingierten Drogendeal auf den Parkplatz lockte.
Wollten er und die syrischen Brüder ihnen dort Geld abnehmen, das sie für den
Kauf der Drogen bei sich trugen, ohne Ware dafür zu liefern? Tatsächlich
39
befanden sich in der Gurttasche mindestens 23.000 Euro und nicht, wie Can
angegeben hatte, nur 1500 Euro.
Erkin und die beiden Malik-Brüder werden im August 2018 festgenommen,
ihre Wohnungen durchsucht. Die Polizei findet dabei die Tatwaffe, eine
umgebaute halbautomatische Schreckschusspistole der türkischen Marke Zoraki.
Die Festgenommenen bestreiten alle Vorwürfe und verweigern die Aussage.
Auch bei Emre Can wird eine Razzia durchgeführt. Die Ermittler finden Drogen,
Diebesgut und große Mengen Bargeld. Can verweigert von nun an die Aussage.
Die Gurttasche mit dem gestohlenen Geld bleibt verschwunden.
EIN ÜBERRASCHENDER AUFTRAG
Ich habe von alldem nichts mitbekommen. Einige Monate später, im Januar 2019,
taucht eine mir unbekannte Nummer auf meinem Handy auf. »Hallo, hier
Meidinger* vom Landgericht Leipzig.« Ich kenne die Stimme: Es ist der
Vorsitzende Richter in einem anderen Verfahren, in dem ich schon seit Monaten
als Gutachter aussage. Darin geht es um einen tödlichen Streit unter Rockern.
Ich habe dafür neue Methoden der Bild- und Videoanalyse verwendet. Die
Anwälte in dem Prozess nutzen jede Gelegenheit, diese Methoden und meine
Kompetenz in Zweifel zu ziehen (siehe Kapitel 6). Ich atme daher tief ein, als ich
den Namen des Richters höre. Der schiebt rasch hinterher: »Keine Sorge, es
geht nicht um die Rocker, Herr Professor.«
Er erzählt von dem Mordversuch auf dem Leipziger Parkplatz. Soeben habe
er mit dem Anwalt eines der Angeklagten gesprochen, sagt Meidinger. »Sie
kennen ihn schon.« Es ist Frank Dübel*, jener Anwalt, der den Hauptangeklagten
im Rockerprozess vertritt und mich gerade seit Monaten piesackt. Wenn uns
jemand weiterhelfen kann, habe Dübel ihm gesagt, dann dieser Professor. »Der
macht doch Tatort- und Ablaufrekonstruktionen.« Ich bin überrascht, dass Dübel
mich als Sachverständigen haben will nach all den Attacken, die er vor Gericht
gerade gegen mich fährt. Aber offenbar gehört ein solches Verhalten zur
Jobbeschreibung eines Anwalts.
Richter Meidinger allerdings hat Zweifel. »Ich bin mir nicht sicher, ob sich in
diesem Fall der Tatablauf in einem 3-D-Modell überhaupt rekonstruieren lässt«,
sagt er. Es gebe kaum eindeutige Spuren, und die Aussagen der beiden Opfer
seien teilweise widersprüchlich, die Angeklagten verweigerten ohnehin jede
Aussage. »Wollen Sie es dennoch versuchen?« Ich sage sofort zu. Wohl auch,
weil ich mich geschmeichelt fühle davon, dass ausgerechnet dieser Anwalt ein
Gutachten von mir vorgeschlagen hat. Er brauche es aber schnell, sagt Meidinger
noch, denn der Prozess starte im Februar. Er verspricht mir, alle Informationen
und Ermittlungsergebnisse zu schicken.
Schon am nächsten Tag hält ein Justizfahrzeug an der Hochschule und liefert
fünf Kartons mit Akten. Weil die Zeit knapp ist, stürzen wir uns zunächst auf den
Tatortuntersuchungs- und den Obduktionsbericht sowie die Zeugenaussagen.
Tatsächlich ist die Ausgangslage dürftig. Es gibt nur die beiden Aussagen von
Boran Keser und Emre Can über den Verlauf des Abends, die Blut- und
40
Fingerspuren im und am Auto und das, was auf dem Parkplatz gefunden wurde:
eine Patronenhülse, Kesers linker Schuh sowie ein Anhänger samt Schlüsseln.
Als Erstes telefonieren wir mit den Rechtsmedizinern und Beschussexperten
beim Landeskriminalamt, die beauftragt sind, herauszufinden, wie genau und aus
welcher Entfernung geschossen wurde. Für unsere Simulation sind die
Ergebnisse natürlich wichtig. Deshalb wollen wir dabei sein. Wenige Tage später
fahren einer meiner Mitarbeiter und ich zur Außenstelle des LKA in LeipzigPaunsdorf, wo wir mit einem Schusswaffenexperten und zwei Rechtsmedizinern
verabredet sind. Gemeinsam wollen wir die Beschussexperimente durchführen.
Wir sind etwas zu früh, die Rechtsmediziner sind noch nicht da. Der
Schusswaffenexperte zeigt uns daher in seinem Büro schon mal die Tatwaffe:
Eine halbautomatische Schreckschusspistole mit schon recht abgenutztem
braunen Griff. Die Munition besteht aus 13 veränderten Neun-MillimeterGummigeschosskugeln – Waffe und Munition wurden in der Wohnung eines der
syrischen Brüder, Adil Malik, sichergestellt.
»Nur dreizehn Kugeln?« Ich bin erstaunt. »Das reicht doch niemals für eine
statistisch valide Aussage«, sage ich. Der Schusswaffenexperte erklärt mir, dass
es sich um illegale Munition handele, die durchschlagskräftiger sei und daher
auch tödlich sein könne. Weil diese Art von Munition in Deutschland verboten ist,
konnte er für die Experimente nicht mehr Kugeln besorgen, etwa aus Italien, wo
man sie legal bekomme. Nicht einmal zur Verbrechensaufklärung dürften
Ermittler sie kaufen. Mir wird wieder einmal bewusst, wie groß die Diskrepanz ist
zwischen meiner durch Filme geprägten Vorstellung der Ermittlerwelt, in der
schier alles problemlos besorgt werden kann und möglich ist, und der deutschen
Behördenwirklichkeit. Notwendig wären mehrere Dutzend Patronen für die
Beschussexperimente – doch wir haben gerade mal 13! Einige Schuss Munition
sind zudem bereits vom Bundeskriminalamt (BKA) verbraucht worden. In
Wiesbaden hat das BKA die Möglichkeit, Hochgeschwindigkeitsaufnahmen im
Labor für eine effizientere Schmauchspuranalyse anzufertigen, die uns ebenfalls
zur Verfügung gestellt wird. Für unsere Simulation ist das hilfreich, um den
Radius der Treibgase – also jener Gase, die eine Schmauchspur an der Wunde
hinterlassen – genauer bestimmen zu können. Im Obduktionsbericht waren
solche Schmauchspuren an Kesers Stirn festgestellt worden, allerdings nur sehr
wenige – was zwei Schlüsse zulässt: Entweder wurden beim Reinigen der
Wunde weitere Schmauchspuren weggewischt. Oder es wurde aus einer
Entfernung geschossen, die keine solchen Spuren hinterließ – also aus
mindestens
60
Zentimetern.
Außerdem
zeigen
die
Hochgeschwindigkeitsaufnahmen des BKA auch den Auswurfwinkel der
Patronenhülse, also wohin und wie weit genau die Hülse flog und auf welcher
Seite der Waffe sie landete. Das alles hilft bei der Berechnung des
wahrscheinlichsten Abstands zwischen Täter und Opfer. Die Hülse, so das
Ergebnis, könnte etwa dreieinhalb Meter weit geflogen sein. In einem solchen
Radius rund um ihren Fundort muss sich also der Schütze aufgehalten haben.
41
EXPERIMENTE MIT NUR 13 SCHUSS MUNITION
Inzwischen sind auch die Rechtsmediziner eingetroffen. Sie haben die
Experimente anhand des Obduktionsberichts und der Informationen über die
Waffe und Munition vorgeplant. Wir trinken noch einen Kaffee zusammen und
gehen dann in den Keller. Ich bin zum ersten Mal bei solchen
Beschussexperimenten dabei. Durch eine schwere Stahltür betreten wir einen
Raum, der wie eine riesige Abstellkammer wirkt. Allerlei Gerätschaften stehen
herum, Folien, Kartons, Holzplatten, Tische. Die gelbliche Wand am Ende des
Raums ist übersät mit schwarzen Einschusslöchern, die offenbar von
vorangegangenen Experimenten stammen. Auch ein großes aquariumartiges
Becken gibt es, das mit Wasser gefüllt ist und in das gezielt wird, um bei
bestimmten Experimenten die Geschwindigkeit darin zu bremsen und
anschließend die Patronenhülsen vergleichen zu können. In unserem Fall ist das
nicht notwendig, das Becken bleibt daher abgedeckt. Wir brauchen stattdessen
große gelatineartige Blöcke, vor die mit Schraubstöcken eine Platte aus
Knochenersatzmaterial gespannt wird. Die Platte simuliert den Schädelknochen,
der Gelatineblock das Gewebe dahinter. Am Ende des etwa zehn Meter langen
Raums geht es durch eine weitere schwere Stahltür in einen Nebenraum. In
diesem warten wir mit Ohrschützern, während der Schussexperte die Pistole
abfeuert – die Gefahr, einen Hörschaden zu erleiden oder durch einen
Querschläger verletzt zu werden, ist zu groß, deshalb darf nur er im Raum sein.
Alle Schüsse werden fotografiert und gefilmt. Nach jedem Versuch beraten wir,
wie weiter vorgegangen werden soll. Eine Kugel und einen Schädel aus
Knochenersatzmaterial, die jeweils mit Gelatine gefüllt sind, gibt es auch noch,
doch die sparen wir uns für die letzten beiden Versuche auf. Zunächst wird aus
vier Metern Entfernung geschossen, eine Distanz, die wir eigentlich für zu groß
halten. Doch zu unserer Überraschung durchdringt die Kugel auch aus dieser
Entfernung noch die Knochenplatte. Unsere Annahme, dass aus sehr kurzer
Entfernung auf Keser geschossen wurde, scheint damit nicht so leicht zu
beweisen. Andererseits können vier Meter Entfernung ausgeschlossen werden,
weil eine aus dieser Entfernung abgeschossene Kugel keine Schmauchspuren an
der Knochenplatte hinterlässt. Sie dringt zudem nicht drei Zentimeter tief in den
Gelatineblock ein, also so tief, wie die Kugel in Kesers Kopf saß. Als Nächstes
wird die Pistole auf der Platte aufgesetzt und geschossen, dann aus 20
Zentimeter Entfernung, aus einem Meter, aus 50 Zentimeter, aus zehn.
Schon
nach
den
ersten
Schüssen
merken
wir,
dass
die
Anfangsgeschwindigkeit bei dieser nicht standardisierten Munition extrem variiert.
Jede Patrone hat im Grunde andere Eigenschaften – eine aus 20 Zentimetern
Entfernung abgeschossene Kugel dringt nicht genauso tief in die Gelatinemasse
ein wie eine andere aus der gleichen Entfernung. »Was machen wir denn nun
damit?«, frage ich in die Runde. Uns wird zunehmend bewusst, wie heikel es ist,
nur 13 Schuss Munition zu haben. Für eine statistisch valide Aussage ist das
nicht nur extrem wenig, sondern angesichts dieser Besonderheit der Munition nur
begrenzt aussagefähig. Wir beschließen daher, von einer minimalen, einer
maximalen und der nach dem Obduktionsbericht wahrscheinlichsten Entfernung
42
zwischen Pistolenlauf und Knochen auszugehen. Kesers Aussage, dass die
Pistole auf der Stirn aufgesetzt wurde, kann nicht stimmen, denn das
Verletzungsbild unterscheidet sich zu sehr von dem im Untersuchungsbericht der
Klinik: die Kugel hätte tiefer eindringen und auch innerhalb der Wunde
Schmauchspuren hinterlassen müssen. Es wurde also aus näherer Entfernung
geschossen.
Unsere Hauptaufgabe ist es nun, herauszufinden, ob das, was die Mediziner
an Keser beobachtet haben, nämlich, dass die Kugel drei Zentimeter tief
eingedrungen war, mit diesen Schwankungen der Munition überhaupt erklärbar
ist. Die letzten Schüsse sollen auf die Kugel und den Schädel aus
Knochenersatzmaterial abgefeuert werden – und zwar aus jeweils 20 Zentimeter
Entfernung, weil die Verletzungsmerkmale aus dieser Distanz denen von Keser
am stärksten ähneln. Die Kugel, die wie eine Bowlingkugel aussieht, und auch
der Schädel sind aufklappbar, sodass anschließend gesehen werden kann, wie
tief die Patrone in die Gelatinemasse eindrang. Diese letzten beiden Schüsse
bestätigen die vorherigen Beobachtungen.
Als wir schließlich nach fünf Stunden das LKA verlassen, sind wir nur mäßig
zufrieden mit den Ergebnissen. Für unsere Simulation können wir zwar
ausschließen, dass die Waffe auf Kesers Stirn aufgesetzt wurde, und wir wissen
jetzt, dass auf ihn aus näherer Entfernung geschossen worden sein muss, am
wahrscheinlichsten aus einer Distanz von 20 Zentimetern. Maximal ein Meter
Abstand zwischen Täter und Opfer wäre aber auch noch denkbar. Das ist
weniger präzise, als wir es uns erhofft hatten.
WO LAG DER SCHUH, DIE PATRONENHÜLSE, DER
SCHLÜSSELANHÄNGER?
Als Nächstes suchen wir uns bei Google Maps den Lößniger Parkplatz heraus
und überlegen, wie viele Drohnen und welche Technik wir brauchen, um
ausreichend 3-D-Bilder vom Tatort für unsere Computersimulation zu erstellen.
Eine Drohne scheint in diesem Fall auszureichen, denn der Parkplatz ist nicht
sonderlich groß. Wir verabreden uns mit den Kriminaltechnikern, die am Tatort die
Spuren gesichert hatten, um mit Laserscan und einer Drohne den Tatort genau zu
vermessen. Und wir bestellen bei einem nahe gelegenen Autohaus einen
baugleichen BMW wie jenen, mit dem Emre Can fuhr. Denn das Tatfahrzeug ist
bereits wieder an die Besitzerin, Cans Mutter, ausgehändigt worden.
Am Tag der Tatortbesichtigung stellt sich allerdings heraus, dass wir offenbar
doch etwas sehr hastig die Akten überflogen haben. Als der BMW geliefert wird
und wir von den Kriminaltechnikern wissen wollen, wo er abgestellt werden soll,
schauen die uns nur mit großen Augen an: »Woher sollen wir das denn wissen?
Das Fahrzeug war doch am Krankenhaus und nicht mehr am Tatort, als wir es
übernommen haben.« Den Aufwand mit der Autolieferung hätten wir uns also
sparen können. Unser schöner Plan, alle gefundenen Asservate wie Kesers
linken Schuh, die Patronenhülsen und den Schlüsselring im genauen Abstand,
wie sie zum Auto lagen, am Tatort zu platzieren, geht also nicht auf. Zwar können
43
uns die Kriminaltechniker noch sagen, wo die Gegenstände auf dem Parkplatz
gefunden wurden, aber sie können eben nicht exakt angeben, wo das Auto stand.
Später rufen wir bei BMW an und bitten, dass sie uns das Konstruktionsmodell
des Fahrzeugs digital schicken – eine viel einfachere Variante, als ein
originalgetreues Fahrzeug auf dem Parkplatz photogrammetrisch zu erfassen,
also mit Laserscan rundum zu vermessen, sodass sich daraus ein
originalgetreues 3-D-Modell errechnen und nachbauen lässt. Trotzdem scannen
wir den BMW von innen mit einem Handlaser-Scanner, um später sichergehen zu
können, dass es keine Abweichungen gibt. Im Computermodell legen wir dann
die jeweiligen Daten übereinander. Und natürlich fotografieren wir auch den
Parkplatz mit der 3-D-Kamera aus der Luft von oben.
Mit einem der Kriminaltechniker der Polizeidirektion Leipzig entspannt sich
dabei eine Diskussion über die zeitgemäße Ausstattung von Ersteinschreitern,
also jenen Polizistinnen und Polizisten, die als Erste am Tatort eintreffen.
Natürlich wäre es für eine effiziente Spurensicherung sinnvoll, wenn
Kriminaltechniker gleich bei der ersten Begehung mit 3-D-Kameras und
Laserscannern ausgerüstet wären, sodass Fundstücke wie die Patronenhülse
oder der Schlüssel für unsere Arbeit nicht erst nachträglich wieder an den Tatort
gebracht und dort platziert werden müssten – mit allen Gefahren potenzieller
Ungenauigkeiten. Das, was wir jetzt mit 3-D-Kameras und Laserscannern im
Nachhinein machen, wäre sinnvollerweise besser gleich passiert, als die Polizei
am Tatort eintraf. Und auch die Blutspuren in dem Fahrzeug, das an der Klinik
geparkt wurde, wären besser gleich mit einem Handlasergerät dokumentiert
worden. Dann müssten wir jetzt nicht umständlich händisch die ausgemessenen
Spuren in unser Computermodell einfügen. Viele Landeskriminalämter sind zwar
inzwischen mit entsprechender Technik ausgestattet, aber eben nicht die
Polizeidirektionen. Doch die sind meist als Erste am Tatort.
Der Kriminaltechniker wendet ein, selbst wenn Tatortgruppen mit 3-DKameras und Scannern ausgerüstet wären, müssten sie abwägen, wann diese
zum Einsatz kämen. Sinnvollerweise gleich am Anfang. Doch einen Tatort 3-Dmäßig zu erfassen kostet Zeit, je nach Größe mindestens eine Stunde. »Was
wäre also, wenn das Opfer noch lebt?«, will er wissen. »Natürlich müsste es als
Erstes versorgt werden«, sage ich. »Der Tatort wäre dann wegen der Sanitäter
und Rettungskräfte aber nicht mehr im Originalzustand«, sagt er und zählt
weitere Punkte auf, die je nach Tatort eine Rolle spielen: Öffentliche Plätze
müssen rasch wieder zugänglich gemacht, Wetterbedingungen bedacht,
Fingerabdrücke schnell genommen werden. Ich bin dennoch überzeugt, dass es
machbar und hilfreich wäre, so früh wie möglich Tatorte digital zu erfassen. Am
Ende sind wir uns zumindest einig, dass es viel mehr Austausch zwischen Polizei
und anwendungsbezogener Forschung geben sollte.
DIE ZEUGENAUSSAGEN WIDERSPRECHEN SICH
Zurück an der Hochschule bauen wir mit den Drohnenbildern ein 3-D-Modell vom
Parkplatz, platzieren darin die Asservate an den Stellen, die die Spurensicherung
44
ausgemessen hatte, und nähern uns mit deren Hilfe dem wahrscheinlichsten
Standort des Autos. Doch erst später im Prozess können wir anhand der
Zeugenaussagen diesen noch weiter konkretisieren. Auch den Standort des
Täterautos und der übrigen Fahrzeuge, die sich auf dem Parkplatz befanden,
können wir nur anhand der Zeugenaussagen – unter anderem von einem
Anwohner – ungefähr einfügen. Wir verdunkeln den Tatort, da das Treffen gegen
22.30 Uhr stattfand, bauen die Laternen mit ihren entsprechenden Lichtstärken
ein, nachdem wir uns zuvor beim Straßenbauamt abgesichert haben, dass es an
jenem Tag keine Schäden oder Störungsmeldungen für sie gab. Nur den ganz
genauen Verdunkelungsfaktor für jene Nacht kennen wir nicht, also wie stark die
Bewölkung an diesem Ort genau war. Wir legen daher einen Mittelwert für jene
Maiwoche zugrunde, in der die Tat stattfand. Danach fügen wir mithilfe der
Originalfotos aus dem Fahrzeug die im und am Auto gefundenen Fingerabdrücke
sowie die Blutspuren in unser Modell ein.
Wir erstellen von allen fünf Beteiligten Dummys mithilfe einer Software, die
aus dem konkreten Alter, Gewicht, der Größe und ethnischen Herkunft der Täter
und Opfer eine Art Avatar errechnet, der zwar dicht dran ist am
Originalmenschen, aber bei bestimmten anderen Faktoren, die uns nicht
vorliegen – Knochenstärke, Schulterbreite und Ähnliches –, auf Mittelwerte
zurückgreift. Beim Modellieren des Tatorts und der Simulation des Ablaufs mithilfe
der Dummys werden die widersprüchlichen Aussagen der Opfer besonders
deutlich: Emre Can sagte den Polizeibeamten, die Täter hätten die Beifahrertür
aufgerissen und dann auf Boran Keser geschossen. Dieser behauptete dagegen,
seine Tür habe offen gestanden und seine Beine seien wegen der
Zigarettenpause außerhalb des Fahrzeugs gewesen, als die Täter auf das Auto
zukamen. Die Simulation zeigt, dass beide Varianten so nicht zutreffen können.
Denn hätte Keser tatsächlich im Auto gesessen, als auf ihn geschossen wurde,
dann hätten sich im oberen Autobereich viel mehr Blutspritzer befinden müssen.
Tatsächlich war aber nur an der Sonnenblende ein einziger Rückspritzer
gefunden worden, eine Anheftung, aus der wir schließen, dass der Schuss
erfolgte, als Keser sich zwischen Tür und Holm des Autos befand, also vermutlich
dabei war, ein- oder auszusteigen. Auch Kesers Aussage, dass er im Auto saß,
als auf ihn geschossen wurde, passt nicht so recht zu der Tatsache, dass sein
linker Schuh auf dem Parkplatz gefunden wurde. Wir spielen verschiedene
Varianten durch, und es zeigt sich: Nur wenn Kesers linker Fuß zwischen offener
Tür und Trittbrett baumelte, kann er beim Versuch, den Fuß ins Auto zu ziehen,
am Trittbrett hängen geblieben sein und so den Schuh verloren haben.
NEUN SIMULATIONEN UND VIELE OFFENE FRAGEN
Als wir schließlich für unseren ersten Verhandlungstag am 22. Mai 2019 zum
Gericht fahren – der Prozess läuft seit Februar –, haben wir zwar fünf mögliche
Simulationen dabei, aber auch noch viele offene Fragen. Es erweist sich als
Vorteil, dass wir an diesem ersten Verhandlungstag noch nicht drankommen.
Boran Keser, ein kleiner, schmächtiger Mann, dessen große Narbe auf dem
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Schädel fast von einem Ohr bis zum anderen läuft, wird von den Verteidigern der
Angeklagten befragt. Es zieht sich hin. Obwohl er recht gut Deutsch spricht, hat
er eine Dolmetscherin dabei. Keser ist Kurde, der nach eigenen Angaben in der
Türkei politisch aktiv war und deshalb verfolgt wurde. Drei Jahre habe er dort im
Gefängnis gesessen, erzählt er. Ende 2016 reiste er dann mit gefälschten
Papieren über Frankreich nach Deutschland ein und beantragte Asyl. In einer
Gaststätte lernte er Can kennen, die beiden freundeten sich an. Anfang 2018
plante Can, ein leer stehendes Haus zu sanieren, in das er mit seiner Frau und
seinem Kind einziehen und in dessen Erdgeschoss er eine Gaststätte mit
Spielautomaten eröffnen wollte. Can bot Keser an, in das Geschäft mit
einzusteigen. Auch in die Wohnung könne er mit einziehen. Dafür sollte Keser
das Projekt finanziell unterstützen. Keser ließ sich dafür größere Geldbeträge von
seiner Familie in der Türkei überweisen – etwa 16.000 Euro insgesamt. Can
steuerte etwa 7000 bis 8000 Euro bei und plante offenbar, die Gesamtsumme
von 23.000 Euro mit Drogengeschäften zu verdoppeln. Deshalb nahm er Kontakt
zu Deniz Erkin auf, um über ihn Crystal Meth zu kaufen, wie im weiteren Verlauf
des Prozesses herauskommt. Doch bei dem Deal lief offenbar einiges schief. Am
Ende versuchten die beiden Malik-Brüder, Can und Keser das Geld abzunehmen,
ohne Ware dafür zu liefern.
Als es um die Schüsse auf die beiden geht, darf auch ich Fragen stellen, eine
Gelegenheit, mehr zum Abstand zwischen Täter und Opfer zu erfahren. Ich frage
Keser, ob er zeigen könne, wo genau Adil Malik stand, als dieser auf ihn schoss.
Keser sagt nur, es sei nah gewesen. »Genauer erinnere ich mich nicht.« Ich bitte
ihn, uns auf einem Stuhl sitzend zu zeigen, wie er im Auto saß, als auf ihn
geschossen wurde. Keser setzt sich auf einen Stuhl und demonstriert, wie er bei
geöffneter Fahrzeugtür den linken Fuß noch halb im Auto hatte und den rechten
auf dem Parkplatz. Auf diese Art kann er allerdings den linken Schuh nicht
verloren haben. Also frage ich erneut nach, ob der Fuß vielleicht zwischen offener
Tür und Trittbrett baumelte: die einzige Möglichkeit unserer Simulation zufolge,
wie er beim Versuch, den Fuß ins Auto zu ziehen, am Trittbrett hängen geblieben
sein und so den Schuh verloren haben könnte. »Ich kann mich nicht erinnern«,
antwortet Keser wieder. Sehr ergiebig ist meine Befragung daher nicht. Allerdings
bemerke ich, als er vom Stuhl aufsteht und neben mir steht, dass er kleiner ist als
ich. Die Information, dass Keser 1,70 Meter groß sei, die wir von den
Kriminaltechnikern für unser Dummy im 3-D-Modell bekommen haben, kann also
nicht stimmen. Ich gebe das zu Protokoll, und es wird beschlossen, dass er bei
der nächsten Sitzung gemessen wird. Dabei zeigt sich, dass er tatsächlich nur
1,65 Meter groß ist. Ich passe das Dummy in den Simulationen entsprechend an.
In den darauffolgenden Verhandlungstagen sind wir immer noch nicht dran,
bekommen aber in den Sitzungen Zusatzinformationen, die ich ebenfalls mit in
die Simulationen aufnehme. So sagt der Rechtsmediziner aus, es sei denkbar,
dass Keser die Schusswunde mit der Hand abdecken konnte, sodass keine
Bluttropfen den Erdboden berührten. Damit wäre auch eine Variante denkbar, bei
der Keser nicht im Auto saß, als auf ihn geschossen wurde, sondern sich
außerhalb desselben befand – wo keine Blutspuren gefunden wurden. Wir
erstellen daher zum nächsten Prozesstermin vier zusätzliche Alternativ-Varianten,
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bei denen Can und Keser aus dem Auto aussteigen und vor dem Fahrzeug auf
Keser geschossen wird. Allerdings halten wir es für recht unwahrscheinlich, dass
Keser – auch wenn es theoretisch möglich ist – seine Kopfwunde tatsächlich so
gut abdeckte, dass kein Blut auf den Boden tropfte, zumal aus der Wunde sehr
viel Blut austrat, waren doch der Beifahrersitz, die Armlehnen und die
Zwischenkonsole blutgetränkt.
Immer mehr verwirrende Aussagen und Spuren-Interpretationen kommen in
den nächsten Sitzungstagen zur Sprache: Wie gelangten die Fingerabdrücke von
Adil Malik auf das Dach und die Tür von Cans Auto – und vor allem wann?
Bislang waren wir davon ausgegangen, dass er sich in der Tatnacht daran
abstützte – was dafür sprach, dass Boran Keser im Auto saß und Adil Malik dicht
bei ihm stand. Im Laufe des Prozesses wird aber bekannt, dass Adil Malik sich
schon am Nachmittag des Tattages mit Erkin und Can in einer Werkstatt getroffen
hatte, wo in das Auto von Cans Mutter eine Soundanlage eingebaut wurde.
Bereits dort hätte er sich also am Autodach abstützen und die Fingerabdrücke
hinterlassen können. Can selbst, auch das erfahren wir nun, ist zwar als Zeuge
geladen, aber nicht erschienen. Er soll sich – auch wegen der gegen ihn
laufenden Drogenverfahren – in die Türkei abgesetzt haben.
Erst im Juli bin ich schließlich mit unserem Gutachten dran. Ich präsentiere neun
Szenarien. Vier Alternativen haben wir aufgrund der Erkenntnisse aus dem
Prozess noch zusätzlich angefertigt. Ich erkläre alle Varianten: die, bei denen
Boran Keser in verschiedenen Positionen im Auto saß und Adil Malik jeweils aus
unterschiedlichen Entfernungen schoss. Und schließlich noch die Alternativen,
bei denen Keser am Auto stand. Bei jeder Variante erläutere ich, was aufgrund
der Spurenlage und der Aussagen plausibel und was unplausibel erscheint. Am
Ende sind es zwei Varianten, die uns selbst am plausibelsten erscheinen (was ich
aber vor Gericht so nicht sage, denn ich darf den Richtern nicht die Wertung
abnehmen): jenes Szenario, bei dem die Beifahrertür bereits geöffnet ist, Keser
noch im Auto sitzt, den rechten Fuß aber schon außerhalb des Fahrzeugs hat,
den linken noch im Rahmen. Adil Malik steht an der Beifahrertür und schießt aus
mindestens 20 Zentimetern Entfernung. Die Schusswaffe ist außerhalb des
Fahrzeugs, Kesers Kopf teilweise noch innerhalb, die Tasche hat Adil Malik ihm
bereits entrissen. Auch ein Alternativszenario halte ich für denkbar: Keser steht
draußen unmittelbar vor der geöffneten Beifahrertür, Adil Malik vor ihm, den
ausgestreckten Arm mit der Pistole auf ihn gerichtet, sodass zwischen Pistole
und Kesers Stirn mindestens 20 Zentimeter liegen. Adil Malik schießt auf Keser,
der fällt rückwärts zurück auf den Beifahrersitz, ein Blutstropfen spritzt an die
Sonnenblende, Keser verliert seinen linken Schuh beim Versuch, komplett
einzusteigen.
Es gibt nur wenige Fragen zu unserem Gutachten. Adil Maliks Verteidiger
geht darauf ein, dass einige Spuren wie etwa jene Fingerabdrücke auf dem Dach
ja auch zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sein könnten, etwa in der
Autowerkstatt am Nachmittag. Ich gebe ihm recht, die Möglichkeit besteht. Doch
mehr Fragen und Anmerkungen kommen nicht. Überraschend ist für mich dann
die Reaktion des Richters: »Herr Professor Labudde«, sagt Meidinger, »wenn ich
47
jetzt ketzerisch bin, ist das kein richtiges Gutachten.« Ich bin irritiert und weiß
nicht, was er damit meint. Mit diesen Worten, ohne weitere Erklärung, entlässt er
mich.
DIE MACHT DER SPUREN
Zwei Tage später rufe ich ihn an. Seine Worte lassen mir keine Ruhe, ich will
verstehen, was ihm an meinem Gutachten missfällt. Er erklärt mir, dass ich in den
jeweiligen Szenarien die Spuren und Aussagen nicht in »plausibel« und »nicht
plausibel« hätte einteilen dürfen, dadurch hätte ich sie gewertet. »Aber ich habe
die Szenarien doch nicht gewertet«, wende ich ein. »Doch«, sagt Meidinger, ich
hätte dadurch einzelne Spuren und Aussagen gewichtet. Wir hätten nur erklären
sollen, dass wir bestimmte Spuren einbeziehen und andere nicht, wo es
Widersprüche gibt, welche Spuren und Aussagen zusammenpassen und welche
nicht. Die Methodik als solche, betont Meidinger dann aber noch, halte er für
hilfreich, um sich dem Tathergang zu nähern. In diesem Fall sei die Spurenlage
aber einfach zu dürftig gewesen. Das habe er von Anfang an befürchtet.
Ich denke viel über seine Worte nach und komme schließlich zu dem Schluss,
dass er zum Teil recht hat. Unseren Auftrag, den wahrscheinlichsten Tatablauf zu
rekonstruieren, konnten wir nicht erfüllen. Zu viele Informationen erhielten wir erst
im Laufe des Verfahrens, sie lagen uns beim Erstellen der Simulationen noch
nicht vor. Die Herkunft bestimmter Spuren blieb zudem uneindeutig, etwa die
Fingerabdrücke auf dem Autodach, bei denen nicht klar war, wann sie dorthin
gelangt waren. Sie konnten daher nicht zweifelsfrei in den Tatablauf einbezogen
werden. Andere Punkte widersprachen sich, etwa dass im Auto nur ein
Blutspritzer gefunden wurde, der vermutlich vom unmittelbaren Schuss stammte,
und Kesers Aussage, dass er während der Tat im Auto saß. Wäre das wahr,
hätten sich darin aber deutlich mehr Blutspritzer vom Schuss befinden müssen –
die gefundenen Blutlachen auf dem Sitz und der Konsole sind ganz offensichtlich
erst später entstanden. Lag das nun daran, dass Keser etwas Falsches sagte,
und er nicht im Auto saß, sondern davor stand? Doch hätten dann nicht auch
außerhalb des Autos oder an dessen Außenseite Blutspritzer gefunden werden
müssen? Oder lag es daran, dass nicht alle Spuren gefunden oder gesichert
wurden?
Vielleicht ist der Auslöser mein Gutachten, vielleicht auch nicht: Am nächsten
Verhandlungstag nach der Sommerpause wollen die Tatverdächtigen, die bisher
eisern geschwiegen haben, doch noch aussagen – offenbar auf Anraten ihrer
Verteidiger. Ich bin eher zufällig dabei, weil ich für eine andere Verhandlung am
Gericht bin. Sie bestätigen nun, was auch schon aus den abgehörten Telefonaten
bekannt war: dass sie die Opfer kannten und sich bereits am Nachmittag des
gleichen Tages getroffen hatten. Am Abend seien dann alle zum vereinbarten
Treffpunkt, dem Lößniger Parkplatz, gekommen. Adil und Samir Malik seien
ausgestiegen, zu Cans Auto gegangen, der sei ihnen wenige Schritte
entgegengekommen, während Keser am Auto stehen geblieben sei. Vom
weiteren Verlauf bieten sie nun eine geschickte Variante: Keser habe plötzlich
48
einen blinkenden Gegenstand aus seiner rechten Hosentasche geholt, ein
Messer, sagt Adil Malik. Erst daraufhin habe er seine Pistole gezogen, Keser sei
näher auf ihn zugekommen, er sei zurückgewichen, dann habe sich ein Schuss
gelöst. Die Pistole trage er immer bei sich, seit er infolge einer früheren
Drogenabhängigkeit an Angstzuständen leide, sagt Adil Malik. Dass die
Schreckschusspistole auch tödlich sein könne, habe er nicht gewusst, nicht
einmal, dass die Waffe geladen war. Keser habe das Messer fallen lassen, Can
sich gebückt und es vielleicht aufgehoben und in die Tasche gesteckt. Eine
geschickte Aussage, die sein Bruder und Erkin bestätigen. Sie ist weder zu
belegen noch zu widerlegen. Doch unabhängig davon, ob der Schuss auf Keser
tatsächlich eine Reaktion auf eine vermeintliche Bedrohung durch ein Messer war
oder nicht: Die Brüder Malik geben erstmals ihre Tatbeteiligung zu und
bestätigen, dass Adil Malik auf Boran Keser schoss. Ich bin mir sicher, dass
unsere Simulationen zu dieser Aussage beigetragen haben. Den Ablauf jener
Nacht in einem Video detailgetreu noch mal zu sehen, auch wenn nicht jede
Einzelheit stimmte, hat offenbar gewirkt.
Am 4. Februar 2020 wird das Urteil gesprochen: Der Schütze, Adil Malik, wird
wegen zweifachen Mordversuchs, gefährlicher Körperverletzung, besonders
schweren Raubes sowie unerlaubten Waffenbesitzes zu zwölf Jahren Haft
verurteilt. Sein Bruder, Samir Malik, der den Fahrer Emre Can in Schach hielt,
muss für achteinhalb Jahre wegen Beihilfe zum Mordversuch und schweren
Raubes hinter Gitter. Der dritte Beschuldigte, Deniz Erkin, wird freigesprochen.
Ihm kann nicht nachgewiesen werden, ob er davon wusste, dass die Brüder Emre
Can und Boran Keser ausrauben wollten. Eine Revision wird abgelehnt.
Für mich und meine Herangehensweise an die digitale Forensik ist der Prozess
immens wichtig. Ich hinterfrage, wie Spuren an einem Tatort überhaupt zu
interpretieren sind. Wie wichtig die Beziehungen von Spuren zueinander sind und
wie sich Widersprüche und Aussagen erklären lassen. Monatelang lese ich alles
zum Thema »Spuren«. Erst da wird mir richtig klar, dass eine Spur ihre
Bedeutung in der Forensik komplett verändern kann, wenn eine weitere
hinzukommt. Ein Hämatom an der Schulter kann vom Entreißen einer
Brusttasche zeugen, wie es bei Keser der Fall war. Gibt es aber ein weiteres,
ähnliches Hämatom am Arm, dann deutet das eher auf eine gewaltsame
Auseinandersetzung hin. Es muss nach übergreifenden Mustern gesucht werden,
die einen Tatablauf wahrscheinlicher machen. Entscheidend sind folgende
Fragen: Welche Spuren sind qualitativ gut auswertbar, können aber nicht
zugeordnet werden, weil es keine Vergleichsspuren gibt? Welche können
zugeordnet werden? Und welche Spuren sind überhaupt tatrelevant? Jeder Tatort
ist ein »öffentlicher« Ort. Selbst wenn er noch so privat ist, haben zu
verschiedenen Zeiten Menschen Zugang zu ihm gehabt und damit Spuren
hinterlassen – Fingerabdrücke, Hautschuppen, Haare, Speichel-DNA an einem
Zigarettenstummel. Aber an einem Ort wie zum Beispiel dem Lößniger Parkplatz
kann man nicht alles sichern, was da ist. Das wirft die Frage auf, wie
Spurensicherung überhaupt erfolgt. Wird intensiv genug gesucht? Werden Muster
rechtzeitig erkannt, um an Stellen nach weiteren Spuren zu suchen, die nicht
49
unmittelbar offensichtlich sind? Auch eine gefundene und gesicherte Spur muss
hinterfragt werden: Ist es wirklich eine Einzelspur, wie etwa der Blutspritzer an der
Blende über dem Beifahrersitz, oder wurde nur nicht genau genug gesucht, ob es
noch woanders ähnliche Spuren gab?
Das Schwierige an diesem Fall war, dass es nur wenige Spuren gab, die
eindeutig zugeordnet werden konnten. Und dass sowohl Täter als auch Opfer
offensichtlich nicht die volle Wahrheit sagten. In anderen Fällen konnten wir die
Widersprüche in den Aussagen durch unser 3-D-Modell und die
Ablaufsimulationen entlarven. In diesem Fall ging das nur teilweise, weil die
Spurenlage zu dürftig war. Es gab keinen Anker, nichts, was als absolut gesichert
angenommen werden konnte – außer, dass Boran Keser eine Kugel im Kopf
hatte. Fehlendes Wissen kann man nicht mit Simulationen wettmachen. Wir
können überprüfen, ob Aussagen zur Spurenlage passen, Spuren in
Simulationen einordnen und dadurch erkennen, ob welche fehlen. Aber wie lässt
sich nachweisen, dass Spuren wirklich nicht da waren oder eventuell nur nicht
gesichert oder gar aus Versehen beseitigt wurden oder durch andere Gründe wie
Witterung verschwanden?
Und: Auch wenn es eine Spur gibt, ist sie nicht immer lesbar. Manchmal kann
das auch daran liegen, dass wir noch nicht über entsprechende
Auswertungsverfahren verfügen. Denken wir zum Beispiel an DNA-Analysen, die
vor 30 Jahren noch nicht möglich waren. Heute gehören sie zum Standard,
weswegen viele Altfälle neu aufgerollt werden können. Das verschiebt dann die
Gewichte im ewigen Wettlauf zwischen Kriminellen und Ermittlern, der längst ein
technologischer ist.
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KAPITEL 5
DER TOTE SOLDAT UND DIE RÄTSEL DER
VERGANGENHEIT
Ungewöhnlich ist die Anfrage, die mich im Sommer 2018 über das LKA
Thüringen erreicht. Eine Regisseurin suche jemanden, der ihr bei der
forensischen Auswertung eines historischen Fotos helfe, sagt mir ein Beamter am
Telefon. »Was heißt historisch?«, frage ich. »Ende des Zweiten Weltkriegs«,
entgegnet der Mann. Weil es sich um keinen aktuellen Fall handele, hätten sie
selbst keine Zeit, um in der Sache zu recherchieren. Auf dem Foto sei ein
erschossener Soldat zu sehen. Viel mehr könne er mir dazu nicht sagen. Ob sie
meinen Kontakt an die Regisseurin weitergeben dürften, fragt er.
Ich zögere, denn ich bin zu dem Zeitpunkt nicht sonderlich scharf auf den Fall.
Er bedeutet zusätzliche, unbezahlte Arbeit. Die Ermittlungen zum toten Mädchen
unter der Teufelstalbrücke laufen gerade auf Hochtouren, neue Fälle sind
hinzugekommen. Mein Team und ich sind damit vollauf beschäftigt. Der
Hochschulbetrieb fordert mich außerdem. Trotzdem willige ich ein. Ein Gespräch
kann ich ja mal führen, denke ich und telefoniere wenig später mit Christa
Pfafferott, einer freischaffenden Autorin und Filmemacherin aus Hamburg. Sie
erzählt mir von dem US-Gefreiten Robert Vardy Wynne, von einem Dorf in
Thüringen, von Zeitzeuginnen und -zeugen und von vielen Fragen, auf die sie
Antworten sucht.
REISE IN DIE VERGANGENHEIT
Es waren die letzten Tage des Krieges, als Anfang April 1945 die 6.
Panzerdivision der 3. US-Armee fast ohne Gegenwehr Richtung Ostdeutschland
vorrückte. Zuvor hatte sie in der Bretagne gekämpft und war an der Abwehr der
Ardennen-Offensive beteiligt. Aufseiten der Wehrmacht leisteten ihnen nur noch
Reste der 7. Armee in Thüringen Widerstand. Einen Ort nach dem anderen
nahmen die US-Soldaten ein. Am 4. April, einem Mittwoch, zogen sie durch das
kleine thüringische Dorf Oberdorla bei Mühlhausen. Hinter den Panzern liefen
Infanteristen, sicherten Straße für Straße. Plötzlich fiel ein Schuss. Der Gefreite
Robert Vardy Wynne aus Texas, 19 Jahre alt, stürzte zu Boden. Eine Kugel,
abgefeuert aus dem Hinterhalt, hatte ihn getroffen. Kurz darauf entstand ein
ikonisches Foto: Wynne, wie er gekrümmt in der gepflasterten Wasserrinne der
matschigen Dorfstraße liegt. Der Fotograf stand offenbar hinter einem
Leiterwagen, dessen Deichsel weit in das Bild hineinragt. Der tote Wynne liegt
hinter diesem Wagen. Zwei seiner Kameraden stehen wenige Meter von ihm
51
entfernt an einer Hauswand, die Waffen in der Hand. Es sieht so aus, als suchten
sie dort Deckung. Über ihren Köpfen ist ein Straßenschild gut zu erkennen,
»Sperlingsberg« steht darauf, der Name der Straße, in der Wynne genau an der
Stelle liegt, wo sie auf eine andere stößt, die Heyeröder Straße. Über diese rennt
ein weiterer Soldat in Richtung eines US-Panzers, der gerade die Heyeröder
Straße hinunterrollt. Viele amerikanische Zeitungen druckten das Foto auf ihrer
Titelseite. Es wurde zu einem Symbol des Siegs über Deutschland.
Pfafferott erzählt mir, wie sie eine kolorierte Version dieses Fotos mehr als 72
Jahre später bei Twitter entdeckte: Jemand hatte es neben ein anderes Bild
gestellt. Dieselbe Straßenecke, dieselbe Perspektive, aber nicht in Schwarz-Weiß
damals, sondern in Farbe heute. Die Ecke, das zeigen beide Fotos, hat sich
kaum verändert. Die Straße ist inzwischen geteert, einige Häuserfassaden sind
renoviert, aber es sind dieselben Häuser. Das neue Straßenschild
»Sperlingsberg« hängt an ähnlicher Stelle. Der lange zurückliegende Krieg rückt
beim Betrachten der Fotos plötzlich ganz nah. Die Vergangenheit wird in der
Gegenwart erahnbar. Die beiden Bilder gingen 2017 in den sozialen Netzwerken
viral, sie wurden vielfach, nicht nur in Deutschland, geteilt.4
Die Ecke ließ Christa Pfafferott nicht mehr los. Anfang 2018 fuhr sie nach
Oberdorla – aus Neugierde und einer bestimmten Ahnung heraus. Sie besuchte
52
das Heimatmuseum und entdeckte Archivmaterial, das Filmaufnahmen von den
Amerikanern 1945 in Oberdorla zeigt. Im Sommer fuhr sie erneut, diesmal
zusammen mit einer Kollegin und mit einer Kamera im Gepäck. Sie lernte einen
Mann kennen, der sich für die Ortsgeschichte interessiert und ihr die Stelle
zeigte, von der aus der Schütze Zeitzeugen zufolge geschossen haben soll. In
dem Moment, als Pfafferott dort filmte, lief eine ältere Dame die Straße hinunter
und ihr buchstäblich ins Kamerabild hinein. »Erinnern Sie sich auch noch an den
toten Soldaten?«, fragte Pfafferott die Frau.
»Ja. Natürlich. Ich hab den Soldaten ja sogar gesehen.«
»Sie haben den Soldaten gesehen?«
»Ja.« Die Kamera ging näher an die Frau heran. »Ich war erst fünf Jahre alt
…« Martha Lange*, 79 Jahre alt, wohnt heute nur zwei Häuser von der
Straßenecke entfernt.
Es war der Moment, in dem die Geschichte der Ecke für Pfafferott neu
begann. Sie wusste, sie würde einen Film über die Ecke und das bekannte Foto
drehen. Diesen Film produzierte sie später unter dem Titel Die Ecke unter
anderem zusammen mit dem MDR und arte.5 Bei ihren weiteren Recherchen
entdeckte sie in der Universitätsbibliothek Jena in einem historischen Band über
den Einmarsch der Amerikaner in Thüringen ein weiteres Foto von dem toten
Soldaten, aufgenommen aus anderer Perspektive. Sie begann, Aussagen von
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu sammeln, aus Tagebucheinträgen, aber auch
von noch lebenden Dorfbewohnern. Teilweise widersprachen sie sich. Ein damals
13-Jähriger etwa schrieb, der Schuss sei von einem Mast am unteren Ende der
Straße Sperlingsberg gekommen. Das sagte auch Martha Lange. Sie habe selbst
gesehen, dass der Soldat in die Stirn getroffen worden sei, als sie damals mit
ihrer Mutter vor der Leiche stand. Jemand anderer meinte, es sei ein Schuss in
den Rücken gewesen. Der Schütze sei anschließend in Richtung Anger gelaufen
und angeblich kurz darauf ebenfalls erschossen worden. Der tote US-Soldat, das
wurde Pfafferott allmählich klar, war in all den Jahren ein Teil der Dorfgeschichte
geworden. Und wie das mit mündlich Überliefertem häufig ist, existierten
verschiedene Wahrheiten.
DAS DORF, EIN TATORT
Pfafferott kam der Gedanke, dass diese Bilder ja einen Tatort zeigen. Darum
fragte sie beim Landeskriminalamt Thüringen an, ob Ermittler helfen könnten,
Antworten auf ihre Fragen zu finden: Von wo wurde tatsächlich geschossen? Was
genau ging dem Moment der Aufnahme voraus? Wer war der Täter? Lässt sich
das Foto forensisch auswerten?
Bei unserem ersten Gespräch am Telefon erzählt Christa Pfafferott so
leidenschaftlich von diesem Bild und dem Ort, dass auch mich die Geschichte
langsam packt. Allerdings bin ich noch nicht überzeugt, ihr wirklich helfen zu
können. Wir verabreden trotzdem ein Treffen. Kurz vorher schickt sie mir das
Foto. Als ich es zum ersten Mal sehe, verstehe ich, warum sie sagte, sie habe
53
den Eindruck, es wirke ein wenig wie inszeniert. Tatsächlich hat das Bild etwas,
was man in der Kunstgeschichte als den »goldenen Schnitt« bezeichnet, also
jene seit der Antike bekannte Gestaltungsregel, die ein Bild durch den Aufbau
möglichst ausgewogen teilt und dadurch eine besondere Perspektive schafft. Die
Deichsel des Leiterwagens, hinter dem der Fotograf steht, ragt fast parallel zum
gepflasterten Wasserablauf am Straßenrand, in dem der erschossene Soldat
liegt, hinein in den oberen Teil des Bildes. Der Blick wird dadurch auf den über die
Straße laufenden anderen Soldaten und den Panzer gelenkt. Nach einer
spontanen Momentaufnahme sieht das nicht aus.
Ich frage mich, warum der Leiterwagen überhaupt in dem Bild ist. Stand er da
schon vorher? Ist er vielleicht sogar nur für das Foto dorthin gerollt worden? Aber
vor allem: Aus welcher Richtung kam der Schuss? Wenn vom unteren Teil der
Straße Sperlingsberg aus geschossen wurde, stünden die beiden Soldaten, die
an der Straßenecke offenbar in Deckung gegangen sind, genau in der
Schusslinie. Das ergäbe wenig Sinn. Dass der Schütze hinter dem Fotografen
stand, ist ebenfalls unwahrscheinlich, denn dann hätte sich dieser ja ebenso wie
die beiden Männer an der Hauswand unterhalb des Schildes massiv in Gefahr
gebracht. Nach diesem Bildaufbau konnte der Schütze nur von einem der Häuser
am anderen Ende der Heyeröder Straße geschossen haben, also aus jener
Richtung, in die der Panzer rollt und in die der vierte Soldat läuft. Vielleicht läuft er
ja über die Straße, um den Schützen anzugreifen? Andererseits sehen die beiden
an der Häuserwand unter dem Straßenschild stehenden Soldaten nicht so aus,
als gäben sie ihrem Kameraden ernsthaft Deckung. Zwar hat der vordere seine
Waffe aufgerichtet, aber nicht im Anschlag, seine Körperhaltung ist kaum
angespannt. Der hintere hält sein Gewehr entspannt auf den Boden gerichtet.
Beide wirken nicht so, als fürchteten sie gerade um ihr Leben. Auch das weiße
Tuch, das aus einem Fenster im ersten Stock eines der Häuser weht und auf das
der Soldat zuläuft – oder ist es ein Vorhang? –, wirft Fragen auf: Ist es ein
Zeichen, dass sich da jemand ergibt? Ein Zeichen, dass nicht geschossen
werden soll?
Später schickt Christa Pfafferott mir noch das andere Bild, das sie in der
Bibliothek in Jena gefunden hatte.6 Auf diesem liegt Robert V. Wynne
unverändert auf der Straße, auch der Leiterwagen ist noch an gleicher Stelle.
Doch der Fotograf hat es aus einer anderen Perspektive aufgenommen. Er steht
nicht hinter dem Leiterwagen, sondern auf der Heyeröder Straße etwa gegenüber
vom Leiterwagen. Am Haus mit dem Straßenschild »Sperlingsberg« steht nun nur
ein Soldat, allerdings an der anderen Seite, also nicht mehr an jener Wand, an
der das Straßenschild befestigt ist, sondern an der, die an der Heyeröder Straße
liegt. Der Soldat sucht offenbar Schutz an dieser Ecke und schaut mit
vorgehaltenem Gewehrlauf den Sperlingsberg hinunter. Aber auch hier wirkt der
Soldat nicht so, als gehe er von einer unmittelbaren Gefahr aus. In diesem Bild
sieht es so aus, als wäre der Schuss von der unteren Seite der Straße
Sperlingsberg gekommen. Das deckt sich mit der Aussage von Anwohnern und
der damals fünfjährigen Martha Lange, jener älteren Frau, die Christa Pfafferott
bei ihrem ersten Besuch in Oberdorla traf.
54
So stellt sich nun die entscheidende Frage: Welches der beiden Fotos
entstand zuerst? Sie stammen aus verschiedenen Kameras, wie Pfafferott
anhand der Größenverhältnisse und des Bildformats geschlossen hat. In einem
US-Archiv entdeckt sie, dass das bekannte historische Bild einem anderen
Namen zugeordnet ist als dem Fotografen, der eigentlich dafür bekannt wurde.
Sie macht Angehörige der beiden Männer ausfindig, die das Foto geschossen
haben sollen. Die Kinder des einen wussten von dem Bild, auch dass es berühmt
wurde. Christa Pfafferott stieß bei ihren Recherchen auf einen Memoirenband
dieses Fotografen, Darkness visible (Sichtbare Dunkelheit) lautet der Titel. Kurz
bevor er das Bild schoss, schreibt er darin, sei er stehen geblieben, um den Film
in seiner Kamera zu wechseln. Da sei ein Soldat vor ihm über die Straße
gelaufen: Robert V. Wynne, der im nächsten Moment erschossen wurde. Die
Angehörigen des anderen Fotografen wussten nichts von dem Bild. Doch mithilfe
weiterer Fotos können sie nachvollziehen, dass ihr Vater ziemlich sicher in diesen
Kriegstagen in Oberdorla war. Wer von beiden machte nun welches Foto?, fragt
sich Pfafferott. Es lässt sich nicht mehr feststellen, und auch nicht, was
unmittelbar vor der Aufnahme geschah. Für unsere forensische Arbeit führt diese
Spur also ins Leere.
Im Internet kursieren auch alte Filmaufnahmen von jenem 4. April 1945 in
Oberdorla. Doch Robert V. Wynne taucht darin nicht auf. Gefilmt wurde unter
anderem die Heyeröder Straße aus der gleichen Perspektive, aus der die beiden
Fotos gemacht wurden, also zum Anger fahrend, jedoch weiter oberhalb. Auf die
Frage, wann sie entstanden, vor oder nach dem Tod von Robert V. Wynne, und
wo der Täter stand, geben auch sie keine Antwort. Wir versuchen mit
Bildverbesserungssoftware herauszufinden, ob wir identifizierende Merkmale der
Soldaten auf den jeweiligen Bildern finden, um eventuell feststellen zu können, ob
dieselben Männer in beiden Fotos auftauchen. Doch die Qualität der Aufnahmen
ist dafür zu schlecht. Auch die Panzer in den Videos und auf dem einen Foto
lassen sich nicht abgleichen.
ZWEI FOTOS UND WAS SIE ERZÄHLEN
Als Christa Pfafferott ein paar Wochen später nach Mittweida kommt, erzähle ich
ihr, welche forensischen Hypothesen ich aus den Fotos aus Oberdorla
herauslese und warum für mich einiges dagegen spricht, dass das berühmte Bild
unmittelbar nach dem Schuss entstand. Aus forensischer Sicht, sage ich
Pfafferott, scheine das unbekanntere Foto dichter an der Tat zu liegen: »Aber
unmittelbar nach dem Schuss ist es wohl auch nicht entstanden. Trotzdem deutet
für mich mehr darauf hin, dass der Schütze vom Sperlingsberg aus auf Wynne
schoss.« Diese Hypothese zu überprüfen dürfte allerdings angesichts der
schlechten Spurenlage schwierig sein. Ich erzähle Pfafferott von unseren ColdCases-Rekonstruktionen und wie wir im Fall des toten Mädchens unter der
Teufelstalbrücke vorgegangen sind. Wie aufwendig es war, die ursprünglichen
Gegebenheiten des Fundortes herauszufinden, der sich im Laufe der Zeit stark
55
verändert hatte. Die Idee einer Tatortrekonstruktion fasziniert sie. Von den
Schwierigkeiten lässt sie sich nicht abschrecken und betont, wie wenig Oberdorla
sich seit damals verändert habe. Ließe sich eine Tatablauf-Simulation in ihren
Film einbauen?, will sie wissen. Und was wäre, wenn man diese den heutigen
Bewohnern der beiden Straßen zeigte? »Die letzten Zeitzeuginnen und -zeugen,
die noch vom Krieg erzählen können, sterben bald«, sagt sie. »Es wäre die
Chance, ihre Geschichten zu retten und weiterhin erfahrbar zu machen.« Ich
kann ihre Begeisterung nachvollziehen, bezweifle aber immer noch, ob aus
forensischer Sicht eine Rekonstruktion möglich ist. Inzwischen bin ich überzeugt,
dass ich das nur vor Ort herausfinden kann. Ich werde also gemeinsam mit
Christa Pfafferott, ihrem Drehteam und zwei meiner Kollegen nach Oberdorla
fahren.
Ende April 2019 stehe ich tatsächlich an der Ecke Heyeröder Straße und
Sperlingsberg, genau an jener Stelle, an der die beiden Soldaten auf dem
berühmten Foto Deckung suchten. Ich berühre die Wand. Es sieht so aus, als
könnten noch immer Kugeln in ihr stecken. Wahnsinn, denke ich. Es ist der
Moment, in dem auch mich die Vergangenheit einholt. Ich laufe durch die
Straßen, den Sperlingsberg runter zu einem historischen Brunnen, der am Ende
der Straße steht, von dort hinüber zum Anger und schließlich die Heyeröder
Straße zurück zur Ecke. Vieles kommt mir vertraut vor, so oft habe ich mir die
alten Bilder und Videoaufnahmen bereits angeschaut. Der Ort scheint sich
tatsächlich kaum verändert zu haben. Der Straßenbelag, den es damals noch
nicht gab, wird eine Rolle spielen, denke ich. Doch der Unterschied ist mithilfe
historischer Bilder abschätzbar.
WIE GLAUBWÜRDIG SIND ZEITZEUGENAUSSAGEN?
Das Drehteam hat eine Drohnen-Dreherlaubnis organisiert, die Polizei ist vor Ort,
und die entsprechenden Straßen werden abgesperrt. Anwohner kommen zu uns,
erzählen, dass auch in ihren Häusern zum Teil noch Einschusslöcher zu sehen
seien. Ich spreche mit vielen Menschen, auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, und
versuche, mit ihrer Hilfe so viele Details wie möglich von damals zu lokalisieren,
damit wir sie in unser 3-D-Modell mit aufnehmen können. Auch Martha Lange
kommt und erzählt mir, dass der tote Soldat nach einer Weile an den Straßenrand
unter eine Plane gelegt worden sei. »Meine Mutter ging mit mir zu dieser Plane
und hob sie an.« Die damals Fünfjährige sah in das Gesicht des Toten. Zuvor
habe seine Leiche noch unverdeckt auf der Straße gelegen, erzählt sie. Während
des Gesprächs mit ihr holt ein Mann eine alte US-Plane aus seinem Haus. Seine
Familie habe sie aufbewahrt, sagt er. Andere erzählen, einem Zeitzeugenbericht
zufolge soll der Täter eine Uniform getragen haben. Es kommen weitere
Menschen auf die Straße und berichten von den Ereignissen jenes 4. April 1945,
so wie es ihnen verstorbene Zeitzeugen geschildert hätten.
Mir wird in diesem Moment bewusst, wie vielschichtig Erinnerung ist.
Aussagen von Zeuginnen und Zeugen sind für die Forensik grundsätzlich ein
56
schwieriges Beweismittel, denn sie basieren auf Erinnerungen, und diese sind
immer subjektiv geprägt. Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto größer ist die
Herausforderung, weil Erinnerungen mit der Zeit verblassen. Je nachdem, wie
prägend eine Erfahrung war, erinnert sich ein Mensch an sie intensiver als an
andere Ereignisse. Erinnerungen von Zeitzeugen sind zudem oft autobiografisch
geprägt. Häufig erzählt, können sie im Bewusstsein verankert sein, selbst wenn
sie im Detail so möglicherweise nicht stattgefunden haben. Sie werden dann
allmählich zur individuellen Wahrheit, die wiederum zur kollektiven Erinnerung
beiträgt. All das gilt es in diesem Fall zu beachten. Mittlerweile bin ich überzeugt,
dass es kaum möglich sein wird, eine getreue, auf den Aussagen beruhende
Rekonstruktion zu erstellen. Dennoch liefern die Erinnerungen der
Anwohnerinnen und Anwohner Anhaltspunkte zum möglichen Ablauf. Sie werfen
für mich zudem spannende Fragen auf: Wie prägt individuell Erlebtes kollektive
Erinnerungen? Und wie prägt umgekehrt diese Erinnerung dann die individuelle?
Kann man Zeugenaussagen auf ihre Wahrscheinlichkeit und ihren
Wahrheitsgehalt hin überprüfen? Seitdem denke ich darüber nach, ob sich
mithilfe von Zufallsexperimenten ein Modell entwickeln lässt, das genau so etwas
berechnet. Noch habe ich keine befriedigende Lösung dafür gefunden.
An jenem Apriltag 2019 legen wir eine Stoffpuppe an die Stelle, an der Robert V.
Wynne starb. Mit Martha Lange gehe ich den Sperlingsberg hinunter zu der
Stelle, wo früher der Strommast stand. Von dort aus soll der Soldat geschossen
haben. Ich markiere die Stelle. Wir vermessen sie, scannen die wichtigen
Straßen und machen mithilfe der Drohnen Luftaufnahmen – auch von der
Heyeröder Straße, um die Hypothese überprüfen zu können, ob es theoretisch
möglich wäre, dass von dort auf Wynne geschossen wurde. Verschiedene
Stellen, etwa den Brunnen am Ende des Sperlingsbergs, scannen wir ebenfalls,
um anschließend im Computermodell zu schauen, ob der Schuss auch von hier
aus gekommen sein könnte.
EIN DORF IM JAHR 1945
In Mittweida rekonstruieren wir dann zunächst das Dorf Oberdorla des Jahres
1945 mithilfe der Scans, aber auch der historischen Fotos. Es entsteht ein recht
getreues 3-D-Modell. Wir ziehen bei der Beschaffenheit der Straßen den Belag
ab, modellieren US-Soldaten in entsprechenden Uniformen, suchen und finden
ein Modell jenes Panzers, der damals in der 6. US-Panzerdivision vorwiegend
genutzt wurde, und bauen es nach. Dann spielen wir die verschiedenen
Hypothesen durch. Es zeigt sich, dass alle drei auf den ersten Blick möglich sind:
Jene, bei der der Schütze von einem der Häuser in der Heyeröder Straße schoss,
etwa von der Höhe aus, wo auf dem ersten Foto der Panzer fuhr. Die Sicht auf
Robert V. Wynne wäre von dort aus optimal gewesen. Allerdings widerspricht
diese Hypothese den meisten Zeugenaussagen, vor allem der von Martha Lange,
sowie dem zweiten Foto, auf dem neben dem toten Wynne noch ein weiterer
Soldat zu sehen ist, der an der Hausecke Deckung sucht und dabei auf der
57
Heyeröder Straße steht. Vorausgesetzt, das Foto wäre kurz nach dem Schuss
auf Wynne entstanden, dann wäre er an dieser Stelle völlig ungeschützt
gewesen.
Aber auch die Hypothese, dass der deutsche Schütze hinter dem Mast in der
Straße Sperlingsberg stand und schoss, ist möglich. Von dort hätte er ebenfalls
genug Sicht gehabt, um Wynne zu erschießen. Etwas eingeschränkter als im
Fall, dass sich der Schütze in der Heyeröder Straße befand, aber durchaus
möglich. Diese Hypothese stimmt mit den meisten Zeugenaussagen überein. Aus
diesem Grund halte ich sie für die wahrscheinlichste. Sie setzt jedoch voraus,
dass das berühmtere der beiden Bilder, in dem die beiden US-Soldaten an der
Hausecke auf der Straße Sperlingsberg stehen, später und nicht direkt nach dem
Schuss auf Wynne entstand. Den Soldaten müsste klar gewesen sein, dass der
Schütze nicht mehr hinter dem Mast am Sperlingsberg stand und daher von dort
keine Gefahr mehr drohte. Da das Foto recht inszeniert wirkt, spricht einiges
dafür.
Die Hypothese, dass der Schütze vom Brunnen in der Straße Sperlingsberg
aus schoss, erscheint am wenigsten plausibel. Denn von dort aus hätte er nur ein
sehr kleines Sicht- und Zeitfenster gehabt. Nur in dem Moment, da Wynne genau
an jener Stelle stand, an der er erschossen wurde, wäre der Schusswinkel vom
Brunnen aus möglich gewesen. Deshalb und weil es keine Zeugenaussagen gibt,
die diese Hypothese stützen, halte ich sie für die unwahrscheinlichste.
Zweifelsfrei können wir allerdings für keine der Hypothesen sagen, ob sie stimmt.
Dafür ist die Spurenlage zu schlecht. Das zeigt mir wieder einmal, dass die
Spurenlage für die Qualität der digitalen Tatort- und Ablaufrekonstruktion absolut
entscheidend ist.
Als Christa Pfafferott erneut nach Mittweida kommt, zeige ich ihr die Animationen
und diskutiere sie mit ihr. Auch sie hält die Hypothese, dass der Schütze am Mast
im Sperlingsberg stand, für die wahrscheinlichste. Obwohl ich ihre Fragen damit –
wie ursprünglich befürchtet – nicht vollständig beantworten kann, überzeugen sie
die Animationsvideos. Sie möchte sie den Menschen in Oberdorla zeigen. Sie
sollen erleben können, wie vor 76 Jahren der Krieg genau an dieser Stelle, an
dieser Ecke stattfand. Weil wir gerade mit Virtual Reality-Brillen für die Forensik
experimentieren, kommt ihr die Idee, das Video mithilfe einer solchen Brille
vorzuführen, um die Wirkung der Animation noch anschaulicher und direkter zu
machen. Virtual-Reality (VR) ist eine zwar schon seit Jahrzehnten bekannte, aber
erst in den letzten Jahren ausgereifte Technologie, die vor allem in der Gamingund Filmindustrie genutzt wird. Die am Computer erzeugten Orte werden in VRBrillen als 3-D-Welt gezeigt. Über Joysticks, Datenhandschuhe oder Sensoren
am Headset reagiert das System auf die Bewegungen der Nutzerin oder des
Nutzers. Wird der Kopf nach rechts gedreht, folgt entsprechend die
Kameraführung im digitalen Tatort, bewegt sich der Nutzer nach vorn oder
benutzt er die Joysticks oder die Datenhandschuhe entsprechend, dann bewegt
sich auch der Raum vor seinen Augen. Wer die Brille trägt, bekommt so den
Eindruck, Teil einer anderen Welt zu sein. Für Ermittlerinnen und Ermittler bieten
solch begehbare, digitale Tatorte, in die alle vorhandenen Spuren übertragen
58
werden, die Chance, quasi vor Ort Hypothesen auf ihre Plausibilität hin zu
überprüfen.
In unserem Fall ermöglicht die VR-Brille einen Blick zurück in eine
vergangene Welt. Wer die Brille aufsetzt, reist in den Sperlingsberg des Jahres
1945. Doch erst im Mai 2021 können wir diese Reise tatsächlich antreten, denn
die Coronapandemie hat das Land und zwischenzeitlich auch das Filmprojekt
stillgelegt. Mit der dreidimensionalen Videosimulation und einer VR-Brille mit
Joysticks im Gepäck fahren wir zusammen mit Christa Pfafferott und ihrem Team
nach Oberdorla.
»Sowas darf niemals wieder passieren.« Die Frau, die die Brille gerade vom Kopf
nimmt, ist Anfang 40, wohnt in der Heyeröder Straße und ist tief bewegt. Sie ist
soeben den Sperlingsberg des Jahres 1945 hinuntergegangen, hat beobachtet,
wie der Mann hinter dem Strommasten das Gewehr anlegt, hat sich hinter ihn
gestellt und gesehen, was er sieht: Robert V. Wynne am Ende der Straße. Dann
ist sie hoch zur Heyeröder Straße gegangen, dorthin, wo Wynne tot am Boden
liegt. »Ich habe richtig weiche Knie«, erzählt sie, so körperlich spürbar sei der
Schrecken des Krieges in der Simulation gewesen. Erst jetzt sei ihr klar
geworden, wie präsent die Vergangenheit noch immer sei. Auch in ihrem Haus
befänden sich noch Einschusslöcher vom Krieg.
Der Sohn des Bürgermeisters, ein Teenager, ist ebenfalls fasziniert von der
Zeitreise: »Wie cool. Das wäre ja mal was für die Schule: Geschichte zum
Anfassen.« Für die älteren Anwohner und auch für Martha Lange ist die VR-Brille
dagegen ungewohnt und schwierig zu bedienen. Sie kommen, anders als die
Jüngeren, nicht gut mit den Joysticks klar, die notwendig sind, um sich in der
Animation fortzubewegen. Trotzdem ist auch Martha Lange beeindruckt davon,
sich plötzlich wieder in den Sperlingsberg ihrer Kindheit zurückzuversetzen.
Die Technik der digitalen Tatortrekonstruktion, das zeigt dieses Projekt sehr
deutlich, funktioniert auch bei lange zurückliegenden Fällen. Ist die Spurenlage
allerdings schlecht und gibt es neben Zeugenaussagen kaum oder kein anderes
Material, so wie in diesem Fall, dann ist eine eindeutige Tatablaufrekonstruktion
nicht möglich. Dennoch bieten solche 3-D-Modelle enorme Chancen, einen
historischen Ort zu rekonstruieren – auch jenseits der Kriminalistik. Ob nun in
einem Dokumentarfilm oder nur mit VR-Brillen: Die 3-D-Tatortsimulation kann die
Vergangenheit zum Leben erwecken. Anschaulicher als jedes Geschichtsbuch
lässt sich so ein Gefühl für längst vergangene Räume und Zeiten vermitteln.
59
EXKURS
DIE ZUKUNFT DER TATORTREKONSTRUKTION UND
ABLAUFSIMULATION
An dieser Stelle wage ich einen Blick in die Glaskugel. Schon jetzt zeichnet sich
ab, dass in Zukunft digitale Tatortrekonstruktionen und Ablaufsimulationen den
gesamten Prozess der Verbrechensaufklärung von der Spurensicherung bis zum
Gerichtsprozess massiv verändern werden. In etlichen Bundesländern nutzen
digitale Tatortvermesser bei Kapitalverbrechen bereits Laserscanner, um Fundund Tatorte am Computer zu rekonstruieren. In Zukunft werden Rettungssanitäter
und Ersteinschreiter, also jene Polizistinnen und Polizisten, die als Erste vor Ort
sind, mit 3-D-Scankameras am Helm oder Körper ausgestattet sein. Zudem
werden sie eine Drohne dabeihaben, die über dem Tatort schwebt und diesen
aus der Vogelperspektive erfasst. Natürlich bedeutet das nicht, dass diejenigen,
die als Erste am Tatort sind, sich nur mit der Erfassung beschäftigen. Sie werden
weiterhin das Opfer sofort versorgen und den Tatort sichern. Nur scannen sie in
diesem Zusammenhang alles aus ihrer Perspektive und zeigen dabei, was durch
ihr Handeln am Tatort und am Opfer verändert wird. So lässt sich der parallel
erstellte virtuelle 3-D-Tatort viel einfacher in den Urzustand versetzen, also in
jenen Zustand, in dem er vor dem Eintreffen der Ersteinschreiter und Sanitäter
war.
Noch bevor die Spurensicherer dann an den Tatort kommen, können sie
bereits am Computer die getreue 3-D-Rekonstruktion aus allen Perspektiven
analysieren und schauen, welche Hypothesen daraus auf den ersten Blick
ableitbar sind, etwa, von wo aus der Täter angriff. Aus welcher Richtung ein
Schuss kam. Wo sich das Opfer befand. Es wird dann viel schneller klar, wo
gezielt nach Spuren gesucht werden sollte. Sind die Spurensicherer dann vor Ort,
können sie ihre Arbeit durch das 3-D-Modell ständig auf noch zu wenig beachtete
Spuren und ihre Beziehung zueinander überprüfen. Sie können ihre Hypothese
mit der Realität abgleichen, Widersprüche werden deutlich, und es zeigt sich, ob
gegebenenfalls zu wenig beachtete Spuren anders zu bewerten oder neue zu
sichern sind. Der klassische forensische Tatort-Dreisatz »sehen – dokumentieren
– handeln« wird zu einem Zweisatz: »scannen – handeln«. Das präzise Scannen
aller Maßnahmen und des gesamten Tatorts fasst Sehen und Dokumentieren
sinnvoll zusammen.
EIN ABBILD VON DER HAUT BIS ZUM SKELETT
60
Auch Opfer werden in Zukunft von Anfang an digital erfasst. Ihre virtuelle
Rekonstruktion durch bildgebende Verfahren, wie zum Beispiel die in der Schweiz
entwickelte Virtopsie,7 beginnt dann bereits am Tatort. Virtopsie setzt sich aus
den Wörtern virtuell und Autopsie zusammen und bedeutet, dass die digitale
Rekonstruktion des Opfers durch Körperscanning, Photogrammetrie,
Mehrschichten-Computertomografie
(CT),
Kernspinbzw.
Magnetresonanztomografie (MRT) eine virtuelle Autopsie möglich macht. Der
Körper wird durch entsprechende Strahlung scheibchenweise in millimeterfeinen
Schichten rundum durchleuchtet. Im Computer wird dann daraus in
Sekundenschnelle ein exaktes dreidimensionales Abbild des Menschen von der
Haut bis zum Skelett erstellt. Schon jetzt können virtuelle Autopsien
rechtsmedizinische Untersuchungen enorm beschleunigen, verbessern und
teilweise sogar ersetzen. Sie kann etwa feinste Strukturen von Verletzungen
sichtbar machen. Aber auch Blutanalysen zum Nachweis von Alkohol sind mit ihr
möglich. Die Dokumentation des Zustands der Leiche wird durch sie überflüssig,
ebenso wie die Suche nach Schusswaffen-Projektilen oder anderen
Fremdkörpern. Da, wo die virtuelle Autopsie schon heute eingesetzt wird, wie
etwa in der Schweiz standardmäßig bei Gewaltopfern, verbessert sie die
Obduktion immens.8 In Deutschland ist bei gerichtlich angeordneten Autopsien
zwar der Einsatz von Mehrschichten-Computertomografien inzwischen Standard.
Doch all das, was darüber hinaus für eine vollständige virtuelle Autopsie heute
bereits möglich wäre, wie zum Beispiel die Darstellung der Blutgefäße oder die
Bestimmung von Alkoholwerten, wird noch nicht routinemäßig gemacht.
Da in Zukunft auch Rettungssanitäter, die an einen Tatort gerufen werden, mit
entsprechenden Body-Kameras ausgestattet sein werden, erstellen sie 3-DOberflächenscans, während sie Erste Hilfe leisten und sich um Opfer kümmern.
Das wird zusammen mit den virtuellen Autopsien helfen, digitale Zwillinge
schneller in 3-D-Tatorte einfügen zu können und so ein umfassenderes Bild vom
Tatgeschehen zu bekommen. Zugleich ermöglicht die digitale Rekonstruktion von
Leichen, dass diese dauerhaft, also auch nach der Beisetzung, verfügbar sind,
etwa für den Fall, dass es neue Fragen oder Beweismittel gibt und diese an der
Leiche überprüft werden müssen.
AUGENZEUGEN KEHREN ALS AVATARE ZURÜCK AN DEN TATORT
Schon jetzt lassen sich in digitale 3-D-Tatortmodelle Spurenbilder von Blut und
DNA, Schussverläufe und vieles mehr einbauen, berechnen und analysieren.
Mögliche Ablaufvarianten können entsprechend durchgespielt werden.
Ermittlerinnen und Ermittlern ist es möglich, so rekonstruierte dreidimensionale
Tatorte mithilfe von VR-Brillen zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu betreten und die
verschiedenen Hypothesen durchzuspielen. Augenzeugen können dann quasi als
Avatare in den 3-D-Tatort versetzt werden, um das Erlebte interaktiv in den
Tatablauf einzubringen und seine Rekonstruktion mitzugestalten. Die
61
Verknüpfung all dieser Spuren und Aussagen ermöglicht es, Irreführendes
leichter zu erkennen und herauszufiltern. Doch nicht nur Ermittlern oder Zeugen,
auch Staatsanwälten und Richtern wird es in Zukunft möglich sein, mithilfe von
VR-Brillen den detailgetreuen Ort eines Verbrechens von allen Seiten zu
begehen, ihn aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten und
Hypothesen durchzuspielen. Erste Versuche, dass mehrere Personen gleichzeitig
einen virtuell rekonstruierten Tatort betreten, gibt es bereits in BadenWürttemberg. Dort wird mit einem sogenannten Cave (Computer Automatic
Virtual Environment) gearbeitet. Das ist ein Virtual-Reality-System, das in einem
etwa 20 Kubikmeter großen Kubus aus Acrylglas eine dreidimensionale
Animationswelt projiziert, in der sich mehrere Menschen gleichzeitig aufhalten
und miteinander interagieren können.9 Diese Form von gemeinsamer Arbeit in
einem dreidimensionalen virtuellen Raum wird in Zukunft für Ermittlerinnen und
Ermittler zur Normalität werden. Auch in Gerichtssälen werden Tatorte dann nicht
länger nur in Form von Fotos und über Bildschirme in 2-D zu sehen sein, sondern
Prozessbeteiligte können sich gemeinsam und zur gleichen Zeit in den Tatort
begeben und Aussagen entsprechend überprüfen. Unstimmigkeiten und
Widersprüche werden dadurch für alle sofort sichtbar.
BEVOR SPUREN ERKALTEN, SIND MOBILE DIGITALE FORENSIK-LABORE
VOR ORT
Auch digitale Spuren von Tätern wie Opfern werden in Zukunft viel schneller in
entsprechende Rekonstruktionen eingebaut. Jeder Mensch hinterlässt solche
digitalen
Spuren:
in
seinem
Smartphone,
dem
Computer,
in
Überwachungskameras. Schon jetzt ist mithilfe der von Smartphones
ausgesendeten Signale nachvollziehbar, wo und zu welcher Zeit sich jemand
aufhält. Denn jedes Smartphone sendet seine IP-Adresse, seine Geräte- und
SIM-Karten-Nummer und seine GPS-Koordinaten an die Server von Providern
und Anbietern und macht damit dessen Besitzerin und Besitzer ortbar. Dadurch
wird nachvollziehbar, wann sich jemand wo aufgehalten hat. Digitale Endgeräte
wie das Smartphone verraten aber noch viel mehr über ihre Besitzer,
beispielsweise, mit wem sie wann, wie häufig und zu was Kontakt hatten, was sie
online am liebsten einkaufen oder anschauen. Ihre Aktivitäten in sozialen Netzen
ermöglichen Rückschlüsse auf Interessen, Meinungen und Neigungen. All das
und noch viel mehr können IT-Forensiker schon heute in Ermittlungsverfahren bei
Tatverdächtigen oder Verbrechensopfern auswerten. Allerdings dauert das in der
Regel noch verhältnismäßig lange, auch weil es in IT-Laboren fernab des Tatorts
gemacht wird. Doch das wandelt sich gerade. Das Polizeipräsidium Oberfranken
etwa testet seit März 2021 ein mobiles digitales Forensik-Labor, das in einem
Transporter zu Unternehmen fährt, die Opfer von Cyberangriffen wurden, um
möglichst schnell vor Ort digitale Daten zu sichern und Geräte zu untersuchen.10
In Zukunft werden solche Labore kleiner, mobiler und vor allem viel schneller
sein. Schon am Tatort werden dann Geräte des Opfers oder der Tatverdächtigen,
62
aber auch Überwachungskameras und Internet-of-Things (IOT)-Geräte wie
Sprachassistenten, smarte Kühlschränke, Heizgeräte und vieles mehr auswertbar
und in die Tatort- und Ablaufrekonstruktion integrierbar sein. Bevor Daten
gelöscht und vernichtet werden, digitale Spuren also erkalten und auf sie nicht
mehr zugegriffen werden kann, sind sie dann bereits gesichert und im besten Fall
in ein noch umfangreicheres 3-D-Modell integriert. Aber dafür braucht es natürlich
eine juristische Grundlage.
All diese Entwicklungen, die die Ermittlungsarbeit in Zukunft enorm erleichtern
und verbessern können, bergen jedoch auch immense Gefahren.
Dreidimensionale Tatorte, in die Prozessbeteiligte eintauchen, vermitteln den
Eindruck objektiver Wahrheit und wirken dadurch manipulativ. Diese Modelle
werden mit Daten gefüttert, also mit der Spurenlage vor Ort und den Aussagen
von Zeuginnen und Zeugen. Beides ist und bleibt fehleranfällig. Denn obwohl die
Arbeit von Ermittlern durch die virtuelle Rekonstruktion erleichtert und verbessert
wird, weil sie Hypothesen überprüfen und mit der Realität abgleichen können,
kann es auch in Zukunft passieren, dass Spuren nicht korrekt oder ausreichend
digital erfasst oder falsch interpretiert werden. Zum Beispiel wenn
witterungsbedingt während oder nach einer Tat Spuren wie Schuhabdrücke durch
Regen verwischt oder vernichtet werden und daher in einem virtuellen Tatort
fehlen. Auch Zeugenaussagen bleiben, wie in den vorangegangenen Kapiteln
bereits gezeigt, in Zukunft wegen der subjektiven Wahrnehmung der Betreffenden
besonders fehleranfällig. Fließen sie in die virtuelle Tatort- und
Ablaufrekonstruktion ein, dann haben sie eine viel größere Suggestivkraft auf
Prozessbeteiligte als eine rein gesprochene Aussage während der Verhandlung.
Opfer könnten zudem retraumatisiert werden, wenn sie an den virtuellen Tatort
versetzt werden und den simulierten Tatablauf so anschaulich noch einmal
vorgeführt bekommen.
All das gilt es zu beachten und wird sicherlich auch in der Diskussion um die
Verwendung und Zulassung entsprechender 3-D-Modelle und den Einsatz von
Virtual Reality vor Gericht eine Rolle spielen. Die Chancen und Risiken müssen
sehr genau abgewogen werden. Vor allem aber muss auch in Zukunft die
hypothesengeleitete kriminalistische Arbeit im Vordergrund stehen. Je mehr
Technik in der Ermittlungsarbeit eine Rolle spielt, desto größer die Gefahr, dass
man sich auf diese zu sehr verlässt oder sich gar von ihr leiten lässt. Doch genau
das sollte nicht geschehen. Technik kann und soll durch all die skizzierten
Entwicklungen immer nur die Arbeit erleichtern und verbessern. Das
kriminalistische Denken kann und darf sie nicht ersetzen. Ohne vernünftige
Methodik sind Methoden nichts wert.
63
KAPITEL 6
MORD MIT ANSAGE
36,33 Sekunden. So kurz ist die Filmaufnahme, die einen Mord zeigt, und von der
ich zum ersten Mal höre, als ich gerade auf der Autobahn gen Norden fahre, um
meine Mutter in Mecklenburg zu besuchen. Mein Handy klingelt. Es ist Anfang
Juli 2016, zwei Wochen nach der Tat. Der Anrufer ist der Leipziger
Oberstaatsanwalt Dieter Wohltat*. Wir kennen uns von einer IT-Fortbildung, die
mein Institut für sächsische Polizisten und Staatsanwälte gemacht hat. Ich halte
auf dem nächsten Rastplatz und rufe ihn zurück. Er erzählt mir von der Tat und
ihren Hintergründen. Zwei verfeindete Rockergruppen sind in Leipzig
aneinandergeraten. Am Ende ist ein Mann tot, zwei liegen verletzt im
Krankenhaus. Nun ist bei YouTube ein Video aufgetaucht, das die Tat zeigt. Es ist
kurz, aus großer Entfernung aufgenommen und von schlechter Qualität.
Hochgeladen wurde es von einem YouTube-Nutzer, der sich »Le Gamer« nennt.
Wohltat hofft, mithilfe der Aufnahme die Täter zu überführen. »Können Sie uns
helfen, die Personen in dem Video zu identifizieren?«, will er von mir wissen.
»Dafür muss ich erst einmal das Video sehen«, sage ich. Er verspricht, es mir so
schnell wie möglich zu schicken.
TÖDLICHER REVIERKAMPF
In Leipzig herrschten damals Rivalitäten zwischen zwei Rockergruppen. Die
angestammten Hells Angels wurden von einer jüngeren Bruderschaft, den United
Tribuns Iron City, herausgefordert. Diese war ursprünglich als Türsteher- und
Kampfsportvereinigung gegründet worden. Die meisten ihrer Mitglieder sind
Migranten der zweiten Generation. In Leipzig traten sie als Motorrad-Club auf und
konkurrierten mit den Hells Angels um Einfluss im Drogen-, Türsteher- und
Rotlicht-Milieu. Die United Tribuns hatten sich die Eisenbahnstraße im Osten
Leipzigs als ihr Revier ausgesucht und bezogen dort Ende April 2016 in einer
Seitenstraße ihr Clubhaus. Zwei Monate später, am Morgen des 25. Juni, einem
Samstag, eskaliert der Konflikt: Das Hells-Angels-Mitglied Mario Voigt* wird von
einem Tribuns-Rocker verprügelt, weil er in einem Shirt der Höllenengel durch die
Eisenbahnstraße lief. Nicht noch einmal solle er es wagen, sich in diesem Aufzug
in seinem Revier blicken zu lassen, droht der Tribuns-Rocker. Wenige Stunden
später lässt sich Voigt wieder blicken – allerdings mit Verstärkung: Gegen 15 Uhr
marschieren auf der Eisenbahnstraße im Osten Leipzigs mehr als ein Dutzend
Hells Angels auf, sammeln sich vor einem Lokal, das nur 80 Meter vom Clubhaus
der United Tribuns entfernt liegt, und warten auf diese.
64
Auf dem Video11, das Staatsanwalt Dieter Wohltat mir nun schickt, sind zunächst
Autos zu sehen, die auf der Eisenbahnstraße fahren. Die Handykamera schwenkt
auf die gegenüberliegende Seite, wo etwa 15, 20 Meter entfernt an einer
Straßenecke mehrere Männer in Hells-Angels-Kutten vor einem Imbisslokal
stehen. Sie blicken nach rechts, wohin nun auch die Kamera schwenkt. Von dort
nähern sich mehrere United-Tribuns-Anhänger, die vom Otto-Runki-Park her
kommen und auf die Hells Angels zugehen. Bei Sekunde 16 hebt ein TribunsMann, der der Gruppe vorangeht, das Bein und tritt mit dem gestreckten Fuß wie
bei einem Kung Fu-Tritt weit ausholend in Richtung der Hells Angels. Ein anderer
Tribuns-Anhänger macht eine Bewegung, als schlage er in die Gruppe der Hells
Angels. Fast zeitgleich fallen Schüsse, sieben innerhalb von drei Sekunden.
Während der ersten Schüsse schwenkt die Kamera nach rechts und fängt ein,
wie einige Tribuns-Männer weglaufen, während in rascher Folge weitere Schüsse
fallen. Die Kamera schwenkt zurück auf das Lokal. Auf der Straße davor liegt nun
ein Mann am Boden. Hells Angels laufen hinter den Tribuns-Leuten her, werfen
Flaschen, brüllen. Mehrere Männer stehen um den am Boden Liegenden herum,
ein vorbeifahrendes dunkles Auto verdeckt die Szenerie für einen Moment, dann
sieht man, wie der Mann am Boden getreten wird. Die Kamera schwenkt wieder
nach rechts, wo Hells Angels hinter Tribuns-Rockern herlaufen, sie in den Park
hinein verfolgen. Es wird gebrüllt und geschrien, Glas zersplittert. Dann in
Sekunde 36,3 wird das Bild schwarz. Das Video ist zu Ende. Und ich bin ratlos.
Wer jetzt Szenen aus CSI: Vegas12 oder anderen Krimiserien vor Augen hat, den
muss ich enttäuschen: Mal eben ins Video zoomen, einzelne Personen mit ein
bisschen Bildverbesserungssoftware scharfstellen, ihre Gesichter vergrößern,
und schon ist der Mensch klar und deutlich zu erkennen – so funktioniert es
maximal, wenn das Ausgangsmaterial von sehr guter Qualität ist, also die
Originaldatei in HD-Schärfe vorliegt. Was ich mir aber gerade angeschaut habe,
ist von miserabler Qualität, die hochgeladene Kopie einer Kopie, komprimiert und
aus großer Distanz aufgenommen. Um eine Person sicher identifizieren zu
können, braucht man sie in einer Größe von 100 bis 120 Pixel – und zwar nur ihr
Gesicht in dieser Größe. In diesem Video erreichen etliche Personen höchstens
eine Größe von 70 bis 100 Pixel – und zwar von Kopf bis Fuß. Leider ist so
schlechtes Material bei Ermittlungen eher die Regel als die Ausnahme.
Mir ist klar: Egal, wie viel Video-Verbesserungssoftware ich über das Video
jage, mit wie starken Kontrasten, Hell- und Dunkelzeichnern oder Sättigung ich
auch arbeite, es wird nicht reichen. »Wir können ja nicht zaubern«, sage ich zu
meinen Mitarbeitern. Trotzdem versuchen wir, die Aufnahme technisch so
aufzubereiten, dass Einzelheiten besser erkennbar werden. Dafür zerlegen wir
das Video zunächst in einzelne Standbilder, auch Frames genannt, 1093
insgesamt, und bearbeiten jedes mit Verbesserungssoftware. Danach können wir
zumindest einiges mehr erkennen: Elf Hells Angels stehen vor dem Lokal,
mindestens neun United Tribuns nähern sich vom Park, zwischen beiden
Gruppen machen wir auch einen Polizisten aus, der, wie wir später erfahren
werden, zusammen mit einem Kollegen in die Eisenbahnstraße beordert worden
65
war nach einem Tipp, dass es zwischen Hells Angels und United Tribuns Ärger
geben könnte. Anhand der einzelnen Bilder lässt sich eine Person
herausarbeiten, deren Gestik und Bewegung auf das Durchladen einer Waffe
deutet: Mario Voigt*, 31 Jahre alt, arbeitsloser Maler und jener Hells-AngelsMann, der am Morgen in der Eisenbahnstraße von einem Tribuns-Mitglied
geschlagen worden war, wie wir später im Prozess erfahren. Wir analysieren den
Ton, also den Audiofile der Schüsse, berechnen die Schussfolge, ihre Intensität
und können damit nachweisen, dass alle sieben Schüsse aus derselben Waffe
stammen. Mehr lässt sich aus diesem Video nicht herausholen, denke ich. Und
schicke das Gutachten an die Ermittler.
Die haben – wie zu erwarten – weitere Fragen. Inzwischen haben sie aber
auch zusätzliche Fotos aufgetan, Aufnahmen, die Anwohner und Passanten
gemacht haben, und Bilder der Festgenommenen, die unmittelbar nach der Tat
entstanden sind, schließlich noch die erkennungsdienstlichen Fotos der
Verdächtigen, die am Tattag gemacht wurden. Mit diesen zusätzlichen Bildern
versuchen wir, die Männer im Video abzugleichen – also eine Korrespondenz
herzustellen. Dafür zerlegen wir die 1093 Einzelbilder des Videos in kleine
Quadrate, vergrößern sie und versuchen so einen Abgleich mithilfe besonderer
Merkmale der Männer, die auf den zusätzlichen Fotos erkennbar sind: Fast alle
im Video tragen die für das Milieu typischen Kutten. Diese wiederum sind mit
entsprechenden Abzeichen und Verzierungen gekennzeichnet, die sich teilweise
unterscheiden. Details der Kleidung, die die Männer auf den Fotos tragen, oder
auch besondere Merkmale wie Tattoos ermöglichen einen Abgleich mit dem
Video. Einer trägt unter der Kutte ein weißes T-Shirt, ein anderer ein schwarzes,
wieder ein anderer ein schwarzes T-Shirt zur Kutte und ist zusätzlich Bartträger.
Jemand hat eine Tätowierung am Bein. Bei manchen funktioniert es: Wir können
sie nun auf dem Video zuordnen. Doch bei anderen sind Details, die für einen
Abgleich taugen würden, noch immer nicht genau erkennbar. Wir sind erneut an
einem toten Punkt angelangt. Die Hoffnung, dass die Ermittler an das
Originalvideo kommen, das eventuell von besserer Qualität ist, haben wir bereits
aufgegeben. Zwar haben sie die wahre Identität von »Le Gamer« über eine
Bestandsdaten-Abfrage13 bei YouTube ausfindig machen können. Doch der
Mann, der das Video als Passant von der anderen Straßenseite aus gefilmt hat,
sagt aus, dass er die Originaldatei nicht mehr besitze, weil er das Handy, auf dem
sie sich befand, verloren habe. Es gibt nur weitere über Facebooks Messenger
und WhatsApp verschickte und entsprechend komprimierte Kopien in ähnlich
schlechter Qualität.
SICHTBAR MACHEN, WAS KAUM ZU ERKENNEN IST
Irgendwann fällt mir ein,
anwendet, um sichtbar
Röntgenbildern schwer
Kontrastmitteln, die etwa
dass man in der Medizin ein besonderes Verfahren
zu machen, was zwar da, aber mit einfachen
zu erkennen ist. Das funktioniert mithilfe von
in Venen injiziert und dadurch sichtbar werden. So
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entsteht ein Positiv-Bild des Originals. In einer Kopie wird dann der gemeinsame
Informationsgehalt mit dem Original gelöscht, sodass nur das Abweichende
zurückbleibt, der sogenannte Kontrastmittelschatten. Wenn man nun das Original
und dieses bearbeitete Bild übereinanderlegt, werden zum Beispiel Tumore
sichtbar. Dieses Prinzip will ich abgewandelt auch bei dem Video verwenden. Wir
schneiden daher einzelne Personen aus den Bildern heraus und suchen an ihnen
nach gut erkennbaren Merkmalen wie Schriftzeichen auf Schuhen, Streifen an
Hosen, Farben und Formen von Kleidungsstücken, Tattoos und optimieren sie,
indem wir ihre Kontraste, die Sättigung oder ihren Farbwert verstärken. Das
Gleiche machen wir mit dem zusätzlichen Bildmaterial und legen dann die Fotos
nebeneinander beziehungsweise gleichen sie ab. Und es funktioniert:
Zusammenhänge sind zu sehen; Merkmale, die vorher kaum oder gar nicht
sichtbar waren, lassen sich nun erkennen. Belastungs-, Spannungs- und
Kraftlinien der Bewegung einer Person, sogenannte Bewegungstrajektorien,
können wir so nun mithilfe der Merkmale herausarbeiten: Wohin bewegt sich eine
Person im Laufe des Videos? Wo steht sie? Was tut sie? Mit dieser Methode
lassen sich schließlich alle 15 Hells Angels zuordnen, ihre jeweiligen Standorte,
die Taten im Video und ihre Bewegungen nachvollziehen: Mario Voigt, der an
jenem Tag ein rotes Shirt und eine kurze dunkle Hose trug, schoss demnach auf
den Tribuns-Anwärter Dilan Kara*, 27, und zwei weitere Männer. Kara starb noch
am gleichen Tag auf der Intensivstation einer Leipziger Klinik, die beiden anderen
wurden lebensgefährlich verletzt und konnten nur durch eine Notoperation
gerettet werden.
Sichtbar machen wir aber auch die Männer, die auf den am Boden liegenden
Kara eintreten: Michael Botte*, 45, der am Tattag eine kurze schwarze Sporthose
mit markanten weißen Doppelstreifen an der Seite trug und mindestens einmal
deutlich erkennbar gegen Karas Kopf trat. Samu Török*, der zwar wie sechs
weitere Männer ausschließlich dunkle Kleider trug, aber der Einzige mit einem
markanten Symbol auf dem rechten T-Shirt-Ärmel war. Einen oder mehrere Tritte
können wir ihm nicht eindeutig, aber mit großer Wahrscheinlichkeit zuordnen.
Und schließlich Patrick Boldt*, 34, der am schwersten zu identifizieren ist, da er
wie ein weiteres Hells-Angels-Mitglied eine dunkle kurze Hose und ein dunkles TShirt unter einer Weste trug. Ein so gekleideter Mann trat mindestens zwei Mal
eindeutig erkennbar gegen Karas Kopf. Erst nachdem wir die Körpergrößen
anhand des Bildmaterials vermessen, seinen geringeren Bauchumfang kenntlich
machen, ein Tattoo am rechten Arm und dass er keinen Bart trug, ist auch er als
tretender Täter zuzuordnen.
Und schließlich setzen wir noch eine intelligente Software ein, die mit künstlichen,
sogenannten neuronalen Netzen arbeitet. Diese Netze sind der Funktionsweise
des menschlichen Gehirns nachempfunden und werden für maschinelles Lernen
eingesetzt. Vereinfacht gesagt, lernt die Software, indem man ihr Bilder von
Gegenständen zeigt und sagt, das ist ein Tisch, das ist ein Auto. Wenn sie
Millionen solcher Zuordnungen erfasst hat, kann sie, selbst wenn ein Bild
verschwommen oder sehr unscharf ist, anhand von Mustern und Merkmalen die
Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der etwas Gelerntes zu sehen ist, und die
67
fehlenden Daten oder Bildwerte ergänzen. In unserem Fall werden die
Einzelbilder und damit die gesamte Aufnahme dadurch klarer und deutlicher.
Solche intelligenten Softwareprogramme gibt es auch für andere Datenquellen,
wie etwa Audioaufnahmen, Texte, Tabellen oder Zeitreihen. Die Software, die wir
einsetzen, ist frei zugänglich (Open Source), sodass sie mit Millionen von Bildern
vortrainiert worden ist, die wir nicht kennen. Das ist nicht unproblematisch – und
wird später im Prozess zum Ausschluss der so gewonnenen Dateien führen.
Denn wenn Näherungswerte fehlende Informationen ersetzen, können andere
kleine Aspekte eines Bildausschnittes, sogenannte Artefakte, überschrieben
werden, also das, was beim Anschauen verschwommen wirkt. Es verschwindet
damit. Tatsächlich ist diese Form von künstlicher Intelligenz (KI) dadurch zwar
hilfreich – aber zugleich auch gefährlich. Hilfreich, weil sie einen deutlich klareren
Eindruck einer Aufnahme vermittelt. Gefährlich, weil auch Informationen
überschrieben werden können, die nur einmal kurz in einem Bildframe
auftauchen, danach aber nicht mehr. Die Software identifiziert sie dann
gegebenenfalls als Fehler und nimmt sie heraus, um das Bild schärfer zu
machen, doch im Zweifelsfall kann es ein wichtiger Aspekt gewesen sein.
Damit ist die Arbeit erst einmal getan. Nach jeder neuen Frage der Ermittler
haben wir ein weiteres Gutachten erstellt, insgesamt fünf, und es an die
Staatsanwaltschaft verschickt. Nun kommen keine weiteren Fragen mehr. Mehr
können wir aus dem vorhandenen Material auch nicht herausholen. Unsere Arbeit
ist getan.
Ich bin längst mit neuen Projekten beschäftigt, als ich sechs Monate später
die Ladung vom Landgericht in Leipzig bekomme, um im Prozess als
Sachverständiger unser Gutachten vorzustellen.
SICHERHEITSSTUFE ROT
Dutzende Polizisten und Sicherheitskräfte stehen wie eine schwarze Phalanx am
Morgen des 8. September 2017 in der Leipziger Harkortstraße. Schwer bewaffnet
sichern sie die Eingänge des Landgerichts. Ein Racheakt der United Tribuns wird
erwartet. Rund um das Gebäude und natürlich auch darin gilt daher die höchste
Sicherheitsstufe. Besucherinnen und Besucher werden zwei Mal nach Waffen
und
spitzen
Gegenständen
abgetastet,
sie
werden
durch
eine
Sicherheitsschleuse geschickt und müssen vor dem Verhandlungssaal ihre
Handys abgeben. Um den Abstand zu den Zuschauern zu vergrößern, ist die
Anklagebank mit einer zusätzlichen Tischreihe umstellt. Hier sitzen die vier Hells
Angels, denen gemeinschaftlicher Mord, zweifacher versuchter Mord und
gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird: Mario Voigt soll auf Dilan Kara
geschossen haben. Patrick Boldt, Ex-Chef des später aufgelösten Leipziger Hells
Angels-Ablegers, wird vorgeworfen, auf den am Boden Liegenden eingetreten zu
haben, ebenso wie Samu Török und Michael Botte. Alle vier hatten wir im Video
zuordnen können. Jeder der Angeklagten hat zwei Verteidiger mitgebracht. Die
erklären gleich zu Beginn des Prozesses, dass sich »derzeit« keiner ihrer
Mandanten zu den Vorwürfen äußern will. Das Gleiche gilt für die ersten Zeugen,
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die dem Lager der Hells Angels zugerechnet werden, sowie die beiden TribunsMitglieder, die jeweils von einem Schuss getroffen wurden und nur knapp
überlebten. Es gilt der Ehrenkodex der Rocker-Clans: Schweigen ist
Bruderpflicht. Lediglich ein Polizeibeamter sagt aus, dass einer der beiden
Angeschossenen in der Vernehmung den Todesschützen auf einem Foto erkannt
und identifiziert habe.
Schon am ersten Verhandlungstag zeigt sich: Dieser Prozess wird langwierig
und schwierig. Die Verteidiger versuchen alles, damit das Video nicht als
Beweismittel vor Gericht zugelassen wird. Frank Dübel*, einer der beiden
Anwälte von Mario Voigt, sagt, das Video sei ohne Zustimmung des Angeklagten
entstanden, sein Recht am eigenen Bild damit verletzt worden. Die Einführung
des Videos in die Ermittlungsakte verstoße zudem gegen geltendes
Datenschutzrecht. Doch das Gericht lässt die Einwände nicht gelten. Einiges
davon lese ich in der Zeitung. Doch wie erbittert um das Video tatsächlich
gerungen wird, bekomme ich nicht mit.
Als ich am 25. Oktober zum ersten Mal zum Gericht fahre, bin ich daher nicht
vorbereitet auf das, was mich in den nächsten Stunden und den darauffolgenden
Monaten erwarten wird. Dummerweise ist ausgerechnet an jenem Mittwoch die A
38 von Dresden nach Leipzig gesperrt; ich muss einen Umweg nehmen und dann
quer durch die Stadt fahren. Dabei komme ich durch die Eisenbahnstraße. Auch
die ist dicht, weil kurz zuvor eine Straßenbahn aus den Schienen gesprungen ist.
Das fängt ja gut an, denke ich und rufe beim Gericht an: »Labudde hier, ich bin
Gutachter im Rocker-Verfahren und stehe gerade in der Eisenbahnstra…«
»Wie Eisenbahnstraße?«, fällt mir die Frau am anderen Ende ins Wort. »Sie
wissen schon, dass die Verhandlung im Gericht ist, und nicht am Tatort!«
Nun ja. Das Missverständnis lässt sich aufklären. Doch ich komme viel zu
spät am Gericht an. Der Prozess läuft bereits, als ich vor dem Saal einem
Justizbeamten die Situation erkläre und frage, was ich jetzt tun soll. Er rät mir, bis
zur nächsten Verhandlungspause abzuwarten und solange im Zuschauerraum
Platz zu nehmen. Der ist voll besetzt mit großen, muskelbepackten Männern:
links die United Tribuns, rechts die Hells Angels. Zwischen den United Tribuns ist
noch ein Platz frei, auf den setze ich mich. Vorn geht es offenbar gerade um
mich. Ich bekomme mit, wie die Verteidiger der Angeklagten versuchen, mich für
befangen erklären zu lassen, weil ich noch nie zuvor bei Gericht als Gutachter
aufgetreten sei. Sie zweifeln meine Kompetenz an. Es geht eine Weile hin und
her. Irgendwann wird mir das zu bunt, und ich rufe aus dem Publikum heraus:
»Wenn Sie Fragen haben, können Sie die auch gern persönlich an mich stellen!«
Das kommt nicht gut an. Denn als Gutachter Geladene dürfen nur dann aktiv
am Prozess teilnehmen, wenn sie schon vereidigt wurden, wie mich der
Vorsitzende Richter aufklärt. Das wusste ich nicht. Er unterbricht die Verhandlung
und bittet mich, schnellstmöglich vorn beim Staatsanwalt Platz zu nehmen und
mit meiner Präsentation zu beginnen. Ich hole also meinen Laptop und projiziere
die Ergebnisse meiner Gutachten über einen Beamer auf die Leinwand, die vorn
im Gerichtssaal aufgebaut ist, erläutere die Methodik der Schuss- und
Korrespondenzanalyse und wie wir bei der Zuordnung der Personen
vorgegangen sind.
69
Kaum ist mein Vortrag beendet, kommt die erste Frage: »Haben Sie
überprüft, ob das Video echt ist?«, will einer der Anwälte wissen. Spätestens da
ist mir klar: Das Video und damit ich als sein Gutachter sind von nun an
Zielscheibe der Verteidigung. Ich antworte, dass das zu überprüfen nicht mein
Auftrag war. Also stellt der Anwalt den Antrag, das Video auf seine Echtheit zu
überprüfen. Der Richter stimmt zu und will dann noch wissen, welche Rolle der
erste Tritt spielte, der beim Zusammentreffen der beiden Gruppen von einem
Mitglied der United Tribuns ausging. »Auch das herauszufinden war nicht mein
Auftrag«, sage ich wieder und bekomme den Auftrag nun.
Zurück am Institut suchen meine Mitarbeiter und ich zunächst nach
irgendwelchen Hinweisen auf Manipulationen, also Auffälligkeiten im Video. Dafür
schauen wir uns noch einmal die 1093 Einzelbilder an, suchen nach
Unterschieden, also Sprüngen zwischen einem Bild und dem darauffolgenden.
Diese könnten einen Hinweis darauf geben, dass das Video geschnitten wurde.
Wir achten dabei vor allem auf den Vordergrund, also wenn ein Auto vorbeifährt,
ob es ungewöhnlich große Abstände zum vorangegangenen Bild gibt. Doch an
keiner Stelle können wir einen solchen Sprung feststellen. Eine Manipulation des
Videos kann darum ausgeschlossen werden. Auch für die Frage nach der Rolle,
die der Initialtritt gespielt hat, gehen wir Bild für Bild durch. Diesen Tritt machte
Navid Bostak*, 33, der Vizepräsident der United Tribuns, jener Mann, der am
Tattag Stunden zuvor den Streit ausgelöst hatte, als er den Hells Angel Voigt
schlug und warnte, sich nicht noch einmal in Hells-Angels-Shirt in der
Eisenbahnstraße sehen zu lassen. Zu erkennen ist im Video, dass alle anderen
sich an ihm zu orientieren scheinen. Hinter Bostak steht ein Mann, der eine
ähnliche Bewegung macht, sich zurückbeugt, dann das Bein hebt und schließlich
auch den Arm. Könnte er einen Gegenstand geworfen haben? Doch egal, was
wir auch versuchen, wir bekommen das Bild nicht so scharf, dass der Wurf eines
Gegenstandes sichtbar wird. Am nächsten Verhandlungstag müssen wir die
Frage offenlassen, was genau dieser Mann hinter Bostak tat.
WER IST HIER EIGENTLICH DER ANGEKLAGTE?
Das war freilich erst der Anfang. Die Verteidiger nutzen von nun an jede
Gelegenheit, uns wahlweise als inkompetent oder befangen darzustellen. Immer
neue Fragen werden von ihnen auf uns abgefeuert. Einmal geht es um die
Korrespondenzanalyse. Einer der Angeklagten trug bei der Festnahme eine blaue
Jeans. Im Video sieht diese Hose aber schwarz aus. Dafür ist die Komprimierung
des Videos verantwortlich, durch sie lässt der mittlere Farbwert der Umgebung
die Hose schwarz erscheinen. Im Grunde einfach erklärbar. Doch die Anwälte
nutzen das für eine Attacke auf unsere Analysemethode: »Das ist also schwarz,
obwohl es eigentlich blau ist. Ist dann die blaue Hose von diesem Mann im Video
schwarz, obwohl sie eigentlich blau ist? Welchen Aussagewert haben die
Merkmale dann überhaupt?« Eine Stunde lang geht das so – und dient ganz
offensichtlich nur dazu, Verwirrung und Zweifel zu säen.
70
Die Prozesstage ziehen sich hin, immer neue Fragen kommen auf und
Anträge werden gestellt. Insgesamt zehn Mal müssen mein Kollege und ich im
Prozess erscheinen. Einmal wollen die Anwälte wissen, warum wir in einem der
Gutachten nur 14 Personen zuordnen, in einem anderen 13 und nicht alle 15
Hells Angels. Das lag daran, dass die Polizei uns zu unterschiedlichen
Zeitpunkten bat, mithilfe verschiedener Einzelbilder aus dem Video eine Art
Draufsicht zu erstellen, in der wir jede bis dahin zugeordnete Person kenntlich
machen sollten. Darum waren in so einer Skizze mal nur 13, mal 14 Personen zu
finden und nicht jeweils alle 15. Für die Anwälte ist das der Beweis, dass wir
befangen sind: »Sie machen also alles, was die Ermittler von ihnen verlangen!«,
werfen sie uns vor. »Wie unabhängig sind Sie dann eigentlich als
Sachverständiger? Das ist doch keine Wissenschaft.« Ich fühle mich in solchen
Sitzungen, als säße auch ich auf der Anklagebank – zumindest für die Anwälte.
ZEIGT EIN VIDEO DIE REALITÄT?
Auch unsere Analyse, dass das Video nicht manipuliert wurde, zweifeln sie an
einem anderen Verhandlungstag plötzlich wieder an und geben ein eigenes
Gutachten bei einem Berliner Bildforensiker in Auftrag. In einer Sequenz ist die
Armbewegung eines Hells Angels zu sehen. Der Bildforensiker hält diese für zu
schnell; ist das ein Indiz für eine erhöhte Bildrate beziehungsweise Framerate –
und damit für eine Manipulation. Die Framerate ist die Anzahl der Bilder, die in
einem Video pro Sekunde aufeinander folgen. Erst durch diese Abfolge entsteht
beim Anschauen der Eindruck einer Bewegung. In einem dieser Einzelbilder
dieser Sequenz gebe es zudem eine Unstimmigkeit in der Pixelfolge, ein Artefakt
also, unten auf der Straße. Zwei Fehler in einer Bildfolge, das sei ein Beweis für
eine Manipulation, sagt der Gutachter.
Ich kann das entkräften. Denn tatsächlich lassen sich diese Fehler durch die
Lichtveränderung erklären, die entsteht, wenn hochpolierte Autos durch das
Video fahren, das Licht reflektieren und so die Szene anders beleuchten. Das
führt dazu, dass die Kamera neu fokussieren und damit einen neuen
Weißabgleich machen muss. Ich gehe also mit dem Bildforensiker nach vorn an
die Präsentationsleinwand und lasse das Video ganz langsam ablaufen, um zu
zeigen, wie die vorbeifahrenden Fahrzeuge durch die Lichtreflexionen eine Art
Welle erzeugen, die sich durch das gesamte Video zieht, und so an einer
anderen Stelle etwa den Eindruck erwecken, dass eine Laterne wackelt. Das
führt auch zu einer veränderten zeitlichen Auflösung der Bewegung einzelner
Personen und kann wie eine vermeintlich zu schnelle Armbewegung wirken, oder
es erzeugt Artefakte immer dann, wenn ein Fahrzeug vorbeifährt. Meine
Argumentation überzeugt den Kollegen. Doch die Anwälte nehmen meine
Antwort gleich zum Anlass für den nächsten Angriff: »Das heißt also, das ganze
Video kann nicht ausgewertet werden, weil es gar nicht die Realität wiedergibt?«
Das sei jetzt aber eine sehr philosophische Frage, ob ein Video die Realität
wiedergibt, antworte ich. Nun wird es auch dem Richter zu bunt: »Schluss. Aus.
71
Wir fangen jetzt hier nicht an, darüber zu diskutieren, ob ein Video die Realität
abbildet.«
Irgendwann kurz vor Weihnachten merke ich, wie das Dauer-Bombardement
der Anwälte mir zusetzt. Ihre Taktik, mich aus der Fassung zu bringen, meine
Glaubwürdigkeit und Kompetenz anzuzweifeln, zeigt Wirkung. Als sie mich mit
unterschiedlichen Abkürzungen der Namen ihrer Mandanten attackieren, und ich
dadurch die von uns in den Schaubildern eingetragenen Namensabkürzungen
durcheinanderbringe, merke ich, dass ich nicht mehr kann. Ich bitte die
Verhandlung abzubrechen und auf den nächsten Termin zu vertagen. Der Richter
kommt der Bitte nach. Als wir im neuen Jahr dann zum ersten Mal wieder
zusammenkommen, begrüßt mich einer der Anwälte vor Gericht mit den Worten:
»Na, Herr Professor, sind wir heute mal gesund? Oder brechen wir wieder früher
ab?« Diese Art der »psychologischen Kriegführung« ist neu für mich. Dennoch
weiß ich natürlich, dass es das Recht und auch die Aufgabe der Verteidigung ist,
Zweifel zu säen. Ein Urteil soll schließlich zweifelsfrei gefällt werden.
WAS KANN, WAS DARF INTELLIGENTE SOFTWARE VOR GERICHT?
Ein anderes Mal geht es darum, was all die anderen Hells Angels taten, die
weder schossen noch auf Dilan Kara eintraten. In einer Sequenz sieht es so aus,
als ob einer der Männer eine Flasche aufhebt und in Richtung United Tribuns
wirft. Doch egal, wie sehr wir diese Sequenz auch bearbeitet haben: Sie war nicht
klarer zu bekommen. Darum entscheide ich mich, nun im Prozess die Bilder
einzusetzen, die wir mit einer Künstliche-Intelligenz-Software bearbeitet haben.
Während ich das erste Bild zeige, erkläre ich, wie diese Software funktioniert und
dass sie mithilfe von Fotos darauf trainiert wurde, auf diesen Objekte zu
erkennen, selbst wenn sie nur sehr undeutlich zu sehen sind. Die Software
berechnet dann anhand der Umgebungsbilder, mit denen sie trainiert wurde, die
wahrscheinlichste Variante der unscharfen Objekte und verbessert sie
entsprechend. Tatsächlich ist auf dem einen Bild nun klar zu sehen, dass der
Pixelklumpen auf dem Boden eine Flasche ist, vor der eine Flüssigkeitslache
liegt. Auf dem nächsten, dass der Mann sie hochhebt, auf einem weiteren, dass
sie durch die Luft fliegt. Die Verteidigung will wissen, ob wir diese Software selbst
trainiert hätten. Als ich antworte, dass wir eine vorprogrammierte Software
benutzt haben, weiß ich sofort, dass das nun zum Problem wird.
»Sie sind also nicht in der Lage, uns die Bilder zu zeigen, mit denen die
Software trainiert wurde?«
»Nein«, sage ich, aber es gehe auch nicht um die Trainingsbilder, sondern um
die Geometrien und Objekte, die gelernt wurden. Doch das überzeugt den Anwalt
nicht. Er beantragt, diese Bilder in der Hauptverhandlung nicht zuzulassen. Das
Gericht gibt dem Antrag statt. Doch da haben alle im Gerichtssaal auf dem
Bildschirm das Foto, das die Flasche eindeutig zeigt, längst gesehen. Und
natürlich trägt das dazu bei, dass im weiteren Verlauf niemand mehr daran
zweifelt, dass die Flasche von dem Mann geworfen wurde.
72
Ich bin mir bewusst, dass das nicht unproblematisch ist. Die Frage, welche
Rolle künstliche Intelligenz (KI) in der Forensik spielen kann und soll, wird sich
die Justiz in Zukunft verstärkt stellen müssen. Natürlich ist es hilfreich,
Unkenntliches auf Bildern und Videos mithilfe intelligenter Systeme kenntlich zu
machen. Es kann sogar entscheidend sein, wenn es sich um eine Tatwaffe
handelt. Doch alles Visuelle ist für den Betrachter manipulativ. Deshalb ist es
absolut richtig, dass die Anwälte so sehr darauf pochten, zweifelsfrei
festzustellen, ob das Video manipuliert worden sein kann. Und deshalb bin auch
ich davon überzeugt, dass forensische KI-Methoden mit Vorsicht einzusetzen
sind und vor Gericht keine überhöhte und alleinige Beweiskraft haben sollten. Sie
können Bilder verbessern, doch es muss sichergestellt sein, dass keine
Information hinzugefügt wird, die es vorher nicht gab. In Zukunft müssen solche
Systeme, die zur Analyse und vor Gericht eingesetzt werden, auf ihre
Schwachstellen und Manipulationsmöglichkeiten hin überprüft und auch
transparent dargestellt werden. Es muss klar sein, welche Merkmale zur
Erkennung verwendet wurden.
DROHUNGEN UND ANFEINDUNGEN
Einige Wochen später soll es in der Verhandlung um die Taten der
Hauptangeklagten gehen. Mein Kollege und ich sind gut vorbereitet, können jede
einzelne Handlung von ihnen mithilfe der Korrespondenzmethode abbilden und
nachvollziehen. Wir sind uns sicher, dass es an diesem Tag gut laufen wird. Doch
kaum habe ich meinen Laptop ausgepackt, stellt einer der Anwälte erneut einen
Antrag auf Befangenheit gegen mich: Ich hätte ein Interview zum laufenden
Verfahren gegeben, begründet er diesen.
Ich stutze: »Wie kommen Sie darauf? Ich habe kein Interview gegeben.«
»Doch«, behauptet er und verweist auf die Sendung »MDR um 4«, in der ich
im April 2018 eingeladen war. Er fordert, die Aufzeichnung der Sendung in der
Mediathek zu suchen und im Prozess zu zeigen. Tatsächlich ging es in der
Sendung aber nur allgemein um meine Arbeit. Nur als ich vorgestellt wurde,
sagte die Moderatorin, dass ich aktuell auch im Prozess gegen die Hells Angels
Gutachter sei. Es wird schnell klar, dass die Anwälte mal wieder nur ein
Störmanöver ausprobieren. Plötzlich wollen sie dann doch nicht mehr, dass die
Aufzeichnung im Prozess gezeigt wird. Aber der Richter besteht nun seinerseits
darauf. Also wird die Sendung angeschaut. An einer Stelle erkläre ich der
Moderatorin, dass man sich Forensik wie Puzzeln vorstellen müsse. Da haken
die Anwälte dann im Anschluss wieder nach. Wie ich das denn gemeint habe. Sie
lassen die Sequenz wieder und wieder ablaufen und fragen: »Nehmen Sie das
alles hier also gar nicht so ernst? Ist das nur ein Spiel für Sie?« Ich bleibe ruhig
und erkläre, was Puzzeln bedeutet, und wie ich das im übertragenen Sinne
gemeint habe. So geht es weiter. Am Ende ist allen klar, dass dies ein erneuter
Versuch der Anwälte war, mich zu diskreditieren. Der lief allerdings ins Leere.
Doch nicht nur vorn im Gericht ist die Stimmung zwischen Verteidigung,
Angeklagten, Staatsanwaltschaft und Gutachtern angespannt. Die Angeklagten
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schauen mich jedes Mal vorwurfsvoll an, wenn ich etwas für sie Belastendes
sage. Auch hinten im Zuschauerraum wird es dann stets unruhig. Es wird geraunt
und geflüstert. Als es um den Tritt geht, den Samu Török im Video dem am
Boden liegenden Opfer verpasste, und ich sage, dass aus dem Video eine
bewusste, zielgerichtete Bewegung ableitbar sei, zieht eine Frau auf der
Zuschauerbank ihren gestreckten Zeigefinger quer an ihrem Hals entlang – eine
eindeutige Geste, dass man mir den Hals abschneiden möge. An manchen
Verhandlungstagen gehe ich daher mit einem komischen Gefühl aus dem Saal
und frage mich, ob ich draußen vor dem Gebäude mit einer Überraschung
rechnen muss. Auch die Raucherpausen sind oft unangenehm. Vor dem
Haupteingang am Landgericht steht jeweils rechts und links ein Aschenbecher.
An dem einen versammeln sich die Hells Angels, an dem anderen die United
Tribuns. Als ich zum ersten Mal mit meiner Schachtel in der Hand vor die Tür
trete, schaue ich nach rechts, nach links und frage mich, wohin ich mich stellen
soll. Ich entscheide mich für die Mitte, bleibe direkt vor der Tür stehen und zünde
mir meine Zigarette an. Da kommt ein Justizbeamter und weist mich darauf hin,
dass Rauchen nur an den Aschenbechern erlaubt sei. Ich erkläre ihm mein
Problem. Er runzelt die Stirn, überlegt einen Moment und sagt dann: »Okay, dann
dürfen sie als Einziger in der Mitte rauchen.«
KEINE WEITEREN FRAGEN
Mehr als anderthalb Jahre zieht sich die Verhandlung schließlich hin, immer
wieder werden Termine abgesagt oder verschoben. Am 20. Mai 2019 stehen wir
erneut im Gerichtssaal, beantworten wieder und wieder Fragen. In einer der
Unterbrechungen bekomme ich schließlich mit, wie der Verteidiger Frank Dübel
einen der anderen Anwälte fragt: »Hast du noch Fragen?« Der denkt kurz nach
und antwortet dann: »Nein.«
»Ich auch nicht mehr«, sagt Dübel.
Da weiß ich: Ich habe es geschafft.
So anstrengend und kräftezehrend der Prozess auch war, das Verfahren hat
mich viel gelehrt: Wie wenig ich vorher vom taktischen Rollenspiel der
verschiedenen Parteien im Prozess wusste, zum Beispiel. Und dass
Wissenschaft und die Verteidigung eines wissenschaftlichen Gutachtens vor
Gericht zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. So verschieden wie Gerechtigkeit
und Recht. Wer glaubt, vor Gericht könne man einfach nur sein Fachwissen so
präsentieren, wie man das vielleicht bei einer wissenschaftlichen Tagung tut, liegt
falsch. Die Frage nach einem zweifelsfreien Nachweis bezieht sich nicht allein auf
Methodik und Methoden, sondern auf das gutachterliche Gesamtpaket. Weder an
der Präsentation noch am Präsentierenden darf ein Zweifel aufkommen. Doch
genau das versucht die Verteidigung: in allen Bereichen Zweifel zu säen. Es geht
dabei viel um Psychologie, um Eindrücke, die erweckt werden sollen. Wenn sich
etwa die Anwälte mit den Angeklagten an jedem neuen Verhandlungsmorgen zur
Begrüßung fröhlich abklatschen, soll das selbstbewusste Gelassenheit
suggerieren, die Überzeugung, im Recht zu sein. All das soll die Gegenseite
74
verunsichern. Für einen Naturwissenschaftler wie mich ist das eine neue und
befremdliche Erfahrung.
Zwei Wochen später, am 4. Juni 2019, verkündet der Vorsitzende Richter das
Urteil: Mario Voigt, Patrick Boldt, Samu Török und Michael Bott werden wegen
gemeinschaftlichen
Mordes,
versuchten
Mordes
und
gefährlicher
Körperverletzung in zwei Fällen zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt. Er
begründet das damit, dass die vier nach einem gemeinschaftlichen Plan
gehandelt hätten. Sie waren mit fünf Messern und zwei Pistolen bewaffnet. Es sei
um Machtkämpfe und die Vormachtstellung im Revier gegangen. Die Taten seien
unter anderem durch das Video belegt, so der Richter. Auch Staatsanwalt Dieter
Wohltat hatte es in seinem Plädoyer noch einmal betont: Ohne dieses Video wäre
der Tatnachweis schwierig gewesen.
Die Anwälte der Hells Angels gehen in Revision. Das war zu erwarten. Erneut
argumentieren sie, dass das Video ohne Einwilligung der Gezeigten gemacht
worden sei und damit ihre Persönlichkeitsrechte verletze. Doch der
Bundesgerichtshof verwirft die Revision im September 2020. Das Urteil ist damit
rechtskräftig. Als der Staatsanwalt mich darüber informiert, bin ich sehr
erleichtert.
75
KAPITEL 7
DAS SKELETT DER TÄTER – DER GOLDMÜNZENRAUB
Diese Geschichte beginnt mit einem Zufall, endet in einem Desaster und ist
dennoch ein Glücksfall für mich – auch wenn ich eine Weile brauche, um das so
zu sehen. Es geht um einen der spektakulärsten Raubfälle der vergangenen
Jahre. Im März 2017 wird im Berliner Bode-Museum die 100 Kilo schwere »Big
Maple Leaf« aus dem Münzkabinett gestohlen, eine der größten Goldmünzen der
Welt mit einem Wert von 3,75 Millionen Euro. V-Leute der Polizei geben schon
kurz darauf einen Hinweis, dass eine aus dem Libanon stammende Großfamilie
damit zu tun habe; zwischenzeitlich geraten bis zu neun Männer unter Verdacht.
Am Ende werden zwei Brüder und ein Cousin angeklagt, ein Wachmann des
Museums soll zudem ihr Komplize gewesen sein. Sie sind zwischen 20 und 24
Jahre alt, einer ist Kurierfahrer, einer noch Schüler, und einer gibt an zu
studieren. Über die Hochbahngleise der S-Bahn, die hinter dem Museum
entlangführen, sollen die drei mithilfe einer mitgebrachten Leiter zum defekten
und nicht alarmgesicherten Fenster eines Umkleideraums im zweiten Stock des
Museums und von dort in den Ausstellungsbereich gelangt sein. Im Museum
zertrümmerten sie mit einer Axt in Raum 234 eine Vitrine, hievten die schwere
Goldmünze auf ein Rollbrett und fuhren sie zurück zum Fenster. Dort warfen die
Männer sie auf die Gleise. Mit einer Schubkarre transportierten sie das wertvolle
Stück dann über die Gleise bis zu einem Park in der Nähe des Bahnhofs
»Hackescher Markt«, seilten sie ab und schafften sie mit dem Auto weg.
Die Beweislage ist dürftig. Bei den Verdächtigen werden zwar Werkzeuge, im
Internet recherchierte Goldpreislisten und vor allem an verschiedenen
Kleidungsstücken und Orten, wie dem Auto eines der Verdächtigen, Glassplitter
und Goldpartikel in extremer Reinheit von 99,999 Prozent gefunden, die typisch
für die »Big Maple Leaf« ist. Um für diese Qualität zu werben, war die Goldmünze
einst als eine von weltweit fünf mit dem Porträt der britischen Königin Elizabeth II.
hergestellt worden. Doch das sind alles nur Indizien. Die Tatverdächtigen
schweigen, es gibt keine Zeugen, und die Münze bleibt verschwunden. Experten
fürchten, dass sie eingeschmolzen und stückweise verkauft wurde. Doch dann
fällt
einem
Beamten,
der
die
Videoaufzeichnungen
aus
der
Überwachungskamera am Gleis des S-Bahnhofs Hackescher Markt auswertet,
etwas auf: In zwei verschiedenen Nächten vor der Tat und in der Tatnacht selbst
sind einmal zwei und zweimal drei Männer zu sehen, die jeweils in die gleiche
Richtung bis zum Ende des Gleises in Richtung Bode-Museum laufen. Es wirkt,
als seien es dieselben Männer, sie haben die gleiche Statur und einer eine
besondere Art zu gehen; sein rechter Fuß knickt nach außen ab. Ihre Gesichter
verstecken sie hinter Basecaps, Kapuzen und Schals, halten sich die Hand vors
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Gesicht oder drehen sich bewusst weg von der Kamera. Die Ermittler sind sich
sicher, dass es sich um die Täter handelt. Doch wie lässt sich das nachweisen?
Sie haben bei den Verdächtigen Kleidungsstücke beschlagnahmt, die
aussehen wie jene, die die Männer im Video tragen. Nun sucht die
Staatsanwaltschaft jemanden, der zeigen kann, dass es sich tatsächlich um
dieselben Stücke handelt. Außerdem wollen sie wissen, ob in den Videos immer
dieselben Männer zu sehen sind, und ob es eine Möglichkeit gibt, sie an der Art,
wie sie gehen, den Tatverdächtigen zuzuordnen. Der Zufall will es, dass auch
eine Freundin von mir, die Rechtsmedizinerin ist, gefragt wird, ob sie nicht
jemanden kenne, der so eine Video-Auswertung machen kann. Sie empfiehlt
mich. Kurz darauf telefoniere ich mit der Staatsanwältin, und schon im Juli 2017
liegen die Videos bei mir im Büro. Tatsächlich ist auf allen dreien der auffällige
Gang einer der Personen auf den ersten Blick zu erkennen. Um die
Übereinstimmung nachzuweisen, schauen wir uns aber zunächst die Kleidung
der Männer an. Sechs Wochen haben wir eigentlich dafür Zeit. Doch die Frist ist
schon bald Makulatur, denn alle paar Wochen haben die Ermittler neue Fragen,
schicken Bilder von zusätzlich beschlagnahmten Kleidungsstücken oder wollen
weitere Verdächtige ausschließen.
AUFFÄLLIGER GANG UND STREIFEN AM SCHUH
Wir beginnen mit einer klassischen Videoanalyse, zerlegen die Aufzeichnungen
in einzelne Bilder und suchen nach Übereinstimmungen zwischen den insgesamt
acht Personen (drei in zwei Videos und zwei in dem dritten). Wir schauen uns
ihre Größe, Statur, alle äußeren Merkmale an. Danach untersuchen wir die
Kleidungsstücke und gleichen sie mit den sichergestellten Gegenständen der
Verdächtigen ab. Bei etlichen lassen sich Übereinstimmungen feststellen, einem
Basecap der Marke Nike etwa und einer auffälligen Jacke. Komplizierter ist es bei
den Turnschuhen von einem der Männer im Video. Der gleiche Markenschuh
wurde zwar bei einem der Verdächtigen sichergestellt, doch die Farbe der
Seitenstreifen ist nicht identisch. Der sichergestellte Schuh hat zweifarbige
Streifen, im Video sieht es so aus, als seien sie einfarbig. Wir vermuten, dass die
Überwachungskamera schuld an der Andersfarbigkeit ist, doch es gibt den Schuh
tatsächlich auch mit einfarbigen Streifen. Um nachzuweisen, dass es sich um
denselben Schuh handeln kann, müssen wir also nachweisen, dass die Kamera
für die Farbveränderung verantwortlich ist. Wir fragen beim Hersteller nach.
Dieser bestätigt, dass er seine Überwachungskameras nicht auf Farbechtheit
testet; das Video bildet die Farbwerte nicht in einer Qualität ab, wie es etwa eine
gut ausleuchtende Studiokamera tun würde. Nun gilt es nachzuweisen, wie die
Überwachungskamera die Farben verändert. Dafür lassen wir an einem Abend im
März 2018 Polizisten einen bunten und einen weißen Regenschirm auf dem
Treppenabsatz am Bahngleis platzieren, dort, wo der Schuh aufgenommen
wurde. Zum Abgleich werden beide Schirme in einem Studio unter optimaler
Ausleuchtung aufgenommen. Damit können wir nachweisen, dass die
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Überwachungskamera die Farben stark verändert und die Streifen am Schuh im
Video sehr wohl identisch sein können mit jenen an dem sichergestellten Schuh.
Als Nächstes schauen wir uns die Männer in den Videoaufzeichnungen
genauer an. Wir beginnen mit demjenigen, dessen Fuß beim Gehen stark nach
außen abknickt, was vor allem beim Treppensteigen gut zu erkennen ist. Also
nehmen wir in allen drei Videos ein Bildframe dieses Mannes, das ihn beim
Treppensteigen zeigt, und stellen die drei Bilder nebeneinander. Dabei ist die
Übereinstimmung deutlich zu erkennen. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um
dieselbe Person. Ähnlich verfahren wir bei dem nächsten Mann. Er trägt in allen
drei Aufnahmen den gleichen Schuh und hat eine vergleichbare Statur.
Außerdem ist bei ihm ein leichtes Einknicken des rechten Knies zu beobachten;
seine Art zu gehen wirkt am ruhigsten und ausgeglichensten. Auch das Verhalten
ist an den drei Tagen ähnlich: Dieser Mann geht stets voran, schaut sich nach
den folgenden um, ist am stärksten zielgerichtet. So lassen sich immer mehr
Übereinstimmungen finden. Den einen Teil des Auftrags, nachzuweisen, dass die
Männer in den drei Videos jeweils dieselben sind, können wir mithilfe der
klassischen Videoanalyse so schließlich erfüllen. Doch was ist mit der zweiten
Frage, ob die Männer in den Videos dieselben sind wie die Tatverdächtigen?
Abgesehen davon, dass das, was die Männer im Video tragen, und die
sichergestellten Kleidungsstücke übereinstimmen, scheint es keine weiteren
charakteristischen Merkmale zu geben – etwa Tattoos wie im Rocker-Prozess. Zu
gut verdecken die Männer im Video ihre Gesichter vor der Kamera. Nur an einer
Stelle ist das Gesicht von einem teilweise von der Seite zu sehen, er trägt einen
Dreitagebart. Auf den erkennungsdienstlichen Bildern der Tatverdächtigen tragen
aber fast alle Dreitagebärte. Diese Fährte führt also nicht weiter.
Ich denke viel darüber nach, welche Möglichkeiten wir sonst noch haben,
charakteristische Merkmale herauszuarbeiten, um die Tatverdächtigen den
Männern in den Videos zuordnen zu können. Der auffällige Gang in allen drei
Videos ist ein Ansatzpunkt. Nur: Der Abgleich von Personen in verschiedenen
Videos, also von Video-Aufnahme zu Video-Aufnahme, ist das eine. Aber ist ein
solcher Abgleich auch mit einem Tatverdächtigen möglich? Es ist bekannt, dass
die Anatomie einer Person sich auf die Art zu gehen auswirkt. Man kennt das von
Schuhen, deren Sohlen zum Beispiel durch Ab- oder Einrieb sehr individuell
abgenutzt werden. Zwar können Menschen ihren Gang bewusst verändern, doch
in dynamischen Situationen wie etwa beim Treppensteigen ist es fast unmöglich,
den individuellen Gang zu verändern. Das liegt vor allem daran, dass man beim
Treppensteigen einen besonderen Kraftaufwand braucht, um die Bewegung
auszuüben, und dabei auf sein Gleichgewicht achten muss. In jeder Spur gibt es
einen dynamischen und einen statischen Anteil. Bei dem dynamischen geht es
immer um die Frage, wie diese Spur entstanden ist. Wenn also auf dem Video
jemand zu sehen ist, der seinen Fuß immer abknickt, dann müsste
logischerweise der Schuh desjenigen dieses Gangbild irgendwie abbilden – also
in der Spur sichtbar sein. Wir schauen uns daraufhin das Foto des wegen seiner
Farbstreifen bereits untersuchten Turnschuhs und seine Sohle genauer an.
Tatsächlich ist außen an der Sohle eine auffällige Veränderung zu sehen, die
darauf hindeutet, dass durch den nach außen abknickenden Gang diese Zone
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stärker belastet gewesen sein könnte. Das ist häufig bei Menschen zu
beobachten, die einen o-beinigen Gang haben. Wir werten die auffällige
Abnutzung der Schuhsohle daher als ein Zuordnungsmerkmal.
DAS SKELETT DER TÄTER ALS ERKENNUNGSMERKMAL
Die Art, wie die Männer im Video gehen, bringt mich auf eine weitere Idee. Ich
spreche zu jener Zeit in einer meiner Vorlesungen mit den Studierenden gerade
über das Typische des Bewegungsapparats. Dass es bestimmte Krankheiten,
Haltungs- und Bewegungsfehler gibt, die sich auf den Gang eines Menschen
auswirken. Dahinter steht die Frage: Wie einzigartig ist das individuelle Skelett
eines Menschen? Ich überlege nun also, ob es möglich ist, einen Abgleich des
Bewegungsapparats für die Männer im Video und die Verdächtigen zu erstellen –
also eine Art Bewegungs- oder Gangbild-Analyse auf der Grundlage ihres
Skeletts. Es ist die Zeit, in der Künstliche-Intelligenz-Software beginnt, Fotos und
Videos auszuwerten, auch für Bewegungen. Sogenannte Dance-Pose-Videos
kommen auf. Das sind Videos, in denen Softwareprogramme die Bewegungen
von Menschen erkennen können, indem sie identifizieren, wo sich die wichtigsten
Körperteile und Gelenke – Nase, Augen, Ohren, Schultern, Ellbogen, Hüfte,
Handgelenke, Knie und Knöchel – befinden, und mit ihrer Hilfe eine Art virtuelles
Skelett erstellen, auch Rig genannt. Für Animationsfilme und Computerspiele
werden diese schon länger genutzt. Ich frage mich, ob diese Grundidee
übertragbar ist, ob sich das Gangbild der Männer im Video nicht entsprechend
analysieren und auf die der Verdächtigen übertragen lässt. Dafür müssten wir
einen digitalen Zwilling der Tatverdächtigen erstellen, um von ihm ein Rig ableiten
zu können. Dieses Rig könnte dann in die 3-D-Welt der S-Bahn-Station vom
Hackeschen Markt gestellt werden, in die auch das echte Video projiziert werden
müsste. Dann könnten beide – die Rigs der Menschen in den Videos und die der
virtuellen Zwillinge der Tatverdächtigen – wie eine Schablone übereinandergelegt
und ihre Bewegungsabläufe im Computer abgeglichen werden.
Die Idee klingt gut, doch die Umsetzung erweist sich als recht aufwendig. Ich
erkläre den Ermittlern unseren Plan. und sie nehmen mit einer 3-D-Kamera das
Bahngleis für uns auf. Mit diesen Scans bauen wir im Computer mit der Software
Blender die Station nach. Anschließend bauen wir das Überwachungsvideo
genau aus der Perspektive in unser Computermodell ein, aus der es die echte
Überwachungskamera gefilmt hatte. Die echte Videoaufnahme wird also in die
virtuell nachgebaute Bahngleiswelt gebracht. Als Nächstes müssen wir einen
virtuellen Zwilling der Tatverdächtigen erstellen, sie also photogrammetrisch
erfassen, das heißt rundum scannen, um dann die Daten in ein 3-D-Modell zu
übertragen. Dafür wollen wir eine Art Drehteller benutzen, auf den sich die zu
scannende Person stellt und mit dem wir sie dann rundum fotografieren.
Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir nur Gegenstände photogrammetrisch
vermessen. Für Menschen nutzten wir in unseren Simulationen Dummys, für die
bestimmte biometrische Körperdaten wie das echte Gewicht oder die Größe
festgelegt werden können. Ich habe hier im Buch bereits die virtuelle Autopsie
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erklärt, bei der schon heute der Körper eines Menschen durch MehrschichtenComputertomografie scheibchenweise in millimeterfeinen Schichten rundum
gescannt und so ein dreidimensionales Bild von der Haut bis zum Skelett erstellt
wird. Doch wegen der hohen Strahlenbelastung ist das nur an Leichen und nicht
an lebenden Menschen möglich. Um von dem äußeren virtuellen Zwilling der
Tatverdächtigen am Computer auf sein Skelett zu schließen, brauchen wir
bestimmte Messpunkte, die wir anhand der Gelenkknochen, zum Beispiel an der
Schulter, dem Ellbogen oder dem Knöchel bestimmen. Diese müssen wir daher
beim Fotografieren der Personen vorher durch Klebeband markieren.
Die Ermittler organisieren uns Termine mit den zu jenem Zeitpunkt fünf
verbliebenen Verdächtigen. Die übrigen vier sind inzwischen ausgeschieden, weil
sie Alibis haben oder ihre Statur nicht zu den Männern im Video passt. Im
Oktober und November 2017 fahren ein Kollege und ich zum Landeskriminalamt
in Berlin, um die fünf Männer zu vermessen. Leider sind nicht alle im
Ermittlerteam
offen
dafür,
etwas
Neues
auszuprobieren.
Ein
Vermessungstechniker bezweifelt, ob das, was wir vorhaben, funktioniert, und
wird die ganze Zeit über seine Kritik und Bedenken äußern. Das nervt. Denn ich
weiß ja, dass wir noch am Anfang einer neuen Methode stehen, die es erst zu
entwickeln gilt. Ständig gesagt zu bekommen, dass das sowieso nicht
funktionieren wird, demotiviert und belastet die Zusammenarbeit mit den
Ermittlern. Das ist etwas, was uns immer wieder mit Ermittlungsgruppen passiert.
Da heißt es dann: »Das haben wir schon immer so gemacht.« Und wer auf die
Idee kommt, etwas anders zu machen, eine neue Methode auszuprobieren, ist
suspekt. Es hat wohl auch einiges mit der Angst zu tun, die eigene langjährige
Erfahrung könnte an Wert verlieren, die erprobten Methoden sich als weniger
effektiv erweisen.
Im Fotolabor des LKA stellen wir die Verdächtigen dann jeweils auf den
mitgebrachten Drehteller und bauen unsere Stative mit zwei digitalen
Spiegelreflexkameras auf. Idealerweise müssten sie sich bis auf die Unterwäsche
ausziehen für die Aufnahmen, doch nicht jeder ist dazu bereit. Zwei verweigern
es aus religiösen Gründen, krempeln lediglich die Hosenbeine hoch. Bei einem ist
während der Photogrammetrie nicht nur sein Anwalt, sondern auch dessen
Praktikantin dabei, weshalb sich der Mann nicht ausziehen mag. Es gibt keine
Möglichkeit, ihn oder die anderen dazu zu zwingen, also müssen wir das machen,
was möglich ist. Damals sind wir auf die Schnelle zudem noch nicht so weit, dass
wir es hinbekommen, die Größenverhältnisse der real vermessenen Personen mit
den Größenverhältnissen der virtuellen Videos zu verknüpfen. Deshalb müssen
wir neben jeden der fotografierten Männer eine Messlatte stellen, damit wir später
am Computer die Skalierung zwischen digitalem Zwilling und Person im Video
anpassen und sie für einen Abgleich übereinanderlegen können.
GEFÄHRLICH GEISTESABWESEND
Als Erster ist Wissam Remmo dran, einer der Hauptverdächtigen, der in
Untersuchungshaft sitzt. Ein 20-Jähriger mit fast kindlichem Gesicht und
80
wuscheligem braunen Haar. Mein Eindruck von ihm passt so gar nicht zu dem
Bild, das ich nach der Lektüre seiner Jugendakte von ihm habe. Er ist mehrfach
vorbestraft wegen Diebstählen, Raub, Drogen. Er wird von zwei Beamten der
Ermittlungseinheit gebracht, sein Anwalt ist ebenfalls da. Wir begrüßen uns, ich
erkläre, was wir vorhaben, und bitte Wissam Remmo, sich bis auf die
Unterwäsche auszuziehen, was er anstandslos tut. Mit Klebeband markiere ich
dann die Messpunkte für das künstliche Skelett, also Handgelenk, Ellbogen,
Schulter, Knie, Knöchel usw. Die Polizisten sind angespannt. Auch ich bin nervös,
ob alles funktionieren wird. Außerdem habe ich zum ersten Mal vor einer
Verhandlung Kontakt zu einem Tatverdächtigen. Bisher bin ich ihnen immer erst
im Gerichtssaal begegnet. Wie angespannt die Atmosphäre ist, merke ich aber
erst, als ich mich ruckartig nach unten beuge, um Rezas Knöchel abzukleben.
Die anwesenden Beamten glauben, ich hätte einen Schlag von ihm bekommen
und sei deshalb so rasch in die Knie gegangen.
»Was ist passiert?«, ruft ein Polizist aufgeregt.
»Nichts«, beschwichtige ich. »Alles gut. Ich klebe nur die Knöchel ab.«
Remmo reagiert als Einziger entspannt.
Seine Kooperationsbereitschaft hat aber Grenzen. Während der Aufnahmen
bewegt er sich die ganze Zeit, kippelt auf dem Drehteller herum, was die Qualität
der Aufnahmen beeinträchtigt und die Sitzung verlängert. Als ich ihn bitte,
stillzustehen, pampt er mich an: »Ich stehe doch still.« Zum Schluss wird in einem
Nebenraum ein letztes Ganzkörperbild gemacht. Der Laborleiter schießt das
Foto, danach drehen sich alle um und verlassen den Raum. Wissam Remmo und
ich bleiben allein zurück, ich muss noch die Utensilien wegräumen und ihn von
den Klebestreifen befreien. Weil wir uns beeilen sollen, fragt Remmo, ob er selbst
die Klebebänder losschneiden könne. Ich denke nicht darüber nach, sage »Klar«
und drücke ihm geistesabwesend die Schere in die Hand. Erst da merke ich,
dass das vielleicht keine gute Idee war, versuche mir aber nichts anmerken zu
lassen. Mit klopfendem Herzen räume ich weiter die Kamera-Utensilien
zusammen. Als Remmo fertig ist, reicht er mir die Schere. Ich nehme sie und bin
sehr erleichtert. Es passt tatsächlich nicht zusammen: Er wirkt so verpeilt und
harmlos, und doch hat er diesen kriminellen Lebenslauf.
Zurück im Forensik-Labor nehmen wir die so gewonnenen Messdaten,
erstellen den 3-D-Zwilling der Tatverdächtigen und leiten daraus das virtuelle
Skelett ab, das nun jede denkbare Bewegung ausführen kann. Wir legen es über
das Originalvideo, das in das 3-D-Modell vom Stationsgleis projiziert wurde, und
gleichen die einzelnen Personen im Video mit den digital erstellten Zwillingen der
fünf Tatverdächtigen ab. Wir können zeigen, dass das Rig von drei der fünf
Tatverdächtigen mit den Personen in den Videos übereinstimmt, und es die
Bewegungen der jeweiligen Person ausüben kann. Es funktioniert also. Ich bin
begeistert. Es ist tatsächlich gelungen, mithilfe des Rigs die Tatverdächtigen
durch ihre besondere Art zu gehen den Männern im Video zuzuordnen.
Aber was ist diese Zuordnung forensisch wert? Wie viele weitere Menschen
könnten das gleiche Rig haben, das sich genauso zuordnen ließe? Könnte ich
nachweisen, dass es nur einen von einer Million Menschen gibt, hätte ich ein
neues Identifizierungsmerkmal gefunden. Ich fange an, davon zu träumen, wie
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eine Weiterentwicklung der Methode aussehen könnte, und was sie für die
Auswertung von Überwachungsvideos bedeuten würde. Doch noch kann ich die
Frage nicht beantworten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein weiterer
Mensch ein solches Skelett hat. Dazu werde ich erst viel später in der Lage sein,
zu spät für diesen Prozess. Zu jener Zeit bin ich aber überglücklich, dass die
Methode funktioniert. Mit einem Hochgefühl schreibe ich daher unser Gutachten
und liefere es Anfang Mai 2018 ab. Genauso überzeugt, dass wir dabei sind, eine
großartige Methode zu entwickeln, fahre ich fast ein Jahr später zusammen mit
einem Kollegen nach Berlin zum Prozess. In der Zwischenzeit habe ich noch an
zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Methode ausprobiert, um sie weiter zu
evaluieren. Auch diese Versuche bestätigen, dass sie funktioniert.
DAS DESASTER NIMMT SEINEN LAUF
Die Ernüchterung könnte daher kaum größer sein, als wir am 28. März 2019 nach
meinem Vortrag im Berliner Landgericht stundenlang von den Anwälten gelöchert
werden. Der Saal ist voll besetzt an diesem Tag. Vorn sitzt das Gericht, rechts
daneben die Staatsanwaltschaft, an den Seiten rechts und links leicht erhöht die
drei Tatverdächtigen mit ihrer Phalanx an Anwälten. Wir setzen uns gleich um
neun Uhr an den Tisch vor dem Gericht. Hinter uns sind die
Prozessbesucherinnen und -besucher. Ich beginne mit meinem Vortrag, projiziere
die echten Videos der Überwachungskameras über einen Beamer auf die
Leinwand, erläutere die Übereinstimmungen in der Kleidung, den Schuhen, die
Farbunterschiede. Erkläre, dass der Abgleich der kurzen Sequenz, in der das
Gesicht eines der Männer im Video von der Seite zu sehen ist, nicht weiterführt,
da alle untersuchten Tatverdächtigen zwischenzeitlich Dreitagebärte trugen. Und
dass auch die Qualität der Aufnahme zu schlecht ist, um sonstige
physiognomische Übereinstimmungen mit den Tatverdächtigen feststellen zu
können. Danach stelle ich die von uns entwickelte Methode vor, erkläre, was
virtuelle Skelette sind und wie wir diese Rigs für die Personen im Video erstellt
haben. Ich erzähle, wie digitale Zwillinge von Tatverdächtigen und die
entsprechenden Rigs für sie gemacht werden. Wie wir in das am Computer
rekonstruierte Stationsgleis das reale Video der Überwachungskamera eingefügt
und schließlich den Abgleich mit den digitalen Zwillingen gemacht haben, der mit
den Männern im Video übereinstimmt.
In der Pause nach unserem Vortrag werde ich von Journalisten umringt.
»Können Sie die Methode bitte noch mal erklären?«, fragen sie. Offenbar habe
ich das Prinzip nicht gut genug rübergebracht, so viel wird mir klar. Also versuche
ich es mit einem Beispiel aus der Filmwelt: »Sie kennen doch sicher Gollum, das
deformierte Fabelwesen aus Herr der Ringe«, sage ich. »Das war die erste Figur,
die so modelliert wurde – allerdings in umgekehrter Form. Bei ihr wurde der echte
Mensch gefilmt, und seine Bewegungen wurden dann auf die künstlich am
Computer geschaffene Trickfigur übertragen.« Inzwischen werde diese Methode
viel in Computerspielen angewandt, ergänze ich noch und merke nicht, wie viele
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Fragezeichen bei den meisten Prozessbeobachtern noch geblieben sind. Zu groß
ist meine Freude über das große Interesse an meiner Methode.
Erst als danach die Befragung beginnt, erkenne ich, dass offenbar noch vieles
unklar ist. Die Verteidiger wollen mehr zu den künstlichen Skeletten wissen, den
Rigs und den unterschiedlichen Werten. Ich versuche zu erklären, wie wir im
Computer Abstandswerte und Längen des Rigs und der realen Video-Personen
ausgerechnet haben, um diese miteinander abzugleichen. Doch diese Werte
scheinen mehr zu verwirren als zu erhellen. Einer der Anwälte möchte, dass wir
im Gerichtssaal vorführen, wie wir den Abgleich der Personen in dem echten
Video mit den virtuellen Rigs gemacht haben. Das kann ich nicht, weil der Laptop,
den ich für die Präsentation dabeihabe, nicht genug Rechnerkapazität für das
Programm hat. Ich biete an, dass wir beim nächsten Mal den entsprechenden
Rechner mitbringen und genau vorführen, wie wir die Werte ermittelt haben. Auch
der Versuch, die Übereinstimmungswerte durch heat maps zu veranschaulichen,
also spezielle in der Wissenschaft benutzte Visualisierungswerkzeuge, die mit
Farben arbeiten, ist offenbar eine schlechte Idee. Niemand versteht, was die
Farben sollen.
Zum Schluss geht es um die Aussagekraft der Abgleiche. Die meisten
Menschen erwarten von der Forensik, dass ihre Methoden der Identifizierung
dienen. Aber es geht nicht ums Identifizieren, es geht darum, mit einer möglichst
hohen Wahrscheinlichkeit eine Zuordnung zu ermöglichen. Nur bei dem
Fingerabdruck- und der DNA eines Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie
jeweils mit einem zweiten Menschen übereinstimmen, so gering, dass man bei
ihnen von Identifizieren reden kann. Bei vielen anderen Spurenauswertungen wie
etwa Schuhabdrücken oder Handschriften ist das aber nicht so. Da geht es nicht
ums Identifizieren, sondern darum, mit einer möglichst hohen Wahrscheinlichkeit
eine Spur oder ein individuelles Merkmal zuzuordnen und auszuschließen, dass
sie oder es von jemand anderem stammt. Diese Methoden sind für die
Ermittlungsarbeit dennoch immens wichtig, weil sie als Teil einer Kombination von
Spurenzuordnungen am Ende ein Gesamtbild ergeben. So verstehen wir auch
unsere Gangbildanalyse.
Doch die Erwartungshaltung im Gericht ist eine andere: »Sie können mit Ihrer
Methode also keinen unbekannten Täter ermitteln?«, fragt einer der Anwälte.
»Ich kann zuordnen, aber ich kann nicht identifizieren«, sage ich.
»Und was sagt uns das dann jetzt?«, fragt schließlich auch die Richterin. Bei
wie vielen anderen Menschen in Europa käme man zu einer solchen
Übereinstimmung?
»So weit ist die Forschung noch nicht«, sage ich. »Dennoch gibt die Methode
eindeutige Hinweise, dass die Verdächtigen mit den Männern im Video
übereinstimmen.« Ich erkläre, dass die Gangbildanalyse noch nicht so gut
evaluiert ist wie etwa der Abgleich von Fingerabdrücken oder DNA. Das macht es
nicht besser.
Auf dem Rückweg am späten Nachmittag erst wird mir klar, dass es uns nicht
gelungen ist, den Menschen im Gerichtssaal die Methode verständlich zu
erklären. Mein Mitarbeiter und ich fragen uns, woran das lag, und finden keine
überzeugende Antwort. Viel später erst, zu spät, wird mir bewusst, dass wir zu
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sehr in wissenschaftlichen Kategorien gesprochen haben. Es ist das klassische
Problem von Wissenschaftlern, wenn sie Nichtwissenschaftlern ihre Arbeit
erklären. Wir machen uns zu wenige Gedanken darüber, wie wir unsere
Forschung möglichst einfach und verständlich vermitteln. Das komplette Ausmaß
des Miss- und Unverständnisses ist mir jedoch nach dem ersten Verhandlungstag
noch nicht bewusst. Zumal in den Medien über uns eher positiv berichtet wird:
Dort überwiegt die Faszination für unsere Methode. Mein Mitarbeiter und ich
beschließen daher zwar, uns auf den nächsten Verhandlungstag noch einmal
intensiv vorzubereiten, unsere Methode verständlicher – oder das, was wir dafür
halten – zu erklären, und sie vor allem auch am Modellierungsrechner
vorzuführen. Doch der nächste Verhandlungstag mehr als sechs Wochen später
wird erst recht zum Fiasko.
Weil mein Mitarbeiter krank ist, fahre ich allein nach Berlin. Auf der Autobahn
staut sich der Verkehr, und so komme ich mit einer Stunde Verspätung in den
Gerichtssaal gehetzt. Dort will nun niemand mehr etwas von unserer neuen
Methode wissen. Stattdessen werden mir die beschlagnahmten Kleidungsstücke
der Angeklagten in Tüten auf den Tisch gelegt.
»Haben Sie die Sachen schon mal gesehen?«, fragt ein Anwalt.
»Ja«, antworte ich.
»Wo?«, fragt der Anwalt.
»Auf Bildern.«
»Also, Sie kennen diese Asservate gar nicht?«
»Doch. Aber nicht im Originalzustand.«
»Was hat das dann mit Wissenschaftlichkeit zu tun?«
Ich antworte, dass unser Auftrag lautete, einen Abgleich anhand von
Bildmaterial zu erstellen. Doch mir wird klar, dieses Spiel kann ich nicht mehr
gewinnen. Dann wird der Turnschuh aus der Plastiktüte genommen. Es ist ein
linker Schuh. Im Gutachten haben wir aber den rechten Fuß als abknickend
gekennzeichnet. Offensichtlich ist meinen Mitarbeitern und mir nicht aufgefallen,
dass wir den falschen Schuh analysiert haben. Für die Anwälte ist damit der
Punkt gekommen, an dem sie meine Glaubwürdigkeit vollends in Zweifel ziehen.
»Das ist ja alles unwissenschaftlich, Sie halten sich ja an gar keine Norm!«,
werfen sie mir vor. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Wann wache ich endlich
aus diesem Albtraum auf? Als sie mir dann noch nachweisen, dass das, was wir
als Abrieb der Schuhsohle gedeutet haben, tatsächlich Einrieb von Dreck ist –
was im Grunde die Interpretation des abknickenden Gangs genauso bestätigt,
aber an der Stelle schon niemanden mehr interessiert –, weiß ich, dass es nun
vollends gelaufen ist. Die Verteidigung kündigt an, gegebenenfalls einen
Befangenheitsantrag gegen mich zu stellen. Das Gericht will darüber beraten,
inwieweit es an meinem Gutachten festhält, und ich werde entlassen.
Ich weiß nicht mehr, wie ich aus dem Saal gekommen bin. Vor dem
Gerichtsgebäude atme ich tief ein und aus. Was war das da gerade? Wie
ferngesteuert setze ich mich in Bewegung, laufe einfach los, in Richtung meines
geparkten Autos. Dann sehe ich ein Kneipenschild, denke nicht lange nach, gehe
hinein und bestelle ein Bier. Warum nur habe ich die Methode in diesem Fall
angewandt? In diesem Moment bereue ich es zutiefst. Und dann dieser
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handwerkliche Fehler mit dem Schuh! Wie konnte das nur passieren? Ich rufe
meine Sekretärin an und bitte sie, die Vorlesung am Abend abzusagen. Am
nächsten Sitzungstag, an dem ich schon nicht mehr dabei bin, wird die Richterin
den Befangenheitsantrag ablehnen. Doch ihre Begründung lässt keinen Zweifel
daran, dass auch sie nicht von unserer Methode überzeugt ist. Bei der
Verkündung des Urteils wird sie erklären, dass sie meinem Gutachten keine
eigene Beweiskraft zumisst. Es enthalte zu viele Unwägbarkeiten, sagt sie. Das
ist ein weiterer Schlag.
Wissam Remmo, einer seiner Cousins und der Wachmann werden schließlich
zu Haftstrafen nach Jugendstrafrecht zwischen drei und vier Jahren verurteilt.
Das Urteil beruft sich dabei vor allem auf die Gold- und Glassplitterspuren der
Museumsvitrine, die an der Kleidung eines der beiden festgestellt werden konnte,
sowie auf DNA-Spuren von beiden, die am Seil und dem Tatwerkzeug gefunden
wurden. Zusammen mit der Video-Auswertung reicht das, um sie zu verurteilen.
Der 25-jährige Bruder des Cousins wird freigesprochen. Bei ihm konnten keine
Goldspuren an Kleidern nachgewiesen werden. Dass unsere Methode ihn als
dritte Person im Video der Tatnacht zugeordnet hatte, spielt keine Rolle für das
Urteil. Die Revision der Anwälte gegen die drei Verurteilten wird im Juli 2021 vom
Bundesgerichtshof abgelehnt.
SCHOCK, TROTZ UND WIE DAS DESASTER DOCH NOCH ZUM
GLÜCKSFALL WIRD
Zurück in Mittweida trommele ich mein Team zusammen und wir besprechen,
was passiert ist, und wie es dazu kommen konnte. Ärgerlich sind vor allem die
handwerklichen Fehler. In Zukunft brauchen wir zusätzliche Kontrollen. Ich
beschließe, dass jedes Gutachten von nun an von drei Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, die nicht an dem Projekt beteiligt waren, gelesen wird und dass wir
dann darüber diskutieren. Doch bei der Methode selbst sind alle der Meinung,
dass es nicht besser ging und wir aus dem vorhandenen Material das Beste
herausgeholt haben. Wir diskutieren die Frage, ob es der richtige Zeitpunkt war,
mit einer noch nicht ausgereiften Methode ein Gutachten für einen so wichtigen
und brisanten Fall zu machen. Hätten wir nicht besser offensiv damit umgehen
sollen, sagen, dass wir zwar eine Methode haben, dass diese aber noch in der
Entwicklung steckt? Dann allerdings wäre sie vor Gericht von den Anwälten
sicherlich genauso zerfetzt worden. Ich bin ratlos.
Ein paar Tage später spreche ich mit einem guten Freund, der Anwalt ist und
aus Interesse an beiden Sitzungstagen im Zuschauerraum saß, an denen ich
mein Gutachten präsentiert habe. Er sagt mir ganz offen, dass ich im Gericht viel
zu kompliziert über die Methode gesprochen habe. »Da konnte keiner folgen. Du
hast mit Begrifflichkeiten hantiert, ohne sie zu erklären.« Erst nach diesem
Gespräch verstehe ich vollends, dass die Sprache der Wissenschaft nicht für den
Gerichtssaal taugt. Und dass die eigentliche Herausforderung darin liegt,
wissenschaftliche Methoden so zu übersetzen, dass sie allgemein verständlich
sind. In unsere Gutachten führe ich daher zwei neue Kapitel ein. Eins heißt:
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Übersetzung des Auftrags in wissenschaftliche Fragen. Wir erklären darin also,
wie wir den Auftrag interpretieren und welche Fragen sich für uns als Gutachter
daraus ergeben. Im Goldmünzen-Prozess hätten wir an dieser Stelle erklären
müssen, was eine Zuordnung mit unserer Methode eigentlich ist und wie sich
diese von einer Identifizierung unterscheidet. Das andere heißt: Empfehlungen.
Darin erläutern wir, was wir mit dem vorhandenen Material über die ursprüngliche
Fragestellung hinaus noch untersuchen könnten. Trotzdem bin ich weiterhin so
frustriert, dass ich inzwischen die gesamte Methode in Zweifel ziehe. Ich bin fast
so weit, sie komplett zu verwerfen.
In den folgenden Wochen besuche ich mehrere Tagungen und Workshops,
dabei unterhalte ich mich in den Pausen mit Ermittlern. Automatisch kommen wir
auf den Goldmünzen-Fall zu sprechen, offenbar haben viele ihn genauer verfolgt,
als mir lieb ist. Zu meiner großen Überraschung stelle ich aber fest, dass die
meisten der Meinung sind: Auch wenn die Methode für eine Identifizierung noch
nicht ausreicht, kann sie doch während laufender Ermittlungen hilfreiche
Hinweise liefern und so mit dafür sorgen, dass diese Ermittlungen in die richtige
Richtung führen. Auf den Frust und die Abwehrhaltung, die Methode ganz zu
verwerfen, folgt nun langsam ein Gefühl von: Jetzt erst recht. Ich will aus ihr eine
wasserdichte, wissenschaftlich erforschte Methode machen. »Also«, sage ich zu
meinem Team, »wir müssen uns jetzt eben hinsetzen und das alles von A bis Z
durchrechnen. Was ist alles messbar? Wie lässt sich nachweisen, dass das Rig
tatsächlich alle Bewegungen und Posen gleich gut wiedergeben kann? Wir
müssen eine Basis an Begrifflichkeiten und evaluierten Zahlen schaffen.« Dafür
brauche ich Forschungsgelder. Gemeinsam mit der Polizeihochschule Hessen,
einer Leipziger Digitalfirma und der Polizeidirektion Göttingen beantrage ich ein
recht großes Forschungsprojekt, um die Analyse des Rigs zu einer
wissenschaftlich evaluierten Methode weiterzuentwickeln. Erst im zweiten Anlauf
mit einer abgespeckten Variante geht der Antrag durch. Aber schon zuvor
arbeiten wir in kleineren Projekten an der Methode weiter. An der Polizeidirektion
Göttingen zum Beispiel schaffen wir in einem großen Schulungssaal eine
Laufstrecke, an der fünf Kameras installiert werden, um die verschiedenen
Perspektiven und ihren Einfluss auf die Bilder zu analysieren. Es handelt sich um
die fünf gängigsten Überwachungskamera-Modelle, um zu klären, wie sich der
Kameratyp auf die Bilder auswirkt. Auf dieser Laufstrecke führen Probanden, die
vor allem aus Polizeischülerinnen und -schülern bestehen, verschiedene
Bewegungen aus. Anhand der fünf verschiedenen Kameraaufnahmen werden
dann die Rigs erstellt. Dadurch lernen wir zum Beispiel, dass die Methode
ungenau wird, wenn die Arme ganz nach oben gestreckt oder Kniebeugen
gemacht werden oder gehüpft wird. Deshalb machen wir das Rig im
Schulterbereich flexibler, sodass es danach viel mehr Bewegungen abbilden
kann.
Mit den Forschungsgeldern kaufen wir unter anderem Datensätze aus der
Bekleidungsindustrie von gleich großen Menschen mit allen Maßen, die wir für
das Erstellen eines Rigs benötigen, wie zum Beispiel der Länge des Ober- oder
Unterarms, der Schulter- und Beckenbreite und so weiter. Damit berechnen wir
das Individualitätsmaß mathematisch exakt und können nun zeigen, dass das
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Skelett eines Menschen mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn hoch sechs mit
dem irgendeines anderen Menschen übereinstimmt. Anders gesagt: Nur eine
Person aus einer Million Menschen hat dasselbe Skelett wie eine andere Person.
Damit sprechen wir also nicht mehr nur über ein besonderes Merkmal, sondern
nähern uns einem Identifizierungsmerkmal, was in der Wissenschaft auch als
passives biometrisches Merkmal bezeichnet wird. Zum Vergleich: Das DNA-Profil
eines Menschen stimmt mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn hoch 19 mit einem
anderen überein, also einer Zahl, die 19 Nullen hat. Es ist also extrem
unwahrscheinlich und praktisch ausgeschlossen, dass es noch einen weiteren
Menschen mit demselben DNA-Profil auf der Welt gibt. Aber auch eine
Übereinstimmung von eins zu einer Million ist schon sehr unwahrscheinlich.
Inzwischen können wir das virtuelle Skelett eines Tatverdächtigen zudem
deutlich präziser und schneller erstellen und mit einem Video abgleichen, indem
wir auch die Umgebung der vermessenen Personen mitscannen und so einen
virtuellen Zwilling in einem virtuellen Raum schaffen, in dem ein Meter einem
realen Meter entspricht. Der virtuelle Zwilling ist dadurch bereits skaliert und kann
deshalb einfach in den als 3-D-Modell rekonstruierten Tatort projiziert werden.
Eine Messlatte bei der photogrammetrischen Erfassung von Verdächtigen ist
daher nicht mehr notwendig, ebenso wenig wie das umständliche Abkleben der
Skelett-Eckpunkte. Das wird von uns nur noch sicherheitshalber gemacht, denn
es gibt inzwischen eine KI-Software, die eigenständig die Gelenkpunkte erkennt
und anhand der Körpermaße berechnet. Sie wurde an Millionen von echten
Menschenkörpern trainiert und kann punktgenaue Rigs erstellen. International ist
das, was wir dazu erforscht haben und in der Forensik anwenden, im Moment
noch einzigartig.
Wichtig ist aber auch die Frage, ob es vor Gericht zulässig ist, wenn wir eine
solche KI-Software zur Analyse von Bewegungen verwenden. Darüber spreche
ich mit einem Professor der Universität Hannover, der einen Lehrstuhl für
Rechtsinformatik innehat. Vor Gericht dürfte es dann keine Probleme geben, sagt
er, wenn ich sicherstellen und nachweisen kann, dass ein bestimmtes Rig in
einem Video immer den gleichen Menschen zeigt und zugleich, dass es sich bei
der Software um ein abgeschlossenes System handelt, es also bei der
Anwendung nicht weiterlernt. Das kann ich sicherstellen. Inzwischen ist mir auch
klar geworden, dass die Bezeichnung Gangbild-Analyse Unsinn ist. Denn das,
was wir untersuchen, ist nicht der Gang, sondern das Skelett eines Menschen.
Darum bezeichnen wir die Methode nur noch als Rig-Analyse.
Rückblickend bedauere ich es schon lange nicht mehr, dass ich die Methode
am Goldmünzenfall ausprobiert habe. Ja, ich bin vor Gericht damit grandios
gescheitert, habe mich blamiert und wurde bloßgestellt. Aber all das hat mich
geerdet und nach dem ersten Schock meinen Widerstandsgeist herausgefordert.
Ich habe viel daraus gelernt – über mich selbst und auch über das Verhältnis
zwischen Wissenschaft und Justiz. Vor allem aber, wie wichtig es in der Forensik
ist, kreativ zu bleiben und neue Wege auszuprobieren.
Heute bin ich mir sicher: Der Prozess um die Goldmünze war kein Reinfall,
sondern ein Glücksfall für mich.
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KAPITEL 8
UND SIE FUNKTIONIERT DOCH: DER
TANKSTELLENRAUB UND DAS SKELETT DER TÄTER
Die Gelegenheit, zu zeigen, was die Rig-Analyse wirklich kann, bekomme ich ein
Jahr später. Es ist kein spektakulärer Fall, aber einer, bei dem mein Team und ich
entscheidend zur Urteilsfindung beitragen können.
UND PLÖTZLICH ZIEHT DER MOTORRADFAHRER EINE PISTOLE
Es ist eine trübe, feucht-milde Winternacht, das Thermometer zeigt acht Grad
plus, als am 12. Dezember 2017 um 4.30 Uhr zwei Männer auf einer Suzuki zur
Tankstelle eines Gewerbegebiets in Großweitzschen bei Chemnitz fahren. Sie
halten an der beleuchteten Zapfsäule; der Beifahrer, ein Mann in dunkler
Motorradmontur, auf dem Kopf einen schwarzen-roten Helm, steigt ab und
schlendert zum Shop hinüber. Im Eingangsbereich des Shops bleibt der Beifahrer
stehen, fasst sich an die hintere Hosentasche, als suche er etwas, und schaut
dabei immer wieder hinüber zu dem Mann, der auf dem Motorrad sitzend die
Maschine volltankt. Als er fast fertig damit ist, betritt der Beifahrer den Shop. Er
schaut durch die Regale, wartet, bis ein Kunde den Shop verlassen hat, geht
dann zum Tresen, zieht eine Pistole und befiehlt dem Verkäufer, ihm die
Einnahmen des Tages zu geben. Der öffnet hektisch die Kasse, greift alle
Scheine, mehrere Hundert Euro, und gibt sie dem Mann. So ruhig, wie dieser den
Shop betreten hat, verlässt er ihn auch wieder. Das Geld stopft er sich dabei in
die Jackentasche, als handele es sich lediglich um Wechselgeld. Gelassen setzt
er sich auf die Rückbank der Suzuki, die der Fahrer in der Zwischenzeit vor der
Eingangstür geparkt hat. Gemeinsam brausen die beiden davon.
Nur wenige Minuten dauert der Raubüberfall, der aus mehreren Kameras der
Tankstelle gefilmt wurde. Routiniert wirkt der Täter, kein Geschrei, keine
Aufregung, gerade so, als sei es nichts Besonderes, nach dem Tanken im Shop
statt zu zahlen die Kasse leer zu räumen.
Die Fahndung nach den Tätern wird schnell eingeleitet. Doch von den beiden
Männern und der Suzuki fehlt lange jede Spur. Die Polizei veröffentlicht daher
nach einiger Zeit die Videoaufzeichnungen. Im November 2018 meldet sich
schließlich eine Frau: Sie habe einen Helm, wie er in den Aufnahmen zu sehen
sei, einem Bekannten geliehen, sagt sie: Manuel Tieberg* heißt der Mann, ein
einschlägig wegen Diebstahls- und Drogendelikten vorbestrafter 30-Jähriger. Die
Ermittler finden auf seinem Handy einen WhatsApp-Chat, aus dem sie auf den
mutmaßlichen Beifahrer schließen: Pascal Frese*, 36, auch er ist vorbestraft.
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Beide kommen in Untersuchungshaft. In der Nähe von Tiebergs Wohnung wird
schließlich auch eine als gestohlen gemeldete Suzuki mit blauen Seitenblenden
entdeckt – Blenden, wie sie auch das Motorrad in den Videoaufnahmen hat. Das
Originalmodell dagegen hat keine blauen Seitenblenden. Bei Tieberg wird zudem
eine Lackdose mit blauer Farbe gefunden, mit der die Seitenblenden umlackiert
worden sein könnten.
Im Oktober 2019 beginnt vor dem Landgericht Chemnitz das Verfahren gegen die
beiden Männer. Es kommt nur schleppend voran. Den beiden Angeklagten ist
schwer nachzuweisen, dass sie den Tankstellenraub begangen haben. Helme
verdecken die Gesichter der Täter in den Videos, und die Verdächtigen
schweigen zu den Vorwürfen. Im März 2020 ruft der Vorsitzende Richter daher in
meinem Institut an und fragt, ob ich beim Identifizieren des Fahrzeugs helfen
könne. Er erzählt von den Seitenblenden, der Lackdose. »Lässt sich nachweisen,
dass die beiden Motorräder identisch sind, das sichergestellte und das aus dem
Video der Tankstelle?«, will er wissen. Nach allem, was er mir erzählt hat, klingt
das nach einer schnell zu erledigenden Aufgabe. Ich sage deshalb zu, und schon
am nächsten Tag bekommen wir die Videos und Bilder der sichergestellten
Suzuki sowie Aufnahmen der Farbdose. Das Original-Motorrad ist dem
ursprünglichen Besitzer bereits zurückgegeben worden, daher steht es für den
direkten Abgleich nicht mehr zur Verfügung.
Zunächst suchen wir nach eindeutigen charakteristischen Merkmalen in den
Videos und bei dem sichergestellten Fahrzeug, um sie mithilfe der
Korrespondenzanalyse abzugleichen. In der Standardausfertigung des SuzukiModells sind die Seitenbleche nicht blau. Darum prüfen wir, ob der Farbwert der
Lacksprühdose mit dem der Seitenbleche der Motorräder übereinstimmt, also
jener Suzuki, die sichergestellt wurde, und jener, die im Video zu sehen ist. Wir
nehmen dafür das Foto von der Sprühdose, fokussieren uns auf die Farbreste am
Sprühkopf und zerlegen diese in Pixel. Das Gleiche machen wir mit den blauen
Seitenblechen des Motorrads im Video und des sichergestellten Fahrzeugs. Der
Blauwert von allen dreien ähnelt sich tatsächlich sehr. Es gibt noch weitere, sehr
spezifische
Merkmale
beider
Fahrzeuge,
die
wir
mithilfe
der
Korrespondenzanalyse nachweisen können, etwa die vordere sichelförmige
Rahmenverkleidung, ein markantes Heck mit Soziusgriffen, einen Stiefelschutz
mit Befestigung für die Soziusfußraste, chromfarbige Spiegel mit zweifacher
Unterbrechung beim Spiegelschaft und eine auffällige Form der Blende des
Motorradscheinwerferlichts. Außerdem können wir mit unserer Videoanalyse
zeigen, dass der Motorrad- und sein Beifahrer die ganze Zeit über Blickkontakt
miteinander hatten. Der Fahrer des Motorrads könnte sich also nicht
herausreden, er habe von dem Raubüberfall nichts mitbekommen – sollte er das
denn vorhaben.
Zwei Wochen später präsentiere ich unsere Ergebnisse vor Gericht. Es gibt
wenige Fragen dazu. Am Ende weise ich im Empfehlungsteil unseres Gutachtens
darauf hin, dass wir weitere Informationen aus dem Videomaterial herausholen
könnten: etwa einen Abgleich der Tatverdächtigen mit den Männern in den
Videos, um die Frage zu klären, ob sie sich zuordnen lassen. Die Qualität der
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Videos ist gut genug, und inzwischen haben wir unsere Methode so
weiterentwickelt, dass ich sicher bin, sie in diesem Fall erfolgversprechend
einsetzen zu können. »Damit ist zwar noch keine Identifizierung wie bei einem
Fingerabdruck möglich, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich nachweisen,
ob sie übereinstimmen oder nicht, und gegebenenfalls lässt sich damit auch eine
Täterschaft ausschließen«, erkläre ich.
Der Vorsitzende Richter und der Staatsanwalt sind sofort daran interessiert.
Die beiden Anwältinnen der Angeklagten fragen skeptisch nach. Sie wollen
wissen, wie die Methode funktioniert und was genau damit nachweisbar ist. »Wir
beraten uns mit unseren Mandanten«, sagen sie schließlich. Am Ende willigen sie
ein.
Bis zum nächsten Verhandlungstag fahren wir darum zur Tankstelle und
vermessen diese, um von ihr ein 3-D-Modell nachbauen zu können. Die
Aufnahmen der Tatverdächtigen sollen wir in einem der Gerichtssäle machen,
weil beide in Haft sitzen. Es ist tatsächlich einfacher und schneller, einen
Sitzungssaal zu reservieren und umzuräumen, als uns ins Gefängnis mit all den
aufwendigen Sicherheitsprüfungen zu bekommen. Wir beginnen mit Manuel
Tieberg, dem Fahrer des Motorrads. Als er in den Saal geführt wird, glaube ich
zunächst, es handele sich um eine Verwechslung: Der Mann, den die Polizisten
hereinführen, ist durchtrainiert und sieht gesund aus; seine dunklen Haare sind
frisch geschnitten, sein Backenbart gestutzt. Die Bilder in seiner Akte hatten
einen abgemagerten und von Drogen gezeichneten jungen Mann gezeigt.
Tieberg scheint sich im Gefängnis stabilisiert zu haben. Er ist höflich, interessiert
und macht alles bereitwillig mit. Nur ausziehen mag er sich nicht. Er habe keine
Unterwäsche an, sagt er. Also fotografieren wir ihn mit hochgekrempelter Hose
und im T-Shirt. Während ich ihn vermesse, erzählt er mir, dass er dabei sei,
seinen Schulabschluss nachzumachen. Er scheint auf einem guten Weg zu sein.
Pascal Frese dagegen können wir erst Wochen später vermessen. Er war im
Gefängnis offenbar wieder an Drogen gekommen und hatte deshalb
zwischenzeitlich psychische Probleme. An dem Tag, als wir ihn vermessen,
kommt er jedoch entspannt in den Saal geschlendert. Er ist deutlich kleiner als
Tieberg, zurückhaltender auch, aber höflich. Auch er macht alles bereitwillig mit.
EIN ÜBERRASCHENDES ERGEBNIS
Zurück im Labor nutzen wir die Daten, um mithilfe der bereits erwähnten KISoftware die virtuellen Skelette, also die Rigs der Tatverdächtigen zu erstellen.
Wir passen die Überwachungskameras im 3-D-Modell an den Stellen ein, wo sie
in der realen Tankstelle auch angebracht sind. Komplizierter ist es für den
Verkaufsinnenraum. Der Tankstellenbesitzer hat inzwischen gewechselt und die
Kameras im Innenraum an anderer Stelle einbauen lassen. Wir tauschen uns
mehrfach mit der Firma aus, die den Auftrag ausgeführt hat, und beschließen
schließlich, die Videos aus dem Innenraum nicht zu nutzen, weil ihre Positionen
nicht exakt genug zu rekonstruieren sind. Die Aufnahmen der Außenkameras
reichen aber für einen Rigabgleich. Dafür erstellen wir zunächst die virtuellen
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Skelette der Männer im Video – was wir zu dieser Zeit ebenfalls schon deutlich
schneller können als zuvor, weil wir auch hierfür eine KI-Software nutzen. Diese
gleichen wir dann mit den Rigs der photogrammetrisch vermessenen
Tatverdächtigen ab. Das Ergebnis überrascht mich: Das Rig von Manuel Tieberg
und dem draußen wartenden Fahrer des Motorrades stimmt klar überein. Pascal
Freses Rig dagegen, der als Sozius den Raub durchgeführt haben soll, passt
nicht zu dem des Tankstellenräubers im Video: Er ist viel kleiner und
schmächtiger. Ich überprüfe noch einmal die Daten. Habe ich mich mit den
Kameras vertan? Mit der Positionierung? Ich checke alles gründlich und passe
die Videoaufzeichnungen am Computer neu ein. Das Ergebnis bleibt gleich:
Freses Rig ist um sieben Zentimeter kleiner als das des Beifahrers im Video. Ich
bitte zwei meiner Mitarbeiter, unabhängig voneinander die Rigabgleiche für beide
Verdächtigen im Modell durchzuführen und die Daten zu überprüfen. Auch sie
kommen zum gleichen Ergebnis: Freses Daten stimmen nicht mit jenen aus den
Videos überein. Tiebergs dagegen sind eindeutig dem des Motorradfahrers
zuzuordnen. Danach gleichen wir die Rigs der beiden Tatverdächtigen noch mit
einer unbeteiligten, in den Videos eingangs zu sehenden dritten Person ab. Und
wir vergleichen sie mit den Rigs, die wir von Menschen erstellt haben, deren
Daten wir von der Bekleidungsindustrie gekauft haben und die vergleichbare
Körpermaße wie Tieberg und Frese besitzen. Es ist kein Zufall: Nur Tiebergs Rig
passt zu dem des Motorradfahrers im Video, Freses dagegen zu keinem.
Ich schaue noch einmal in die Akten. Gibt es irgendeinen Ansatzpunkt, den
wir übersehen haben? Wie wurde Frese eigentlich zum Tatverdächtigen? Es gab
mehrere Chats in Tiebergs Handy, in dem er und Frese sich über einen
möglichen Raub austauschen, allerdings wirkte es in dem Chat so, als versuche
Tieberg, seinen Freund zu dem Überfall erst noch zu überreden. Außerdem gibt
es eine Zeugin, die aussagte, Tieberg hätte mit mehreren Männern in einer
Spielothek über einen geplanten Überfall auf eine Tankstelle geredet; auch
Freses Name sei dabei gefallen. Aber hätte nicht auch einer der anderen Männer
der zweite Täter sein können? Am Ende kommen wir zu dem Schluss, dass die
Indizien, die in den Akten zulasten von Pascal Frese gehen, weicher sind als
unsere Daten.
Vor Gericht präsentiere ich am nächsten Verhandlungstag unsere Ergebnisse:
Diesmal erkläre ich die Riganalyse ausführlich, demonstriere sie an einer
Holzpuppe und versuche Wissenschafts-Slang zu vermeiden. Ich erläutere den
Unterschied zwischen Zuordnung und Identifizierung und zeige, dass wir
inzwischen eine valide Statistik haben, die die Zuverlässigkeit der Zuordnung
untermauert. Je länger ich das Gutachten präsentiere, desto ruhiger werde ich.
Als ich erkläre, dass Pascal Frese wegen seiner Körpergröße nicht der
Beifahrer gewesen sein kann, da sein Rig nicht zu dem im Video passt, nickt
seine Anwältin zufrieden. Sie hat keine weiteren Fragen. Tiebergs Verteidigerin
dagegen löchert mich – was zu erwarten war. Sie fragt nach der Verlässlichkeit
der Methode, nach einzelnen Daten, und fordert das Zahlenmaterial an, um es
von einem anderen Gutachter nachrechnen zu lassen. Ich beantworte alle ihre
Fragen und lasse ihr die Daten zukommen. In der nächsten Sitzung ist von einem
weiteren Gutachter allerdings keine Rede mehr, stattdessen stellt die Anwältin
91
einen Befangenheitsantrag gegen mich und meinen Kollegen. Sie zweifelt nun
plötzlich die Qualität der Methode an. Stundenlang sitzen wir während der
Beratung des Gerichts vor dem Saal. Doch diesmal bin ich entspannt. Ich weiß,
dass die Methode funktioniert und vor allem, dass jedes Detail erklärbar ist, dass
ich jede fachliche Nachfrage beantworten kann. Wir haben inzwischen viel mehr
Erfahrung und besitzen mehr Daten, die die Zuverlässigkeit unserer Methode
belegen. Einige Stunden später werden wir wieder hineingebeten. Der
Befangenheitsantrag ist abgelehnt. Die Anwältin hat noch ein paar Fragen, ich
kann alle beantworten und schlüssig erklären. Schließlich fragt der Richter: »Gibt
es noch weitere Fragen?« Staatsanwalt und Verteidigerinnen schütteln die Köpfe.
Wir werden entlassen.
Als ich auf dem Weg nach Hause im Auto sitze, klingelt mein Handy. Der
Vorsitzende Richter ist dran:
»Professor Labudde, sind Sie sich wirklich sicher, dass es Pascal Frese nicht
gewesen sein kann?«
»Ja«, sage ich spontan.
»Dann muss ich ihn jetzt freisprechen«, sagt der Richter.
In meinem Hirn rattert es: Von meinen Berechnungen hängt nun also ab, ob
jemand freigesprochen wird. Was für eine Verantwortung! Ich wollte mit meinen
Methoden immer nur ein Baustein in einem Verfahren sein, gern ein wichtiger, der
das Gesamtbild ergänzt und so hilft, einen Fall zu lösen. Doch nun ist mein
Gutachten jener Baustein, der über Freispruch oder Verurteilung entscheidet. Die
Verantwortung ist immens, und sie ist ungewohnt für mich.
»Drei Menschen, zwei meiner Mitarbeiter und ich, haben unabhängig
voneinander die Daten berechnet und kommen zu der gleichen Aussage: Frese
kann nicht der Mann im Video sein. Ja, ich bin mir sicher«, sage ich dem Richter.
Danach denke ich noch tagelang an Manuel Tieberg. Er war mir sympathisch,
schien sich ändern und etwas aus seinem Leben machen zu wollen. Es hätte
mich gefreut, wenn auch sein Rig nicht mit dem im Video übereingestimmt hätte.
Aber die Beweislast war zu groß, nicht nur sein virtuelles Skelett hat ihn
überführt. Er wird zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Pascal
Frese wird mit Verweis auf unser Gutachten freigesprochen.
Die Rig-Methode funktioniert. Und sie hat sich nun auch vor Gericht bewährt.
92
EXKURS
DIE ZUKUNFT DER FOTO- UND VIDEOANALYSE
Eine junge Frau lächelt in die Kamera. Hinter ihr ist undeutlich eine Autobahn
zu erkennen. Fahrzeuge bewegen sich darauf wie punktförmige Schatten.
»Stopp«, ruft die Ermittlerin und zeigt auf den Bildschirm. Die IT-Forensikerin
hält das Video mit der lachenden Frau an, das sie gerade auf dem Bildschirm
abspielt. Die Ermittlerin zeigt auf die dunklen Punkte: »Zoom doch bitte mal
die Straße ran.« Mit wenigen Klicks holt die Forensikerin die Autobahn näher
heran, immer deutlicher ist die Straße zu erkennen, auch die darauf
fahrenden Autos. Was gerade noch eine Punktwolke war, ist nun ein roter
Porsche. Ein paar Klicks weiter, und der Fahrer des Porsches bekommt ein
Gesicht. »Guck mal an, wen wir da haben!«, ruft die Ermittlerin …
Wir alle kennen solche oder ähnliche Szenen aus Krimis. Meist sind es nicht
einmal Science-Fiction-Filme, sondern sie spielen in der Gegenwart. Doch das
echte Leben ist oft noch weit entfernt von solchen Szenarien. Denn die
Auswertung von Fotos und Videos stößt, wie in den vorangegangenen Kapiteln
gezeigt, vielfach an Grenzen, die eng gesetzt sind durch die Qualität der
Aufnahmen: Sieht es auf einem Foto oder in einem Video aus wie Russland im
Schnee, ist also die Auflösung schlecht, wurde aus großer Entfernung gefilmt,
gibt es Verwacklungen, schlechte Lichtverhältnisse – in all diesen Fällen können
wir bislang noch nicht viel machen, um die gesuchten Informationen aus einem
Bild oder Video herauszulesen. Im Moment wird deshalb daran gearbeitet, die
Qualität von Bildern und Videos so zu verbessern, dass Objekte auch aus großer
Entfernung und mit schlechter Auflösung noch zu erkennen und identifizieren
sind.
Softwareprogramme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, spielen hierfür
eine entscheidende Rolle, wie ich im Hells-Angels-Prozess gezeigt habe. Dabei
geht es im ersten Schritt noch nicht darum, fehlende Informationen zu ergänzen,
sondern Bilder zu »entrauschen«, also Kontraste besser herauszuarbeiten, eine
Aufnahme damit schärfer und besser auswertbar zu machen. Erst in einem
zweiten Schritt gilt es dann, mithilfe von zu ergänzenden Informationen
Näherungswerte zu berechnen, wie etwas nur undeutlich zu Erkennendes
tatsächlich aussehen könnte. Wie heikel das vor allem für die juristische
Bewertung sein kann, haben wir ebenfalls im Hells-Angels-Prozess gesehen. Die
Herausforderung liegt darin, dass Bildverbesserungssoftware, die mit künstlicher
Intelligenz arbeitet, nur das ergänzen beziehungsweise weglassen darf, was
tatsächlich da war. Dafür muss sie aber in Zukunft auch trainiert sein, also mit
Bildern, die in Alltagssituationen verbrechensnahe Gegenstände wie Waffen,
93
gefährliche Werkzeuge oder Ähnliches zeigen, damit sie diese auch in solchen
Umgebungen erkennen kann.
EINE DATENBANK FÜR VIRTUELLE SKELETTE VON STRAFTÄTERN
Einfacher und schneller wird in Zukunft unsere Riganalyse anzuwenden sein. Im
Moment kann ein virtueller Zwilling nur über das umständliche
photogrammetrische Vermessen von Menschen erstellt werden. Dafür ist es
notwendig, eine Kamera um eine Person herumzuführen, oder wie wir es tun:
diese Person auf einen Drehteller zu stellen. Schon bald wird es Boxen geben,
die rundum mit Kameras ausgestattet sind. Tatverdächtige brauchen in diese nur
einzutreten, damit von ihnen, ohne dass sie gedreht werden müssen, ein
photogrammetrischer Scan erstellt wird, der in Sekundenschnelle einen virtuellen
Zwilling von ihnen erschafft. Dadurch kann ein Abgleich zwischen einer Person
im Video und dem virtuellen Zwilling deutlich schneller erfolgen. Habe ich also
Videos, die einen Menschen bei unterschiedlichen Taten zeigen, und will ich
wissen, ob es sich um jeweils dieselbe Person handelt, kann ich sie einfach
mithilfe der Rig-Methode abgleichen. Da immer mehr Menschen von sich Bilder
und Videos ins Netz stellen, etwa auf Social-Media-Portalen, könnte theoretisch
auch nach einem Tatverdächtigen gesucht werden, indem die frei zugänglichen
Videos mit den Menschen, die von Überwachungskameras bei Straftaten gefilmt
wurden, abgeglichen werden – allerdings mit den gleichen datenschutzrechlichen
Problemen und Gefahren, die Gesichtserkennungs-Software so umstritten macht,
wie ich gleich noch zeigen werde.
Denkbar ist zudem, dass es irgendwann vergleichbar zu anderen
forensischen Datenbanken wie jene für DNA oder Fingerabdrücke von Straftätern
auch solche für Rigs geben wird. Die Herausforderung hierbei ist im Moment
noch, dass die Skalierung der unterschiedlichen Videos aus unterschiedlichen
Kameras und Perspektiven nicht übereinstimmt, also die Entfernungs- und
Raummaße
nicht
identisch
sind.
Hierfür
müssen
erst
noch
Umwandlungsprogramme geschrieben werden, sogenannte Converter, die genau
dies in kurzer Zeit können. Daran wird zurzeit gearbeitet.
Einfacher wird es, wenn in Zukunft Kameras hologrammfähig sind. Das heißt, sie
machen statt 2-D- standardmäßig 3-D-Aufnahmen und zwar nicht wie jetzt
herkömmliche 3-D-Kameras, indem sie die räumliche Anordnung nur als
Messpunkte speichern und anschließend im Computer in eine 3-D-Darstellung
übertragen. Sondern indem Objekte oder Szenen gleich in drei Dimensionen
erfasst werden. Dabei wird das Abzubildende mithilfe eines Lasers abgetastet,
die Bildinformationen werden zerlegt und samt räumlicher Anordnung an ein
entferntes Ziel weitergeleitet. Dort wird diese Information mithilfe von Lasern
erneut zusammengesetzt. Der Betrachter sieht die Lichtwellen des Gegenstandes
dann so, als seien sie direkt vom Original in seine Augen gestreut worden.
Hologramm-Aufnahmen haben den Vorteil, dass die Relation der Maße
zueinander bereits vorliegt, also wie groß einzelne Objekte in einem Raum und
94
die Entfernungen zwischen ihnen sind. Wären gleichzeitig die 3-D-Daten von
öffentlichen Orten und Gebäuden frei zugänglich, was teilweise schon der Fall ist,
ließe sich dieser Prozess der Identifizierung zusätzlich beschleunigen.
Denkbar ist zudem, dass mithilfe von virtuellen Skeletten auch Bewegungen
vorhersagbar werden. Fehlen zum Beispiel bei einer Videoaufnahme Teile, lassen
sich diese durch die vorherigen Szenen weiterführen. Natürlich liegen darin auch
große Gefahren. Bei der juristischen Bewertung muss sichergesellt sein, dass
diese Ergänzungen nur Möglichkeiten darstellen. Nachgewiesen würde dann
zwar, dass eine Person eine entsprechende Bewegung ausgeübt haben kann.
Sie muss es aber nicht. Umgekehrt werden derart verbesserte
Softwareprogramme auch Deep Fakes ermöglichen, also Aufnahmen, die
künstlich am Computer hergestellt wurden, täuschend echt aussehen und den
Verdacht auf eine unschuldige Person lenken. Daher wird in Zukunft eine große
Herausforderung darin liegen, gefälschte Videos von echten zu unterscheiden
und entsprechende Software dafür zu entwickeln. Doch gleichzeitig können auch
Strafverfolgungsbehörden diese Fakes für ihre Ermittlungen nutzen und tun dies
auch bereits, etwa in Fällen von Kindesmissbrauch. Pädokriminelle fordern
nämlich häufig sogenannte »Keuschheitsproben«, also neue, bisher unbekannte
Darstellungen von Kindesmissbrauch, bevor sie Interessierten Zugang zu
geschlossenen Foren im Internet gewähren, in denen Missbrauchsvideos und bilder getauscht werden. Ermittlern blieben diese Foren lange Zeit verschlossen,
denn sie dürfen keine verbotenen Fotos und Videos verwenden, die echte
Missbrauchssituationen zeigen. Seit Februar 2020 ist es in Deutschland verdeckt
ermittelnden Polizisten nun erlaubt, künstlich am Computer generierte
Darstellungen von Kindesmissbrauch, also Fake-Bilder und -Videos,
einzusetzen.14 Eine Technologie, die auch Verbrecher einsetzen, um zu täuschen
und zu betrügen, darf nun genutzt werden, um Pädokriminelle zu überführen.
GESICHTER UND RÄUME IN BILDERN UND VIDEOS ERKENNEN
Ermittler verbringen heute viel Zeit damit, Videos und Fotos zu sichten, um auf
ihnen bestimmte Objekte oder Personen wiederzuerkennen. In Zukunft wird das
einfacher und schneller möglich sein, weil eine KI-Software diese Aufgabe
übernehmen wird. Längst kann mithilfe von intelligenten Systemen aus Millionen
von Bildern dasselbe Gesicht wiedergefunden werden. Diese für das Auffinden
von Personen als Facial Recognition (Gesichtserkennung) bekannt gewordene
Technologie ist recht weit entwickelt. Meta zum Beispiel erreicht nach eigenen
Angaben mit seiner DeepFace-Software eine Genauigkeit von 97,35 Prozent.15
Andere Softwareprogramme wie etwa die der US-Firma Clearview, deren
Auswertungs-App von Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten wie dem
FBI und der CIA eingesetzt wird, versprechen ähnlich gute Werte.16 Allerdings gilt
dies bislang nur dann, wenn auch ein Gesicht erkennbar ist. Sind wesentliche
Teile des Gesichts verdeckt, ist die Trefferquote erheblich geringer.
95
Doch der Widerstand und die Debatten, die Gesichtserkennungs-Software
auslöst, zeigt auch, wo die Gefahren liegen. Vor allem aus
datenschutzrechtlichen Gründen sind in den letzten Jahren die Proteste immer
lauter geworden. Im Januar 2020 etwa berichtete die New York Times darüber,
dass Clearview für den Gesichtsabgleich eigene Datenbanken mit mehr als drei
Milliarden Bildern nutzt, die das Unternehmen aus frei zugänglichen Quellen im
Internet absaugt – von sozialen Netzwerken genauso wie von Firmen- und
Nachrichtenseiten. Die Menschen, denen diese Bilder gehören, haben nie
eingewilligt, dass sie gespeichert werden dürfen.17 Die Debatten, die nach der
Veröffentlichung losbrachen, führten dazu, dass Pläne, ähnliche Systeme in
Deutschland für die Polizei einzuführen, erst einmal auf Eis gelegt wurden.18
Aktuell wird eine europaweite Regelung für den Einsatz von als hochriskant
eingestufter künstlicher Intelligenz diskutiert, worunter auch biometrische
Erkennungssoftware fällt. Ein Resolutions-Entwurf, der ihrem Einsatz enge
Grenzen setzen soll, liegt bereits vor.19 Ende 2021 kündigte der Meta-Konzern
zudem an, was andere große Techunternehmen wie Microsoft oder Google schon
zuvor beschlossen hatten: die Gesichtserkennungs-Anwendungen auf seinen
Plattformen wie Facebook zu löschen. Befürchtet wird vor allem ein Missbrauch
in Zeiten, da immer mehr Fotos und Videos von Menschen im Internet eingestellt
und geteilt werden. Es drohe Überwachung, so die Sorge vieler. Daran weiter
forschen will Meta dennoch.20
Es ist also ein schmaler Grat, auf dem die Forensik mit dem Einsatz von KISoftware balanciert. Die Chancen sollten dabei aber nicht aus dem Blick geraten.
Ermittlern ersparen diese KI-Lösungen nicht nur langwierige Suchen, sondern in
Zukunft auch psychische Belastungen, indem sie ihnen etwa das Sichten von
Bildmaterial, das Kindesmissbrauch zeigt, zumindest teilweise abnehmen. Häufig
werden in entsprechenden Fällen riesige Datenmengen sichergestellt, die
durchforstet werden müssen. Um diesen Prozess zu beschleunigen, hat etwa das
Landeskriminalamt Niedersachsen eine selbstlernende Software entwickelt, die
mit recht hoher Wahrscheinlichkeit sexuelle Situationen auf Bildern und in Videos
von anderen Situationen unterscheiden kann.21 Die finale Suche nach
Darstellungen von Kindesmissbrauch in den so vorsortierten Bildern müssen
zwar immer noch Menschen vornehmen, doch bereits dieses Vorsortieren erspart
den Ermittlern unendlich viel Zeit. In Zukunft wird diese Art von Bildauswertung
weiter verbessert, sodass sie irgendwann Bildmaterial, das eindeutig
Kindesmissbrauch zeigt, eigenständig von anderen, etwa pornografischen Fotos
und Videos unterscheiden kann. Polizistinnen und Polizisten müssen dann nur
noch in Stichproben die digitale Auswertung überprüfen.
Schwierig wird es hierbei vor allem, wenn es nicht mehr nur darum geht,
Menschen in bestimmten Konstellationen zueinander zu erkennen, sondern im
besten Fall auch die Räume, in denen sie sich aufhalten und Strafbares tun, also
die Ereignis- bzw. Tatorte. Das kann dabei helfen, etwa Kinder aus einer
Missbrauchssituation zu befreien, weil sich der Ort, an dem ihnen Gewalt angetan
wird, identifizieren lässt. Im Moment tun sich intelligente Systeme damit noch
deutlich schwerer als mit der Erkennung von Gesichtern. Denn Räume können
96
durch Gegenstände wie Möbel, Tapeten, Vorhänge oder Teppiche, die sich in
ihnen befinden, stark verändert aussehen. Die Maße innerhalb von Räumen
müssen skalierbar sein, es braucht also Referenzpunkte, damit sie miteinander
abgeglichen werden können. Das ist die Voraussetzung für die Ortserkennung.
Gibt es in Zukunft standardmäßig 3-D-Aufnahmen, dann wird sich dieses
Problem von allein lösen. Denn dann kann die Software Entfernungen und Maße
etwa von Fenstern und Türen zueinander oder andere unveränderliche Merkmale
eines Raums automatisch bestimmen. Sie kann also erkennen, ob es sich um
denselben Raum handelt, auch wenn er komplett umdekoriert wurde.
INTELLIGENTE SOFTWARE, DIE BILDER INTERPRETIEREN KANN
Ist dies möglich, werden intelligente Systeme irgendwann auch in der Lage sein,
die Semantik in Aufnahmen zu erkennen. Sie werden also Situationen, die in
einem Foto oder Video zu sehen sind, interpretieren können. Das ist eine
ungleich größere Herausforderung, denn dazu muss der Software beigebracht
werden, Interaktionen zwischen Menschen richtig zu deuten. Gelingt dies, können
auch gezielt strafbare Konstellationen, Handlungen oder auch Dialoge in
Videoaufnahmen abgefragt werden22, etwa: Suche zwei Männer, die bei einem
roten Auto stehen, sich anschreien und dann prügeln. Mit dieser Form von
semantischer Abfrage lässt sich dann etwa ein überwachter Platz analysieren
und gezielt herausfinden, wann und wo genau dort eine mit entsprechenden
Attributen zu beschreibende Straftat stattfand. Teilweise sind solche KI-Softwares
bereits im Einsatz.23
All diese Entwicklungen werden in Zukunft die Arbeit von Ermittlern erleichtern.
Denn wir leben in einer Welt, die immer stärker visuell geprägt ist. Es gibt mehr
Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen und im privaten Raum, Menschen
posten in sozialen Netzwerken immer häufiger Videos und Bilder von sich selbst
und anderen. Je visueller die digitale Welt wird, desto wichtiger werden
entsprechende Aufnahmen als Beweismittel.
Doch die Gefahren liegen ebenfalls auf der Hand: Es droht nicht nur wie
bereits geschildert die Fälschung von entsprechenden Aufnahmen durch
künstlich erzeugte Bilder und Videos, die täuschend echt wirken. Es droht auch
eine lückenlose Überwachung durch Strafverfolgungsbehörden, die mithilfe der
Spuren, die Tatverdächtige im digitalen Raum hinterlassen, komplette
Bewegungsprofile erstellen könnten. Eine gesetzliche Regelung ist hier dringend
notwendig, der Einsatz entsprechender intelligenter Systeme muss politisch und
juristisch kontrolliert werden.
97
KAPITEL 9
DEN TOTEN EIN GESICHT GEBEN
Es ist ein grauer, kühler Tag Anfang März 2021, das Thermometer steht bei drei
Grad, als Fritz Gertenkort* sich gegen 14 Uhr auf den Weg macht. Der Rentner
will in einem Wald nahe der Samtgemeinde Freden im Landkreis Hildesheim
seine Kamera aufhängen, um Wildtiere zu beobachten. Gertenkort läuft auf
einem Trampelpfad über eine Wiese, erreicht den Waldrand, schlägt sich durchs
Unterholz. Gleich wird er an der abgelegenen, schwer zugänglichen Stelle sein,
die er sich für die Kamera ausgesucht hat. Er kennt sie schon von früheren
Wanderungen. Plötzlich sieht er eine zerfetzte dunkle Hose auf dem Boden
liegen, einige Meter weiter entfernt einen rechten schwarzen Adidas-Turnschuh
mit den drei weißen Streifen. Es ist der Schuh eines Erwachsenen, Größe 44. Er
fragt sich, wer die Sachen hier wohl abgelegt haben mag.
Sein Blick folgt dem Pfad und bleibt ein paar Meter weiter an etwas hängen,
das wie ein Skelett aussieht: eine bräunliche Masse, offenbar ein bäuchlings
liegender Torso, zwei Beinknochen, am linken fehlen der Unterschenkel und der
Fuß. Schockiert tritt Fritz Gertenkort näher heran, sieht, dass der Schädel
abgetrennt links neben dem Torso liegt, sieht den linken Schuh etwa einen Meter
neben dem rechten Oberschenkel des Skeletts liegen, der Schnürsenkel fehlt. Er
greift nach seinem Handy und ruft die Polizei.
Wenig später kommt erst ein Polizist der Dienststelle Alfeld zum Fundort und
wenig später die Spurensicherung. Das Team der Polizeiinspektion Hildesheim,
drei Ermittler, drei Kriminaltechniker, eine Rechtsmedizinerin der Hochschule
Hannover, untersucht die Leiche und dokumentiert die Spuren. Die
Kriminaltechniker entdecken Teile eines roten Langarmshirts am Torso ebenso
wie einen Schnürsenkel, der auf dem Oberkörper liegt. Die linke, nach oben
geöffnete Hand ragt auf der rechten Seite des Torsos heraus; als sie diesen
vorsichtig anheben, kommt der linke Arm darunter zum Vorschein, auf dem der
Oberkörper liegt. Der linke Unterschenkel samt Fuß fehlt. Am abgetrennten,
schon skelettierten Schädel befinden sich noch dunkle kurze Haare. Das Gebiss
ist bis auf zwei Zähne vollständig, die sich offenbar in dem Totenschädel
gelockert haben und auf dem Boden unter dem Schädel liegen. An
verschiedenen Stellen des Skeletts haben sich Tiere an der Leiche zu schaffen
gemacht. Neben dem rechten Turnschuh liegt ein Küchenmesser mit einer etwa
zehn Zentimeter langen Klinge. Wenige Meter davon entfernt finden die Ermittler
eine Brille mit Hugo-Boss-Gestell. Sie untersuchen die Hose, eine dunkle Jeans,
und stellen fest, dass der Reißverschluss und der Knopf am Hosenbund
geschlossen sind; die Hosenbeine sind zerfetzt und nur noch teilweise
vorhanden. Mit einer Metallsonde wird der Fundort später noch einmal
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untersucht, dabei wird ein Einwegfeuerzeug der Marke BIC ganz in der Nähe
gefunden, außerdem ein Tablettenblister mit dem Aufdruck ASS TAH der Marke
ratiopharm, ein Blutverdünner. Hinweise auf die Identität des Toten geben die
Funde nicht.
Die Leiche wird in die Rechtsmedizin nach Hannover gebracht. Bei der
Obduktion lässt sich die Todesursache nicht mehr feststellen, zu stark ist die
Verwesung bereits fortgeschritten. Allerdings deutet auch nichts darauf hin, dass
dem Mann Gewalt angetan wurde. Hinweise auf ein Verbrechen finden sich also
nicht – ausgeschlossen werden kann es aber auch nicht. Dass Leichenteile
fehlen oder vom Körper abgetrennt sind, lässt sich durch Tiere erklären: Füchse,
Dachse oder Wildschweine, aber auch Vögel haben vermutlich Teile der Leiche
angefressen und weggeschafft. Auch die geschlossene Hose dürften sie von der
Leiche gezerrt haben, nachdem diese begann, sich zu zersetzen. Die Obduktion
ergibt, dass es sich um die Leiche eines 40 bis 50 Jahre alten Mannes handelt,
anhand des Oberschenkelknochens wird seine Größe auf etwa 1,70 Meter
geschätzt. Im Gebiss des Mannes finden sich aufwendige, hochwertige
Zahnarbeiten wie Brücken, Kunststoffkronen, Keramikfüllungen, auch eine
zweifache Wurzelkanalbehandlung ist erkennbar. Der Mann war stark kurzsichtig,
hatte dunkle Haare. Die Leiche muss mindestens mehrere Monate, könnte aber
auch schon wenige Jahre im Wald gelegen haben, folgern die Rechtsmediziner.
Der DNA-Abgleich mit dem Fahndungssystem der Polizei zeigt keinen Treffer
an. Auch die Vermisstenanzeigen stimmen nicht mit den Daten des Mannes
überein. Die Medien werden informiert und berichten über den unbekannten
Toten. Einige Hinweise gehen daraufhin ein, doch sie alle führen auf falsche
Fährten. Niemand, so scheint es, kennt oder vermisst diesen Mann.
Weil es sich auf den ersten Blick nicht um ein Verbrechen handelt, kümmert
sich irgendwann nur noch eine Kriminaloberkommissarin darum, die Identität des
Mannes herauszufinden. Zunächst hofft Eva Brandt*, dass die aufwendigen
Zahnarbeiten und das entsprechende Gutachten dazu ihr weiterhelfen. Sie gibt
es an die Zahnärztekammer und in entsprechende Foren, bittet um Verbreitung in
der Hoffnung, dass eine Praxis die Daten einem ihrer Patienten zuordnen kann.
Vergeblich. Sie hofft zudem, dass die Brille des Mannes sie weiterbringt. Optiker
haben festgestellt, dass die Gläser extrem hohe Zylinderwerte besitzen. Bei
Deutschen seien diese eher selten anzutreffen, bei Männern aus dem arabischen
Raum, vor allem dem Maghreb, indes weit verbreitet. Brandt schreibt Augenärzte
und diverse Optikerforen an, fragt, ob jemand einen Kunden mit solchen
Brillengläsern in seinen Dateien findet. Doch auch diese Spur führt ins Leere. Ein
Phantombild müsste man haben, denkt Brandt. Von einem Mitarbeiter der
Polizeidirektion Göttingen, mit dem wir schon ein paarmal zusammengearbeitet
haben, erfährt sie schließlich von mir und dass ich am Computer
Gesichtsrekonstruktionen anhand von Totenschädeln fertige.
WAS SCHÄDELKNOCHEN ÜBER DAS GESICHT VERRATEN
99
Tatsächlich habe ich zu jener Zeit bereits einige Erfahrung mit digitaler
Gesichtsrekonstruktion.
Die
klassische,
also
analoge
Gesichtsweichteilrekonstruktion wurde schon in den 40er-Jahren von
Anthropologen entwickelt und danach weiter verfeinert. Ihr liegt die Annahme
zugrunde, dass die Knochenstruktur des Schädels entscheidend für das
Aussehen eines Menschen ist. Experimente mit Toten bestätigten dies Anfang
des letzten Jahrhunderts und schufen die Grundlage für die spätere manuelle
Gesichtsweichteilrekonstruktion. Sie kommt seitdem immer dann ins Spiel, wenn
es nur noch das Skelett eines Menschen gibt und ansonsten keinerlei Hinweise
darauf, wer die Person ist, zu der die Knochen gehören. Mit ihrer Hilfe wird den
Toten ein Gesicht gegeben, sodass danach im besten Fall Angehörige, Bekannte,
Freunde oder Zeugen sie wiedererkennen und identifizieren.
In der klassischen, manuellen Form ist die Gesichtsweichteilrekonstruktion
eine aufwendige Methode, die einige Nachteile mit sich bringt: Der Schädel muss
zunächst mithilfe von Ton oder Gips abgeformt werden. Anschließend sind an
dem so geschaffenen Modell sogenannte anatomische Weichteilmarker
anzubringen. Diese markieren die Abstände zwischen Knochen und Haut, also
die Dicke der Weichteile wie Muskeln, Gewebe und so weiter. Früher wurden
diese Werte mit Nadeln an Leichen gemessen. Dabei zeigte sich, dass diese
Marker an bestimmten anatomischen Punkten des Schädels abhängig vom Alter,
Geschlecht, dem Ernährungs- und Lebensstil sowie der Ethnie immer ähnlich
ausfallen. Heute stehen moderne bildgebende Verfahren wie Ultraschall,
Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie (CT) zur Verfügung.
Dadurch ist der Datensatz für die entsprechenden Durchschnittswerte deutlich
genauer geworden. Mithilfe dieser Marker werden die Gesichtsweichteile durch
verschiedene Materialien wie Kunststoff, Ton oder Wachs modelliert. Allerdings
lässt sich so bei der manuellen Gesichtsweichteilrekonstruktion nur ein einziger
Gesichtsausdruck zeigen. Bekanntlich kann ein Gesicht je nach Mimik aber sehr
verschieden aussehen. Werden außerdem zusätzliche Informationen gewonnen,
etwa dass der Mensch eine auffällige Narbe oder dergleichen hatte, können diese
nicht mehr oder nur sehr schwer nachträglich eingefügt werden.
All dies führte bei mir irgendwann zu der Frage, ob das nicht auch einfacher
und mit größerer Flexibilität digital ginge. Ein dreidimensionales Computermodell
ließe sich jederzeit an zusätzliche, neu gewonnene Informationen anpassen,
könnte
aus
verschiedenen
Perspektiven,
mit
unterschiedlichen
Gesichtsausdrücken per Knopfdruck innerhalb kürzester Zeit variiert werden. Also
begann ich mit einem Mitarbeiter nach entsprechenden Softwareprogrammen zu
suchen. Tatsächlich gab es bereits einige computergestützte Methoden zur
Rekonstruktion von Gesichtern, auch dreidimensionale, die sich auf bildgebende
Verfahren wie CT-Daten und Röntgenbilder stützen und sowohl Modelling- als
auch Animationssoftware anwenden. Doch zum einen sind das recht teure
Programme, zum anderen boten sie nicht die Möglichkeiten, sie an unsere
Bedürfnisse anzupassen. Mein Team und ich begannen daher, uns frei
zugängliche Open-Source-Software anzuschauen, mit der unter anderem ein
iranischer Forscher in Großbritannien arbeitet, um archäologischen Skeletten ein
100
Gesicht zu geben:24 die von uns ohnehin bereits genutzte 3-D-Grafiksoftware
Blender sowie InVesalius, ein Programm, mit dem bildgebende Verfahren in
Netzstrukturen umgewandelt werden können. Wir experimentierten mit den
Programmen und fügten Funktionen für unsere forensischen Bedürfnisse ein,
etwa die anatomischen Landmarken. Tatsächlich eigneten sich die Programme
dafür ganz hervorragend.
Als Eva Brandt im Juli 2021 also bei mir im Labor anruft, haben wir mithilfe der so
entwickelten Software bereits einige Gesichtsweichteilrekonstruktionen am
Computer erstellt. Zum ersten Mal 2016 bei einer ebenfalls unbekannten Leiche,
einem älteren Mann, dessen Schädel uns die Polizeidirektion Chemnitz brachte.
Er konnte später auf anderem Weg identifiziert werden, Fotos von ihm zeigten
dann aber, dass unsere Rekonstruktion sehr dicht am Original dran war. Unsere
digitale Gesichtsweichteilrekonstruktion funktionierte also. 2018 folgte der
ungeklärte Fall einer 1988 im hessischen Rosbach bei Friedberg gefundenen
Frauenleiche, der wieder aufgerollt wurde. 2019 der ebenfalls unaufgeklärte Fall
eines offenbar gewaltsam getöteten Mannes, dessen Leiche 1993 in Holzerode
bei Göttingen gefunden wurde. Auch etliche archäologisch-historische Funde
haben wir schon rekonstruiert (siehe nächstes Kapitel).
Ich erkläre Eva Brandt also am Telefon, was wir für eine solche
Rekonstruktion von ihr brauchen: vor allem den Schädel und möglichst viele
Informationen zur Situation am Fundort, zu allem, was im Wald sichergestellt
wurde, den Obduktionsbericht, einfach alles, was sie bis dahin ermittelt hat.
Brandt kommt ein paar Wochen später zusammen mit einem Kollegen nach
Mittweida. Im Gepäck hat sie die Akte und einen Karton, in dem der Schädel
zerlegt in drei Teile liegt; bei der Obduktion wird immer die Schädeldecke
abgenommen, der Unterkiefer ist ohnehin nur am Hauptschädel eingehängt. Von
den Schädelteilen lassen wir zunächst in der Klinik in Mittweida
computertomografische Scans anfertigen. Danach gehen wir zusammen mit den
beiden Ermittlern in unseren Fotolaborkeller, um die Schädelteile, aber auch die
Brille photogrammetrisch zu erfassen und zu vermessen. Wir platzieren die
Schädelteile und die Brille jeweils auf dem Drehteller so, dass drei Digitalkameras
sie von unterschiedlichen Winkeln aus simultan aufnehmen. Nachdem wir alle
Daten erfasst haben, verabschieden sich die beiden Ermittler aus Hildesheim,
und wir machen uns an die Arbeit. Am Computer berechnen wir nun ein
originalgetreues 3-D-Modell, einen digitalen Zwilling des Schädels. Dass wir in
diesem Fall von dem Schädel sowohl CT-Scans als auch photogrammetrische
Vermessungen machen, wäre im Grunde nicht notwendig. Wir wollen aber
nachweisen, dass am Ende identische Daten herauskommen. Das ist insofern
wichtig, weil die photogrammetrische Vermessung deutlich günstiger, schneller
und unaufwendiger durchzuführen ist. Außerdem kann sie bei lebenden
Personen genutzt werden, ein CT wäre in diesem Fall wegen der
Strahlenbelastung nicht möglich, ein MRT zwar schon, dauert aber ebenfalls
deutlich länger – und ist teurer. Und tatsächlich: Die Qualität beider Verfahren ist
miteinander vergleichbar.
101
Voraussetzung für die digitale Weichteilrekonstruktion ist wie bei der manuellen,
dass so viele Informationen wie möglich über die entsprechende Person
zusammengetragen werden: vom Obduktionsbericht über Fotos vom Fundort bis
hin zu Zeugenaussagen. Alles, was hilft, ein biologisches Profil der zu
rekonstruierenden Person zu erstellen, ist wichtig. Hilfreich ist in diesem Fall,
dass wir wissen, welche Haarfarbe und -länge der Mann hatte, wie alt er ungefähr
war, welche Konfektionsgröße er trug. Diese Daten sind wichtig, um die
Weichteil-Marker digital möglichst genau anwenden zu können.
Außerdem lassen wir den Schädel, den uns Brandt dagelassen hat, noch von
zwei Anthropologinnen in unserem Team untersuchen. Sie finden heraus, dass
die Zähne in einem hervorragenden Zustand waren, es aber Entzündungen am
Zahnfleisch und am gesamten Gaumen gegeben haben muss, die zu
Strukturveränderungen am Knochen geführt haben. Man kennt solche
Entzündungen von Menschen, die längere Zeit ihre Zähne schlecht gereinigt oder
starke Medikamente beziehungsweise Betäubungsmittel eingenommen haben.
Natürlich könnte man viele Informationen, die wir jetzt erst einmal nur annehmen
müssen, wie die Augen-, die Hautfarbe und das Alter, aus einer erweiterten DNAAnalyse des Unbekannten, auch Phänotypisierung genannt, herauslesen.
Allerdings wurde für den Datenbank-Abgleich nur eine einfache Analyse
gemacht. In Deutschland ist die erweiterte DNA-Analyse seit 2019 erlaubt,
allerdings nur bei besonders schweren Verbrechen wie Mord oder
Vergewaltigung. Für beides gibt es in diesem Fall keine Hinweise. Daher müssen
wir hier mit einigen Annahmen arbeiten. Wir erstellen zwei Varianten, eine
hellhäutige kaukasische und eine dunkelhäutige, weil die Brillenglaswerte ein
Hinweis darauf sein könnten, dass der Mann vielleicht aus dem arabischen Raum
stammte. Auch die Augenfarbe müssen wir annehmen. Wir wählen braun, weil er
dunkle Haare hatte und die meisten dunkelhaarigen Menschen braune Augen
haben.
Beim Modellieren des Gesichts am Computer greifen wir auch auf
Gesichtsdatenbanken25 zurück, mit deren Hilfe wir für die entsprechende
Altersgruppe zum Beispiel Falten übertragen können. Mithilfe der gefundenen
Haare des unbekannten Mannes können wir seine Haarfarbe und auch
verschiedene Kurzhaarfrisuren rekonstruieren.
Am schwierigsten ist die Nachbildung von Nase, Mund und Ohren – und zwar
in jedem Fall. Bei der Nase ist das Verhältnis zwischen dem Weichgewebe, den
knöchernen Ausprägungen der Nasenöffnung und des Nasenstachels
fehleranfällig. Dennoch gibt es bestimmte Berechnungsmodelle, die sich bewährt
haben und recht gute, mit dem Original übereinstimmende Ergebnisse erzielen.
Der Mund und seine Form ist dagegen noch immer eine riesige Herausforderung.
Zwar gibt es auch hier gewisse Standard-Methoden, doch diese sind noch immer
nicht sehr präzise. Wir sind dabei, Bibliotheken verschiedener Nasen- und
Mundformen anzulegen, um diese Methoden standardisiert und damit schneller
anwenden zu können. Denn wenn Menschen sich daran erinnern sollen, ob sie
jemanden gesehen haben, müssen sie schnell ein Bild vor Augen haben.
102
Für die Rekonstruktion von Ohren gibt es noch keine Berechnungsmodelle.
Es handelt sich bei der Rekonstruktion von Ohren also ausschließlich um
Annahmen, wie diese aussahen. Doch auch hier könnten Bibliotheken mit
verschiedenen Ohrenformen helfen, sich einem stimmigen Gesamtbild schneller
anzunähern. Hauttexturen, Narben oder auffällige Male wie etwa das Feuermal
des früheren sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow lassen sich mit den
Informationen, die in den meisten Fällen vorliegen, nicht rekonstruieren. Dabei
sind sie häufig zum Wiedererkennen entscheidend.
Im Fall des in Holzerode bei Göttingen 1993 tot aufgefundenen Mannes gab
es eine solche Besonderheit am linken Oberkieferknochen, die zumindest
teilweise nachweisbar war: Sechs Millimeter unter dem unteren Augenhöhlenrand
war eine ovale Knochenverletzung festgestellt worden, die offenbar verheilt war.
Diese Verletzung schloss Bereiche ein, an denen sensible Nerven großer Teile
der linken Gesichtsseite liegen. Ursache dafür könnte eine Entzündung der linken
Kiefernhöhle gewesen sein oder eine äußerlich zugefügte Verletzung. Sehr
wahrscheinlich hatte der Mann eine Narbe dicht unterhalb des linken Auges,
eventuell auch eine Verfärbung oder Lähmung in der linken Gesichtsseite.
All das zeigt, wie essenziell wichtig es ist, so viele Informationen wie möglich
über den Menschen zusammenzutragen, dessen Gesicht rekonstruiert wird. Es
zeigt aber auch, dass in jeder Form der Gesichtsweichteilrekonstruktion – ob nun
manuell oder digital – immer nur eine Version herauskommen kann, die sich dem
Original annähert. Während sich die untere Gesichtspartie ziemlich getreu
nachbilden lässt, wenn die entsprechenden Knochen vorhanden sind, ist die
Rekonstruktion der oberen Partie in vielen Bereichen eher eine kreative
Annäherung, bei der es auch darauf ankommt, dass das Gesamtbild stimmig
wirkt. In 60 von 100 Fällen ist eine Identifizierung möglich – was angesichts der
Einschränkungen trotz allem ein recht guter Wert ist.
DIE SPUR FÜHRT INS AUSLAND
Im Fall des Unbekannten aus dem Wald bei Freden fertigen wir im September
zwei Modelle an, die die Polizei Hildesheim Ende des Monats der Öffentlichkeit
präsentiert: eines mit hellem, eines mit dunklem Hautton. Eva Brandt gibt die
Rekonstruktion auch an die Augenärzte und -optiker weiter, die bereits die
Brillenwerte erhielten, sowie an die Zahnärzte, die das Zahnschema bekamen.
Sie hofft, dass jemand den Mann als einen Patienten bzw. Kunden
wiedererkennt. Auch in Freden, dem nächstgelegenen Ort zur Fundstelle, lässt
sie die Bilder der Rekonstruktion plakatieren. Doch nur wenige Hinweise gehen
ein, eine heiße Spur ist nicht darunter.
Drei Wochen, nachdem unsere Bilder von dem Toten in den Medien
erschienen, leitet ein polnisches Vermisstenportal einen Hinweis weiter. Es hatte
die deutschen Berichte aufgegriffen, woraufhin ein Leser eine Anzeige an die
Redaktion schickte, in der nach einem Spanier gesucht wird. Der Mann wird seit
Juli 2018 in Barcelona vermisst. Damals war er 38 Jahre alt, etwa 1,70 groß, wog
80 Kilo, hatte dunkle kurze Haare und trug eine Brille. Das Foto ähnelt unserer
103
Rekonstruktion tatsächlich sehr. Vielleicht ist das endlich die erhoffte heiße Spur?
Eva Brandt schaut im Schengener Informationssystem nach, einer EU-Datenbank
für Strafverfolgungsbehörden, in der die Daten vermisster und zur Fahndung
ausgeschriebener Personen gespeichert werden. Dort findet sie ein weiteres Bild
des Mannes. Das ähnelt dem Bild der Vermisstenanzeige und damit auch unserer
Rekonstruktion schon deutlich weniger: Der Mann trägt darauf schulterlange
Haare und keine Brille. Dennoch bittet sie über das Bundeskriminalamt die
spanischen Kollegen um Amtshilfe und hofft, über einen DNA-Abgleich mehr
herauszufinden. Doch solche Ersuchen ziehen sich hin, wenn keine Gefahr in
Verzug ist.
Im Januar 2022 bekommt Eva Brandt schließlich Antwort: Die DNA der
beiden Männer stimmt nicht überein. Einen kurzen Moment lang hatte sie gehofft,
dem Rätsel um den Toten im Wald näher gekommen zu sein. Mir ging es
genauso, als sie mir davon erzählte. Nun ist diese Hoffnung zerschlagen. So viele
Fragen sind weiterhin offen: Warum ging der Mann zu einer so abgelegenen
Stelle im Wald? Wollte er sich dort verstecken? War er auf der Flucht? Wollte er
sich das Leben nehmen und nicht gefunden werden? Oder hat ihn jemand
anderswo getötet und dort, an dieser einsamen Stelle, nur abgelegt? Vielleicht
war der Mann ja ein Obdachloser? Allerdings waren dafür seine Kleider zu
hochwertig, die Markenbrille zu teuer. Oder war er drogenabhängig? Die
Veränderungen im Gaumen und Kiefer könnten darauf hindeuten, dass er längere
Zeit Drogen genommen hat.
Das Rätsel um den unbekannten Toten aus dem Wald bei Freden bleibt vorerst –
vielleicht auch für immer – ungelöst. Auch das habe ich im Laufe der Jahre
gelernt: Nicht alle Fälle lassen sich lösen.
104
KAPITEL 10
DIE ÄLTESTEN MORDE ÖSTERREICHS
Die Landschaft rund um die Gemeinde Wöllersdorf-Steinabrückl in
Niederösterreich ist hügelig und waldreich, und durch die Ebenen schlängeln sich
Flüsse. Seit Jahrtausenden siedeln hier Menschen. Für Archäologen ist die
Gegend deshalb schon lange ein wichtiger Grabungsort. Immer wenn die kleine
Gemeinde, in der 4700 Menschen leben, neues Bauland am Dorfrand ausweist,
reist Dorothea Talaa daher mit einem Team von Archäologinnen und Archäologen
an, um das Erdreich zu durchforsten, bevor die Bauarbeiten beginnen und Funde
möglicherweise für immer vernichten. Etliche Grabstätten aus dem 5. und 4.
Jahrtausend v. Chr., also der Kupferzeit und der frühen Eisenzeit, hat die 66Jährige hier schon aus der Erde geholt.
Am 8. Juni 2011, einem warmen Frühsommertag, entdeckt Talaa mit ihrem
Team eine kleine Grube, nur 30 Zentimeter tief. In ihr liegt ein Schädel ohne
Unterkiefer, dahinter und halb darüber ein linker Oberschenkelschaft. Die
Knochenteile ruhen auf einer kleinen Steinplatte aus Granit. Eine Grabstätte ist
das nicht, das erkennt Talaa gleich, dafür ist die Grube zu klein. Das sieht
komisch aus, denkt sie. Immer mal wieder hat sie in der Gegend Überreste von
verbrannten Leichen oder auch Skeletten in Grabstätten aus der Steinzeit und
der Eisenzeit gefunden. Doch in dieser Grube ist vieles anders: Die fehlenden
Skelettteile, die besondere Anordnung des Oberschenkelknochens, die
Steinplatte – Talaa vermutet, dass es sich um einen steinzeitlichen Schädelkult
handelt. Sie kennt solche Totenköpfe vor allem aus Gruben der Jungsteinzeit, wo
sie schon des Öfteren gefunden wurden.
Doch wie immer bei dieser Art von Grabung hat sie wenig Zeit, die
Bauarbeiten sollen bald beginnen. Also fotografiert Talaa ihren Fund in der
Grube, verpackt die Schädelteile, den Knochenschaft, die Steinplatte. All das
landet erst einmal in ihrem Depot. Sie hat gleich im Anschluss weitere Aufträge
und für die Untersuchung noch kein Geld, denn Talaa ist freiberufliche
Archäologin.
Erst vier Jahre später kommt sie dazu, eine Knochenprobe des Schädels in
ein Labor nach Florida zu schicken. Dort lässt sie schon lange das Alter fast all
ihrer Funde mithilfe der C-14-Methode bestimmen, auch bekannt als
Radiokarbondatierung. Wochen später trifft die E-Mail mit dem Ergebnis ein.
Talaa liest es gleich mehrmals, so unfassbar erscheint es ihr: 6735 bis 6675
Jahre v. Chr. lautet die Datierung. Der älteste Fund eines erwachsenen
Menschen in Österreich! Nicht aus der Jungsteinzeit stammt der Schädel also,
wie sie dachte, sondern aus der Mittelsteinzeit, dem Mesolithikum. Er ist somit
105
noch deutlich älter als die Gletschermumie Ötzi, die 1991 in den Ötztaler Alpen in
Tirol gefunden wurde und aus der späten Jungsteinzeit 3250 v. Chr. stammt.
»Stell dir vor: Der Schädel aus Wöllersdorf ist aus der Mittelsteinzeit!«, ruft
Talaa ins Telefon. Auch ihre Gesprächspartnerin Silvia Renhart kann die
Nachricht kaum glauben, als Talaa ihr davon erzählt. Die Anthropologin vom
Universalmuseum Joanneum in Graz arbeitet schon viele Jahre eng mit Talaa
zusammen. Renhart untersucht die meisten ihrer Funde, bestimmt Lebensalter
und Geschlecht. Auch der Wöllersdorfer Schädel liegt längst bei ihr. Doch auch
sie ist bislang noch nicht dazu gekommen, ihn intensiver anzuschauen. Nun legt
sie alles andere beiseite und holt den Schädel hervor.
Schon bei der ersten groben Untersuchung hatte Renhart diverse Verletzungen
entdeckt: Schädelbrüche, die mit zwei Schabtrepanationen behandelt worden
waren. Als Trepanation werden chirurgische Eingriffe an der Schädelecke
bezeichnet, die schon im alten Ägypten recht weit entwickelt waren. Die frühesten
Trepanationsmethoden in Mitteleuropa waren bislang für die Eisenzeit
nachgewiesen worden. An diesem Schädel aus der Mittelsteinzeit sind nun
Verletzungen zu finden, bei denen mit einem Gegenstand fingerkuppentief
Knochenmaterial aus der Schädeldecke herausgeschabt wurde, offenbar um die
Wunde zu reinigen. Also besaßen schon die Steinzeitmenschen des
Mesolithikums substanzielles Wissen darüber, wie Kopfverletzungen zu
behandeln sind, um Entzündungen zu vermeiden. Renhart untersucht den
Schädel nun intensiver und findet zusätzlich einen rechteckigen, länglichen
Abdruck nahe des linken Scheitelbeinhöckers, dazu etliche Bruchlinien. Der
Abdruck eines Gegenstandes, der als tödliche Waffe diente, so scheint es. Dieser
Schädel, so wird Renhart allmählich bewusst, ist nicht nur der älteste Fund eines
erwachsenen Menschen in Österreich, er gehört auch ganz offensichtlich zum
ältesten Mordopfer des Landes. Renhart vermutet, dass die Verletzung von einer
hölzernen Keule stammt, mit der dieser Mensch erschlagen wurde. Darauf deutet
der rechteckige Abdruck hin. Weitere Bruchlinien zeugen von Schlägen nicht nur
an der linken, sondern auch an der rechten Schädelseite sowie im Gesicht
oberhalb der Augen – vermutlich von Fausthieben.
Die deutlich ausgeprägte Überaugenregion, die Stärke des Schädelknochens und
vor allem das sehr wulstig ausgeformte Hinterhauptbein lassen für Renhart
keinen Zweifel daran, dass es sich um einen männlichen Schädel handelt.
Aufgrund der Abnutzung des Gebisses schätzt die Anthropologin das Alter des
Mannes auf 31 bis 40 Jahre. Später lässt sie den Schädel von Rechtsmedizinern
in Düsseldorf mit einer neuartigen Methode untersuchen, die das Alter eines
Menschen anhand der Molekularstruktur in Proteinen aus Knochen sehr genau
bestimmen kann. Der Mann wurde 32,3 Jahre alt, lautet ihr Ergebnis. Renharts
anthropologische Berechnung lag also sehr dicht dran.
Aus all diesen Informationen schließen Talaa und Renhart nun, dass der
Mann vermutlich bei einem Kampf ums Leben kam und höchstwahrscheinlich als
Krieger oder Stammesführer eine besondere Rolle innerhalb seiner Gruppe
spielte. Die besondere Anordnung des Schädels deutet auf ein Ritual, das nur
106
ausgewählten Persönlichkeiten zuteilwurde. Es handelt sich offenbar um eine
Sekundärbestattung: Der Tote war zunächst woanders beigesetzt worden. Als die
Verwesung bereits fortgeschritten war, trennte man den Schädel ab, wobei der
Unterkiefer am Skelett verblieb, und setzte ihn woanders bei. Das Ritual ist bisher
vor allem aus Südosteuropa bekannt, etwa von den mesolithischen Fundstellen
der unteren Donau in Lepenski Vir, im heutigen Serbien. Ihm lag die Vorstellung
zugrunde, dass die Fähigkeiten eines Kriegers oder Anführers im Kopf sitzen und
daher auf denjenigen übergehen, der den Schädel besitzt.
MOMENTAUFNAHME EINER BRUTALEN TAT
Etwa zur gleichen Zeit, im Mai 2015, macht Talaa mit ihrem Team einen weiteren
sensationellen Fund. Nur 20 Kilometer von Wöllersdorf entfernt soll in Pöttsching
im Burgenland eine Wasserleitung gebaut werden. In der Gegend sind schon
viele Funde aus der Jungsteinzeit entdeckt worden. Die Archäologin und ihr Team
untersuchen das Gebiet vor Baubeginn. Sie graben in einem großflächigen, aus
mehreren Gruben bestehenden Lehmabbaugelände, das sich in der
Nachbarschaft einer großen Siedlung der frühen Jungsteinzeit befindet. Den
Lehm nutzten die Menschen damals zum Töpfern und für den Hausbau.
In einer höhlenartigen Teilgrube stoßen sie an diesem Tag plötzlich auf ein
extrem gut erhaltenes Skelett. Während sie die Knochenreste freilegt, wird Talaa
schnell klar, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Fund handelt: Das
Skelett ist vollständig konserviert und liegt in der Grube, als wollte es noch im
Moment des Todes eine Gefahr abwehren. Alles deutet darauf hin, dass es sich
um einen Menschen handelt, der erschlagen wurde. Andächtig stehen Talaa und
die Frauen und Männer ihres Teams vor diesen Knochen, beeindruckt von der
Momentaufnahme einer brutalen Tat, die Jahrtausende zurückliegt.
5210 bis 4990 Jahre v. Chr. ergibt die Radiokarbon-Untersuchung später, das
Skelett stammt also aus der frühen Jungsteinzeit und ist damit mehr als 2000
Jahre älter als »Ötzi«. Anders als im Fall des Mannes aus Wöllersdorf ist der
Zustand des Skeletts in Pöttsching extrem gut – auch dank der Kalkablagerungen
im Boden. Die forensischen Untersuchungen ergeben schließlich, dass es sich
um das Skelett eines etwa 15 Jahre alten Jungen handelt, der gewaltsam ums
Leben kam: Seine Rippen und ein Oberschenkel wurden von Pfeilen getroffen,
sein Kopf weist mehrere schwere Verletzungen auf. Talaa und Renhart vermuten,
dass sein Dorf Opfer eines kriegerischen Überfalls wurde. Der Junge flüchtete zur
nahegelegenen Lehmgrube, doch die Pfeile der feindlichen Angreifer streckten
ihn nieder. Getroffen kämpfte er womöglich noch mit einem Gegner, der ihn
schließlich überwältigte. Rückwärts stürzte der Junge dann auf den Boden der
Grube, sein Schädel brach, er starb. Danach wurde die Grube offenbar von den
Eroberern der Siedlung einfach zugeschüttet, die Leiche also verlocht, vermutlich
um Tiere von der Siedlung fernzuhalten. Ein ordentliches Begräbnis bekam der
Junge jedenfalls nicht.
Beide Funde sind derart spektakulär, dass Renhart überlegt, wie sie diese für
die
Öffentlichkeit
anschaulicher
machen
kann.
Durch
einen
107
Visualisierungsexperten erfährt sie von meinem Institut und lässt anfragen, ob wir
den ältesten Mordopfern Österreichs ein Gesicht geben könnten.
WIE SAHEN UNSERE AHNEN AUS?
Es ist nicht das erste Mal, dass wir für historische Funde
Gesichtsweichteilrekonstruktionen machen. Mit australischen Ureinwohnern fing
es an. Für das Museum für Völkerkunde in Dresden hatten wir 2018 zwei
Perlentaucher – eine Frau und einen Mann – vom Ende des 19. Jahrhunderts
rekonstruiert. Ihre Schädel waren über dubiose Handelsgeschäfte von Australien
in den Museumsfundus gelangt.
Diese Toten sind stille Zeugen unbeschreiblicher Grausamkeit gegen die
Ureinwohner des australischen Kontinents. Vor allem junge Frauen, aber auch
einige Männer wurden im 19. Jahrhundert vor den Küsten Australiens ohne
Hilfsmittel zum Perlentauchen gezwungen. Man band ihnen Steine an die Füße,
damit sie besser in die Tiefe sanken, und holte sie oft erst viel zu spät wieder
hoch. Viele Menschen starben qualvoll. Wir gaben den beiden stellvertretend für
die vielen ein Gesicht. Im April 2019 wurden sie in einer feierlichen Zeremonie in
Dresden ihren Stämmen zurückgegeben.
Aber auch französischen Soldaten aus einem Massengrab in FrankfurtRödelheim gaben wir ein Gesicht. Sie waren Anfang des 19. Jahrhunderts in den
Befreiungskriegen gegen die Truppen Napoleons ums Leben gekommen. Wir
rekonstruierten außerdem das Gesicht einer Frau aus dem späten Mittelalter,
deren Schädel 1970 von einem Bauarbeiter in der Leipziger Pauliner-Gruft
gefunden worden war.
Anders als bei der forensischen Gesichtsweichteilrekonstruktion steht bei der
archäologischen nicht die Identifizierung im Vordergrund, sondern die
sinnbildliche Darstellung eines Menschen zu seiner Lebenszeit. Den Urahnen soll
ein Gesicht gegeben werden, wie originalgetreu dieses ist, bleibt zweitrangig.
Dennoch ist auch bei der archäologischen Gesichtsweichteilrekonstruktion das
biologische Profil die entscheidende Grundlage für das digitale Gesicht. In den
forensischen
Fällen
stellen
uns
Polizeibehörden
Fotoaufnahmen,
Ermittlungsergebnisse und Obduktionsberichte zur Verfügung. Darin finden sich
Informationen zum Zustand der Leiche und darüber, wie und wo sie aufgefunden
wurde, was sie trug, Spuren wie Haare, Hautschuppen und sonstige DNA-Träger.
Die Schwierigkeit bei archäologischen Fällen ist, dass vieles davon nicht existiert
oder unbekannt ist. Das biologische Profil ist daher schwerer zu erstellen und mit
mehr Unsicherheiten verbunden. Oft ist der Schädel zudem in keinem guten
Zustand wie etwa bei dem Wöllersdorfer Mann, wo der Unterkiefer komplett fehlt.
Das Knochenmaterial ist durch viel längere Liegezeiten und Witterungseinflüsse
meist stark in Mitleidenschaft gezogen.
Silvia Renhart schickt uns also aus Graz alles, was sie selbst und andere zum
biologischen Profil der beiden frühgeschichtlichen Menschen analysiert haben:
108
ihre eigenen anthropologischen Untersuchungen zu Alter, Geschlecht,
Verletzungen am Schädel und auffälligen Besonderheiten. Die RadiokarbonUntersuchung sowie die Molekularstruktur-Protein-Analyse zur Altersbestimmung
der Rechtsmedizin an der Universität in Düsseldorf und schließlich die
Computertomografie-Scans, die die FH Wien angefertigt hat. Vor der eigentlichen
Rekonstruktion recherchieren wir genau wie bei den Cold Cases möglichst
umfangreich zu den Personen und ihrer Zeit. In diesem Fall lesen wir uns in die
Forschungen der Archäologin Dorothea Talaa ein. Ich recherchiere zu den
Menschen in der Mittel- und Jungsteinzeit und bin fasziniert vom Leben unserer
Urahnen, die deutlich intelligenter und kultivierter waren, als ich bislang
angenommen habe, und bereits ein erstaunliches medizinisches Wissen
besaßen. Im nächsten Schritt nehmen wir die CT-Scans und erstellen mit ihnen
Modelle der beiden Schädel. Beim Wöllersdorfer Mann fehlt nicht nur der
Unterkiefer, sondern auch der Nasendorn und Nasenrücken. Hier zeigen sich die
Vorteile der digitalen vor der manuellen Rekonstruktion, denn mithilfe
computergestützter Modellierungen lässt sich der Unterkiefer in wenigen Minuten
nachbilden – allerdings brauchen wir dafür anatomische Daten. Wir nutzen unser
Softwareprogramm, mit dem wir die anatomischen Landmarken berechnen
können, und ergänzen diese noch mit Vergleichsdaten anderer
frühgeschichtlicher Schädel – unter anderem des deutlich besser erhaltenen
Pöttschinger Schädels, wohl wissend, dass wir damit 2000 Jahre überspringen.
Erschwert wird das Ganze, weil der Nasendorn ebenfalls eine wichtige
anatomische Landmarke ist. Er lässt sich – auch mithilfe eines
Nasenrekonstruktionsmodells – nur annähernd schätzen. Am Ende bekommen
wir für den Unterkiefer ein Modell, das sich dem wahren Gesicht des
unbekannten Mannes vermutlich nur annähert. Danach müssen die
Weichteilmarker eingefügt werden, also die Abstände zwischen Knochen und
Haut, die erst wirklich ein Gesicht formen. Auch hierfür werden anatomische
Landmarken gebraucht, in diesem Fall, um Weichteildicken festzulegen. Wir
nutzen hierfür eine Studie, für die die Weichteildicken von 967 erwachsenen
Kaukasiern gemessen wurden, aufgeschlüsselt nach Alter, Geschlecht und BodyMass-Index
(BMI)
der
Probanden.
Eine
wichtige
Rolle
für
Gesichtsweichteilmarker spielt neben dem Geschlecht das Lebensalter. Mit
steigendem Alter verlieren die Gesichtsweichteile an Festigkeit. Am stärksten
wird ihre Dicke jedoch von der individuellen Ernährung beeinflusst. Bei Menschen
der Jung- und Mittelsteinzeit kann man voraussetzen, dass ihr BMI nicht
übermäßig hoch war, wenn man ihre Ernährung und Lebensumstände bedenkt.
Aus der Tabelle der Studie berechnen wir dann die Werte für den Wöllersdorfer
Mann und den Pöttschinger Jungen.
Auch die Lippen sind eine Herausforderung. Für ihre Rekonstruktion gibt es noch
keine einheitliche Methode, daher modellieren wir ihre Form möglichst neutral
und ethnienspezifisch. Anhand des Aufbaus des Oberkiefers lassen sich
zumindest die Breite des Mundes und seine Platzierung rekonstruieren – dabei
setzen wir allerdings voraus, dass es keine Fehlstellung des Unterkiefers gab.
Die Hautfarbe ist ebenfalls schwer zu bestimmen. Studien zufolge entwickelte
109
sich die helle Haut der Europäer schon mindestens seit 6500 bis 4000 Jahren v.
Chr. DNA-Analysen aus der Neusteinzeit und Bronzezeit zeigen, dass die
Depigmentierung des modernen Europäers, also das Hellerwerden seiner Haut,
vor über 5000 Jahren begann. Es gibt allerdings für Mitteleuropa kaum DNAAnalysen zur Hautfarbe aus dem Mesolithikum. Deshalb nehmen wir an, dass die
des Wöllersdorfer Mannes zwischen einer hellen und einer dunklen Hautfarbe
liegt. Wir wählen eine dunklere, aber kaukasische Hautbeschaffenheit. Für die
Haut des aus der Jungsteinzeit stammenden Pöttschinger Jugendlichen wählen
wir einen helleren Hautton.
Zum Schluss modellieren wir noch die Kopf- und Gesichtsbehaarung. Auch
diese ist nicht leicht zu erstellen. Im Fall des Wöllersdorfer Mannes legen wir
Untersuchungen zugrunde, dass dunkelbraune Haare und Augen in jener Region
am weitesten verbreitet waren. Für die Struktur des Haares wählen wir eine
allgemein glatte, aber nicht sehr gepflegte. Den Bart gestalten wir ungeschnitten
und kraus. Zur realistischen Darstellung des finalen Gesichts rendern wir dieses,
nutzen also Nachbearbeitungseffekte, indem wir Eigenschaften wie die
Oberflächenstruktur, die Farbverläufe oder Lichtquellen anpassen, wodurch
Hauttextur und Haare realistischer wirken.
ZWEI STEINZEITMENSCHEN INS GESICHT SCHAUEN
»Kommt mal schnell rüber«, ruft eine Mitarbeiterin meines Teams, die besonders
gern digitale Gesichtsrekonstruktionen macht. Nach acht Wochen Recherchen
und Tüfteleien hat sie schließlich alle Daten und Berechnungen eingegeben, die
mein Team zusammengetragen hat. Ein Raunen geht durch den Laborraum, als
wir auf ihren Bildschirm schauen. Dort blicken uns zwei Menschen aus der
Steinzeit an, plastisch und dem heutigen Menschen sehr ähnlich. »Die sehen ja
mindestens so gut aus wie die Perlentaucher aus Australien!« Ich bin überrascht.
Die Perlentaucher waren fast 9000 Jahre jünger als diese niederösterreichischen
Steinzeitmenschen, und die Datenlage war ungleich besser: Wir hatten
Zeichnungen, Fotos von Ureinwohnern, die nur 100 Jahre jünger waren als die
Originale, und sehr viel mehr Hintergrundmaterial.
Mein zweiter Gedanke ist dennoch: »Verdammt viel Kunst.« Denn wie gerade
beschrieben, müssen wir wegen fehlender verlässlicher Daten vieles annehmen
und mit Näherungswerten arbeiten. Bei so alten Funden gibt es einfach zu viele
Fragezeichen, vor allem wenn deren Zustand so schlecht ist wie im Fall des
Wöllersdorfer Mannes. Dennoch sind solche Rekonstruktionen großartig, um
Geschichte erlebbarer zu machen.
Wie groß die Wirkung tatsächlich ist, erfahre ich einige Monate später. Im
Dezember 2019 bin ich zu einer Tagung nach Graz eingeladen, um gemeinsam
mit all den anderen beteiligten Wissenschaftlern unsere Ergebnisse zu
präsentieren. Nachdem ich die Modelle der beiden Steinzeitmenschen vorgestellt
habe, ist die Begeisterung groß. Ich ernte deutlich mehr Aufmerksamkeit als die
anderen Forscher. Das ist nicht fair, denn schließlich wäre unsere
Gesichtsrekonstruktion ohne ihre Arbeit – die forensischen, bildgebenden,
110
anthropologischen und archäologischen Untersuchungen – nicht möglich
gewesen. Und auch die Medien, denen die Ergebnisse Anfang 2020 präsentiert
werden, stürzen sich auf die von uns rekonstruierten Gesichter.
Ende 2021 rückt für einen kurzen Moment weniger Kunst und mehr Wissen in
greifbare Nähe. Silvia Renhart ist es gelungen, beim Wöllersdorfer Mann eine
Knochenprobe zu entnehmen, die noch DNA enthält. Sie schickt sie an die
Universität in Tübingen zur Analyse. Im Februar 2022 kommt das Ergebnis: Die
DNA-Probe enthält leider keine Informationen über die Haut-, Augen- und
Haarfarbe des Mannes, schreibt der Archäogenetiker. So nah der Wöllersdorfer
Mann uns durch die Rekonstruktion auch schon gekommen ist, ein paar
Geheimnisse bewahrt dieser Urahn weiterhin für sich. Doch wer weiß, vielleicht
werden sie in Zukunft mit einer besseren Probe oder neuen Methoden auch noch
gelüftet.
111
EXKURS
DIE ZUKUNFT DER GESICHTSREKONSTRUKTION
Schon heute wäre in der Gesichtsrekonstruktion einiges mehr möglich, als wir im
Moment machen. Unsere in 3-D-Modellen rekonstruierten Gesichter könnten zum
Beispiel animiert gezeigt werden. Das Aussehen eines Menschen wirkt, je
nachdem ob er wütend, traurig oder fröhlich ist, geöffnete oder geschlossene
Augen hat, schmollt, spricht oder schweigt, mitunter ganz anders. Intelligente
Softwareprogramme, die Gesichter auf Fotos solche Mimiken durchlaufen lassen
können, haben wir für unsere Zwecke trainiert und verwenden sie bereits.
Allerdings nutzen wir sie in anderem Zusammenhang, etwa um
Gesichtsausdrücke von Missbrauchsopfern zu analysieren – man kann an diesen
ablesen, ob es sich um freiwilliges oder erzwungenes Posen handelt. Wir
müssten das Funktionsprinzip dieser Software im Grunde nur umkehren und auf
unsere Rekonstruktionsprogramme übertragen – aber dafür mangelt es uns an
Zeit und auch an Forschungsgeldern. Denn unbekannte Tote, die nicht
identifizierbar sind, gibt es nicht so häufig, aber leider sehr viel häufiger
Missbrauchsdarstellungen von Kindern, die im Internet verbreitet werden.
Auch Phantombilder, die auf Zeugenbefragungen basieren, sind schon jetzt
als digitale 3-D-Modelle möglich und wären auch interaktiv denkbar. Wenn etwa
mehrere Augenzeugen die vermisste Person gesehen haben, der eine von vorn,
ein anderer nur von der Seite, so ließe sich ein solches Modell dann interaktiv
von ihnen jeweils gestalten, indem bestimmte Merkmale hinzugefügt oder
weggenommen werden. So etwas könnte man auch im Fall des unbekannten
Toten aus dem Wald versuchen, wenn unsere 3-D-Rekonstruktion der
Öffentlichkeit so zur Verfügung gestellt würde, dass man ihn sich von allen Seiten
anschauen und selbst Details verändern könnte. Vielleicht würde mancher sich
dann leichter erinnern, dass er diesen Menschen schon einmal gesehen hat.
In Zukunft wird sich die Gesichtsrekonstruktion weiter verbessern – und zwar
auf mehreren Ebenen. Zum einen wird KI-Software helfen, Gesichter von Toten
zu rekonstruieren, aber auch Phantombilder anhand von Zeugenaussagen
anzufertigen. Intelligente Systeme werden darauf trainiert sein, anhand von
Knochen beziehungsweise dem Schädel die Gesichter genauer nachzubilden,
vor allem in jenen Regionen, die uns im Moment noch Schwierigkeiten bereiten,
wie Mund, Nase und Ohren. Im Grunde brauchen sie dafür nur ausreichend viele
reale Gesichter und die entsprechenden Aufnahmen der dazugehörigen Schädel,
um Muster erkennen zu können und dann eigenständig anhand der
Schädelknochen ein Gesicht zu berechnen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit
dem Original gleicht. Alter und Umwelteinflüsse, die neben den Knochen das
Aussehen extrem stark beeinflussen, fließen in Zukunft mithilfe von intelligenten
112
Systemen in solche Rekonstruktionen mit ein. Schon jetzt gibt es
Softwareprogramme, die Gesichter beispielsweise realistisch altern lassen. Da
dürfte es nicht schwierig sein, auch bestimmte Umwelteinflüsse, die sich auf das
Aussehen auswirken, in entsprechende Programme mit einzubauen, wie zum
Beispiel den Effekt von intensivem Tabakkonsum auf die Haut, von bestimmten
Klima- und Witterungsverhältnissen oder Ernährungsgewohnheiten.
Es gibt auch schon KI-Software, die zudem darauf trainiert ist, allein anhand der
Stimme Gesichter zu bestimmen.26 Dass auf das Geschlecht und teilweise auch
das Alter anhand der Stimme geschlossen werden kann, leuchtet leicht ein. Auch
dass aus Dialekt oder Akzent Hinweise auf die geografische Herkunft ableitbar
sind oder auf das soziale Milieu, ebenso dass Emotionen wie Wut oder Freude
aus der Stimme herauszuhören sind. Dass aber allein von der Stimme auf das
Aussehen geschlossen werden kann, erscheint im ersten Moment
unwahrscheinlich. Doch Forschern der Massachusetts Institute of Technology
(MIT) in Boston ist genau das schon 2019 gelungen. Sie haben eine KI-Software
entwickelt (speech2face), die aus einer lediglich sechs Sekunden langen
Aufnahme der Stimme einer Person Phantombilder erstellt.27 Diese Bilder geben
schon recht präzise Alter, Geschlecht und ethnischen Hintergrund wieder, dazu
konkrete Merkmale wie die Form des Gesichts oder die Struktur der Nase.
Allerdings liefert die Software (noch) keine exakte Darstellung der Person, deren
Stimme analysiert wurde, also kein getreues Phantombild. Die KI wurde drauf
trainiert, in Videos nach Mustern beziehungsweise Korrelationen zwischen den
sprachlichen Merkmalen eines Menschen und seinen äußerlichen anatomischen
Eigenschaften wie zum Beispiel der Mund- und Lippenform oder der Länge des
Kiefers zu suchen. Diese Zusammenhänge verbessert sie fortlaufend durch
selbstlernende Prozesse. Weitergedacht lässt sich die Software in Zukunft auch
in der Verbrechensaufklärung einsetzen, etwa wenn es von einem unbekannten
Täter nur die Aufnahme der Stimme gibt. Schon jetzt verwenden viele Menschen
in Smartphone-Chats nur noch Sprachnachrichten anstelle von manuell
eingetippten schriftlichen Botschaften. Und ihre Anzahl wächst: 2021 etwa
übermittelten zwei Drittel der Deutschen via Sprachnachricht Neujahrsgrüße,
2019 waren es erst 20 Prozent.28
WAS DIE GENE ÜBER ÄUSSERE MERKMALE VERRATEN
Die DNA-Analyse wird in Zukunft zudem eine noch größere Rolle für
Gesichtsrekonstruktionen spielen als bisher. Seit sie 1988 eingeführt wurde,
gehört sie zu den wichtigsten forensischen Identifizierungsmethoden. Schon ein
winziger Blutstropfen, ein Haar oder ein paar Hautschuppen, die ein Täter am
Tatort verliert, reichen, um daraus eine DNA-Analyse zu erstellen, die eine
Person identifiziert. Doch lange Zeit wurde diese Methode nur sehr eingeschränkt
angewandt – als eine Art »genetischer Fingerabdruck«. Wurde eine DNA-Spur
gefunden, ließ sie sich mit der von bereits bekannten Tätern in der Datenbank
113
des BKA gespeicherten abgleichen. Stimmten beide überein, galt die Person als
überführt. Wenn nicht, durfte lediglich noch das Geschlecht aus der DNA
abgelesen werden. Erst Ende 2019 wurde in Deutschland die erweiterte DNAAnalyse erlaubt, allerdings nur für die Bestimmung der Augen-, Haar- und
Hautfarbe und des Alters, nicht aber der geografischen Herkunft eines Menschen,
die sich ebenfalls aus seinen Genen ableiten lässt. Zu groß war die Sorge, dies
könnte zur Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen führen. In den
Niederlanden, Großbritannien oder der Slowakei ist sie dagegen erlaubt.29
Genetisch bedingte Krankheiten dürfen ebenfalls nicht aus der DNA abgelesen
werden, weil dies als zu großer Eingriff in die Privatsphäre gilt.
Wie alle anderen zugelassenen Merkmale kann man auch die geografische
Herkunft nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der DNA herauslesen.
Doch je mehr Elterngenerationen ausschließlich aus einer Region stammen,
desto besser wird die Vorhersage – ein Deutscher etwa, der in der zehnten
Generation in Norddeutschland lebt, lässt sich klar von einem Italiener
abgrenzen.
Die Genauigkeit, mit der dunkle Haut, rote Haare sowie blaue oder braune
Augen aus der DNA bestimmt werden können, ist momentan schon sehr hoch.
Für schwarze Haare und diverse helle Hautfarben ist sie deutlich geringer.
Nichtblaue und nichtbraune Augen können nur als gemischtfarbig angegeben
werden. Da manche braunhaarige Erwachsene als Kinder blond waren, sind die
DNA-Analysen für diese Merkmale ebenfalls erheblich ungenauer. In dem EUProjekt VISAGE etwa arbeiten Partner von Universitäten, Polizei und Justiz aus
acht europäischen Staaten, darunter auch das Bundeskriminalamt, daran, die
erweiterte DNA-Analyse schneller und genauer zu machen. All das wird sich also
in den kommenden Jahren rasant verbessern. Die Trefferquote für die genannten
Merkmale wird sich erhöhen. Und es werden weitere hinzukommen. Schon 2014
fanden Forscher spezifische Gene, die zum Beispiel die Form der Lippen, der
Knochen um die Augen oder der Wangenknochen verändern können.30 2016
wurden die Gene entdeckt, die das Aussehen der Nase bestimmen.31 Es wird
also in Zukunft möglich sein, nur anhand einer DNA-Spur ein ziemlich exaktes
Phantombild des möglichen Täters zu erstellen. In Kombination mit weiteren
Spuren, die auch mithilfe von KI-Software (wie oben beschrieben) auswertbar
sind, werden so sehr detaillierte und genaue Darstellungen möglich sein.
Als Forensiker begrüße ich so etwas natürlich, als Bürger sehe ich die
Gefahren dieser Entwicklung. Denn DNA-Spuren an einem Tatort sagen noch
nichts über eine Tatbeteiligung aus. Es kann viele Erklärungen geben, wie eine
solche Spur an Tatorte gelangt ist, bis hin zu Verunreinigungen bei der
Spurensicherung. Diesen Prozess muss die Politik daher begleiten und die
erforderlichen Gesetze dafür schaffen.
114
KAPITEL 11
DIE ZUKUNFT DER DIGITALEN FORENSIK – WIE SICH DIE
STRAFVERFOLGUNG ÄNDERN MUSS
Es war das perfekte Werkzeug für perfekte Verbrechen. Dealer besprachen offen
und ungeniert den Übergabeort für die nächste Crystal-Meth-Lieferung oder
bestellten Amphetamine in Drogenlaboren. Clanmitglieder organisierten
Erpressungen oder Raubzüge. Bandenchefs wickelten Geldwäscheaktionen ab.
Waffenhändler priesen ihre Waren an und verschickten Fotos samt detaillierten
technischen Daten. Angst, abgehört zu werden, hatten sie keine. Denn sie
nutzten ja ein abhörsicheres Gerät: ein Kryptohandy. Das besaß keine GPS-,
Kamera- und Mikrofonfunktion und kommunizierte wie über eine
»Geheimsprache« mit anderen typgleichen Geräten, indem es Gespräche und
Nachrichten verschlüsselte. Der Anbieter dieses Handys, die Firma EncroChat,
versprach seinen Kunden, alle Nachrichten und Nutzerdaten seines
Chatprogramms liefen über eigene Server und würden dort weder gespeichert
noch entschlüsselt. Es sei »das elektronische Äquivalent zu einer normalen
Unterhaltung zwischen zwei Menschen in einem leeren Raum«, perfekt für eine
»sorgenfreie Kommunikation«.32 Zwar hatte die Anonymität ihren Preis: 1000
Euro kostete ein »EncroPhone«, für den Betrieb waren zusätzlich 1500 Euro pro
Halbjahr an Gebühren fällig. Doch es war ein lohnendes Geschäft – für beide
Seiten. Weltweit nutzten bis zu 60.000 Menschen das Kryptohandy von
EncroChat.
Irgendwann allerdings wunderten sich die kriminellen Kunden, dass ihnen die
Polizei immer häufiger dazwischenfunkte – beim Showdown zwischen zwei
verfeindeten Banden genauso wie bei der Drogenübergabe im Hafen. Was sie
nicht wussten: Französischen Strafverfolgern war es gelungen, einen EncroChatServer in Nordfrankreich zu hacken und Schadsoftware auf ihre EncroPhones zu
spielen. Die darüber ausgetauschten Informationen, Textnachrichten, Bilder und
Dateien leiteten sie auf einen eigenen Server um, lasen monatelang in Echtzeit
Chatverläufe mit, kopierten und sicherten Millionen Daten. Die Franzosen holten
die Niederlande und Großbritannien mit ins Boot. Im Sommer 2020 flog die
Abhöraktion auf. EncroChat hatte die Schadsoftware entdeckt und warnte seine
Nutzer, alle Daten zu löschen und die Geräte zu zerstören. Doch da war es schon
zu spät. Europaweit folgten Razzien und Festnahmen. Drogen, Waffen,
gestohlene Waren wurden beschlagnahmt – auch in Deutschland, wo die
europäische Polizeibehörde Europol die brisanten Daten ans Bundeskriminalamt
weiterreichte. Mehr als 2700 Strafverfahren wurden seitdem bundesweit
eingeleitet, über 900 Haftbefehle ausgestellt (Stand: Januar 2022),33 mehrere
115
Tonnen Cannabis, Hunderte Kilogramm Kokain, mehr als 300 Schusswaffen und
Vermögenswerte in dreistelliger Millionen-Höhe sichergestellt. Das Vorgehen der
Polizeibehörden verunsicherte die Unterwelt zutiefst: »Ich habe noch nie etwas
Derartiges erlebt«, zitierte das Online-Magazin Vice einen EncroChat-Nutzer.34
Mit einem solchen Schlag hatte wohl niemand gerechnet.
Die Aktion leitete eine Wende im Kampf gegen die organisierte Kriminalität
ein. Zwar füllten andere Kryptohandy-Anbieter die Lücke, sobald EncroChat vom
Markt verschwunden war. Sky ECC zum Beispiel, ein Kryptodienste-Anbieter mit
Sitz in Kanada. Doch genauso schnell schlugen die Ermittler erneut zu. Kein Jahr
später gelang es belgischen, französischen und niederländischen
Polizeibehörden, Sky ECC zu infiltrieren. Von seinen weltweit mehr als 170.000
Kunden wurden 70.000 abgehört, der sichergestellte Datensatz soll viermal so
groß sein wie der von EncroChat.35 Und wieder folgten Hunderte Festnahmen,
mehrere Tonnen Drogen wurden sichergestellt, Verfahren eingeleitet.
Die Beispiele EncroChat und Sky ECC zeigen, dass das Wettrennen zwischen
Kriminellen und Ermittlern inzwischen längst auch ein digitales ist, selbst dann,
wenn es nicht ausschließlich im digitalen Raum stattfindet: Straftäter nutzen alle
zur Verfügung stehenden technologischen Mittel und Werkzeuge, Ermittler
versuchen mitzuhalten. Der Polizei gelingt das aber nur, wenn sie über
ausreichend digitales Wissen, eine moderne technische Ausstattung und einen
rechtlichen Rahmen verfügt, der ihr erlaubt, beides auch anzuwenden. Deutsche
Strafverfolger hinken in allen drei Bereichen hinterher – aus verschiedenen
Gründen.
DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN ERMITTLERN UND DIGITALEN
FORENSIKERN
In den Kapiteln zuvor habe ich an verschiedenen Fällen gezeigt, wie mit digitaler
Forensik Ermittlungen unterstützt und verbessert werden können. Einiges davon
wird inzwischen auch bei Landeskriminalämtern angewandt, doch das ist,
diplomatisch gesagt, ausbaufähig. Durch meine Arbeit für und mit Polizistinnen
und Polizisten, Staatsanwaltschaften und Gerichten habe ich immer wieder
festgestellt, dass das Wissen um digitale Ermittlungsmethoden an vielen Stellen
viel zu gering ist. Fast überall wird zudem noch zwischen digitaler und analoger
Welt unterschieden. Verschickt ein Täter einen Erpresserbrief, für den er aus
Zeitschriften Buchstaben ausschneidet, dann gilt das als analoges oder
klassisches Verbrechen. Schreibt er ihn aber am Computer und druckt ihn aus,
nutzt er also Informationstechnik, gilt es als digitales Verbrechen oder
»Cybercrime im weiteren Sinne«. Oft sind dann auch noch unterschiedliche
Bereiche der Polizei zuständig, was zeigt, wie widersinnig das in einer Welt ist, in
der nahezu jede Bürgerin und jeder Bürger moderne Informationstechnik nutzt –
selbst der Erpresser, der für seine Tat Buchstaben ausschneidet, aber privat ein
Handy nutzt.
116
Stattdessen müssten Ermittlerinnen und Ermittler längst bei jeder Tat das digitale
Leben von Opfern wie Tätern mitdenken und im Blick haben. Sie müssten
wissen, wie sie diese digitalen Leben recherchieren und auswerten. Mehr noch:
Sie müssten auch wissen, welche digitalen Möglichkeiten es gibt, um
Ermittlungen zu verbessern. Tatortrekonstruktionen, Ablaufsimulationen sowie
digitale Video- und Bildanalysewerkzeuge bieten vielfältige Möglichkeiten, um
Hypothesen zu überprüfen. Dabei will ich nicht einem häufig diskutierten
Einheitspolizisten das Wort reden, also einer eierlegenden Wollmilchsau, die
sowohl ausgebildeter Ermittler oder Ermittlerin ist und zugleich studierte ITForensikerin oder IT-Forensiker. Dieses Wunderwesen kann und wird es nicht
geben. Nein, meine Vision einer effizienten, modernen Ermittlungsarbeit besteht
in einem neuen Verhältnis zwischen Kriminalisten und digitalen Forensikern. Was
wir brauchen, sind gut ausgebildete Expertinnen und Experten aus beiden
Bereichen, die jeweils genug Wissen von der Arbeit des anderen haben, um
enger als heute üblich zusammenzuarbeiten.
Im Moment läuft es allerdings meist so: Ermittler übergeben IT-Forensikern
sichergestellte Datenträger wie Handys, Festplatten oder Laptops und sagen:
»Bereite mir mal die Daten auf.« Vielleicht liefern sie ihnen auch noch ein paar
zusätzliche Informationen, wie den Durchsuchungsbefehl, oder geben an,
wonach genau sie suchen sollen, etwa alle Kontakte rund um den Tattag. Die
Forensikerinnen und Forensiker sichern die Daten und packen sie in
entsprechende Ordner, die von den Ermittlern durchgeschaut werden – je
nachdem, wonach sie suchen. Häufig tun sie das wie am Fließband. Zeit, sich
über das, was sie da auswerten, Gedanken zu machen, sich Verknüpfungen oder
weiterführende Ansätze zu überlegen, haben sie meist nicht. Durch diese
Vorgehensweise gehen viele interessante Ansätze verloren. Würden nämlich
digitale Forensiker stärker in die Ermittlungsarbeit einbezogen, gäbe man ihnen
mehr Zeit und Spielraum, Dinge auszuprobieren, dann könnten sie interessantere
Ergebnisse erzielen. Ein fiktives Beispiel:
Ein Ermittlerteam wird an einen Tatort gerufen. Eine junge Frau liegt erdrosselt in
ihrer Wohnung. Sie lebte allein, niemand scheint gewaltsam die Tür
aufgebrochen zu haben oder sonst wie in ihre Wohnung eingedrungen zu sein.
Sie muss den Täter also selbst hereingelassen haben. Die Spurensicherung
nimmt das Handy und den Laptop der Frau mit, sichert Fingerabdrücke und DNASpuren. Die meisten Spuren können zugeordnet werden, nur einige bleiben offen,
allerdings ohne Treffer in Datenbanken. Die Ermittler geben die Geräte an die ITForensik, bitten, alles auszulesen und nach Kontakten, Verabredungen, Fotos
und Nachrichten zu suchen, die um den Todestag herum ein- und ausgegangen
sind, die Aktivitäten des Opfers in sozialen Netzwerken durchzugehen, die Orte,
an denen die Frau sich aufhielt. Vierzehn Menschen listen die Forensiker
schließlich auf, mit denen die Frau rund um den Todestag telefonierte, chattete,
sich verabredete. Sie erstellen mit den GPS-Daten des Handys ein
Bewegungsprofil der Frau. Die Kontakte werden überprüft, ihr Weg
nachgezeichnet. Dutzenden Hinweisen gehen die Ermittler nach. Ergebnislos.
117
Keine der 14 Personen kommt als Tatverdächtiger in Frage. Die Ermittler sind an
einem toten Punkt angekommen.
Hätten sie enger mit den Forensikern zusammengearbeitet und sie nicht nur um
eine tatrelevante, sondern umfassende Analyse der Smartphonenutzung der Frau
gebeten, also die Kollegen auch ein bisschen tüfteln lassen, dann hätten die
Forensiker leicht herausfinden können, dass das Opfer ein Fan von Onlinespielen
war. Denn in einer WhatsApp-Nachricht an eine Freundin schrieb die Frau, dass
sie gerne im Netz zocke. Forensiker, die gebeten werden, nicht nur Daten
auszulesen, sondern ein genaues Profil des Opfers zu erstellen, und die mit
Fallarbeit vertraut sind, würden das zum Anlass nehmen, in dem Browserverlauf
der Frau nach Onlinespielen zu suchen. Dabei würden sie entdecken, dass die
Frau regelmäßig mehrere Spieleplattformen aufgerufen hat. Mit den bereits
gefundenen Login-Daten auf der Festplatte könnten sie ihr Spielekonto einsehen
und feststellen, dass die Frau sich über mehrere Wochen in der Chatfunktion
eines dieser Spiele intensiv mit einem anderen Spieler, offensichtlich einem
Mann, unterhielt, der sich wie sie selbst auch unter Pseudonym angemeldet
hatte. Aus den Chats geht hervor, dass sich die beiden vor einigen Wochen für
ein echtes Treffen verabredet hatten. Danach spielte die Frau zwar weiter
Onlinespiele, aber nie wieder dieses und hatte auch keinen weiteren Kontakt
mehr zu diesem Mann, beziehungsweise einem Spieler mit dessen Pseudonym.
Irgendetwas muss also bei diesem Treffen vorgefallen sein. Spielen wir den Fall
weiter durch: So sehr sich die Forensiker bemühen, den Klarnamen des Mannes
mit Hilfe von frei zugänglichen Rechercheplattformen und -methoden,
sogenannter Open Source Intelligence (OSINT) herauszufinden, es gelingt ihnen
nicht. Er scheint sehr geschickt darin zu sein, seine digitalen Spuren zu
verwischen. Doch die Forensiker lassen nicht locker. Sie programmieren ein
eigenes Auswertungsprogramm, mit dem sie alle Spielepartner dieses Mannes
analysieren können, und finden das Profil eines Spielers, der besonders oft mit
ihm gezockt hat. Dieser Mann ist weniger vorsichtig. Mit OSINT-Methoden
können sie seinen wahren Namen und die Adresse ausfindig machen. Sie
befragen ihn, erfahren, dass er sogar mit dem Spielepartner befreundet ist, und
gelangen so an den wahren Namen des Chatpartners der getöteten Frau. Er wird
befragt, verstrickt sich in Widersprüche, seine DNA passt zu der, die in der
Wohnung des Opfers gefunden wurde, aber nicht zugeordnet werden konnte. Am
Ende gesteht er: Er traf sich mit der Frau. Danach brach sie den Kontakt
vollständig ab, ohne ihm zu sagen, warum. Das wollte er nicht hinnehmen,
recherchierte ihre Adresse und stand am Tatabend plötzlich vor ihrer Tür … Den
weiteren Verlauf der Geschichte kann man sich denken.
Das fiktive Beispiel zeigt: Viel zu oft wird das Potenzial von Forensikern nicht
ausreichend genutzt. Würden sie in Ermittlungen intensiver eingebunden,
könnten sie Ideen einbringen, digitale Auswertungsmethoden miteinander
verknüpft einsetzen, im besten Falle sogar neue entwickeln und ausprobieren.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass nicht nur Ermittlerinnen und Ermittler ein
besseres Verständnis dafür haben, was digitale Forensik kann, sondern dass
118
auch IT-Forensikerinnen und -Forensiker
hypothesengeleiteter Fallarbeit besitzen.
ein
Grundverständnis
von
WAS SICH ÄNDERN MUSS
Damit wir zu einer solchen Form von Ermittlungsarbeit kommen, muss sich die
Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten, aber auch von IT-Forensikerinnen
und -Forensikern im Polizeidienst drastisch ändern. Zwar ist inzwischen in allen
Bundesländern die Vermittlung von IT-Fähigkeiten in der Polizeiausbildung
verankert – allerdings mit großen Unterschieden in Quantität und Qualität: Die
Unterrichtseinheiten dazu variieren in der zweieinhalb- bis dreijährigen
Ausbildung zwischen sieben und 105 Unterrichtsstunden. Die Inhalte, die
unterrichtet werden, sind genauso verschieden wie die digitale Ausstattung.
Schon bei der Auswahl angehender Polizistinnen und Polizisten müsste viel mehr
auf digitale Basisfähigkeiten geachtet und in der Ausbildung dann ein
ausreichendes Grundwissen über digitale Technologien vermittelt werden. Wie
private Daten in Sozialen Medien, aber auch anderen Plattformen missbraucht
werden können und wie man wichtige Informationen im Internet recherchiert und
verifiziert, wird in der Schule noch immer viel zu selten unterrichtet. Deshalb
muss dies angehenden Polizistinnen und Polizisten wenigstens in der Ausbildung
vermittelt werden. Sie müssen lernen, was digitale Spuren überhaupt sind und
wie man als Ersteinschreiter am Tatort dafür sorgt, dass sie nicht verloren gehen.
Dass es etwa nicht sinnvoll ist, ein offen dastehendes Laptop zuzuklappen und
einfach einzupacken, weil es danach passwortgeschützt ist und IT-Forensiker
dieses Passwort erst mühsam wieder knacken müssen. Dass sie stattdessen die
Maus ständig in Bewegung halten sollten, damit der Bildschirmschoner und der
Passwortschutz nicht einsetzen. Sie müssen wissen, dass auch eine Smartwatch
digitale Spuren liefern kann, etwa über die GPS-Daten Informationen
Aufenthaltsorte verrät, und deshalb einem Tatverdächtigen bei der Festnahme
sofort abgenommen werden sollte, bevor er diese Daten löschen kann. Sie
brauchen ein Grundwissen über digitale Kriminalität, wie sie entsteht, welche
Formen sie annimmt, welche wichtigen Werkzeuge im Einsatz sind. All das spielt
bislang eine viel zu geringe Rolle in der Ausbildung. Das liegt auch daran, dass
diese nicht noch weiter verlängert werden soll. Wenn also mehr digitales
Grundwissen vermittelt werden muss, geht das nur auf Kosten anderer Inhalte.
Und dafür müsste man sich darüber einigen, auf welche Inhalte verzichtet werden
kann. Ein schwieriges Unterfangen.
Darüber hinaus brauchen Polizistinnen und Polizisten, die für Ermittlungen im
Zusammenhang mit Straftaten eingesetzt werden, vertieftes Wissen über digitale
Techniken und ihre Einsatzmöglichkeiten. Auch das ist bislang in den
Bundesländern sehr unterschiedlich organisiert. Manche bieten berufsbegleitende
Fort- und Weiterbildungen hierzu an, andere bilden direkt sogenannte Cybercops
aus. Es fehlen vor allem ein einheitlicher inhaltlicher Standard und ein
Ausbildungsansatz, der eine sich schnell verändernde Technologie und das
119
Wissen über Missbrauchsmöglichkeiten ebenso schnell adaptieren kann. Das
Bundeskriminalamt zum Beispiel schlägt gerade einen anderen Weg ein: Über
Fort- und Weiterbildungen werden Polizeibeamtinnen und -beamte in digitaler
Sachbearbeitung so vertieft trainiert, dass sie als Mittler zwischen beiden
Bereichen eingesetzt werden können. Sie kommen aus der Polizeiarbeit,
erwerben in einem berufsbegleitendem Studienprogramm genug digitale
Sachkenntnis, dass sie IT-Sachverständige oder IT-Forensiker entsprechend in
die Ermittlungsarbeit einbeziehen können. Egal welcher Weg gegangen wird,
grundsätzlich muss das Ziel eine stärker technologiegetriebene Ausbildung bei
der Polizei sein.
Auf der anderen Seite müssen auch IT-Forensiker wissen, welche Ursachen und
Formen von Kriminalität es gibt und ebenso, welche Methoden zur Aufklärung
und Bekämpfung. Sie brauchen also Basiswissen in Kriminologie und
Kriminalistik. Ausbildungswege, wie wir sie etwa in Mittweida anbieten, müssen
aus dem weiten Feld der Informatik spezialisiert vor allem die Bereiche vermitteln,
die in der Ermittlungsarbeit eingesetzt werden können. Dazu muss aber auch
unterrichtet werden, wie hypothesengeleitete Ermittlungsarbeit funktioniert. Nur
wenn IT-Forensiker verstehen, was tatrelevante Spuren sind und wie sie im
Zusammenspiel zu sehen sind, können sie für ihre Auswertung digitale Methoden
entwickeln und einsetzen. Sie müssen das Wissen aus der analogen
Ermittlungswelt auf die digitale Welt übertragen und zusammenführen können.
Bislang allerdings konzentrieren sich die meisten IT-Forensik-Ausbildungen auf
sogenannte
Cybercrime-Delikte,
bei
denen
Verbrechen
vermeintlich
ausschließlich im Netz passieren und auch dort aufgeklärt werden. Doch das ist
ein Trugschluss: Es gibt keine reinen Cyber-Strafttaten. Kein Verbrechen beginnt
allein im Rechner und endet dort. Wir alle, also auch Täter und Opfer, leben in
einer Welt, in der sich zwischen digitalem und realem Raum nicht mehr trennen
lässt: Wir benutzen täglich digitale Werkzeuge und hinterlassen dabei Spuren, die
es im Fall einer Straftat zu sichern und zu deuten gilt.
Grundvoraussetzung für all das ist aber, dass es auch eine entsprechende
digitale Ausstattung bei Strafverfolgungsbehörden gibt, und zwar bei allen. Die
Unterschiede sind hier jedoch extrem groß. Während manche modernste Geräte
und Systeme nutzen, besitzen andere nicht einmal halbwegs schnelle Rechner
oder etwa Diensthandys. Vorgangsbearbeitungssysteme sind veraltet und vor
allem meist nicht über Bundesländergrenzen hinweg einsetzbar; viele Daten und
Systeme sind nicht miteinander vernetzt. Das Gleiche gilt für den Austausch von
Informationen zwischen Staatsanwaltschaften und Polizeien. Zwar gibt es auch
hier Initiativen und Programme, diese Lücken und Missstände endlich zu füllen.
Doch im Moment ist das alles noch viel zu langsam. Mir kommt es so vor, als
sollte die Polizei im Trabi ein Formel-Eins-Rennen fahren, während die Täter im
Ferrari davonbrausen. Wer dieses Rennen gewinnt, steht vom Start an fest.
Um neue digitale Ermittlungsmethoden zu entwickeln, die in der Praxis wirklich
weiterhelfen, ist zudem ein besserer Austausch zwischen Praktikern und
120
Wissenschaftlern beziehungsweise Entwicklern notwendig. Im Moment ist vor
allem die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich, kurz
ZITiS, dafür zuständig. Diese Bundesbehörde mit Sitz in München entwickelt
allerdings nur für das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und das Bundesamt
für Verfassungsschutz digitale Werkzeuge und Lösungen und bietet sie ihnen an.
Sie müsste weiter ausgebaut werden und ihre Arbeit auch den Länderpolizeien
zugänglich machen. Außerdem wäre ein stärkerer Austausch mit externen
Forschungseinrichtungen und Universitäten wichtig, damit die ZITis-Forensiker
die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen der Wissenschaft besser für die
Praxis nutzbar machen können.
JURISTISCHE GRENZEN – DATENSCHUTZ IST BÜRGERSCHUTZ
Doch der Wettlauf zwischen Kriminellen und Strafverfolgern ist nicht nur eine
Frage von technologischer Kompetenz und Ausstattung. Er ist auch eine Frage
des Rechts. Was sollte erlaubt sein, um Straftäter zu fassen und die Gesellschaft
damit vor ihnen zu schützen? Beim Superhack im Fall EncroChat saugte die
Polizei die Daten der kompletten Kundschaft eines Unternehmens ab. Vor den
Gerichten läuft daher nun ein juristischer Kampf. Es geht um die Frage, ob die
von französischen Behörden gehackten Daten in deutschen Prozessen
überhaupt verwendet werden dürfen, unter anderem auch, weil sie faktisch aus
einer anlasslosen allgemeinen Überwachungsaktion stammen. In der einen
Waagschale liegt die Überführung Tausender Krimineller für teils schwerste
Verbrechen. In der anderen liegen die Grundrechte unbescholtener Bürgerinnen
und Bürger. Denn unter den EncroChat-Kunden waren auch etliche, die nichts
Kriminelles getan haben – wenn auch nur eine Minderheit, wie die
Datenauswerter behaupten. Dennoch: Das Recht dieser Menschen auf eine
geschützte Kommunikation, das Post- und Fernmeldegeheimnis, wurde verletzt.
Ist das legitim? Es ist eine Abwägung zwischen Rechtsgütern, die letztlich vom
Gesetzgeber und von Gerichten getroffen werden muss.
Wer die Allgemeinheit vor Kriminalität schützen will und nicht möchte, dass
die digitale Welt zum rechtsfreien Raum wird, der muss dafür sorgen, dass
Regeln dort genauso wie in der analogen Welt eingehalten werden. Dies lässt
sich erreichen, indem man unendlich viele Polizistinnen und Polizisten auf Streife
ins Netz schickt – was unrealistisch ist. Oder indem man intelligente Systeme
dazu bringt, solche Taten zu entdecken, die dann von Menschen, die dafür
ausgebildet sind und den Staat repräsentieren, überprüft werden. Doch hierfür
fehlt ein verlässlicher Rechtsrahmen, ebenso wie für den generellen Einsatz
künstlicher Intelligenz in der Forensik. Im Moment haben wir lediglich Ansätze für
eine effektive Strafverfolgung im Netz. So verpflichtet zum Beispiel der
Gesetzgeber Onlinediensteanbieter mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz
(NetzDG) dazu, strafbare Inhalte auf ihren Plattformen zu melden. Sie werden
damit zu einer Art Hilfssheriff gemacht. Nur, wollen wir diese Aufgabe tatsächlich
privatwirtschaftlichen Firmen überlassen? Oder sollte das nicht besser in der
Hoheit des Staates liegen? Dieser Diskussion muss sich die Gesellschaft stellen.
121
Eins steht fest: Die digitale Entwicklung bietet unglaubliche Möglichkeiten für die
gesamte Gesellschaft. Diese muss allerdings lernen, weniger sorglos mit den
eigenen Daten umzugehen und die Gefahren einzuschätzen. Es würde ja auch
niemand auf dem Markplatz seine privaten Fotos oder Briefe auslegen. Im Netz
dagegen haben viele Menschen damit überhaupt kein Problem. Kriminelle, auch
das ist sicher, werden diese Sorglosigkeit genauso wie jede technische Neuerung
und
die
daraus
resultierenden
Sicherheitslücken
nutzen.
Strafverfolgungsbehörden können dagegen nur dann effektiv vorgehen, wenn sie
ebenfalls alle zeitgemäßen digitalen Werkzeuge einsetzen – und dafür einen
Rechtsrahmen haben. Sie brauchen aber auch eine größere Offenheit gegenüber
neuen Technologien und den Mut, neue Wege auszuprobieren.
Als ich 2014 anfing, digitale Forensikmethoden zu entwickeln, wurde ich noch
vielfach
belächelt.
Damals
musste
ich
mir
vom
sächsischen
Landespolizeipräsidenten anhören: »Das, was Sie da machen, wird sich nie
durchsetzen.« Er hat sich geirrt. Nur ist die Skepsis längst nicht überall
verschwunden. Veränderung, das habe ich gelernt, funktioniert in komplexen
Gesellschaften und Organisationen (wie der Polizei) nicht als Sprint. Es ist ein
Langstreckenlauf. Die Vorbehalte dagegen, externe Experten bei Ermittlungen
heranzuziehen, sind oft groß und die Kooperationsbereitschaft entsprechend
gering. Immer wieder erlebe ich Situationen wie diese: Zwei Wochen lang arbeite
ich daran, in einem Raubüberfall den Schuh eines Tatverdächtigen identifizierbar
zu machen, der in einer qualitativ schlechten Videoaufzeichnung zu sehen ist.
Schließlich gelingt es, und ich präsentiere dem Kommissar stolz das Ergebnis.
Doch der lehnt sich gemütlich zurück, verschränkt die Arme über seinem dicken
Bauch und sagt: »Hmmm, und wat soll mir dit jetzt bringen? Ick weeß doch
schon, dat wir nen Nike-Schuh suchen. Wir haben letzte Woche nen
Schuhabdruck jefunden.« Dummerweise hat er vergessen, mir das zu sagen.
Meine Zeit hätte ich sinnvoller einsetzen können, etwa um nach anderen
Hinweisen in dem Video zu suchen.
Nur wenn Ermittler mir die Chance geben, meine Methoden anzuwenden, sie
mit ihnen und ihren Erkenntnissen weiterzuentwickeln, kommt dabei etwas
heraus, was uns alle weiterbringt – und im besten Fall Täter überführt. Die Polizei
braucht Wissen von außen, die Wissenschaft den Kontakt zur Praxis, um
Techniken zu entwickeln, die wirklich gebraucht werden. Erst dann hat die
Gesellschaft eine Chance im ewigen Wettrennen gegen Kriminelle.
122
QUELLEN
ARD-ZDF-Onlinestudie, 9.11.2021 https://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ardzdfonlinestudie/infografik/ Eine ausführliche Analyse der Daten ist in der Fachzeitschrift
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Becker, S., Dreßler, J., Thiele, K., & Labudde, D.: Gesichtsweichteilrekonstruktion mithilfe einer
open-source-software, in: Rechtsmedizin, 26 (2) 2016, S. 83–89.
Berner, S.; et al: Technologiegetriebene Polizeiausbildung im Umgang mit Digitalen Spuren,
erscheint 2022 in: Bayerl, Petra Saskia; Rüdiger, Thomas-Gabriel (Hrsg): Cyberkriminologie, Bd.2
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Drogengangs infiltrierte, Vice, 3.7.2020 https://www.vice.com/de/article/3aza95/encrochat-hackwie-die-polizei-ein-handynetzwerk-fur-drogengangs-infiltrierte
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Hill, Kashmir: Clearview AI does well in another round of facial recognition accuracy tests, New
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12 CSI: Vegas ist eine US-amerikanische Serie, in der es um die Spurensicherung und
Tatortarbeit der Polizei in Las Vegas geht. CSI steht für Crime Scene Investigation
(Tatortermittlung)
13 Jeder Internetnutzer, Mail-Absender und Chatprogramm-Nutzer kann jederzeit über die
sogenannte IP-Adresse identifiziert werden. Die IP-Adresse (Interent Protocol Address)
basiert wie das Internet auch auf dem Internetprotokoll. Es sind eindeutig identifizierbare
Adressen von Geräten in einem Netzwerk. Computer nutzen diese für die Kommunikation
untereinander. Wer öffentlich zugängliche Telekommunikationsdienste erbringt, hat diese
Bestandsdaten in Kundendateien zu speichern, auf welche die Bundesnetzagentur jederzeit
automatisiert zugreifen kann, ohne dass der Anbieter davon erfährt. Die Bundesnetzagentur
darf Daten aus den Kundendateien allerdings gemäß dem Telekommunikationsgesetz nur
dann abrufen, wenn dies erforderlich ist für die Verfolgung von Straftaten oder
Ordnungswidrigkeiten, zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung
oder für die Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben der Verfassungsschutzbehörden des
Bundes und der Länder, des Bundesnachrichtendienstes oder des Militärischen
Abschirmdienstes.
14 https://www.heise.de/newsticker/meldung/Cybergrooming-Fahnder-duerfencomputergenerierte-Missbrauchsbilder-hochladen-4640448.html
15 https://research.facebook.com/publications/deepface-closing-the-gap-to-human-levelperformance-in-face-verification/
https://www.nytimes.com/2021/11/02/technology/facebook-facial-recognition.html
16 https://www.fbi.gov/news/testimony/facial-recognition-technology-ensuring-transparency-ingovernment-use
https://www.nytimes.com/2021/11/23/technology/clearview- ai-facial-recognitionaccuracy.html?searchResultPosition=2
125
17 https://www.nytimes.com/2020/01/18/technology/clearview-privacy-facial-recognition.html
18 https://www.sueddeutsche.de/digital/seehofer-gesichtserkennung-bahnhof-polizei-gesetz1.4769958
19 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ki-ai-eu-gesichtserkennung-intelligenz-1.5271653
20 https://www.nzz.ch/technologie/facebook-schaltet-die-gesichtserkennung-aus-und-loeschtdie-erkennungsmerkmale-von-mehr-als-einer-milliarde-nutzern-ld.1653306
21 https://www.lka.polizei-nds.de/a/presse/pressemeldungen/kuenstliche-intelligenz-lkaniedersachsen-stellt-software-zur-bekaempfung-von-kinderpornografie-bundesweit-zurverfuegung-114750.html
https://www.welt.de/politik/deutschland/plus208257861/Paedophile-Netze-im-InternetMissbrauch-live.html
22 https://www.computerwoche.de/a/effizientes-suchen-mit-kuenstlicher-intelligenz,3099804
23 https://www.polizeipraxis.de/themen/kommunikation/detailansichtkommunikation/artikel/echtzeit-videoanalyse-und-kuenstliche-intelligenz-im-einsatz.html
24 https://www.bionity.com/en/encyclopedia/Maziar_Ashrafian_ Bonab.html
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27 https://cdfg.mit.edu/publications/speech2face-learning-face-behind-voice
28 https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Zwei-Drittel-Neujahrsgruesse-Videocall
29 https://www.aerzteblatt.de/archiv/211418/Erweiterte-forensische-DNA-Analyse-zurVorhersage-von-Aussehen-und-biogeografischer-Herkunft
https://www.nzz.ch/schweiz/erweiterte-dna-analyse-als-fahndungsinstrument-ld.1589584
30 https://www.scinexx.de/news/biowissen/3d-modell-liefert-zusammenhang-zwischen-gesichtund-genen/
31 https://www.sueddeutsche.de/wissen/genetik-der-nase-nach- 1.2999327
https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/15-gene-fuers-gesicht/
32 https://www.vice.com/de/article/3aza95/encrochat-hack-wie-die-polizei-ein-handynetzwerkfur-drogengangs-infiltrierte
33 https://www.golem.de/news/sky-ecc-polizei-soll-millionen-chats-von-kryptohandysbekommen-2111-161093.html
https://www.bka.de/DE/Presse/Interviews/2021/211107_InterviewMuenchBildAmSonntag.html
34 https://www.vice.com/de/article/3aza95/encrochat-hack-wie-die-polizei-ein-handynetzwerkfur-drogengangs-infiltrierte
35 https://www.zeit.de/news/2021-11/15/richter-polizei-soll-millionen-krypto-handys-chatskriegen
https://www.europol.europa.eu/media-press/newsroom/news/new-major-interventions-toblock-encrypted-communications-of-criminal-networks
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