/
Похожие
Текст
ERNST KAPP
DER URSPRUNG DER LOGIK
BEI DEN GRIECHEN
VANDENHOECK & RUPRECHT IN GÖTTINGEN
Ernst Kapp
Geb. 21.1.1888, promovierte 1912 in Freiburg mit
einer Dissertation über 11 Das Verhältnis der Eudemischen zur Nikomachischen Ethik des Aristoteles",
habilitierte sich 1920 in München mit einer Arbeit
über die 11 Kategorienlehre in der Topik". 1927 Berufung auf den Lehrstuhl für Griechische Sprache und
Literatur in Hamburg. Wanderte 1939 nach den USA
aus, dort seit 1941 an der Columbia University tätig;
hier 1948 zum Professor of Greek and Latin ernannt.
1955 Rückkehr nach Deutschland, zunächst nach Harnburg, 1959 nach München. Außer kürzeren streng
fachwissenschaftliehen Arbeiten von allgemeinerem
Interesse 'das Buch 11 Greek Foundations Traditional
Logic", 1942, Columbia University Press, New York.
Übersetzung aus dem Amerikanischen von EUsabeth SerelmanKüchler mit Genehmigung der Columbia University Press, New
York. Titel des Originals: Greek Foundations of Traditional Logic
Kleine V 11ndenhoedc-Reihe 214/216
Umsmlag: lrmgard Suckstorff.- Deutsche Übersetzung Vandenhoeck &: Ruprecht, Göttingen~..._-;- Printed in Germany. Ohne ausdr!ickllche Genehmigung des Verlages ist es nicht
gestattet, das Buch oder Teile daraus auf foto- oder akustomechanischem Wege zu vervielfältigen. - Gesamtherstellung:
Hubert &: Co., Göttingen
8361
VORWORT
Die fünf Kapitel dieses kLeinen Buches geben das Manuskript
einer Reihe von fünfVorlesungen wieder, die ich an derColumbi.a UI1!i.vel1Sität aJUf Einladung des Depalitment of Philosophy
und des Department of Greek and Latin ·~ehalten habe. Es
war nicht nur dWeser besondere Anlaß, der mich den Ve11such
wagen ließ, das Thema so zu behandeln, .daß nichts von a'USschließlich philologischem oder ausschließLich philosophiischem
Interes.s-e berührt wurde. Dre Logik der Antike geht beide Departments gLeichermaßen an, und in der Beschäftigung mit ili.r
muß der Logrlker das Risiko eines philologischen Dilettantismus
auf sich nehmen, während der phüologi:sch geschulte Deuter
von Plato und Aristoteles das vielleicht noch ärgere Risdko
läuft, sich als Dilettant in Eragen der Logik zu erweisen. Es
wäre von jedem der beiden Beteiligten tör,icht, .die Hilfe des
anderen weder zu erhoffen noch, wenn sie angeboten wird,
dankbar anzunehmen. Aber wenn ·ein Gedankenaustausch ohne
Zeitverlust stattfinden soll, muß jeder bel'eit sein, einen Großteil seines ·eigenen nie vollendeten Anlilegens beiseite zu lassen.
Das heißt nicht, daß man sich zu~sten eines gegenseitigen
Gedaatkenaustauschs und einer guten Zusammenarbeit auf
unbestllitt:ene Aussagen beschränken !Soll; täte man dies, so
würoe auf dem Gebiet der an!Wken Logik wenig Wissenswertes
übrigbleiben. Aber die diskutierten P.robleme ll.tnd d~e Fo:rm
der Dilskuss.ion dürren ndcht so beschaffen .sein, daß sie nur
Speztalisten auf dem einen oder dem anderen Gebiet verständlich sä.nd.
Da ·die Auswahl der Problem-e und Einschränkung im Aufzeigen von Einzelheiten für einen solchen VerSIUch wesentlich sind,
habe ich am Text meiner VorLesungen nur geringfügige Ände-·
run~ vorgenommen und nur einige gelegentliche Anmerkungen hinzugefügt. AuS!Sparungen in der Behan.d1ung des
Themas waren zwangsläufig teilweise Willkürlich oder sogar
3
zufällig- aber nicht alle-, und in dies·em Vorwort sollte vielleicht Erwähnung finden, was mit Absicht unberührt gebLieben
ist.
Es scheint, als ob von der Logik mit Sichenheit "gesagt werden
kann, sie sei abstrakter, allg~emeiner und formaler als illgendeine andere Wissenschaft, mit Aus.nahme vielleicht der ·reinen
Mathemaflik"l; wenngleich eine weitgehende MeinungJSverschiedenheit darüber besteht, ob es eine abschließende Leistung2 oder vielmehr eine Abweichung von der wahren Natur
des Gegenstandes .ist, daß "logtsche Formen als nur formal behandelt werden" 3 • Was j.etzt "formale Logik" genannt wird,
geht in der Hauptsache und Letztlich rurück auf dte .abstrakte
Behandlung .syllogilstiJScher Formen in Aristoteles' Analytica
priora, niCht auf die Analytica posteriora, die, als des Artstoteles Behandlung wds:Senschaftlicher Beweisführung, s·elbstV'erständlich riJn Verhindung zu den damals bestehenden Wissenschaften, besondeiiS den mathematischen, gebracht wird. Nun
scheint es natürlich, anzunehmen - und überdies erweckt es
in Gegnern der traditionellen Weiterführung aristote&cher
Logik ein Gefühl der Großmut -, daß die aristotelische Logik
mit den wilssenschaftlichen und kulturellen Normen ihrer Zeit
auf die gleiche Weise verbunden war, wie die moderne Logik
den Normen unserer Zeit ve11haftet ist. Wer geneigt ist, diese
Verbindung als eine wesentldche oder zum.itndest genetische Abhängigkeit des "Abstrakteren, Allg~emeineren, Formaleren" von
dem weniger Abstrakten, weniger Allgemeinen, weniger Formalen aufzufassen, der wird versucht •sein, die Analytica priora
im Zusammenhang mit den Analytica posteriora und den
außerlogischen Werken des AI'istobeLes, oder mit der Philo-sophie Platos, oder sogar mit der Gesamtheit griecruscher W,:iJss.enschaft und KulbU.r zu interpretieren. Zahlreiche verschiedene
Versuche sind unternommen worden, um den abstrakten Aspekt
der syllogistischen Formen des Aristoteles als den "formaleren"
(legitimen oder illegibimen) Sprößli.ng von etwas wend.ger FormaLem und mehr Inhaltlichem zu erklären; und von diesem
1 Keynes, Formal Logic, 4. Ausgabe, S.
z.
Julius Stenze! in Pauly-Wissowa, Real-Encyclopädie, Stichwort
Logik, Bd. XIII;Sp. 992: "die abschließenden Leistungen griechischer
Abstraktion"; vgl. meine Bemerkungen ebd., Stichwort Syllogistik,
Bd. IV A, Sp. 1051 und 1066.
3 Dewey, Logic, S. 94.
2
4
Gesichtspunkt aus wä11e das Mi:ndeste, was man von jegLicher
allgemeinen Untersuchung antiker Logik erwarten könnte, eine
lückenlose Erörterung der Beziehungen zwischen acistoteHscher
Logik und zeitgenössischer Wissenschaft, so wie s1e sich in den
Analytica posteriora darstellt. Ich bin weit davon entfernt, die
Bedeutung und Dringlichkeit einer solchen Erörterung zu unterschätzen 4; aber ich bin über.zeugt, daß Erwägungen der Art,
wie ich -sie anzustelLen vorschlage, den Vorrang haben sollten.
Sie werden, so hoffe ich, für sich ·selbst sprechen; aber wenn
ich es abLehne, als Ausgangspunkt die jetzt fast allgemeingültige Meinung zu akzeptieren, daß man an die at1istotelische
Logik von der inhaltlichen und nkht von der formalen Seite
herangehen müsse, so mag ·es wünschenswert sein festzustellen, daß d1!e Schriften des Aristoteles nicht einen einzigen Abschnitt enthalten, der eine solche Methode begünstigen würde,
und daß von seinem ·eilgenen theoret1schen und systematischen
Standpunkt aus Aristoteles skh ausdrücklich zum Ge~enteil
bekannte: "Der Schluß sollte vor dem BeweiiS erörtert werden,
denn der Schluß ist das Allgemeinelle: der Beweis ist e1ne Art
Schluß, aber nicht jeder Schluß ~st ein Beweis" (Analytica
priora zsb ZB-31)5.
Im Verlauf dieser Kapitel werde ich gewisse Züge der antiken
Logik gewissen Zügen der "traditionellen" Logik oder dem
Für die hiermit .zusammenhängenden Probleme siehe: Friedrich
Solmsen, Die Entwicklung der aristotelischen Logik und Rhetorik,
Berlin 1929 (Neue Philologische Untersuchungen IV); Friedrich
Solmsen, Platos Einfluß auf die Bildung der mathematischen Methode, Studien .zur Geschichte der Mathematik I, S. 93ff.; Kurt von
Fritz, Platon, Theatet und die antike Mathematik, Philologus 87
(1932), S. 40ff. 136ff.; einige Abschnitte in meinem Artikel Syllogistik, in Pauly-Wissowa, Real-Encyclopädie, Bd. IV A; W. D. Ross,
The Discovery of the Syllogism, Philosophkai Review 48, (1939),
5. 251ff.; Friedrich Solmsen, The Discovery of the Syllogism, Philosophical Review 50, (1941), 5. 410 ff.
5 Prantls Geschichte der Logik im Abendlande war ein groß angelegter Versuch, die theoretische Verantwortung für die "formale"
Logik dem Aristoteles abzunehmen und die Schuld daran der späteren historischen Entwicklung zuzuschieben. Aber bei allem schuldigen Respekt vor dieser ungeheuren Anstrengung und vor jedem
Gelehrten, der, bewußt oder unbewußt, noch von ihr beeinflußt
sein mag, muß gesagt werden, daß die dort aufgestellte Behauptung dem Tatbestand klar widerspricht.
4
5
traditionellen Element in anderen Typen der modernen Lo~k
gegenüberzustellen haben; hoffentlich entschuldigt d!Les den
verhältnismäßig umfangrci!Chen, aber unmethodischen Gebrauch, den kh ·in einem kleinen Buch von Zitaten aus mehr
oder minder modernen Alutoren gemacht habe 6• Wie &ehr ich
Cohen U11Jd Nagels Introduction to Logic and Scientific Method,
die ich als hervorragende Darstellung der An;schauungen
moder.ner Logik im allgemeinen zu Rate gezogen habe, verpflichtet bin, muß ei~ens erwähnt werden; es bedarf gewill
keiner Rechtfertigung. Zd.tate aus klassischen Autoren, vor
allem Plato und Ailiistoteles, werden natürlrich in Übemetzung
gegeben. Es erschdlen ~boten, ·sich so weit wie möglich an
Jowetts übersetzung der Dialoge Platos und die neue OxfordObersebzut1Jg von Acistoteles' Werken zu halten7. Jedte Abweichung von dies·en Texten ist ·in den Anmerklungen erwähnt,
und dch habe dre Arbeit des übersel:zel1S nur .in den Fällen kommentiert, die medri ·spezielles Thema unmittelbaT berühren.
Die VeröffentLi.chung .dieses Buches dn den "Columhi:a Stu.dies
in Philosophy" wurde in einem Geiste der GastfDeundschaft
ermöglicht, für den ~eh allen BebeiJ.igten aufrichtig darikbar bin.
Mein besonderer Dank gli.lt den Pmfessoren Clinton W. Keyes,
Emest Na~ und John H. Randall, die nach der Lektüre meines Manuskripts hilfreiche Kritik beigesteuer.t ha1ben. Zutiefst
verpflichllet bin ich auch der "Columbia University Press" 11md
ihrem .AJSsrustant Editor, Miss Ida M. Lynn, deren Anre~gten
bei der Drucklegung des Manuskripts übe11aus wertvoll waren.
New York, 16. J.uni 1942
Ernst Kapp
Ein Verzeichnis der erwähnten Bücher befindet sich auf S. 104.
Ich muß dankbar anerkennen, daß Harcourt, Brace u. Co. lnc.,
Verleger von An Introduction to Logic and Scientific Method von
M. R. Cohen und E. Nagel, Thomas Y. Crowell Company, Verleger
von Humanistic Logic for the Mind in Action von P. Reiser, und
Prentice Hall, Inc., Verleger von Logic in Theory and Practice von
C. G. Shaw, mir freundlich den Gebrauch bestimmter Zitate erlaubten.
7 The Works of Aristotle, ins Englil;che übertragen, hrsg. von
W. D. Ross, Oxford 1908-1931.
6
6
I. KAPITEL
Der Ursprung der Logik als Wissenschaft
Es ist eine alte Geschichte, daß die historischen Gnmdla~
der traditionellen Logik im alten Griechenland gelegt wuroen.
und diese Tatsache dist allgemein an-erkannt. Heute jedoch hat
entweder dite Ri:valität der modemen Logik oder Unzufriedenheit mit jeglicher formaler Logik die traditionelle Logik selbst
sogar in den Augen der Wissenschaftler so sehr llhres Ansehens
beraubt, daß eine Überprüfung der griechischen Grundlagen
der tr.aditti.onellen Logik ziemLich überflüssig erscheinen mag.
Wohlmeinende werden vielleicht ·em gewisses histol'.isches In·
te009Se ZJUgeben, daJs den Fachgelehrten dazu berechtigt, das
Thema zu erörtern, falls er j-emanden findet, der ihm zuhört.
Weniger Wohlmeinenden jedoch werden seine Ansprüche verdächtig er.scheinen. Mein Freund E. P1anofsky hat einmal gesagt: "Wir Kunsthistoriker .g~ehen von der Annahme aus, daß
niemand jemals etwas erfunden hat, wähTend Ihr klas:sischen
Philologen von der Annahme aousgeht, .daß die Griechen alles
erf'u.n.den haben." Der weniger wohlmeinende Leser wird
wahrscheinlich argwöhnen, Zweck meiner Bemerkungen ·sei es,
den wohlbekannten griechilschen Urspnmg der Wissenschaft
von der Lo~ über seine wahre Bed-eutung hinau:szuheben .und
die griechische Logik zum Maßstab der Logik überhaupt zu
machen.
Ich möchte 2JU Beginn sagen, daß ich nichbs dergleichen tun
werde. Im Gegenteil, meiner Meinung nach machen diie modernen Logiker sich oder zumindest <ihre Zuhöreilschaft allzu abhängig von dem unsprünglich griechischen Begriff .und Aufbau
einer Wissenschaft der Logik, sobald ·sie oSich mit den Lehren
und Eigentümld.chkeiten der adstotelischen Logik in einer Wcise
kribisch auseinandersetzen, diie den Eindruck erweckt, als seien
Gegenstand und Zweck dieser antiken Logik identisch mit
denen der modernen Logik. Es ist die Gefahr einer unbewußten und irreführenden Abhängigkeit von traditlionellen Lehren,
7
die nicht mehr richtig verstanden werden, nicht übertriebene
Wertung des antiken Vorbildes, die noch dmmer zur Aufmerksamkeit auf den griechischen Ursprung zwingt. In diesem Sinne
glaube ich etwas mehr versprechen zu können als die bloße
Befriedigung einer historischen Neugier.
Ich habe die Logik als eine Wissenschaft bezeichnet, und die
metsten modernen Logiker werden .gegen diese Klassifizderung
kaum etwas .einzuwenden haben, selbst wenn Wissenschaft in
ihrem strengsten Sinne vellStanden wird. Aber diese Ausdeutung wül'de nicht auf al1e Arben von Lo~ passen, wie sie
jahl'hunderrelang von Philosophen und Schulmännem gelehrt
worden sind. Wenn wir uns jedoch erlauben, das Wort "Wiissenschaft" nicht ganz so streng und ehrEurchtsvoll zu verwenden, d. h. mi.t ihm etwas zu bezeichnen, da,s systematisch von
Professoren in einer Vorlesung für die Unterweisung ihrer
Studenten behandelt wil'd und im Manuskl'ipt des Professors
oder in eilll.em Lehrbuch niedergelegt werden kann, dann dürfen wir mit Fug und Recht behaupten, daß die Wissenschaft von
der Logik seit etwa 2300 Jah11en besteht.
Zum Glück können wir noch die Worte lesen, die einst Aristote1es - wahrscheinLich um 345 V. ehr. - niederschrieb, aLs er
einen Epilog für seine erste umfassende Logikvorlesung vorbereitete, eine Vorlesung über, wie er es nannte, den dialektischen Syllogismus. Bevor wir jedoch zu den Worten des Aristote1es kommen, ist es wünschenswert, einige Ausdrücke und
Titel zu erklären. Ein dialektischer S@gtsmus oiist eine Beweisführung, dDe !;dch_~t ~m.Jiir a~~ oi~k:!JS_!;jQ_:n__geeig_neten
Pc~::oble!!LPef'!ß_t, wobei eine Schlußfolgerung aus Prämissen
gezogen wird, die von einem Diskus-sionspartner zugestanden
wer.den. DaJS griechische ~~j_twort dt!!Ur...ea{}gt, von dem "dialektisch" abgeleitet d..st, heißt ganz einfachim "Gespräch Gedankef1._ll:Ysta,..m;m~n". Nach Aristoteles gibt -es zwei Arten von
Syllogismen, den dialektischen und den ·sogenannten "~odi:k
~schen" Syllogismus. Der apodiktoische Syllogismus ist der
Syllog;ismus, wgk~ einen Beweis__ ~t:b@~ _tl,tl_d__eine_ St:hlußfol~un~.L!f wiss_enschaftliche Weise zieht, d. h. auf eine
Weise, die l:;!:k.~h$_1!!iiii!--~d _xrl~h-t -Wr dem Gesprächspartn.~!"-~:us_!il!l_mung abz~gt, wie der dial~kt~ch~ Sylloiismus es tut oder zu tun versucht. Aristoteles rufolge müssen
8
die ~ämissen_ einet!i .1J.JlQ_4k~cl'ten_SyU(}gi§l,ll.)!~!fl_eb_r_'!J,~ ~~r
scheinlich sein, sie müssen ~ahr_eein, mehr noch, sie müssen
entwede; ~ittelbar evident oder von ewdenten Grundsätzen
ableitbar sei~. Wir-b~ltz~ von Aristoteles drei Abhandlungen über Syllogismen, die den Hauptteil seiner umfangreichen
logischen Schriften bUden, mehr a1s sechs Siebentel des Organon oder "Werkzeug" der Philosophie, wie diese Sammlung
später genannt wurde. Von doen drei Abhandlungen enthält
eine die oben erwähnte Vorlesung über den dialekbischen Syllogismus, di'E! Arilstoteles aus Gründen der ZweckmäßLgkeit
"T_gpik" IlJ'!_~t~,Pe-r Narn.e ~edeutet nicht viel, nurcl~_d!e
Aj1_4ap.dlu_ng_ eine _ Art _"N'achS:chlagewerk" ist, '),Im e1;\.V_il?__ zu
finden, näm'.IJ.ch, wenn Aristoteles es auch nicht ausdrücklich
sagt, um Beweisgründe zu finden. Außerdem besitzen wir von
Aristoteles eine Abhandlung über den apodiktischen SyllogiJSmus, die ,sogenannten "Analytica posteriora". Und drittens
gibt es ein Werk über den Syllo~i:smus im allgemeinen, welches
die berühmte Lehre von den syllo~tischen "Hguren"
(ax~p,a.,;a) einführt. Der Anordnung des Aristoteles zufolge
sollte die Behandlung des Syllogismus im allgemeinen der des
apodiktiJsmen Syllogismus vorangehen und heißt daher "Analytica priora". Der Tttel "Analytica" wiederum spezifiziert
nicl;tt das Thema der--Abh~di~g, ;,-deutet nur an, daß das
Buch sich mit dem Analy~i~rel_l_~ei~~t.
Betrachten wir nun den EpUog der "Topik". Wir müssen uns
vorstellen, daß wir dtie Vorlesungen des Aristoteles während
einer nicht allzu kurzen Zeitdauer besucht haben, aber daß
der Vorlesungskursus jetzt beendet ist. Nach ·einer kurzen
Wiederholung dessen, was er zu Beginn des Kursus versprochen und was er m sei:nen Vorlesungen tatsächlich behandelt
hat, fährt der Lehrmewter fort {183b 15): "Daß also runser
Programm angemessen durchgeführt wurde, ist klar. Aber wir
dürfen nicht unerwähnt lassen, wa:s in Hinsicht auf diese
Untersuchung geschehen ist. Im Falle aller Entdeckungen nämlich ·s.ind die Ergebnisse früherer Bemühung.en, die von anderen weitergegeben wurden, Stück für Stück von denjenigen
weitergeführt worden, dde sie übernommen haben, wohingegen
dre ursprünglichen Entdeckungen im allgemeinen einen Fortsmritt machen, der anfangs klein, aber weit nützlicher ist als
9
die Entwicklung, die später au:s d.hnen entspdngt. Denn es
kann sein, daß, Wlie man zu sagen pflegt, in allem der erste
Schritt der wichtigste ist; und aus diesem Grunde i:s.t er auch
am schwersten; denn im Verhältnis zu der Stärke seines Einflu!fses ist er sehr klein und infolgedessen außerordentlich
schwer zu erkennen: wenn er aber einmal entdeckt ist, dann
ist es leichter, in Ver.bindung mit .ihm das übrige hinzruzufügen
und zu entwickel-n. Dies ist in Bezug auf rhetorische Unterweisungen und. auf praktisch ·alle anderen Künste in da- Tat geschehen: ·denn diejendgen, welche deren Anfänge entdeckten,
brachten sie nur einen kleinen Schritt vorwärts, während die
Berühmtheiten von heute· sozusagen die Erben einer langen
Reihe voo Männem sind, die si.e Stück für Stück vorangebracht
und sie so zu ihrer gegenwärHgen Gestalt entwickelt haben,
wobei Tlisd!as glei.ch nach den .ersten Begründern, Thra.symachoo
nach Tisias und Theodoros nach diesem kam, und noch verschiedene andere .ihre verschiedenen Beiträge dazu gelcistet
haben: daher ist ·es nicht ve11wunder1ich, daß die Kunst beträchtliche Ausmaße erreicht hat. Auf diese Untersuchung hingegen trifft es nicht zu, daß Teile der Arbeit vorher gründlich
ausgeführt wOllden sind, andere Teile hingegen nicht. Es war
überhaupt nichts vorhanden." Und nach dem Hinweis, man
könne natürlich einen Schüler ebensowenig eine K\mllS.t oder
eine Wi:ssenschaft lehren, indem man ihn fertig zugeschnittene
Stückle mit dialektischen Fr<~~gen und Antworten auswendig
lernen läßt, wie man einem Mann das Schusterhandwerk beibringen könne, indem man ihm alle möglichen Arten von
Schuhen schenkt, s·chließt er: "überdies gibt es auf dem Gebiet
der Rhetorik vieles, was schon vor langer Zeit gesagt worden
ist, während wir auf dem Gebiete •der Schlußfolgerungen 1 über
ndchbs Nennenswertes aus einer früher.en Epoche verfügten,
sondern viel Zei.t auf experimentelle Forschungsarbeit verwenden mußten. Wenn ihr nun nach reiflichem überlegen, unter
Berücksichtigung der Lage zu Beginn meint, daß UßiSere Untersuchungen im Ver.gleich zu den anderen durch die Tradition
entwick.elten Forschungsgebieten befriedilgend sind, dann bleibt
euch allen 2 ••• ß/Ur die Aufgabe, d:i.e Mä.ngel der Untersuchung
1
Im griechischen Original: "Syllogismen zu madten".
10
zu entschuldigen und für die gemachten Entdeckungen aufrichtig dankbar zu sein."
Diese Worte eines naiven W!4_4~_zuglei...Ql etwas__~\!_gekün
stelten Selb?J:!Q.~~ können allein schon dh_l'fm l.)meber :als ·~
V·~:r]l_i!ll:!li§.mäßdg j~~,m Ma,t}11. kennzeichnen - als einen Anfänger, nicht nu.r in dem Sinne, wie er selbst es darlegt; sicherLich aber stellen s.ie klar heraus, daß es zu der Zeit, als sie ~e
schrieben oder gesprochen wuxtden, noch kein riv:al&sier.endes
didaktisches System dn Dingen der Logik gab. Es erscheint
nicht einmal wah11Scheinlich, daß Arl:stote1es' eigene systematische Erfoi~SChung des apodiktischen und des Syllogismus im
allgemeinen bereits zu nennenswerten Ergebnissen geführt
hatte, denn wäre dies der Fall gewesen, hätten diese Studien
eine Erwähnung verdient. Und .in der Tat, w.emn man die Doktrin von der Logik, wie sie in den beLden Analytiken dargelegt
ist, mit dem hilialt der Topik vergleicht, wwd diese Ansicht
bestätigt. Der erste ·und wichtigste Schritt auf ein hLstorJ.sches
Versteh~~ _Qe! -~i-~totelischen Logik-~ wurde-~~r- Ub~r-hun
dert Jahren von dem deutschen Gelehrten Chrilsbian Au~t
Bn<I!II9<is _getan, in einem ganz ansptuchslosen Artikel über die
tr'~Ji~i~elle Reihenfolge und die ursprüngliche chronologische/
Anordnung d~r_Jogiischen Schriften des Aristoteles 3• Er w1es
darauf hin, daß clde Topik völlig cmd~~s-~us.gef;;ileit wäre, wenn
Aristoteles sie nach Fertigstellung seiner Analytiken ausgeanbeitet hätte. Diese einfache FeststeUung, daß die Topik den
Analytiken chronologisch vorangeht, ist trotz der überlieferten Anordnung und trotz einiger späterer Hinzufügungen zwn
Text von Aristoteles' eigener Hand durch jÜJ!g~~ .fo~chun
gen bestätigt.:worden; aber bi:s heute scheinen die weitr.ei.chenden Folgen dieser Feststellung für das Verstehen der Ar.t von
Logik, die Aristoteles ins Leben gerufen hat, nicht völlig begriffen worden zu s.ein.
Um ·deutlich zu machen, was ich unter "weitreichende Folgen"
verstehe, werde ich hier zwei Zitate aus modemen Büchern
Die Worte "oder für unsere Schüler" (besser: "das heißt die Zuhörerschaft"), eine Erklärung von "Euch", gehen kaum auf Aristoteles' eigene Hand zurück.
3 Ober die Reihenfolge der Bümer des aristotelismen Organons,
Abhandi: d. Berliner Akad., 1833.
2
11
einfügen. Das erste ist einem ausgezeichneten neueren Handbuch entnommen und schi1dert die gegenwärtige Lage der Wissenschaft von der Logik. Es findet sich auf der ersten Seite von
C~h~ und_ ~CJ.gel's_)~J.trpductio_n_to _Logic and Scientific
Method:
"Obwohl die formale Logik in jüngster Zeit Gegenstand scharfer und temperamentvoller Angriffe von zahlreichen und ~anz
verschiedenen Seiten gewesen ist, gehört sie weiterhin, und
wahrscheinlich für lange Zeit, z;u den häufigsten Vorlesungsthemen an Colleges und Universitäten im. In- und Ausland.
Das -darf uns nicht wundern, wenn wir bedenken, daß die
schwerstw1egenden der gegen die formale Logik erhobenen
Vorwürfe, nämlich die den Syllogismus betreffenden, so alt
sind wie An1stote1es, der sich ihrer anscheinend voll bewußt
war. Aber während das Reich der Logik gegen die Angriffe
von außen gefeit zu .sein scheint, herrscht im Innem viel unselige Verwirrung. Obwohl ~I: Inhalt f~s!_ '!ll~_J:..q~-B!iE:ter
si_c~~gar in.__ Z('l__hlrei~~~ Erläuterungen an die durch Aristot~le{ .Qr~_~non &esetztel\_ Ma~s~äb!!·l'l~lt - Terxnilli, Propositionen, Syllogismen und verwandte Formen der Schlüsse, wis&enschaftliche Methode, Wahrscheinlichkeit und Trugschlüs•se
-, herrscht eine bestürzende Sprachverwirrung hinsichtlich des
Anliegens der Logik überhaupt. Die verschiedenen Schulen,
di:e traditionelle, die linguistische, die psychologische, die erkenntni!stheoretische und die· mathematische, sprechen venschiedene Sprachen, tmd jede wirft der anderen vor, ·es gar nicht
wirklich mit Logik zu tun zu haben."
Mein zweites Zitat ist kürzer. Es betrifft die Art von Logik,
die Aristoteles lehrte. Ich entnehme es dem Kapitel 11Logik"
in dem Buche Aristotle von ~!J:' __Dav~~ Ross, dem hervorragenden englischen Gelehrten, der so viel für die Förderung
der Aristoteles-Studien in unserer Zeit getan hat:
"Aristoteles hat, obwohl er die Frage nicht ausdrücklich erörtert, eine klare Vorstellung von dem Unterschied zwischen
der Logik und anderen Wissensgebieten, mit denen sie mitunter identifiziert oder verwechselt worden ist - Grammatik,
Psychologie, Metaphy.sik"4.
4
A.a.O., S. 21.
12
Wenn wir diese beiden Aussagen nebeneinander stellen, haben
wir eine11seibs ein Verzeichnis der verschiedenen Typen der
n;toderneJ! J.J>gik =-~ JasL alJe .Qis zu. ein€1J!. _g!;!lVD~se~ Grade
v~_A.!iJ:Sto~les' u1:1sprünglichem _l'lan e4te.s _logi~che~ .?l~tems
~~en,. d~e untereinander jedoch nicht da11in übereinstimmen, was Logik bedeutet -, und andererseits -sehen wir den
Erfinder dileser Wissenschaft ~t einer so klaren Vorstellung
von deren Unterschied zu anderen Fonschun~gebieten, daß er
es nicht einmal für notwendig hält, die Frage besonders zu
erörtern. Nun ist eine moderne Logik durchaus berechHgt, selbst
zu entscheiden, womit sie sich zu beschäftigen hat, und selbst
wenn sich herausstellt, daß diese Entscheidung nicht nur zu
anderen Typen der modernen Logik, sondern auch zu dem
antiken Begründer ·dies-es Zweiges der Wissenschaft im Gegensatz steht, kann die moderne Doktnin nichtsdestoweni~er in
sich selbst geschlossen und folgerichtig sein. Natürlich ist es
einem modernen Logiker erlaubt, die Ansichten des Aristoteles, selbst in bezug auf das Gegenstandsgebiet der Logik, anzugreifen oder zu versuchen, sie zu korrigieren. Aber eine
echte Schwierigkeit erhebt sich, wenn wi.r unsere Aufmerksamkeit auf j_en_e_!}'pen _4~!._!Il__()cl_E!!',!t~l!-Log~~_P,_c'h,t~J.- 9,~ ~eil
w_e_ise _oder ganz ~t den Ansichten des Aristoteles, wie_ Pro~e~sor Ross sde darlegt, über_einstinunen. Kaum jemand wird
behaupt~n, daß eine solche frb.erei:D:stlmmung bloßer Zufall
sei, und meines Wissens hat es auch niemand getan. Nehmen
wir einmal an - wie Professor Ross augenscheinlich annimmt
-, daß Aristoteles und seine modernen Nachfolger grundsätzLich recht haben, soweit sie übereinstimmen. Selbst dann werden nur wenige moderne Logiker so leidenschaftliche Verteidiger ihres logischen Glaubensbekenntnisses SJ~~ ~ie _Carl
PramJ,_yerfasser einer vielgebrauchten und überaus nützlichen
Geschichte der Lo~k der Antike und des Mittelalters. Prantl
sah überall da, wo er logische Häresie z~ wiJ:!.~w_gl<l11Rt~,_ll.ls!tt
g~lj.gg, §ondern _moral!s~he J\1_1ing~l_,_ Heute jedoch werden nur
wenige Logiker in sich selbst eine so klare Vorstellung von dem
Unterschied zwischen der Logik und den benachbarten Wissenschaften finden und zugleich bei andern voraussetzen, daß
sie eine objeki:ive Diskus-sion dieser Frage als unter ihrer
Würde von der Halii:d weis·en können. Andererseits muß Ari-
13
stoteles 'eine recht klar.e Vorstellung gehabt haben von dem,
woru er den Grundstein legte, und er muß eine solch kLare
Vorstelltmg auch bei seinen Hörern vorausgesetzt haben, sonst
hätte er die Schwierigkeiten einer Erörterung unrerzogen. Müssen wir also annehmen, daß Anistoteies und seine Hörer einem
P.rofessor von heute und seinen Zuhörern -so s-ehr überlegen
waren, daß sie von Anf.ang an klar erkannten, was wil', selbst
nachdem wir VOll\ Aristoteles belehrt worden sind, nicht ohne
beträchtliche geistige Anstrengung erfassen können? Es .s-ieht
so aus, wenn wir den Sinn solcher Behauptungen wie der von
Professor Ross ernst nehmen. In diesem F.alle braumen wir
diesen Sinn nicht einmal in eigene Worte zu fassen. Zumindest insofern es sich um den U:>ntt'll'sl#ed_~ch~nPsycho
~-i!_]J!!cl ~Qgi.k_ pandelt, beruht die Aussage von Professor
Ross auf den El'gebnii&S.en einer mühevollen und gewi-ssenhaften Arbeit über d~e Syllogistik des Aristote1es _von Heinl'ich
~a~er, die um die Jahrhund.ertwlende erschienen ist und von
Professor Ross zu den wenigen neueren Büchern gezählt wird,
die dhm von großem Nutzen gewesen sind. Mater unternahm
seine Arbeit in der ausgesprochenen Absicht, zu zeigen, daß
die moderne Logik auf _Ari.stoteles zurückgehen und von ihm
l~rnen müsse, daß Logik und Psychologie zweierlei smd. Maier
zufolge war es Adstoteles' bemerkenswerteste Leistung auf
dem Gebi·et der Logik, daß er die Lo~ von der Psychologie
freimachte. Das ist !Sehr merkwürdig. In den neunziger Jahren,
als Maier mit seinen Untersuchungen begann, hatten wir eine
psychologische Schule der Logik, und damals mag die Emanzipierung der Logik eLne sehr dringliche Au.f:igabe gewesen sein.
Aber als Aristote1es mit seinen logLschen Studien begann, gab
es überhaupt keinerlei umfassende logtsehe Theorie, ganz gewiß keine psychologisch gefärbte. Daher ist es nicht ganz ein~ach, sich vorzustellen, wie Aristote1es ,es fertigbrachte, die
Logik von der Psychologie freizumachen, und wie wir es anfangen sollen, von ihm die LöS'Uillg eines Problems .ZU lernen,
über d<!l!S -er überhaupt nicht gesprochen hat, und das er nicht
einmal hätte sehen können, wie wdr es sehen. AndereMeits
kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dde Logik des Arist(~_t~es :re~-~t_I!!'aktisch frei von psychologischer Färbung,
daß er linfolgedess·en in g~i.s_s~r 'Weise- die Ansdcht der mei14
sben Logiker von heute vorwegnahm, daß nämlich die Logik
sich nicht primär mit der Art und Weise befaßt, dn der unser
Denken sich m Wdrklichkeit vollzieht. Erlauben Sie mir em
weiteres Zitat .aus Cohen und Nagel:
"Eine alte überliefel1UI1g definiert dde Logik al:s die Wissenschaft von den Denk~setzen. Di!es geht auf eine Zeit zurück,
da Logik und PISychologie sich noch nicht vöJl.ig zu getrennten
Wissenschaften entwickelt hatten, diJe sich von anderen Zweigen der Philosophie deutlich unterschieden. Heute jedoch steht
fest, daß jede Erfol\Schung der Gesetze oder der Art und Weise,
die unser Denken tatsächlich bestimmen, dem Gebiet der Psychologie angehöl't. DiJe logiJSche UnterscheidU:Jlß zwischen gültigen und ungülbigen Schlußfolgerungen bezieht sich nicht ·auf
die Art uns·eres Denkens - auf den Vorgang, der sich im Geiste
eines Menschen ahspielt. Das Gewicht der Beweisgründe ist
selbst kein Ereignis in der Zeit ... "s
Wiederum habe ich Grund dazu, ganz besonders dankbar zu
sein für ·eine klare Charakterisierung der gegenwärtigen Lage,
denn sie befähigt mich, leicht :m1 formulieren, was ich für ein
ernstes Problem ha1te. Di:e Epoche des Aristotele!S war !Sicher
eine Zeit, "da Logik und P.sychologie noch nicht voll ru getrennten WisS~ens.chaften entwickelt waren, die sich deutlich
von andem Zweigen der Philosophie unterschieden". Im
Unterschied zu vielen seiner Nachfolger war Aristoteles nichtsdestoweniger ims.tande, eine über.raschend reine Logik zu lehren. Welchem Leitfaden folgte er? Wie konnte er den Gegenstand der Logik vorwegnehmen, ohne die Schwierigkeiten zu
gewah11en, und ohne die künftige Entwiddung der verschiedenen Zweige der PhUosoph1e abwarten zu müs.sen? Woher nahm
er in solcher Reinheit den Gegenstand .seiner Logik?
Jetzt, denke ich, sdnd wir so weit, daß wir ·erkennen können,
wde wichtig es is·t zu wis.sen, daß .di~e Topik des Aristoteles
früher als seine anderen AbhandlUillgen geplant und ausgearbeitet worden ist. Es besteht kein Zweifel darüber, daß der
Begriff des Syllogismus im Mittelpunkt der logischen Interessensphäre des Aris.tote1es stand; und ·es ist nicht das ge•
s A.a.O., S. 18.
15
rin~te
der Verdienste von Heinrich Maier, daß er diese Tatsache betonte, indem er für sein umfas!>endes Werk über die
Logik des Aristoteles ·den Titel Die Syllogistik des Aristoteles
wählte. Aristoteles' Definition eines Syllogismus ~t wohlbekannt: "Ein Syllogismus ist eine Argumentation, bei der auf
der Grund1age bestimmter vorausgesetzter Dinge etwas anderes als das Vorausgesetzte mit Notwendigkeit folgt."
Diese Defirution erscheint nicht nur im Text der Analytica
priora, sondern auch zu Beginn der Topik 6 zur Erklärung des
Gegenstandes dieses Werkes. 41:>~Ldet:_§YLIQ&i:~m~.3~hl
i~L.:c!en b~:<ki\__A.l:>)landlungen gr.undver~~e4_~~us. In den
Analytiken folgt auf die Definition des Syllogismus alsbald
die L~r~yQ~_Ae!!_~lJQgi§ffi:~chen :E!&!!!_!!_!!., von denen jedermann wenigstens das HClluptbeispiel kennt:
Alle Menschen .sind sterblich,
Sokrates ist ein Mensch,
also
Sokrates ist sterblich.
In diesen Kapiteln des Aristoteles über Ode möglichen Formen
des Syllogismus haben wir Logik_i:J1 ihrer formalsten Erschein~, nicht nur dem Aussehen, sondern auch ihrem Wesen
nach so etwas wle_rei!ll~ _Matb_eroJI.tik. Wer auch imm&- hoffte,
aus der Logik einen unmittelbaren N.ut~~n für sein eigenes
Denken zu :z;iehen, muß enttäuscht sein; und daß dies nicht
nur gewöhnlichen Sterblichen passiert, geht aus folgender Bemerkung hervor, di:e sich inl±egels _.Papieren fand:
"Zur histori.sch·en Logik. Es wird versichert, daß wir
urteüen: das Gold ist •&elb. Diese Versicherung i:st wahrscheinlich. Aber nicht ebenso wahrscheinlich ist, daß wir schließen:
alle_M!!nsclwn ~11d. ~erhlich: Cajus ist ein Mensch, also ist er
sterblich. Ich wenigstens habe ni:e so plattes ZeugJt_~acht. Es
soll im Innern vorgehen, ohne daß wir Bewußtsein daTüber
haben. Freilich, im Innern geht viel vor, z. B. Harnbereitung
Der Wortlaut der Definition in der Topik (100a 25) unterscheidet
sich nur sehr wenig von dem in den Analytica priora (24b 18); die
Variante in der Oxford-Übersetzung ist irreführend. Für meine
Zwecke habe ich eine Form gewählt, die aus der überset:Zung von
Professor Ross übernommen ist (Aristotle, S. 21).
6
16
und ein noch SchHnuneres, aber wenn es äußerlich wird, halten
wir die Nase zu. Ebenso bei solchem Schließen." 7
SoVIiel ist sicher: jeder, der seine Logikstudien mit Aristoteles'
Analytica priora beginnt, wird sich bald VOill sonderbar formalen Syllogismen umgeben S'ehen und nicht w.iJssen, wo er sie
in_der We1!:,Jn der er lebt, unterbriDg!!n_!_oll. _
Dank dem Umstand, daß die Topik erhalten geblieben und ihre
relative Datierung gut ge&.i.chert ,ist, wissen wir, daß Aristoteles
selbst s_eine syl!Qßi!st:ischen_EQ!'_~_chu~~!J.i.fb!_~acl! d!!r_in d_eJl
Analytiken y_erwend_e!~nJiyl~thode 1?egp~11en hat. Die ganze
Topik handelt von Syllogismen, und es ist nicht immer eine
sehr amüsante Lektüre. Aber Aristoteles sagt wenigstens gleich
zu Anfang in der denkbar deutlichsten Weise, worum es geht,
und bis zuletzt werden wir n&emals im Z weife! darüber gelassen, welchen ~~l;!~k~ qie neue_:Leh:!:_e -~ne~ soll. Wenn man
dem erklärten Thema der Topik einige Aufmerksamkeit geschenkt hat, wird es einem leicht fallen, die Art von Syllo~s
mus, auf die .es ankommt, zu lokalisier.en.
Der moderne Leser wird auf den unmittelbar.en Zweck der
Vorlesung des Anstoteies kaum gefaßt sein. Denn, wenn wir
den Erklärungen des Aristoteles in den Anfangskapiteln der
Topik aufmerksam folgen, erfahren wir, daß er ganz einfach,
als eine Se1bsh•erständlichkeit und einen ,allgeme,in augewandten Knnstgriff, eine merkwürdi.ge Art g_~t~ger Gymnastik
vora'q§_srut. Sie besteht darin, -daß man ein gestelltes Problem
- irgendein strittiges P.roblem - von wahrscheinlichen Prämissen ausgehen-d erörtert, oder, wenn man in der Beweisführung angegriffen wird, ~-'!'~fl!lei<!!!t, ~ich <!a~ ~el_!>st: zu
wide~rechen~ Für diese Art von philosophischem Training
werden stets zwei Persoillen sowie ein Problem benötigt; die
eine Person spielt die Rolle des Fragenden, die andere die des
Antwortenden und WidersacheDs. Der Fragende schlägt zuerst ein Problem vor, der Antwortende wählt seinen Standort,
und dann muß der Fr.agende als seinen Standpunkt j.ene Seite
des P.roblems vertreten, die der Antwortende verworfen hat.
Nun muß der Fragende weitere Fragen stellen und versuchen,
7 K. Rosenkranz, G.
W. F. Hegels Leben (1844), S. 538.
17
eine Schlußfolgerung zu ziehen, oder man könnte sagen, einen
Syllogd.smus zugunsten seiner Auffassung aus den Antworten
herilllls2lUholen, die er seinem Gesprächspartner zu entlocken
vermag. Die Rolle des Antwortenden ist passiver, aber er muß
auf der Hut s·ein vor Konzes,sionen, die dem fl"agenden zu seiner Schlußfolgerung verhelfen könnten. Denn wenn der Fnagende zu seiner Schlußfolgerung gelangt, ist der Antwort-ende
offensichtlich der Verlierer, da er gezwungen ist zu leugnen,
was er zu Beginn behauptet hatte, oder umgekehrt.
Der unmittelbare Zweck der Topik ist es, für diese künstlidte
Art des Argumentierens eine Methode zu schaffen. "Daß die
Methode ·für Geilstesgymnastik nützlich ist", sagt A11istoteles
(lOla 28), "liegt auf der Hand. Denn wenn wir über eine
Methode verfügen, wird es uns leichter fallen, einem gegebenen
Problem zu Leibe zu gehen." 8
Natürlich Iist diese Methode auch noch anderweitig anwendbar.
So wird die Methode, Ar.istoteles zufolge, uns befähigen, mit
ungeschulten Leuten auf der Grundlage ihrer eigenen Meinungen zu diskutieren. Und schließlich wird die Befähigung, so
oder so zu .argumentieren, uns helfen, die Wahrheit in ernsten
philosophischen Frai?Jen zu erkennen. Imstande zu sein, von
allgemein verbreiteten Meinungen ausgehend zu diskutieren,
ist übeMies der einzige Weg, die Grundprinzipien von Wissenschaften zu erörtern, die .sich als Prinzipien nicht von anderen Prinzipien wissenschaftlich ableiten lassen. Der zweite
Vorteil, den Aristoteles aufzählt, kann nicht verfehlen, uns
an die Art und Weise zu erinnern, wie Sokrates mit den Leuten umging; Xenophon (Memor. 4, 6, 15) beschreibt das einmal wie folgt: "Wenn er selber etwas erklären wollte, begann
er mit Voraussetzungen, welche die größte Wahrscheinlichkeit
einer Obereinstimmung boten, denn er hielt das für die sicherste Art zu argumentieren; und daher gelang es ihm bess·er als
irgend jemandem, den ich je gekannt habe, die Zustimmung
seiner Hörer zu gewinnen." Und was Aristoteles als den dritten Vortell dialektischer Gewandtheit beschreibt, kennzeichnet
genau seine eigene Art, eine philosophische Diskussion in
8
Übersetzung stammt vom Verfasser.
18
Gang zu hr.ingen. Aber es besteht ein Unterschied in dem Verhältnis der Topik zu den verschiedenen Vorteüen ihrer Methode. Für die an zweiter und dritter Stelle erwähnten AnwendungsmögLichkeiten ist die Topik nur indirekt von Nutzen,
nämlich indem sie ihre Methode für ein geistiges Training liefert; und ein richtig angewandtes gei:stiges Training wiederum
soll der Vorbereitung für die Aufgaben des wirklichen Lehens
und der Philosophie dienen. Innerhalb der Topik wird auf den
Umgang mit ungeschulten Leuten kaum weiter eingegangen;
und wenn immer Aristotele.s die Philosophie und ihre Gegenstände erwähnt, zieht er stets einen scharfen Trennungsstrich
zwischen dem ihr angemessenen Verfahren und der in der
Topik gelehrten Methode.
Ich kann nicht auf die Einzelheiten dieser dialektischen Methode eingehen, d.ie ja nicht unmittelbar philosophisch ist, sondern zugestandenermaßen nur der Vorbereitung dient; erwähnen möchte ich jedoch dies: wenn man von den Analytiken
mit ihrer starren Schablone des perf.ekten Syllogismus und
den verhältnismäßig wenigen erlaubten Varianten herkommt,
wird man überrascht sein von der verwirrenden Vielgestaltigkeit dessen, was Aristoteles in der Topik als Syllogismen gelten läßt und mit heißem Bemühen methodisch zu mei:stern
verStUcht.
Trotz allem ist, wre ich schon .sagte, d!l;! '[)~finition des SyllogisllJ:~ts~d~ gleiche ·in der Topik wie in den Analytiken. Sehen \oVir
sie uns noch einmal an. "Ein Syllogismus [st eine Argumentation, .bei der auf ·der Grundlage bestimmter vorausgesetzter
Dinge ·etwas anderes als daJs Vorausgesetzte mit Notwendigkeit folgt." Nun wollen wir versuchen, einen solchen Syllogismus zu beschreiben, den Bedingungen entsprechend, die Amstoteles durch den ganzen Verlauf der Topik voraussetzt. Zuerst müssen bestimmte Dinge angenommen werden; dann
folgt aus ihnen 'unvermeidlich etwas anderes. Wann und wo
geschieht das?
Wie wir gesehen haben, setzt ein dialektischer Syllogismus
zwei Personen voraus: den Fragenden und den Antwortenden.
Der Fragende weiß natürlich von Anfang ,an, worauf er hinaus
will: auf j-ene affirmative oder negative Behauptung, die er
seinem Gegner aufzuzwingen gedenkt. Dies nennt man ge19
wöhnlich eine Schlußfolgerung, aber vom Standpunkt des Fragenden aus ist die SchlUßfolgerung das, was am Anfang steht,
und zwar ganz wörtlich:-rd
Üf!Xfi das, was .am Anfang ist,
nennt Aristoteles es tatsächlich, wenn er aJUf die petitio principii der traditionellen Logik zu sprechen kommt. Da der Fragende die beabsichtigte Schlußfolgemng •schon dm Kopfe hat,
muß er nach passenden Fragen suchen, di:e er seinem Gegner
stellen kann. Diese Fragen s.ind di·e Prämissen der traditionellen Logik - Protaseis auf gciechi:sch, das, was dem Gesprächspartner angeboten wird, so daß er es annehmen kann; da sie
jedesmal, wenn ein Syllogismus aufgestellt wird, an erster
Stelle vorgebracht werden, nennt man •solche Propositionen
jetzt meist "Prämissen" 9, Im Kopf ·des FI'agenden verläuft die
Richtung des Denkens, das zum Syllogismus führt, umgekehrt
zu der Anordnung von Prämissen und Schlußfolgerung im
Syllogismus selbst; der Fragende muß gewissermaßen ei:nen
rückwärtigen Denkpro:reß vornehmen, von der Schlußfolgerung zu den Prämissen, nicht, w.ie wir die Reihenfolge im
SyllogLsmus sehen, von den Prämissen zur Schlußfolgerung.
Das letztere V erfahren ist leicht, denn, wenn man einmal die
Prämissen angenommen hat, kann man d~e Schlußfo1ger.ung
nicht verfehLen. Mit der Schlußfolgerung zu beginnen, um die
Prämissen zu finden, dst jedoch ein vollständig anderer Denkprozeß, für den dringend eine Methode benötigt wird. Aber
es ist sicher nicht ganz so .einfach, wie in ·einem ähnlichen Falle
ein Humorist einer neugterdgen Dame geantwortet haben soll.
Sie hatte ihn gefragt, wie er auf so komLsche Ideen komme.
"0, das ist ganz leicht", sagte er, "zuerst •setze ich mich hin
nnd lache, rund dann- denke ich rückwärts.'{
Nun wollen wir uns dem zuwenden, was im Kopfe des Antwortenden vor sich geht. Auch er kennt von Anfang an die
Schlußfolgerung, aber er versucht ihr auszuweichen, und so
muß er mit seinen Antworten vorsichti!g sein. Den Spielregeln
zufolge, die Aristoteles in allen Einzelheiten gibt, s\)11 er andererseits mit emem gewissen Grad von Aufrichtigkeit antworten; er darf 'Sich nicht weigern, Meinungen und Oberzeugun-
ev
9 Als eine Version von Protasis bevorzugt die Oxford-Übersetzung
"proposition" in der Topik, "premiss" in den Analytiken.
20
gen beizustimmen, die vernünftigerweise vertreten werden können, und die in der Tat mit seinen eigenen Meinungen und
Überzeugungen übereinstimmen, es sei denn, er kann zeigen,
daß .die Bedeutung einer gewissen Prämisse unmittelbar identisch ist mit der Bedeutung der Schlußfolgerung. So sollten die
Erwiderungen des Antwortenden, außer wenn er eine petitio
principii zurückweisen muß, einigermaßen objektiv sein, so
daß der Fragende eine Chance hat. Wenn nun zufällig der Fra11Jende ein tüchtiger Mann ist, der für eine nicht :ru schlechte
Sache argumentiert, oder ein nicht zu untüchtiger Mann, der
für eine gute Sache argumentiert, :und wenn die Dinge seinen
Absichten entsprechend verlaufen, dann wird das Ergebnis ein
im Kopfe des Antwortenden erzeugter Syllo~smus sein. Zuerst kann der Antwo·rtende nicht wnhin, die vorgeschlagenen
Prämissen anzunehmen, und dann - wenn der Fr8Jgende g.eschickt ist - steckt er in einer Falle: der Fragende zieht die
Schlußfolgerung als eine notwendige Folge der Prämissen, :und
der Antwortende steht einer Niederlage gegenüber, denn nach
Annahme der Prämissen läßt sich die Schlußfolgerung nich·t
mehr vermeiden, und es gibt kein weiteres Ar~ntieren gegen sie. Nebenbei rät Aristoteles dem Fragenden, rue Schlußfolgerung nicht ~n die Form einer Frage zu kleiden, um so jede
Unredlichkeit von seiten des Antwortenden zu verhindem.
Weiter äns einreine bnauch'ert wir nicht zu gehen; auf jeden
Fall haben wir einen ·echten Syllogismus gefunden, der sich
genau nach der aristotelischen Definition entwickselt hat; nicht
nur das, wir wilssen auch - zumindest aus einfachen chronologischen Gründen -, daß Aristoteles diese Art von syllogistischer Praxis im Sinn hatte, als er zuerst soeine Definition formuli-erte, nicht die abstrakten Formen der .syllogistischen
Figuren.
Ein Syllogismus, der durch einen klu~ Fragesteller im Geiste
des Antwortenden hervorger.ufen wurde, ist, soweit wir die
Frage bemachtet haben, ein Erzeugnis durchaus künstlicher Bedingungen. Wie wir gesehen haben, fehlt es ihm dennoch nicht
an psychologischer Wirklichkeit; so etw8JS spielt sich tatsächlich in der Zeit und inne~~halb einer Seele ab, der des Antwortenden. Andererseits ist es sehr .schwierig, ·es in der Terminologie der empirischen Wissenschaft der P.sychologie zu beschrei-
Z1
ben, die versucht, das tatsächliche Funktionieren unseres Denkans zu erforschen. Denn für gewöhnlich denken wir ja nicht
in aristotelischen Syllogismen. Dile moderne Logik befreit sich
von dieser Schwierigkeit - und für ihre eigenen nicht historischen Zwecke ist das natürlich ihr gutes Recht -, indem sie
scharf unterscheidet zwischen Behauptungen und Urteilen in
einem besonderen, eng begrenzten Sinn, wie er •gewöhnlich
nicht beobachtet wird, Jlllld indem s1e entscheidet, daß die Logik
es mit Behauptungen und den in ihnen enthalten-en Folgerungen zu tun hat, nicht mit Urteilen und dem geistigen Prozeß, tatsächlich zu Schlußfolgerungen zu kommen. Im Falle des
ariJStotelischen Syllogismus jedoch scheint diese Unterscheidung gar keinen so großen Unterschied zu machen. Die Stellungnahme des Aristoteles wurde genügend bestimmt dmch
die Tatsache, daß in einem normalen aristotelischen Syllogismusdie Prämissen nicht als spontane Urteile eines frei denkenden
oder beobachtenden Geistes in den Sinn kommen, sondern als
bereits formulierte, und zudem klug formulierte Behauptungen, vor denen es kein Entrinnen gibt. In dieser Lage bestand
keine Gefahr, daß die Logik durch Psychologie beeinflußt werden könnte, denn •selbst psychologische ßeobachtung könnte
nichts anderes liefern als die Feststellung, daß die Schlußfolgerung unvermeidbar i:st. Die Gefahr lag eher in der entgegengesetzten Richtung, und wir wissen, daß jahrhundertelang, angefangen mit Aristoteles selber, die Logiker dazu neigten, Logik
da einzusetzen, wo Psychologie benötigt wurde. Aber das
waren ·spätere Entwicklungen.
Uns geht es hier um den Ur.sprung der Wissenschaft von der
Logik, und .ich meine, wir haben gesehen, daß der Inhalt der
ersten systematischen Arbeit über dieses Thema Anspruch darauf erheben kann, nicht nur aus chronologischen Gründen zuerst
in Betracht ~zogen zu werden. V1elleicht hatte Ari.stoteles gar
nicht so unrecht, als er ein griechisches Sprichwort zitierte, das
soviel bedeutet wie "der erste Schritt ist der wichtigste"; obwohl man seine Zweifel haben ~nn wegen des Grades der
Dankbarkeit, die wLr i•hm für diesen ersten Schritt schulden.
Auf jeden Fall verlangt dieser Anfang nach einer historischen
Erkläl'Uilg, denn das Vorhandensein eines solchen Denksportes, wie wir .Jhn annehmen mußten, um das erste Lehrbuch der
zz
Logik, die Topik, zu verstehen, erscheint sog;ar noch verwunderLicher als gewisse Merkmale der entwickelten aristotelischen
Logik in den Analytiken. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß in der Schule des Aristoteles solch ein geistiger
Sport ziemlich emst genommen wurde. Andernfalls würde Aristoteles nicht so viel Zeit und Mühe an die Vorbereitung der
Topik gewendet haben, wie er es nach dem Ausweis des Buches
getan haben muß, und wie er es nach seinem eigenen Zeugnis
auch wirklich getan hat. Wir verspüren Verwunderung und ein
wenig Unbehagen um des Aristoteles willen; aber d1e Erklärung des Phänomens ist nicht so schwer, wie es den Anschein
haben könnte. Es genügt, sich einige wohlbekannte Tatsachen
aus der Geschichte der Wissenschaft und Philosophie in Griechenland ins Gedächtnis zurückzurufen.
Wenn wir heute ohne die Hilfe der Oberlieferung Wissenschaft
und Philosophie nach dem Gegenstandsgebiet der Logik durchforschen müßten, wo sollten wir suchen? Nun wohl, wir nehmen an, daß Wissenschaft und Philosophie im Geiste und in
den Forschungen der Wissenschaftler, Gelehrten und Philosophen leben, und die Ergebnisse ihrer mühevollen geistigen
Arbeit sind in Büchern ntedergelegt. Und außerdem haben wir
natürlich die ·akademische Lehrtätigkeit. Doch es wäre vielleicht
ein wenig, sagen wir, einseitig, 1Ulsere Vorstellungen von der
Logik hauptsächlich auf die Praxis der akademischen Lehrtätigkeit zu gründen. Aber dies ist genau das, was A:cistoteles
getan hat. Wir wissen aus gewissen Abschnitten in den späteren Schriften Platons, daß in Wirklichkeit Platon der Erfinder
des Begriffs der geistigen Gymnwstik war, und daß er deren
Praxis iln seine Schule, die ursprüngliche "A~ademie", ·einführte, als Pflichtfach zur Vorbereitung zukünftiger Philosophen. Was Aristoteles zum Besten seiner eigenen Schule dieser erzieherischen Praxis hinzufügte, war eine systematische
Einführung: die Topik. So kam es, daß ·am Anfang systematischer logischer Forschung ein Syllogismus nicht innerhalb der
Gedankenwelt des einsamen Denkers oder in seinen Büchern
oder Vorlesungen gesucht oder gefunden wurde, sondern daß
der ursprüngliche GegellJStand der Logik der "dialektische
Syllogismus" war, der Syllogismus, der sich im Gespräch entwickelt.
23
Die Pflege des dialekttschen Syllogismus als eines unentbehrlichen Mittels zur philosophischen Bildung ist offenbar ein
Produkt j·ener Epoche in der Geschichte der Philosophie, in der
die Fragen und Antworten des im Gemeinschaftsleben gebundenen Gesprächs Weg und Mittel zu neuen Entdeckungen
waren, als ·die Dialektik, die Kunst, Dinge im Gespräch zu behandeln, nahezu identisch mit echter Philosophie und Wiss·enschaft erscheinen konnte, und als man Büchern und den Ansprüchen auf fertige, jederzeit verfügbare Erkenntnis mißtraute. Das war natürlich die Epoche, welche durch ·die Namen
Sokrates und Platon gekennzeichnet ist. Es war eine kurze
Epoche: Platons größter Schüler Anstoteies war wieder ein
eifriger Leser und selbstbewußter Schreiber von .Büchern. In
den beiden Generationen vor Aristoteles waren Vertrauen auf
das Gespräch und zugleich Mißt11a.uen gegen Bücher und dergleichen eine neue Geisteshaltung, ·denn in der griechischen
Welt des 5. Jahrhunderts, der Sokrates angehörte, war es bereits .so selbstverständlich wie heute, ein Buch zu Rate zu ziehen, wenn man wissen wollte, was ein P.hilosoph oder Wis·senschaftler zu lehren hatte. Platon zufolge (Apol. 26d) erwiderte zum Beispiel Sokrates, als er des Atheismus ·beschuldigt wurde: "Freund Meletos, Ihr glaubt, 1hr beschuldigt Anaxagoras: und Ihr habt eine recht schlechte Meinung von den
Richtem, wenn Ihr sie für so ungebildet haltet, daß sie nicht
wiss.en, daß dilese Lehren sich in den Büchern des Anaxagoras
von Klaz6menai finden, die voll von ihnen sind. [Junge Leute
könnten für ein bißchen Geld leicht diese Bücher kaufen und
Sokrates auslachen, wenn er behauptete, diese Lehren wären
die seinen]." 10
Aber Sokrates selber hat keine Bücher geschrieben. Seine Rolle
im wirklichen Leben und in der Philosophie war die des Fragenden, wie Aristoteles in einem interessanten Absdmitt der
Topik {183b 7) feststellt, wobei er sich des historischen Zusammenhangs der Dialektik des Sokr.ates mit dem Thema der
Topik voll bewußt ist. Zweifellos war Sokrates' Art und Weise,
Die Auslegung des griechischen Textes ist umstritten. An Steile
von Jowetts Übersetzung, die irreführend ist, gibt die Paraphrase
in eckigen Klammern die Bedeutung, soweit sie praktisch gesichert
ist.
10
24
im Gespräch zu philosophieren, die Grundlage der dialektischen Praxis in den Schulen des Platon und des Ari:stoteles.
Platon allerdingjs hat Bücher geschrieben, und wir würden
weder von den Ansichten des Sokrates noch von den Lehren
Platons viel Nennenswertes wissen, wenn auch Platon es abgelehnt hätte, .zu schreiben. Nichtsdestoweniger ist es ebenfalls
wahr, daß Platon nicht an Bücher und fortlaufende Vorlesungen glaubte als Mittel, wissenschaftliches und philosophisches
Denken ro erwecken und zu verbreiten; und es ist kein Zufall,
daß seine Bücher in der Form lebendiger Gespräche geschrieben
sind. Ebensowenig .ist es ein Zufall, daß zumindest in seinen
frühen Dialogen die Art .des Gesprächs genau so ist, wie wir
sie erfinden müßten, wenn wir den V.ersuch machen wollten,
die natürlichen Vorbilder der künstlichen Syllogismen in der
Topik zu rekonstruieren. So werden wir hier zu Tatsachen und
literarischen Belegen geführt, die .so wohlbekannt 'sind, daß
dieses Kapitel über den Ursprung der Wissenschaft von der
Logik beendet werden kann. Es ~st nicht nötig, über P1atons
Einstellung zu der dialektischen Form des Argumentierens sich
weitläufig auszulassen. Aber ich möchte noch ein paar Worte
über den Ausdruck "Logik" hinzufügen.
Dieser Ausdruck erschei.llt~icl;,t vor dem 1. Jahrhundert v. Chr.
in der vorhandenen antiken Literatur; Ari:stoteles verwendet
ihn nich_t_ Er ~st von dem griechischen Wort Myo~ abgeleitet,
das "Rede" bedeuten kann, außerdem jedoch vLeles, was mit
Rede zusammenhängt. Zu der Zeit, da die Leute glaubten, sie
könnten in der Logik eine allgemeine methodische Unterweisung finden, wie man denken oder vernünftig argumentieren
solle, wurde .gewöhnlich eine Bedeutung von Logos angewendet, ~~lieh "Vernunft", so daß der Ausdruck. "Logik" eine
Kunst oder eine Wissenschaft des vernünftigen Smließens oder
Den:kens bedeutete. Aber das ist gewi:ß keine zutreffende Ety:Il1ologie~_'Jenn auch Ari:stoteles das W~rt -,:Logik" nicht afs
Substantiv benutzt, ,braucht er es als Adjektiv in gewissen
Funktionen, die zwei-erlei beweisen: ·erstens, daß_4~r sp_!i_tere
N~l!lce_<ler\'Vis.s~!l~_chaft vpn der Logik auf Aristoteles' Verwen<!t111& des_Adjektivs _zurückgeht, und zweitens, daß diese Verwendung des Adjektivs auf j~~ Bedeutung von Logos oder
vielmMr _von dem Plt1r.al L,ogoi .;urüc~ge?t, _dle _~~~h-~'U!_einen
25
mündlichen Gedank-enaustausch bezieht - Gespräche, Debatten, Streitgespräche zwisChen-f.euten, vor allem -~olche über
Themen von philosoplUDchem Interesse. Somit dürfen wir
sagen, daß sogar ihr Name darcruf hinweist, daß die Logik
ursprünglich verstanden wurde als eine Wissenschaft von dem,
was ge~cJ:.!ieht, _w~_~_i!_ J!i4!!J.iir~~s s~~t d~!!ken, sondern
~e!Ul ~-r !eden und_ versuchen, einander_ zu_~ber~~11~en.
26
II.
KAPrtEL
Begriffe, Termini, Definitionen, Ideen, Kategorien
Ein .auf den neuesten Stand der Erkenntnisse gebr.achtes Bild
der Gesdtichte der antiken Logik ist bestenfalls eine Ho.f:6nung
für die Zukunft. Ich glaube nicht, -daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt irgendein lebender Gelehrter übe·r ausreichende Kenntnisse der Einzelheiten dieser Geschichte und der historischen
Beziehung dieser Einzelheiten verfügt, .um klar und in angemessenen Proportionen die Umrisse ziehen zu können. Ein einfacher Grund hierfür ist natürlich die Unvollständigkeit unserer Oberlieferung; aber vielleicht sollten wir den Verlust des
größten Teils der logischen Literatur der Antike nicht allzusehr beklagen, solange ihr wichtigster Teil - der zweifellos in
den vorhandenen Schriften von Platon und Aristoteles enthalten ist - hinsichtlich seiner ursprünglichen Absichten problematisch bleibt. Denn es läßt -sich nicht leugnen, daß infolge
der distanzierten Haltung der meisten Altphilologen gegenüber streng philosophischen Themen erst kürzlkh. einige Versuche unternommen worden sind, die moderne Kunst philologischer Interpretation auf logische Texte der Antike anzuwenden, und wir sind noch weit davon entfernt, umfassende Ergebnisse erzielt zu haben.
Nichtsdestoweniger ist, zumindest bis zu einem gew.tssen Grade,
eine Oberprüfung der griechischen Grundlagen der traditionellen Logik möglich, noch bevor eine zuverlässige Geschichte der
griechischen Logik geschrieben werden kann. Die gesamte
Struktur sowie zahlreiche Einzelheiten der traditionellen Logik
gehen letzten Endes zurück auf Abhandlungen, Kapitel und
mehr oder weniger lange Abschnitte in der vorhandenen antiken Literatur, hauptsächlich und in erster Linie auf Aristoteles
und Platon; ,und die Methode eines direkten Vergleichs steht
in vielen Fällen unmittelbar zur Verfügung. Ob sie zu nennenswerten Ergebnissen führen wi,rd, läßt sich für keinen ein-
zeinen Fall voraussagen; im allgemeinen jedoch sollte ein BestandteU .logischer Lehre leichter zu verstehen - und notfalls
zu kritisieren - sein., wenn er untersucht würde, .so wie .er
zuerst verwendet wurde und seinem ursprünglichen Zweck
diente; leichter, als nachdem er verfälscht und immer wieder
den Bedürfnissen späterer Zeiten .angepaßt wurde. Es gibt nur
eine einzige ·unentbehrliche Bedingung: wir müssen gelernt
haben, einen gegebenen klassischen Abschnitt aus seinem gegegebenen klassischen Zusammenhang zu erklären, anstaU .z;u
versuchen, ihn dadurch zu erklären, daß wir die ursprünglichen
alten Begriffe ganz einfach durch eingebürgerte neue ersetzen.
Bis jetzt haben die mehr konservativ eingestellten Lehrbücher
-der Logik jenen Teil ihres Themas, in dem sie eingestandenermaßen Aristoteles folgen, in drei Kapitel aufgeteilt: 1. Die
Logik der Termini (oder Begriffe), 2. die Logikder Propositionen
(oder UrteUe) und als Höhepunkt 3. die Logik der Syllogismen.
Grundsatz dieser Anordnung ist offensichtlich das Fortschreiten vom Einfachen zum Zusammenges·etzten, und sie hat eine
gewisse Analogie in der überlieferten Ordnung der logischen
Schriften des Ar.istoteles, wo den drei größeren Abhandlun~n
über Syllogismen - der Analytica priora, der Analytica posteriora und der Topik - ZJWei kurze Schriften vo11angehen, die
Kategorien und die sogenannte De interpretatione. Von letzterer, der zweiten in dieser Ovdnung, läßt sich sagen, daß sie
von Urteilen handelt, die im gesprochenen Wort .ihren Ausdruck finden, während die evstere Schrift erklärt, sich mit den
vevschiedenen Bedeutungen von Worten, die nicht zu Sätzen
verbunden sind, befassen zu wollen. Nebenbei gesagt, bedeutet der Singular "Kategorie" ursprünglich .g.anz einfach P.rädit..
kat; aber der Plural "Kategorien" konnte natürlich im Sinne
von "verschiedene Arten oder Formen von Prädikaten" benutzt
werden; der vollständige aristotelische Ausdruck für das, was
wir eine "Kategorie" nennen, .ist, "Art von Kategorie" oder
"Form von Kategorie". V1el Verwirl'llng im Studium der Philosophie und deren Entwicklung wurde durch die Tatsache verutsacht, daß die Studenten ihr Studium des Aristoteles anscheinend mit einem Büchlein beginnen mußten, das Prädikate so
behandelt, als wären sie keine Prädikate. Wir werden auf diese
Schwierigkeit noch zurückkommen. Für den Augenblick müs28
senwir UiliS auf die Feststellung beschränken, daß, wer immer
die Verantwortung für die überlieferte Ordnung der Schriften
des Aristoteles trägt, diese Anordnung in dem Glauben durchführte, daß der Behandlung von Sätzen (oder Urteilen) die Behandlung von nicht zu Sätzen ve11bundenen Worten vorangehen müsse, und daß eilnze1ne Urteile vor Zusammenfassungen von Urteilen zu Syllogismen behandelt werden müssen.
Es besteht kein Grund die Anordnung, die wah11scheinlich älter
ist als das 1. Jahrhundert v. Chr., zu tadeln; als eine Anordnung von Manuskripten oder Büchern, die irgendwie in eine
Reihenfolge gebracht werden mußten, kann man sie gelten
lassen. Aber, ob di:e Reihenfolge ein organisches und einheitliches Ganzes einer logischen Doktrin bildet oder bilden soll,
das ist eine andere F.rage.
Aristoteles' Definition des Syllogismus besagt, daß eiin Syllogismus eine gewisse Verbindung von P.ropositionen (oder Prämissen) •enthält, und in einer Erklärung, die er im ersten Kapitel der Analytica priora gibt, nennt er das, worin eine P.roposition ·sich auflöst, horos, "Terminus". So erhalten wir die
Reihenfolge "Terminus, Proposition, Syllogismus", und zu dieser Dr-eiheit werden meist die drei Hauptteile bzw. die er:sten
drei Teile ·der tvaditionellen Logik in Beziehung gesetzt, selbst
wenn eine andere (angeblich gleichwertige) Terminologie bevorzugt wird, wie "concept, j.udgment, r:easoning" im Englischen, oder "Begriff, Urteil, Schluß" im Deutschen; oder, wie
die berühmte und einflußreiche französische Logique de Port
Royal 1 es nennt, "idee, jugement, raisonnement" 2•
Zuerst werden wir ·also zu fragen haben, ob die Logik des Aristoteles ein organisches, dreibeiliges Ganzes war, wie die Einteilung und Anordnung des Sachgegenstandes in unzähligen
nicht ganz neuzeitlichen Lehrbüchern der Logik es anzudeuten
scheint. Die Antwort ist .ein kurzes "Nein". Denn obwohl
irgendein historischer Zusammenhang zwischen der Struktur
Zuerst veröffentlicht in Paris 1662. Mein Zitat ist der englischen
Übersetzung von Th. 5. Baynes entnommen.
2 Für ., The Three Parts of Logical Doctrlne" und einige GrUnde
für und gegen diese Anordnung siehe § 6 in Keynes, Formal Logic,
4. Aufl. 5. 8 f. Über die modernen terminologischen Schwierigkeiten
siehe ebd. 5. 10, 66.
1
29
der tr-aditionellen Logik und der aristotelischen Dreiheit "Termini, Propositionen, Schlüsse" sowie der antiken Ordnung der
Bücher des Organon bestanden haben muß, ist es eiil.l.e - 1n
Heinrich Maiers Syllogistik des Aristoteles mit Recht hervorgehobene - Tatsache, daß Aristoteles' beide Analytiken und
die Topik, die alle drei von Syllogismen handeln, keinerlei getrennte Behandlung weder von Propositionen noch von Termini voraussetzen. Die Analytiken und die Topik bedienen
sich gelegentlich der Lehre von den Kategorien, aber sie beziehen sich nicht auf die kleine Abhandlung, die jetzt die erste
der Schriften des Adstoteles ist, und es ist ziemlich schwierig,
die Beziehung ihres Inhalts zu den Termini und den Propositionen der Syllogistik des Aristoteles zu definieren. Der Versuch, .es zu tun, hat den Systematikern des ·aristqtelischen
Organon manche Kopfschmerzen verursacht. Die Abhandlung
De interpretatione kommt dem Postulat eines den Urteilen gewidmeten "zweiten Teils der Logik" näher, Tatsache jedoch ist,
daß die Analytiken und die Topik alles über die syllogistischen
Sätze lehren, was für ihre Zwecke erforderlich ist, und daß sie
De interpretatione überhaupt nicht beachten.
Aus Gründen, die ich zu Beginn dieses Kapitels zu erklären
versuchte, beabsichtige ich dennoch, den ersten Teil der traditionellen Logik zu behandeln, gleichgültig, ob dies mit den
Anschauungen des Aristoteles übereinstimmt oder nicht. So
wollen wir zunächst Propositionen (oder Urteile) 'lllld Syllogismen außer acht lassen und nach den griechischen Grundlagen
jenes ersten Teiles Ausschau halten, wo Termini (oder Begl'iffe) soweit wie möglich um ihrer selbst willen, und noch
nicht zu Teilen von Urteilen oder Propositionen verbunden,
betrachtet werden sollen.
Es besteht kein Zweifel, daß das Buch Kategorien für den Inhalt dieses ersten Teiles der traditionellen Logik zum Teil verantwortlich ist, denn es beschäftigt sich ausdrücklich mit der
Bedeutung von unverbundenen Satzteilen; aber die Topik,
unser frühestes Dokaunent, nicht nur der aristotelischen Behandlung von Syllogismen, sondem auch der Kategorien, zeigt,
daß die Kategorienlehre ursprünglich eine Lehre von den Satzprädikaten war und erst .später von Aristoteles selbst in ein
Schema zur Klassifizierung ·all dessen umgewandelt wurde, was
30
ein einzelnes Wort als Namen führt. Die Frage der Kategorien
ist außerordentlkh kompli:ziert, und es ist beSISer, wir beginnen mit dem anderen aristotelischen Bestandtell des ersten
TeUes der traditionellen Logik, dem "Terminus" der Syllogisbik
des Aristoteles, welcher - das dürfen wir nicht vergessen nicht, wie 1n der traditionellen Logik, Gegenstand der Behandlung in einem besonderen Kapitel oder TeU der Logik du'l."ch
Aristoteles war.
Von 11Tenninus" besitzen wi.r folgende Definition: "Ich nenne
Terminus das, worws sich die Prämis.se zusammensetzt, nämlich Prädikat und Satzsubjekt, wobei das ,Sein' oder ,Nichtsein' entweder hinzugefügt oder abgetrennt wird" (Anal. pr.
24b 16). Aus der Praxis des Aristoteles in den Analytiken
ersehen wir, daß ein Terminus durch einen Buchstaben des
Alphabets symbolisiert werden kann, und daß ein solcher
Buchstabe tatsächlich für alles eintreten mag, was entweder
als Subj-ekt oder als Prädikat einer Aussage erscheinen kann.
Die Tatsache, daß es häufig nicht ein einzelnes Wort ist, welches einem einzelnen Terminus .entspricht, wird von Aristoteles selbst gebührend betont: 11Wir dürfen nicht immer danach
trachten, Termini in einem ·einzelnen Wort auszudrücken; denn
wir werden es oft mit Wortgruppen zu tun haben, die nicht
mit einem einzelnen Namen bezeichnet werden. Infolgedessen
ist es schwierig, Syllogismen mit solchen Termini .auf eine
knappe Fonnel:öu bringen." Nachdem er in diesem Zusammenhang den mathemabischen Beweis erwähnt hat, daß die Winkel
eines Dreiecks gleich zwei rechten Winkeln sind, fährt er fort:
"Es ist klar, daß das Mittelglied nicht immer unbedingt etwas
Individuelles, sondern mitunter eine Wortgruppe ist, wie in
dem erwähnten Falle" (Anal. pr. I. Kap. 35). Um ·ein weiteres
Beispiel anzuführen, können wir ein Kapitel aus den AnalyHca
posteriora (I, 34) heranziehen. Es betrifft den Scharfsinn
(eVo'-roxla): "Scharfsinn ist die Fähigkeit, das MitteLglied sofort zu treffen. Ein Beispiel hierfür wäre der Mensch, der sah,
daß der Mond seine helle Seite stets der Sonne zuwendet und
sogleich die Ursache hierfür erfaßte, nämlich, daß er sein Licht
von ihr entlehnt; oder beobachtete ... In allen diesen Beispielen hat er die Ober- und Unterbegriffe gesehen und dann die
Ursachen, die Mittelbegriffe, erfaßt. Setzen wir A für ,helle
31
Seite der Sonne zugewandt', B für ,von der Sonne beleuchtet',
C für den Mond, dann ist B ,von der Sonne beleuchtet' aussagbar von C, dem Mond, und A ,seine helle Seite der Quelle
seines Lichtes zugewandt', ist aussagbar von B. Demzufolge
ist A aussagbar von C mittels B." In einem anderen Fall muß
Aristoteles elf Worte für einen einzigen Terminus, die OxfordÜber-setzung dreiundzwanzig Worte (Anal. post. 93a 37) verwenden: "Angenommen C ist der Mond, A ·die Mondfinsternis,
B die Tatsache, daß der Mond keine Schatten hervorbr-ingt,
obwohl er voll ist und kein sichtbarer Körper zwischen uns
und dem Mond Hegt." Immerhin werden solche Termini, die
sich nicht durch einzelne Namen ausdrücken lassen, offensichtlich als Ausnahmen angesehen, und Aristoteles zufolge ist ein
einzelner Name für den einzelnen Terminus das übliche. Alber
John Stua.rt Mills Versuch, die Tatsachen darober hinaus ZIU
vereinfachen, und "Termini" und "Namen" völüg kommensurabel zu machen, dient kaum einem objektiven, ganz gewiß
keinem historischen Zweck. Denn die "vielwortigen Namen",
die er als Folge seiner Gleichsetzung von Termini und Namen
annehmen 3 mußte, würden dn der Sprache -des Aristoteles in
sich widersprüchlich sein -, sie würden als "vielwortige Wörter" oder als "vielnamige Namen" ·erscheinen.
So wie die unleugbare Verwandtschaft der syllogistischen Termini mit den aus der Umgangssprache 'stammenden Enzelnamen von Aris·toteles nie genau bestimmt wurde, so fehlt
es seiner .An.tssage über die Beziehung der Termini zu einer gewissen Kategorie von Wesenheiten an Genauigkeit. In Kapitel 27 von Buch I der Analytica priora ·erkennt Anistoteies die
Tatsache an, daß "von allen Dingen, di-e existieren", manche
nicht geeignet sind, Prädikate von normalen syllogistischen
Sätzen zu werden (nämlich Einzelwesen wie der Mensch K.allias oder Sokrates), wohingegen andere außerstande sind, Subjekte solcher syllogistischen Sätze zu werden ("manch.e Dinge
we~:~den von anderen ausgesagt, aber nichts wird von ihnen
ausgesagt"); aber "von dem, was li.mmer zwischen diesen Grenzen liegt, kann auf beide Weisen gesprochen werden: sie können von anderem und anderes von ihnen ausgesagt werden",
3 Siehe sein System of Logic, Buch I,
32
Kap. II, §
2.
zum Beispiel über Kallias, daß er ein Mensch, über einen Menschen, daß er ein Lebewesen ist. "Und in der Regel befassen
Beweisführungen und Untersuchungen sich mit solchen Dingen."
Die ausgesprochene Gleichgültigkeit des Aristoteles gegenüber
einer genauen Bestimmung im Falle der Beziehung von "Dingen", sowie im Falle der Beziehung von "Namen" zu "Termini" zeigt deutlich, daß er gar nicht daran dachte, die Behandlung der "Termini" streng .auf eine Lehre entweder von den
Namen oder von den Dingen zu begründeni so sind die Versuche späterer Systematiker, ebenso wie ihre Schwierigkeiten
in beiden Richtungen, nur allzu verständlich.
Es gibt eine dritte Möglichkeit. Namen sollten Dinge bedeuten, aber um ver.ständlich zu sein, setzen sie Gedankeneinheiten voraus, die dm Geiste des Sprechenden wie des Hörenden
gleichermaßen mit ihnen verknüpft .sind. "Termini" sind
Namen oder, in manchen Fällen, Gruppen von Namen (Mills
"vielwortige Namen") i wo immer in einem echten Syllogismus
solche Termini auftauchen, haben sie daher unweigerlich stets
ihre ·entsprechenden einfachen oder mehrf.achen Gedankencinheiten, die im Englischen "ideas" (notions, conceptions) oder
"concepts" genannt werden. Da nun "Namen" im allgelnei,..
nen als sekundär zu den Gedanken gelten, und andererseits
die Dinge nicht unmittelbar in logische Operationen ·einbezogen sind, ,scheinen ziemlich gewichtig·e Gründe dafür zu spr.echen, die Behandlung von "Termini" und der Logik im allgemeinen ,auf die B.etrachtung von Ideen (oder Begriffen usw.)
zu gründen. Genau das haben, ]. S. Mills zufolge, die Logiker
von Descartes bis in seine eigene Zeit getan: "Urteilen hieß,
zwei Ideen miteinander zu verbinden, oder eine Idee einer
anderen unterzuordnen, oder zwei Ideen :zJU vergleichen, oder
we Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung. von zwei
I~een wahrzunehmen: und die ganze Lehre von den Propositionen zusammen mit der Theor1e vom Schließen (die sich
immer notwendig auf die Theorie von den Propositionen .grün. det) war so aufgebaut, als ob Ideen oder Begriffe, oder welchen
Namen auch dmmer der Verfass.er für geistige Vorstellungen
im allgemeinen bevorzugte, im wesentlichen S.achge~enstand
33
und Substanz jener Operationen bildeten."4 Die Logique de
Port-Royal beginnt ihren ersten Abschnitt tatsächlich folgendermaßen: "Da wir von dem, was außer uns ist, keinerlei
Kenntnis haben können, wenn nicht durch die Vermittlung
von Ideen, die in illlts sind, bilden die überlegun~en, die wir
über unsere Ideen anstellen können, vielleicht den wichtigsten
Teil der Logik, denn auf sie gründet •sich alles übrige." Noch
heute kann es geschehen, daß "deduktive Logik" als "auf den
Begriff gegründet" eingeführt wird 5•
Mill selbst war ein entschiedener Gegner dieser AufFassung:
"Die Ansicht, daß in einer Proposition die Beziehung zwischen
den beiden, dem Subjekt und dem P,rädrikat entsprechenden
Ideen (anstatt der Beziehung zwischen den beiden Phänomenen, die sie jeweils ausdrücken) für den Logiker von primärer
Bedeutung ist, erscheint mir als einer der v.erhängni.svollsten
Irrtümer, die je in die Philosophie der Logik Eingang .gefunden
haben, und als der Hwptgrund, wa1l\1Jll die Theorie dieser
Wissenschaft während der letzten zwei Jahrhunderte so geringe
Fortschilitte gemacht hat." Die Betonung der unleugbaren Tatsache, daß im allgemeinen "Propositionen keine Aussagesätze
sind, die unsere Begriffe (Ideen, Vorstellungen) von den Dingen betreffen, ·sondern Aussagesätze, welche die Ding.e selbst
betreffen", war sein Mittel, sich der Erforschung des Denkprozesses des Urteilens zu ·entziehen. Wir werden im nächsten
Kapitel sehen, daß das Fehlen der Psychologie in der aristotelischen Lehre von den in Sätzen ausgedrückten Urteilen andere
Gründe hat als die Argumente von Mill.
Was die "Namen" ·betrifft, so war Millnicht <imstande, seine
Methode, den psychologischen Fragen aus dem Wege zu gehen, auszuarbeiten, ohne seine Untersuchung über die Propositionen vorwegzunehmen. Die Beziehung von Dingen, für
die in einer Proposition ein Wahrheitsanspruch e11hoben wird,
kann untersucht werden, ohne daß bestimmt zu werden braucht,
was im Geist vor sich geht, wenn eine Proposition formuliert
oder verstanden wird; die Verwendung eines Namens dagegen
hängt so off.ensichtlich - nicht nur theoretisch, sondern. auch
4 System of Logic, Buch I, Kap. V, § 1, "Of the Import of Propositions"; vgl. Buch I, Kap. II, § 1, "Of Names".
5
Shaw, Logic, S. 14.
34
praktisch - von den Vorstellungen ab, die skh im Geiste des
Sprechenden und des Hörenden mit dhm verknüpfen, daß der
psychologische Alusgang unvermei,dbar erscheint, sobald
"Namen" getrennt, ohne BeZJUg auf ihre Funktion als Subjekt
oder Prädikat in einem Satz behandelt werden.
Daher ist es nur folgerichtig, daß Mill sich sogar dn seinem
Kapitel "Über Namen" auf P.ropositionen beziehen mußte,
und andererseits, daß die Logique de Port-Royal, die in ihrer
premiere partie auf eine unabhängige Grundlage der Logik
hinzielte, damit beginnen mußte, den Denkpro:2leß der Begriffsbildung zu untersuchen u:nd srich mit Vorstellungen zu beschäftigen.
In der Syllogistik des Ar&stoteles beruht die Vorstellung von
den "Termini" gänzlich auf der VOJ)Stellung von einer Proposition und ist außerdem viel zu .unbestimmt, um eine ~trennte
Behandlung ihrer geistigen Äquivalente zu benötigen oder nur
zu dulden. Und da "Namen" von Aristoteles als bloße konventionelle Zeichen für "Vorgänge in der Seele" angesehen
werden, die wiederum "Bilder" von den Dingen sind, welche
"die gleichen für alle Menschen" sein sollen - in seiner Psychologie (De interpr. 16a 3ff.) wurden sie unter die Lupe genommen -, .scheint er für ein getrenntes Stuclhun der geistigen
Korrelate von Namen keinen Anlaß gesehen zu haben.
Die andersgeartete Einstellung der von Mill so scharf kritisierten Logiker zu erklären, geht über die Grenzen meiner
Aufgabe hinaus. Eins jedoch muß ,gesagt werden: wenn Mill
der Logik des Aristoteles durch Ausschaltung der psychologischen F11a~ praktisch näherkam, so tat er es auf .seine eigene
Verantwortung, nicht auf Verantwortung von Aristoteles.
Entgegen den Erwartungen, dl.e wir vielleicht hegten, hat Aristoteles' Behandlung der syllogistischen Teml!ini offenbar nicht
viel ZJU der traditionellen Lehre von den TeiJmini oder Namen
oder Begriffen beigetragen. Denn in der Logik des Aristoteles
fehlt der Praxis des DefinieJ:1ens j-ener spezielle und einfache
Bezug auf syllogistische T·ermini, wie er der trad.itionellen
Logik eignen soll; Aristoteles hatte keine Verwendung für die
genaue Bedeutung eines "Terminus". Die Beziehung von Meinung oder Erkenntnis, die in einer Definition ausgedrückt sind,
zu Meinung oder Erkenntnis, die auf einem Syllogismus be35
ruhen, ist eins der Probleme, die Ari.stoteles am meisten 7JU
schaff.en machten. Er rückte ihm in der Topik und in den Analytiken auf verschiedene Weise Z1U Leibe, und seine EndlöSII.lng
ist zu kompüziert, als daß im mim hier in wenigen Worten
mit ihr befassen kcinnte. Aber das Problem als soldres war
ledig1ich eine Folge der Tatsache, daß eine Lehre von den De~
finitionen bereits existierte, als Aristoteles seine Syllogistik
auf unabhängigen Grundsätzen entwickelte.
Es ist wohlbekannt, daß Aristote1es selber Sokrates als den
Erfinder allgemeiner Definitionen bezeichnete. Dies steht übrigens nicht in Widerspruch zu seinem SeLbstlob ·am Schluß der
Topik; er wollte damit natürlich nicht sagen, daß es vor seinen
eigenen keinerlei Leistungen in logischer Schulung gegeben
hätte; was er für sich selber beanspruchte, war nicht mehr und
nicht weniger als die systemabisehe BehandLung von Syllogismen. Neuerdings ist der Platz des Sokrates in der Geschichte
der Logik oder, wenn wir daxauf bestehen, die Logik als eine
systematische Wissenschaft zu nehmen, in der Geschichte dessen, was später ein Bestandteil der Logik wurde, immer problematischer geworden. Jetzt hat es nämlich den Anschein, als
leiteten sich die Vorstellungen des Arl.stoteles von den Leistungen Sokrates' auf dem Gebiet der Ethik ·und der Logik
weitgehend aus den frühen Dialogen Platons her. Das macht
es natürlich schwer zu entscheiden, bis zu welchem Grade der
historische Sokrates ei:rl Logiker war. Aber vielleicht brauchen
wi.r uns, im Hinblick auf unser.e eigenen begrenzten Zielsetzungen, über dieses Problem nicht den Kopf zu zerbrechen.
Platons Dialoge, insbesondere die frühen, sind Werke höchster
Kunst, das heißt, sie tragen !ihre ErkläDung m sich selbst, und
dies bezieht sich vor allem auf das, was ich die logische Situation nennen möchte, in der Fragen gestellt und Antwoxten gegeben werden- gerrau das, wonach wdr suchen, um die logi~
sehe Leistung zu verstehen. Zu diesem Zwecke ·ist es ndcht so
wichtig, ob der historische Sokrates oder Platon in seinen frühen Dialogen es war, der die logischen Situationen herbeiführte, aus denen die logdsche Lehre von den Definitionen
entstand. Eine Schwierigkeit jedoch muß an diesem Punkte ins
Auge gefaßt werden. In Platons Philosophie hängt der Begriff
einer Definition ~rgendwie mit dem platonischen Begriff der
36
"Ideen" 2JUSarnmen. Heute ist man der Ansicht, daß der eine
nicht ohne den anderen zu verstehen sei. Ganz so schlimm ist
es meirner MeilliUl\g nach nicht, aber wir müssen uns mit dem
Problem aJU.seinandersetzen.
Zuerst werd.en wir einige tetm\n.o\ogische "tatsacnen. festste1len
müssen, die allzu oft übersehen werden. Aristoteles' Wort für
den syllogistischen "Terminus" i.st horos; diesen Sinn von
horos leitete er von dessen Verwendung in der Mathematik
her, wo er jedes der Glieder bezeichnete, drie eine mathematische Proportion bilden. Ähnlich ist ein syllogistischer horos
eins von den zwei Gliedern, die eine Proposition bilden, oder
eins von den drei Bestandteilen eines Syllogismus. Sowohl der
mathematische wie der syllogistische Sinn sind in besonderen
Bedeutungen des englischen Wortes "term" erhalten geblieben
und in englischen Wörterbüchern angemessen verzeichnet. Es
gibt jedoch eine dritte Verwendung des Wortes "term" im
Engl!tschen, die im Umgang mit den logischen Termini des Aristotele.s vollkommen außer Betracht gelassen werden muß: ein
syllogisbischer 11 term" darf unter keinen Umständen als "Wort
oder Ausdruck mit einer genau begrenzten Bedeutung" 6 verstanden oder interpretiert werden. Ein syllogistischer horos ist
nicht unbedingt ein Wort, und begrenzt (bestimmt) - horos
bedeutet Grenze - ist in diesem Falle die Proposition, nicht
natürlich ihre beiden "Grenzen" (Termini) selbst.
Eine andere und schlimmere Quelle der Verwirrung ist eine
Doppelbedeutung des griechischen Wortes horos auf dem Gebiete der Lo~k selbst. Wie wir gesehen haben, Ist horos ("Terminus") in seiner syllogistischen Verwendung so bar jeder
substantiellen Bedeutung, daß ·ein Buchstabe des Alphabets ein
vollwertiger Ersatz ist. Nun ist horos auch eines der Wörter,
die AIIistoteles gebrauchte, um "Definition" zu bezeichnen,
oder die genaueste Antwort, die gegeben werden kann, wenn
man gefragt wird: 11Was ist dieses oder jenes?" Die zwei verschiedenen Bedeutungen sind voneinander völlig unabhängig,
und Aristoteles selbst hat sie nie miteinander verwechselt.
Aber leider gründete kein geringerer Gelehrter als Carl Prantl,
der die Metaphysik des Anstoteies bewunderte und die tradi6
Webster's Collegiate Dictionary, siehe Stichwort "term" 4.
37
tionelle Logik haßte, sein Bild der aristotelischen Logik alllf
diese Homonymie 7• In seinem Eifer nachzuweisen, daß der
Logik des Aristoteles nicht der Makel anhafte, 11formal" 2JU
sein, identifizierte er den leeren syllogistischen horos ( 11Terminus") mit dem metaphysischen Korrelat von horos im Sinne
von Definition (11Begriff" nach Prantl). Das Er.gebnis war eine
heillose Verwirrung, welche die modernen Vorstellungen von
antiker Logik noch immer beeinflußt. Wenn auch die theoretischen - und emotionalen - Werte, die Prantl mit dem 11Begriff" verknüpfte, im allgemeinen seitdem in Vergessenheit
geraten sind, ist es doch notwendig 2JU betonen, daß zwischen
dem syllogistischen Terminus des Avistoteies und horos im
Sinne von Definition weder eine terminologische noch eine bestimmte systematische Beziehung besteht.
Das Wort 11 concept" (oder 11 conception", deutsch 11Begriff")
geht zurück auf lateinische Kommentare über das erste Kapitel
von Aristoteles' De interpretatione 8 und bedeutete ursprünglich eine Vorstellung von einem Ding, die von dem Ding in der
Seele hervorgebracht und durch ein Wort bezeichnet wurde.
Es hat kein griechisches Äquivalent und keine ursprüngliche
Beziehung zur Definition. Aber Historiker der Philosophie neigen zu einem besonderen Gebrauch, wobei 11Begriff" als genaues Korrelat zu "Definition" zu verstehen ist. Wie der englische Obersetzer eines Buches des verstorbenen Julius Stem;el
kürzlich zu erklären für nötig hielt: 11 Der Begriff ist das, was
wir begreifen, wenn wir eine Definition kennen."9 Dieser Gebrauch läßt sich rechtfertigen, aber nur auf folgende Weise.
Unseren griechischen Quellen zufolge hat entweder Sokrates
oder Platon angefangen zu f11agen: "Was ist dieses oder jenes?"
mit einem besonderen Nachdruck, der zu der Vorstellung und
zu der Lehre von den Definitionen führte. Nun wird in emem
Bericht über diesen Anfang in der Philosophie oft ein Nomen
gebraucht, das den Zweck von Fragen wie 11Was dst 1iugend7"
"Was ist das Fromme?" 11Was ist eine Biene?" 11Was ist
Feuer?" bezeichnet. Im Griechischen ist es möglich, eine solche
Siehe z. B. Geschichte der Logik im Abendlande I, 5. 271.
Prantl, a.a.O. I, S. 691; III, S. 206; und andernorts (siehe Index
von Vol. III Stichwort "conceptus").
9 Plato's Method of Dialectic, Vorwort S. VI.
7
8
38
Frage in das benötigte Nomen umzuwandeln, indem ganz einfach der bestimmte Artikel hinzugefügt wird ("das Was-istes" oder sogar "das Was-es-für-es-war-es-zu-sein" 10, aber das
können wir nicht nachahmen. So ist ·ein besonderes Nomen
erforderlich, und das Wort "Begriff" wird keinen Schaden anrichten, solange es von jeder syllogistischen, metaphysischen
oder psymologischen Nebenbedeutung freigehalten wird. Aber
es da.rf dann wirklich nicht mehr und nicht weniger bedeuten
als genau das, was "wir begreifen, wenn wir eine Definition
kennen", und in diesem Sinne werden wir es fortan v.erwenden.
Die traditionelle Logik hat !ihre traditionelle AuffasSIUng von
ihrer ·eigenen Geschichte. "Sowohl historisch, wie im Falte des
Sok.rates, wie theoretisch steht am Anfang der Logik der Begriff." 11 Wenn wir uns an diese Bedeutung von "Begriff" halten, die ihm zu historischen Zwecken verliehen und soeben
erklärt worden ist, ist es sinnvoll, die Logik historisch mit dem
Begriff beginnen zu lassen, und wie wir bereits festgestellt
haben, ist es für uns.eren Zweck ·nicht so wichtig, ob es der
historische oder der platonische Sokrates war, der anfing, mit
besonderem Nachdruck zu fragen "Was ist das?" Hinsichtlich
des "Begriffs" des zweiten Teiles der Aussage (mit dem die
traditionelle Logik theoretisch begd·nnt) ist es wichtig zu wissen,
daß er nicht am Anfang vorhanden, sondern vielmehr ein spätes Produkt der komplizierten historischen Entwicklung war,
in deren Verlauf die Logik des Aristoteles auf eine nicht-aristotelische Weise systematisiert wurde.
Nun wenden wir uns wieder der Fra:ge von der Beziehtmg zwischen Definitionen iUlld platonischen "Ideen" zu oder, wie wir
es jetzt mit gutem Gewissen nennen können, dem Problem von
"Ideen" und "Begriffen" in Platons Philosophie.
Die übliche historische Anschauung, daß Sokrates ·an "Begriffe" auf eine vernünftige uns verständliche Weise heranging und daß später MIS spezifisch platonischen und nicht allgemein ver:ständlichen Gründen "Begriffe" "hypostasiert" wurden, so daß s•ie platonische "Ideen" wurden, ist lediglich eine
10 Für eine neuere Untersuchung dieser Ausdrücke siehe Curt Arpe,
Das Tt rjv elvat bei Aristoteles, Hamburger Diss., 1938.
11 Shaw, Logic, S. 17.
39
modernisierte Form der historischen Rekonstruktion durch
Aristoteles, wie sie wiederholt in seiner Metaphysik (987a
29 ff., dann 1078b 12 ff., 1086a 31 ff.) ausgeführt wird. In der
Sprame des .Ari.stotdes "suchte Sokrates das, ,was (ein Ding)
ist'" oder das "Allgemeine". Er war der erste, der "seinen
Geist entschlossen auf Definitionen richtet-e" oder "allg-emein
zu definieren trachtete"; aber er "trennte" Allgemeinh-eiten
oder allgemeine Definitionen nicht von den eiru:elnen wirklichen
Dingen, auf die sie sich bezogen, und Aristoteles zufol.ge dies
mit Recht. Aber dann. vollzogen Platon und seine Schule diese
Trennung und setzten, aus ihren hesonder.en Gründen, imaginäre ewige Dinge neben die wirklichen vergänglichen Dlnge
(vgl. Metaph. 997b 5-10). Sie argumentierten, wenn wir Anistoteies Glauben schenken dürfen, daß eine allg-emeine Definition sich nicht mit einem greifbaren Ding befassen könne,
well greifbare Dinge Veränderungen unterworfen sind und
daher Illicht aruf solche Weise erkannt werden können, wie eine
Defindtion ein Ding erkennbar macht. Was nun die Anzahl
der Dinge betrifft, denen Platon und seine Schule "Ideen" zusprachen, behauptet Aristoteles, daß sie gezWIUngen waren,
dies in .bezug auf "East alles allgemein Gesagte" zu tun.
So ist es niemand geringeres als Aristoteles, der die Ansicht
vertritt, daß in Platons Philosophie definierbare Dinge meistens
nicht dde gewöhnlichen Dinge sind, sondern etwas anderes,
nämlich "Ideen". Es sbimmt auch, daß Platon kein Wort geschrieben hat, um eine solche Annahme auszuschließen.
Andererseits ist es leicht, an Platon Kritik zu üben dafür, daß
er unnötig "AJlgemeinheiten getrennt" - oder "Begriffe hypostasiert" - habe, und Aristoteles selber hat dies so wirksam
getan, daß sein-e Darstellung der Ideen-Theorie, insbesondere
der Bericht über deren Ursprung, nicht sehr über.zeugend
klingt.
Nun aber haben wir vor nicht langer Zeit eine ganz andere
Version gehört. Mittels "Ideen" zu denken, so hat man uns
gesagt (und viele glauben es noch heute), sei primitiver und
dem griechischen Geist gemäßer, als skh um "Begriffe" zu
kümmern, und die Entwicklung der Philosophie Platons sei
kein.sinnwidtli.ger Übergang von bereits festgelegten rationalen
"Begriffen" zu irrationalen "Ideen", sondern im Gegenteil ein
40
rationalisierendes Fortschreiten von "Ideen" zu "Begriffen".
Oder, mit den Worten von Julius Stenzeis Buch über di-e Dialektik Platons: Platon "ringt, - nicht um die Idee, di-e dst seinem Geiste gemäß -, osondern er ringt um den IUI\S so viel einfacher erscheinenden Begriff"12.
Ich mußte diese moderne Da11stellung der Entwicklung von
Platons Philosophie erwähnen, weil si:e neu tist; aber wir können sie von nun an außer Betracht lassen, weil sie runvereinbar
mit unleugbaren Tatsachen ist. Wir wissen heute mit Sicherheit,
daß es Platons Dialog Phaidon war, in welchem die Theorie
von den Ideen der LeseMchaft zum ersten Male dargeboten
wurde; und es ist niemals ein Geheimnis gew.esen, daß de:r Dialog Menon früher geschrieben worden wa·r, da Phaidon ein
unbestritten unverfälschtes Zitat aus bestimmten Abschnitten
des Menon enthält. Von allen Schriften Platons ist es vor aUem
der Menon, wo die "sokratische" Frage "Was ist dieses oder
jenes?" am klarsten als eine Forderung nach einer normalenallgemeinen Definition erklärt wird, wohingegen .andernorts bei
Platon di,e gleiche Frage· möglicherweise nicht auf einen gewöhnlichen Begriff, sondern aJUf eine transzendente platonische
Idee hin:zlielt. Aber die chronologische Beziehung zwischen
Menon und Phaidon erlaubt keinen Zweifel daran, daß Platon
wußte, wie eine normale Definition zu finden sei, oder, in anderen Worten, daß er von dem Begviff wußte:, noch ehe irgendeine Erwähnung von 11 Ideen" im besonderen platonischen Sinn
erfolgt war-worauf, nebenbei bemerkt, dae gri-echischen Worte
eidos und idea sich am Anfang nicht bezogen, sogar dort nicht,
wo Platon sie im Zusammenhang mit der Frage "Was ist das?"
verwendet hat.
Ohne ins einzelne zu gehen darf man behaupten, daß sämtliche
Beispiele von Definitionen und Versuchen zu Definitionen im
Menon in keiner W.eise von der aristotelischen und traditionellen Logik abweichen. Nichts !im Menon deutet darauf hin, daß
der Gegenstand von Fragen wie: Was ist eine Biene? Was ist
Farbe? Was ist Tugend? ein geheimnisvolles Etwas sein könnte,
das getrennt und verschieden von den vielen gewöhnlichen,
12 Julius Stenze!, Studien zur Entwicklung der Platonischen Dialektik vo11 Sokrates zu Aristoteles. 3. Aufl. 1961, 5. 28.
41
Bienen, Fa·rben, Tugenden usw. genannten Dillgen wäre. Es
g!ibt im Menon keine die Definitionen und dhre Gegenstände
betreffenden Postulate, die Aristoteles oder wir selbst nicht
ohne zu zögern annehmen könnten; im Gegenteil, es :ist offensichtlich, daß die Vorstellungen des Aristotei.es IUI1d unsere
eigenen von einer methodischen Definition m beträchtlichem
Ausmaß mittel- oder unmittelbar vom Menon und den anderen
eng verwandten Dialogen, wie Lachesund Charmides, hergeleitet sind.
Andererseits kann kein Zweifel darüber ·bestehen, daß Platon
den Phaidon m der Oberzeugung schrieb, daß -er eindrucksvolle Beweise für bestimmte "Ideen" besaß, die den vielen
Dingen gegenüber, von denen die Namen der Ideen alUsgesagt
werden können, e:ine Sonderstellung einnehmen. So ISehen wir
uns noch immer dem alten Problem gegenüber: warum eine
Lehre von den "Ideen", da doch die Lehre von den Begriffsdefinitionen, die später Tradition wuroe, bereits angebahnt
war?
Platons Ideentheorie hat ihre politischen, moralischen, pädagogischen, mathematischen, physischen, metaphysischen und religiösen Aspekte; jeder von ihnen !Spricht verschiedene Leser
Platons besonders an, und daher smd sie alle immer wieder
Gegenstand von Auseinandersetzungen. Aber es gibt auch
einen logischen Aspekt der "Ideen", zumindest gab es ihn, als
Platon ·erstmalig seine neue Theorie von der Erkenntnis aufstellte. Später wurde dieser ursprüngliche Aspekt von Platon
selber völlig verdunkelt, und daher ist das logische Geheimnis, das der Theol'ie von den ".Ideen" zugrunde lag, seit der
Zeit von Aristoteles' Kritik zumeist übersehen worden.
Die Grundthese der Theorie von den Ideen besteht dn der Behauptung, daß eine einzelne Idee als solche etwas Gesondertes
und Verschiedenes von den vielen Dingen dst, die in der gewöhnJichen Erfahrung vorkommen und in der Umgangssprache
den Namen der Idee als passendes Prädikat annehmen können. Dieser Gegensatz der einen "Idee" zu den vielen Dingen
des täglichen Lebens wird gewöhnlich durch die Bezeichnung
"an cSich" und Wendungen, wie "an s·ich, das was es ist", "an
sich, durch sich selber" ausgedrückt; und, wie nur allzuwohl
bekannt ist, war es gerade diese Annahme, daß eine "Idee"
42
ein eigenes Selbst besäße, die von Aristoteles nicht nur als unvorstellbar, sondern auch als völlig überflüssig zum Zweck des
Denkens und Argumentierens über die Dinge der wirklichen
Welt und des wirklichen Lebens verworfen wurde. Ein Absatz
aus der Metaphysik des Aristoteles wird genügen, um den allgemeinen Tenor seiner Angriffe zu beleuchten: "Während schon
die Theorie von den Ideen vielerlei Schwierigkeiten bi-etet, ist
das Allerparadoxeste die Feststellung, daß es bestimmte Dinge
neben denen in der gegenständlichen Welt gibt, und daß diese
Dinge die gleichen sind wie greifbare Dinge, nur daß sie ewig
sind, und letztere vergänglich. Denn sie sagen, es gibt einen
Mann an sich und ein Pferd an ·sich und Gesundheit an sich,
ohne weitere Eigenschaftsbezeichnungen, ein Verfahren ähnlich dem der Menschen, welche sagten, es gibt Götter, aber in
menschlicher Gestalt. Denn sie ~ben damit dem Menschen nur
Ewigkeitscharakter, ebenso wie die Platoniker die Ideen nur
als ewige greifbare Dinge betrachteten" (Metaph. 997b sff.).
Aber dank der heutigen Forschu:ngsarbeit über die Chronologie der Schriften Platons wissen wir jetzt, daß Platons Ideenlehre ursprünglich keine Beziehung zu solchen "greifbaren Dmgen", wie Mensch und Pferd, hatte - platonische Beispiele
wären etwa Mensch, Stier, Feuer, Wasser (Parm. 130c, Phileb.
15a) Finger (Pol. 523c), Eisen, Silber (Phaidr. 263a) -, sondern
daß .die zuerst in Betracht gezogenen Ideen moralische Prädikate waren, wie 11 gerecht", "gut", 11fronun", 11 schön", weh im
ästhetischen Sinn, sowie mathematilsche Prädikate, wie 11 gleich",
"größer", 11 kleiner", 11 eins", 11 ZWei". In der Rede werden diese
zwei Gruppen von Ideen zunächst durch Eigenschaftsworte
ausgedrückt, deren normale Funktion es ist, die Dinge der alltäglichen Er.l.iahrung 2l1l beschreiben, nicht sie unmi.ttelbar 2l1l
bezeichnen. In solchen Fällen hat das terminologische "An
sich" eine leichtverständliche und ganz natürliche Bedeutungi
dde 11 ldeen" werden aufgefaßt als mögliche Prädikate, und das
11 An sich" stellt sie jenen Ding-en gegenüber, von den·en sie
ausgesagt werden könnten. Wenn wir gefragt werden Was
ist das Fromme?", dann wäre die Schilderung ·einer oder zweier
bestimmter Handlungen, die als fromm gelten, keine befriedigende Antwort, weil die F11age das Prädikat fromm an sich
betraf, und nicht eines !Seiner zahlreichen wirklichen Beispiele
11
43
(Euthyphron 6d); da<S "Gleiche an sich" steht im Gegensatz
zu gleichen Steinen oder gleichen Holzstücken (Phaidon 74a};
und das "Schöne an sich" wird als offensichtlich verschieden von
den vielen schönen Menschen oder Pferden oder Gewändern
angesehen (Phaidon 78d).
Es ist eine Folge der Beweisgründe im Phaidon, daß das terminologische "An sich", das eine platonische "Idee" kennzeichnet, schließlich etwas bezeichnete, das ·in vielen Dingen der
greifbaren Welt überlegen und nur dem Geist wahrnehmbar
war; der neuen Erkenntnistheorie zugrunde liegt jedoch der
schlichte logische Anspruch, daß wir berechtigt sind, nach Definitionen des "Gerechten an sich" oder des "Gleichen. an sich"
als im Gegensatz zu den vielen möglichen Subjekten. solcher
Prädikate zu fragen.
Die logische Situation, in der solches Fragen berechtigt ist, wird
klar dargestellt am Anfang des kurzen Dialogs Euthyphron,
in dem Sokrates, der Gottlosigkeit angeklagt und vorgeblich
mit seiner Verteiddgung beschäftigt, einen Theologen fragt, was
das Fromme und da~s Gottlose sei. Das Fromme und das Gottlose, so argumentiert ·er, müssen in allen einzelnen Fällen
frommen oder gottlosen Handeins mit sich selber in Übereinstimmung stehen. Was er also zu erf.iahren wünscht, ist nicht
·eine Beschreibung von. ein oder zwei der vielen Fälle frommen
Handelns, wie der Theologe seine Frage offenbar verstanden
hat; worüber er vielmehr belehrt werden will, das wäre das
Wesensmerkmal selber, das alle frommen Handlungen zu solchen macht; "Und dann", so erklärt er, "werde ich ein Leitbild
haben, auf das ich blicken und nach dem ich Handlungen beurteilen kann, seien es die deinen oder die von wem auch :immer, .und dann werde ich imstande sein zu s·agen, diese und
jene Handlung sei fromm, jene andere gottlos." Das Begehren
des Sokrates ist ganz natürlich nnd logisch g.erechtferti.gt. Dennoch verlangt er nicht nach einem "Allgemeinen" oder einem
"Begriff", wie sie gewöhnlich verstanden werden. Es wird angenommen, daß die Definition eines gewöhnlichen Allgemeinen durch das Vergleichen von gegebenen Einzelfällen gefunden wird und nicht, indem man sie zu gewinnen sucht als
Maßstab für zweifelhafte Fälle; zu Anfang jedoch wurde einer
"Idee" zu gerade diesem Zwecke nachgespü-rt.
44
Dieser echt logische Unterschied zwischen den ursprünglichen
"Ideen" und gewöhnlichen Begriffen ist die Grundlage der
ganzen Lehre; soviel IUlld nicht mehr wird im Phaidon gleich
zu Beginn der Erörterung von "Ideen" als gegeben vorausgesetzt (s. Phaidon 65d und 74a). Die weitere Entwicklung, wie
sie mit der Beweisführung im Phaidon selber ihren Anfang
nimmt, war meiner Meinung nach ausgesprochen unlogisch,
namentlich, da später P1aton anfing, "Ideen" (anstelle von oder
als Zusatz zu "Begriffen") von körperlichen Dingen aufzustellen, von Dingen, welche entweder Kunstgegenstände, wi.e
Weberschiffchen, Bett, Stuhl (dies nicht ganz im Ernst und nur
beiläufig) oder (dies dn vollem Ernst) Naturdinge waren, wie
Mensch, Stier, Wasser, Feuer. An di.esem Punkt geschah es,
daß die Theorie sich in die allergrößten logischen Schwierigkeiten verwickelte und sich den wohlbekannten heftigen Angriffen aussetzte.
Diesem Gedankengang liegt nämlich d:ie einfache logische Tatsache zugrunde, daß ursprünglich ·eine "Idee" l1lUl" einer "Was
ist das"-Frage entsprach, der es um gewisse Prädikate zu tun
war, keineswegs aber einer "Was ist das"-Frage, die ein körperliches Ding im engeren Sinn des Wortes "Ding" betraf.
DJese Tatsache wird von den Auslegern der Gedanken Platons
meistens übersehen oder falsch gedeutet. Von diesem Standpunkt aus werden wir viele der traditionellen und der neueren
Erklärungen (und übersetzungen) zu überprüfen haben. Zum
Abschluß meiner Bemerkungen über Begr.iffe und Ideen muß
ich doch noch eine Tatsache envähnen: selbst nachdem Platon
den Bereich seiner Ideentheorie enveitert hatte, behielt er Begriffe als Ergänzung von Ideen weiterhin im Sinn, und gerade
damals arbeitete er eine neue Methode zur Aufspürung von
Begriffsdefinitionen durch "Teilung" aus, eine Methode, der
Aristoteles und die traditionelle Logik gleicherweise zu Dank
verpflichtet sind. Denn es war Platon, nicht Aristoteles, welcher die Grundlagen der meisten Dinge legte, die die traditionelle Logik in die Rubriken ,,Definition" .und "Klassifikation" einordnet. Aber dJe logischen Bedingungen, unter denen
in Platons Spätphilosophie Begriffe und Ideen nebeneinander
standen, sind so kompliziert, .daß bis jetzt niemand imstande
45
gewesen ist, sie ro beschreiben. Die Abhängigkeit der Begriffslogik Platons von seiner Ideentheorie wird gewöhnlich überbetont; meiner Meinung nach war sogar weniger echte Abhängigkeit vorhanden, als Platon •selbst glaubte.
Nun ein paar Worte über 11Kategorien"l Platons Unvermögen,
säuberlich zwischen Prädikaten wie gerecht, schön, gleich und
Dingen im engeren Sinne zu unterscheiden, als er seine Ideentheorie über deren ursprünglichen Bereich hinaus erweiterte,
ist nur ein Beispiel unter anderen von einem noch sehr unvollkommenen Bewußtsein der vJ.elfältigen und komplizierten Art
und Weise, in der die Wörter einer Sprache, entweder inneroder außerhalb von Sätzen, den Dingen verbunden sind und
über sie ausgesagt werden. Den Vorrat an grammatikalischen,
logischen, psychologischen und ontologischen Beobachtungen,
deren Kenntnis heute sogar beim Anfänger vorausg.es·etzt wird,
gab es noch ·nicht oder nur iin einem sehr beschränkten Ausmaß; und meist war in der Philosophie der ersten Hälfte des
4. Jahrhunderbs v. Chr. Verwirrung das Ergebnis von eher zu
wenigen als zu vielen Unterscheidungen. Von diesem Gesichtspunkt aus war die Unterscheidung des Aristoteles zwismen
ganzen zehn Gruppen oder Formen von Aussagen sicherlich
ein Schritt vorwärts in der Entwicklung von Logik und Philosophie.
Wie wir ·aus der Topik erfahren, war es die ursprüngliche
Funktion des Verzeichnisses verschiedener "Kategorien", vor
Trugschlüssen und Irrtümern zu schützen, die aus ähnlichen
sprachlichen Formen verschiedener Aussagen entstehen konnten. Zum Beispiel wird 11sich gruter Gesundheit erfreuen" im
Griechischen durch ein V.erb in der aktiven Form ausgedrückt
(hygiainein), ·ebenso 11 ein Haus bauen (oikodomein); aber nur
das letztere bedeutet eine Handlung des Subjekts, über das ausgesagt wird, während Aristoteles zufolge (166b 16) ersteres
trotz der verbalen Form keine Handlung bedeutet, sondern
einen Zustand oder eine Eigenschaft seines Subjekts. Im Fall
der Sätze: 11Kallias ist ~ein) 13 Mensch", 11Kallias ist weiß",
11 Kallias ist sechs Fuß groß" zeigtdas erste Prädikat "ist Mensch"
was Kailias im eigentlichsten Sinne ist, und das schließt ein,
13 Im Griechischen haben die Sätze genau die gleiche äußere Form,
weil es im Griechischen keinen unbestimmten Artikel gibt.
46
daß er ein Einzelding oder eine "Substanz" ist (wie man es
heute meist nennt). Die zweite Aussage "ist weiß" bezeichnet
eine Qualität, nicht eine Substanz. Das dritte "sechs Fuß groß"
bezeichnet eine Quantität, weder eine Qualität noch eine Sub-·
stanz. Substanz, Quantität, Qualität sind die ersten drei Glieder auf dem Verzeichnis der zehn "Kategorien"; die anderen
Glieder zeigen ihre jeweiligen Subjekte unter den folgenden
sieben Aspekten: "in Beziehung zu etwas", ,;irgendwo",
"irgendwann", "in einer Lage", "habend", "tuend", "leidend".
Die einschlägigen Abschnitte der Topik in Verbindung mit
einigen Abschnitten in anderen aristotelischen Schriften lassen
keinen Zweifel darüber, daß dieses Verzeichnis durch ein unterscheidendes Vergleichen von Sätzen mit dem vertrautesten
und zugleich vielseitigsten möglichen Subjekt, einem menschlichen Wesen, zustandegekommen istH.
In dieser frühen Form ist die Lehre leicht zu verstehen, und
Experimente, welche die zehn Unterscheidungsmerkmale Hefern, sind leicht ZJU vollziehen. Die von Aristoteles erzielten
Ergebnisse mö~en hinsichtlich einiger Einzelglieder und der
Vollständigkeit der Aufzählung ungewdß .sein, a:ber gegen das
zugrundeliegende Prinzip, durch welches ontologische Unterschiede zwischen sprachlich ähn1ichen Aussagen nachdrücklich
hervorgehoben werden, ist kaum etwas einZJU.wenden. Es gibt
nur eine Komplikation, und Aristoteles war sich ihrer völlig
bewußt, ohne s·ich f11eilich von ihr stören zu lassen. Wenn der
experimentelle Satzgegenstand kein unabhängiges Einzelding
oder Einzelwesen ist, dann wird ein Prädikat, das aussagt, was
14 Von den 21 Beispielen verschiedener "Kategorien", welche das
Buch über die Kategorien bringt, wären nur 5 (Pferd, doppelt, halb,
gestern, voriges Jahr) in einem Satz mit einem Menschen (oder
Kind) als Subjekt unstatthaft. Kateg. lb, 27: "Um flüchtig zu umreißen, was ich meine: Beispiele von Substanz sind ,Mensch' oder
,das Pferd', von Quantität Bezeichnungen wie ,zwei cubits lang'
oder ,drei cubits lang', von Qualität Attribute wie ,weiß', ,grammatikalisch'. ,Doppelt', ,halb', ,größer' fallen unter die Kategorie Beziehung; ,auf dem Marktplatz', ,im Lyzeum' unter die Kategorie
Ort; ,gestern', ,voriges Jahr' unter die Kategorie Zeit. ,Liegend',
,sitzend' sind Lagebezeichnungen; ,beschuht', ,bewaffnet' sind Zustandsbezeichnungen; ,aufschneiden', ,ausbrennen' bezeichnen eine
Handlung; ,aufgeschnitten werden', ,ausgebrannt werden' gehören
in die Kategorie Leiden."
47
er ist (Wesenheit) natürlich nicht die "erste Kategorie" (Substanz) in sich schließen, sondern eine der anderen Kategorien 15•
Ich habe diese Einzelheit erwähnt, weil des Aristoteles Bemerkungen über diese scheinbare Inkonsequenz außerordentlich
lehrreich sind und besser <a1s irgendetwas sonst die schmale
Basis der Lehre von den Kategorien aufzeigen: Aussagen
über ein Einzelding, vorzugsweise ein menschliches Wesen.
Ebenso wie Platons Ideen sind die Kategorien des Anstoteies
in der Regel nicht in der Form bekannt, in der ihr Entdecker
sie aufgestellt hatte, sondern !in einer Funktion, die zu ihrer
ursprünglichen Beschaffenheit beinahe .in Widerspruch steht.
In Lehrbüchern der Logik werden die aristotelischen Kategorien meist nicht ,afs ein notwendiger und zeitgemäßer Versuch
ausgelegt 16, die mitunter irreführende Gleichförmigkeit der
grammatikalischen Aussage zu gewissen dialektischen und philosophischen Zweck-en zu differenzieren; sondern sie, sind häJU15 Topik 103b 27: "Es ist auch auf den ersten Blick klar, daß derjenige, welcher das Wesen eines Dinges bezeichnet"- "WesenN ist
im Griechischen "das Was-ist-es", aber "das Was-ist-es" kann auch
das Äquivalent von "Substanz" sein, das hängt ganz vom Zusammenhang ab - "manchmal eine Substanz bezeichnet, manchmal eine
Qualität, manchmal irgendeinen der anderen Typen von Prädikaten.
Denn wenn ein Mensch vor ihn hingestellt wird, und er sagt, das,
was da hingestellt wird, ist ,ein Mensch' oder ,ein Lebewesen', dann
stellt er sein Wesen fest und bezeichnet eine Substanz; aber wenn
ihm weiße Farbe vorgelegt wird, und er sagt, das, was ihm da vorgelegt wird, ist ,weiß' oder ,eine Farbe', so stellt er ihr Wesen fest
und bezeichnet eine Qualität. Ebenso, wenn ihm ein Längenmaß
von einem cubit vorgelegt wird, und er sagt, das, was ihm da vorgelegt wird, ist ein Längenmaß von einem cubit, so beschreibt er
sein Wesen und bezeichnet eine Quantität. Ebenso in den anderen
Fällen ... ", Vgl. Metaph. 1030a 22: "Das ,was' gehört in vollem
Sinne zu Substanz, aber in einem begrenzten Sinne zu den anderen
Kategorien. Denn sogar von einer Qualität könnten wir fragen, was
sie ist, so daß eine Qualität auch ein ,was' ist, - nicht im vollen
Sinne jedoch, sondern eben nur wie im Falle von dem, was nicht ist,
manche sagen, indem sie die sprachliche Ausdrucksform betonen,
daß das, was nicht ist, ist - nicht einfach ist, sondern nicht-seiend
ist."
16 Siehe jedoch die interessante Anmerkung, die in der achten Auflage von Mills System of Logic, Buch I, Kap. III, § 1, angefügt ist,
die in gewisser Weise das ganze Problem und seine Lösung enthält.
48
fig in einem fast entgegengesetzten Sinne verstanden woroen,
nämlich als eine willkürliche und oberflächliche übersieht über
Gruppen oder aUgemcine Rubriken, auf die Aristoteles- mit
den Worten der Logique de Port Royal (Teil I Kap. III) "alle Gegenstände unseres Denkens" "zurückführen wollte" a voulu reduire - oder, wie Mill es ausdrückt, "worauf, dieser
Schule der Philosophie z;ufolge, Dinge im allgemeinen zurückgeführt werden könnten"17. Und auch in diesem Falle trägt
der Entdecker selber die Verantwortung für das Aufgeben
seines ursprünglichen Standpunktes. Denn es läßt <Sich nicht
leugnen, daß in verschiedenen Schriften des Aristoteles eine
mehr oder minder vollständige Aufzählung der "Kategorien"
als ein brauchbares gedrängtes Verzeichnis der Hauptaspekte
der Wirklichkeit benutzt wird, und daß, wenn so verwendet,
das Verzeidmi.s der Kategorien eines vernünftigen Grundgedankens ermangelt und ernsthaften Einwänden ausgesetzt ist;
und die Logiker haben nicht verfehlt, dies mit unverhohlener
Verachtung hervorzuheben 18. Dies zumindest wird durch die
bloße Masse der philosophischen IUild phüologischen Literatur
für und wider die aristoteLischen Kategorien bewiesen, daß. die
l<iategorien in ihr-er späteren Anwendung durch Aristoteles auf
"Dinge im allgemeinen" sich schwer rechtfettigen lassen. Wir
dürfen wohl fragen, warum.
Diese Frage führt uns zurück zu der kleinen Abhandlung
"Kategorien", die jetzt zeitlich unter den Schriften des Aristo17 System of Logic, Buch I, Kap. 111, § 1.
18 Ein Beispiel (Mill, ebd.): "Die Unvollkommenheiten dieser Klassifizierung sind zu offenkundig, als daß sie eine sorgfältige Untersuchung erforderten, und ihre Verdienste sind nicht ausreichend,
um eine solche zu belohnen. Sie ist ein bloßes Verzeichnis von
durch die Umgangssprache grob gekennzeichneten Unterscheidungen, mit geringem oder gar keinem Bemühen, durch philosophische
Analyse in das Rationale auch nur dieser ganz gewöhnlichen Unterscheidungen einzudringen. Eine solche, wenn auch oberflächlich
durchgeführte Analyse würde gezeigt haben, daß die Aufzählung
sowohl weitschweifig wie lückenhaft ist. Manche Gegenstände fehlen, andere werden mehrmals unter verschiedenen Rubriken aufgeführt. Es ist, als wolle man Lebewesen in Menschen, Vierfüßler,
Pferde, Esel und Ponies aufteilen ... ".
49
teles an erster Stelle steht 19. Sie enthält, auf der Grundlage
einer kurzen, aber sehr aufschlußreichen Einführung (Kap.
1-3), die man .eher logisch als ontologisch nennen könnte, eine
genaue Beschreibung d'er ersten vier Kategorien (Substanz,
Quantität, Beziehung und Qualität), in denen ein ontologischer
G~sichtspunkt zu überwiegen scheint. Die hier dargelegte Lehre
ist weit •entfernt von den geschmeidigen Feinheiten der vollentwickelten Metaphysik des A11istoteles, aber sie weist einige
auffallende Üb.ei:einstimmungen auf mit Feststellungen, di.e· ansonsten der Topik eigentümlich sind; und die Schlußfolgerung,
daß die Abhandlung Kategorien ein verhältnismäßig frühes
Werk von Aristoteles selbst war, ist ziemlich gesichert.
Jedenfalls kann gesagt werden, sogar ohne Bezug auf dieFrage
nach Verfasserschaft .und Chronologie, daß nirgendwo sonst
in den Schriften des Aristoteles die Quelle der Schwierigkeiten,
die der später~n Form der Lehre innewohnen, so durchsichtig
ist wie hier. Das Buch erläutert seinen Gegenstand auf folgen.d.e
Weise. Von der Annahme ausgehend, daß es "Dinge gibt, die
ausgesagt werden", teilt es sie in zwei Gruppen.ein (1a 16-19):
"manche werden ausgesagt" in Satzgefügen, z. B. "(ein) Mann
läuft", "(ein) Mann gewinnt", andere "werden ausgesagt"
ohne Satzgefüge, z. B. "Mann", "Ochse", "läuft", "gewinnt".
Nun bedeutet je.cles dieser letzteren Dinge - die auße11halb
eines Satzgefüges "ausgesagt werden" und demzufolge weder
wahr noch falsch sind - eine der zehn Kategorien (Substanz
oder Qualität oder Quantität usw.). Auf den ersten Blick hat
es den Anschein, .als wolle der Verfasser die Bedeutungen
aller unverbundenen Wörter klassifizieren und als sei die Erwähnung von Sätzen lediglich Ergänzung. Tatsächlich aber
werden dem Leser nur die zehn Gruppen von Satzaussagen
vorgeführt, und die Erwähnung von Sätzen (die vor den "Dingen, die ohne Satzgefüge aus·gesagt werden", erfolgt) hat in
Wirklichkeit den Zweck, die Aufmerksamkeit des Lesers aus19 Wir haben es ausschließlich mit ihrem Hauptteil zu tun (Kap.
I-IX), einer sorgfältig geplanten, aber nie vollendeten Abhandlung; der zweite Teil ist von einem Bearbeiter hinzugefügt worden,
der den unvollendeten Zustand des Original-Manuskriptes über die
Kategorien in eigenen Worten am Schluß von Kap. IX verrät (llb
8-14; siehe den griechischen Text).
50
schließlich auf solche "ausgesagte Dinge" zu lenken, die Bestandteile von Sätzen wie "(ein) Mann läuft" und "(ein) Mann
gewinnt" sein können. So besteht tatsächlich keine Ausweitung der Lehre über ihren ursprünglichsten begrenzten Sachgegenstand hinaus; der einzige wirkliche Unte~schied besteht
darin, daß Dinge wie "Mann" und: "Ochse" jetzt als Satzsubjekte v.erstanden werden können, während ·in der ursprünglichen Form der Lehre die Bedeutung der ersten Kategorie von
dem Sinn abgeleitet wird, den Aussagen wie ,,ist (ein) Mann"
und 11ist (ein) Pferd" offenbaren, sobald sie Aus.sagen wie "ist
weiß" und "ist sechs Fuß groß" gegenübergestellt oder mit
ihnen verglichen werden.
.
Dennoch kann die historische Bedeutung dieser scheinbar geringfügigen Veränderung m der Darbietung der Kategorienlehre kaum überschätzt werden. Denn zum mindesten wird
mit Sicherheit die Illusion geschaffen, daß die zehn Gruppen
von Kategorien von Anfang an da21u bestimmt gewesen
wären, und ohne Bedenken oder weitere UnterSIIlchung daru
verwendet werden könnten, den Gesamtbereich der möglichen
B.:e_cl.e~1Jung v_on einzel11e!l Wörtern zu erfassen; und dies ist
etwas, das im Altertum, ohne modernen TranszendentalisliiiUs
und ohne moderne PISychologie, niemand auf dieDauer von dem
Bereich der "Dmge im allgemei!len" . llllterschieden halten
ko~te~_ Wegen der fast ausschließlichen Vorherrschaft ckr
Abhandlung Kategorien in der Entwicklung der traditionellen
Logik ist es nicht nöHg, daß wir die Abschnitie, so wie sie sich
darbieten, dn den unzweifelhaft aristotelischen Schriften, wo die
Kategorienlehre in einem umfassenderen Smne als dem ursprünglichen verwendet wird, einer Betrachtung unterziehen;
aber das völlige Fehlen einer neuen Erörterung des Prinzips
der Aufzählung zeigt deutlich, gaß Arist~teles :selber da~_~rste
Opfer_ei_!!et:_ S(Jlc~l!Jllusion gewesen ist.
W. D. Ross legt den Fall der Kategorien wde folgt dar: "Es
hat viel Streit gegeben über die Bedeutung der Lehre, weitgehend auf G~nd der Tatsache, daß wir sie nirgeruls bei Aristoteles im Werden sehen." 20 Und: "Diese Kategorien - einige
oder alle- er.scheinen in fast jedem der Werke des Aristoteles,
20
Aristotle, 5. 22.
51
und überall wird die Lehre als etwas hereits Feststehendes behandelt." 21 Letztere Feststellung stimmt, und doch ist erstere
unrichtig. Obwohl überall, sogar in der unzweifelhaft frühen
Topik, die "Lehre als etwas bereits Feststehendes behandelt
wird", sehen wir sie doch im Werden, weil in .der Topik die
Lehre in einer einfacheren Fonn und mit ciner natürlicheren
Funktion als irgendwo sonst erscheint. Manche Auseinandersetzung könnte sich erubrig.en, wenn Historiker22 und Kritiker der Kategorienlehre von deren frühester Fassung ausgehen würden.
Ebd., S. 21 f.
F. A. Trendelenburg hat eine Geschichte der Kategorienlehre
(HistorisChe Beiträge zur Philosophie, 1, Berlin 1846) geschrieben,
in der die historische Aufgabe auf meisterliche Weise formuliert
wird. Aber obwohl über die Hälfte des Buches sich mit Aristoteles
beschäftigt, ist das Ergebnis dieser Behandlung der Kategorien viel
verwirrender als die einzelnen aristotelischen Texte, ganz einfach
deshalb, weil der Verfasser in seinem Umgang mit den Schriften
des Aristoteles einer ausschließlich synoptischen Methode folgte.
21
22
52
lli.
KAPITEL
Urteile, Subjekt und Prädikat
Wir wollen nun versuchen, jene Teile der antiken Logik einer
Betrachtung zu unterziehen, die zu Grundlagen der traditio~
nellen Logik geworden sind :und durch die traditionelle Logik
für andere moderne Schulen der Logik entweder zu Thesen,
auf .die sie sich berufen, oder zur Zielscheibe von Angriffen.
Um unsere Zielrichtung nicht zu verlieren, .ist es wieder nötig,
mit einigen Zitaten aus neueren Büchern den Anfang .zu
machen; dabei braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß dies
nicht als eine erschöpfende Übersicht über mögliche Meinun~
gen oder tatsächlich vertretene Meinungen gedacht ist. Für
meine Absicht genügen ein paar Beispiele, wie die traditionelle
Logik in ihrem zweiten Teil die Fragen behandelt, mit denen
sie sich befaßt.
Der erstmalig im Jahre 1662 erschienenenLogique dePortRoyal
zufolge besteht die Logik oder Kunst des Denkens in den
Überlegungen, welche die Menschen über die vier Haupttätigkeiten des Geistes angestellt haben: vorstellen, urteilen, schließen, ordnen (concevoir, j:uger, raisonner, ordonner). Der Gegenstand des zweiten 'felles der Logik wird definiert wie folgt:
"Urteilen !ist jene Tätigkeit des Geistes, durch die er, verschiedene Ideen verknüpfend, die eine Zlur anderen bejahend oder
verneinend in Beziehung setzt; so etwa wenn er - gegeben
die Ideen von Erde und Rundheit- .bejaht oder verneint, daß
die Erde rund ist." 1 Lassen Sie mich, um einen vollständigel'en Eindruck zu vermitteln, die Definition des Gegenstandes
vom dritten Teil der Logik hillZIUfii!gen: Schließen heißt, der
Logique de Port Royal zufolge, "jene Tätigkeit d~s Geistes,
dul'ch die er ein Urteil aus einer Mehrzahl von anderen Urteilen bildet, so etwa, wenn w.ir geurteilt haben, daß wahre
Tugend sich auf Gott bez,iehen muß, daß die Tugend der Heiden sich nicht auf ihn bezogen hat, und daraus schließen, daß
die Tugend der Heiden keine wahre Tugend war" 2.
t A.a.O. (in der übersetzung von Baynes), Einleitung.
2 Ebd.
53
Nun werde ich ein konservatives amerikanisches Lehrbuch der
Logik zitieren, demzufolge "das Urteil den zweiten Teil der
Logik bildet" 3 ; infolgedessen befaßt sich der ganze zweite Teil
des Buches mit dem, was "Urteil" genannt wird. Zu Beginn
des dritten "Teiles der Logik" jedoch erfahren wir von einer
Namensänderung: "Wenn wir den Syllogismus in seine Bestandteile zerlegen, beobachten wir das vertraute Vorhandensein von Begriffen und Urteilen; nur neigen sie hier da~u, viel
von ihrer Unabhängdgkeit einzubüßen und zu Teilen eines logischen Mechanismus ru werden. Die Begriffe werden zu Termini, die Urteile zu Prämissen und Schluß." 4 Was den Ausdruck "Proposition" betrifft, so enthält der Index des Buches
einen Hinweis: "Propositionen (siehe U~teil)". Die Begriffe betreffend erfahren wir ebenfalls zu Beginn des zwei-ten Teiles,
daß Begriffe, die dm ersten Teil ihre Eigengesetzlichkeit be·
saßen, zu "Te.rmini" werden, sobald die Logik des Urteilens
in Gang kommt. Diese Art und Weise, mit dem Unterschied
zwischen Begriffen und Urteilen einerseits und Termini und
Propositionen anderel'lseits umzugehen, ist nicht so sehr eine
Erklärung, als eine Beschreibung dessen, was nun einmal die
Gewohnheit der Logiker ist.
In einem anderen der neueren Lehnbücher5 finde ich ein Kapitel, in dem das Urreil als die einfachste funktionelle Gedankeneinheit beschrieben wird, welche rin andersgeartete Einheiten
zerlegt werden kann, in strukturelle Einheiten, die 1im. Falle von
Urteilen oder Propositionen Termini lllnd Beziehungen wären.
über die Frage, ob die f.unktionellen Gedankeneinheiten Urteile
oder aber Propositionen genannt werden sollen, bemerkt der
Verfasser: "Wird ein Urreil in Worten ausgedrückt, so wird es
zu einer Pmposition, und Propositionen können, wie mre subjektiven Korrelate, auch funktionelle Gedankeneinheiten genannt werden. Urteile können ·eine persönliche Angelegenheit
sein, Propositionen jedoch, als geschriebene oder gesprochene
Urteile, werden Eigentum der Öffentlichkeit; und aus diesem
Grunde wollen wir lieber über Propositionen als über Urteile
sprechen."6 Ich glaube, die Unterscheidung, daß Urteile eine
5
Logic, S. 71.
4 Ebd. S. 131.
Reiser, Humanistic Logic for the Mind in Action.
6
Ebd. S. 129.
3 Shaw,
54
Privatangelegenheit sein können, während Propositionen dazu
bestimmt sind, anderen Zlllr StelLungnahme vorgelegt zu werden (vgl. oben S. 20), ist wesentlich; aber ein wesentlicher
Unterschied der Bedeutung sollte nicht in eine verschiedene Art
und Weise, von nahezu dem gleichen Gegenstand zu sprechen,
umgefälscht werden.
]. N. Keynes behandelt das Dilemma: "Sollen wir von Urteil
oder von Proposition sprechen?" weniger schablonenhaft und
weniger modernistisch?, Ich möchte aJUs seinen "Gründen und
Gegengründen" folgendes zitieren: "Einerseits wird gesagt,
daß die Verwendung des Wortes Proposition leicht dazu führen
kann, den Satz als ein grammatü.k.alisches Wortgefüge zu verwechseln mit ,Behauptung', wie sie aufgestellt und vom Verstand bestätigt wird; und es wird geltend gemacht, daß bei der
Behandlung von Propositionen der Logiker dazu neigt, zu
einem bloßen Grammatiker zu werden.
Andererseits ... wird geltend gemacht, daß, wenn wir Wlsere
Aufmerksamkeit auf Urteile richten, ohne deutlich ihren sprachlichen Ausdruck eiMubeziehen, .unsere Behandlung dazu neigt,
allzu psychologisch zu werden" 8 •
Wenn wir schließlich das Kapitel"Was ist eine Proposition?"
in Cohen und Nagels Lehrbuch zu Rate ziehen, so finden wi-r,
daß die moderne Logik, um nicht mit Grammatik und Psychologie verwechselt zu werden, die ältere Definition einer Proposition ("ein in Worte .gefaßtes Urteil") .aufgegeben ·und eine
völlig andere eingeführt hat. "Propositionen werden oft verwechselt mit den ·geistigen Vorgängen, die erforderlich sind,
um sie hervorzubringen. Diese Verwirrung wird dadurch genährt, ·daß man Propositionen ,Urteile' nennt, denn dieses
Wort ist doppeldeutig: manchmal bezeichnet es den geistigen
Vorgang des Urteilens, und manchmal bezieht es sich auf das,
was beurteilt wird. Aber, ebenso wie wir die Proposition (als
die objektive Bedeutung) von dem Satz, der sie aus·sagt, unterschieden haben, ebenso müssen wir sie unterscheiden von dem
geistü.gen Vorgang oder dem Urteil, von dem sie hervorgebracht
wird" 9 (vgl. Mills Gesichtspunkt wie oben S. 34 zitiert).
7
8
9
Studies and Exercises in Formal Logic, 5. 66.
Ebd. S. 67.
An Introduction to Logic and Scientific Method, S. 28.
55
Offensichtlich wäre es jetzt erforderlich, in diesem Zusammenhang die verschiedenen Ansprüche von mindestens drei verschiedenen modernen Wissenschaften, Logik, Grammatik .und
Psychologie, zu erörtern. Aber, da dies nicht ·in unserer Absicht
liegt, wollen wir lieber umkehren und zusehen, unter welchen
Bedingungen P.hüosophen des Altertums zuerst die Frage nach
den Urteüen (oder Propositionen) aufwarfen.
In den Abhandlungen des Aristoteles über die Syllog~~smen,
der Topik und den Analytiken, werden Propositionen und
Syllogismen meistens nicht als spontan im Geiste eines einsamen
Denkers entstanden angesehen, sondern fast ausschließlich in
der Form, wie sie im Geiste anderer durch das gesprochene Wort
hervorgerufen werden. So scheint dn diesen Büchem kaum
Gelegenheit für eine ausdrückliche Unterscheidung zwischen
Urteilen als geistigen Vorgängen und Propositionen gewesen
zu sein; s.ich.er ist, daß eine solche Untersch.eidung dort nicht
zu finden dst. Erst im letzten Kapitel der Analytica posteriora
liegen die Dinge anders. Hier wird gefragt, wie wir zu jenen
Grundprämissen gelangen, mit denen nach Ari.stoteles die Wissenschaft beginnen muß. Da sie unbeweisbar sind, muß der
syllogistische Gesichtspunkt aufgegeben werden; und ohne
das geringste Zögern bietet Aristoteles eine psychologische Erklärung des Vorgangs, wobei er sich völlig bewußt ;ist, daß er
psychologische Tatsachen feststellt. Denn inmitten seiner Versuch·e, die Dinge so klar darzulegen, wie die außerordentliche Schwiertgkeit des Falles es erlatUbt, sagt er unumwunden: "Und die Seele ist so beschaffen, daß slie zu diesem Vorgang befähigt ist" (lOOa 13). Dieser Abschnitt ist einer der
ganz wenigen, in denen Aristoteles die Logik auf die Psychologie zu gründen scheint. Dieser Gedanke hat ihn nicht erschüttert, wie es einem modernen Logiker ergangen wäre, aber bei
seiner Art und Weise, mit der Logik umzugehen, ergibt sich
111Ur selten eine Gelegenheit, die Logik mit psychologischen Erwägungen zu durchsetzen. Wir werden bald eine andere oder
vielleicht die Ausnahme von der Regel zu betrachten haben.
Im •allgemeinen ist die Syllogistik des Aristoteles, d. h. seine
Logik, soweit sie sich mit Syllogismen und den Bestandteüen
von Syllogismen befaßt, in sich selber folgerichtig. Nicht nur
die Behandlung der Termini, sondern auch die der Propositio-56
nen ist der Lehre von den Syllogismen völlig untel'geordnet
und von ihr abhängdg. Wenn wiT gehofft hatten, daß mit Aristoteles die Logik verhältnismäßig einfach und leicht verständlich würde, werden wir nichtsdestoweniger in diesem Falle enttäuscht .sein. Denn neben der syllogistischen Behandlung der
PToposibionen in der Topik und in den Analytiken gibt es das
Büchlein De interpretatione, da:s auf andere Weise von den
Sätzen handelt; und wenn wir uns das vergegenwärtigen, scheinen nicht wenige der Schwierigkeiten, die in den verschiedenen
Anschauungen späterer Logiker auftauchen, vorweggenommen
zu sein. Es stimmt, daß teilweise der Inhalt dieses Buches sich
nicht wesentlich von der Behandlung der Propositionen in den
Analytiken unterscheidet und durchaus als eine Art Anhang
zu jener Untersuchung verstanden werden kann. Aber es bleibt
ein Restbestand, der sich nicht auf diese Weise erklären läßt
und gewiß eine getrennte Behandlung rechtfertigt, denn er
wäre wirklich unvereinbar mit der sowohl in der Topik wie in
den Analytiken angewandten Methode.
Der Titel De interpretatione bedeutet "Über den Ausdruck von
Gedanken in der Rede"; aber er ist zu allgemein für den Inhalt des Buches und daher irreführend. Wahrscheinlich ist dieser Titel die Erfindung einer späteren Zeit. Wie in anderen
aristotelischen Schriften jedoch enthalten die ersten Zeilen des
Textes in einfacher Form eine zutreffende Beschreibung dessen,
was wir zu erwarten haben. "Zuerst müssen wir", sagt der
Verfasser, "die Ausdrücke ,Nomen' und ,Verbum' definieren,
dann d~e Ausdrücke ,Verneinung' und ,Bejahung', dann ,Proposition' 10 und ,Satz'."
Von diesen sechs Themen des Buches gehören drei, nämlich
·verneinung, Bejahung und Proposition offensichtlich auch zu
dem Sachgegenstand der Syllogistik, während unseren Vorstellungen entsprechend die anderen drei, Nomen, Verb und Satz,
eher in das Gebiet der grammatikalischen Wissenschaft gehören. Nachdem Aristoteles seine Erklärungen und Definitionen
von Nomen, Verbum und Satz im allgemeinen gegeben hat,
10 Der moderne Sprachgebrauch gestattet die Verwendung von
"Proposition", aber es sollte angemerkt werden, daß die griechische
Entsprechung hier nicht protasis ist, wie in der Topik (s. o. S. 20),
sondern apophansis ("Aussage" oder "Feststellung").
57
fährt er in der Tat fort wie folgt (17a 1): "Jeder Satz hat eine
Bedeutung ... Dennoch ist nicht jeder Satz eine Propositioni
nur solche Sätze sind Propositionen, denen entweder Wahres
oder Falsches innewohnt. So ist ein Gebet ein Satz, aber weder
wahr noch falsch. Deshalb wollen wi'l' alle anderen Satztypen
ausschalten, mit Ausnahme der Proposition, denn nur sie betrifft unsere gegenwärtige Untersuchung, während die Erforschung der anderen eher zum Studium der Rhetorik ode'l' der
Poetik geh()rt." Wir sehen, Ar.istoi'eles tut bereits genau das
gleiche wie die anderen Logiker: nachdem sie Sä.tze im allgemeinen erwähnt haben, ,beschränken sie das Anliegen der Logik
auf Sätze, die entweder wahr ode'l' falsch .sein können, und
überlassen es anderen Wissenschaften, die anderen Arten von
Sätzen zu erfo.rschen 11,
Zum Vergleich lassen Sie mich einen modernen Logiker zitieren: "Schluß und Beweisführung werden gewöhnlich durch
Sätze vermittelt. Abe'l' nicht jeder Satz ist ein Aussagesatz im
Sinne der Logik. Grammatiker zählen verschiedene Typen von
Sätzen auf: Aussage-, Ausruf- und Fragesätze, Wunsch-, Befehls- und Ermahnungssätze. Abe'l' Sätze, die einen Wunsch
ausdrücken, die eine Frage stellen, die ausrufen oder anspornen, gehören nicht unmittelbar zu den Beweisführungen und
sind darum vom Standpunkt der Logik aus von zweitrangiger
Bedeutung. Wir sehen daher, daß nur Sätze, die wahr oder
falsch sind, Gegenstand der Logik sind." 12 Es ist e'l'freulich,
die moderne Logik in so völliger Übe'l'einstimmung mit Aristoteles zu sehen, und ich glillUbe, die Freude wird nur noch vertieft werden, wenn wir auf einen geringfügigen Unterschied
hinweisen, daß nämlich Aristoteles nicht daran .gedacht haben
könnte, aus der Logik Sätze zu verbannen, die eine Frage stelleni denn dies wird vollständig erklärt durch den Zusammenhang der Aristotelischen Logik mit den Fragen und Antworten
11 Da zur Zeit des Aristote!es Grammatik im modernen Sinne noch
nicht bestand, sagt er Rhetorik "oder" Poetik; obwohl seine eigenen
Arbeiten über diese Themen zeigen, daß auch diese Studienzweige
kaum in der Lage waren, mit streng grammatischen Beobachtungen
umzugehen. Siehe Poetik, Kap. 20f.; Rhetorik, III, Kap. 5.
12 Reiser, Humanistic Logic for the Mind in Action, 5. 132.
58
sokratischer Dialoge. So scheinen wir also wenigstens hier
festen Boden unter den Füßen zu haben.
Dennoch beginnen gerade hier die Schwierigkeiten. Denn wenn
es auch nur allzu klar ist, daß die naive Sichei'heit der späteren
Logik dm Unterscheiden zwischen den Anliegen der Logik und
denen der Grammatik lediglich traditionsbedingt ist, liegt bei
Aristoteles der Fall nicht ganz so einfach. Es ist klar, daß er
einen bestimmten Standpunkt .innegehabt haben muß, wenn
er einerseits sein De interpretatione auf grammatikalische Definitionen gründete und es ande!'erseits ablehnte, mehr als
einen sehr kleinen Teil des Sachgebiets der Grammatik in Betracht 2lU ziehen. Nun war aber di.eser Gesichtspunkt nicht der
seiner Abhandlungen über den Syllogismus, denn in diesen
besteht überhaupt keine Verwendung für einen grammatikalischen Unt·erbau. Mit anderen Worten: während wir zugehen
müssen, daß wir es in De interpretatione mit "Logik" zu tun
haben, scheint es sich um eine andere Art Logik zu handeln,
als jene, die. mit Sicherheit Aristoteles' eigene Entdeckung war,
nämlich die Logi·k der Syllogismen; De interpretatione wi.rd
tatsächlich in den syllogistischen Schriften des Amstoteles nicht
nur nicht erwähnt, sondern ZJum mindesten in einigen Teilen,
insbesondere im Anfang, scheint eine gewisse Unvergleichbarkeit des Inhalts zu bestehen. W ar.um finden wir hier dieses
(begrenzte) Interesse an grammatikalischen Tatsachen?
Nun zu den eigentlichen Schwierigkeiten! Zwischen der Ankündigung der sechs Definitionen 'lllld diesen Definitionen selber enthält Aristoteles' De interpretatione ein einführ.endes
Kapitel, in dem der Verfasser alles zu tun versucht, was wir
vernünftigerweise· von ihm erwarten dürfen: er trachtet danach,
so genau wie möglich den Ort zu bestimmen, wo in diesea:
Welt vernunftbegabter menschlicher Wesen der Gegenstand
der kleinen Abhandlung zu finden ist. Wenn man die Quelle
endlosen Zankes eine Grundlage nennen darf, so könnten wir
sagen, daß dieses Kapitel zur Grundlage eines großen Teiles
der logischen Literatur aller Zeiten geworden ist. Das Kapitel
wird ansdtlleßend zitiert, so daß man es lesen kann, ehe lieh
hervorhebe, was meiner Meinung nach anfechtbar ist.
"Das gesprochene Wort ist Symbol einer geistigen Erfahrung,
und das geschriebene Wort ist Symbol des gesprochenen Wor-
59
tes. Ebenso wie die Menschen nicht alle die gleiche Schrift
haben, so haben nicht alle Menschen die gleichen Sprechlaute,
aber die geistigen Erfa:hvungen, die von diesen unmittelbar
symbolisiert werden, sind die gleichen für alle, wie es auch
diejenigen Dinge sind, deren Abbilder unsere Erfahrungen
sind. Diese Frage ist jedoch in meiner Abhandlung über die
Seele erörtert worden, denn .sie gehört zu einer Untersuchung,
die sich von der uns hier vorliegenden unterscheidet. So wie es
im Geist Gedanken gibt, ·die nicht Wahres oder Falsches enthalten, und Gedanken, die entweder wahr oder falsch sein müssen, ebenso i:st es in der Rede der Fall. Denn Wahres und Falsches setzen Verbundenheit und GetrenntheU voraus. Hauptwörter und Zeitwörter gleichen, vorausgesetzt, daß nichts hinzugefügt wird, Gedanken ohne Verbundenheit oder Getrenntheit; ,Mann' und ,weiß' als Einzelwörter sind noch nicht entweder wahr oder falsch. Betrachten wir als Beweis das Wort
,Bockhirsch'. Es hat eine Bedeutung, aber es ist nichts Wahres oder Falsches daran, außer man setzt ,ist' oder 1ist nicht'
hinru, entweder in der Gegenwart oder in irgendeiner anderen
Zeitforrn."
Nehmen wir zuerst das, was verhältnismäßig leicht zu formulieren ist. A·ristoteles unterscheidet deutlich zwischen dem Gegenstand der Psychologie und dem Gegenstand seiner vorliegenden Untersuchung, die wir nur eine logische nennen können. Die Abbilder wirklicher Dinge, die in der Seele verwirklicht werden, .sind Gegenstände psychologischer Erforschung,
während es in De interpretatione um die Wörter undSätzeder
Sprache geht, insofern sie Symbole dieser Abbilder und durch
sie der Dinge sind. Aber Aristoteles tut Illi.cht, was die meisten
modernen Logiker ihn gerne tun .sehen würden. Er sagt nicht,
daß der Gegenstand der Logik von dem der Psychologie unabhängig sei. Im Gegenteil, nach ihm sind Wörter und Sätze nur
Symbole dessen, was in der Seele vor sich geht, und insbesondere ist er der Auffassung, der Unterschied zwischen Sätzen
und einzelnen Wörtern sei nur als Analogie zu dem Unterschied
zwischen v.erschiedenen Arten von Gedanken zu verstehen.
Andererseits bez~eht sich Ari:stoteles' Behandlung von Wörtern und Sätzen in De interpretatione nicht mehr auf die Erkenntnis psychologischer Tatsachen und ist nicht mehr von ihr
60
abhängig. Kurzum, die Abhängigkeit des Gegenstandes der Logik
von dem Gegenstand der Psychologie wird al\lsdrücklich festgestellt, die logische Forschung jedoch wird, offensichtlich ohne
jegliches Zögem, für unabhängig gehalten.
Zweitens, zunächst haben wir es anscheinend mit ei·ner einfachen Reihe von vier Gliedern ru tun: geschriebene Wörter,
gesprochene Wörter, Abbilder von Dingen in der Seele, Dinge.
Geschriebene Wörter können wir außer acht lassen,dennAristoteles erwähnt sie nur, um den konventionellen Charakter solcher Symbole zu erläutern; dabei wird stillschweigend ange-nommen, daß auch gesprochene Wörter lediglichkonventionelle
Symbole seien, Wörter sind Symbole von "Vorgängen in der
Seele" 13, ·und diese s·ind Bilder von Dingen. Aber dann hören
w.ilr von dem Unterschied zwischen Gedanken, die weder Wahres noch Falsches enthalten, und Gedanken, die entweder wahr
oder falsch sein müss·en, und wir erfahren, daß der gleiche
Unterschied in der gesprochenen Rede besteht. Der Grund ist
angeblich, daß Wahres und Falsches mit Ve11bundenheit und
Getrenntheit ru tun haben, eine etwas vage Behauptung. Weiter erfahren wir, daß getrennte Worte an sich die Eigenschaft
haben, weder wahr noch falsch zu sein; Wtd es wird angenommen, daß Wortverbindungen die Eigenschaft haben können, entweder wahr oder falsch zu sein, und weiter, daß ein
ähnlicher struktureller Unterschied zwischen den zwei Gruppen
von Gedanken besteht. Wir wissen aus Abschnitten in aber
die Seele .und in der Metaphysik, daß Aristoteles dies tatsächlich im Sinne hat, aber in diesem Kapitel von De interpretatione
vermeidet er, es dieutlich und unumwunden auszusprechen.
Denn sein Ausdruck "Gedanken ohne VerbWtdenheit und Getrenntheit" hat eine völlig andere Bedeutung: natürlich sind
nicht Gedanken gemeint, die weder verbunden noch gebrennt
sind, sondern lediglich Gedanken, die weder mit Verbundenheit
noch mit Getrenntheit (nämlich von Dingen) etwas zu tun
haben. Was die Dinge selber betrifft, dürfen wir es als selbstverständlich ansehen, daß Aristoteles nicht die Absicht hatte
13 Oder "Leiden der Seele" im Griechischen des Aristoteles, "Mental Experiences" in der Oxford-übersetzung. Im Lateinischen wurden die Worte conceptio und conceptus in diesem Zusammenhang
verwendet, vgl. oben S. 38.
61
anzudeuten, daß Einzeldinge weder wahr noch falsch seien,
und daß Verbindungen von Dingen notwendig wahr oder
falsch seien, denn das wäre Unsinn. Was er meint, ist dies:
Wörter g.etr.ennt genommen, wie "Mann" an sich, oder "weiß"
an sich drücken nicht Wahres oder Falsches aus, währ.end Wortverbindungen so beschaf:6en sein können, daß sie dies notwendigerweise tun. Vielleicht darf ich, ohne auf weitere ·Einzelheiten einzugehen, hinzufügen, daß Aristoteles in anderen Schr.iften, in denen er sich klarer ausdrückt, offen erklärt, daß Wahrheit und Falschheit nicht in den Dingen selber vorkommen.
Aber wo immer er über dieses Thema spllicht, ist er schwer zu
verstehen, und selbst seine Sprache verliert .ihre gewohnte
Klarheit. Um dieses zweite Problem des einführenden Kapitels
von De interpretatione kurz zu formulieren: wenn wir die Analogie zwischen den beiden Gruppen von gesprochenen Wörtern
und den beiden Gruppen der ihnen entsprechenden Gedanken
ernst nehmen, dann wird die Beziehung zwischen Gedanken
und Dingen sehr viel komplizierter, als wir erwarteten; und
wenn wir Gedanken nichts anderes als Abbilder von Dingen
sein lassen, wie es zu Beginn des Kapitels zu verstehen gegeben wird, dann gähe es keine Analogie zwischen Gedanken
einerseits und dem Unterschied von Wörtern und deren Verbindungen zu Sätzen andererseits.
Wir sehen .uns zusätzlich zu ·dem Problem, mit dem wir begonnen haben, zwei weiteren Problemen gegenüber, So bedürfen
mindestens drei Dinge einer Erklärung: erstens die Tatsache
einer getrennten Behandlung von Urteilen (oder Propositionen)
durch Aristoteles, eine Behandlung, die in engerer Beziehung
zu grammatikalischer Beobachtung steht, als die Syllogistik des
Aristoteles je gestanden hat; zweitens setzt Aristoteles in gewisser Weise den pegenstand der Psychologie voraus, ohne
jedoch den Versuch zu machen, eine psycholog·ische Grundlage
für die Einzelheiten seiner logischen Untersuchung zu finden;
und drittens scheint er nicht einmal eine feste Auffassung des
psychologischen Korrelats zu seinem logischen Thema zu besitzen.
Wenn wir keine Belege über logische Forschungen hätten, die
älter sind als Ar.istoteles, so bestiinde, glaube ich, keine Aussicht, diese Schwierigkeiten zu lösen; Generationen auf Gene-
62
rationen von Lo~kern der Spätantike und des Mittelalters
haben vergeblich versucht, diese Züge aus De interpretatione
und deren Beziehung zu den Analytiken des Arl.stoteles vom
Standpunkt der Systematik aus zu verstehen. Dennoch sind
wir mit HUfe eines Teiles von Platons Dialog Sophistes Jmstande, die ganze Angelegenheit zu erklären und dadurch vielleicht den Weg sogar für moderne logische Studien frei ru
machen.
Platons frühe Dialoge sind Werke höchster schriftsteller.ischer
Kunst, und ihre verschiedenen Teile und das Ganze erklären
sich wechselseitig. Das gleiche kann nicht immer von Platons
späteren Schriften gesagt werden, zu denen der Sophistes gehört. Um jenen Teil des Sophistes auszulegen, der zur Grundlage der Logik von De interpretatione und jeder von ihr beeinflußten mittelalterlichen und modernen Logik geworden ist,
muß ich eine Geschichte ·erzählen, die wir zum Glück aus anderen Quellen kennen, nämlich aus Stellen in anderen platonischen Dialogen, ein paar Anspielungen des Ar.istoteles und
einigen anderen Stellen der alten Literatur.
Antisthenes war, wie Platon, ein Schüler des Sokrates, älter als
Platon, und in fast allem ein Gegner seiner Anschauung. Es
muß zwischen Antisthenes .und Platon eine starke Abneigung
bestanden haben; und durch heftige Angriffe sowohl persönlicher wie sachlicher Art gelang ·es Antisthenes, Platon dermaßen zu reizen, daß Platon sich gezwungen sah, ihm in gleicher Münze heimzuzahlen, wobei er schließlich sogar die Grobheiten des Antisthenes erwJderte. Antisthenes beanstandete
nicht nur sachlich den Inhalt der Lehren Platons, sondern er
mißbilligte auch- und dies ist es, was uns hier angeht- Platons Art und Weise, das, wofür ·er sich einsetzte, durch erfundene sokratische Dialoge zu verbreiten. Hier wenigstens sind
die Beweggründe des. Antisthenes uns ohne jede geistige Anstrengung uns-ererseits verständlich. Denn sogar heute noch
gewinnen manche Leute den Eindruck, daß die von dem platonischen Sokrates ausgeÜbte dialektische Kunst die Dinge eher
verwirrte und kompldzierte, als daß sie auf einfachem Wege zu
nützlicher Erkenntnis führte. Nun war letzteres, nämlich junge
Leute auf einfiachem Wege zu nützlicher Erkenntnis 7JU führen,
gerade das, was Antisthenes zufolge der historische Sokrates
63
getan hatte. Daher muß jeder, der aus einem platonischen
Dialog einen anderen Eindruck ·gewonnen hat, den Beweggründen des Antisthenes in seinenAngriffen gegen den platonischen
Typus der Dialektik von Herzen zustimmen. Besteht diese nicht
darin, Menschen zu fragen: "was ist di!eses oder jenes?" in
solcher Art, daß es keine vernünftige Antwort gibt, .und li:hnen
unerwartete Schlüsse aufzuzwingen, indem man ihren harmlosen Glauben an das alternative "Ja" oder "Nein" auf unfa:ixe
Weise ausnutzt? Geleitet von solchen Beweggründen erfand
Antisbhenes eine logische Theorie, die den dialektischen Anmaßungen Platons ein Ende machen sollte. Die Grundlage dieser Theorie ist eine interessante logische Beobachtung, nämlich, daß ·Erkenntnis nicht in einzelnen Wörtern, sondern nur
durch eine Verbindung von Wörtern zu Sätzen oosgedrückt
werden kann. Mit einem einzelnen Wort kann man ·ein Di!ng
nur benennen, aber um zu sagen, was ist oder was war, muß
man einen Satz bUden. Nun ist •ein Satz seinem ureigenen
Wesen nach ·eine Verbmdung von Wörtern. In einer Verbindung von Wörtern kann man augenscheinlich seine Kenntnis
von einer Verbindn.m.g von Dingen ausdrücken, aber es ist
ebenso augenscheinlich, daß es ein Unsinn ist zu versuchen,
ein einziges Ding in einer Verbindung von Wörtern zu bezeichnen; und die anmaßende Behooptung, daß es möglich sei,
sogar noch weiterzugehen und e1n und dasselbe auf verschiedene Weise zu ·sagen, von denen die eine wahr und die andere
falsch, ist noch unsinniger. Ein einzelnes Ding kann nur benannt werden, eine Aussage darüber, wa:s es ist oder was es
nicht ist, kann nicht erfolgen, weil auszusagen eben darin besteht, daß man eine Wortverbmdung benutzt, eine Wortverbindung aber eben nicht auf einen einzelnen unver.bundenen
Gegenstand 21Utrifft.
Das klingt sehr einfiach. Und zumindest soviel ist klar: wir
brauchen dies bloß zu schlucken, um gegen das ganze platonische Getue über Definitionen und die Kunst des Fragens und
Antwortens im allgemeinen als einzigen Weg zur Erkenntnis
gefeit 2JU sein. Wo Platon vorgibt zu suchen und zu finden,
gibt es überhaupt keine Erkenntnis und keinen Weg zur Erkenntnis, nichts als Se1bstbet:Dug, wenn nicht Schlimmeres.
So muß der Angriff des Antisthenes auf Platons Dialektik
64
ausgesehen hahen. Wir wissen nicht genug über die Einzelheiten, um ga.nz .genau zu sein, und aus d-iesem Grunde würde
es uns auch schwerfallen, Antisthenes zu kritisieren. Aber das
ist auch gar nicht nötig, denn soweit es um traditionelle Logik
geht, hat Platon selber dieses Geschäft besorgt. Wenn Platons
Dialek.tik die Dinge komplizierter erscheinen ließ, als sie 'Sind
-wie viele glauben-, ging Antisthenes in ihrer Vereinfachung
sicher zu weit, und dadurch entstellt er schlichte und augenfällig logische Tatsachen. Platon mußte ihm auf der gleichen
Ebene begegnen; und so ist es sicherlich zum mindesten das
Verdienst des Antisthenes, Platon gezwungen zu haben, weniJgstens einmal ein Kapitel ganz einfacher Logik zu schreiben.
W.ir müssen sehen, wie es beschaffen ist.
Gesprächspartner m dies·en Abschnitten von Platons Dialog
Sophistes, die ich nun zitieren will, sind ein junger Athener,
Theaitetos, der die Rolle eines wißbegierigen Studenten spielt,
und ein auswärtiger Philosoph, der einfach die Rolle des erfahrenen Lehrers spielt, der den Anfänger freundlich anleitet.
"Laßt uns nun untersuchen", sagt der Lehrer (Soph. 25la),
"wie wir dazu kommen, viele Namen für dasselbe Ding zu
brauchen. - Gib ein Beispiel. - Ich meine, daß wir von einem
Menschen zum Beispiel unter vielen Namen sprechen, daß wir
ihm Farben und Formen und Größe und Tugenden und Laster
zuerkennen, und in all diesen Fällen und in zehntausend anderen nicht nur als Mensch, sondern auch als gut und mit unzähligen anderen Eigenschaften begabt von ihm sprechen;
ebenso beschreiben w~r jedwedes andere, von dem wir ursprünglich annahmen, es sei eines, als vieles und unter vielen
Namen." 14 - Das sbimmt. - Und so liefern wir ein gefundenes
Fressen für Anfänger, junge oder alte, denn nichts ist leichter,
14 Ein und dasselbe Satz-Subjekt kann viele verschiedene SatzPrädikate haben. Hier haben wir den Ursprung nicht nur der Vorstellung, sondern auch des Ausdrucks "Subjekt", wie eine wörtlichere Übersetzung zeigen wird. "Ebenso mit den anderen Dingen:
wir legen je ein Ding als eines zugrunde, und dann sprechen wir
davon als von vielen, und unter vielen Namen". Was "untergelegt"
wurde als eines, ist in Aristoteles' Sprachgebrauch das hypokeimenon geworden, das darunterliegende Ding, in der lateinischen Übersetzung subiectum (darunter geworfen).
65
als zu argumentier.en, daß das eine nicht viele oder die vielen
eines sein können; und groß ist ihr Entzücken zu leugnen,
daß ein Mensch gut dst; denn ein Mensch, so beton.en sie, i:st ein
Mensch, rund gut ist gut. Vermutlich bist du Leuten begegnet,
die sich für solche Sachen interessieren - manchmal sind das
ältere Männer, deren magerer Verstand durch ·diese ihre Entdeckungen, die sie für den Gipfelpunkt der Weisheit halten,
ganz außer sich gerät" 15.
Platon unternimmt zunächst eine ontologische Untersuchung
und überlegt, ob die Behauptung von den u.n,bed.ingt einzelnen,
getrennten und unverbundenen Dmgem. aufrecht ·erhalten werden kann. Das Ergebnis ist, daß die verschiedenartigen Gegebenheiten "sich miteinander mischen können" (259a). Danach
(260aff.) kommt Platon zu einem rein logischen Aspekt des
Problems; in Platons FormuHenung lautet die Frag;e nun: "ob
Nicht-sein vereinbar ist mit Meinung und Sprache". Um diese
Formulierung ZlU verstehen, müssen wir wissen, daß in den
vorhergehenden ontologischen Kapiteln "Nicht-sein" festgesetzt worden war als vereinbar mit anderen, d. h., daß das
Nicht-.s·ein kein unbedingtes Nichts, sondern lediglich einen
Unterschied bedeutet (A ist nicht B). Aber nun wird um des
Übergangswillen Nicht-sein im Sinne von etwas Falschem gebraucht und in Frage gestellt, ob von einem Ding in einem
Satz ausgesagt (oder im Geist geglaubt) werden kann, es sei,
was es nicht .ist, d. h., ob und wie ein Satz, der ein Ding betrifft, falsch sein kann. Uns fällt es schwer, das Problem überhaupt zu s'Elhen, nicht nur schwer, die Lösung zu verstehen.
Aber das P.roblem wurde durch Antisthenes so gestellt, daß
15 Wörtlich: "die ob ihrer Annut an geistigen Gütern ... ". Die
"Armut an geistigen Gütern" ist ein Hieb auf Antisthenes. Dieser
verachtete den Reichtum und lobte die Armut, aber natürlich nicht
die geistige Armut. - Nebenbei gesagt, der Nachdruck, mit dem
Antisthenes betonte, daß der Mensch (einzig und allein) Mensch
ist, und gut = gut ist, bezog sich auf Versuche, "Mensch" und
"gut" zu definieren. Wir wissen aus einem anderen Text (Aristoteles, Metaph. 1043b 26), daß er einen Satz mit einem Ding als Subjekt und einer Eigenschaft als Prädikat als einen Vergleich auffaßte, mit einem guten Gefühl für die Etymologie des griechischen
Pronomens hoios, das, ausgehend von seiner Verwendung in Vergleichen, zur Qualitätsbezeichnung wurde.
66
Platon gezwungen war, es ernst zu nehmen. Er sah sich m
einer höchst ungewöhnlichen logischen Situation, .in die vielleicht kein Logiker nach ihm geraten konnte. Die Behauptung
des Antisthenes, daß Erkenntnis nicht in einzelnen Wörtern,
sondern nur in Sätzen ausgedrückt werden kann, und daß
andererseits Sätze Wortverbindungen sind, ist unleugbar richtig. Dann nahm Antisthenes an, daß eine Verhindung von
Wörtern nur eine Verhindung von Dingen, nicht ein einzelnes
Ding betreffen kann, und die verhängnisvollen Folgen waren,
daß es hinsichtlich eines Einzeldinges weder Definition noch
Erkenntnis noch Wahrheit .im Gegensatz zu Falschheit geben
kann. Wie dem begegnen? Seit Anstoteies pflegen Logiker
und Grammatiker anzunehmen, daß es einfache Aussagen gibt,
und sie als Wortverbindungen zu definieren, in denen ·etwas
über etwas ausgesagt wird, dias Prädikat uher das Subjekt,
und daß ,sie entweder wahr oder falsch sein müssen. Aber dies
in Platons Fall zu tun, würde offene petitio principii bedeutet
haben, denn es war die These des Antisthenes, daß solche
Aussagen unmöglich seien, weil Feststellungen Illicht über ein
einzelnes Ding gemacht werden könnten, sondern nur über
alles, was in einem Satz benannt 1st.
Wie konnte bew.ies·en werden, daß Antisthenes 1\lnrecht hatte?
Platon fand eine einfache Methode: er ließ den Lehrer ein
kleines Experiment vollziehen. Die einzig notwendige Voraussetzung ist, daß die Sprache zwei verschiedene Arten von Wörtern besitzt, Hauptwörter und Zeitwörter, und dies kann nicht
geleugnet werden. Nun schlägt der Lehrer eine Verbindung
von Zeitwörtern vor (262b): "geht, läuft, schläft ...". Nichts
passiert; es wird keine Rede, und .es wird kein Satz daraus 16.
Dann eine Verbindung von Hauptwörtern: "Löwe, Hirsch,
Pferd ...". Wieder passiert nichts, und er stellt fest (262c):
16 Im Griechischen sind "Rede" (oder "Gespräch", "Sprache") und
"Satz" ein und dasselbe Wort: logos. Dies macht die unten zitierten Abschnitte aus Jowetts Übertragung fast unübersetzbar. Im
Englischen (wie im Deutschen) müssen von Fall zu Fall andere Ausdrücke benutzt werden, aber dann verdunkelt sich das logische Ergebnis. Für unsere Zwecke habe ich Kursivschrift verwendet überall da, wo im griechischen Text logos steht, oder das entsprechende
Zeitwort legein = "sprechen".
67
"auch auf diese Art und Weise, Wörter aneinanderzureihen,
erreicht man nicht eine Rede; durch das Gesagte lass-en sich
Tätigkeit oder Untätigkeit, oder das Vorhandensein von Sein
oder Nichtsein nicht ausdrücken, dazu müssen erst Zeitwörter
mit Hauptwörtern zusammengebracht werden; dann passen
die Worte, und ihre kleinste Verbindung bildet Sprache und
ist die einf,achste und geringste Form von Rede." Theaitetos
versteht noch nicht; der Lehrer muß erklären: "Wenn jemand
sagt ,ein Mensch lernt', würde man das nicht die einfachste
und geringste Art von Sätzen nennen?- Ja.- Ja, denn er ist
nun soweit, daß er eine Mitteilung macht über etwas, das ist
oder das wird oder geworden ist oder sein wird. Und er benennt nicht nur, sondern er tut etwas, indem er Zeitwörter
mit Hauptwörtern verbindet; und deshalb sagen wir, daß er
redet, und dieser Verbindung von Wörtern geben wir den
Namen Rede."
Danach beginnt der Lehrer zu analysieren, was sie durch das
Experiment gewonnen haben, und durch abermaliges Experimentieren finden sie das Subjekt und das Prädikat, sowie die
Möglichkeit eines falschen Prädikats. Auch das neue Experiment ist einfach; der Lehrer bildet einen Satz über ein wohlbekanntes Subjekt, nämlich über seinen Gesprächspartnell'
(262e): "Ich werde dir einen Satz sagen, in dem mit Hilfe
eines Hauptworts und eines ZeLtworts ein Ding und eine
Tätigkeit miteinander verbunden werden; und du sollst mir
sagen, von wem der Satz spricht. - Das will ich nach besten
Kräften tun.- ,Theaitetos sitzt'- kein sehr langer Satz17.Nicht sehr.- Von wem spricht der Satz ... ?"
17 Der "lange Satz" oder vielmehr die "lange Rede" ist eine boshafte Erwiderung auf ein von Antisthenes gebrauchtes Wortspiel.
"Lange Rede" ist im Griechischen sprichwörtlich fiir "zu viele
(leere) Worte", Wir wissen zufällig, daß Antisthenes eine Definition witzigerweise als "lange Rede" bezeichnete (Aristoteles Metaph.
1043b 26), weil sie versucht, mittels eines Wortschwalls (logos)
etwas zu beschreiben, dem, ihm zufolge, nur ein einziges Wort,
nämlich sein Name, zukommt. Eine Definition ist Rede (Iogos,
mehr als ein Wort), und infolgedessen eo ipso "lange Rede" (zu
viele Worte), Platon dagegen gründet seine Verteidigung auf die
Analyse eines Satzes der kürzesten Art - nicht einer sehr "langen
Rede".
68
So erfahren wir, was ein Subjekt ist1 8, :und der Lehrer kann
nun mit demselben Subjekt einen anderen Satz bilden. 11Theaitetos, mit dem ich eben spreche, fliegt." Und er kann fragen,
was von den beiden einander gegenübergestellten Sä~en jetzt
ausgesagt werden kann, und erhält die Antwort: "der eine
ist falsch und der andere ist wahr", und dann kann er noch
etwas weitergehen.
Alle diese wichtigen Dinge sind experimentell leicht zu be-weis·en, aber man braucht einen Partner, der .auf das Vorgetragene eingeht, denn es ist die geistige Erfahrung des Anderen, nicht bloße Beschreibung, welche die erforderliche Bestätigung der logischen Tatsachen liefert.
Was die geistige Erfahrung des einsamen Denkers betrifft, gibt
es natürlich keine solche Bestätigung, wie sie der Hörer eines
Satzes geben kann, man kann nichts weiter tun, als behaupten, daß die Erfahrung die gleiche sein muß. Aber dann nimmt
man an, daß Denken .als Gespräch mit sich selber verstanden
werden kann, anderenfalls kann die Analogie nicht klar gebildet werden.
Auf genau dieselbe Weise gelangt Platon von der Rede zur
Meinung bzw. zum Urteil (263e): 11 S.i.nd nicht Gedanke und
Rede das Gleiche mit der Ausnahme, daß das, was Gedanke genannt wird, das lautlose Gespräch der Seele mit sich selber
ist? - Ganz richtig. - Aber der Gedankenstrom, der über die
Lippen fließt und hörbar ist, wird Rede genannt? - Richtig. Und wir wissen, daß in der Rede ... - was besteht? - Bejahung. - Ja. - Wenn nun Bejahung oder Vemeiru.mg stillschweigend und nur im Geiste geschieht, kannst Du das dann
anders nennen als Meinung?- Es kann keinen anderen Namen
geben."
Das Ergebnis i:st, daß das, was wir über Wahrheit und Falschheit gesprochener Sätze festgestellt haben, ebenso von Meinungen und dergleichen, oder von UrteiLen, wenn wir diesen
Ich habe absichtlich jenen Teil derübersetzungvon Jowett übersprungen, in dem er den terminus technicus in die Worte des Dialogs einführt. Platon konnte den Ausdruck "Subjekt" natürlich
nicht voraussetzen, während er dabei war, den Begriff erst zu
schaffen; anstatt "Wer ist das Subjekt?" sagt er "Wessen Satz ist
es?" und anstatt "Ich bin das Subjekt" sagt er "Meiner''.
18
69
Ausdruck vorziehen, gesagt werden kann. In einigen wenigen
Worten-, die nicht so eindeutig sind wie die vorhergehenden
-, erwähnt Platon, daß Urteile auch aus Sinneswahrnehmungen, nicht nur aus dem Gespräch der Seele mit sich selber
(264alb) entstehen können. Aber das erklärt er nicht; und es
würde ihm genauso schwergefallen sein, wie es A.rristoteles
schwerfi.el, die Beziehung von Urteilen zu Sinneswahrnehmungen zu erklären, nachdem er Urteile als genau entsprechend
den Sätzen der Umgangssprache behandelt: hatte. Hier klafft
eine Lücke in Platons logischer Theorie vom Urteil, und Aristoteles ist es nicht gelungen, sie zu schließen: dies ·ist die Erklärung für das letzte und schwierigsre Problem, das auftwchte, als wk die Lehre von De interpretatione einer Betrachtung unterzogen (s. S. 61f.).
D1e ·anderen Schwierigkeiten in Arisl:oteles' Logik des Urteils
(s. S. 59 ff.) verschwinden jedoch vollkommen, wenn wir Platons
Sophistes zu Rate ziehen. Wenn wir fragen, erstens warum
Aristoteles eine getrennte Logik vom Urteil neben seine Syllogistik setzte, die offenkundig ohne s1e auskommen konnte, so
lautet die Antwort: weil Platon bereits eine aufgestellt hatte,
die bedeutend genug war und nicht übersehen werden konnte.
Und wenn wir firagen, warum diese Logik grammatische Tatsachen berücksichtigt, aber nur in sehr beschränktem Ausmaß,
so Lautet die Antwort: w.eil Platons Experiment gerade diese
grammatischen Tatsachen bd'auchte, nicht mehr und nicht weniger, und weil weder Aristoteles noch die traditionelle Logik je
auf den Gedanken kamen, Platons kleines Experiment durch
eine andere Grundlage zu ersetzen.
Wenn wk schließlich zweitens ·etwas wissen wollen über die
Beziehung dieser Logik des ~n einem Satz ausgedrückten Urteils zur P.sychologie, kann der Fall jetzt klar dargelegt werden. Platons Behandlung zufolge ist es augenfällig, daß die
wesentlichen Tatsachen nur mit Hilfe von gesprochenen Wörtern und Sätzen nachgeprüft werden können, und daß von den
Ergebnissen solcher Beobachtungen einfach angenommen wird,
daß ihre genaue Entsprechung im Denken liegt. Zugleich scheint
es nur natürlich, daß in der Wirklichkeit ·das Denken dem
Sprechen vorangeht. So betrachten wir Sätze und lassen die
Endergebnisse Tatsachen sein, welche der Psychologie des Den70
kens angehören. Aber eines sollten wir unter diesen Umständen
nicht tun, wir sollten ~icht vorgeben, die Eigentümlichkeiten
von Wörtern und Sätzen durch diejenigen der entsprechenden
Gedankeneinheiten erklären ZJU wollen. Platon tut ·das .in dem
rein logischen Kapitel des Sophistes natürlich nicht, aber Aristobeles war leider nicht so vorsichtig. Ich zitiere wieder aus
dem einführenden Absatz in De interpretatione: "So wie es
im Geist Gedanken gibt, die nicht Wahres oder Falsches enthalten und ebenso Gedanken, die entweder wahr oder falsch
soein müssen, ebenso ist es in der Rede. Denn Wahres und
Falsches setzen Verbundenheit und Getrenntheit vo11aus.
Hauptwörter .und Zeitwörter gleichen, vorausgesetzt, daß nichts
hinzugefügt wird, Gedanken ohne Verbundenheit oder Getrenntheit; "Mensch" und "w:eiß" als Einzelwörter !Sind noch
nicht entweder wahr oder falsch."
Er spricht, als hätten wir - von der Psychologie her - eine
klarere Vorstellung von dem Denken, das nach unserer Annahme den Wörtern und Sätzen zugrunde liegt und ihnen vorangeht, als von dem Un<bwschied zwischen gesprochenen Einzelwörtern :undgesprocherren.Sätzen an sich.Durchdieseleichte
Abweichung beraubt er seine kleine Abhandlung und mit .ihr
den zweiten Teil der traditionellen Logik ihrer legitimen und
pr-aktischen Grundlage, der Tatsachen der Rede, :und schafft
die theoretisch·e Illusion einer lediglich psycholo~schen
Grundlage.
71
IV.
KAPITEL
Syllogismen
Wir kehren nun zu den Syllogismen zurück, mit denen wir in
Kapitel I angefangen haben. Der Grund, warum ich mit ihnen
angefangen habe, war, daß die Topik des Ar.istoteles, nach sei,.
ner ausdrücklichen &klärung, die erste systemansehe Behandhmg auf ihrem Gebiet, erdacht und ausgearbeitet wurde als
eine Methode syllogistischer Übung. Mittlerweile haben wir
nach den griechischen Ursprüngen des .er.s·ten und zweiten
Teiles der traditionellen Logik gesucht, die jeweils die Logik
des Begriffs und die Logik der Urteile enthalten. In beiden
Fällen wurden dde Grundlagen hauptsächlich durch Platon gelegt, und ein Verständnis ihrer ursprünglichen Bedeutung beruht auf einer unvoreingenommenen Ausleg,ung weniger der
Schriften des Arl.stoteles a1s derjenigen Platons. Aber es besteht ein Unterschied in Platons Beiträgen zu der traditionellen Lehre von den Begriffen und Urteilen. Wir haben festgestellt, daß Platon, wenn er mit Begriffen umgeht, in Wirklichkeit mit Definitionen umgeht, und Definitionen können in
Auseinandersetzungen und Gesprächen verlangt werden, aber
sie sind keineswegs stets gegenwärtig, wo immer auch Menschen reden und denken. In Str.eitgesprächen erfordert der
V ersuch, zu einer Definition zu gelangen, eine vorhergegangene
logische SchuLung; und es ist Platons V·ielfältiges Vorgehen,
eine solche Schulung zu vermitteln oder über sie zu tsprechen,
den mannigf.ach·en Situationen in seinen Dialogen entsprechend, welches die Grundlage der traditionellen Lehren von
Deftnition und Klassifikation bildet. Man darf jedoch nicht
vergessen, daß eine Definition und natürlich ein als exaktes
Korrelat zu einer Definition verstandener Begriff zu einer gedanklichen Wi.rklichkeit erst dann wird, wenn man sie gesucht
und gefunden hat, wohingegen Begriffe, verschwommen als die
geistigen Äquivalente syllogis.tischer "Termini" aufgefaßt, als
unmittelbare Bestandteile des Denkens rund als der Rede vor72
angehend gelten. Platons 11 Begriff.slogik" ist logische Schulung
für eine Aufgabe, die bis zu seiner Zeit im alltäglichen Leben
überhaupt nicht vorkam; denn die Tatsache, daß sogar das
Alltagslehen für seine eigenen nichtphilosophischen Zwecke a,us
einer solchen Schulung Nutzen zu ziehen vermag, wurde erstmaLig .als Teil der ironischen Weisheit von Platons eigenem
Dialog Phaidros offenbar gemacht und bewiesen.
Platons "Urteilslogik" andererseits berücksichtigt nur die simpelsten Tatsachen der pr.i.mitiv;sten Satzform, die einfache Aussage in zwei Wörtern. DieseTatsachen sind vor dhm (und gegen
ihn) falsch dal'gestellt worden, und die Ergehnisse seiner theoretischen Reaktion sind die Vorstellungen von Subjekt und
Prädikat 'llil.d ein Nachweis ihrer Beziehung zueinander :in
einem Satz, der Anspruch dararuf .erhebt, wahr zu •Sein, aber
entweder falsch oder wahr sein kann. Kein grammatisches,
logisches oder psychologisches System ist seitdem imstande
gewesen, ohne sie ·aJUs:wkommen, oder, soviel ich weiß, Platons
experimentellen Nachweis ihrer Funktion zu ersetzen.
Die Logique de Port-Royal von 1662, eine der Hauptquellen
der modernen Typen der traditionellen Lo~k, erklärt in einer
freimütigen Aussage über ihren eigenen Inhalt, daß die Logik
oder die Kunst des Denkens in den Überlegungen besteht, die
Menschen über die Haupttätigkeiten des Geistes angestellt
haben. Aber es bedeutet offenkundig ·einen großen Unterschied,
ob Ul'sprüngüch die Menschen dies•e Überlegungen, welche jetzt
als die Bestandteile der traditionellen Logik gelten, mit dem
Ziel anstellten, den Geist für neue philosophische oder wissenschaftüche Aufgaben 2JU schulen, oder .in der Absicht, gewöhnliche lo~che Tatsachen richtig zu formulieren. Natürüch kann
man das eine zu dem anderen in Beziehung setzen, und in
einem um.l.iassenden logischen System muß das wohl auch geschehen; auf keinen FaH aber sollten die zwei verschi-edenen
Gesichtspunkte miteinander verwechselt werden. Wenn wir
nun zu den gr1echischen Grundlagen des dritten Teiles der
traditionellen Logik kommen, möchte ich mit <Üeser Unterscheidung beginnen; ihre Bedeutung scheint mir durch .unsere
vorangegangene Untersuchung vollauf erwiesen zu sein.
Wenn wir also fragen, zu welchem der beiden Typen logischer
Forschung die Topik des Arilstoteles gehört, finden wir, daß
73
4ie Frage aufwerfen sie auch beantworten heißt. Denn nach
.Aristoteles' eigener Ankündigung am Anfiang und s·einer Zusammenfassung am Ende des gesamten Werkes hatte diese
·erste systematische logische Abhandlung es sich zum Zi-ele gesetzt, eine Methode für das neuerfundene Bdldun~sinstrument
der syllogistischen Schulung zu finden. In diesem Zusammenhang ist die berühmte Definition des Syllogismus keineswegs
ein Hinweis auf einen bestimmten logtsehen oder psychologischen sachLichen Gegenstand, sondern die Formulierung einer
bestimmten, in der dialektischen Praxils vorkommenden Auf;gabe, Wir werden nicht wieder tauf das hitstorisehe Problem des
Ursprungs dieser Art von Logik eingehen; wir können als g.e:geben hinnehmen, daß er sich aus dem Wendepunkt in der
Geschichte der Philosophie, der durch Sokrates' Art des Philo.sophier.ens vemrsacht wurde, vollständig erklären läßt. Über-spr.ingen dürfen wir sodann die Betrachtung jener Stellen bei
.Platon, die als Belege für das Vorhandensein jener besonderen
Art von logischen übungen in Platons Schule dienen, welche
·die Topik des Aristoteles voraussetzt. Ich habe auch keine Zeit,
in ~e Einzelheiten des Inhalts der Topik um ·ihrer selbst willen
;einzugehen; ich werde sie nur ins·ofem erwähnen, als sie die
Erklärung .der unvergleichlich wichtigeren Logik der Analytiken
lördern können.
Eine Ausnahme jedoch muß ich machen, Der letzte Teil der
'Topik, so wie dieses Werk m unseren Handschriften erhalten
blieb, ist einem besonderen Thema gewidmet und war aller
Wah11scheinlichkeit nach zue11st als eine unabhängige Untersuchung gedacht; sie wurde jedoch später von Aristoteles .selber
·dem Haupttell der Topik angehängt. Die chronologische Verbindung zwischen diesen zwei ungleichen Teilen des vollstän.digen Werkes ist ein ziemlich kompliziertes Problem, dessen
Lösung aber für uns nicht von großer Wichtigkeit ~st; was
wichtig ist, steht p11aktisch fest, nämlich, daß auch dieser letzte,
:unter dem besonderen Titel "Sophistische Widerlegungen" ,bekannte Tell der Topik geschrieben wurde, bevor Aristoteles die
:syllogistische Lehre der Analytiken entdeckt hatte. Mi-t anderen
Teilen des Organon von Ar1stoteles verglichen, .insbesondere
mit anderen Teilen der Topik, erfreut sich das kleine Werk
·über sophistische Trugschlüsse in der neueren logtsehen Litera74
tur eines recht guten Rufes. Die an ihm geübten Beanstandungen sind meist ziemlich zahm, ein gewLsser praktilscher Wert
wird ihm freigebig .ruerkannt, und die Lehrbücher der Logik
haben die Gewohnheit beibehalten, mindestens ein Kapitel
über Trugschlüsse zu bringen. Obwohl wir sogar in diesem
Falle unsere Zeit nicht an die Einzelheiten 'lUld Spitzfindigkeiten der Behandlung durch Aristoteles wenden können, mü&Sen
wir die Frage wiederholen, die wir am Anfang im Hinblick auf
den Hauptteil der Topik \Stellten: woh!er nahm Aristoteles den
Gegenstand seiner Sophistischen Widerlegungen? Zwar erwähnt er gelegentlich den Wert dieses Teiles seiner Syllogistik
für ernsthafteiS phüosophisches Denken, aber der unmittelbare
GegeMtand .seiner Unte11suchung ist ·eben doch höchst künstlich und, man kann es nicht andel's nennen, unnatürlich, näm~
lieh eine vorsätzlich, ja sogar gewerbsmäßig ausgebildete Art
des falschen Schließens. Trotz der Behandlung durch .A.mstobeles
wäre die ganze Sache für uns unbegreiflich oder zumindest ung1a1Ubwürdig, wenn wir nicht einen Dialog von Platon, den
Euthydemos, hesäßen, der um die Zeit von Aristoteles' Geburt
geiSchrieben wurde .und ein so lebendiges Bild von dieser Sorte
Unfug enthält, daß wir der historischen W.irklichkeit seiner
UngereimtheitenGlauben schenken müssen. Um sichselbervon
den Tatsachen zu überzeugen, muß man den ganzen Dialog
lesen; ich kann hier nur ein Streiflicht auf das werfen, was
kurze Zeit als echtes Lehrmittel in der Kunst des Denkensund
Beweisführens verkauft wurde. Gewiß hat Platon die Tatsachen übertrieben, aber nur bis zu einem gewissen Gnade,
denn ZweP< seineiS Dialoges war es, dieser Ar.t von Ausbildung durch Bloßstellung :ihrer Ndchtigkeit und völligen Lächerlichkeit den Garaus zu machen, und daher mußte er sich innerhalb der Grenzen einer gewissen Obereinstimmung mit Tatsachen halten.
Nun zu jenem Streiflicht, das ·den sophistischen Weg ro scheinbarer Weisheit beleuchten soll, und Platons Kampf dagegen,
so wie er in dem Dialog Euthydemos zutage tr.itt (298d)! In
diesem Teil des Dialogs haben die Sophisten - zwei Brüder,
Euthydemos und Dionysodoros - das Pech, einem nicht leicht
zu beeindTuckenden Gesprächspartner, einem sehr selbstsicheren und gescheiben jungen Mann namens Ktes.ippos gegen75
überzustehen. "Wenn du mir ein paar fl'agen beantworten
wällst, ·sagte Dionysodoros: Du sagst, du habest einen Hund.
-Ja, ein rechtes Untier, sagte Ktesippos.- Und hat er Junge?
- Ja, und sie sind ihm sehr ähnlich. - Und der Hund ist ihr
~ater? - Ja, 1sagte er, ich habe genau gesehen, wie ·er und die
Mutter der Jungen sich gepaart haben. - Und er ist nicht deiner?- FreiLich ist er meiner. -Dann ist er ein Vater und er ist
deiner; also ist .er dein Vater, und die Jungen sind deine Brüder. - Noch ·eine kleine Frage, warf Dionysodoros rasch ein,
um Ktesippos daran zu hindern, das Wort' zu ergreifen: Prügelst du diesen Hund? - Freilich prügele dch ihn, erwiderte
Ktesippos lachend, und ich wünschte nur, ich könnte an s·einer
Stelle euch prügeln. - So prügelst du also deinen Vater. Ich hätte weit mehr Grund, euren Vater zu prügeln, antwortete Ktesippos, WCIJS mag er sich dabei ·gedacht haben, als er
so superkluge Söhne zeugte7"
Wie gesagt, der Dialog wurde um die Zeit von Aristoteles'
Geburt gesch11ieben; und wenn je Lächerlichkeit als eine tödliche Waffe gehandhabt wurde, so hat Platon sie in diesem
Dialog gehandhabt. Und doch .finden w.ir über edne Generation
später Anstoteies über dem gleichen alten Unsinn brüten.
Denn die meiJSten seiner Trugschlüsse sind entweder unmittelbar Platons Euthydemos entnommen, oder sie sind von der
gleichen törichten Art. - "Ist es möglich, mit einem Auge zu
sehen, das du nicht hast7 - Nein. - Stimmt es, daß du nicht
ein Auge hast?- Ja.- Also kannst du mit einem Auge nicht
sehen."
Nun ist es ganz undenkbar, daß zur Zeit des Aristoteles ein
Erzieher, dessen Weisheit in derartigen alten Tr.i.cks bestand,
Schüler gefunden hätte, und .daher kann es nicht die Absicht
des AI1istoteles gewesen sein, solche Erzieher zu bekämpfen.
Aus Aristoteles' BehandLung und aus seinen polemischen Hinweisen auf andere geht klar hervor, daß mittlerweile das Studium von Trugschlüssen und ihren Lösungen, welche PLatons
Dialog nur angedeutet hatte, zu einem Teil des syllogistischen
Spiels geworden war, das als geistige Gymnastik in den Schulen sowohl des Platon wie des Aristoteles ·eifr.i.g gespielt wurde.
Und warum auch nicht? Als Rivalen ernsthafter Erziehung
waren die alten Sophistereien in keiner Weise mehr gefähr76
lieh, aber sie waren sicher .brauchbare Gegenstände für dialektische übungen. So ist der Ursprung dieses Teiles der traditionellen Logik leicht zu verstehen; seltsamerweise jedoch war
es gerade dieses. höchst unnatürliche Denkprodukt (nämlich
die vor.sätzHchen Trugschlüsse), welches die Aufmerksamkeit
der aufstrebenden Wissenschaft der Logik von den mehr oder
weniger künstlichen und neu entdeckten Gegenständen und
Regeln der Beweisführung ab- und auf bestimmte, weniger
auffallende Tatsachen der Gültigkeit des Denkens hinlenkte.
Ein Syllogismus wie der folgende: dieser Hund ist deiner, und
er ist ein Tder, also ist es dein Tier, würde um seiner selbst
willen kaum irgendwelches Interesse hervorgerufen haben,
aber als ein gültiges Muster der Art, in welcher der Sophismus
von dem Hund, welcher .der Vater seines Eigentümers sein
sollte, gefälscht werden mußte, um einen Anschein von Gültigkeit zu erlangen, hat ein solcher Syllogismus eine Chance, ernsthaft in Betracht gezogen zu werden, Wir dürfen sagen, daß im
Gegens·atz zu der Logik des Hauptteils der Topik die Trugschlußlogi.k in den Sophistischen Widerlegungen des Arlstote-les jenem zweiten Typ angehört, dessen Aufgabe es 1st, gewöhnliche logische Tatsachen aufzuzeigen und vor Mißbrauch
zu bewahren. Und in diesem Zusammenhang zeigt es sich, daß
die Definition des richtigen Syllogismus eine Menge von Argumentationen einschließt, die man an sich ruhig beiseite las.sen
könnte, bestünde nicht die Notwendigkeit, ihre trügerische
Fälschung zu entlarven.
Zweifellos bezeichnen sowohl die Syllogistik des Hauptteiles
der Topik wie diejenige der Sophistischen Widerlegungen jede
in ihrer eigenen Weise einen Schritt in der Geschichte der
Logik; und diese beiden verschiedenen Typen der Logik des
Syllogismus lassen sich mit Hilfe der Dialoge Platons verhältnismäßig leicht erklären. Und doch stellen ddese Schriften
des Aristoteles eine sehr unbefriedigende Lektüre dar, zumindest wenn man an sie mit den Erwartungen herangeht, welche
die traditionelle Logik zwangsläufig erwecken muß. Denn trotz
aller Mühe, die Aristoteles sich offenkundig gegeben hat, und
trotz seiner bewunderungswürdigen Handhabung zahlreicher
Einzelheiten, wenn es sich darum handelt, &einen Stoff zu
meistern, wird eines uns bald nur allzu klar, wenn wir ver-
77
suchen, die Topik und die Sophistischen Widerlegungen geduldig zu lesen: es fehlt ein Prinzip. Ich will nicht sagen, es
liege in der Natur der Dinge, daß die Logik, :insbesondere dde
Syllogistik, unbedingt von einlern einzelnen beherrschenden
Prinzip abgeleitet werden muß; was ich behaupten möchte,
ist nur, daß wir ein solches Prinzip erwarten, wenn wir von
der traditionellen Logik zu Aristoteles kommen. Die historische
Tatsache, die wir nun ins Auge fassen müssen, .ist die Entdeckiung des Ari.stoteles, oder- je nachdem, was wir von der
Logik halten - seine Erfindung eines solchen Prinzips. Er besaß keins, als er .die Topik und die Sophistischen Widerlegungen schrieb. Aber es ist beinahe •ergreifend zu sehen, wie sehr
er sich wünschte, eins zu besitzen. Zu Beginn der Topik kündigt Aristoteles an, der Zweck der Vorlesung •sei "eine Method·e
zu finden, durch welche wir imstande sein werden, über jedes
gestellte Problem, von wahrscheinlichen Prämissen ausgehend,
Folgerungen anzustellen (avi..J..oyll;ea{}at), wobei wir sorgfälbig vermeiden müssen, uns in Selbstwidersprüche zu verwickeln"1. Etwas später jedoch teilt er die möglichen Probleme
und Prämilssen in vier verschiedene Gruppen, in die er seinen
Stoff einzuordnen gedenkt. Er muß bekennen, daß diese Einteilung Einwänden ausgesetzt und ·bis zu einem gewissen
Grade willkürlich ist. "Aber", fährt er fort (102b 35}, "wir
dürfen aus ddesem Grunde nicht erwarten, eine einzige Untersuchungsmethode zu finden, die sich allgemein anw.enden ließe;
denn diese zu finden, ist nicht leicht, und selbst wenn sie gefunden würde, wäre sie noch sehr nebelhaft und von geringem
Nutzen für die uns vorliegende Abhandlung. Vielmehr muß
für jede dieser Gruppen, die wir unterschieden haben, ein besonderes Untersuchungsverfahren ausgearbeitet werden, und
dann, von den Regeln ausgehend, die auf j•eden einzelnen Fall
zutreffen, wird es uns wahrscheinlich leichter fallen, uns :einen
Weg durch die vor uns liegende Aufgabe zu bahnen. Daher ...
müssen wir [wenn auch ziemlich ungenau] eine Aufteilung
unseres Themas umreißen und andere Fragen jeweils der besonderen Sparte zuweisen, zu der sie ihrem Wesen nach gehören."
1 Nach der Übersetzung von Professor Ross, Aristotle, 5. 56.
78
Verrät diese eigentümliche, zugleich unsichere und sich recht-fertigende Haltung nimt mit unbewußter Beredsamkeit, daß.
Aristoteles selber mit dieser Aufspaltung der versprochenen
Methode in vier mehr oder weniger fragwürdige Einzelmetho-den keineswegs zufrieden war?
Wir wollen nun ·das erste Buch der Analytica priora zum Vergleich heranziehen. Es ist einer der eindrucksvollsten Abschnitte.
in den Schriften des Aristoteles, in seiner stolzen Sachlichkeit~
unübertroffen, wenn er nach sorgfältiger Vorbereibung sein.
syllogistisches Prinzip einführt, welches die Geschichte der
Logik während mehr als zweitausend Jahren bestimmen sollte·
(25b 26): "Nach diesen Unterscheidungen stellen wir jetzt fest,
auf welche Weise, wann und wie jeder Syllogismus hervorge•
bracht wird; anschließend müss·en wir über die Beweisführung:
sprechen. Der Syllogismus sollte vor der Beweisführung erörbert werden, denn der Syllogismus ist das allgemeinere: die,
Beweisführung ist eine Art Syllogismus, aber nicht jeder Syllogdsmus ist eine Beweisführung. -Wann .immer drei Termini
derart miteinander verbunden sind, daß der letzte im mittleren
als in einem Ganzen enthalten ist, und der mittLere entweder·
in dem ersten als in einem Ganzen enthalten ist oder von dem
ersten als von einem Ganzen ausgJeschlossen ist, dann müssen_
dte äußeren Termini durch einen vollkommenen Syllogismus
verbunden sein, Ich nenne jenen den mittleren Terminus, wel-·
eher selbst in einem anderen enthalten ist und selbst einen
anderen •enthält: auch der Stellung nach nimmt -dieser die Mitte·
ein. Unter äußeren Termini verstehe ich sowohl jenes Glied,
das selbst in einem ande1.1en enthalten ist, wie dasjenige, in
dem ein anderes enthalten ist. Wenn A von allen Bund B von.
allen C ausgesagt wird, dann muß A von allen C ausgesa:gt
werden. Ebenso wenn A von keinen B und B von allen C aus..-gesagt wiro, so ergilbt sich notwendigerweise, daß kein C ein ..
A sein kann."
Dies ist der Anfang von Aristoteles' Darlegung der drei syllogistischen "Figuren", und bekanntlich ist -er llli.cht nur das
Alpha, sondern a.uch das Omega dioeser Darlegung, insofern.
als nach Aristoteles jeder Syllogdsmus sich auf eine der beiden_
am Anfang genannten Formen zurückführen läßt. Nachdem
Aristoteles die Darlegung beendet und auf der Basis der neuen_
79
Syllogistik Regeln für di!e Entdeckung von Argumenten angefügt hat, äußert sich sein Stolz auf ruese Leistung etwas deutlicher (45b 36) :
"Aus dem Gesa,gten geht klar hervor, nicht nur, daß alle
Syllogismen aJUf diese Weise gebildet werden können, sondern
auch, daß sie auf keine andere Weise gebildet werden können.
Denn jeder Syllogismus wird nachweislich durch eine der ZJUvor erwähnten Hguren gebildet ... Die Methode ·i.st die gleiche
in allen Fällen, in der PhilosophLe, in jeder Kunst, in jedem
Studium. Wir müss·en nach den Attributen und den Subjekten
unserer bciden Termini suchen, und wir müssen möglichst viele
von ihnen sammeln und sie mittels der drei Termini unter die
Lupe nehmen und dabei in einer Weise Feststellungen widerlegen und in anderer Weise bestätigen; auf der Suche ·nach
Wahrheit müssen wir von Prämissen ausgehen, bei denen die
Anordnung der Termini sich in Obereinstimmung mit der
Wahrheit befindet 2 ; haben wir es dagegen auf dialektische
Syllogismen abgesehen, dann mÜSisen wir von wahrscheinlichen
PrämisS"en ausgehen."
Es scheint mir sonnenklar, daß der Verfasser nun überzeugt
war, endlich jene eine Methode gefunden zu haben, die er
ersehnt, aber nicht erhofft hatte, als er in seiner Topik zum
ersten Mal versucht ha,tte, die Kunst der Syllogistik in ein
System zu bringen. Es ist auch klar, daß er die neue Methode
noch nicht gefunden hatte, als er die Sophistischen Widerlegungen schrieb, anderenfalls hätte er nicht späteren Logikern die Aufgabe überlassen, seine dreizehn verschiedenen
Arten vorn Trugschlüssen in irgendeine Beziehung zu dem
einen Prirulip zu setzen. OffensichtLich muß Ariostoteies ganz
von vorn angefangen haben, nachdem er -die Topik und die
Sophistischen Widerlegungen geschrieben hatte. Und so scheint
es, daß wir zum dritten Male den Gegenstand einer aristotelischen Abhandlung überSyllogiJsmen feststellen müssen. Wo hat
Aristoteles jenes Schema eines Syllogismus gefunden, das seitdem die Gedanken der Philosophen beherrschte, wann immer
sie der Logik des Arlstoteles gefolgt sind oder sie angegriffen
2 Genauer: "Was wir als wahr vermerkt haben", vgl. 43b 1-11;
siehe in beiden Abschnitten den griechischen Text.
80
haben? Aber wenn hinsichtlich der <ldalektischen und der sophistischen Syllo~smen unsere Fragen sich leicht, ich möchte sagen
unerwartet leicht beantworten ließen, scheint es in diesem
Eall keine solche Antwort zu geben. Natürlich lassen sich in
den Dialogen Platons ein paar Beispiele des vollkommenen
Syllogismus finden, aber im Vergleich zu anderen Typen sind
es gewiß nur wenige. Meist müssen so viele Veränderungen
vorgenommen werden, wenn man .entschlossen ist, den aristotelischen vollkommenen Syllogismus in der voraristotelischen
philosophischen Literabur und in dem, was von der damaligen
Mathematik bekannt ist, zu finden, daß es unwahrscheinlich
ist, daß die Vorstellung von diesem Syllogismus ganz einfach
der Erfahrung entnommen wurde.
Wie also hat Aristoteles ihn entdeckt? Die Lösung dieses wichmgsten Problems der Frühgeschichre der Logik scheint so auszusehen: der Syllogismus der ·entwickelten Logik des Aristoteles wurde gefunden als Produkt abstrakter Konstruktion eher
denn als Gegenstand empirischer Beobachbung. Ein Grund,
warum es so schwer ist, den vollkommenen Syllogismus zu
finden, ist sicherlich die abstrakte Weise, in der er von seinem
Erfinder vorgestellt und gehandhabt wird. In Aristoteles' systematischer Darlegung möglicher Syllogi.smen, im ersten Buch
der Analytica priora, ·sollen nur die nicht schlüs:Sdgen Verbindungen von Propositionen ·einer Erläuterung durch konkrete
Bezeichnungen wie "Tier, Mensch, Pferd" oder "Tier, Mensch,
Stein" (26a 9) bedürfen; dahingegen werden die schlüssigen
Formen lediglich ·durch Buchstaben dargestellt, welche die erforderlichen drei Termini symbolisieren. Nicht ein einziges
Mal gibt Aristoteles einen Hinweis auf konkrete Vorbilder,
von denen seine abstrakten Schemata einwandfreier Syllogismen abgeleitet worden wären; andernfalls gäbe es gar kein
Problem, und die Geschichte der griechischen Lo•gik wäre leicht
zu schl'eiben.
Die Topik behandelt eine Vielheit vielgestaltiger Syllogismen,
von denen einige natürlich interessanter sind al'S andere, die
aber alle ·einem bestimmten Zweck dienen, näml:ich einer einwandfreien syllogistischen Widerlegung oder Bestätigung der
einen Seite eines gegebenen Problems. Die Sophistischen
Widerlegungen behandeln ande11erseits mehr oder weniger
81
interessante Trugschlüsse, d. h. ungültige Syllogismen, und
enthüllen ihre Unrichtigkeit, was nur geschehen kann durch
den Bezug auf den Begriff des einwandfreien Syllogismus. Aber
dieser Begriff wird gewöhnlich beein.flußt dUrch die ·einwandfrei richtigen Schemata, von denen die einzelnen Sophismen
gefälschte Nachahmungen ,sind. So zwingt, wie wir bereits
gesehen haben, das Studium der Trugschlü&se den Logiker,
auch solche richbi.gen Syllogismen zu berücksichtigen, die um
ihrer selbst willen ohne alles Intere&se wären. Nachdem nun
eine Untersuchung wie die Sophistischen Widerlegungen und
die Behandlungsweise in der Topik nebeneinander gestellt
worden sind, wird die ·einzige Definition des Syllogismus, von
der beide Abhand1ungen, jede auf ihre Weise, . Gebrauch
machen, zwangsläufig auf eine ziemlich verschwommene Deutung des richtigen Syllogismus im allgemeinen reduziert - je
nachdem um seiner selbst willen intere&sant odrer nicht, vorausgesetzt nur, daß er stimmt. Wie kann diese verschwommene
allgemeine Vorstellung von dem richtigen Syllogismus geklärt
werden?
Soviel .ist gewiß: Aristoteles besaß die Definition des Syllogismus, ehe er ·den vollkommenen Syllogismus fand. Andererscits
stimmt der vollkommene Syllogismus so genau mit der Definition überein, daß, wenn die Defmition nicht nach dem vollkommenen Syllogismus gefunden worden sein kann, der vollkommene Syllogismus mit Hilfe der Definition gefunden worden sein muß.
An sich ist die Definition des Syllog[smus hinsichtlich ihrer Bestandteile reichlich unbestimmt: 11 BinSyllogismus ist eine Argumentation, bei der kraft bestimmter voralUsgesetzter Dinge
etwas anderes .als das Vorausgesetzte mit Notwendigkeit
folgt." Was sind diese "gewissen Dinge" und dies etwas anderes"? Die Prämi&sen und die Konklusionen natürlich. Aber
was sind diese? Die "Sophistischen Widerlegungen" verwenden 11die Definition der Prämisse" (oder "Proposition", 169a 7)
nur gelegentlich und zu einem bestimmten Zweck, und die
Topik gibt ans·telle einer allgemeinen Definition die Einteilung
in vier verschiedene, den Verschiedenheiten des Inhalts entsprechende GITUppen. Die Analytica priora jedoch setzen mit
vollem Bedacht .an den Anfang ihrer gesamten Lehre eine De11
82
finition dessen, was die Prämissen s:ind und implizite was die
Konklusion !i!st (24a 16): "Eine Prämisse :ist ein Satz, der etwas
über etwas anderes bejahend oder verneinend aussagt." Mehr
wird nicht gesagt, und weniger könnte nicht gesagt werden.
Es ist genau jene allgemeine Vorstellung von einer Aussage
mit Subjekt und Prädikat, die nach Platons Sophistes als möglich anerkannt werden mußte. Aber der Einbau dieser Definition in dieJenige des Syllogismus macht den ganzen Unterschied
aus zu der theoretisch und praktisch unbefriedigenden Aufgabe, die Anstoteies sich in seiner Topik gestellt hatte. Denn
nun muß ·die Definition des Syllogismus wie folgt verstanden
werden: Ein Syllogismus dJSt eine Argumentation, bei der,
unter VorliJUSS·etzung von Sätzen, die etwas über .etwas anderes
bejahend oder verneinend aussagen, kraftder vorausgesetzten
Sätze ein anderer Satz, der etwas über etwas andeiies bejahend
oder verneinend aussagt, mit Notwendigkeit folgt. Dies ist
nicht mehr eine Beschreibung dessen, was tatsächlich im dialektruschen Spiel oder sogar ·im ernsthaften Denken praktiziert
wird, oder ·eine Beschreibung dessen, was tatsächlich in Pseudosyllogismen nachgeahmt wird; es gleicht eher einem mathematischenProblern und ist ,genau genug bestimmt, daß-ungeachtet
einiger HUfsbestimmungen aus der empii'ischen Praxis - eine
vorwiegend theoretische Lösung gesichert ist. Von einem bestimmten P.unkt ab muß Aristoteles die MögLichkeit einer solchen theoretischen Lösung des Problems der Syllogd!Stik ges-ehen haben. Es scheint keine andere Möglichkeit einer Erklärung zu geben für den abstrakten, a priori vorhandenen und
lediglich quantitativen Charakter von AI':istoteles' System möglicher gültiger Syllogismen und für die eigentümliche Beziehung dieses Systems zu der tatsächlichen ,syllogistischen Praxis
seiner Zeit und seiner Sdwle, eine Beziehung, die seltsamerweise auf halbem Wege zwischen Unabhängdgkeit und Abhängigkeit liegt. Denn nicht alles, was für die entwickelte Logik
des Aristoteles kennzeichnend ~st, läßt sich von der abstrakten
Bedeutung ableiten, in der die Definition des Syllogismus aufgefaßt werden konnte, nachdem die abstrakte Definition der
Propositionen angenommen worden war. Zuviel blieb noch
allzu unbestimmt. Aber es scheint mir nur natürlich, daß bei
der Ausarbeitung der EinzeLheiten seines theoretisch geplan83
ten Systems von Syllog~smen Aristoteles .sich - bewußt oder
unbewußt- leiten ließ von den tatsächlichen Wesenszügen der
einzigen syllogistischen Verfahrenswe1sen, die vorher, haiuptsächlich von ·ihm s·elber, untersucht worden waren. Vielleicht
ist es möglich, Aristoteles bei einigen der ·einzelnen Schritte zu
begleiten, .cl..ie er tun mußte, ehe er seine Analytiken entwerfen
und ausarbeiten konnte, aber cUes ist ·eine schwierige Aufgalbe 3,
und wir müssen uns damit begnügen, einen Standpunkt erreicht zu haben, von dem aus gesehen das System als ein Ganzes verständlich wird. Ich glaube, daß auch ein großer TeU der
traditionellen Logik auf allg.emeine Weise von di:esem Standpunkt aus zu verstehen ist, von dem ·aus die Definition des
Syllogismus plötzlich wd:e ein mathematisches Problem erscheint, das sich wenigstens teilweise unabhängig von der Erfahrung lösen läßt.
Aber es ble-ibt noch eine Ursache der Verwirrung, welche das
allgemeine V erständms der Logik des Aristoteles von der Spätantike an bis in unsere Zeit erschwert hat; eine Ursache, die
wir hoffent1ich. mit verhältnismäßig geringer Mühe aus dem
Wege werden räumen können. Wie ich schon sagte, gibt es
trotz der Definition d€15 Syllogismus und seiner Propositionen
immer noch zu vieles, was unbestimmt geblieben ist, als daß
der theoretisch arbeitende LogJiker ohne Hilfe äußerer Erfahrung vorankommen könnte. Zunächst steht nicht einmal der
Ausgangspunkt fest. Das Problem, welches durch die Definition des Syllogismus aufgeworfen wurde, kann auf zwei völlig
ve11schiedene Weisen verstanden werden. Entweder müssen wir
von gegebenen Verbindungen von Prämissen ausgehen und
nach den mögllchen Schlußsätzen ausschauen, oder wir müssen von einem gegebenen Schlußsatz aJUSgtehen und nach den
mögÜtchen Prämissen ausschauen. Das erste ,scheint das natürliche zu sein, und daher ·ist immer wieder übers·ehen worden,
daß Ar.istoteies s:eine Aufgabe .im zweiten Sinn verstanden hat.
Seine Syllogistik ist .im wes·ent1ich:en ein System möglicher
Verbindungen von Prämissen, rue zu gegebenen Schlußsätzen
Vgl. Pauly-Wissowa, Real-Encyclopädie, Stichwort Syllogistik,
Band IV A, Sp. 1059 ff.; Friedrich Solmsen, The Discovery of the
Syllogism, Philosophical Review 50 (1941), S. 420.
3
84
führen, nicht eine Untersuchung der möglichen Konklusionen
von gegebenen Propositionen aus. Infolgedessen wird in der
Lo~ des Anilstoteles nicht einmal von einer Beweisführung,
das heißt von einem wiS'senschaftlichen Syllogismus, der echte
Erkenntnis hervorbringt {71b 18), verlangt, daß sie von .bekannten Prämi:ssen zu einer hilsher unbekannten Konklusion
führt; im Gegenreü, nach Aristote1es kann der ·echte w.i.ssenschaftldche Syllo~smus als Schluß·satz eine vorher bekannte
Tatsache haben, und die wissenschaftliche Erklärung, welche
für die bekannte Tatsache gefunden werden mußte, bildet die
Prämissen. In vielen Fällen ist es nur menschliche Abhängigkeit von Sinneswahrnehmungen, .dd.e uns zwingt, bekannte
Tatsachen als Prämissen gelten zu lassen, um !IIDbekannte
Dinge .als Schluß zu erhalten, ab.er sofern es •!rich um die Nabur
handelt, kann diese Art der Beweisführung widersinnig sein.
Zum B·eispiel können wir im Falle von Planeten, die verhältnismäßig nahe siln..d und nicht funkeln, als meil!Schliche Wesen
folgendermaßen schließen:
C = Planeten;
B = nicht funkelnd;
A =Nähe:
Was nicht funkelt
P.laneten
ilst nahe
funkeln nicht
B-A
C-B
Planeten
sind nahe
C-A
Aber was wir auf diese Wei•se erhalten, ist ledigLich eine Tatsache1 keine Erklärung. Denn Planeten sind nicht nahe, weil
sie nicht funkeln. Wenn wir andererseits ·so schließen:
C = Planeten;
B =Nähe;
A = nicht funkelnd:
Was nahe ist
Planeten
funkelt nicht
sind nahe
B-A
C-B
Planeten
funkeln nicht
C-A
halben W!ir den echten wissenschaftlichen Syllogismus, nämlich
eine Tatsache und ihre Erklärung, denn weil P1aneten nahe
sind, funkeln sie nicht 4•
4 Anal. post. I.
Kap. Il, XIII; vgl. Anal. pr. 46a 17-27.
85
Ich sehe keinen G11Wl.d für uns zu erörtern, welche Art des
Schließens vorzuziehen und w.issensch~licher 1st; es steht uns
gew.ißlich völlig frei, uns gegen Aristoteles zu entscheiden oder
jeden Wertunte11schied zu leugnen. Andererseits, wenn wir die
Logik des Alli!stoteles ver.stehen wollen, müssen wir ihm auch
freie Hand las.sen, sonst entstehen Schw.ierigkeiten. Theoretisch könnte die Definition des Syllogismus als ein Versprechen
venstanden werden - und sie ist häufig so verstanden worden
-, daß etwas Neues aus gegebenen Prämissen entsteht, und
dann allerdings dst der Einwand unvermeidlich, daß der aristotelische Syllogismus nichts Neues ohne irgendeine Art von
petitio principii hervorbringen kann. Die Versuche, Aristoteles gegen diesen Einwand zu verteidigen, sind nicht immer
sehr Lehrreich 5• Ohne jedoch wf die Einzelheiten dieser endlosen Auseinandersetznmgen einzugehen, dürfen wir feststellen, daß auf beiden Seiten Anstoteies irgendw.ie mißverstanden
worden sein muß; denn wie wir gesehen haben, erhebt, Aristoteles selber zufolge, die gültigste Art des aristotelischen Syllogismus, der Wlissenschaftliche Beweis, nicht den Anspruch,
etwas Neues in seinem Schlußsatz zu brdngen, sondern ·in
seinen Prämils·sen eine wissenschaftliche Erklärung zu enthalten. In dies·em Fall einzuwenden, daß der SchLußsatz keine
unbekannte Tatsache enthülle, ist sinnlos, auch ist es nicht
ratsam, einen ·solchen Syllogismus gegen einen .solchen Angriff
zu verteidigen. So bestehen also Mißverständnisse, und die
einfache Erklärung hierfiir ist, daß Aristoteles selber seine
Definition des Syllogismus nicht dahin verstanden hat, daß
der Syllogismus in seinem Schlußsatz etwas Neueis brächte.
Warum nicht?
Ich muß wiederholen, daß nicht alles, wa.s für die entwickelte
Logik des ArLstoteles kelUlZJeichnend ist, von der neuen abstrakten Bedeutung der Definition des Syllogismus abgeleitet
werden kann. Es i:st nur natürlich, daß Aristoteles sich teilweise
von den tatsächlichen Wesenszügen der einzigen syllogistischen Methode leiten ließ, die vor ihm studiert worden war.
Nun aber war der hauptsächliche Wesenszug dieser Methode
S
Vgl. meinen Artikel Syllogistik in Pauly-Wissowa, Real-Ency-
clopädie, Band IV A, Sp. 1053-1055.
86
die Präexistenz des Schlußsatzes und die Tatsache, daß die
Prämissen es waren, nach denen man suchen mußte, um einen
Syllogismus zu erhalten. Theoretisch kann die Definition des
Syllogismus auf beide Weisen verstanden werden: entweder
sind die Prämissen oder der Schlußsatz g-egeben, und zu suchen
Iist der andere Teil des Syllogismus. Aber als aristotelische Defilllition des Syllogismus ist sie seiner ursprünglichen Idee insofern treu geblieben, als sie inuner noch eine m-ehr oder minder künstliche Beweisführung von den Prämissen zum Schlußsatz ·b-edeutete, eine Bewcisführung, der in Wirklichkeit ein
Denkprozeß .in der ent~engesetzten Richtung voranging:
von einem gegebenen SchLußsatz zu passenden Prämissen.
Wie ;ich in meinem ensten ~apitel zu zeigen versuchte, war
diese zweiseitige Auffassung vom Syllogismus durch die phHosophische Situation in Athen bedingt, wo Aristot·eles als junger Mann Schüler in Platons Akademie wurde. Damals und
in jener Umgebung schien die Philosophie ihr eigentliches
Leben nicht so sehr dn den Gedanken des einsamen Denkers
zu leben als im Gespräch von Mensch zu Mem;ch. Diese Zeitspanne ging bald zu Ende. Danach muß die Logik des Anistoteies teils als verständlich, teils jedoch als pervertiert erschienen
sein, wie sie noch heute erscheint. So ist es kein Zufall, daß
während der zwei oder dr·ei Jahrhunderte nach dem Tode des
Aristoteles seine Logik von einem anderen logischen System
verdrängt wurde. Cicero, der gebildetsbe Römer seiner Zeit,
ein Mann, der wirklich viel von griechischer Philosophie verstand, denkt an die Logil< der Stoa, .eine Leistung hauptsächlich des dritten und zweiten Jahrhunderts vor Christus, so oft er
Elemente der Logik erwähnt, von denen angenommen werden konnte, daß sde zu der üblichen höheren Bdkhmg gehörten.
Zu ·seiner Zeit nahm das Wiederaufleben der aristotelischen
Logik, zugleich mit dem Wiederaufleben der Philosophie des
AI'istoteles im allgemeinen erst seinen Anfang; ab-er selbst in
der Spätantike schednt eine unvoreingenommene Auslegung
einiger der grundlegenden Gedanken des Anstoteies unmöglich gewesen zu sein. Carl Prantl hatte sicherlich nicht ganz unrecht, a1s :er die Logiker der Stoa verantwortlich machte für
manche Wesenszüge der traditionellen Logik, die mit der aristotelischen Grundlage nicht übereinstinunen. Meiner Mei87
nung nach war die wichtigste und bedeutsamste Wandlung
eine Vereinfachung der seltsamen Doppelgesichtigkeit des aristotelischen Syllogismus und seine Anpassung an dd.e ztemlich
simple Auffas,sung, ·es sei Aufgabe der geistigen Tätigkeit, die
Menge der bek.annten Tatsachen dadurch zu vermehren, daß
man ganz .e:inßach von ihnen zu etwas .bisher Unbekanntem
fortschreitet. Die Er~ebrris·se waren Definitionen des wissenschaftlichen Syllogismus wie jene, die wir bei Cicem finden:
ein Schlußsatz ist eine Bewcisführung, die von wahrgenommenen Dingen zu einem anderen noch nicht wahrgenommenen
Ding führt 6 • So~ar antike Kommentatoren des AristoteLes sind
sich darüber einig, daß ein SchLußsatz sicherlich ·etwas bis dahin Unbekanntes enthüllen ,sollte. Im Wettbewerb mit Aristoteles entwickelte di-e Schule der Stoa ein neues System syllogistischer FO'I'IllJen, dCl!S wahrscheinlich .in einer Form gipfelte,
welche ·die Art und Weise, in der wisse.nschaftliche Entdekkungen gemacht werden, nachbilden sollte. Wir kennen folgendes Beispiel: "Wenn Schweißtropfen durch die Haut dringen, müssen unsichtba.re Poren vorha.Illden sein; nun dr:ingen
Schweißtropfen tatsächlich durch die Haut; dnfolgedesse:n gi;bt
es unsichtbare Poren"7. Einerlei, ob dies eine BeschreibunJg ist,
auf welche Weise der Wissenschaftler zu neuer Erkenntnis gelangt, oder nicht - klar ist die Absicht, mdt Hilfe ·einer vereinfachten geradl.iJnigen Syllogistik seinen Gedankengängen unJbeirrt zu folgen, und diese Absicht mag :sehr beachtenswert seilll.
Viielteicht W!Ul'de die Logik des Aristoteles unnötig kompliziert
gemacht, oder v.ielleicht war sie zu abhängig von den reitgebundenen Umständen, aber wir werden gewiß nicht abstreifen,
was wir a~bstreifen müSISen, solange wi.r ·selber von cliner mdßv.erstandenen und mißdeuteten aristotelischen Logik abhängig
bleiben. So müssen wir uns mit der historischen Tatsache vertraut machen, daß, entsprechend der Auffassung des Anistoteies
vom Syllogismus, der SyllogiJsmus selber und die vorangehende
geistige Tätigkeit in entgegengesetzten Richtungen verlaufen.
6
Cicero, Academica li, 26.
7 Sextus Empiricus, Hyp. Pyrr. II, 140.
88
V.
KAPITEL
Induktion, antike und moderne Logik
Als letzten Punkt möchte kh die Induktion besprechen. Induktion ist die lateinische Entsprechung für da·s griechis-che Hauptwort epagoge; das entsprechende griechische Zeitwort epagein
bedeutet: jemanden zu etwas hinführen oder hinbringen. P1aton verwendet das Wort in einer gescheiten Erläuterung der
Funktion eilll.es Beispiels, die wir in einer seiner letzten Schriften, dem Staatsmann, finden: "Wenn Kinder", so erklärt er
(277e), "anfall!gen das Alphabet zu lernen, .so ... unterscheiden
sie in den sehr kurzen und leichten Silben die einzelnen Buchstaben recht gut und sind imstande, sie richtig zu benennen; während sie sie in anderen Silben nicht erkennen und. fehlerhaft
auffassen und aussprechen. - Sehr richtig. - Wird nicht die
beste und leichteste WeLse, ·sie zu etwas, was sie noch nit:ht
kennen, hinzuführen, sein - Wa·s sein? - Sie zue!l'st auf .alle
die Fälle zu verweisen, in denen sie die bdreff.enden Buchstaben richtig beurteilen, und diese· dann mit den Fällen zu vergleichen, in denen sie sie noch nicht kennen, und. ~hnen zu
zeigen, daß in beiden Verbindungen die Buchstaben die gleichen sind und. die gleichen Eigenschaften aufweisen; und dies
so lange, Ibis alle Fälle, in denen sie l:'echt haben, neben .alle
jene Fälle gestellt worden ·Sind, in denen Slie ·sich irren. Auf
diese Weise haben sie Beispiele und können lernen, daß jeder
Buchstabe in jeder Verbindung stets der gleiche und kein .anderer ist und immer mit demselben Namen bezeichnet wird. Gewiß. - W:erden auf diese Weise nicht ;auch Beispiele gebildet? Wir nehmen ein Ding und. vergleichen es mit einem anderen bestimmten Exemplar des nämlichen Dinges, von dem
wir einen richtigen B.egriff haben, und aus dem Vergleich entst!eht eine zutreffende Vorstellung, dri:e beide in sich schließt. Genau. -"
An dieser Stelle bei Platon wi.rd das Zeitwort epagein, l(IJUf das
unser AUJSdruck "Induktion" zurückgeht, noch n~cht :im technischen Sinn verw:endet; so wie es in Platons Text steht, be89
deutet es lediglich: jemanden zu etwas hinfUhren, das er noch
ruicht kennt. Aber wenn wir zu Aristoteles kommen, sehen wir,
daß mittlerweile das griechische Äquiv.alent 7JU "Induktion"
ein terminus technicus g.eworden 1st, der nun den gesamten
Vorgang bezeichnet, den Platon zu erläutern versuchte und als
die beste und leichteste Art und Weise empfahl, um jemandes
unvollständige Erkenntnis zu einer umfassenden zu erweitern.
Epagoge oder "Induktion" hat nun di!e Bedeutnmg gewonnen,
jemanden zu einer allgemeinen Wahrheit zu führen, .indem
man ihm einzelne Beispiele vorführt, in denen er sie bereits
zu !Sehen vermag. Im ersten Buch der Topik des Aristoteles
wird die Induktion dem Syllogismus gegenübergestellt als ei.ne
zw.eite Art dtalektischen Verfahrens; die Beschreibung hierfür
lautet (10Sa 13): "Induktion ist der Weg zum Allgemeinen
durch die Einzelhei.tenl, so zum Beispiel: wenn der erfahrene
Lotse der tüchtigste ist und ebenso der erfahrene Wa~enlenker
der tüchtigste, dann wst allgemein der Erfahrene der Beste in
seiner besonderen Au~gabe. Induktion ist überzeugender und
klarer, der Sinneswahrnehmung näher und der Menge geläufiger; der Syllogismus andererseits tst zwing·ender und wirksamer dem geschulten Debattierer gegenüber." 2 An einer anderen Stelle der Topik kommt Aristoteles auf diesen Unterschied zurück (157·a 18): "Der SyllogjJsmlliS sollte eher gegen
Dialektiker als gegen die Menge angewendet werden; andererseits ·ist die Induktion höchst nützlich gegen die Masse"; und
dann bezieht er sich auf seine frühere Feststellung. Die verhält:nismäßillge Eilnfachhcit der Induktion geht auch .au:s dem
Rat hervor, man solle incLukti.ve Beweisführung mtt einem
jungen Mann als Gesprächspartner und Schulung in syllogistischer Beweisführung mit einem Fachmann pflegen (164a 12).
In der Tat wird in der gesamten Topik die Induktion nur als
ein Hilfsmittel behandelt, um die erforderlichen P·ränrlissen zu
1 Die Fassung "das Allgemeine" (Singular) und "durch die Einzelheiten" wird bestätigt von Alexander von Aphrodisias, In Topica,
unserer ältesten Quelle für die Festsetzung von Aristoteles Text.
2 An dieser Stelle habe ich Ausdrücke der Oxford-Übersetzung
geändert, die nicht ganz zutreffend schienen. Ich ergreife die Gelegenheit, auf Professor Ross glänzende Behandlung der Schwierigkeiten in Aristoteles Induktions-Theorie hinzuweisen (Aristotle,
s. 38-41).
90
erhalten, nicht als uruni.ttelbarer Weg, um einem Grundproblem zu Leibe zu gehen. Die wJchtige Frage nach der theoretischen Gültigkeit der Induktion wird nirgends aufgeworfen;
für die Praxns der Topik genügt eine lediglich praktische Regel,
nämlich daß ein Gesprächspartner das Allgemeine anerkennen
muß, wenn wf Grund Viieier Fälle eine Induktion erfolgt und
er außerstande ist, ein negatives Beispiel beizubringen (157a
34; 160b, 2).
Sogar in der entwickelten Log;ik der Analytiken des Anistoteies
wird die Induktion meistens als etwas verstanden, das sich
zwJschen zwei Personen abspielt, aber hier als das einzige
Mil:'tel, ei.nen Anderen solche P.roposlibionen zu Lehren, die mittels .eines Syllogismus rucht eigentlich erkannt werden können,
weil ·sie sich nicht wJssenschaftlich von anderen Aussagesätzen
ableiten lassen. Es !Ist ein Teil der Lehre des Aristote1es, daß
es solche unmittelbare Prämissen oder unbeweisbare Wahrheiten geben müsse (Anal. post. 72b 18). Bevor der Lehrer eine
unibeweisbare Wahrheit lehren kann, ist er natürlich im Besitz
der Wahrheit. Wenn wir fragen, wde er es anstellt, sie zu lehren - wdr wissen ja, daß er sie nicht ordentlich durch einen
Syllogismus beweisen kann -, erhalten wdr als .einzige Antwort "durch Induktion", das heißt durch den Hmweis auf einzelne Fälle. Es wird einfach als T11tsache hingenommen, nicht
logilsch erklärt, daß dies ein Verfahren 1st, dem Schüler unbeweisbare W.ahrheiten zum Bewußtsein zu bringen. Festgestellt
wird, daß zwischen Induktion und Sinneswahrnehmung ein
Zusammenhang besteht - es kann keinen 1-linweis auf einzelne Tatsachen geben ohne Bezugnahme auf die Wahrnehmung (81a 38); und am Schluß der Analytica posteriora Wlird
ein (nicht ganz klarer) Vergleich gezogen zwischen der Art
und Weise, in der die Seele von einzelnen Sinneswah.mehmungen zu ·allgemeinen Begriffen gelangt, und der Art und Weise,
in der wir durch Induktion, durch den Hinweis auf einzelne
Fälle, zur Erkenntnd.s der in ihnen enthaltenen allgemeinen
Wahrheiten gelangen. In diesem Zusammenhang verwendet
Aristoteles den Satz (100a 13): 11Die Seele Jst so beschaffen,
daß sie zu diesem Vorgang befähigt ist", mit anderen Worten,
es handelt sd.ch um eine psychologische Tatsache. Schließlich
erfahren wir, daß diese Tatsache der höchsten ·geisfligen Fähig-
91
keit der Seele zugeschrieben werden muß; diese Fähigkeit wird
nous genannt und gilt als •ein Prinzip unmittelbarer Intuition.
Die Lösung ddeses Geheimnisses der Induktion - soweit Aristoteles eine Lösung b:Le.tet - ist also, daß der SeeLe eine intuitive Fähigkeit innewohnt, die sde in den Stand setzt, unbeweisbare allgemeine Wahrheiten ws Ei.nzelfällen zu erf.assen, wenn
&ie auf diese hdngew.iesen wird.
In den wichtigsten Abschnitten, in denen Ar,istoteles die lncLuktion.erwähnt, hat er nicht eine andere Art logischen Verfahrens
im Sinne, die er unglückJicherweise mdt diem:selben Namen
nennt, und, schlimmer noch, nicht einmal dmmer theoretisch
untenscheidet von der ellSten Art, di!e wir einer Betrachtung
unterzogen haben. Während in diesem er-sten Sinne dd,e Induktion ein Weg d!:it, der einen Ander.en dazu führen soll, eine
allgemeine Wahrhe~t unmitbelbar mit den Augen seiner eigenen Seele zu sehen, ist im zweiten Sinn Induktion, oder Beweis durch Induktion (oder sogar Syllogismus durch Induktion)
leddgl:ich ein Weg, .eine allgemeiil!e Behauptung nacllZJupriifen,
indem man die betreffenden Einzelfälle etner Mu:sterung unterzteht und zeigt, daß es tatsächlich keine Ausnahme gibt. In der
Topik handhaibt Al"ILs.toreles d~e Nachprüfung durch Induktion
auf eine sehr pr>hnibiVIe Art, lediglich als ein Mittel, eine von
ihm selbst getroffene F.eststellung zu bestätigen (ge1eg€'11.tlich
gla"Ubt er, sd.e sei auch durch einen Syllogismus zu be:wei:sen).
Im Falle seiner EinteiLung der Propositionen in vier verschiedene Arten entsprechend der Natur ihrer Prädikate (103b 1),
sowie im Falle ·seiner BinteUung mündlicher Trugschlüsse in
sechs verschdedene Arten (165b 27) bedeutet zum Bei:spd.el
Be:weis durch Induktion einfach, daß, oganz g1eich w,elche Einzelbehauptung oder welchen sprachl:ichen Trugschluß man betrachben mag, man stets finden wird, daß er tatsächlich zu einer
der vier bzw. sechs festges,etzten Arten gehört, und daß man
keinerl.ei Ausnahme finden wird. Das einzig Interessante daran
ist der hochtmbende Name für ein mehr als einfaches logisches
Verfahren; meinier Meinung nach ist es ZJiemlich sicher, daß
der Name nicht für dies.en Typ der Induktion erfunden, sondern von der ande.ren Art ·entLehnt worden ist, die sicherLich
wichtig genng war, um durch einen terminus technicus bezeichnet zu werden.
92
Anderel1Seits .ist es richtig, daß Nachprüfung bzw. Beweis durch
Induktion beträchtlim an Bedeutung gewinnt, wenn Aristoteles sie später behandelt. Eine sorgfältiJ~ Interpretation eines
v.ielwnst:cittenen Kapitels der Analytica priora (63b 15) würde
meiner Meinung nach zeigen, .daß Axüstoteles, soweit es um
logische Pr.i.nzipden geht, sich hier .auf gleicher Ebene befindet
wie die Methoden der Naturwissenschaften, welche die moderne
sogenannte tinduktive Logik zum Gegenstand .ihres Studiums
machen. Tatsache is·t, daß Aristoteles' Theorie des.sen, was er
dann den "Syllogismus durch Induktion" nennt - sow.ie sein
Beispiel für eine incfuktive Bestätigung der biologischen Hypothese, es bestehe ein Zusammenhang zw.i:schen einem langen
Leben und dem Fehlen von Galle -, so sehr von den tatsächlichen wissenschaftlichen Diskussdenen seiner Zeit abhängig ist,
daß wir nicht ganz imstande wären, das logische Kapitel zu
verstehen, besäßen wir nimt eine ausreichende l<,enntnis von
diesen Diskussionen durch ein Kapitel in einer der naturwis.senschaftlichen Schriften des .Aristoteles (De partibus animalium 677a 11-b 10).
Anlf jeden Fall Liegt der Hauptunterschied zw.ischen der Behandlung dies.er zweiten Art der lnduktion durch Aristoteles
und ihrer Behandlung dn modernen Lehrbüchern der Logik in
dem Gradru.nterschied an Bedeutung, ·die ihr zugemessen wird.
Aristoteles erwägt sie nur gelegentlich als eine der zweitran~gen Arten von Beweisführung, als vemtändlich und ableitbar von seinem so überaus wichtigen sylloglistischen Prinzip.
Eine Einstellung, d1e freildch weit entfernt •ist von der so ungleich aufgeschlosseneren Haltung moderner Logiker diesem
Typ von Induktion geg;enüber, ganz gleich, ob ·sie ihr Studium
2'JU dem der Syllog1stik ·in Ge~nB~atz setzen oder es mit ihm
verblinden.
Die tr.aditionelle Logik setzt die Logik der Induktion oder
induktive Logik gewöhnlich in Gegensatz zu der Logik des
SyllogismUJS oder der, wie sie jetzt genannt wird, "deduktiven"
Logik, und ~e Bedeutung, die dem Studium der Induktion
jetzt allg;emem zuerkannt wird, h1n.g ursprüngLich mit dieser
scharfen Unterscheidung zusammen. Um die Dinge nicht mehr
als unbedingt nötig 1JU komplizieren, werde ich n.euere Kritiken dieser Antithese unberücksichtigt lassen, obwohl die
93
modeme.IJ. Einwendun~n gegen ein getrenntes Studiwn von
Syllogismen und Induktion eine gewisse Verwandtschaft mit
Aristoteles' Behandlung der zweiten Art von Induktion auf..
weisen. Allen modernen A:useinandersetzun~ liegt jedenfalls
die Unterscheidung zwischen dem Studium der Syllogismen und
dem der Induktion 21ugrunde. Offensichtlich geht ·diese jetzt
traditionelle Unterscheidung irgendWiie auf die Logik des Aristoteles zurück. "Syllogismus" wird verstanden als der Weg
vom All~meinen zum Besonderen, "Induktion" als der Weg
vom Besonderen zum Allgemeinen; zumindest sind der Gegensatz von Syllogismus und Induktion als der beiden versdtiedenen einander .ergänzenden Wege des Lemens und Lehrens,
sowie die' Beschreibung der Induktion unmittelbar von Aristoteles übernommen. Jedoch enthält die moderne Sicht zwei
schwerwiegende Mißverständn:i-9s.e der Konzeption des Ar:itstoteles. Erstens wird ~nommen, es sei die Absicht von Aristoteles' System mögLicher Syllogismen, den Weg von gegebenen
Prämissen :zu unbekannten Schlußsätzen zu lehren, und wenn
man glaubt, diies sei. die Lehre von den Syllogismen, so hat die
Logique de Port-Royal mit den folgenden einführenden Bemerkungen über den dritten Teil der Logik sicherlich recht: "Jener
Teil, mit dem wir es jetzt zu tun bekommen und der die Regeln
der Schlußziehung umfaßt, gilt .als der wichtigste in der L~
und ist fast der einzige, der irgend mit Sorgfalt .behandelt
wird. Aber es mag .angezweifelt werden, ob er wirklich so nützlich ist, wie man es a.n.nJimmt. Die meisten Irrtümer der Menschen ... entstehen weit häufiger dadurch, daß sie auf Grund
unrichmger Prinzipien Schlüsse .ziehen, als daß sie ausgehend
von ihren Prinzipien verkehrte Schlüsse .ziehen. Es kommt
selten vor, daß Menschen sich durch Schlüsse täuschen Lassen,
die unrichtig sind, nrur weil die Schlußfolgerun~n ·sdUecht
abgeleitet sind; und diejenigen, die nicht imstande sind, solche
Irrtümer im Lichte der Vernunft allein zu entdecken, würden
Regeln, welche zu diesem Zweck gegeben werden, •gemeinhin
gar nicht verstehen, geschweige denn, sie anzuwenden wissen." Dies nun ist ein völ1i.ges Mißverstehen der Absi<:hten
des Aristoteles, denn, wie wir gesehen haben, venstand .er seine
Syllogistik stets ·als eine Methode, nach den richtigen Prämissen zu suchen, nicht als eine solche, mit deren Hilfe .aus gege94
benen P.rämiss·en neue Schlußsätze gezogen würden. Auf die
echte aristotelische Lo~ bezogen, ist dieser Einwand völlig
a.b.wegig; aber er dst ein •gutes Beispiel für die moderne Neigunlg, Aristoteles etwas am Zeuge zu flicken, weil seine Syllogistik als ein Weg, der von den Pl'in2lipien wegführt, aufgefaßt,
überflüSiSig sei, und ·CÜesen nutzlosen Teil der Logik zu ers.etzen, indem man einen Weg ausarbeitet, der zu den Prinzipien
hinführt. Andere (allerdings nicht die Logiker von Port Royal)
lassen sich in dieser Neigung leiten durch die AuffaS'Sung des
Aristoteles, Induktion sei das einzige Mittel, Prinzipien zu
lehren. Auch hder wieder muß Aristoteles sich als enttäuschend
erw.eisen, solange seine zwei verschiedenen Vorstellungen von
Induktion nicht noch besser aJU:SeinaJildergehalten werden, als
Aristoteles selber es gJe·tan hat. Ich medne, es müßte möglich
sein, die Entwicklung der modernen Log;ik der Induktion als ein
Ergebnis fortlaufender Versuche zu schildern, Aristoteles' zweiten Typ der .Induktion umzuwandeln in einen Weg, der zu den
Prinzipien hinführt. Dieser zweite Typ ist der einzige, der in
einer rein logischen Behandlung dargestellt wurde; aber für
Aristoteles war dieser Typ der Induktion nicht eine Methode
zur Entdecktl11:g von Prinzipien; er war lediglich eine Art Iogliseher Nachprüfung einer vorweggenommenen Feststellung, und
anscheinend ist er vom Anf.ang bis heute geblieben, was er
wa.r. Er kann eben einfach den anderen Typ der Induktion nicht
völlig ersetzen. Aber was ist dann aus dieser anderen Art,
diesem .echten Weg zu den Prinzipien hin geworden, atUS jenem
Weg vom Besonderen zum Allgemeinen, der die ursprüngliche
Antibhes·e und die ursprüngliche Ergän~ung zum Syllogismus
war, und Aristoteles zufolge das einzige Mittel, unbeweisbare
Wahrheiten zu lehren?
Ich freute mich, eine klare Antwort geben zu können, indem ich
wiederum Cohen und Nagels modernes Lehrbuch der Logik
zu Rate ziehe. Unter der Überschrift "Was ist ·induktives Schließen?" zitieren die Verfasser 3 die Oxfol'd-übersetzung eines
großen Teiles von Ari:stobeles' Beschreibung des "Vorgangs d-er
Entdeckung ein-er allgemeinen Regel in ei.nem ihrer besonderen
Fälle" aus den Analytica posteriora (99b 36 ff.); es ist das
Kapitel, welches ich erwähnte, als ich von Aristoteloes' erster
3 An lntroduction to Logic and Scientific Method, S. 274.
95
Art der Induktion sprach (oben S. 91). Auch wir benötig.en eine
allgemeine Kenntnis dieser Stelle bei Aristoteles; so werde kh
die gleichen Worte zitieren, ohne die Schwierigkeiten der Interpretation allzu genruu zu nehmen. "Obwohl Sinneswahrnehmung allen Lebewesen angebor.en ist, wird bei eillligen der
Sinnescindr.uck zu etwas Dauerndem, bei anderen nicht. So
besitzen Lebewesen, bei denen diese Dauer nicht zustande
kommt, außer dem Akt des Wahrnehm.ens entweder überhan.tpt
kleine Erkenntnis oder keine Kenntnis von Gegenständen, von
denen kein Bindruck bestehen ib1eibt; Lebewesen, bei denen
diese Dauer zustande kommt, nehmen wahr und sind befähigt,
den Sinneseindruck in der Seele zu bewahren; und wenn eine
solche Dauer sich häufig wiederholt, ergibt •sich alsbald eine
weitere Unterscheidung zwischen den}en~gen Lebewesen, dde
aus der Dauer solcher Sinneseindrücke die Fähigkeit entwikkieln, sie in ei:ruem System unterzubringen, und denjenigen, bei
denen dies ndcht der Fall ist. So entsteht aus der Sinneswahrnelunung das, was wir Erinnenung nennen, und a.us häufig
wiederholten Erinnerungen an da:s .gleiche Ding entwickelt
sich die Erfahrung; de11lll. eine .einzelne Erfahrung :Setzt sich
aus einer Anzahl von Erinnerungen zusammen. In der Erfahrung w~ederum- das heißt, lin dem jetzt in seiner Gesamtheit
innerhalb der Seele gefestligten Allgemeinen, dem Einen neben
den Vielen, da:S eine Einzelidentität innerhalb ihrer aller darstellt - haben das Geschick des Handwerkers und di.e Erkenntnis des Wissenschaftlers ihnen Urspnmg ...
Wir schließen daraus, daß diese Stufen der Erkenntnis weder
in einer bestimmten Form angeboren sind noch aus anderen,
höheren Stufen der Erkenntnis stammen, ·sondern aus der
Sinneswahrnehmung entwickelt werden. Es ist wie wilde Flucht
in einer Schlacht, die zuers.t durch einen einzelnen Standhaften,
und dann durch noch einen zum Stehen gebracht wird, bis die
ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt Iist ... Somit ist klar,
daß wir die Grundprämissen durch Induktion erkennen müssen; denn die Methode, mit deren Hilfe sogar die Sinneswahrnehmung das Allgemeine einpflanzt, ist induktiv."
Soweit Anistoteles. Nun zu dem modernen Kommentar: "Dieser Vorgang ist eine wichtige Etappe im Erlangen von Erkenntnis. So verstanden ist die Induktion von W. E. Johnson als
96
intuitive Induktion bezeichnet worden. Nichtsdestoweniger
kann dieser Vorgang nicht als Schluß bezeichnet werden, auch
wenn man diesen Ausdruck noch so dehnbar nimmt. Er ist
nicht ein Typ von Beweisführung, der sich in eine Prämisse
und .einen Schluß zerlegen li.eße. Er :ist eine Wahrnehmung von
Beziehungen und keinerlei Gülbigkeitsregeln unterworfen und
stellt das tastende Suchen und die Mutmaßungen eines Geistes
dar, der nach Erkenntnis .strebt. Intuitive Induktion ist daher
kein Gegensatz zu Deduktion, denn sie ist überhaupt kein
Typ eines Schlusses ... Es lcann lceine Logik oder Methode
einer intuitiven Induktion geben."
Ich finde es sehr befriedigend, daß die moderne Logik den
Unterschied betont zwtschen der Art Induktion, mit der das
oben zitierte Kapitel ,bei Aristoteles sich befaßt, und jener, die
gewöhnlich ,,Induktion" genannt wird und .ihr Äquivalent in
dem ander.en Typ von Induktion bei Aristoteles hat; und es
ist sicherlich richtig, daß dies nicht ein Typ von Bewei:sführung ist, der sich in gewöhnliche Prämissen und einen Schlußsatz zerlegen ließe. Soweit befinden sich sorgfältige Ausdeutung der logischen Texte des Acistoteles und moder111e logische
Analysen m Übereinstimmung. Aber dann g.eraten wir in
Schwier1gkeiten. Denn Aristoteles zufolge ist die Induktion
mit <;lern geschilderten geistigen Vorgang, der mit Sinneswahrnehmung beginnt und im Allgemcinen endet, nur vergleichbar,
nicht identisch. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Der entscheidende Satz lautet (diesmal zitiere ich eine andere Übersetzung4): "Es i:st also klar, daß wir die ,ersten Dinge' durch
Induktion erkennen; denn so erzeugt auch die Wahrnehmung
das Allgemeine in uns." Auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß Aristoteles zufolge diese Induktion im Gegensatz
steht zu Syllogismus bzw. Deduktion, rund daß sie nicht das
tastende Suchen und die Mutmaßungen ein:es Geistes darstellt,
sondern ·eil1len ganz ·bestimmten Weg durch das Besondere zum
Allgemeinen. Wie .sollen wir diesen offenkundigen Konflikt
zwischen Aristoteles' Vorstellung von Induktion und dem
modernen Begriff von intuitiver Induktion .erklären?
Die Übersetzung und die Interpretation, die unvermeidlich scheinen, sind bei Ross zu finden, Aristotle, S. 55.
4
97
Die Erklärung fällt nicht schwer. Lassen Sie mich zuet~st Aristoteles' Beschreibung der Induktion lllUS der Topik wiederholen: "Induktion ist der Weg zum Allgemeinen durch die
Einzelheiten; so zum Beispiel: wenn der erfahrene Lotse der
tüchtigste .ist, und ebenso der erfahrene Wagenlenker der tüchtigste, so ist allgemein der Erfahrene der Beste in S·einer besonder.en Auf~be." Was bedeutet dieses Beisp~el? Lassen Sie
mich ein ziemlich kurzes Zitat aus Platons Dialog Menon (88a)
hinzufügen: "Sokrates: Als nächstes wollen wir die Tugenden
der Seele betrachten: sie sind Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Mut,
rasche Auffassungsgabe, Erinnerung, Großmut und dergleichen? Menon: Gewiß. Sokrates: .und diJej.enigen unter ilinen,
die nicht Kenntnisse, sondern anderer Art ·sind, sind manchmal nützlich und manchmal schädLich; so :mun Beispiel Mut
ohne Vorsicht, der nur eine Art Tollkühnheit ist? Wenn einer
keinen Verstand hat, schädigt ihn sein Mut, aber wenn er
Verstand hat, nützt er ihm? Menon: Richtig. Sokrates: und das
gleiche läßt sich sagen von Mäßigkeit und rascher Auffassungsgabe; was auch dmmer mdt Verstand gelernt oder getan wi.rd,
ist nützlich, ohne Verstand j.edoch ist es schädlich? Menon:
Sehr richtig. Sokrates: Und im allgemeinen, alles, was die Seele
unternimmt oder erträgt, endet glücklich, wenn sie sich von
Weisheit leiten läßt; aber wenn sie sdch von TorheiJI: leiten
läßt, geschieht das Gegenteil? Menon: Das scheint mir zu
stimmen."
Aristoteles' Vorstellung von der Induktion ist offensichtlich
durch den von mir zi.ti.erten Teil des sok11atdschen Dialogs zutreffend wiedergegeben; sogar sein Beispiel - Wle41I\ der erfahrene Lotse am tüchtigsten und ebenso der erfahrene Wagenlenker der tüchtigste ist, dann ist allgemein der Erfahrene der
Beste in seiner besonderen Aufgabe - iJSt nichts als ein gedrängter AlUszug aJil5 irgendeinem Stück sokratischer Dialektik. Nun müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß
einer berühmten Stelle der Metaphysilc des Aristoteles zufolge
{1078b 27) das induktive Gespräch eines der zwei Ding~e war
(das andere war die allgemeine Definition), deren Erfindung
mit Recht Sokrates zugesprochen werden konnte. Dies bedeutet natürlich nicht, daß Sokrates ein neues Verfahren geistigen
98
Tastensund S:uchens gefunden hat, sondern daß er seine eigene
Methode hatte, den Leuten die Dinge klarzumachen.
Aristoteles' Vorstellung von der Induktion leibet skh ebenso
wie seine Vorstellung vom Syllogismus von der dialektischen
PDaXis her. So setzt sie zwei Personen voraus, einen Fragenden oder Lehrer und einen Antwortenden oder Schüler. Wir
müssen l!.ll1terscheiden zwilschen dem äußeren Ablauf des Gesprächs, der ganz von der Absicht des Fl'agenden und seinem
dialektischen Geschick abhängt, und dem, was in der Seele des
Antwortenden vor sich geht, vor .sich geht als eine psychologische Tatsache, aber nicht als ein Akt einsamen Denkens. Es
wäre Unsinn, wollte man versuchen, dies UlUIIiiJttelbar als einen
Akt unabhängigen Denkens zu beschrehben; einer psychologischen Erklärung am nächsten kommt man wohl, wenn man
es, wie Aristote1es es getan hat, mit der Art vergleicht, wie wdr
von der Sinneswahrnehmung zum Allgemeinen gelangen. Aber
während die Schwierigkeit zu beschreiben, was .im Geiste des
Antwortenden tatsächlich vor sich geht, kaJUm überschätzt werden kann, besteht andererseits nicht das geringste Hindernis
gegen eine Beschreibung des äußeren Ablaufs des Gesprächs
und seines logischen Ergebnisses; und mehr braucht es nicht,
um xu erklären, wie es bei Aristoteles eine Logik und eine bestimmte Methode der intrutiven Induktion geben konnte (was
die moderne Logik leugnet).
Wir sind jetzt ·am Ende unserer Nachprüfung der antiken
Grundlagen der traditionellen Logik in bezug auf iihre vier
Hauptthemen: Begriffe, Urteile, Syllogismen, Induktion. Am
Anfang dieser Untersuchung stand die Tatsache, daß es der
modernen Logik beträchtliche Schwierigkeiten bereitet, das
Wesen ihres traditionellen Gegenstandes zu definieren, und
wir fanden Grund, mit besonderem Bezug auf die Sylloglistik
des Ar.i.stoteles zu fragen: wie konnte Aristoteles den Sachgegenstand der Logik vorwegnehmen, ohne die SchwiJer.igkeiten zu bemerken? Wo fand er den Gegenstand seiner Syllogistik? Ich denke, wir können diese Frage jetzt in einer allgemeineren Form wiederholen und mit Bezug auf alle vier Themen zugleich fragen: wo hat die antike Logik ihren Gegenstand gefunden, und wie hat sie bis zu einem gewissen A'1.1Smaß den Gegenstand der modernen Logik voxweggenornmen,
99
ohne sich in die Schwierigkeiten zu v.erwickeln, die den modernen Logikern Kopfzellbrechen machen?
Die Antwort lautet nun: sie hat :ihren Geg·enstand im Bereich
des Gesprächs gefunden, und sie war frei von den modernen
Schwierigkeiten, weil sie sich fast ausschließlich auf solche logischen Tätigkeiten beschränkte, die sd.ch im äußeren Ablauf des
Gesprächs oder im äußeren Erproben zwischen zwei Personen
vollziehen ließen. Die Begriffe in Platons und AriBtoteles' Behandlungsweise sind die genauen Kor.relate zu d-er angeblich
sokratischen F;rage: "Was ist dieses oder jenes?", sicherlich
eine gesprächsweise gestel1te Frage. Die Funktion der Urteile
wurde von Platon gerade .soweit bestimmt, als es möglich ist,
die Tatsachen in einem einfachen Experiment zwischen zwei
Personen nachzuprüfen. Und was Syllogdsmen und Induktion
betrifft, so bra111che ich nicht noch einmal zu s·agen, was ich
soeben nachdrücklich dargelegt habe. Die von der antiken
Logik so gelegten Grundlagen sind, aus leicht verständlichen
Gründen - man könnte sagen, ihrer Greifbarkeit wegen ziemlich fest; nur sdnd sie einigermaßen spärLich und unzusammenhängend und kaum geeignet oder ausreichend, mehr
als verhältnismäßig wenige getrennte Teile eines modernen
logischen Systems zu tragen.
Meiner Meinung nach jedoch weis.t die moderne Logik, zumindest manche moderne Logik, verglichen mit Platon und Aristoteles, eine gewisse Einseitigkeit auf. Hier möchte ich einen
modernen Klassiker zitLeren. John Stuart Mill beginnt sein System of Logic mit einem einleitenden Kapitel über die Definition
und den Bereich der Logik. Er nimmt für sich ·das Recht in Anspruch, das Wort "schließen" in seiner erweiterten Bedeutnmg
zu verwenden, die nicht nur das Ziehen von Schlüssen, sonder.n auch die Induktion umfaßt; und er dehnt ·den Bereich
der Logik sogar über die Bedeutung der Worte "schließen"
und "Beweisführung" aus, so daß alle Tätigkeiten des menschlichen Verstandes im Streben nach Wahrheit einbegriffen sind:
Namengebung, Klassifizierung, Definition und - mit seinen
eigenen Worten - "alle anderen Tätigkeiten, die in ihren
Herrschaftsbereich einzubeziehen die Logik je beansprucht hat.
. . . Sie dürfen alle als Hilfsmittel hetrachtet werden, um einen
Menschen zu befähigen, die Wahrheiten zu erkennen, die er
100
braucht, und zwar genau in dem Augenblick, in dem er sie
braucht." Aber hieran knüpft s.ich ·eine höchst bemerkenswerte
Einschränkung: "Diese Tätigkeiten dienen auch .anderen Zwekken, zum Beispiel dem, unsere Erkenntnis anderen mitzuteilen. Aber auf diesen Zweck hin betrachtet sind sie niemals als
dem Bereiche des Logikers zugehörig angesehen worden. Alleinige Aufgabe der Logik ist es, die eigenen Gedanken eines
Menschen zu leiten; die Mitteilung dieser Gedanken an andere fällt in den Aufgabenbereich der Rhetorik, dn dem umfassenden Sinne, in dem diese Kunst von den Alten a.ufgefaßt
wurde, oder der noch weiter gespannten Kunst der Erziehung.
Die Logik nimmt unsere geistigen Tätigkeiten nur soweit zur
Kenntnis, als sie zu unserer eigenen Erkenntll1li.s und zu unserer Beher.rschung dieser Erkenntnis zu unserem eigenen Gebl'auch führen. Wenn es in der Welt nur ein ei:n:ziges vernünftiges Wesen gäbe, dann könnte dieses Wesen ·ein vollkommener Logiker sein; und die Wissenschaft und Kunst der
Logik wäre die gleiche für diesen einzigen Menschen wie für
das ganze menschliche Geschlecht."
Hier dürfen wir innehalten; was wir gelesen haben, ist erstaunlich genug. Die Rhetorik ist niemals von den in der Logik
maßgebenden Philosophen der Antike - Platon, Aristoteles oder sogar den Logikern der Stoa - natürlich kann man nicht
von ihnen aus Cicero und Quintili:an ,anrufen - in diesem
weiten Sinn aufgefaßt worden; und ebensowenig kann es in
irgendeinem möglichen Sinne wahr sein, daß die log,ischen
Tätigkeiten, wenn sie dem Zwecke dienen, unsere KenntmiSse
anderen mitzuteilen, niemals als dem Bereich des Logikers zugehörig angesehen woroen sind.
Im Gegenteil, es ist eine Tatsache, daß sogar in Aristoteles'
entwickelter Logdk des wis,senschaftlichen Syllogismus und der
ergänzenden Induktion diese beiden haJUptsächlichen "Tätigkeiten des menschlichen Verstandes im Streben nach Wahrheit" fast ausschLießlich als Arten des LehJ.,ens und Lemens angesehen werden. •Es könnte keine eind11ucksvollere Erläutenmg
der Ansicht des Aristoteles geben als den Anfang der Analytica posteriora, und um Mills glatte Vemeinung aufzuheben,
werde ich noch einmal die Oxford-übersetzung zitieren: "Jede
durch Beweisfühnmg gegebene oder empfangene Belehnmg
101
geht von bereits vorhandener Erkenntnis aus. Dies wird offenbar, wenn wir alle Arten einer solchen Belehrung überblicken.
Die mathematischen Wissenschaften und alle anderen spekulativen Disziplmen weroen auf diese Weise erworben, und
das gleiche ist der Fall bei den beiden Formen des dialektischen Schließens, der syllogistischen und der induktiven; denn
beide benutzen ·alte Erkenntnisse, um neue zu vermitteln 5,
wobei der Syllogismus eine Hörerschaft voraussetzt, die seine
Prämissen annimmt, die Induktion das Allgemeine, als im
klar erkannten Besonderen enthalten, herausstellt. Die durch
rhetorische A11gumente .ausgeübte Überr-edung wiederum tst
im Grunde das gleiche, da sie entweder das Beispiel, eine Art
Induktion, oder das Enthymen, eine Form des Syllogismus, verwendet."
Hier geht es ausschließlich um Lehren und Lernen, wenn nicht
tatsächlich um Fragen ·und Antworten, und es giJbt sehr wenig
Bemerkungen über einsames Denken .in den gesamten logischen Schriften des Aris·toteles. Nun darf natürlich ein Autor
von Mills Bedeutung das Recht in Anspruch nehmen, seinen
eigenen Stoff einstweilen so zu definieren, wie er es für richtig hält, wie Mill ~urz vorher in seiner Einführung ausdrücklich foroert. Und es wäre vielleicht auch nicht der Mühe wert,
bei einem bloß historischen Schnitzer zu verweilen. Aber es
ist die Frage, ob Mills Behauptung, die so offenkundig vom
Inhalt der Analytiken des Ar.istoteles, dem Standardwerk der
antiken Logik, abweicht, lediglich ein historischer Irrtum oder ob sie eine der Folgen eines recht .gefährlichen logischen
Vorurteils ist. Wenn die Logik darauf besteht, geistige Tätigkeiten, wie Definition, Proposition, Syllogismus und Induktion, nur iiliSoweit zur Kenntnis zu nehmen, "als sie unsere
eigene Erkenntnis fördern", ,und. überhaupt nicht als dem
Zwecke dienend, unsere Erkenntnd.s anderen mitzuteilen, kann
sie sie nur in einer Form zur Kenntnis nehmen, die mißverstanden und mißdeutet ist. Denn es is.t mehr als zweifelhaft,
ob jenes einsame vernünftige Wesen, das Mill zufolge ein
vollkommener Logiker sein könnte, Definitionen, Propositios "Neues zu vermitteln" ist etwas zu epigrammatisch. Aristoteles
sagt nur, daß beide Formen der Beweisführung für ihre Lehrtätigkeit Gebrauch von bereits vorhandener Erkenntnis machen.
102
nen, Syllo~men und induktive Verfahren genau ebenso entwickeln würde, wie es die antike Logik unter dem Einfluß des
sokratischen Neubeginns in der Philosophie getan hat, nämlich als Teile der Dialektik, der·damais neuen aber bald vergessenen Kunst, Erkenntnis durch das Gespräch zu schaffen.
Wenn die Logik wirklich mit den Methoden, anderen. Erkenntnis mitzutei1en, nichts. zu tun haben will, sollte sie sich im
Umgang mit Definitionen, Propositionen, Syllogismen und Induktion vorsehen; ihr unmittelbarer Nutzen für unsere eigene
Erkenntnis könnte .begrenzter sein, als selbst der allervorsichtigste moderne Logiker vermuten dürfte, solange er ihre Geschichte außer acht läßt.
103
LITERATURVERZEICHNIS
R. M. Cohen und E. Nagel, An Introduction to Logic and Scientific
Method, New York 1934.
J, Dewey, Logic, the Theory of Inquiry, New York 1938.
J, N. Keynes, Studies and Exercises in Formal Logic, 4. Auf!. London 1906.
H. Maier, Die Syllogistik des Aristoteles, 2 Bde., Tiibingen 1896
bis 1900.
J, S. Mill, A System of Logic,
2 Bde., 8. Auf!. London 1872.
Port-Royal Logic, The, iibers. aus dem Französischen von T. S. Baynes, 2. Aufl. 1851. Die französische Erstausgabe erschien 1662
in Paris, die 5. Auf!., von der alle späteren abhängen, 1683 ebenfalls in Paris.
C. Prantt Geschichte der Logik im Abendlande, 4 Bde., Leipzig 1855
und 1861-1870.
0. L. Reiser, Humanistic Logic for the Mind in Action, New York
1930.
W. D. Ross, Aristotle, London 1923,
C. G. Shaw, Logic in Theory and Practice, New York 1935.
J, Stenze!, Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von
Sokrates zu Aristoteles, 2. Aufl. Leipzig 1931, 3. Aufl., unveränd.
Nachdruck Darmstadt 1961; engl. übers.: Plato's Method of
Dialectic von D. J. Allan, Oxford 1940.
F. A. Trendelenburg, Geschichte der Kategorienlehre (Historische
Beiträge zur Philosophie Bd. 1), Berlin 1846.
104
INDEX
Dewey, J, 4. 104
Dinge 43. 49-51. 66. 62. 88
Akademie 23-25. 87
Alexander von Aphrodisias 90
Allan, D. J, 38. 104
Allgemeine 40. 90; s. a. Induktion
Analytica posteriora 4f. 9. 31
bis 33. 56. 85. 91f. 95-97.
101f.
Analytica priora 4f. 9. 16f. 29.
31-33. 79-83. 85
Analytiken 9. 11. 16 f. 19. 30.
36. 56 f. 63. 74. 91
"an sich" 42-44
Antisthenes 63-68
Apologie 24
Argumentieren, künstliches 18;
s. a. Syllogismus
Aristoteles 4f. sf. 11-16. 21.
24f. 28f. 39f. 43. 56f. 80 bis
87. 93-101
Arpe, C. 39
Einzelheiten 76; s. a. Induktion
Erfahrung 59 f. 69. 81. 84. 96
Erkenntnis 64. 66. 88. 96 f. 101.
103
Erziehung, philosophische 23
bis 26. 87
epagoge 89
Euthydemos 75 f.
Euthyphron 44f.
Falsches s. Wahres und Falsches
Figuren, syllogistische 8. 16. 21.
79
Geistesgymnastik 17-19. 23. 74
Gespräch 8. 17-19. 25 f. 67. 72.
100
Grammatik 57-59. 70
Hegel, G. W. F. 16f.
horos 36-38
Begriff 33 f. 38-41. 44 f. 54.72 f.;
s. a. Idee, Terminus
Beweis, -führung 5. 79. 85. 88.
92f. 97
Brandis, ehr. A. 11
Bücher 24f.
Idee 37. 39-46
Induktion 89-100
intuitive Induktion 92. 96-99
Charmides 42
Cicero 87f.
Cohen, M. R. u. E. Nagel 6. 12.
15. 55. 95 f. 104
concept 33. 38
Definieren 35
Defmition 36-42. 44 f. 72. 88
De interpretatione 28. 30. 38.
57-71
Denken 25 f. 69-71
De partibus animalium 93
Johnson, W. E. 96 f.
Jowett 6. 24. 69
Kapp, E. 4. 84. 86
Kategorien 28, 30 f. 46-52
Kategorien 28. 30. 47. 49-51
. Keynes, J. N. 4. 29. 55. 104
Klassifikation 45. 72
Konklusion s. Schluß
Ladles 42
Logique de Port-Royal 29. 34f.
105
49. 53. 73 ..94. 104
Logos 25. 67
Maler, H. 14. 16. 30. 104
Menon 41 f. 98
Metaphysik 40. 43. 48. 61. 98f.
Mill, J. St. 32-35. 48. 49. 55.
100-102. 104
Nachprüfung durch Induktion
92f.
'
Nagel, E. s. Cohen, M. R.
Name 32-35
Nidtt-sein 66
Organon 9. 12. 30. 74
Panofsky, E. 7
Phaidon 41 f. 44
Phaidros 73
Platon 6. 23-25. 27. 36. 39-46.
63-73. 75-77. 81, 89f. lOOf.
Prädikat 32. 34. 46 f. 65. 68. 73.
83
Prämisse 8f. 20f. 78. 82-87;
s. a. Proposition
Prantl, C. 5. 13. 38. 87. 104
Prinzip, syllogistisches 78-80
Prinzipien 94 f.
Probleme, Einteilung der 78
Proposition 20. 22. 28-30. 32
bis 35 37. 54-58, 62. 92; s. a.
Prämisse
Psychologie 14. 21 f. 43 f. 56.60 f.
70f. 91f.
Schlußsatz, -folgerung 18. 20 bis
22. 82-88
Sextus Empiricus 88
Shaw, C. G. 34. 54. 104
Sinneswahrnehmung 70. 85. 91.
96
Sokrates 18. 24f. 36. 38-40. 63.
98f.
Sophistes 63-71. 83
Sophistische Widerlegungen 74f.
77f. 80-82.
Sprache 66-68
Staatsmann 89
Stenze!, J. 4. 38. 41. 104
Stoa 87f.
'
Subjekt 34f. 65. 68 f. 73. 83
Syllogismus 4f. 8f. 15-26. 28
bis 30. 56f. 74. 79-88
Syllogismus, apodiktischer 8 f.
Syllogismus, dialektischer 8f. 17
bis 24
Syllogismus, wissensdtaftlicher
88
Rede 25. 67-69. 71
Reiser, 0. L. 54. 58. 104
Rhetorik 10. 58. 101
Ross, Sir D. 13 f. 16. 51 f. 78.
90. 97. 104
Satz 50f. 55. 57f. 64. 66-71. 73.
83
Schließen 53. 95 f. 100
106
Terminus 30-33. 35. 37 f. 54;
s. a. Begriff
Topik 9-11. 15-25. 30f. 36. 46
bis 48. 52. 56f. 72-74. 77f.
80-83. 9Q-92. 98
Trendelenburg, F. A. 52. 104
Trugsdtlüsse 74-77. 80. 82. 92
aber die Seele 61
Urteil 22. 28-30. 53-56, 62.
69 f. 72. 99 f.
Wahres und Falsches 58. 61. 69.
71. 73
"Was ist das7" 38-41. 45. 100 ·
Wort 29. 31. 5of. 59-62. 64.
67 f. 70f.
Xenophon 18
INHALT
Vorwort
I. Kapitel: Der Ursprung der Logik als Wissenschaft .
II. Kapitel: Begriffe, Tennini, Definitionen, Ideen, Kate• . . . . . . . . . . .
gorien
3
7
27
III. Kapitel: Urteile, Subjekt. und Prädikat .
53
IV. Kapitel: Syllogismen
72
V. Kapitel: Induktion, antike und moderne Logik
89
Literaturverzeichnis
104
Index . . . . .
105