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SCHLESISCHE HEHGWACHT
Seite 3117
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Eine sdtlesische Kriminalaffäre I Von Hans-Eberhard von Besser
Es ist schon lange her, seit in der Schmie­
deberger Gegend, im - wie die Presse da­
mals berichtete - schlesischsten Schlesien,
der Staudenhof im Mittelpunkt des Inter­
esses stand. Vorübergehende blickten da­
mals scheu zu dem Gutshof hinüber, und
manches bäuerliche Gefährt hielt kurz an,
denn man wollte den Staudenhof heimlich
mustern. Jedermann hatte mit Grauen von
der Tragödie gehört, die sich hier ab­
gespielt. Der Besitzer Eduard Klein, der
mit seinem Bruder Gustav und dessen Sohn
Max zusammen auf dem Hof wohnte, hatte
durch Gift den Tod gefunden. Alle in der
Gegend wußten, daß Eduard Klein ein
sonderbarer Kauz war, der der Alchemie
verfallen, ständig experimentierte, mischte
und allerlei zu erfinden suchte. Eines
Abends rief er nach dem Genuß eines
Glases Grog: "Ich bin vergiftet: Strichnin!"
Wenige Augeblicke später war er tot.
Die Wirtschafterin sagte vor Gericht aus,
daß Eduard Klein ein Opfer seiner Unord­
nung und seiner Kurzsichtigkeit geworden
sei. Er habe wohl statt Zucker Gift in das
Glas getan; schon immer habe sie sich über
seine nachlässige Art erbost; denn wer mit
Giften und Säuren umgehe, müsse wenig­
stens Ordnung halten. Die Staatsanwalt­
schaft Hirschberg hielt es nicht für gege­
ben, eine Sektion der Leiche anzuordnen.
Im Leutegerede aber war der Fall noch
nicht erledigt; der Staudenhof blieb weiter­
hin im Mittelpunkt; Gerüchte entstanden,
fraßen sich ein, verbreiteten sich. Man
wollte wissen, daß der Sohn Max von dem
Onkel Eduard als Erbe zurückgesetzt wer­
den sollte. Die (Schmiedeberger erinnerten
sich auf einmal, daß der kinderlose Guts­
besitzer sein Vermögen in einer Leibrente
anlegen wollte, um es dem Neffen zu ent­
ziehen. Niemand dachte mehr daran, daß
sich der Neffe Max mit seinem Onkel bes­
sei gestanden als mit seinem Vater, der
gegen die Heirat mit Martha Bergmann,
der Tochter des Breslauer Steuerrevisors
gewesen war. Und man vergaß, daß Eduard
Klein es gewesen war, der seinen Bruder
Gustav umstimmte und dem Neffen zu der
Heirat verhalf.
Allmählich verebbten die Tuscheleien
und das Gerede, der Staudenhof wich aus
dem Blickfeld der Gebirgler und nahm
wieder sein alltägliches Gesicht an. Wie
sein Onkel Eduard hatte Max Klein die
Gabe und Neigung zu chemischen Experi­
menten geerbt, neigte er zu alchimistischen
Dingen und unterhielt, wie man wissen
wollte, eine "Zauberküche". Er war nach
Gablonz im Sudetenland gegangen und
hatte dort eine Firma gegründet, die das
von ihm erfundene "Litolit" ein Mittel ge­
gen Kälberruhr - vertrieb. Nur ab und
an zum Wochenende kam er auf den Stau­
denhof. Seine Frau hatte sich inzwischen
ihren 19jährigen Bruder Fritz zur Hilfe auf
den Hof geholt.
So gingen etwa fünf Jahre dahin, und
fast hatte man die Tragödie auf dem
Staudenhof, die Eduard Klein das Leben
kostete vergessen. Da ging eine neue er­
regende Nachricht durch die ganze Gegend:
Gustav Klein sei durch einen Sturz von der
Treppe ums Leben gekommen! Im Nu wa­
ren die Gerüchte wieder lebendig, die alte,
längst verklungene Geschichte, die myste­
riöse Vergiftung Eduard Kleins, war in
aller Munde. Und .Neues kam hinzu! Auf
einmal wußte man, daß Gustav Klein bei
seinen Kindern als Geizkragen verschrien
war und der Sohn geäußert haben sollte:
"Es wäre gut, wenn der Alte bald weg
wäre!" Bei seinem Hausarzt, so wurde
erzählt, habe Gustav Klein sich bitter be­
klagt, auf seinem eigenen Grund und Bo­
den von den Bergmanns wie ein Hund
behandelt und nicht einmal gegrüßt zu
werden. Auch erfuhr man, daß Gustav
Klein durch Fritz Bergmann Geld entwen­
det worden war. Es habe mächtigen Krach
gegeben, und Fritz Bergmann sei vom
Staudenhof gewiesen worden. Heimlich sei
er aber zurückgekommen, und seine Schwe­
ster habe ihn eingelassen. Er sei die Treppe
hinaufgegangen und habe an des Alten
Tür geklopft. Gustav Klein habe geöffnet
und gefragt, wie er überhaupt ins Haus
gekommen sei. Dabei sei er hinuntergegan­
gen, um die Haustür zu schließen. Ein Beil
aus der Tasche ziehend, habe Bergmann
dem alten Mann den Schädel zerschmettert,
Darauf habe er alle Schubladen durchwühlt
und das vorhandene Bargeld mitgenom­
men.
Kurzum, der Staudenhof stand wieder
hoch im Gerede. Immer weitere Einzelhei­
ten sickerten durch. Schließlich wollte man
WIssen, daß der zu seinen Eltern nach Bres­
lau geflüchtete Bergmann bereits ein Ge­
ständnis abgelegt, aber behauptet habe,
sein Schwager Max Klein habe ihn bei
einem Sonntagsbesuch auf dem Staudenhof
zu dem Mord angestiftet.
Polizei und Gericht griffen ein. Gustav
Klein, stellte man fest, war durch einen
Axthieb erschlagen w2!den. Der Polizei­
kommissar erklärte später unter Eid: "Ich
sagte sofort, dem ist wohl nochgeholfen
worden, und dachte dabei an die alte Ver­
giftungsgeschichte." Der Amtsrichter, der
nach dem Polizeikommissar den Tatbestand
auf dem Staudenhof aufnahm, stand eben­
falls unter dem Eindruck der Gerüchte. Der
Untersuchungsrichter sagte unter Eid spä­
ter als Zeuge aus: "Von vornherein war
ich ebenso wie der Staatsanwalt und ganz
Schmiedeberg der Ansicht, daß der Mörder
- das heißt, der des Mordes geständige
Schwager Max Kleins, Fritz Bergmann _
die Tat nicht aus sich allein heraus began­
gen habe. Die alte Geschichte von der Ver­
giftung des Onkels Eduard wachte wieder
auf."
In der Anklageschrift wurde das
Schmiedeberger Gerücht eingehend dar­
gelegt und das Ergebnis mit folgenden
Worten gezogen: "Es bleibt nur übrig, daß
ihm (Eduard Klein) von einer an seinem
Tod interessierten Persönlichkeit, als welche
die allgemeine Meinung in Schmiedeberg
den An?�schuldigten Max Klein bezeich­
nete, heimlich Strichnin beigebracht ist."
Wie schon so oft erwiesen sich die Indi­
zien als eine unheimliche Macht, die Max
Klein zum Verhängnis werden sollte. Die
Familia Bergmann beschwor ihre Tochter,
dem Bruder zu helfen, und so gab Martha
Klein dem Untersuchungsrichter schwer
belastcndj, Erklärungen ihres Mannes zu
Protokoll. Man hoffte,· wenn man Fritz
Bergmann als Opfer einer Verführung
durch seinen älteren Schwager hinstellte,
mildernde Umstände zu erreichen. Schon
am nächsten Tag aber widerrief Martha
Klein ihre Angaben mit der Begründung
sie seien ihr abgepreßt worden. Vor dem
Schwurgericht sagte sie eindeutig: "Mein
Bruder lügt, mein Mann hat ihn nicht zu
d=m Mord angestiftet, er hat nichts davon
gewußt."
Sechs Tage dauerte die Gerichtsverhand­
lung; Fritz Bergmann wurde wegen Mor­
des und Max Klein wegen Anstiftung zum
Tode verurteilt; Martha Klein erhielt we­
gen Beihilfe vier Jahre Zuchthaus. Die
Revision Max Kleins wurde 'Verworfen,
aber die Todesstrafe in lebenslängliches
Zuchthaus umgewandelt.
Mein Urgroßvater
Gern höre ich meinen Eltern und Ver­
wandten zu, wenn sie sich von weit zu­
rückliegenden, lustigen Begebenheiten aus
ihrer fernen Heimat, dem schönen Schle­
sien, erzählen. Was muß das damals für
eine gemütliche Zeit gewesen sein. Die
Menschen lebten nicht mit all den techni­
schen Hilfsmitteln und Sensationen so wie
heute, sondern ihr Tagewerk war mühsam
und der Verdienst gering. Doch spiegelt
sich aus den Erzählungen eine gewisse Ro­
mantik und vor allen Dingen eine Zufrie­
denheit wider.
Mein Urgroßvater zum Beispiel war
Maurer von Beruf, und wie es so bei die­
sen Handwerkern ist, wurde bei jedem
neuen Haus, genau noch so wie heute,
ein zünftiges Richtfest gefeiert. Der Ur­
großvater war der Ansicht, daß er bei sol­
chen Gelegenheiten so viele Schnäpse wie
nur möglich verdient hatte. Doch seine
Frau, die Henriette, pflegte mit dieser An­
gewohnheit ihres Gatten nicht so ganz ein­
verstanden zu sein; denn jedesmal, wenn
er angesäuselt nach Hause kam, vollführte
sie ein arges "Donnerwetter".
Eines Tages nun war es wieder mal so
weit und in Krummhübel war ein Richtfest
zu feiern. Als der Umtrunk spät in der
Nacht zu Ende war, macht sich mein Ur­
großvater auf Schusters Rappen auf den Weg
heimwärts nach Seidorf. Außer dem Mond
und den Sternen leuchtete ihm niemand
heim, und nicht mehr ganz sicher auf den
Beinen, versteht es sich, daß er oft stol­
perte. Nun war es aber so, daß ein Nach­
bai aus Seidorf den selben nächtlichen
. Heimweg hatte und plötzlich in der Dun­
kelheit jemanden vor sich hergehen sah.
Er blieb immer ein paar Schritte zurück,
da ihm der Wanderer vor ihm, den er noch
nicht erkannt hatte, etwas unheimlich vor­
kam; denn jedesmal, wenn dieser irr's Stol­
pern kam, brummte er was merkwürdiges
vor sich hin. Da der Mann aber sonst einen
friedlichen Eindruck macht, wagte sich der
Nachbar schließlich näher heran, und er er­
kannte meinen Urgroßvater. Nun verstand
er auch, was dieser dauernd vor sich her
sagte. Jetzt auf dem Heimweg mußte er
plötzlich an seine Frau gedacht haben und
das schlechte Gewissen plagte ihn; denn
jedesmal, wenn er wieder ins Schleudern
kam und merkte, daß er viel zuviel über
seinen Durst getrunken hatte, schimpfte
er mit sich selbst: "Siehste, du verfluchter
Hund, hoast dich wieder so besuffa, woas
wird och Jette soagen." Was Jette bei seiner
Heimkehr gesagt hat ist sicher nicht schwer
zu erraten.
Monika Heinrich