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Текст
Wolfdietrich v. Kloeden
Der junge Søren Kierkegaard
Kindheit - Jugend - Studienbeginn
LIT
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Wolfdietrich v. Kloeden
Der junge Søren Kierkegaard
THEOLOGIE
Biographisch
Band 5
LIT
Wolfdietrich v. Kloeden
Der junge Søren Kierkegaard
Kindheit – Jugend – Studienbeginn
LIT
Umschlagbild:
Kierkegaard-Denkmal in Kopenhagen, Foto: Lucian Freudenberg
½
Gedruckt auf alterungsbeständigem Werkdruckpapier entsprechend
ANSI Z3948 DIN ISO 9706
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über https://dnb.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-643-15449-1 (br.)
ISBN 978-3-643-35449-5 (PDF)
©
LIT VERLAG Dr. W. Hopf
Berlin 2024
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I NHALT
Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
Geleitwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3
1. Zugang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
2. Der Vater in Jütland: Vorfahren, religiöse Strömungen,
Kindheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
3. Der Vater in Kopenhagen: Jugend, Aufstieg und
Etablierung als Geschäftsmann . . . . . . . . . . . . . . . . 25
4. Das Heim (I) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
5. Das Heim (II) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
6. Vater und Sohn: „Erzogen von einem Greis“ – Die
väterliche, christliche Erziehung des S. Kierkegaard. . . . . 61
7. Die Schule. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
8. Zusammenfassung der eigenen Beurteilung von Kindheit
und Jugend im Rückblick durch S. Kierkegaard selbst. . . . 91
9. Der Beginn des eigentlichen Studiums . . . . . . . . . . . . 93
Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
VORWORT
Bei allen Personen wird der Vorname meistens zuerst ausgeschrieben. In der Folge wird nur der Anfangsbuchstabe des Vornamens
genannt. Bei Verwechslungsmöglichkeiten wird der Vorname immer
ausgeschrieben.
Die Grundlage für diese Arbeit bilden meine Artikel in Bibliotheca Kierkegaardiana: Kierkegaard’s View of Christianity: The Home
and The School, Kopenhagen 1978 und Kierkegaard as a Person: Der
Vater Michael Peder Kierkegaard, Kopenhagen 1983. Es galt neue
Hintergründe aufzudecken. Unbekanntes wird so ans Licht gezogen.
Bedeutsam ist die Prägung S. Kierkegaards durch seine Lehrer.
Zwei Jahrzehnte liegt das Manuskript über den jungen Kierkegaard bei mir. Ursprünglich sollte der literaturgeschichtliche Rahmen eingearbeitet werden. Es geht um Schriftsteller wie Adam Oehlenschläger, Johan Ludvig Heiberg, Steen Steensen Blicher, Hans
Christian Andersen und Nikolai Frederik Severin Grundtvig. Außerdem geht es um Persönlichkeiten wie Ludvig Holberg, der zur Zeit
des jungen Kierkegaard das Kopenhagener Theater bestimmte. So
war das Wochenblatt „Kjøbenhavns Flyvende Post“ eine willkommene Lektüre für das Bürgertum. J.L. Heiberg gab es heraus und
„verzierte“ es fast in jeder Ausgabe mit seinen Gedichten. Diese Autoren wie andere große Dichter Dänemarks sollen extra in einer Literaturgeschichte Dänemarks behandelt werden. Nur Dichter wie Poul
Martin Møller und Frederik Christian Sibbern, die in näherer Beziehung zu Kierkegaard standen, werden in der vorliegenden Arbeit
berücksichtigt.
Ohne die Hilfe einiger Personen wäre die Fertigstellung dieses
Büchleins nicht möglich gewesen. Ganz besonders danke ich Lucian
und Matthias Freudenberg für umfangreiche redaktionelle Arbeiten
und Gesine v. Kloeden für die Bearbeitung des Literaturzverzeichnisses und die Endredaktion. Dem L IT Verlag sei für die Aufnahme
in seine Reihe „Persönlichkeit im Zeitgeschehen“ gedankt.
G ELEITWORT
Søren Kierkegaard gilt zurecht als der erste genuin moderne Philosoph und Theologe. Er hat nicht nur die idealistische Vorstellung
des Eingebundenseins der menschlichen Subjektivität ins Absolute
durch die Idee des Einzelnen als eigenständiges geistiges Wesen ersetzt, er hat, in eins damit, auch den Glauben neu gefasst: er ist kein
Wissen um einen der Seele eingeborenen Gottesbezug, sondern eine
Option, pathetischer gefasst: ein zu ergreifendes Wagnis.
Darin liegt zugleich Kierkegaards geschichtliche Bedeutung. Seine Schriften haben eine existenzialistische Anthropologie initiiert,
die erst im 20. Jahrhundert philosophisch aufgegriffen wurde, sowie
eine zeitgleiche „Dialektische Theologie“ inspiriert, welche die Offenbarung Gottes in Christus als ein aus nichts heraus zu klügelndes
„absolutes“ Datum begreift. Ohne den Einfluss Kierkegaards sind
weder Jaspers, Heidegger und Wittgenstein noch Barth, Brunner und
Bultmann zu verstehen.
Die Tatsache, dass Kierkegaard diese folgenreichen Neubestimmungen innerhalb von nur 14 Jahren bereits um die Mitte des 19.
Jahrhunderts literarisch auszuarbeiten vermochte, hat schon immer
die Neugier auf die Person entfacht. Wer war dieser Mensch, der
die Vorstellungskraft und die logische Konsequenz aufbrachte, um
solch grundstürzende Gedanken zu einer stimmigen Gesamtauffassung zu fügen? Und: In welchem persönlichen und intellektuellen
Milieu konnten sie sich entwickeln?
Es versteht sich von selbst, dass diese Fragen nicht leicht zu beantworten sind; sie haben daher auch allerlei Antworten hervorgebracht, die entweder durch eine zu große historische Nähe oder Distanz sowie eine beschränkte Übersicht über die biographischen Daten begrenzt, oder durch die jeweils eigene Kierkegaard-Deutung bestimmt sind. Ins Auge fällt vor allem die Konzentration auf den Komplex von Schuld und Sündenbewusstsein, dessen Bedeutung man allzu kurschlüssig aus der Beziehung zum Vater abzuleiten versucht.
4
G ELEITWORT
Die vorliegende Darstellung von Wolfdietrich v. Kloeden (Mitglied der Kierkegaard Akademie und Member of Board des International Kierkegaard Commentary, Autor zahlreicher Abhandlungen
und Aufsätze zu Grundbegriffen der Philosophie Kierkegaards) ist
vor diesem Hintergrund zu lesen.
Der Autor gibt einen Einblick in das vielgestaltige intellektuelle, literarische und religiöse Milieu, in dem der Vater (M.P. Kierkegaard) aufwuchs, sowie in die dramatischen politischen Veränderungen, in die Søren hineingeboren wurde, schildert die Herkunft und
das ereignisreiche Leben des Vaters, beschreibt das familiäre und
weitere Umfeld, in dem Søren aufwuchs, erzählt von seiner Schulzeit, zeichnet ein reizendes Charakterbild des späteren Autors und
erörtert sein ambivalentes Verhältnis zum Vater. Den Abschluss bildet ein Bericht über Sørens frühes Studium und die Einflüsse seiner
wichtigsten Lehrer.
Der vorliegende Text ist dicht und reich, die Konsequenzen für
eine Deutung des Werkes von Søren Kierkegaard werden nur angedeutet. Besonders hervorzuheben ist noch die Vertrautheit des Autors mit dem Dänischen. Allein die Färbung, die der Gebrauch des
Begriffs Innerlichkeit im Dänischen hat, dürfte die Verwirrung über
ein „Selbst, das sich zu sich selbst verhält“ in Luft auflösen.
August 2023
Dr. Stefan Hübsch
1. Z UGANG
Einen großen Denker kann man nicht durch Einzelbeobachtungen
erfassen. Die ganze Person aus der Gesamtstruktur der Zeit heraus
zu verstehen, muss die Devise lauten. So versteht es sich auch bei
der Begegnung mit einem Genie wie Søren Kierkegaard. Seine Zeit,
seine Umwelt, seine Familie, wurzelnd im Boden europäischer Geschichte, gilt es zu ergründen. Damit wird der Rahmen abgesteckt
für ein Kierkegaardbild, das zugänglich ist.
Um ein Beispiel zu geben: Die zentrale Figur von S. Kierkegaards Vater muss in das religiöse und politische Leben seiner Zeit
hineingestellt werden. Das Bild des Vaters ist sowohl vom Pietismus Herrnhuts wie auch von der Persönlichkeit Bischof Jacob Peter
Mynsters, des Vertreters der Staatskirche, her zu verstehen.
S. Kierkegaards Entwicklung stand im Spannungsfeld zwischen
dem frommen, zugleich patriotisch gesonnenen, Vater und dem Bischof der Staatskirche. Hoch empfindsame Glaubenssuche verband
sich mit der kritischen Frage nach dem Zustand der Staatskirche. Der
Leidensweg Christi und der ersten Zeugen auf der einen Seite, das
Trachten nach den äußeren Dingen durch die Geistlichkeit auf der
anderen Seite, brachte für S. Kierkegaard die Unruhe des Herzens,
den Aufbruch zur großen Fragestunde: Wer und was ist noch redlich
in dieser Zeit?
Die Suche nach dem Menschen, der sich selbst hinterfragen
kann, war dabei Ziel und Aufgabe. Es galt, aus der Schwermut,
Angst und Verzweiflung heraus den Weg in das Leben zu finden. Das
wird das große Thema sein, das sich mit den Strömungen der Zeit-,
Denk- und Literaturgeschichte verbindet. Diesen gegenüber zeigte
S. Kierkegaard sein ganzes Leben hindurch Interesse. Die Neugier
6
1. Z UGANG
des jungen S. Kierkegaard zwang ihn zur Orientierung in der zeitgenössischen Literatur, Philosophie und Theologie. Die Vielfalt der
Suchwege war nicht Ausdruck der Zerstreuung, sondern der Lebensaussage, die den Menschen trägt.
Ein Rückblick sei gestattet. Das politische Leben in Dänemark
war nach der restaurativen Periode von Ove Jørgensen HøeghGuldberg (1731–1808) und auch während dieser nicht ganz ohne Fortschritt. Spuren der Reformen durch Johann Hartwig Ernst
von Bernstorff (1712–1772) und vor allem durch Johann Friedrich
Struensee, geb. 1737, hingerichtet am 28. April 1772, ließen sich
nicht verleugnen. Ein liberaler Grundzug trat ein, als O. Guldberg
1784 vom sechzehnjährigen Kronprinzen, dem späteren Friedrich
VI. (1808–1839 König), abgelöst wurde. J.F. Struensees Erbe bestand in einem umfangreichen Sparprogramm und dem Ausbau des
Rechts- und Gesundheitswesens.
Zur Zeit J.F. Struensees hatte Kopenhagen 70.000 Einwohner. Im
Mutterland Dänemark wohnten 785.000 Menschen. Das waren die
Gegebenheiten, als der Vater S. Kierkegaards Michael Peder Kierkegaard 1768 als Elfjähriger aus Jütland nach Kopenhagen kam. Nahezu alle Bewohner Dänemarks gehörten der evangelisch-lutherischen
Staatskirche an.
König Friedrich VI. hatte es Anfang des 19. Jahrhunderts schwer.
Er musste zwei britische Seeangriffe auf Kopenhagen 1801 und 1807
überstehen. Ein Teil der Innenstadt fiel dem Bombardement zum Opfer, darunter die Frauenkirche, die dann im klassizistischen Stil wiederaufgebaut wurde. Außerdem musste der König die dänische Flotte an die Briten ausliefern. Friedrich VI. verbündete sich daraufhin
mit Napoleon I., was ihm keine Erleichterung verschaffte. Nach der
Besiegung Napoleons 1813 musste der dänische König im „Kieler
Frieden“ 1814 Helgoland an England ausliefern und, was noch viel
schlimmer war, Norwegen an Schweden.
Im Gegensatz zum politischen Abstieg gab es eine kulturelle
Blütezeit, besonders in der bildenden Kunst und Dichtung. Aber
1. Z UGANG
7
auch die Wissenschaften einschließlich der Theologie erlebten einen
Aufschwung. Von dem inhaltsreichen Zeitalter der dänischen Kunst
spricht man auch heute. Bertel Thorvaldsens Skulpturen haben europäischen Rang. Zu erinnern ist an die Christusfigur in der damals neu
errichteten Frauenkirche. Die Kopenhagener Kunstakademie hatte
ebenfalls europäischen Ruf. Zu ihr kamen berühmte deutsche Maler
wie Philipp Otto Runge und Caspar David Friedrich. Die dänische
Malerei nahm ihren Aufschwung mit Christoffer Wilhelm Eckersberg.
Die Blütezeit der Literatur wie der Kunstszene wird dänisch
mit „Guldalder“ („Goldenes Zeitalter“) bezeichnet. Hier geht es um
Weltliteratur. Die Hauptrepräsentanten sind Hans Christian Andersen und S. Kierkegaard. Von beiden wird noch ausführlich zu sprechen sein. Dazu ist hier Folgendes zu sagen: H.C. Andersens Durchbruch geschah 1835 mit der Herausgabe seiner ersten Märchen. Gelegenheitsstücke, Gedichte und Romane gingen den Märchen voraus.
Das alles war die Vorbereitung für die Erneuerung des Volksmärchens und die eigene, erlebnisreiche Schöpfung literarischer Märchen. Der Ausgangspunkt des Märchens ist die Wirklichkeit, die
nicht wie im romantischen Kunstmärchen aufgehoben wird. Deutlich
wird das an einem Märchen wie „Den lille Pige med Svovlstikkerne“
(„Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“).
Von großem Einfluss über seine nordische Heimat hinaus war
N.F.S. Grundtvig als Historiker mit biblischer Wegweisung, als Kirchenlieddichter und als Gründer des Volkshochschulwesens. S. Kierkegaard griff ihn immer wieder an, da er bei ihm die Entscheidung
des Einzelnen vermisste. Umgekehrt predigte N.F.S. Grundtvig im
„Kirchenstreit“ (1854/55) gegen S. Kierkegaards scharfe Kirchenpolemik.
1802/03 brachte Henrich Steffens die Romantik nach Dänemark.
Seine Vorlesungen in Ehlers Kollegium wurden berühmt. Zu seinen
Füßen saß die gesamte geistige Elite Kopenhagens bzw. Dänemarks.
U.a. hörten ihn die Brüder Anders Sandøe und Hans Christian Ørs-
8
1. Z UGANG
tedt, J.P. Mynster, N.F.S. Grundtvig und Adam Oehlenschläger. Letzterer sagte über H. Steffens, dass er ihn ganz zu sich selbst gebracht
hätte. A. Oehlenschläger wurde der Repräsentant der Romantik in
Dänemark schlechthin. Sein Schauspiel „Aladdin“ (1805) gilt heute
noch als herausragende nationale Dichtung. Es begleitete auch Kierkegaard sein Leben lang.
H. Steffens brachte seinem Publikum auch die Naturphilosophie
Friedrich Wilhelm Joseph Schellings nahe. Die Theogonie verband
er mit dem Naturverständnis. Harmonie war der Grundtenor, die Suche nach einer Naturmetaphysik. Hier hatte er großen Einfluss auf
H.C. Ørsted, dessen Werk „Aanden i Naturen“ (1850/51), deutsch:
„Der Geist in der Natur“ (1854) geradezu symptomatisch war für
die Verbindung von romantischer Weltanschauung und Naturphilosophie. Epochemachend war H.C. Ørsteds Entdeckung des Elektromagnetismus (1820). Dieser bedeutende Physiker war mit H.C. Andersen befreundet und brachte diesem die Vorstellung einer Grundharmonie in der Natur nahe – mit Blickrichtung auf den Menschen.
Das geistige Kopenhagen in den dreißiger und vierziger Jahren
des 19. Jahrhunderts ist aber undenkbar ohne den Kontrapunkt zur
reinen Romantik – allerdings ohne Leugnung von deren Grundaussage. Es ist die Richtung, die in der dänischen Literaturgeschichte als
„Romantismen“ bezeichnet wird. Ihr Hauptvertreter ist J.L. Heiberg.
Bei ihm ging es um die Wegbereitung einer realistischeren Tendenz,
einer Öffnung zum Alltag, verbunden mit einer hohen, fein abgestimmten Ausformung. Der Ästhetiker des „Guldalders“ brachte sich
ein. Hier sehen wir die starke Verbindungslinie zum jungen S. Kierkegaard.
J.L. Heiberg war in allen Sparten der Dichtung zu Hause. Er
schrieb ästhetische Abhandlungen, eine Reihe von Vaudevilles, Epen
und glänzende Zeitschriftenartikel. Er gab „Kjøbenhavns Flyvende
Post“ heraus, worin sich bedeutende Köpfe sammelten. Seine kritische Haltung gegen jede Oberflächlichkeit des Publikums drückte
sich in seiner Dichtung „En Sjael efter Døden“ („Eine Seele nach
1. Z UGANG
9
dem Tode“) und in seinen „Neuen Gedichten“ (beides 1841) aus. Die
Skepsis gegenüber dem „Publikum“ übernahm dann S. Kierkegaard.
In J.L. Heibergs gastfreiem Haus verkehrte ein Teil der Intelligenz von Kopenhagen. Die Familie war berühmt. J.L. Heibergs Vater Peter Andreas Heiberg war selbst ein bedeutender Dichter. Dieser
musste wegen seiner liberalen Haltung die Heimat verlassen und lebte in Paris im Exil. J.L. Heibergs Mutter Thomasine GyllembourgEhrensvärd, geb. Buntzen, war selbst eine berühmte Schriftstellerin.
Mit 54 Jahren begann sie ihre eindringlichen Novellen in der Zeitschrift ihres Sohnes zu veröffentlichen. Hier ist vor allem die Novelle
„To Tisaldre“ („Zwei Zeitalter“), von 1845, die durch S. Kierkegaard
berühmt wurde, zu nennen. Der ganze Komplex der Novellen von
J.L. Heibergs Mutter wurde nach dem Titel der einen „Hverdagshistorier“ („Alltagsgeschichten“) genannt. Von ihnen waren nicht nur
S. Kierkegaard, sondern auch Dichter wie Carsten Hauch und Poul
Martin Møller begeistert.
Mit P.M. Møller betrat eine liebenswürdige Erscheinung die Bühne der dänischen Dichtung und Philosophie. Seine Dichtung „En
dansk Students Eventyr“ („Abenteuer eines dänischen Studenten“),
Kapitel I–III, zuerst vorgelesen vor Studenten (1824), begeisterte das
junge Publikum. Seine „Strøtanker“ („Streugedanken“ bzw. „Verstreute Gedanken“), erst posthum 1837 herausgegeben, beeinflussten
direkt die „Diapsalmata“ in S. Kierkegaards großem Erstlingsroman
„Enten – Eller“ („Entweder – Oder“) von 1843.
P.M. Møller war zwar von Georg Wilhelm Friedrich Hegels Dialektik beeinflusst, betonte aber den Eigenwert der Persönlichkeit.
Diese muss ihre Berechtigung behalten. In diesem Zusammenhang
tauchte bei P.M. Møller der Begriff des „Existentiellen“ auf. Hier
liegt die Verbindung zu seinem Schüler S. Kierkegaard. In dieser
Hinsicht war auch der Philosoph Frederik Christian Sibbern von
großem Einfluss auf S. Kierkegaard. Er, wie auch P.M. Møller, vertraten in Dänemark die Lebensphilosophie. F.C. Sibbern gelang das
Zusammenspiel von Philosophie und Psychologie, um die individu-
10
1. Z UGANG
elle Persönlichkeit zu unterstreichen. Er bettete sie aber in die historische Totalität ein. So konnte später S. Kierkegaard die Ideen beider
Denker für seinen Kampf gegen das Hegelsche System verwenden.
Es muss noch eines wichtigen Schriftstellers gedacht werden, der
S. Kierkegaard maßgeblich beeinflusst hatte. Das ist der jütländische
Dichterpfarrer St. Blicher. Mit seinen Erzählungen aus dem Alltag
des Dorflebens gab er dem frühen Realismus in der dänischen Literatur Raum. Hier bot er zusammen mit T.C. Gyllembourg ein Gegenbild zur Romantik. Er setzte sich auch von dem „Romantismen“
eines J.L. Heiberg ab und bereitete den Weg des Realismus von Meïr
Aron Goldschmidt vor, des einstigen Gegners von S. Kierkegaard.
Bedeutend wurden für den jungen S. Kierkegaard auch andere Dichter des „Goldenen Zeitalters“ wie Christian Walther, Henrik Hertz und Frederik Paludan-Müller. Letzterer erregte Aufsehen
mit seiner Dichtung „Dandserinden“ („Die Tänzerin“) von 1833, eine ironische Darstellung der Liebe. Wichtig wurde das gegen den
Überschwang der Romantik gedichtete große Werk „Adam Homo“
(1841–1848). Es ist auf der Grundlinie der Heibergschen Romantikkritik zu verstehen. Ein Teil der erwähnten Dichter war mit dem
„Bakkehus“ verbunden, jener Begegnungsstätte, die das Ehepaar
Rahbeck geschaffen hatte.
Die religiöse Situation zur Zeit von M.P. Kierkegaard war durch
ein Erwachen in Richtung tiefgreifender Frömmigkeit geprägt. Hier
spielten der Einfluss romantischer Dichtung und Strömungen der
Transzendentalphilosophie Schellings hinein. Es gab religiöse Gruppenbildungen in Form freikirchlicher Vereinigungen, nicht immer
von der Staatskirche geleitet. Pietistische Konventikelbildungen brachen sich ebenfalls Bahn. Große Bedeutung für Dänemark erhielt
das herrnhutische Christiansfeld in Südjütland. Dieses beeinflusste
die Erweckungsbewegung im Ganzen, deren Hauptvertreter im gemäßigten Sinne später J.P. Mynster, der Seelsorger des Hauses Kierkegaard, wurde.
1. Z UGANG
11
Das fromme Erlebnisgefühl brach sich auch unter dem Eindruck
materieller Not nach den napoleonischen Kriegen und dem Staatsbankrott 1813 Bahn. Es war das Geburtsjahr S. Kierkegaards, das
„verrückte Geldjahr“, wie es S. Kierkegaard selbst nannte. Von der
äußeren Not blieb nur M.P. Kierkegaard durch geschickte Transaktionen verschont. Er wurde reich.
Die Theologie passte sich dem Frömmigkeitsgefühl an. Man besann sich auf die Religiosität des Menschen unter dem Einfluss von
Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers Theologie. Spielte noch am
Ende des 18. Jahrhunderts der Rationalismus mit seiner hausbackenen Moral eine Rolle im theologischen Denken, so folgte nun der
Umbruch. Es war kein Zufall, dass Schleiermacher selbst vom herrnhutischen Geist erzogen worden war. So konnte er das „Gefühl der
schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott“ in seine Theologie hineintragen. Das fromme Lebensgefühl lief aber nicht neben dem theologischen Anspruch her. Es verband sich mit dem Suchen nach umfassender Bildung. So forderte der Bischof von Seeland Friedrich
Münter, Vorvorgänger von J.P. Mynster, gegen den primitiven Eudämonismus innerhalb der Geistlichkeit die tiefe Bildung.
Der Dompropst und Professor Henrik Georg Clausen kämpfte
ebenfalls gegen die Verflachung theologischen Denkens. Als Kantianer betonte er das Wirken der Vernunft als das Göttliche im Menschen. Sein Sohn Henrik Nicolai Clausen wurde eine wichtige Lehrgestalt im Leben des jungen S. Kierkegaard. Auch der oben erwähnte
J.P. Mynster stritt gegen den Eudämonismus, aber er warnte auch vor
einem zu vereinfachenden Kantianismus. Er blieb immer ein Mann
der Kirche und bestach durch seine Bildung und seine Feinsinnigkeit. Ein hochgebildeter Theologe war auch Hans Lassen Martensen,
der spätere Nachfolger von J.P. Mynster auf dem Bischofsstuhl von
Seeland. Als junger Gelehrter brachte er den Hegelianismus nach
Kopenhagen und baute dann sein theologisches System unter Einwirkung der Religionsphilosophie von Hegel aus. H.L. Martensens
12
1. Z UGANG
Dogmatik (1849) forderte dadurch den Widerspruch S. Kierkegaards
heraus.
Allerdings wird bei der Gegensatzzeichnung zu S. Kierkegaard
in der theologischen Literatur zu sehr die Hegel-Abhängigkeit von
H.L. Martensen betont. Hier muss differenziert werden. Martensen
war es wie Hegel unmöglich, ohne eine Voraussetzung zu denken.
Das machte er in seiner Schrift „Autonomie des Selbstbewußtseins
in der christlichen Dogmatik“ (1837) geltend. Es ginge nicht um das
Privileg des Menschen, nur auf sich selbst zu pochen. Vielmehr gehe
es um die Einsicht, dass der Mensch von Gott geschaffen sei, also
in Gott und durch ihn seine Voraussetzung zum Denken erhalte. Das
Schlüsselwort heißt nach H.L. Martensens früher Auffassung nicht
Autonomie, sondern Theonomie. Diese Argumentation war auch für
den jungen S. Kierkegaard interessant, es blieb ihm aber der Verdacht
der zu großen Spekulation. Im Gegensatz zu ihm feierten die jungen
Theologen Kopenhagens H.L. Martensens Lehre als Novum.
So stand es mit dem geistigen Kopenhagen. Hier prallten die verschiedenen Strömungen aufeinander: vom Pietismus bis hin zur spekulativen Theologie, von der klassischen Prosa und Poesie hin zum
Überschwang des romantisch gehaltenen Märchens. Unverkennbar
war der Einfluss Goethes, spürbar auch das Nachwirken Hegels und
Schleiermachers in der dänischen Geisteswelt. So können wir uns
nun dem spezielleren Teil zuwenden, dem Leben von M.P. und S.
Kierkegaard.
2. D ER VATER IN J ÜTLAND :
VORFAHREN , RELIGIÖSE
S TRÖMUNGEN , K INDHEIT
Das Bild des Vaters von S. Kierkegaard überlagern Negativzeichnungen. In der bisherigen Forschung wurde mehr oder weniger differenziert ein entscheidender Fehler begangen. Man holte sich die
Erkenntnisse über den Vater meistens aus den Beschreibungen des
Sohnes. Das war und ist bequem. Sicherlich gibt es hier eine Reihe
konkreter Anhaltspunkte. Die subjektive Seite der Auslassungen von
Søren darf aber nicht außer Acht gelassen werden.
Den Auftakt zur negativen Betrachtung des Vaters M.P. Kierkegaard in Skandinavien gab bereits 1877 der große dänische Freigeist
Georg Brandes. Aus der liberalen Gegenposition heraus sah er die
verhängnisvolle Verbindung von M.P. Kierkegaards angeborener jütländischer Schwermut mit der christlich gegebenen Leidensposition
des Sohnes Søren. Seine Untersuchung „Søren Kierkegaard“ (1877,
dt. 1879) zeigt die Einförmigkeit der jütländischen Heide, den Hang
ihrer Bewohner zur Schwermut, die aus S. Kierkegaards Schriften
entgegenwehen. Folgende Sätze von Brandes markieren das: „Die
Heide ist ihr Naturhintergrund; die dumpf leidenschaftliche Bauernreligiosität, die bei der Verlassenheit draußen in der Seele des Vaters
erzeugt ward, ist ihre geistige Voraussetzung.“1
Hier liegt ein frühes Zeugnis vor. Georg Brandes wurde 1842
geboren, also noch zu Lebzeiten, ja zum Zeitraum der vollen Wirk1
Dt. Ausgabe: Georg Brandes, Kierkegaard und andere skandinavischen Persönlichkeiten, Dresden 1924, S. 262.
14
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
Jütländer Heide, Foto: Gesine v. Kloeden
samkeit S. Kierkegaards. Er hätte später noch Zeitzeugen befragen
können. Hier wäre ein Ausgleich zu fehlenden Urkunden und Quellen gewesen. Die Zeichnung der düsteren Gemütslage des alten M.P.
Kierkegaard passte aber zur Charakterisierung des Sohnes als ein
Mensch, der, so G. Brandes, nicht bereit war, die Vielfalt der Lebenseindrücke zu empfangen.2
Drei Bemerkungen sind noch zu G. Brandes zu machen:
Der deutsche Übersetzer, dessen Namen nicht erwähnt wird, gebraucht „dumpf“ für das dänische Adjektiv „tung“ (Grundbedeutung: „schwer“). Damit wird verschärft die religiöse Eigenschaft des
M.P. Kierkegaard zum Ausdruck gebracht. Das passt zum oben an2
Georg Brandes, ebd., S. 307. Eine Generation nach Brandes gab der dänische
Philosoph Harald Höffding ein differenzierteres Bild vom Vater und kam zu
einem helleren Bild des Sohnes Kierkegaards in seinem Buch: S. Kierkegaard
als Philosoph, 1892, dt. Stuttgart 1902, S. 34.
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
15
gegebenen Trend und hatte auf die weitere deutsche wie europäische
Kierkegaardforschung in Richtung Bußatmosphäre im Elternhaus S.
Kierkegaards seine Auswirkung. Dass jene nicht allein vorherrschte,
wird im Folgenden aufzudecken sein.
Weiter ist zu sagen: Mit der kritischen Bemerkung zu Brandes soll nicht die Leistung dieses bedeutenden Kulturtheoretikers zu
seinem Kierkegaardbuch herabgewürdigt werden. Dort finden sich
glänzende Analysen, natürlich von der freisinnigen Position des Verfassers aus. Zu verweisen ist auf seinen Aufriss des Verhältnisses
von S. Kierkegaard zu H.C. Andersen, dann auf die Darlegung der
Kierkegaardschrift „Die Einübung im Christentum“ (1850) und die
Beschreibung des „Kirchenkampfes“.3 Schließlich muss betont werden, dass sich tatsächlich als Erbe der jütländischen Vorfahren bei
M.P. Kierkegaard ein Hang zur Schwermut findet. Aber es sei auch
auf andere Anlagen und Charaktereigenschaften hingewiesen:
Michel (später Michael) Pedersen Kierkegaard wurde am
12. Dezember 1756 als Sohn von Peder Christensen Kierkegaard
(1712–1799) und dessen Ehefrau, geb. Seding, in der Gemeinde Sädding, die zum Pastorat Bølling und Sädding gehörte, geboren. Das
Heimatgebiet und die Stellen der Wirksamkeit seiner westjütländischen Vorfahren lassen sich über M.P. Kierkegaards Großvater Christen Jespersen Kierkegaard (1673–1749) und dessen Ehefrau, Tochter von Peder Michelsen (ca. 1638–1714), auf die Umgebung von
Sädding, Dejbjerg, Stavning und Vorgod zurückverfolgen. Die Orte
liegen östlich und südöstlich von Ringkøbing.
Wahrscheinlich war Christen Jespersen ein Sohn von Jesper Pedersen in Sdr. Leding in Dejbjerg.4 Die Mutter von M.P. Kierkegaard
war, wie betont, eine geborene Seding, deren Bruder für diesen noch
3
4
Georg Brandes, a.a.O., S. 281 ff., 414 ff., 420 ff.
Vgl. Sejer Kühle, Søren Kierkegaards Barradom og Ungdom, Kopenhagen,
1950, S. 9; dazu auch meine Darstellung zum Ganzen in: Kierkegaard as a
Person. Der Vater M.P. Kierkegaard, Bibliotheca Kierkegaardiana, ed. N. and
M.M. Thulstrup, Bd. 12, Kopenhagen 1983, S. 14.
16
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
eine bedeutende Rolle spielen sollte. Zum Anwesen, auf dem M.P.
Kierkegaard geboren wurde, gehörten hundert Jahre vorher noch
zwei Pferde und zwei Kühe sowie mehrere Schafe. Der kleine Hof
mit drei „Steuertonnen“ (dän. Maßeinheit) konnte eine große Kinderschar kaum ernähren. Als Kleinbauern und Schafzüchter verdienten
Kierkegaards Vorfahren also kaum das Nötige zum Lebensunterhalt.
So erging es auch den Eltern von M.P. Kierkegaard. Verschärft wurde die Situation noch dadurch, dass das Anwesen ein Pachthof war,
also ein beträchtlicher Pachtzins entrichtet werden musste. In Hungerperioden, umgeben von der im Winter sturmgepeitschten Heidelandschaft, kamen die Sehnsüchte nach Erlösung, nach dem himmlischen Paradies auf. So war es kein Wunder, dass religiöse Paradiesbilder wie Messiaserwartungen auf fruchtbaren Boden fielen. Auch
merkwürdige, sektiererische Typen konnten hier wirken.
Zur Zeit der Eltern und Großeltern von M.P. Kierkegaard wie
zu seiner Kinderzeit gab es Strömungen der Erweckung in Jütland
und in Nordschleswig, die in einer pietistischen Grundströmung zusammenklangen. Fromme Individualisten, Separatisten und Staatskirchenkritiker stießen auf die jütländischen Bauern und Häusler.
Auch adlige Gutsbesitzer machten mit ihnen Bekanntschaft. Diese
religiösen Persönlichkeiten predigten die Reinigung der Seele von
unfrommen Handlungen, die Ergebung in die Buße und die Erhebung zu Christus. Skurrile Typen mischten zusätzlich die frommen
Kreise auf. War es in Nordschleswig der Aufruhr der „Bordehimer
Rotte“, der von der Obrigkeit durch Verhaftungen niedergeschlagen
wurde, so war es in Jütland der Erweckungsprediger, Mediziner und
Alchemist Johann Konrad Dippel (1673–1734), der für Unruhe sorgte. Es waren seine Gedanken, die vom dänischen Altona und später
von Stockholm aus durch seine Anhänger nach Jütland kamen. J.K.
Dippel ist ein Beispiel für die Überspitzung eines frommen Lebensgefühls in Richtung des Separatismus. Teilweise waren seine Gefolgsleute zahlreich. Menschen im Elend hörten aufmerksam auf ra-
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
17
dikale Heilslehren, die Veränderung im Glaubensleben versprachen.
Damit erhoffte man sich auch eine Verbesserung des äußeren Lebens.
J.K. Dippel nannte sich auch „Christianus Demokritos“. Der
Name war ihm Programm. Die Vielseitigkeit des Mannes, der am
10. August 1673 auf dem Jagdschloss Frankenstein bei Darmstadt
geboren wurde, machte ihn auch außerhalb der theologischen Händel zu einer interessanten Figur. Er studierte in Gießen und erwarb
1693 den Magistergrad. Seine radikalen Thesen führten zur Ablehnung einer Lehrstuhlbewerbung sowohl in Gießen wie auch in Straßburg und Wittenberg. Die Begegnung mit Gottfried Arnold führte zur
Wende von einem orthodoxen Theologen, einem gemäßigten Pietisten zum radikal-pietistischen Streiter. Daneben übte er sich als Arzt,
Alchimist und Chemiker. Bei einem Aufenthalt in Berlin erfand er
das „Berliner Blau“. Hier hielt er sich von 1704 bis 1707 auf.
Der Aufenthalt wurde jäh unterbrochen, als der „Pietistenfresser“
Johann Friedrich Mayer (1650–1712) aus Greifswald ihn, Philipp Jacob Spener und den Hallischen Pietismus scharf angriff. J.K. Dippels
heftige Antwort bezog auch das Pietistenmandat des schwedischen
Königs Karl XII. mit ein. Dagegen verwahrte sich am Berliner Hof
der schwedische Gesandte. J.K. Dippel wurde inhaftiert, doch durch
seine Gönner, die Grafen Wittgenstein und Reventlov, mit einer Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt. J.F. Mayer gab keine Ruhe; sogar
der König von Preußen wurde eingeschaltet. J.K. Dippel floh verkleidet nach Köstritz, dem Zufluchtsort der Pietisten beim Fürsten Reuß.
Von hier ging er nach Holland, um in Amsterdam als Arzt zu praktizieren. In Leyden erwarb er 1711 den Grad eines medizinischen
Doktors. Seine theologischen Arbeiten finanzierte er mit dem Geld
seiner Patienten. Es ging ihm vor allem um die Willensfreiheit, die er
gegen Spinoza und die Anhänger Calvins verteidigte. Er wollte ein
neues Grundgefühl des Glaubens in Freiheit.
Ab 1714 war J.K. Dippel im dänischen Altona. Er hatte schon
vorher den Titel eines dänischen Kanzleirates erhalten. Mit König
Friedrich IV. von Dänemark führte er eine Korrespondenz über theo-
18
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
logische Fragen. Friedrich IV. war vom Hallischen Pietismus eingenommen, interessierte sich aber auch für J.K. Dippels Gedanken.
Hier zeigt sich der Einfluss Dippels auf die religiösen Strömungen in
Dänemark.
Der staatskritischen Haltung entsprach es, dass J.K. Dippel den
Statthalter von Altona, den Grafen Reventlov und seine Gemahlin,
wegen Bestechlichkeit beim dänischen König anzeigte. Das war umso schlimmer, weil das Ehepaar sich als Gönner gegenüber dem umherreisenden Arzt und Theologen gezeigt hatte und die Schwester
des Grafen die dänische Königin Anna Sophie war. J.K. Dippel wurde 1719 wegen Denunziation zu lebenslanger Haft in Hammerhus
auf der Insel Bornholm verurteilt. 1726 kam er durch die Fürsprache der Königin wieder frei und wandte sich über die schonische
Stadt Kristianstad nach Schweden. In Stockholm wurde er von König Friedrich I. als angesehener Arzt konsultiert. Der Adel wollte
ihn gegen den orthodoxen Klerus benutzen, aber J.K. Dippel durchschaute das Spiel. Schließlich wurde er durch seine eigenen theologischen Aussagen aus Schweden ausgewiesen.5
J.K. Dippel ging nach Deutschland zurück und ließ sich in Liebenburg bei Goslar nieder. Er enthielt sich jeder theologischen Erörterung und widmete sich nur seinen chemischen Versuchen. Aber
sein Ruf eilte ihm voraus. Nach kurzer Zeit schon wurde er durch die
Geistlichkeit im welfischen Lande angegriffen, so dass er sich nach
Berleburg zum Grafen Casimir von Sayn-Wittgenstein begab. Außerdem wohnte im Schloss Wittgenstein sein alter Förderer Graf August, mit dem er eine Reihe von Gesprächen führen konnte. Während
eines dieser Besuche verstarb er in der Nacht vom 24. zum 25. April
1734 und wurde mit hohen Ehren in der Dorfkirche zu Laasphe beigesetzt.
5
Zum Aufenthalt Dippels in Schweden siehe K. Henning, J.C. Dippels vistelse
i Sverige samt Dippelianismen i Stockholm 1727–1741, Uppsala 1881.
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
19
Zuvor kam es 1730 zum Gespräch mit Graf Nikolaus Ludwig
von Zinzendorf, der J.K. Dippel gegenüber freundschaftlich gesonnen war. Dippel hielt an der realistischen Erlösungslehre fest, während Graf N.L. von Zinzendorf auf die „satisfactio vicaria“ pochte.
Zum Zerwürfnis kam es, als Zinzendorf nachträglich behauptete, er
hätte J.K. Dippel bekehrt, wovon keine Rede sein konnte.6 Damit
brach J.K. Dippel auch mit der Brüdergemeine und lebte seine eigenen religiösen Vorstellungen bis zu seinem Tode. Seine Lehre hatte
verschiedentlich Fuß gefasst. Zusammengenommen bedeutet sie den
Kampf gegen jede „scholastische Dogmatik“. Der Mensch soll von
Grund auf gewandelt werden. Das geschieht durch die Predigt von
Christi Leben und Vorbild und nicht wie bei Zinzendorf durch eine
Kreuz- und Bluttheologie.
Von der bedeutenden herrnhutischen Niederlassung Christiansfeld kam die Bewegung Zinzendorfs nach Randers und die ländliche Umgebung dieser Stadt in Ostjütland. Von hier aus gab es die
Verbindung nach Ringköbing, also in die Nähe der Wohnorte von
M.P. Kierkegaards Eltern und Großeltern. Der Schuhmacher Vitus
Handrup aus der Umgegend von Randers bewegte die Gemüter durch
seine zündenden Gnadenansprachen. Er reiste umher und redete in
eigener Verantwortung. Es ging um den Dienst am Heiland. Berichtet wurde von großen Aufläufen, wenn Vitus Handrup auftrat. Man
reiste von weit her, um diesen begnadeten Redner zu hören. All das
konnte auch die Gemüter von Sädding durcheinanderbringen. Immer
noch war ja auch der Einfluss des Dippelianismus vorhanden.7
6
7
Zum Gespräch und den Folgen davon 1730 in Berleburg siehe: Lorenz Bergmann, Grev Zinzendorf II, Kopenhagen 1961, S. 65–71; außerdem: Erich Beyreuther, Zinzendorf und die Christenheit, Marburg 1961, S. 62 f., 98 f.
Zum Auftreten von Handrup in Jütland siehe auch die ältere Monographie von
O.P. Monrad, Søren Kierkegaard. Sein Leben und seine Werke, Jena 1909,
S. 22. Die anderen pietistischen Strömungen in Jütland sind hier eher vage behandelt.
20
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
Diese Strömungen wurden koordiniert und gefestigt durch das
Wirken eines Mannes in der unmittelbaren Nachbarschaft von Sädding. Der dänische pietistische Theologe franckescher Prägung Peder Wedel (1698–1761) kam nach seinem Studium in Halle, Wittenberg und Kopenhagen nach Jütland, kurz nachdem er 1722 sein
theologisches Attestatszeugnis erhalten hatte. Schon in seiner Heimat auf dem Pfarrhof Döstrup in Lø Herved hielt er mit seinen Brüdern erbauliche Versammlungen ab. 1722 wurde er zum Pfarrer der
Gemeinde Stavning am Ringköbing Fjord berufen. So hielt er sich
mit seinem enthusiastischen Wirken in der Nähe der Höfe von Kierkegaards Vorfahren auf. Die Verbindung Stavning – Dejberg – Sädding lässt sich auf der Landkarte gut verfolgen.
In seiner eigenen Gemeinde und ihrem Umfeld drängte P. Wedel zur Erweckung. Er ging von Haus zu Haus, um in den Familien erbauliche Versammlungen abzuhalten. Im Sinne A.H. Franckes
lehnte er jeden gelehrten Zugang zur Bibel ab. Er forderte das reine
Gewissen und die Besserung des Lebens durch echte Buße: Auch der
gerechtfertigte Mensch betet weiter, dass ihm die „anklebende Sünde“ – ein Lieblingswort A.H. Franckes – um Christi willen vergeben
wird. Die Angriffe durch die orthodoxen Pfarrer blieben nicht aus.
Man beschwerte sich auch beim Bischof von Ribe. Die Anfeindungen blieben für die Erweckten ohne Folgen. Später wurde P. Wedel
Pfarrer in Hillerød-Herlev (Seeland) und Schlossprediger in Frederiksberg. Sein aus Halle mitgebrachter Pietismus kam der Neigung
des Königs entgegen. Die pietistischen Strömungen Jütlands wurden in den kirchlichen Pietismus hineingelagert, der vor allem im
Liedgut Hans Adolph Brorsons (1694–1764) weitergetragen wurde.
P. Wedels Ruhm hielt in Jütland lange an, da seine Verkündigung
praktisch-pädagogisch ausgerichtet war. Darin war er so eifrig, dass
er aus eigenen Mitteln einen Schullehrer einstellte. Von seinen Aktivitäten profitierten natürlich auch die Bewohner Säddings.
Nach P. Wedel und der Richtung des Hallenser Pietismus verstärkte sich um 1750 herum der Einfluss von Herrnhut. Die Strömung
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
21
aus Randers verband sich nun mit der Wanderbewegung des herrnhutischen Pietismus um Ringköbing herum nach dem Limfjord. Es
waren vor allem zwei „Emissäre“, die diese Vereinigung durch ihre fromme Hausagitation zustandebrachten. Es waren die „Brüder“
Zeidler und Bloch. Letzterer wirkte im Umfeld von Ringköbing auch
mit starken Appellen an die Jugend. Das führte vor allem bei den
Konfirmanden zu großen Sündenängsten. Aber auch kleinere Kinder
wurden von der heftigen Schilderung des Schmerzensmannes und
seinem Opfer für jeden Einzelnen erschreckt. Beide Glaubensmänner gingen in die einzelnen Wohnhäuser. Es ist aber überhaupt nicht
erwiesen, dass z.B. Bloch in Sädding bei den Eltern M.P. Kierkegaards eingekehrt war.8
Tatsache ist, dass der Einfluss von Herrnhut in Jütland durch
Christiansfeld und durch die Sendboten aus Deutschland groß war.
Von dem Auftreten der „Brüder“ wurde das Land um den Ringköbing Fjord stark berührt und beunruhigt. Im kleinen Kotten auf dem
„Kirchhof-Gelände“ („Kirkegaard“)9 saß M.P. Kierkegaard mit den
acht Geschwistern und den Eltern auf kleinstem Raum zusammen.
Man nahm an allem teil, was die Eltern bewegte, so auch an dem Gebetsleben. Von hier aus ist auch die starke Neigung von Sørens Vater
zum Herrnhutismus zu verstehen. Im Gegensatz zur offiziellen „Hallenser“ Linie von Christian VI., veranlasst durch seinen Freund und
Ratgeber, den Grafen Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode, hatte
sich in Nordschleswig und Jütland die Lehre Zinzendorfs durchgesetzt.
8
9
O.P. Monrad sieht den Besuch Blochs als möglich an (O.P. Monrad, a.a.O.,
S. 24). Zum Einfluss Herrnhuts siehe: Jørgen Lundbye, Herrnhutismen i Danmark, Kopenhagen 1903; Ellen Jensen, Pietismen i Jylland, Kopenhagen 1944;
Jens Holdt, Herrnhutismen i Ribe Stift, in: Ribe Bispesäde, 1948, S. 123–168;
Hal Koch/Björn Komerup, Danske Kirkes Historie, Bd. V, Kopenhagen 1951,
S. 77 f., 101–104, 296–300.
Daher die Namensgebung für die Familie durch den Urgroßvater S. Kierkegaards, später mit dem lang gedehnten „i“.
22
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
Die Großeltern von S. Kierkegaard P.C. Kierkegaard und seine
Frau Maren, geb. Andersdatter Steengaard, waren so arm, dass die
Kinder oft Hunger litten und anderswo Arbeit und Unterkommen
suchen mussten. Dies geschah schon im Kindesalter. So verdingte
sich auch M.P. Kierkegaard als Hütejunge. Dabei ging es nicht, wie
oft vermutet wird, um das Hüten der wenigen Schafe des väterlichen
Hauses mit der abendlichen Heimkehr. Es handelte sich hier nicht
um eine Familienidylle im Elend, sondern um die brutale Wirklichkeit in der jütländischen Heide auch des Nachts. Zu bewachen war
eine große Schafherde. Übernachtet wurde im Freien oder in einem
Schuppen, aus Torf und Heidekraut mühselig erstellt. Man bedenke das unheimliche Dunkel, die Paarung von Verantwortlichkeit und
Angst, die Kälte wie den Hunger und das Kindesalter. Da M.P. Kierkegaard mit elf Jahren nach Kopenhagen kam, lässt sich errechnen,
wie früh das Kind zuvor die schwere Aufgabe des Hütens zu bewerkstelligen hatte.
Der Sohn Søren erwähnte zweimal das Schafehüten seines Vaters, als dieser ein kleiner Junge war. Beide Notizen sind bedeutungsvoll, da sie wichtige Züge von M.P. Kierkegaard offenbaren und das
eigene Verhältnis des Sohnes zum Vater. Die erste Stelle stammt von
Sørens Jütlandreise im Sommer 1840 vom 17. Juli bis Anfang August. Kurz bevor er nach Sädding kam, schrieb er: „Ich sitze hier
ganz allein [ . . . ] und zähle die Stunden, bis ich Säding sehen werde. Ich kann mich niemals an eine Veränderung bei meinem Vater
erinnern, und nun werde ich die Stellen sehen, wo er als armer Junge die Schafe hütete, die Stätten, nach denen ich auf Grund seiner
Beschreibung Heimweh hatte. Wenn ich nun krank würde und auf
dem Friedhof („Kirkegaard“) in Säding begraben würde! Seltsamer
Gedanke! Sein letzter Wunsch an mich ist erfüllt, sollte wirklich meine ganze irdische Bestimmung darin aufgehen? In Gottes Namen!“10
10
Pap. III A 73, SKS, Bd. 19, Nr. 24, S. 200, Kommentarbd. 19, 5.266 f.; wegen der Länge nur in deutscher Übersetzung; heute wird „Säding“ mit „dd“
geschrieben.
2. D ER VATER IN J ÜTLAND
23
Dann gibt es noch Reflexionen über die Vaterliebe, die ihm ein Bild
von der göttlichen Liebe gab.
Die zweite Notiz über das Hungerdasein und die Verzweiflung
des Kindes M.P. Kierkegaard ist zu Beginn des Jahres 1846 geschrieben worden. Sie ist ebenfalls sehr persönlich gehalten und wirkt
durch die genaue Altersangabe für den alten Kierkegaard authentisch. Der Vorgang wurde später durch Sørens Bruder Peter Christian, dem damaligen Bischof von Aalborg, bestätigt. Die berühmte
Notiz wurde und wird in der Forschung als Schlüsselnotiz gewertet,
besonders auch hinsichtlich des später noch zu erörternden „Jordrystelse“ („Erdbebens“). Der Eintrag lautet in deutscher Übersetzung:
„Das Entsetzliche mit dem Mann, der einmal als kleiner Junge, da er
loszog und in der jütländischen Heide die Schafe hütete, viel Böses
erlitt und verfroren war, sich auf eine Anhöhe stellte und Gott verfluchte – und der Mann war nicht imstande, das zu vergessen, als er
82 Jahre alt war.“11 Ein tiefes Sündenbewusstsein wird ein solches
Geschehen nicht vergessen und damit grüblerisch das eigene Gottesverhältnis ausloten. Zuletzt war M.P. Kierkegaard Hütejunge bei
einem Verwandten, dem Schafhändler Michael Graversen Ansbeck
im Kirchspiel Lem. Er meinte es gut mit dem Jungen und nahm ihn
1768 auf einer Reise mit nach Kopenhagen. Dieser war, soweit es
ersichtlich ist, gerade 12 Jahre alt. Das war die tiefgreifende Wende
im Leben eines bisher ganz armen Jungen.
11
Pap. VII 1 A 5, SKS, Bd. 18, S. 278: JJ 416, Tagebücher II, S. 28, auch
Anm. 83, S. 254 mit näheren Hinweisen zur Bestätigung durch P.C. Kierkegaard. Dazu: H.P. Barfod, Til Minde om P.C. Kierkegaard, Kopenhagen, 1888,
S. 13 f., vgl. Valdemar Ammundsen, Søren Kierkegaards Ungdom, Kopenhagen 1912, S. 4 ff., 11 ff., der sich skeptisch zu den Äußerungen Barfods stellte.
Barfod schildert in seinem Erinnerungsbuch, wie P.C. Kierkegaard unter Tränen sagte: „Dies ist die Geschichte meines Vaters und unser aller Geschichte!“
Das geschah 1865, als Barfod, damals Sekretär von P.C. Kierkegaard, die Papiere Sørens ordnete.
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN :
J UGEND , AUFSTIEG UND
E TABLIERUNG ALS
G ESCHÄFTSMANN
In Kopenhagen kam M.P. Kierkegaard in die Lehre zu seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, Niels Andersen Seding. Dieser war
„Hosekrämmer“, also Wollwarenhändler. Er lebte von 1720–1796,
zuletzt in der Wohnung seines Neffen. N.A. Seding hatte die Einbürgerungsurkunde 1750 erhalten und wirkte als Junggeselle in einer
Souterrainwohnung in der Östergade. Bei ihm lebte nun der Neffe
erst als Lehrjunge, dann als Gehilfe, bis er selbst die Einbürgerung
erhielt. Dazu benötigte er einen Freipass, den er am 20. Dezember
1777 von Pfarrer Nicolai Satterup, dem Pfarrer der Gemeinden Bölling und Sädding, erhielt. Dieser war Eigentümer der „Gerechtsame“, des Filialhofes in Sädding, und dadurch autorisiert, einen solchen Pass, also ein Leumundszeugnis, auszustellen. Von Satterup
gibt es genaue Angaben zur Geschwisterzahl von M.P. Kierkegaard
(vier Brüder und vier Schwestern). Das wurde auch zur Begründung
nebst der Armut für den Weggang aus Sädding angegeben.12
Der Onkel nahm M.P. Kierkegaard nicht nur in die Lehre, sondern ließ ihm auch eine gute Schulbildung angedeihen. Letzterer
konnte später nicht nur christliche Erbauungsliteratur, sondern auch
philosophische Texte lesen. Dabei kamen ihm z.B. die verständlich
12
Vgl. V. Ammundsen, a.a.O., S. 4 ff.; der deutsche Text des Freipasses findet
sich bei Hermann Ulrich (Hg.), Søren Kierkegaard, 2. Teil: Die Tagebücher,
Berlin 1930, S. 17.
26
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
geschriebenen Gedanken des Philosophen Christian Wolff (1679–
1754) entgegen.
Am 8. April 1773 wurde M.P. Kierkegaard in der Nikolaikirche
von Kopenhagen konfirmiert. Sein Konfirmator war der von Herrnhut beeinflusste Pfarrer H.S. Lemming. Das war von großer Bedeutung für die weitere religiöse Entwicklung des jungen Gesellen. Der
Geistliche bestätigte den pietistischen Grundzug des Säddingschen
Elternhauses und legte den Samen für die spätere Mitgliedschaft
M.P. Kierkegaards in der Brüderunität. Nachfolger an der Nikolaikirche von Pfarrer H.S. Lemming war der gleichfalls herrnhutisch geprägte Peder Saxtorph, der im Nachbarhaus von N.A. Seding wohnte. Zu jenem gab es seitens des Onkels wie des Neffens einen guten
Kontakt.
P. Saxtorph gehörte zu einer interessanten Pfarrersfamilie. 1752
wurde er cand. theol. Er schloss sich schon in jungen Jahren der Zinzendorfschen Bewegung an und zählte zu den ältesten Mitgliedern
der Kopenhagener Brüdersozietät. Nach einer Tätigkeit im Waisenhaus und dem Dienst als Hausgeistlicher beim Grafen J.L. Holstein
kam er 1774 an die Nikolaikirche der Hauptstadt. 1795 brannte die
Kirche nieder. Er blieb aber Seelsorger der Nikolaigemeinde und
verhandelte über den Wiederaufbau bis zu seinem Tode 1803. Bekannt war der Spruch über ihn: „Wenn alle Herrnhuter ihm gleichen
würden, dann müßte man wünschen, dass alle Menschen Herrnhuter wären.“13 Von großer Bedeutung waren seine „Passionspredigten“, die 1762 herauskamen und mehrere Auflagen erhielten. Ihnen voraus ging 1761 die Schrift: „De Troendes Skat og Klenodie,
som er den foragtede Jesus af Nazareth“ („Der Glaubenden Schatz
und Kleinodie, welche der verachtete Christus ist“). Hier zeigt sich
die von Zinzendorf angelegte theologische Grundlinie der Betonung
vom Leiden und Sterben Jesu Christi.
13
Vgl. Kirkelexikon for Norden, Bd. IV, Kopenhagen 1929, S. 65; Sejer Kühle,
a.a.O., S. 10.
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
27
Die späteren Aussagen von Søren bestätigen, dass sein Vater
M.P. Kierkegaard die P. Saxtorph-Predigten gekannt haben musste. Zumindest war ihm das Gedankengut des drastisch geschilderten
Leidensweges Jesu durch den Nikolaipfarrer bekannt. Die elementare Schilderung der Verspottung und Bespeiung Jesu während seiner Passionsgeschichte kommt besonders in der vom Kierkegaardforscher Villads Christensen hervorgehobenen Passionspredigt zur
vierten Woche in den Fasten zum Ausdruck. Dazu heißt es bei P.
Saxtorph: „Oh, wie groß ist diese Schmach gewesen. Wie jämmerlich hat hier Jesu gesegnetes Antlitz ausgesehen. Besonders da er
mit gefesselten Händen dastand und die Unreinlichkeit nicht abwischen konnte.“14 Für den heranwachsenden M.P. Kierkegaard war die
Saxtorph-Orientierung ein wesentlicher Einsatzpunkt gegen den Rationalismus und die Freigeisterei seiner Zeit. Die Linie der Verspottung Jesu läßt sich auch verfolgen über M.P. Kierkegaard hinaus zu
den Passionsschilderungen des Sohnes, die ihren Höhepunkt in der
„Indøvelse i Christendom“ („Einübung im Christentum“) von 1850
fanden.15
Nach der vollzogenen Einbürgerung erfolgte 1780 die königliche Anerkennung von M.P. Kierkegaard als „Hosekrämmer“, d.h.
als Strumpf- bzw. Wollwarenhändler. Auf den Straßen von Kopenhagen nach Hilleröd und Helsingör durfte mit Wollwaren aller Art
gehandelt werden. Es ging hier also nicht um das Herumtragen eines Bauchladens. Das Geschäft hatte – noch dazu für die damalige Zeit – größere Ausmaße. Im Handel war M.P. Kierkegaard so
tüchtig, dass er bald zu Wohlstand kam. Zusammen mit dem Hosier Mads Nielsen Royen kaufte er auf der Köbmagergade Nr. 31
14
15
Zitat nach Villads Christensen, Søren Kierkegaard. Det Centrale i hans Livssyn, Kopenhagen 1963, S. 15; vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 10, W. von Kloeden,
Kierkegaard as a Person, a.a.O., S. 21.
Dazu W. von Kloeden, Theological Concepts in Kierkegaard: Die Leidensgeschichte Christi, Bibliotheca Kierkegaardiana, Bd. 5, hg. von N./M.M. Thulstrup, Kopenhagen 1980, S. 71–75.
28
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
ein Haus. Er selbst wohnte im Souterrain des Hauses Köbmagergade
Nr. 43. Dieses diente ihm auch als Handelsstützpunkt. Auch daran
sieht man, dass er weiterhin bescheiden auftrat. Seinen Onkel, der
ihn so freundlich als Lehrling aufgenommen hatte und der ihm nun
sein Geschäft übergeben hatte, nahm er bei sich auf.
Michael Peder Kierkegaard, Quelle: Scan from Bakkehus og Solbjerg, vol. 3
Als Lehrherr wurde M.P. Kierkegaard von seinem ehemaligen
Lehrling und Vetter wegen seiner Pünktlichkeit bestaunt. Diesem
Michael Andersen Kierkegaard (1776–1867) verdanken wir auch andere Einblicke in das Verhalten von M.P. Kierkegaard. Sein „akkurates“ Auftreten in der Öffentlichkeit, sein streng gerechtes, aber forderndes Handeln gegenüber dem Dienstpersonal wurden hervorgehoben. Die Sorgfalt, die er an seine schlichte Kleidung legte, ist dar-
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
29
aus zu ersehen, dass der Lehrling, bzw. der Geselle beim Schuhputzen kein Sandkörnchen übersehen durfte. Dieses penible Verhalten
hat er auch später als Privatmann und Familienvater durchgehalten.16
Die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit wurde auch vom Sohn Søren
bestätigt. In einem Gespräch mit Magister P. Adler, gegen den er im
Jahre 1846 nachhaltig polemisierte, soll er betont haben: Der Vater
wäre „födt“ („geboren“) zum Jermin“ („Termin“).17
Da M.P. Kierkegaard zusammen mit anderen Wollwarenhändlern
einen schwunghaften Handel auch mit inländischen Artikeln, mit
handgewebten Hauben und Waren vielfältiger Art betrieb, wurden
die Konkurrenten, die Seiden- und Kleiderhändler der Hauptstadt,
unwillig. Sie klagten M.P. Kierkegaard und die anderen Händler an,
unerlaubte Geschäfte zu tätigen. Der „Oldermand“, also „Zunftmeister“, ließ eine Razzia in den Geschäften bzw. Lagerräumen der Wollwarenhändler durchführen. Hier fand man u.a. französisches Leinen.
Es wurde eine Bußzahlung auferlegt. Die Wollwarenhändler, vor allem M.P. Kierkegaard, gaben aber nicht auf. Sie wandten sich an die
zuständigen Ämter und klagten gegen die Seidenhändler mit der Begründung: Mit was soll denn gehandelt werden? Wo ist die Grenzziehung? Die königliche Kanzlei gab schließlich per Erlass vom 30. Juli
1787 die Erlaubnis, mit allen inländischen Leinen- und Wollwaren zu
handeln.18 Hier zeigt sich übrigens ein weiterer Charakterzug des alten M.P. Kierkegaard, nämlich die Zähigkeit in der Verfolgung eines
Zieles.
In der Streitsache gab es aber immer noch keine Ruhe. Die Angelegenheit kam vor das Reichsgericht. Das Anliegen, einen umfas16
17
18
Vgl. Brev af 7.11.1869 fra Fr. Meiden til H.P. Barfod; dazu S. Kühle, a.a.O.,
S. 19 und auch H. Lund, Erindringer fra Hjemmet, Kopenhagen 1909, S. 21 f.
Von dieser Enkelin M.P. Kierkegaards stammen wichtige Einblicke.
Vgl. Hans Bröchner, Erindringer om Søren Kierkegaard (Det nittende Aarhundrede), Kopenhagen 1877, S. 342.
Höjesterets protokol for aar 1788, wo die Erlaubnis bestätigt und erweitert
wird. Vgl. dazu S. Kühle, a.a.O., S. 10.
30
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
senden Handel zu treiben, wurde dort von den Kaufleuten Andreas Tvermoes, Heinrich Hansen Lund und M.P. Kierkegaard vertreten. In der Zwischenzeit hatte M.P. Kierkegaard schon die Erlaubnis
bekommen, mit chinesischen und westindischen Waren aller Art zu
handeln. Das wurde nun im Prozess vor dem Reichsgericht 1788 bestätigt.19 Die Gegenpartei der Kleiderhändler musste sich geschlagen
geben. M.P. Kierkegaard hatte damit alle Vorteile bei sich. Er begann
nun schwungvoll seinen Handel mit Seidenwaren und Baumwolle.
Dadurch wurde er noch wohlhabender.
Der Onkel des alten M.P. Kierkegaard N.A. Seding hatte ihn
1788 zum Universalerben eingesetzt. Als dieser 1796 verstarb, kam
das Erbe dazu, und M.P. Kierkegaard konnte sich durch gute Kapitalanlagen und Häuserkauf vollends absichern. Der große Stadtbrand
von 1795 konnte ihm nichts anhaben, während eine Reihe gut situierter Familien ruiniert wurde.
Bei dieser Wohlhabenheit vergaß M.P. Kierkegaard nicht seine
Verwandten im fernen Jütland. Er ließ für seine armen Eltern und Geschwister ein Haus in Sädding bauen. Bei Anders Nörregaards Hauge
lag ein Stück unbebautes Land, das M.P. Kierkegaard von Christen
Madsen Gade aus Sädding kaufte. Wie S. Kühle hervorhebt, wurde obiges Haus aus rotem Backstein errichtet, was für diese Gegend
völlig neu war.20 M.P. Kierkegaards Vater starb hier 1799, der Bruder
Peder wohnte hier bis zu seinem Tode 1810. Die Mutter verstarb in
dem Haus 1813. Die Schwester Karen lebte hier bis zu ihrem Tode
1831, die andere Schwester Sidsel Marie verbrachte ihre alten Tage
in diesem Haus, bis auch sie 1834 verstarb.
M.P. Kierkegaard ging aber noch über diese fürsorgliche Maßnahme hinaus. Ja, er zeigte Weitblick und soziale Verantwortung.
Er, der sich immer weitergebildet hatte, wollte in seinem Heimatort
ein Zeichen setzen. Das 1796 errichtete Haus sollte nach dem Tode
19
20
Ebd.
S. Kühle, a.a.O., S. 11.
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
31
des bzw. der letzten Verwandten dort als Schulgebäude dienen. Mit
königlicher Bestätigung wurde ein Legat von 3.000 Reichstalern in
königlichen Obligationen eingerichtet, das dazu bestimmt war, eine Lehrkraft zu besolden und Schulbücher anzuschaffen. Das Legat
sollte zur Erinnerung an seinen Onkel den Namen „Niels Seding“
tragen, und eine dementsprechende Tafel sollte in der Dorfkirche angebracht werden. Die Oberaufsicht über die Geldverwendung sollten
der Bischof wie der Amtspropst übernehmen. Tatsächlich wurde diese Tafel am 9. Juni 1822 in der Kirche von Sädding aufgehängt.21
Neben der erwähnten Fürsorge und dem sozialen Engagement ist
es das Heimweh, das M.P. Kierkegaard dazu bewegte, einen Stützpunkt in Sädding zu schaffen.22
Das Ansehen des alten M.P. Kierkegaard als Geschäftsmann in
Kopenhagen wuchs. Er wurde auch als rechtschaffener Kaufmann
an der internationalen Börse bekannt. Seine Kenntnisse erwarb er
vor allem durch persönliche Erkundigungen. Er ging regelmäßig
zum Hafen und informierte sich bei den Kapitänen der einlaufenden Schiffe nach den Bedingungen des Handels im Ausland. Dadurch hatte er ein wichtiges Vorauswissen. Dass er dazu in die Hafenkneipen ging, um Erkundigungen einzuziehen, ist nicht erwiesen.
Tatsache aber sind die Gespräche in der Weinstube „Glarmestrenes
Kjälder“ auf der großen Kjöbmagergade mit seinem Geschäftsnachfolger und Neffen von Mads Nielsen Röyen. Hier ging es auch um
den Austausch von Geschäftsnachrichten.23
1794 ging M.P. Kierkegaard die Ehe mit Kirstine Nielsdatter
Röyen ein. Sie war die Schwester von M.N. Röyen und war 1757
in Öster Högild in Rind Sogn (Gemeinde Rind) geboren. Zuvor hatte sie als Hausgehilfin beim alten Seding gedient und brachte 568
21
22
23
Vgl. dazu SKS. K. 19, S. 270, Nr. 202.
Vgl. dazu S. Kühle, a.a.O., S. 11.
Der Nachweis über die Weinstubengespräche stammt von Camillo Bruun,
Gjennem hundrede Aar, Kopenhagen 1879, S. 69, vgl. dazu K. Bruun Andersen, Søren Kierkegaards store Jordrystelser, Kopenhagen 1953, S. 45.
32
3. D ER VATER IN KOPENHAGEN
Die Hafenstraße in Kopenhagen, Foto: Lucian Freudenberg
Reichstaler mit in die Ehe, was damals eine beträchtliche Summe
war. Schon am 23. März 1796 starb sie an einer Lungenentzündung.
Die Ehe blieb kinderlos. Zweifellos war es für den rüstigen Ehemann ein schwerer Schlag. Der Tod dieser ersten Frau trug sicher
dazu bei, dass M.P. Kierkegaard sein Geschäft aufgab. Noch bevor
er die zweite Ehe mit Ane Sørensdatter Lund einging, die 1768 geboren worden war, übergab er das Geschäft an seinen Vetter M.A.
Kierkegaard und an C. Agerskov (1783–1855). Es begann nun ein
neuer Lebensabschnitt, die Gründung eines Familienheims, in das
nun auch der jüngste Sohn Søren mit all den kommenden Problemen
hineinwuchs.
4. DAS H EIM (I)
Mit der Heirat von Ane bzw. Anne Sørensdatter Lund wurde nun
ein ordentlicher Familienstand gegründet. Äußerlich war alles abgesichert. Der Wohlstand gab einen glanzvollen Rahmen ab. Aber
der Schein trog. Todesfälle und Krankheiten führten oft genug zu einer traurigen Stimmung. Die überkam dann auch den jüngsten Sohn
Søren. Die nunmehrige Haltung des Vaters, sein religiöses Ringen,
das aufkommende Wissen vom Hang zur Schwermut belasteten den
Sohn. Dies wird sich in den Schriften des genialen Jüngsten niederschlagen.
Ane Sørensdatter Lund wurde 1768 als Tochter des Häuslers
Søren Jensen (1725–1798) aus Lund bzw. Brandlund in der Gemeinde Brand geboren. Ihre Familie stammte also auch aus der jütländischen Heide. Anes Großvater war wahrscheinlich Jens Christensen
(ca. 1701–1775). Der Name „Lund“ hängt, wie S. Kühle nachgewiesen hat, mit dem Ortsnamen „Brandlund“ zusammen, weniger mit
dem gebräuchlichen Familiennamen „Lund“.24
Ane Sørensdatter Lund war 30 Jahre alt und zehn Jahre jünger
als Kirstine Kierkegaard, als sie Dienstmagd und Köchin im Hause Kierkegaard wurde. Sie war verwandt mit dem alten Niels Seding. Als sie voller Erwartungen nach Kopenhagen kam, diente sie
zuerst bei ihrem Bruder Lars Sørensen, der eine königlich konzessierte Schnapsbrennerei betrieb und zu Wohlstand gekommen war.
Ane galt als fleißig, ehrlich und heiter. Sie brachte in das Haus von
M.P. Kierkegaard mitten in die Atmosphäre der kränkelnden Ehefrau und des traurig-grüblerischen Ehemannes ein bisschen Sonnenschein. Dem Geschäftsmann M.P. Kierkegaard garantierte sie eine
24
S. Kühle, a.a.O., S. 13.
34
4. DAS H EIM (I)
ordentliche Haushaltsführung, wenn er unterwegs war – dies besonders auch nach dem Tode von Kirstine.
Anes Ausstrahlung blieb nicht ohne Folgen. M.P. Kierkegaard
ließ sich mit ihr ein, was ihn bei seinem sensiblen Charakter und seiner streng christlichen Auffassung in reuevolle Stunden fallen ließ.
Als Ane im 4. Monat schwanger war, heiratete M.P. Kierkegaard
sie am 26. April 1797. Die älteste Tochter Maren Kirstine wurde
am 7. September 1797, also fünf Monate nach der Eheschließung,
geboren. Wieweit diese Heirat mit zum späteren Schuldbekenntnis
des Vaters gegenüber den Söhnen Peter und Søren zum sogenannten
Erdbeben führte, kann nicht eindeutig festgestellt werden. Die Basis zu dieser Vermutung steht in einer Notiz Søren Kierkegaards von
1838, die reichlich ausgewertet wurde und auch in Verbindung mit
der Gottverfluchung, wie sie oben beschrieben wurde, in Beziehung
gesetzt worden war.25
Folgendes darf nicht vergessen werden: Neben der Person mit
den Skrupeln über das voreheliche Verhältnis gab es den nüchtern
kalkulierenden Geschäftsmann M.P. Kierkegaard. Die Geschäftsübergabe am 13. Februar 1797 hatte dieser mit äußerstem Geschick
vollzogen. Als Nachfolger wurden zwei Männer eingesetzt, die Verwandte bzw. angeheiratete Verwandte waren. Diese Übergabe war
sorgfältig vorbereitet worden und kann nicht nur mit dem Wissen von
der Schwangerschaft der künftigen zweiten Frau begründet werden.
Denn M.P. Kierkegaard hatte vorgehabt, seinen Bruder Peder Pedersen Kierkegaard mit in das Geschäft zu nehmen, um ihn als möglichen Nachfolger einzuarbeiten. Er musste sich also schon zu diesem
Zeitpunkt überlegt haben, das Geschäft abzugeben. Aus dem Plan
mit seinem Bruder wurde nichts, da dieser schon vorher erkrankte, ins Hospital kam und später als geisteskrank entlassen wurde. Er
25
Vgl. Pap. II A 805, W. von Kloeden, Kierkegaard as a person, a.a.O., S. 117, wo
auch weitere Forschungsergebnisse aufgezeichnet sind, dazu Gesamtliteratur
im selben Werk, S. 24 f. – Auf die Erdbebenproblematik wird auch noch später
hingewiesen.
4. DAS H EIM (I)
35
kehrte nach Jütland zurück. Sein Neffe Søren berichtete später über
das skurrile Verhalten dieses Onkels.26
Die Geschäftsübergabe des Vierzigjährigen erregte in seiner Umgebung manches Kopfschütteln. In einem solchen Alter den Handel aufzugeben, passte nicht in das Bild des damaligen Kaufmannes. Es gab nun auch die Möglichkeit, nicht nur mit ostindischen
Seiden- und Kleiderwaren zu handeln, sondern gerade zum Zeitpunkt der Aufgabe die Chance, der oben erwähnten Kaufmannsgruppe der Seiden- und Kleiderhändler beitreten zu können. 1801 erreichten das seine Nachfolger im Geschäft wie auch die Geschäftsfreunde
Henrich, Ole und Jens Lund, dazu N. Aabye, dessen Name später S.
Kierkegaard als Beinamen erhielt, und schließlich auch A.A. Kierkegaard.
Der Philosoph und spätere Förderer von S. Kierkegaard F.C. Sibbern drückte sich 1863 rückblickend über M.P. Kierkegaards Geschäftsaufgabe dahingehend aus, dass dieser aus einer Art Hypochondrie gehandelt hätte.27 Glaubwürdiger ist die Aussage von S.
Kierkegaard, der in einer Notiz auf den glücklichen Umstand eines
nun sorgenfreien Lebens für den Vater hinwies. Dabei werden die
großen Schwierigkeiten im Leben davor nicht verschwiegen.28 Tatsächlich hatte er ein großes Kapital an königlichen Obligationen, an
Hausbesitz mit bedeutenden Mieteinnahmen wie an anderen Geldanlagen erworben. Außerdem blieb das Spekulieren an der Börse.
Dazu kam aber die verantwortliche Fürsorge, die er einer eventuell
zu gründenden Familie zukommen lassen musste. Ein entscheidender Punkt war auch die gewonnene Zeit zum Studium wissenschaftlicher und erbaulicher Werke wie die Möglichkeit, sein Wissen in
ehrenamtliche Arbeit einzubringen.
26
27
28
Pap. X 3 A, S. 181; dazu S. Kühle, a.a.O., S. 14.
Nachweis bei S. Kühle, a.a.O., S. 15.
Pap. VIII 1 A 660, S. 313, SKS, Bd. 20, S. 343 ff.: NB IV 117; vgl. S. Kühle,
a.a.O., S. 15.
36
4. DAS H EIM (I)
Eine unschöne Angelegenheit bildete der geplante Ehevertrag
mit der zweiten Frau. Dieser ist allein aus der schnellen Heirat heraus
nicht zu erklären. Die demütigenden Passagen für die Ehefrau und
das von ihr stammende Kind wie für eventuelle weitere Nachkommen waren eines reichen Mannes wie M.P. Kierkegaard unwürdig.
Schon Tage vor der Eheschließung erschien dieser bei dem Prokurator Andreas Hyllstedt mit dem Plan eines Ehevertrages, um diesen
bei der königlichen Administration vorlegen und bestätigen zu lassen.
Der Vertrag selbst sieht Folgendes vor: Die neue Ehefrau soll
nicht die vollen Rechte einer Ehegattin haben. Es wird ein getrenntes
Wohnen gefordert, was für die damalige Zeit als ungewöhnlich galt.
Beim Tode des Ehemannes soll die Witwe alles Mobiliar und 200
Reichstaler jährlich haben. Sollten Kinder vorhanden sein, dann sollen zum mütterlichen Erbe 2.000 Reichstaler zugeschlagen werden.
Sollte zu Lebzeiten beider Ehegatten kein Verstehen miteinander
mehr möglich sein, sollte bei der Trennung die Ehefrau die Kleidung
und ihre Stoffe (Kleidertruhe) mitnehmen können. Sie bekäme dann
eine Abfindung von 300 Reichstalern zur Möbelanschaffung und 100
Reichstaler Jahresunterhalt, solange sie lebt. Die Kinder sollen, wenn
sie drei Jahre alt geworden sind, beim Vater bleiben. Unterschrieben wurde der geplante Ehepakt außer von den beiden Brautleuten
von den Zeugen: Wittus Bering, Kompagniechirurg, Jens Jörgensen,
Wollwarenhändler auf der Bräutigamseite, von den Zeugen auf Seiten der kommenden Ehefrau deren Bruder Lars Sørensen Lund und
J. Henrik Hagen, Kupferschmied.
Die zuständige, königliche Behörde empfand den vorgelegten
Ehevertrag als misslich – und zwar aus folgenden Gründen: M.P.
Kierkegaard war ein wohlhabender Mann, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass er es sich leisten konnte, früh sein Geschäft
aufzugeben und als Privatier zu leben. Die Knauserei gegenüber der
neuen Ehefrau sei daher nicht einsehbar. Der Ehevertrag setzte außerdem voraus, dass seine Ehe geschieden werden bzw. es zu einer
4. DAS H EIM (I)
37
Trennung kommen könnte. Das bedeute einen schlechten und ungewöhnlichen Einstieg in ein gemeinsames Leben. Schließlich würden
mögliche Kinder in der Versorgung schlecht gestellt, wenn man die
Gesamtheit des Vermögens dagegenhalte. Es folgte dann aber die
Genehmigung am 21. April 1797, wobei man besonders die geschaffenen Tatsachen der geplanten, notwendigen Eheschließung berücksichtigte und das Erbproblem bei den Kindern erst einmal auf sich
beruhen ließ.29
Am 26. April 1797 wurde die Ehe geschlossen. Am
20. September 1802 machte M.P. Kierkegaard sein Testament
und veränderte darin die für die Ehefrau und die Kinder ungünstigen
Passagen entscheidend. Zwar blieb das Problem einer möglichen
Trennung bestehen, aber jetzt wurde die jährliche Summe auf 200
Reichstaler verdoppelt. Völlig neu und sehr verbessert war die Verfügung im Falle seines Todes. So sollten die Witwe ein Drittel des
Vermögens, die Kinder zwei Drittel erhalten. Von der Gesamtsumme
ging das oben erwähnte Legat „Zum Gedächtnis von Niels Andreas
Seding“ ab. Ane Sørensdatter Kierkegaard, geb. Lund, wurde durch
das Testament nun endlich in den Rang einer würdigen Ehefrau und
Mutter erhoben. Durch ihre sorgfältige Pflege und Erziehung der
Kinder hatte sie ihren misstrauischen Mann überzeugt. Die geistige
Erziehung behielt sich natürlich M.P. Kierkegaard vor.
Die erste Tochter Maren Kirstine wurde 1797 noch im Haus in
der Frederiksberggade, verlängerte Köbmagergade geboren. Wegen
der zu engen Räumlichkeiten zog man in die schon bekannte Östergade um. Hier wurden 1799 Nicoline Christine und 1801 Petrea
Severine geboren. Letztere wurde später die Lieblingsschwester von
Søren. Sie trug auch den gleichen Vornamen wie er. „Søren“ ist die
Kurzform von „Severin“.
29
Zu dem ganzen Problem des Ehepaktes siehe Själlandske aabne breve 1797,
21.4. und indläg 407. Supplikprotokol 8 N, Nr. 2732 und 3444, Magistratens
resolutionsprotokol 1797, 17.3. und kopibog 1797 (A 151), Nr. 478; dazu S.
Kühle, a.a.O., S. 13 und 201.
38
4. DAS H EIM (I)
Auf Empfehlung von und zusammen mit Mads Röyen suchte
M.P. Kierkegaard ein neues Domizil der ländlichen Ruhe. Es begannen ruhige Zeiten auf dem Lande für die Familie. Militärisch wurde
Kopenhagen durch die Briten bedroht, wie es bereits oben geschildert worden ist. Auch M. Röyen hatte sein Geschäft 1796 an A.A.
Kierkegaard und N.S. Aaby übertragen. M.P. Kierkegaard und M.
Röyen fanden nun in Hilleröd zwei schöne Grundstücke, nämlich
den „Slotskro“ („Schlosskrug“) und den Hof „Petersborg“. Letzteren wollte M. Röyen bewohnen. So zog dann M.P. Kierkegaard in
den „Slotskro“. In der Nähe befand sich das königliche Schloss Frederiksborg und nördlich gab es den auch später von S. Kierkegaard
so geliebten Gribskov, einen wunderbaren Laubwald. Man war dreißig Kilometer von Kopenhagen entfernt in guter Landluft und doch
nicht zu weit vom geschäftigen Leben der Hauptstadt. In Hillerød
kam 1805 der erste Sohn des Elternpaares Kierkegaard Peter Christian, der spätere Bischof, zur Welt.
Im Herbst 1805 zog die Familie Kierkegaard wieder nach Kopenhagen, und zwar in ihre alte Gegend. Sie wohnten in der Østergade. Dort wurde 1807 der Sohn Søren Michael geboren. Der Umzug
nach Kopenhagen geschah zu einem politisch und materiell gesehen ungünstigen Zeitpunkt. Die zum Eingang beschriebene Bedrohung durch die Engländer, verursacht durch das Bündnis Dänemarks
mit Napoleon I., erreichte ihren weiteren Höhepunkt durch die Bombardierung des belagerten Kopenhagen vom 2. September 1807 an.
Diese dauerte vier Tage. Die Nacht vom 4. zum 5. September war
die furchtbarste: 1.600 Kopenhagener verloren ihr Leben. Die Engländer probierten eine neue Waffe aus, nämlich einen explodierenden Brandsatz mit Haken. Die zum Teil leichte Holzbauweise der
Häuser ließ das Feuer sich rasch ausbreiten. Auch festere Bauten
wie die Hauptkirche „Vor Fruen“ wurden zerstört.30 Glück hatte M.P.
30
Zum Bombardement durch die Briten vgl. John Danstrup/Hal Koch (Hg.),
Danmarks Historie, Bd. 10 von Jens Vibäk, Kopenhagen 1971, S. 280–291.
Romanhaft, aber quellenmäßig sorgfältig belegt wird die Belagerung durch die
4. DAS H EIM (I)
39
Kierkegaard. Sein Haus blieb erhalten, ebenfalls das Geschäft in der
Köbmagergade. Durch die Kontinentalsperre kamen ja keine Waren
mehr aus Westindien und anderen Teilen der Erde. Die Lebensmittel
wurden knapp. Die Teuerung wuchs. Als Demütigung wurde auch
das vor Kopenhagen an Land gegangene englische Expeditionschor
empfunden.
1808 erfolgte ein Aufruf zur Sammlung von Geldern für den Aufbau einer neuen Flotte. Hier erwies sich nun M.P. Kierkegaard als
echter Patriot. Zusammen mit M.N. Røyen, A.A. Kierkegaard, M.A.
Kierkegaard, N.S. Aaby und C. Agerskov ließ er auf eigene Rechnung eine Kanonenschalupe bauen.31
Das Haus in der Østergade wurde nach der Geburt des Sohnes
Niels Andreas im Jahre 1809 zu klein. Die Familie zählte nun acht
Personen. Dazu kam das Dienstpersonal. M.P. Kierkegaard kaufte
zur Verblüffung der Verwandten und Geschäftsfreunde noch im selben Jahr ein stattliches Haus mit drei Stockwerken in bevorzugter
Lage. Es stand im Zentrum geschäftigen Treibens. Die neue Adresse ab Herbst 1809 lautete: Nytorv 2. Nytorv 1 war das neue Rathaus und Stadtgericht, das mit dem nachempfundenen griechischen
Giebel wie Säulen herausragte und dem ganzen Platz ein lichtes
und würdiges Aussehen gab. Die wiedererstehende Stadt Kopenhagen wurde neoklassizistisch nach den Plänen der Architekten Jørgen Henrich Rawert und Christian Frederik Hansen aufgebaut. Alles
atmete Weite, vor allem dadurch, dass der „Gammeltorv“ mit dem
„Nytorv“ zusammengelegt wurde. Nytorv 2 wurde das Heim Søren
Kierkegaards, des jüngsten Sohnes.
Søren Kierkegaard wurde am 5. Mai 1813 in dem großen Haus
Nytorv 2 geboren. Das Jahr 1813 bildete zugleich den Tiefpunkt
der Talfahrt des Reichstalers. Es war das Jahr des Staatsbankrotts.
31
Briten von Alfred Otto Schwede geschildert in: Die Kierkegaards, Berlin 1988,
S. 129–136.
Vgl. H. Degenkolv, Den danske Flaades Skibe, 1906, S. 186; dazu W. von
Kloeden, Kierkegaard as a person, a.a.O., S. 18.
40
4. DAS H EIM (I)
Nytorv, Foto: Lucian Freudenberg
Gedruckt wurde nur noch wertloses Papiergeld. Die napoleonischen
Kriege belasteten auf Dauer Regierung und Bürger. Das Staatssäckel war leer. Die Niederlage Napoleons I. vor Moskau tat ein Übriges. Mit ihr verloren auch eine Reihe dänischer Soldaten, die in den
Krieg mitziehen mussten, ihr Leben. M.P. Kierkegaard hatte schon
vor 1813 die Lage auf dem Geldmarkt richtig eingeschätzt. Er besaß
die große Immobilie, und der übrige Wert der „Goldtonne“ (100.000
Reichstaler) – eine riesige Summe – war zum größten Teil in „Königlichen Obligationen“ angelegt. Diese behielten ihren Wert. M.P.
Kierkegaard ging aus der Krise wohlbehalten und noch reicher hervor. Hier spielte nun eine Transaktion hinein, die kaufmännisch raffiniert eingefädelt war, aber große Folgen für das Seelenleben des alternden Geschäftsmannes gehabt haben musste. Gerade darum muss
die damalige Handlungsweise des alten M.P. Kierkegaard näher beleuchtet werden. Der Schuldkomplex, der sich damit zusätzlich ge-
4. DAS H EIM (I)
41
bildet und das Unrechtsbewusstsein vertieft hatte, beeinflusste die
christliche Erziehung des Sohnes Søren. Dieser sollte daher besonders sorgfältig im Sinne eines frommen Christen erzogen werden.
Der Vater wollte damit auch seine eigene Schuld abtragen. Das grüblerische Fragen nach Gottes Gerechtigkeit kam bei M.P. Kierkegaard
noch schärfer zum Ausdruck.
Bei der Transaktionsgeschichte ging es um ein Finanzierungsvorhaben, das bereits um 1807 herum in den alten Herzogtümern
eingefädelt worden war. Die Kontrahenten waren die Bankiers Bartels in Schleswig und Gromvold in Itzehoe. M.P. Kierkegaard hatte einen hervorragenden Leumund in der internationalen Finanzwelt.
An den europäischen Banken war er bekannt und galt als Finanzfürst
im edelsten Sinne. Daher vertraute man ihm. Wiederum begnügte
sich M.P. Kierkegaard nicht mit den Börsenberichten der Zeitungen,
sondern erkundigte sich, wie oben berichtet, am Hafen nach der wirtschaftlichen Lage. Daher hatte er, verbunden mit dem sicheren Gespür in Geldangelegenheiten, einen Vorsprung, den er nutzte. Die
Krise 1807 noch vor dem Bombardement kündigte ihm einen möglichen Verlust der Wertpapiere an. Er suchte eine sichere Anlage in
echtem Silbergeld. M.P. Kierkegaard lieh sich also eine große Summe des Silbergeldes zu hohen Zinsen. Die beiden Bankiers trauten
ihm voll. Als Partner war den beiden der dänische Geldmann absolut seriös. Außerdem verließ man sich in Schleswig-Holstein darauf,
dass die Krise im dänischen „Mutterland“ sich nicht auf die Herzogtümer ausbreiten würde. Das war ein Irrtum. Die deutschen Gebiete
wurden in den Strudel der Geldentwertung mit hineingerissen. Die
Altonaer Speziesbank wurde von der dänischen Regierung geschlossen. Die Grund- und Geldwerte der deutschen Herzogtümer sollten
helfen, den dänischen Staat zu sanieren. Es wurde eine sechsprozentige Grundsteuer auf den Grundbesitz erhoben. Wer diese nicht hatte,
stand ganz arm da; denn inzwischen waren die Papiere wertlos geworden. Mit solchen wertlosen Papieren zahlte nun M.P. Kierkegaard
seine Schulden für die Silberbeträge an die beiden Bankiers zurück
42
4. DAS H EIM (I)
und trieb sie in den Bankrott. Das war eine wissentlich unmoralische Handlung.32 Das alles vollzog sich in sechs Jahren bis 1813,
dem Jahr der wirtschaftlichen Katastrophe. Gromvold erschoss sich,
Bartels wanderte nach Südamerika aus.
Zweifellos waren die herbeigeführten Folgen der Bankiersschicksale für M.P. Kierkegaards inneren Zustand verheerend. Es ist
eine Sache, einen Menschen durch Klugheit und Raffinesse zu überlisten. Es ist eine zweite und ganz andere, einen Menschen ins Elend
mit schrecklichen Folgen zu stürzen. Hier liegt zweifellos eine andere Dimension der Schuld vor als bei der kindlichen Verfluchung Gottes in der Heide. Auch die vorehelichen Beziehungen M.P. Kierkegaards zu seinem damaligen Dienstmädchen wie sexuelle Verfehlungen reichen nicht an das heran, was mit der hinterhältigen Transaktion verursacht wurde. Die Geschäftswelt ist hart. Bei einem solchen
Ehrenmann wie dem alten M.P. Kierkegaard hätte man aber eine gewisse Offenheit erwartet. Die Chance, Schulden mit wertlosem Geld
oder wertlosen Papieren zu begleichen, ist natürlich ein oft genutztes
Mittel. Zu denken ist an die deutsche Inflationszeit, in der Schuldscheine mit abgewerteten Geldnoten beglichen wurden – dies auf
dem Hintergrund der Dollarwährung. Dass der furchtbare Ausgang
nach der Transaktion so von M.P. Kierkegaard nicht erwartet worden war, liegt auf der Hand und würde zu seinen Gunsten sprechen.
Für sich selbst akzeptierte er bei seinem grüblerisch-frommen Seelenleben später eine solche Rechtfertigung nicht. Als vor ihm fünf
Kinder und die Ehefrau starben, er sich einbildete, die ganze Familie
zu überleben, verband er das mit einer Strafe, die von Gott käme.
Der Segen des Alters wandelte sich zum Fluch. Das begünstigte die
Anlage zur Schwermut. Wenn auch die Selbstzeugnisse des Sohnes
32
Aufgeführt ist diese Handlungsweise mit den tragischen Folgen bei Niels Møgelvang, Min sidste Prädikestol, Kopenhagen 1981, S. 22 ff. Die Problematik
ist vorher nie deutlich gesehen worden. Allerdings ist sie vorher romanhaft beschrieben worden von Edmund Hoelme, Deutsche, Dänen und Kierkegaard,
Hamburg 1948, S. 25 ff.
4. DAS H EIM (I)
43
Søren über den Vater, wie schon oben betont, natürlich subjektiv waren, so können wir aus jenen die Belastung erkennen, die den Sohn
voll trafen.
Mit Stützung auf die mit Goldschnitt versehenen Notizbögen,
die von den Herausgebern der „Papirer“ auf das Jahr 1838 datiert
wurden und sechs Aufzeichnungen enthalten, darunter die vom „store Jordrystelse“ („großes Erdbeben“) mit der „frygtelige Omvaeltning“ („fürchterliche Umwälzung“), kann ermessen werden, was
die Schuldbekenntnisse M.P. Kierkegaards für die Familie bedeutet
haben.33 Ob die Bankiersgeschichte, verbunden mit der Gottverfluchung und möglichen sexuellen Verfehlungen, wirklich Inhalt der
Erdbebenoffenbarung war, lässt sich nicht mehr feststellen. Spekulationen helfen nicht. Die „fürchterliche Umwälzung“ kann sich auch
auf S. Kierkegaards eigenes Innenleben beziehen. Eingebunden ist
aber hierbei das Geschick des Vaters und der Familie: Die hervorragenden Geistesgaben trugen dazu bei, dass sich die Familienmitglieder gegenseitig aufrieben. Beschworen wird das Unglück des Vaters.
Das sind nun die Gegebenheiten im Hause Nytorv 2, die das Kind
Søren begleiteten.
Trotz der Anfechtungen oder gerade deswegen legte M.P. Kierkegaard großen Wert auf die christliche Erziehung seiner Kinder. Dabei
traf er auf hervorragende Seelsorger. Da die Frauenkirche durch die
33
Vgl. Pap. II A 802–807 mit Betonung von Pap. II A 805 unter Zuhilfenahme
von Pap. II A 18–20, SKS K 17, BB 42–42 f., Pap. VI A 105, Pap. IX A 71
und die allerdings fiktiven Einschubstücke in den „Stadien auf dem Lebensweg“, besonders „Die stille Verzweiflung“ und „Salomos Traum“, SV 8, 22
f., 71–79, SKS, Bd. 6, S. 187 f., 234 f.; Aufstellung und weitere Nachweise:
W. von Kloeden, Kierkegaard as a Person, a.a.O., S. 16 f. Wegen der erst 1839
erschienenen, von S. Kierkegaard benutzten Ortlepp-Übersetzung von Shakespeares „König Lear“ sind die oben behandelten Goldschnittdokumente nach
Frithiof Brandt erst für 1839 anzusetzen; F. Brandt, The great earthquake in
S. Kierkegaards life, in: Theoria, Jg. 15, Kopenhagen 1949, S. 38 ff. Das Erdbeben kann natürlich früher stattgefunden haben; hierzu die eben erwähnten
Nachweise von mir.
44
4. DAS H EIM (I)
Bombardierung zerstört worden war und sich noch im Wiederaufbau
befand, begaben sich die Familie Kierkegaard und andere, umwohnende Bürger in die Heiliggeistkirche (Helligaands-Kirken). Dort
wurde auch am 3. Juni 1813 S. Kierkegaard getauft. Nach der Eintragung in das Taufbuch waren außer den Eltern als „Gevattern“ (Paten) folgende Personen zugegen: Abelone Aabye, geb. Agerschou,
Anders (Andersen) Kierkegaard (Seiden- und Tuchhändler, ein Vetter M.P. Kierkegaards, s.o.), Niels Aabye (Kompagnion von Anders
Kierkegaard), Christen Aggerschou, Otto Møller und Peter Aabye.34
An der Heiliggeistkirche wirkte damals der norwegische Pfarrer
J. Bull. Seine Predigtweise war schlicht. Er betonte eindringlich die
Ethik des Evangeliums, die er gegen den vorherrschenden Rationalismus stellte. Dabei war J. Bull nicht wie die Theologen J.O. Thisted
und J.P. Mynster aus der Erweckungsbewegung hervorgegangen. Er
hatte sich auch nie zu ihr bekannt. Bull konfirmierte die drei Töchter
von M.P. Kierkegaard: Maren Kirstine, Nicoline Christine und Petrea
Severine. Die Familie Kierkegaard besuchte oft seine Gottesdienste.
In J. Bull fand M.P. Kierkegaard einen aufrecht, lutherisch geformten Prediger und Seelsorger, den Garanten für eine klare, religiöse
Unterweisung der Töchter.
1811 bekam Jacob Peter Mynster (1775–1854) die Anstellung
als „Kapellan“ („Kaplan“) an der Frauenkirche in Kopenhagen. Seine Predigtstätte war aber zuerst die Trinitatiskirche. Der Wiederaufbau der zerstörten Frauenkirche brauchte Zeit. J.P. Mynster kam aus
Spjellerup bei Vemmetofte, wo er seit 1801 Pfarrer war. Vorher war
er Hauslehrer beim Grafen Adam Wilhelm Moltke in Bregentved.
Die Familie Mynster stammt ursprünglich aus Deutschland.35 Schon
in seiner ersten Predigtsammlung von 1809 ist – besonders in den
letzten Predigten – die deutliche Spitze gegen den platten Ratio34
35
Vgl. Valdemar Ammundsen, a.a.O., S. 22, Anm. 1; Hermann Ulrich, a.a.O., S.
20.
Zu J.P. Mynster siehe W. von Kloeden, Mynster, J.P., BBKL, Bd. VI, Sp. 414–
418.
4. DAS H EIM (I)
45
nalismus zu spüren. J.P. Mynsters Berufung nach Kopenhagen war
nicht nur für die Familie Kierkegaard ein Glücksfall. Seine Offenheit
in Gesprächen, seine umfassende Bildung, sein glänzender Predigtstil machten ihn bald zur führenden kirchlichen Persönlichkeit in der
Hauptstadt.
J.P. Mynster wurde der Seelsorger aller Familienmitglieder der
Kierkegaards im Nytorv 2. Er wurde besonders der Wegbegleiter
M.P. Kierkegaards und Sørens. Auch als Hofprediger ab 1826, als
Schlossprediger ab 1828 und schließlich als Bischof von Seeland ab
1834 hielt er sein Seelsorgeamt gegenüber Vater, Sohn Søren und der
übrigen Familie aufrecht. 1821 wurde der ältere Bruder Sørens Peter
Kierkegaard von ihm konfirmiert.36 Es folgten 1823 Niels Andreas
und 1828 – nun in der wiedererstandenen Frauenkirche – Søren.
J.P. Mynster stand der Erweckungsbewegung nahe, ohne die lutherische Grundlinie zu vernachlässigen. Er war ein Mann der Ordnung und ließ sich nicht auf theologische und freikirchliche Extratouren ein. Für ihn war Grundbedingung für eine christliche Einstellung, dass die Vernunft ernst genommen wird. Sie sei dem Menschen
vom Schöpfer gegeben worden, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass
der Glaube an Christus der rechte Lebensweg sei. Daraus ergibt sich:
Es ist Pflicht zu glauben. Das war für M.P. Kierkegaard einleuchtend. J.P. Mynster wurde ihm immer mehr zur wichtigen theologischen Bezugsperson. Jener besaß die ersten drei Predigtbände und
die 1833 erschienenen „Betragninger over de kristelige Troeslärdommel“ („Betrachtungen über die christlichen Glaubenslehren“).
Im Besitz Sørens waren alle Predigtsammlungen Mynsters – die ers36
Gerd Pressier, Kierkegaard und Bischof Mynster. Auseinandersetzung zweier
Theologen, Münster 1969, S. 21, setzt Peters Konfirmation für ca. 1819 an und
datiert von dorther die mögliche nähere Bekanntschaft M.P. Kierkegaards mit
Mynster. Wahrscheinlich ist das Jahr 1819 durch die Zählung Geburtsjahr plus
14 zustandegekommen. Auch damals wurden Jugendliche oft mit 15 oder 16
Jahren konfirmiert. Die Bekanntschaft der beiden prominenten Bürger M.P.
Kierkegaard und J.P. Mynster konnte schon eher gemacht worden sein.
46
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ten in späteren Auflagen. Mynsters „Betrachtungen“ besaß er in der
zweiten Auflage von 1837. Dass J.P. Mynster auch zum festen Familienseelsorger wurde, geht daraus hervor, dass er Sørens Schwester Nicoline Christine mit Johann Christian Lund am 24. September
1824 traute. Später wird noch auf die Erziehung Sørens „mit Mynsters Predigten“ einzugehen sein.
Denkmal von Jacob Peter Mynster in Kopenhagen, Foto: Lucian Freudenberg
Auf eine weitere geistliche Persönlichkeit ist hinzuweisen. Bis
J.P. Mynster die Anstellung als Kapellan bei der Frauenkirche in Kopenhagen erhielt, predigte er, wie schon bekannt, in der Trinitatiskirche. Hier, in der Trinitatiskirche, war bis 1824 J.O. Thisted Kapellan.
Dieser wurde von seinen Gegnern als „Bluttheologe“ und „Herrnhu-
4. DAS H EIM (I)
47
ter“ verspottet. Nichtsdestotrotz zog er mit seinen glänzend aufgebauten, warmherzigen Predigten große Scharen des Bürgertums an.
Zweifellos hatte J.P. Mynster recht, wenn er J.O. Thisted vorwarf,
dass dieser C. Harms mit seiner Schlagworttechnik imitiert. J.O.
Thisted würde also keinen Originalbeitrag innerhalb der dänischen
Erweckungsbewegung liefern.37 Daher musste dem alternden M.P.
Kierkegaard der unter dem Einfluss Friedrich Heinrich Jacobis stehende und der Vermittlungstheologie gegenüber offene J.P. Mynster
mehr zusagen. Das bedeutete aber nicht die Ablehnung J.O. Thisteds.
Schon dessen Liebäugeln mit Herrnhut war für M.P. Kierkegaard ein
Grund, sich näher mit dem Pfarrer der Trinitatiskirche zu befassen.
Immerhin erwarb M.P. Kierkegaard J.O. Thisteds Zeitschrift „For
Christne“ (I–IV). Sie enthielt J.O. Thisteds eigene Predigten wie erbauliche Lehrstücke anderer Theologen aus verschiedenen Zeiten.
1825–1828 gab J.O. Thisted „En kristelig Postille“ („Eine christliche Postille“) von Martin Luther heraus.38 Letztere galt später S.
Kierkegaard als Hauptquelle für sein Lutherstudium und die Auseinandersetzung mit dem Reformator.
J.O. Thisted hatte Ende 1824 zuerst mit dem Pochen auf die Symbolverpflichtung den Streit gegen den rationalistisch eingestellten
Theologen C.F. Hornemann begonnen, der in der Folge von N.F.S.
Grundtvig, J.C. Lindberg und Andreas Gottlob Rudelbach – die beiden Letzteren als Freunde P.C. Kierkegaards – gegen H.N. Clausen und Carl Holger Visby besonders in der „Theologisk Maanedsskrift“ („Theologische Monatsschrift“) fortgeführt wurde. Von diesem Streit, der erst mit dem Prozess J.C. Lindbergs gegen C.H. Visby
beigelegt wurde, erfuhr M.P. Kierkegaard sicherlich laufend durch
seinen Sohn Peter Christian. Informationen darüber erhielt er auch
durch dessen Freund A.G. Rudelbach, der im Hause Nytorv 2 ver37
38
Vgl. dazu J.P. Mynsters Brief an Propst Engelbreth vom 10.11.1822, dazu Kaj
Baagø, Väkkelsernes Frembrud I, Kopenhagen 1960, S. 51 und W. von Kloeden, Kierkegaard as a Person, a.a.O., S. 19.
Thulstrup, Ktl. Nr. 283.
48
4. DAS H EIM (I)
kehrte.39 Interessant ist auch, dass die eben erwähnten Freunde von
P.C. Kierkegaard regelmäßige Besucher der Gottesdienste von J.P.
Mynster waren.
Von großer Bedeutung war, dass M.P. Kierkegaard wie seine
Herrnhuter Freunde Johannes Hammerich und Johannes Boesen zusammen mit den eben erwähnten Freunden P.C. Kierkegaards, dazu mit P.A. Fenger Mitglieder der dänischen Missionsgesellschaft
(„Det Danske Missionsselskab“ – „D.M.S.“) waren. Diese Gesellschaft wurde am 17. Juni 1821 gestiftet. Die genannten Persönlichkeiten hatten hier einen inneren Berührungspunkt, nämlich in der
Befolgung der Zielsetzung des Gründers der „D.M.S.“ Bone Falck
Rönne. Dieser Mann hatte verschiedene Auffassungen christlicher
Lehrhaltung durchlaufen. Er war zuerst halb Rationalist, halb Supranaturalist, ehe er zu einer schlichten Christentumsauffassung gelangte.40 B.F. Rönne war von der Erweckungsbewegung inspiriert, aber
seine Gesellschaft war für alle Kreise offen.
M.P. Kierkegaard, der sich sehr an J.P. Mynsters Theologie hielt,
zugleich aber von der Philosophie Wolffs beeinflusst war, musste
sich zu dem nüchternen Grundcharakter dieser Gesellschaft mehr
hingezogen fühlen als zu dem mit Emotionen geladenen Kreis um
seinen ältesten Sohn Peter Christian. So konnte M.P. Kierkegaard
hier eine Trennungslinie ziehen, was an S. Kierkegaard nicht spurlos
vorübergehen konnte, zumal dieser in seinen älteren Schülerjahren
die Auseinandersetzungen um die Symbolverpflichtung erlebte. So
griff Søren schon in den ersten Tagebuchnotizen N.F.S. Grundtvig
und seinen Kreis scharf an.41 Hieraus rührt auch das tiefe Unbehagen
gegenüber dem älteren Bruder, soweit es dessen Theologie betraf.
39
40
41
Zu J.C. Lindberg siehe W. von Kloeden, BBKL, Bd. V, Sp.74–76; zu A.G.
Rudelbach: W. von Kloeden, BBKL, Bd. VIII, Sp. 919–923.
Vgl. Kaj Baagö, a.a.O., S. 33; Hal Koch, Den danke Kirkes historie, a.a.O., VI,
1954, S. 113.
Vgl. Pap. I A 60, 61, 62.
4. DAS H EIM (I)
49
Schon erwähnt ist der frühe Einfluss der Brüdersozietät durch
H.S. Lemming und P. Saxtorph auf den jungen M.P. Kierkegaard. Es
war daher natürlich, dass dieser als reifer Mann die Verbindung zur
Herrnhuter Brüdergemeine in Kopenhagen suchte. Er wollte hier aktiv werden, sah er doch in der Verbundenheit mit Gleichgesinnten die
Chance christlich motivierten Handelns unter der Voraussetzung eines möglichen Gnadenerlebnisses. Von dieser Möglichkeit hing sein
innerer Frieden durch den Zuspruch der Vergebung ab.
Die Kopenhagener Brüdersozietät wurde am 14. September 1739
gegründet. Um die Herrnhuter Bewegung innerhalb des dänischen
Kirchenlebens zu integrieren, stellte Christian VI. damals die Bedingung, dass die Brüdersozietät in der Hauptstadt unabhängig von
N.L. Graf von Zinzendorf agieren sollte. 1740 gab es bereits 29, 1750
dann 242 und 1760 schließlich 417 Mitglieder innerhalb der Kopenhagener Sozietät. Die innere Kraft dieser Gemeinschaft zeigte sich in
der Wirkungslosigkeit des gegen sie gerichteten „Konventikelplakates“ vom 13. Januar 1741. Die Brüdergemeine fand nämlich schnell
unter den verschiedenen Pfarrern der Staatskirche Anerkennung, sodass man sie nicht zu bekämpfen brauchte. Außerdem lockerte sich
die Wachsamkeit des Staates, bedingt durch die Aufklärung, gegenüber den Konventikelströmungen. So konnte man an den Einzug in
ein eigenes Versammlungshaus in der Stormgade im Jahre 1784 denken. Wesentlich für die geistliche Entwicklung der Sozietät wurde in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Zulauf der studierenden Jugend. Unter ihr befanden sich eine Reihe von Theologen. Die
Namen dieser, von denen einige später bekannte Geistliche innerhalb der Staatskirche wurden, sind in Christiansfeld archiviert. Wenn
man damals vom „Saale“ oder „in dem Saale“ sprach, dann meinte man das Haus in der Stormgade, für den alten M.P. Kierkegaard
eine wichtige Begegnungsstätte und ein Wirkungsort zugleich. Bedingt durch den Einfluss des Rationalismus ging die Mitgliederzahl
um die Jahrhundertwende auf die Hälfte zurück. Die Brüdersozietät blühte aber nach den napoleonischen Kriegen wieder auf. Diese
50
4. DAS H EIM (I)
entscheidende Zeit nach 1815 wurde in der Stormgade durch M.P.
Kierkegaard mitgeprägt. Die zentrale Rolle aber spielte der in Christiansfeld geborene Vorsteher Johann Christian Reuss. Dieser sollte
für M.P. Kierkegaard von großer Bedeutung sein. Die beiden Männer arbeiteten zusammen.
J.C. Reuss wurde 1775 als Sohn des Johann Conrad Reuss und
der Anna Sophie, geb. Nielsen, geboren. Reuss war zuerst Tischler,
dann Gastwirt in Christiansfeld. 1804 kam er als Pfleger nach Neusalz und wurde kurz danach Vorsteher dieser Gemeinschaft. 1806–
1809 war er Vorsteher in Zeist, danach in Herrnhut. 1815 kam er
schließlich in der gleichen Funktion nach Kopenhagen. Als Reuss
nach Kopenhagen zog, fand er in den „Gehülfen“ eine große Unterstützung. Die „Gehülfen“ waren ausschlaggebend im Sozietätsausschuss, also in leitenden und betreuenden Funktionen. Die Tätigkeit
des Ausschusses erwies sich bei steigender Mitgliederzahl und verstärkten Versammlungen als besonders wichtig. Zu diesen „Gehülfen“ gehörte M.P. Kierkegaard. So wurde letzterem „seiner Erfahrungen wegen“ die Inspektion für den Bau des neuen Saales in der
Stormgade übertragen, wie aus einem im Herrnhuter Archiv befindlichen Brief von Reuss an H. Wied vom 12. August 1815 hervorgeht.
Außer M.P. Kierkegaard und seinen Angehörigen waren die Familien
Boesen und Hammerich in der Brüdergemeine der dänischen Hauptstadt tonangebend. Die Kierkegaards verband Freundschaft und Gemeinsamkeit mit diesen beiden Familien. Wichtig für M.P. Kierkegaard war der Gedankenaustausch mit dem Kaufmann J. Hammerich
und dem Justizrat J. Boesen. Die Verbindung war wesentlich für das
Familienleben, in das Søren hineinwuchs.
Wie oben schon angedeutet, schätzte J.C. Reuss M.P. Kierkegaard außerordentlich. Dieser wiederum blieb bis zu seinem Tod
Mitglied der Brüdergemeine. Besondere Freude wird ihm die Einweihung des neuen Saales in der Stormgade im Jahr 1816 bereitet
haben. Dieser umfasste 600 Plätze. Über M.P. Kierkegaards Aktivitäten findet sich ein Zeugnis des Vorstehers J.F. Matthiesen an Johann Christian Breutel vom 28. August 1838 anlässlich des Todes
4. DAS H EIM (I)
51
von M.P. Kierkegaard. Hier wird ausdrücklich seine Treue gelobt.42
Da heißt es: „Unsere Sozietät verliert an ihm eines der treuesten Mitglieder sowohl für das Äussere wie für das Innere, u. mancher Hausarme wird ihn schmerzlich vermissen. – Er hat gewiss in der Stille
mehr Gutes getan, als viele gedacht haben, die ihn für einen Geizhals
hielten u. ausschrieen, weil er nicht ohne Unterschied zur Rechten u.
zur Linken ausstreute. Wir kannten seine Grundsätze und mussten
ihm Recht geben. Ich verliere an ihm einen treuen Bruder im wahren Sinne des Wortes, der mir bey jeder Gelegenheit seine Meinung
unverholen, aber auf eine sehr anspruchslose Weise sagte, und der in
unsren Societäts- Angelegenheiten, welche er mit besonderer Liebe
umfaßte u. auf dem Herzen trug, uns manches Jahr guten Rat gegeben hat [ . . . ].“ Hingewiesen wird auf die große Erfahrung und die
klare Entscheidungsfreude des alten M.P. Kierkegaard. Auch sind
die näheren Umstände des Todes angegeben. So hat das Herrnhuter
Leben in der Stormgade doch erheblichen Einfluss auf die Familie
Kierkegaard und ihre Freunde gehabt. Die ermunternden Predigten
von J.C. Reuss haben neben denen von J.P. Mynster den alten M.P.
Kierkegaard erhoben und ihm Trost gegeben.43 Sie haben aber auch
neben dem Wirken der oben erwähnten Geistlichen wie G. Bull und
J.O. Thisted Wegweisung für die Erziehung des Sohnes Søren und
seiner Geschwister gegeben.
42
43
Auch dieser Zeugnisbrief findet sich im Herrnhutarchiv; vgl. Kaj Baagø, Vaekkelsemes Frembrud, a.a.O., S. 21. Bei dem folgenden, diesbezüglichen Zitat
wird die alte deutsche Rechtschreibung beibehalten.
Eine Predigt von Reuss ist erhalten und zeigt den Ruf nach dem Retter: „Unser
Retter erbarme sich unser, er kennt unsere Herzen, kennt unsere Sündigkeit,
weiß, wie wir nach Hilfe drängen.“ Diese Predigt liegt im Archiv von Herrnhut; vgl. Kaj Baagö, Vaekkelsernes Frembrud, a.a.O., S. 23 und W. von Kloeden, Kierkegaard as a person, a.a.O., S. 22. Diese Gedanken bilden das Tor
zur Glaubenswelt des alten M.P. Kierkegaard. Der Einfluss solcher Predigtsätze lässt sich bis in das schriftstellerische Werk S. Kierkegaards verfolgen, wie
z.B. in SV 13, 239 ff. und SV 13, 249 ff.; SKS, Bd. 10, S. 265 ff., SKS, Bd. 10,
S. 279.
5. DAS H EIM (II)
Das vorherige Kapitel gibt Auskunft über den Wirkungskreis von
M.P. Kierkegaard im öffentlichen und kirchlichen Leben. Es zeigt
auch die Kontaktsuche zu den Seelsorgern für seine Familie und seinen freundschaftlichen Verkehr mit Gleichgesinnten. Hier liegt die
Basis für die christliche Erziehung seiner Kinder, vor allem die von
Søren. Die Glaubensgemeinschaft innerhalb der Brüdersozietät spiegelte sich im Familienleben wider. In Strenge und Pünktlichkeit war
der Vater die Säule für seine Angehörigen. Bei aller Sparsamkeit waren seine Spenden und Liebesgaben ein Vorbild für die Seinen und
die ihnen verbundenen Bürger der Stadt. So gab M.P. Kierkegaard regelmäßig Geld zum Erhalt zweier Waisenhäuser. Der Hang zur sinnvollen Sparsamkeit tat der Gastfreundschaft keinen Abbruch.
Gäste aus der Verwandtschaft, der Geschäfts- und Geisteswelt
des damaligen Kopenhagen waren im Haus am Nytorv willkommen.
Hier erlebte das Kind Søren bereits die Diskutierfreudigkeit seines
Vaters, die für die spätere, angewandte Dialektik von wesentlicher
Bedeutung war. Nicht nur Henriette Lund, Hans Bröchner und Carl
Weltzer, sondern auch weniger bekannte Zeugen wie Eline Heramb,
bestätigt durch P. Bojsen, bezeugten die Gastfreundschaft und die
Diskutierfreude des alten M.P. Kierkegaard.44 Intensiv waren M.P.
44
Vgl. H. Lund, Erindringer, a.a.O., S. 21; H. Bröchner, Erindringer om Søren
Kierkegaard, udg. 1953 ved S. Johansen, S. 14; P. Bojsen, Budstikkens Udgiver. Prästen Frits Engelhart Bojsens Liv og Levned, Kopenhagen 1883, S. 94;
hierzu noch folgende Briefe von F. Meidell an Barfod vom 7.11.1869 wie von
den Geschwistern Rudelbach an ihren Bruder Andreas vom 5.1., 23.3., 9.7,
5.8., 20.8., 1.9.1830, befindlich in der Königlichen Bibliothek und zugänglich
gemacht durch Carl Weltzer, Peter og Søren Kierkegaard I, Kopenhagen 1936,
S. 28 ff. – F.E. Bojsen war der Schwager von Peter Christian.
54
5. DAS H EIM (II)
Kierkegaards Diskussionen mit seinem Sohn Peter, denen Søren zuhörte und an denen er sich später rege beteiligte. M.P. Kierkegaard
war durch die „Wolffsche Philosophie“ geschult. Besonders Christian Wolffs „Deutsche Metaphysik: Vernünftige Gedanken von Gott,
der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt“
(1720), bis 1752 zwölfmal neu aufgelegt, auch dänisch erschienen,
galt dem alten M.P. Kierkegaard als Richtschnur. Bevor auf das Familienleben der Kierkegaards weiter einzugehen ist, soll noch etwas
zu der von M.P. Kierkegaard bevorzugten Wolff-Lektüre gesagt werden. Es ist merkwürdig, dass ein Denker in der Linie der Aufklärungsphilosophen und am Ende der Barockphilosophie solchen Einfluss auf seine und die nachfolgende Zeit – und das besonders in
Dänemark – gehabt hatte. Ein suchendes, frommes Gemüt, wie M.P.
Kierkegaard es war, würde man eher in die Ecke eines Lesers von
pietistischer Literatur setzen, als umgekehrt ihn am Schreibtisch mit
scharfsinnigen Betrachtungen sehen zu wollen. Und war nicht Wolff
(1679–1754) inzwischen überholt? Zusätzlich käme noch die Frage, warum ein Denker wie Wolff, der vom pietistisch eingestellten
König Friedrich Wilhelm I. von Preußen aus Halle verbannt wurde,
von einem pietistisch orientierten Mann wie M.P. Kierkegaard zum
bevorzugten Autor wurde.
Erwähnt wurde schon der gut lesbare Stil der Wolffschen Schriften. Dazu kam die klare Scheidung des Hallenser Philosophen zwischen Körper (gleich Maschine) und Seele. Dadurch wurde Raum
für metaphysische Grundfragen gegeben. Für Wolff war es wichtig,
das unendliche All vom Denken her zu durchdringen. Damit stand
er in der großen philosophischen Tradition, die von Giordano Bruno
bis Gottfried Wilhelm Leibniz reichte. Wolff war der aristotelischen
Beweisführung und damit auch der Lehre des Thomas von Aquin
verbunden. Einfach war für ihn die Konzeption des Körpers als Maschine. Dieser war nur materiell im Gegensatz zu G. Bruno und G.W.
Leibniz zu sehen. Die Körpermaschine ist streng unterschieden von
der Seele. Jene Maschine ist durchaus mit mathematischer Methode
5. DAS H EIM (II)
55
nachzukonstruieren. Zwei Stichworte eröffnen den weiteren Denkweg Wolffs: „Vernünftige Gedanken“ und „Bewusstmachung“.
M.P. Kierkegaard lernte auf dieser Basis, denkerisch zu unterscheiden und auf ein Gedankenziel hin zu arbeiten. Einen wichtigen Teil in Wolffs System bildet die Gotteslehre. Darum wird sich
M.P. Kierkegaard besonders bemüht haben. Diese Lehre deckte ihm
Grundprinzipien der Fragen nach dem Gottesverhältnis auf, und hierauf konnte er dann im tieferen Sinne von J.P. Mynster und Herrnhut
her sein Glaubensverständnis ausbauen. Chr. Wolffs Gotteslehre findet sich in den §§ 928–946 innerhalb des oben angegebenen Hauptwerks. Hier wird das nicht selbständige Wesen (der Mensch) von
dem selbständigen Wesen, das ohne Anfang und Ende ist, unterschieden. Es ist in sich und aus sich, ist in Kraft und unabhängig. Dieses
Wesen ist notwendig, da es ohne Anfang und Ende ist. Das wird besonders in den §§ 931 und 932 erhellt. Wenn dem so ist, dann ist der
Begriff Ewigkeit anwendbar. Die Ewigkeit ist unermesslich. Dann
heißt es weiter im § 934: „Was kein Ende haben kann, ist unverweslich. Da nun das selbstständige Wesen kein Ende haben kann, so ist
es unverweslich.“ Von hier aus ist es dann möglich, den Gottesbegriff
zu kreieren. Gott ist das selbständige Wesen. In ihm ist die Wirklichkeit der Welt zu suchen und zu finden. Damit konnte die christliche
Offenbarungslehre stehenbleiben. Wichtig war dem Hallenser Philosophen, dass sie zwar übervernünftig, aber nicht widervernünftig
ist. Es ist anzunehmen, dass M.P. Kierkegaard auch in andere Werke Wolffs hineingeschaut hatte. Er wird sich auch Kenntnisse in der
deutschen Sprache angeeignet haben. Jedenfalls halfen ihm Wolffs
Gedankengänge, deutlich zu diskutieren. Dass dieser nicht überladen
physikotheologisch vorging, machte ihn dem alternden Kaufmann
M.P. Kierkegaard sympathisch.
Warum suchte sich M.P. Kierkegaard zuerst seinen Sohn Peter
Christian als Diskussionspartner? Als Søren 13 Jahre alt war, hatte Peter bereits sein Attestatszeugnis im Jahre 1826 erhalten. Durch
sein Alter, seine glänzende Ausbildung war er dem Vater als Ge-
56
5. DAS H EIM (II)
sprächspartner willkommen. Später kam dann, wie schon erwähnt,
der jüngste Sohn Søren dazu. Peter unterrichtete Griechisch in der
Borgerdydsskole und war auch eine Zeit lang Sørens Lehrer. Er begann noch in Kopenhagen an seiner Studie über die Lüge („De mendacio“) zu arbeiten. Nach der Konfirmation seines Bruders Søren im
Jahre 1828 reiste Peter Christian nach Deutschland. Über Berlin kam
er nach Göttingen, wo er 1829 über das eben angegebene Thema promovierte. Der frisch gebackene Dr. phil. fiel auch hier durch seine
glänzende Disputierkunst auf. Er wurde in Göttingen „der Disputierteufel aus dem Norden“ genannt.45
Nach der Promotion reiste Peter Christian Kierkegaard weiter
nach Paris und erlebte dort 1830 die Julirevolution. Der Aufenthalt
zu dieser Zeit in der französischen, unruhigen Metropole bereitete
der Familie große Sorge. Im September 1830 war aber Peter wieder
daheim und erlebte beachtliche Erfolge als Manuduktör, besonders
im Lateinischen. Schüler und Studenten, die sich darin ihm anvertrauten, wurden gut vorbereitet. Übrigens wurde die Disputierkunst
auch in direkten Übungsstätten vertieft. Søren Kierkegaards spätere,
geschliffene Dialektik ist also nicht nur das Ergebnis der Studien in
den Schriften seines Antipoden Hegel, sondern auch das der Teilnahme an den Disputationsstunden mit seinem Vater und Bruder.
Welchen Platz nahm nun die Mutter Ane Sørensdatter ein? In den
„Papirer“ wird sie nicht erwähnt. M.P. Kierkegaard aber wusste, was
er an ihr hatte. Sonst hätte er nicht, wie oben geschildert, sein Testament zu ihren Gunsten verändert. Von den Zeitzeugen wird ihre stille, fürsorgliche Art geschildert. Sie war vor allem um die Gesundheit
ihres Jüngsten besorgt. Dafür gibt es Belege.46 Sehr bekannt in der
45
46
Vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 59; C. Jörgensen, I, a.a.O., S. 18. Zum Ganzen hier
über P.C. Kierkegaard auch Steen Johansen (Hg.), Erindringer om Søren Kierkegaard, Kopenhagen 1980, S. 19, 128 und Bruce H. Kirmmse (Hg.), Encounters with Kierkegaard, Princeton, N.J. 1996, S. 8 und Anm. S. 316, 317.
Vgl. P. Bojsen, a.a.O., S. 94; dazu C. Jörgensen, I, a.a.O., S. 38 und Grethe Kjär,
Barndommens ulykkelige Elsker, Kopenhagen 1986, S. 38 f. – Die Schwestern
5. DAS H EIM (II)
57
Forschung ist die Schilderung von Henriette Lund über die beherzte Fürsorge an den Kindern und Enkelkindern. Diese wird mit dem
schönen Bild von Henne und Küken umschrieben. Abends beim Zubettgehen war die kleine Gestalt der Mutter bzw. Großmutter maßgeblich. Sie brachte die Kinderschar mit der Ruhe, die sie ausstrahlte,
zum Einschlafen.47 Völlig falsch ist es, von der Nichterwähnung der
Mutter in den Tagebuchnotizen her zu einer Negativzeichnung zu
kommen. Selbstverständlich dominierte der Vater als Patriarch und
geistvoller Gesprächspartner, aber Herzlichkeit und Mühen um das
leibliche Wohl der Kinder waren bei der Mutter unbegrenzt. Ihr gesundes Naturell war ein wichtiger Gegenpol zu dem mit Schwermut
sich quälenden Mann und jüngsten Sohn.
Um das Bild von der Mutter abzurunden, ist auf dreierlei aus
dem Quellenmaterial hinzuweisen. Es hängt mit der Achtung und
Liebe der Söhne gegenüber der Mutter A. Sørensdatter zusammen.
Der zweitjüngste Sohn Niels Andreas, geb. 1809, hatte eine besondere Beziehung zur Mutter. Er lernte bei seinem Schwager J.C. Lund in
Kopenhagen und war 1830 zuerst Manufakturhändler in seiner Vaterstadt. Im Sommer 1833 ging er nach Nordamerika. In Patterson starb
er am 21. September 1833 an Typhus. Erst am 31. Oktober desselben
Jahres kam die Todesnachricht nach Kopenhagen. Nach dem Tod von
Niels Andreas schrieb der mit ihm befreundete P. Munthe Brun in
sein Tagebuch, dass jener nach Amerika reiste, weil er es daheim
nicht mehr aushalten konnte. In der Fremde sprach Niels Andreas
vor den Freunden ausschließlich von seiner Mutter. Nur sie erhielt
die Todesnachricht. Wie G. Kjär mitteilt, musste das den Vater M.P.
47
Rudelbach haben in einem Brief an ihren Bruder vom 9.7.1830 die Fürsorge
der Mutter besonders hervorgehoben (siehe Carl Weltzer, Peter og Sören Kierkegaard, Kopenhagen 1936, I, a.a.O., S. 28).
Vgl. H. Lund, a.a.O., S. 18 ff., dazu S. Kühle, a.a.O., S. 21.Von hier aus gesehen ist das negativ gehaltene Bild der Mutter in der Schilderung von Arnold
Künzli (Die Angst als abendländische Krankheit, Zürich 1948, S. 37 ff.) eine
Überzeichnung aus tiefenpsychologischer Sicht.
58
5. DAS H EIM (II)
Kierkegaard sehr verbittern.48 Wahrscheinlich war das Verhältnis des
zweitjüngsten Sohnes zum Vater vor der Abreise sehr gespannt. Er
wollte wie seine Brüder mehr Freiraum haben und nicht den ganzen
Tag im Geschäft stehen.
Peter Christian, der älteste Sohn, schenkte seiner Mutter am 1.
Januar 1832 das Gesangbuch „Zions Harpe“ („Zions Harfe“). Im Dezember des gleichen Jahres vermachte er ihr außerdem L.C. Hagens
„Historiske Psalmer og Riim til Börnelaerdom“ („Historische Lieder
und Reime zur Kinderlehre“).49 Beide Gesangbücher erfreuten sie.
Von dorther ist es sicher, dass Sørens Mutter lesen konnte. Sonst hätte ihr ältester, anspruchsvoller Sohn Peter Christian die Geschenkidee gar nicht gehabt. Das zeigt aber auch die Zuneigung zur Mutter.
Von Søren weiß man aus einer gewichtigen Quelle, dass er bei dem
Tode seiner Mutter 1838 völlig erschüttert war. Das äußerte er bei
einem Besuch gegenüber der Mutter von H.L. Martensen, der diesen
Vorgang in seinen Erinnerungen festhielt.50
Der Vater M.P. Kierkegaard hielt alle Fäden seiner Familie zusammen. Er korrespondierte noch bis in das hohe Alter hinein mit
seinen Schwestern im fernen Sädding. Äußerlich gab er sich weiter bescheiden. Oft machte er die größeren Besorgungen auf dem
Markt selbst. Das alles vollzog sich im Rahmen äußerster Bescheidenheit. Die häufigen Todesfälle in seiner Familie beugten ihn, ließen ihn weiter in schwermütiges Grübeln verfallen, vermochten aber
nicht, seinen Glauben zu erschüttern. Dass er nach dem Tod aller
drei Töchter, zweier seiner Söhne und schließlich der zweiten Frau
im hohen Alter übrigblieb, versteifte seine Bußgedanken: Gott hätte
ihn aufgehoben, damit er voll das Leid als Buße erleben sollte. Das
Denken und Grübeln über die Todesfälle in der Familie übertrug sich
48
49
50
Vgl. G. Kjär, a.a.O., S. 22; S. Kühle, a.a.O., S. 82. Hier wird das Tagebuch von
P. Munthe Brun (Privatbesitz) zitiert.
Vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 22.
Hans Lassen Martensen, Af mit Levnet, I, 1882, S. 79; deutsche Ausgabe, 2.
Aufl. Berlin 1890, S. 53.
5. DAS H EIM (II)
59
auch auf Søren. Dieser war später davon überzeugt, dass er seinen
34. Geburtstag nicht überleben werde. Christus wurde ja auch nur
33 Jahre alt! K. Bruun Andersen gab hierfür in seinem Werk „Søren
Kierkegaards store Jordrystelser“ („Søren Kierkegaards große Erdbeben“) von 1953 die Belege. Er verband einen Brief Søren Kierkegaards an seinen Bruder Peter mit einer Tagebuchnotiz von Søren
aus dem Jahre 1837, wo jener über die 33 Lebensjahre von Christus, sinnbildlich für eine Generationen-Einheit, spricht.51 Tatsächlich
lässt der eben erwähnte Brief keinen Zweifel daran, dass es beim Vater M.P. Kierkegaard und seinem Sohn Søren die fixe Idee gab, dass
dieser nicht über 34 Jahre alt werden würde: „ Det 34de Aar skulde
altsaa vaere Graendsen og Fader skulde overleve os alle“ („Das 34.
Lebensjahr sollte folglich die Grenze sein, und Vater sollte uns alle
überleben.“).52
Der Aberglaube des alten M.P. Kierkegaard spielte im Familienleben eine Rolle, wurde aber durch des Hausherrn tiefe Gläubigkeit
aufgefangen. Jener Aberglaube war das Erbe seiner jütländischen
Heimat. Mit seiner Bibelkenntnis, dem Umgehen mit großen biblischen Gestalten, mit dem Ernstnehmen von Warnzeichen durch besondere Vorgänge im alltäglichen Leben war er Vorbild und Patriarch.
51
52
K.B. Andersen, a.a.O., S. 41 f.; C. Weltzer, a.a.O., S. 116; N. Thulstrup (Hg.),
Breve og Aktstykker vedrörende Søren Kierkegaard, I, Kopenhagen 1953–
1954, Nr. 149; Pap. 1 A 325.
N. Thulstrup, a.a.O., Nr. 149.
6. VATER
S OHN : „E RZOGEN
VON EINEM G REIS “ – D IE
VÄTERLICHE , CHRISTLICHE
E RZIEHUNG DES S. K IERKEGAARD
UND
Das Verhältnis von Vater M.P. Kierkegaard und Sohn Søren gehört
zu den geistesgeschichtlich bedeutenden Vater-Sohn-Beziehungen.
Jenes Verhältnis ist oft in Diskussionen mit dem Vaterverhältnis von
Friedrich II. von Preußen und dazu mit dem von Franz Kafka verglichen worden. Das stellt eine große Vereinfachung dar und wird
der Persönlichkeit M.P. Kierkegaards, seinem Mühen um den Sohn,
nicht gerecht. Bei Friedrich Wilhelm I. von Preußen, dem Vater von
Friedrich II., gab es den von August Hermann Francke beeinflussten,
pietistisch gebundenen Glauben wie den Willen zur Redlichkeit in
der Glaubenserziehung. Diese musste streng sein. Die Methoden von
Friedrich Wilhelms Pädagogik waren brutal, führten zur Entfremdung mit dem Sohn und schließlich zu dessen verzweiflungsvoller
Flucht. Diese schlug fehl. Es folgten Inhaftierung und die Hinrichtung des Freundes und Fluchthelfers Hans Hermann von Katte vor
den Augen Friedrichs. Es war ein grausames Exempel und überstieg
weit das, was einst Francke gelehrt hatte. Erst kurz vor dem Tode
Friedrich Wilhelms kam die Versöhnung zustande. Der schwierige
Charakter von Friedrich Wilhelm I. wird in dem Roman „Der Vater“ von Jochen Klepper (1937) ausgezeichnet dargestellt. In dem
berühmten „Brief an den Vater“ von F. Kafka offenbart sich eben-
62
6. VATER UND S OHN
falls eine strenge Vaterfigur, die dem Sohn kaum Eigenständigkeit
zugestand.53
Betrachtet man die Vaterbeziehung S. Kierkegaards, so stellt
sich die Sachlage aus den Quellen ganz anders dar. Ein Vergleich
zu den eben angegebenen Vaterpersönlichkeiten würde immer hinken und trifft nicht die äußerst sensible kierkegaardsche Vater-SohnBeziehung. Mit folgenden Gesichtspunkten kann das begründet werden: 1. M.P. Kierkegaard war kein brutaler Mensch. Er war selbst
voller Zweifel und Ängste in der Not wachsender Schwermut. 2. Das
Bemühen um den Sohn in seiner ganzen Redlichkeit brachte Nähe.
3. Äußere Zucht unterblieb ganz. – Die Wunde in der Beziehung
zwischen Vater und Sohn Kierkegaard lag in der absoluten Überforderung durch die Erziehung. Es gab ein Zuviel bei der inneren,
pädagogischen Linie. Diese wurde verdichtet durch die strenge Auffassung des Christentums im Sinne des Opferleidens Jesu für uns.
Der gekreuzigte Jesus spielte die entscheidende Vorbild- und Heilsrolle. Hier zeigt sich zweifellos das Erbe von Herrnhut.
Es gibt verschiedene Gruppierungen von Zeugnissen zur Erziehung S. Kierkegaards durch den Vater. Hier muss sorgfältig geschieden werden. Es ist misslich, persönliche Aussagen des Sohnes mit
fiktiven Darstellungen in den pseudonymen Werken desselben zu
vermischen. Folgende Gruppierungen von Texten sollen in Augenschein genommen werden: 1. direkte, aber subjektiv gehaltene Meinungen über die väterliche Erziehung in den Tagebuchnotizen („Papirer“) und in den Briefen der ersten Zeit. 2. Zeugnisse von Zeitgenossen, besonders von ehemaligen Mitschülern und Verwandten.
3. indirekte Hinweise, die sich an mögliche Erinnerungen Sørens
knüpfen, aber mit Vorbehalt zu werten sind. Dazu gehören Passagen
aus „Entweder – Oder II“ in der Maske des Assessors Wilhelm, die
Darstellung in dem unveröffentlichten Entwurf „Johannes Climacus
53
Vgl. Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa
aus dem Nachlaß, hg. v. Max Brod, FTB Nr. 2067, Frankfurt/Main 1980, S.
119–162, vor allem S. 129.
6. VATER UND S OHN
63
oder De omnibus dubitandum est – Eine Erzählung“ vom November
1842 bis Frühjahr 1843, Sätze aus der Introduktion der Abhandlung
„Hat ein Mensch das Recht, sich für die Wahrheit totschlagen zu lassen?“ (1847) und schließlich ein Abschnitt aus dem „Gesichtspunkt
für meine Verfasserwirksamkeit“, posthum durch P.C. Kierkegaard
herausgegeben.54
Eine große Versuchung für den Kierkegaardinterpreten bilden
die sechs Einschubstücke in der Leidensgeschichte: „Skyldig – Ikke Skyldig“ („Schuldig – Nicht Schuldig“) innerhalb der zweiten
Hälfte des Romans „Stadier paa Livets Vej“ („Stadien auf dem Lebensweg“) von 1845. Die Einschubstücke sind dichterisch gestaltet
und bilden jeweils einen Anhaltspunkt im „psychologischen Experiment“ des „Frater Taciturnus“. Es handelt sich um folgende Stücke
in der deutschen Wiedergabe: „Die stille Verzweiflung“, „Selbstbetrachtung eines Aussätzigen“, „Salomos Traum“, „Eine Möglichkeit“, „Zum Inwendiglernen (Periander)“, „Nebukadnezar“.55 Besonders das erste Stück und „Salomos Traum“ haben die Phantasie der
Kierkegaardforscher bewegt. So meinte man, hier Tatbestände aus
der Kindheit bzw. Jugend zu finden. Emanuel Hirsch hat in der Polemik gegenüber P.A. Heiberg auf die spekulative Gefahr hingewiesen.56
54
55
56
In der Reihenfolge: SV 3, 246 f., SKS, Bd. 3, S. 253 f; Pap. W B 1, S. 104 ff.,
bes. S. 106 und 110; SV 15, S. 17, SKS, Bd. 11, S. 61; SV 18, S. 126 f. Wegen
der Titelfülle nur deutsche Wiedergabe.
In der Reihenfolge: SV 8, S. 23 f., 52–54, dazu Pap. IV A 110–111, SKS,
Bd. 18, JJ Nr. 118, S. 179, Pap. IV A 68–71, 91–101, 133–137, 165–168, dazu
Pap. IV A 119, SKS, Bd. 18, JJ Nr. 126, S. 182; siehe oben.
E. Hirsch, Einleitung zur deutschen Ausgabe (15. Abt.) der „Stadien auf dem
Lebensweg“, Köln/Düsseldorf 1958, S. XIII; P.A. Heiberg, En Episode i Kierkegaards Ungdomsliv, Kopenhagen 1912. Die Versuchung, die Einschubstücke
kommentarlos in den Lebenslauf Kierkegaards einfließen zu lassen, hat sich
z.B. bei Peter P. Rohde in seiner Kierkegaard-Monographie niedergeschlagen:
Kierkegaard, rm 28, Hamburg 1959, S. 25.
64
6. VATER UND S OHN
In den Selbstzeugnissen S. Kierkegaards finden sich zum Problem Vater und Sohn folgende Schwerpunkte:
1. Es war die Schwermut („Tungsind“), die lastend auf dem Vater lag und dann auf den Sohn übertragen wurde. Jene wurde zwar
vom Sohn durch die Spannkraft des Geistes verborgen, konnte aber
nicht behoben werden.57 Diese Spannkraft wurde vom Vater erkannt
und genutzt, um dem Sohn das Gegengewicht zu seiner leiblichen
Schwäche zu geben. Diese wurde verstärkt durch eine mögliche
Rückgratverkrümmung, die nicht unbedingt von einem Unfall als
Kind herzurühren braucht.58 Später findet sich in einer Notiz die Aussage, dass ihm, dem Sohn, die körperlichen Voraussetzungen fehlten.
Darum musste er den „Salto mortale op i den reene Aands-Existens“
57
58
Vgl. Pap. IV A 107, SKS, Bd. 18, JJ Nr. 115, S. 177–179, Pap. VIII 1 A 177,
SKS, Bd. 20, NB 2 Nr. 69, S. 170, Pap. X 1 A 234, SKS, Bd. 21, NB 10 Nr. 453,
S. 153, Pap. X 2 A 92, SKS, Bd. 22, NB 13 Nr. 23, S. 288, Pap. XI 1 A 273,
SKS, Bd. 25, NB 30 Nr. 91, S. 458 f., SV 18, 125 f.; dazu W. von Kloeden,
Kierkegaards View of Christianity: Kierkegaard’s Acquaintance with various
Interpretations of Christianity – The Home and School, Bibliotheca Kierkegaaardiana, ed. N./M.M. Thulstrup, Kopenhagen 1978, S. 11–14.
Vgl. Henriette Lund, a.a.O., S. 51 f. Bei einem Besuch bei Agerskovs in Buddinge fiel Søren Kierkegaard von einem Baum und bekam einen Schlag in
den Rücken. H. Lund verweist darauf, dass die neuvermählte Schwester Petrea
beim Unglück dabei war und sich sehr um den Bruder sorgte. Da diese 1828
frisch vermählt worden war, musste das Ereignis des Unfalls kurz danach, also
1829 stattgefunden haben. Hier liegt in der Zeitangabe wohl ein Irrtum vor;
denn 1829 wäre Søren 16 Jahre alt gewesen. Dann aber hätte er nicht weinend
den Trost von Madame Agerskov gesucht. Aus diesem Grunde haben S. Kühle
und Troels-Lund angenommen, dass das Unglück um 1825 stattgefunden hatte.
Auch hatte der Schulrektor Søren Kierkegaards diesen Unfall nicht vermerkt.
Dazu S. Kühle, a.a.O., S. 62–63; Troels-Lund, Et liv, udg. af Knud Fabrizius,
Kopenhagen 1924, S. 25 ff. – Zum Ganzen siehe auch C. Jörgensen, a.a.O.,
I, S. 29–30. Der Buckel Kierkegaards wurde dann sogar literarisches Signum
bei Theodor Haecker mit dem gleichen Titel, in: Opuscula, München 1949,
S. 225–310. Der Buckel des dänischen Denkers ist nicht erwiesen. Vielmehr
ging es bei dem physischen Leiden um die schwächliche Konstitution. Diese
vertiefte dann die schwermütige Grundhaltung.
6. VATER UND S OHN
65
(„Salto mortale hinauf in die reine Geistesexistenz“) machen, und
zwar vor dem Hintergrund der Schwermut des Vaters, der sie „et
Stakkels Bam“ („einem armen Kinde“) auflädt.59 Diese seelischen
und körperlichen Gebrechen wurden dann der „Paelen i Kjödet“
(„Pfahl im Fleisch“) genannt. Sie bildeten schon für den jungen Kierkegaard die Voraussetzung für die Verbindung von Leiden und Christentum.60 Christentum ist Leiden für die Wahrheit! Auch das Schwergewicht des Wirkens Jesu wird dann auf dessen Leidensgeschichte als seelisches Leiden gelegt. Die Qualen, die Søren seelisch wie
körperlich erlebte, ließen ihn gleichzeitig Außerordentliches leisten
und hoben ihn geistig aus der Misere des Unwohlseins heraus. Die
übertragene Last der Schwermut mit der damit verbundenen Angst
wie die übersteigerte Erziehung zum Christentum ergaben das Widerspruchsschema der Aussagen über den Vater: Erzogen von einem
Greis, aber ungeheuer streng im Christentum, was als großes Unrecht
angesehen wurde. Zugleich wird dieser alte Mann als der beste Vater
angesehen. Die Erziehung durch den schwermütigen Geist wird als
das Leidvolle schlechthin gewertet.61
2. Die Erziehung mit J.P. Mynsters Predigten wurde als seelische Last empfunden: „Ich bin mit Mynsters Predigten erzogen worden – von meinem Vater. Hier steckt der Knoten; denn meinem Vater
konnte natürlich niemals etwas anderes einfallen, als diese Predigten buchstäblich zu nehmen. Erzogen mit Mynsters Predigten – von
59
60
61
Pap. VIII 1 A 177, SKS, Bd. 20, NB 2, 69, S. 170, dazu Pap. XI 1 A 268,
277 u.ö. Zur körperlichen Verfassung S. Kiekegaards siehe Rikard Magnussen,
Søren Kierkegaard set udefra, Kopenhagen 1942.
Zum „Pfahl im Fleisch“ („Paelen i Kjödet“) siehe bes. Pap. IX A 208, Pap. IX
331 f., Pap. X 2 A 20, SV 18, S. 123. Ausdrucksvoll wird das Leiden geschildert in der Rede zum gleichlautenden Thema über 2. Kor. 12,7 von 1844 in SV
4, S. 290–306, dazu Anm. S. 366; SKS, Bd. 5, S. 317–334, dazu Anm. in: SKS
K 5, S. 334 ff.
Vgl. Pap. VIII 1 A 177, SKS, Bd. 20, NB 2, Nr. 69, 5.170; Pap. IX A 170, SKS,
Bd. 21, NB 6, Nr. 20, S. 19.
66
6. VATER UND S OHN
Mynster: ja, das ist eine Frage.“62 Ehe auf die Frage zurückgegriffen wird, muss noch einmal bekräftigt werden, wie tief der Einfluss
von J.P. Mynster auf den alternden M.P. Kierkegaard war. Ab 1810
erschienen die verschiedenen Predigtsammlungen des Bischofs. Es
ist sicher, dass M.P. Kierkegaard die zweibändige Predigtsammlung
von 1823 besaß. Der Sohn Søren schaffte sich später die verschiedenen Ausgaben der Predigtsammlungen von J.P. Mynster an.63 J.P.
Mynsters „Betragtninger“ („Betrachtungen“) erschienen erst 1833.
Bei der Erziehung des Sohnes Søren musste also M.P. Kierkegaard
auf die ersten Predigtsammlungen von J.P. Mynster zurückgreifen.
Von einer Tagebuchnotiz her ist es klar, dass M.P. Kierkegaard dahin
tendierte, Søren die Predigten J.P. Mynsters memorieren zu lassen,
um den Glauben in Verbindung mit dem Gedächtnis zu schulen. Dem
Vater war es damit sehr ernst; denn er bot Geld dafür. Er versprach
ihm einen Reichstaler dafür, dass er eine Predigt J.P. Mynsters laut
vorlese, und vier Reichstaler dafür, dass er eine gehörte Predigt von
J.P. Mynster aus dem Kopf abschrieb. Søren betonte, dass er das natürlich nicht tun würde, obgleich das Geld eine starke Versuchung
darstellte. Der Fehler des Angebots, so folgerte er, hätte aber nicht
beim Vater, sondern bei ihm gelegen, da er nie Kind gewesen wäre.64
Dem Vater galten die Predigten J.P. Mynsters im Laufe der Jahre
immer mehr, da sie nicht nur die Spuren der Erweckungsbewegung
trugen, sondern auch wie die Predigten zum Reformationsjubiläum
1817 eine gesunde Luther-Orientierung.
Nun soll auf obige Fragestellung S. Kierkegaards eingegangen
werden: Aufgewachsen mit Mynsters Predigten – „ja, das ist eine
Frage“. Inwiefern? Zuerst muss beachtet werden, dass S. Kierke62
63
64
Pap. VIII 1 A 397, SKS, Bd. 20, NB 2, Nr. 267, S. 240; vgl. Pap. X 6 B 212,
S. 334, dt. wegen der Textlänge.
Ktl. Nr. 228–255, siehe auch Anhang, dazu W. von Kloeden, J.P. Mynster, BBKL, Bd. V, Sp. 74 –76.
Pap. X 1 A 137, SKS, Bd. 22, NB 10, Nr. 59, S. 288 f., vgl. Pap. X 5 A 54,
SKS, Bd. 25, NB 27, Nr. 53, 165/166.
6. VATER UND S OHN
67
gaard die Einwirkung J.P. Mynsters auf seine Erziehung vermittels
des Vaters als wesentliches Faktum vor seiner eigenen reifen Begegnung mit J.P. Mynster ansah. So sind auch die späten kritischen
Notizen zu verstehen mit dem Inhalt, dass es eines großen inneren
Ringens bedurfte, um sich von J.P. Mynster losreißen zu können.
Denn von Jugend an waren dessen Gedanken ihm vertraut gewesen.
Der Gottesdienstbesuch bei J.P. Mynster, zusammen mit dem Vater,
das Lesen der Predigten Mynsters und dessen Besuche im Elternhaus Nytorv 2 waren von großer Bedeutung für den aufgeweckten
Knaben.65 J.P. Mynster hatte sich nach S. Kierkegaard am Bestehenden festgehalten. Gerade von dieser Sicherheit musste sich S. Kierkegaard losreißen, um in der Spannkraft des Geistes einen Weg der
eigenen Entscheidung zu suchen. Die geheimnisvolle Pointe dieses
Prozesses lag nun gerade darin, dass er einen geistigen Spannungsbogen von Geburt an durch die Anlage zur Schwermut und Phantasie
besaß, diese aber ergänzt wurde durch die strenge Erziehung des Vaters zum Christentum hin von frühester Jugend an.
Hier spielten nun J.P. Mynsters Theologie und dessen religionspädagogischen Ziele eine große Rolle, denn er betonte ja im Gegensatz zu Herrnhut, dass gerade die geistige Vervollkommnung die
Begegnung mit der Gnade und ein echtes Christenleben erst möglich machen. Diese Auffassung J.P. Mynsters wurde von M.P. Kierkegaard zur Erziehung des Sohnes Søren methodisch ausgewertet.66
Genau das aber sah S. Kierkegaard immer wieder als ein Unglück
an. Wäre er auf allgemeine Weise erzogen worden, so hätte er, wie
er bekennt, seine Schwermut durchbrechen können. Der Vater hatte
ihm das Stadium der Kindheit genommen, nämlich das harmonische
Beziehungsgeflecht von Geist, Seele und Leib. Mit J.P. Mynsters
Programm im Rücken hätte der Vater immer nur den Geist betont,
65
66
Vgl. Pap. XI 2 A 253.
Vgl. J.P. Mynster, Betrachtungen über die christlichen Glaubenslehren, deutsche Ausg. 3. Aufl. Gotha 1856, Kap. 4 und 5, S. 25–45. Pap. X 5 B 228, auch
X 5 B 149.
68
6. VATER UND S OHN
das bedeute für ein Kind immer Grausamkeit und könne niemals
vom Christentum her verantwortet werden. Das Stadium der kindlichen Unschuld, der Unmittelbarkeit konnte S. Kierkegaard später
nur dichterisch nachempfinden. Die neue, potenzierte, religiöse Unmittelbarkeit musste von ihm schwer genug erstritten werden.67
S. Kierkegaard spürte als Kind, dass er von seiner Konstitution
her den Mitschülern unterlegen war. Umgekehrt war er auf geistiger
Ebene unschlagbar.68
Die „Einübung“ in eine christliche Grundhaltung, die Geist und
Seele stärkt, die der Anforderung des Tages mit Gottvertrauen gegenübersteht, hatte der junge S. Kierkegaard sehr nötig. Insofern war J.P.
Mynsters Auffassung der Geistesstärke durch den christlichen Glauben die Richtschnur für die Erziehungsbemühungen des alten M.P.
Kierkegaard. Denn die kindliche Seele Sørens war nicht nur durch
Schmerz um das Leiden des Vaters erfüllt. S. Kierkegaard musste
die Angst in sich selbst eindämmen.69 Äußere Begebenheiten taten
ein Übriges.
Mit sechs Jahren erlebte S. Kierkegaard den Tod des Bruders
Michael, der auf dem Schulhof unglücklich mit einem Jungen zusammenstieß, sich am Kopf verletzte und einige Tage danach am
14. September 1819 starb. Mit neun Jahren stand er am Grabe seiner
am 15. März 1822 verstorbenen Schwester Maren Kirstine, der ältesten Schwester, die nur 24 Jahre alt wurde. Bis in seine Jünglingsjahre
hinein begleitete ihn das Sterben der beiden anderen Schwestern, des
Bruders Niels in den U.S.A. und schließlich der Mutter. Für den alten M.P. Kierkegaard war es die Strafe Gottes, die ihn, wie er meinte,
bis zuletzt aufhob. Diese Skrupel übertrug er auf den jüngsten Sohn.
67
68
69
Vgl. Pap. XI 1 A 311 f., SKS, Bd. 25, Nb 30, Nr. 124 f., S. 484.
Vgl. Pap. X 1 A 521, SKS, Bd. 22, NB 11, Nr. 213, S. 132.
S. Kierkegaard klagte in mehreren Notizen über seine eingeborene Angst und
verwies auf sein Sonderschicksal, das sich von einer gesunden Kindheit abhob.
Vgl. z.B. Pap. V A 71, SKS, Bd. 18, JJ Nr. 263, S. 224.
6. VATER UND S OHN
69
Als S. Kierkegaard 13 Jahre alt war, brach in der Nachbarschaft
ein Feuer aus. Ein chemisches Laboratorium in der Frederiksberggade Nr. 4 brannte in der Nacht vom 1. zum 2. April 1826. Das Feuer
griff rasch um sich und bedrohte die Häuser der Nachbarschaft. Das
Haus Nr. 4 brannte völlig nieder. Die umliegenden Häuser mussten
geräumt werden. Die Familie Kierkegaard flüchtete auf den Marktplatz. Das Haus Nytorv 2 wurde leicht betroffen. P.C. Kierkegaards
schriftliche Unterlagen wurden dabei zerstört. Für den ängstlichen
Bruder Søren war es ein schockierendes Erlebnis. Um seinem Sohn
Søren geistige Kraft als Wappnung gegen die Angst zu geben, griff
M.P. Kierkegaard zu verschiedenen Erziehungspraktiken.
Die Erziehungsmethoden von M.P. Kierkegaard wurden in der
Rückschau des Sohnes, ergänzt durch andere Zeugnisse, bei allen
schockierenden Eindrücken als Voraussetzung für die spätere geistige Kräftigung gesehen. Zuerst sollen die die Fantasie anregenden
Spaziergänge im Zimmer genannt werden, wo der Vater ihn lehrte,
das Große in dem Kleinen zu sehen.70 Nicht nur gegen die Angst
wurden die von S. Kierkegaard indirekt angegebenen Spaziergänge
auf der Diele und im Zimmer unternommen. M.P. Kierkegaard wollte auch das Denkvermögen seines Sohnes, gepaart mit der Phantasieanstrengung, erweitern. Der Vater hatte die frühe Begabung seines Sohnes erkannt. Alles Äußere sollte im inneren Bild nochmals
entstehen und zum Erlebnis potenziert werden. Das war eine gut gemeinte Methode, deren Ergebnis aber in der Unerfüllbarkeit bestand.
In der kindlichen Seele musste dieses zu neuen Ängsten führen. Es
stellte eine Überforderung dar, die Søren versuchte, elastisch auszuhalten. Der Dialog mit dem Vater, der seine wachsende Schwermut
nicht verhehlen konnte, tat ein Übriges. Frühreife braucht nicht zu
Ängsten zu führen. Bei Søren aber kam alles zusammen. Die eigene
Anlage zur Schwermut, die unterschwelligen Ängste und der Wille,
70
Vgl. Pap. IV B 106, S. 156 ff.; N. Thulstrup, Breve og Aktstykker I, Nr. 112.
70
6. VATER UND S OHN
dem verehrten Vater alles recht zu machen, wirkten sich schädigend
aus.
Ein weiterer Faktor in der Erziehung durch den Vater bildete die
gut gemeinte Schockmethode, die aber nicht heilsam war. Der Vater zeigte dem Sohn Bildfolgen, bestehend aus den „Nürnberger Bilderbögen“. Dazwischen tauchte plötzlich das Bild des gekreuzigten
Christus auf. Hier zeigt sich der Einfluss Herrnhuts deutlich. Für ein
Kind bilden solche Erlebnisse traumatische Erfahrungen.71 Immer
wieder wird S. Kierkegaard als reifer Mann auf die blutvolle Leidensgeschichte Jesu zurückkommen und auf die eigenen maßlosen
Ängste. Nicht zuletzt ist das Schlusskapitel von „Begrebet Angest“
(„Der Begriff Angst“) von 1844 ein Appell an sich selbst.
In einer großen Notiz aus dem Jahre 1849 „Digterisk om mig
selv“ („Dichterisch über mich selbst“) beschrieb er nochmals seine
Kindheitserlebnisse, besonders die Eindrücke der Passionsgeschichte Jesu. Die Menge verspottete Christus. Die Wahrheit wurde verspottet, was auf das Kind Søren einen furchtbaren Druck ausübte.
Bitter ist die Bemerkung: „Jeg var, religieust forstaaet, allerede tidligt som Bam forlovet“ („Ich war, religiös verstanden, bereits zeitig
als Kind verlobt“).72 Hier zeigt sich noch ein verschärfter Einfluss
von Herrnhut. Denn mit dem Motiv der Verlobung mit Jesus Christus und der Betonung seiner Passion ergeben sich zwei Grundsäulen
der Christentumsauffassung N.L. Zinzendorfs.
Dazu kommt noch Folgendes: S. Kierkegaard nahm die Krankheit als Wesenszug in sein Leben hinein. Nun ist bekannt, dass
auch N.L. Zinzendorf die Krankheit als etwas Ganzheitliches sah,
71
72
Vgl. Pap. IX A 68 = SKS, Bd. 20, NB 5, Nr. 65, S. 399, SV 15, 17, SKS, Bd. 11,
S. 61 ff., SV 16, S. 167, SKS, Bd. 12, S. 175. Eine gute Zusammenstellung
der Erziehungspraktiken durch den Vater M.P. Kierkegaard, allerdings ohne
Stellenangaben, bietet Frithiof Brandt, Søren Kierkegaard, Kopenhagen 1963
(deutsch).
Pap. X 1 A 272, SKS, Bd. 21, NB 10, 191 a– j, S. 358, SV 9, 178 ff= SKS,
Bd. 7, S. 196 f.
6. VATER UND S OHN
71
unabhängig vom Tod. Die besten Genesungskräfte finden sich „in
der kindlich-freudigen Selbstverständlichkeit des Verhältnisses zum
Heiland“.73 M.P. Kierkegaard wird in Anlehnung an Herrnhut ein
ähnliches Verständnis seiner eigenen Schwermut gehabt haben. Sie
war ihm zur Bewährung im Glauben beigegeben. In dem äußeren wie
inneren Leiden seines Sohnes Søren sah er sicherlich die Basis für
eine tiefe Glaubensaneignung.74 Diese drei erwähnten Pfeiler Verlobung (mit Christus), Passion, Krankheit aus dem Erbe herrnhutischer
Frömmigkeit sind zu beachten. Sie vertiefen radikal die vorgegebene
Theologie J.P. Mynsters.
Während bei Søren die körperliche Konstitution schwach war,
wurde umso mehr der Geist geschult. Für M.P. Kierkegaard war es
selbstverständlich, die geistige Schulung seines Sohnes voranzutreiben. Die Schärfe des Verstandes sollte erprobt werden. Dazu gehörte die oben erwähnte Aufgabe des Memorierens von Mynsters
Predigten. Auch als Zuhörer bei den Diskussionsstunden, die sein
Vater mit Freunden und dem älteren Sohn veranstaltete, war Søren
willkommen. So erlebte Søren den Bruder Peter und andere, wie
den emeritierten Pastor J. Homsyld zusammen mit dem disputierenden Vater, in seinen späteren Schülerjahren auch selbst als teilnehmender Partner. Von J. Homsyld ist bekannt, dass er seine theologischen Gespräche noch auf der Straße fortsetzte, wie es später S.
Kierkegaard auch tat. Beachtenswert sind die nächtlichen Gespräche M.P. Kierkegaards mit den beiden Söhnen, die in die zwanziger
Jahre fallen und bei denen Søren und Peter von den Schuldquälereien und Selbstbezichtigungen des Vaters erfuhren.75 M.P. Kierkegaard
73
74
75
Erich Beyreuther, Zinzendorf III, Marburg/Lahn 1959, S. 153 f.
Vgl. die wichtige Notiz Pap. X 2 A 619, SKS, Bd. 23, NB 17: 45, S. 193 f. und
die gezogene indirekte Querverbindung zu Paulus in Pap. X 1 A 334, SKS,
Bd. 22, NB 11, 38 a, S. 29.
Vgl. Meddelelser ved afdøede direktör J. Munthe Brun bei S. Kühle, a.a.O.,
S. 44; dazu E. Nyström, Peter Munthe Brun og Ane Munchs Slägt, Kopenhagen
1910, S. 2.
72
6. VATER UND S OHN
erkannte die Gabe seines Sohnes, dialektisch scharf zu argumentieren. In der Familie wurde für den jungen S. Kierkegaard das Scherzwort „Gafften“ („Gabel“) verwandt. Darüber ist in den Erinnerungen
H. Lunds folgende Bemerkung zu finden: „Onkel Søren verkehrte in
seinen Knabenjahren regelmäßig im Hause Agerskov; er war von
zartem, schmächtigen Aussehen, lief in einem rotkohlfarbigen Rock
herum und wurde von seinem Vater gewöhnlich mit Gabel betitelt
auf Grund der früh entwickelten Neigung zu satirischen Bemerkungen.“76 Beim Memorieren der Mynsterschen Predigten, veranlasst
durch Lockmittel des Vaters in Form von Geld, kam zum Ausdruck,
dass S. Kierkegaard schon als Kind eine scharfe Unterscheidungsgabe besaß. Er konnte deutlich zwischen Freiwilligkeit und Zwang,
hervorgerufen durch die Lockmittel, trennen.77
M.P. Kierkegaard legte aber auch Wert auf die körperliche Stählung des Sohnes Søren in der Natur mit gleichzeitigem Wecken der
Liebe zu dieser, was wieder die Phantasie anregen sollte.78 Die Wurzeln zu den späteren, in allen Schriften sich findenden schönen Naturschilderungen sind hier zu suchen. Die geweckte Freude an der
Natur bildete außerdem die Basis für die Zuneigung zu dem Naturforscher und dem Bruder seiner Schwäger Johan Christian und Henrik Ferdinand Lund, der auch mit P.C. Kierkegaard oft zusammen
war. Es handelt sich um Peter Wilhelm Lund.
Interessant ist – als Erbe seiner jütländischen Heimat – M.P. Kierkegaards Hang zum Aberglauben. Als das Kind Søren einmal ein
Salzfass verschüttete, deutete sein Vater dies als Zeichen für ein be76
77
78
H. Lund, a.a.O., S. 17 und 21 in der Übersetzung von Theodor Haecker, Die
Tagebücher Kierkegaards 1834–1855, Anhang, München 4. Aufl. 1953, S. 651
f.; vgl. auch C. Weltzer, Peter og Søren Kierkegaard I, Kopenhagen 1936, S. 28.
ff.
Vgl. Pap. X 5 A 54., SKS, Bd. 25, Nb 27, Nr. 53, S. 166.
Vgl. Brief des Vaters M.P. Kierkegaard vom 29.7.1826 an seinen Sohn Peter,
bei S. Kühle, a.a.O. S. 29, dazu Pap. II A. 205, 238; SKS, Bd. 17, DD 99,
S. 250, DD 122a, S. 257.
6. VATER UND S OHN
73
vorstehendes Unglück.79 Diese Geschichte zeigt aber auch die patriarchalische Dominanz des Vaters, der den Vorfall verallgemeinert
und Søren mit seiner ganzen Autorität als Vater grundsätzlich „verlorenen Sohn“ schalt. Der Vorfall hinterließ tiefe Spuren in der Psyche
des Sohnes, wurde aber zugleich von Søren selbst später als notwendige Autorität erachtet: „Es liegt etwas von der Größe des Altertums
in dieser kleinen Geschichte. Diese Objektivität, die nicht schilt im
Verhältnis, wie man selbst affiziert wird, sondern rein objektiv im
Verhältnis, wie das Schelten notwendig ist.“80
Als ein weiteres Zeichen für den Aberglauben des alten M.P.
Kierkegaard kann man die schon erwähnte Vorstellung von einem
termingerechten Sterben der Familienmitglieder vor ihm werten.
Gott würde ihn für die aufgeladene Schuld als Letzten in der Familie aufheben. So würde er Stufe für Stufe das Leiden aus der Trauer heraus durchmachen. Unter dem Einfluss des Vaters und durch
den frühen Tod der Geschwister bis auf Peter war S. Kierkegaard
ursprünglich davon überzeugt gewesen, seinen 25. Geburtstag, den
5. Mai 1838, nicht zu erleben. Als zu diesem Datum nichts geschah, übertrug er zusammen mit seinem Vater die Frist des Todes vor
seinen 34. Geburtstag, vor dem bis dahin die älteren Geschwister gestorben waren. Diese fixe Idee wurde auch verbunden mit dem Tode
Jesu Christi, den dieser nach der damaligen theologischen Erkenntnis mit 33 Jahren erlitt. Auch gegenüber H. Bröchner erwähnte S.
Kierkegaard, dass er jung sterben würde.81
79
80
81
Pap. X 3 A 78, SKS, Bd. 23, NB 18: 34, S. 272, vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 57.
Ebd.
Vgl. Pap. VIII A 100, SKS, Bd. 20, NB.NR. 210, S. 123; dazu H. Bröchner,
Erindringer om Søren Kierkegaard. Det 19. Aarhundrede, Kopenhagen 1877,
S. 339; F. Brandt, Den unge Søren Kierkegaard, Kopenhagen 1929, S. 12; ders.,
Søren Kierkegaard, deutsch, Kopenhagen 1963, S. 12; Arnold Ljungdal, Problemet Kierkegaard, Stockholm 1964, S. 33. Eingearbeitet ist diese fixe Idee
von S. Kierkegaard bzw. von seinem Vater in SV 4, S. 249, SKS, Bd. 5, S. 274;
vgl. dazu die Anm. 349 von E. Hirsch zur deutschen Ausgabe dieser Rede über
Joh. Ev. Kap. 3, Vers 30, in: S. Kierkegaard, Gesammelte Werke, 7. bis 9. Abt.,
74
6. VATER UND S OHN
Patriarchalisch gebundene Weisheit auf der einen, religiösgrüblerisches Ringen um die Gnade, gepaart mit der angeborenen
Schwermut, auf der anderen Seite sind die Pole, die S. Kierkegaards
Ringen um das Verständnis für die Persönlichkeit des Vaters in Spannung hielten: „Meinem Vater schulde ich menschlich gesprochen alles. Er hat mich in jeder Weise so unglücklich wie möglich gemacht,
hat bewirkt, dass meine Jugend eine Qual ohnegleichen wurde, dass
in meinem stillen Sinn ich nicht weit davon entfernt war, mich am
Christentum zu ärgern oder dass ich Ärgernis nahm, wenn ich auch
aus Ehrerbietung vor diesem beschloss, niemals darüber ein Wort zu
einem Menschen zu sagen und aus Liebe zu meinem Vater das Christentum so wahr wie möglich darzustellen im Gegensatz zu dem Geschwätz, das in der Christenheit Christentum genannt wird: und doch
war mein Vater der liebevollste (dän.: „kjerligste“) Vater, und meine
Sehnsucht war und ist innigst nach ihm; keinen Tag habe ich ausgelassen, sowohl am Morgen wie am Abend seiner zu gedenken.“82 In
diesen Sätzen liegt die ganze Lebenslinie S. Kierkegaards begründet.
82
Düsseldorf/Köln 1956, S. 190.
Pap. IX A 71 (1848), SKS, Bd. 20, NB 5: 68, S. 401.Wegen der Länge des
Textes in deutscher Sprache.
7. D IE S CHULE
Für seine Schulbildung war S. Kierkegaard stets dankbar. Seine hervorragenden Kenntnisse der alten Sprachen waren Voraussetzung für
seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten. Die „Philosophiske Smuler“ („Philosophischen Brosamen“) von 1844 z.B. sind ohne gute,
klassische Bildung nicht denkbar. Die Dissertation „Om Begebet Ironi med stadigt Hensyn til Socrates“ („Über die Ironie mit ständiger
Hinsicht auf Sokrates“) von 1841 ist nicht nur eine Huldigung an
den Weisen aus Athen, sondern ein dankbares Bekenntnis zur antiken Geisteskultur. Das Schulwesen selbst wurde zu Beginn des 19.
Jahrhunderts einer gründlichen Reform unterzogen. 1814 wurde die
große Schulreform eingeleitet. Auch äußerlich machte sich das beim
Neubau von Schulgebäuden bemerkbar. Man legte Wert auf geräumige, lichte Klassenzimmer.
Über die Schulzeit finden sich mehrere Zeugnisse. Zunächst ist
auf die Berichte über die ersten Schuljahre hinzuweisen. Diese finden sich als indirekte Zeugnisse in „Enten – Eller II“ („Entweder –
Oder II“) von 1843 und in dem Entwurf „Johannes Climacus eller De
omnibus dubitandum est“ aus den Jahren 1842/43, veröffentlicht erst
1872.83 Hinter diesen Ausführungen, die mit einiger Vorsicht zu lesen
sind, stecken Grunderfahrungen S. Kierkegaards aus seiner Schulzeit. Dann finden sich zwei längere Briefe S. Kierkegaards vom 8.
und 25. März 1829 an seinen Bruder P.C. mit detaillierten Angaben
über die spätere Schulzeit. Hier liegen auch prägnante Beschreibungen von Charakterzügen einiger Lehrer vor.84 Ergänzt werden diese
Aussagen von Erörterungen in den Tagebuchnotizen. Vor allem ist
83
84
Vgl. SV 3, S. 247 f., SKS, Bd. 2, S. 254; der Entwurf: Pap. N B I, S. 107 ff.
Die beiden Briefe sind bei S. Kühle, a.a.O., S. 65–70 wiedergegeben.
76
7. D IE S CHULE
hier eine Notiz vom Sommer 1838 zu nennen.85 Dazu kommen Berichte von ehemaligen Schulkameraden wie die Zeugnisse der Borgerdydsskole selbst. Zuerst sind die Aussagen von Frederik Welding,
dem späteren Stiftspropst zu nennen. Sie sind eine der wichtigsten
Quellen zum Verhalten S. Kierkegaards gegenüber seinen Mitschülern. Eine Bestätigung dieser Niederschrift stammt von dem späteren
Pfarrer Edvard Julius Anger. Dazu gesellen sich Erinnerungen von
Peter Engel Lind, Martin Attrup, Harald Peter Ipsen und von dem
Dichter Hans Peter Holst.86
Nach der Ausstellung eines Taufattestes wurde S. Kierkegaard
Ostern 1818 in einer Vorbereitungsschule unterrichtet, ehe er später
in die Borgerdydsskole aufgenommen werden konnte. In „Enten –
Eller II“ („Entweder – Oder II“) gibt es eine idealisierte Darstellung des Schulbeginns: „Da ich fünf Jahre alt war, wurde ich eingeschult [ . . . ]. Ich kam in die Schule, wurde dem Lehrer vorgestellt
und bekam nun meine Lektion für den nächsten Tag, die ersten zehn
Zeilen in Balles Lehrbuch, die ich auswendig lernen sollte. In dem
Alter wusste ich ja wenig Bescheid über meine Pflichten, ja ich hatte sie noch nicht in Balles Lehrbuch kennengelernt, ich hatte nur
eine Pflicht, nämlich die, meine Lektion zu lernen, und doch kann
ich ganz meine ethische Lebensbetrachtung davon ableiten.“87 Dieses Werk wird ihn auch in den unteren Klassen der Borgerdydsskole
begleitet haben.
Bischof Nikolai Edinger Balles „Laerebog“ war eine Gemeinschaftsarbeit des orthodox gebundenen N.E. Balle und dem dem Rationalismus zugewandten Christian Bastholm. Es war eine Auftrags85
86
87
Pap. II A 238, SKS, Bd. 17, DD 122 a, S. 257.
Vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 38–43; S. Johansen (Hg.), Erindringer om Søren Kierkegaard, Kopenhagen 1980, S. 12–20; B.H. Kirmmse (Hg.), Encounters with
Kierkegaard, Princeton N.J., 1996, S. 6–14, mit einer zusätzlichen Bemerkung
von F. Hammerich.
SV 3, 247 f., SKS, Bd. 2, 254. Wegen der Textlänge erfolgt die Wiedergabe
deutsch.
7. D IE S CHULE
77
arbeit durch die „Kommission til Almensskolens Reform“ („Kommission für die Reform der Allgemeinschulen“). Ab 1794 wurde das
Lehrbuch zur Einführung an allen Schulen empfohlen und sollte die
bis dahin geltende Katechismus-Erklärung Erik Pontoppidans ablösen. Von der ererbten Dogmatik wurde die Auffassung von Christus
als Beispiel, Lehrer und Versöhner in seinem aktiven wie passiven
Gehorsam übernommen. Das ergab wichtige Einflüsse für die später
von S. Kierkegaard ausgebaute Christologie. Außerdem wurde die
Lehre von der Erbsünde und Versöhnung, von Gesetz und Evangelium aufgenommen.
Das Buch trug aber auch den Stempel C. Bastholms, da es ausführlich die Pflichtlehre gegenüber Gott und sich selbst und weniger
den dritten Bekenntnis-Artikel behandelte. Dafür bot es naturwissenschaftliche Mitteilungen.88 Für die Entwicklung S. Kierkegaards war
es wichtig, dass er hier nicht einseitig festgelegter Theologie begegnete und dass er unabhängig vom Vater eine zweite Quelle für sein
Christentumsverständnis in der Vertiefung der Pflichten, der Umreißung des Liebesgebotes fand.
1821 wurde S. Kierkegaard in die solide Borgerdydsskole aufgenommen. Einen guten Einblick in die Verhältnisse der Schule geben
die oben erwähnten Berichte. Leiter der Schule war Rektor Michael
Nielsen. Dieser wurde von seinen ehemaligen Schülern als strenger,
fast tyrannischer Lehrer geschildert. S. Kierkegaards Klassenkamerad Hans Peter Holst hob allerdings M. Nielsens große Willensstärke hervor und wertete sie als Pluspunkt. Hinter der äußeren Strenge
musste sich aber ein feines Gespür für die seelische Entwicklung seiner Zöglinge verborgen haben. Das geht aus der sorgfältigen Begutachtung S. Kierkegaards durch M. Nielsen in den beiden Zeugnissen
vom 29. Juli 1830 und 29. September 1830 hervor.89 Betont wurde
88
89
Vgl. H. Koch, Den Danske Kirkes Historie V, 1951, S. 435 ff.
Iindirekt SV 8, S. 104, SKS, Bd. 6, 5.271, Pap. III A 11; Universitetes arkiv
Nr. 1674 – Rigsarkivet u.a., wiedergegeben bei S. Kühle, a.a.O., S. 73–75; dazu
B.H. Kirmmse (Hg.), Encounters, a.a.O., S. 14 f.
78
7. D IE S CHULE
die Entwicklung der Pflichtauffassung des Schülers S. Kierkegaard,
die immer wieder mit dem Erziehungsprogramm des Vaters in Verbindung gebracht wurde.
M. Nielsen gab Latein. Sein diesbezüglicher Unterricht schulte
den Blick für die grammatischen Regeln als Voraussetzung für jeden
Denkansatz. Damit wurde auch der Grund für die Methode geschliffener Dialektik gelegt. Hier ist auch eine Rückverbindung zum Vater
zu sehen, der dem jungen Søren wie eine „Incarnation af Reglen“
(„Inkarnation der Regel“) erschien.90 M. Nielsen wurde Søren Kierkegaard zum Vorbild. Die Dedikation, die S. Kierkegaard auf ein Exemplar der drei Reden 1843 für Nielsen schrieb, lautet: „min Ungdoms uforglemmelige Laerer, min senere Aars Paradigma“ („dem
unvergesslichen Lehrer meiner Jugend, dem bewunderten Paradigma
meiner späteren Jahre“).91 Das war durchdacht. Die Anfangspassage
der letzten von den eben erwähnten drei Reden 1843 enthält die Betonung der inneren und äußeren Ordnung im Menschen und kann als
Spiegelbild der Persönlichkeit von M. Nielsen, aber auch vom Vater
M.P. Kierkegaard gewertet werden. In zwei Tagebuchnotizen werden M. Nielsens „aedle Simpelthed“ („edle Einfachheit“) und seine
Hilfsbereitschaft hervorgehoben.92 Letztere Eigenschaft des ehemaligen Rektors ist in Reflexionen über die Grundverwirrung im gegenwärtigen christlichen Verhalten eingearbeitet. Dagegen wird die
Gottesfurcht im Menschen gestellt. Gerade daraus rekrutiert sich das
Engagement für die Hilfe bei den anderen Menschen, vor allem der
Jugend gegenüber.
Zu M. Nielsens Lebenslauf ist Folgendes zu sagen: Er wurde
1776 in der Nähe von Kolding geboren. 1801 begann er sein Studium in Kopenhagen. 1802 wurde er in der üblichen Weise in Phi90
91
92
Vgl. SV 3, 248 f., SKS, Bd. 3, 256.
N. Thulstrup (Hg.), Breve, a.a.O., I, 337. Wegen der Textlänge erfolgt die Wiedergabe deutsch.
Pap. VII 1 A ll, SKS, Bd. 18, JJ Nr. 421, S. 280, Pap. X 5 A 40, SKS, Bd. 25,
NB 27, Nr. 40, S. 153 f.
7. D IE S CHULE
79
losophie geprüft und konnte dann von dieser Basis her Theologie
studieren. Aus pekuniären Gründen musste er vorzeitig das Studium abbrechen. Er unterrichtete nun an verschiedenen Schulen, bis
er 1811 zum Rektor der Borgerdydsskol berufen wurde. Hier fungierte er auch, wie schon berichtet wurde, als Lateinlehrer, der auch
S. Kierkegaard von 1821 bis 1830 unterrichtete. Wegen seiner Verdienste um das Schulwesen erhielt M. Nielsen 1822 den Ehrentitel
„Professor“. In seiner Zeit wurde das Lernen intensiviert. Dazu holte
er tüchtige Pädagogen an seine Schule. So wuchs die Schülerzahl.
1844, im Alter von 68 Jahren, wurde M. Nielsen in den Ruhestand
versetzt. Im Februar 1846 verstarb er. M. Nielsens Strenge war nicht
tyrannisch ausgerichtet. Alles ordnete er der Disziplin unter. Er verlangte, wie verschiedene seiner Schüler bezeugten, auf präzise Fragen präzise Antworten.93
Nach den Briefzeugnissen von F. Welding und E.J. Anger aus
dem Jahre 186994 war neben M. Nielsen der Lehrer Severin Claudius
Wilken Bindesböll für S. Kierkegaard von großer Bedeutung. Letzterer hatte S.C.W. Bindesböll als Lehrer in Dänisch in der Klasse I
A, also in der Oberstufe. Hier lernte S. Kierkegaard exakt die grammatischen Regeln der dänischen Sprache und die Handhabung eines
guten Sprachstils, worin er bald Meister wurde.
Auf diesen wichtigen Lehrer ist näher einzugehen. S.C.W. Bindesböll wurde am 16. Februar 1798 auf dem Ledöje Pfarrhof als
93
94
Vgl. die Briefberichte seiner ehemaligen Schüler F. Welding, dem späteren
Stiftspropst in Viborg, und Edvard J. Anger, dem späteren Pfarrer. Letzterer
war acht Jahre lang mit Søren Kierkegaard in einer Klasse. Die Briefberichte
sind aufgenommen in: S. Johansen (Hg.), Erindringer, a.a.O., S. 6–10, B.H.
Kirmmse (Hg.), Encounters, a.a.O., S 6–10 (engl. Ausg.), H. Ulrich (Hg.),
Kierkegaard-Auswahl I, a.a.O., S. 31–36 (deutsch), vgl. auch dazu S. Kühle,
a.a.O., S. 35 ff., C. Jörgensen, Søren Kierkegaard I, a.a.O., S. 23, schließlich
S. Johansen, M. Nielsen, in: Bibliotheca Kierkegaardiana, hg. von N. Thulstrup/M.M. Thulstrup, Bd. 10, Kopenhagen 1982, S. 9 ff. mit Quellenangaben
und dem vollständigen Text der Widmung.
Siehe Anm. 13.
80
7. D IE S CHULE
Sohn des angesehenen Pfarrers Jens Bindesböll geboren. Er wurde
Schüler der damals bedeutenden Roskilde-Schule und zog dann mit
seinem jüngeren Bruder Mikael Gottlieb Birkner Bindesböll (1800–
1856, u.a. Erbauer des Thorwaldsen-Museums im Zentrum von Kopenhagen) in die Hauptstadt zum Studium der Theologie. Dieser
Bruder spielte im Leben von S.C.W. Bindesböll eine bedeutende
Rolle. Als Architekt führte er seinen Theologenbruder in die Ästhetik der Baukunst ein. Diesem verdankte S.W.C. Bindesböll den Blick
für die Schönheit von Kunst und Leben.
So wurde S.C.W. Bindesböll selbst Ästhet. Er brachte seinen
Schülern den Blick für das Ebenmaß der Poesie nahe. Über das
Theologiestudium hinaus galt der dänischen Literatur sein besonderes Interesse. Nach dem theologischen Kandidatenexamen war er
Notarius bei der Theologischen Fakultät und gab Religionsunterricht, was ihn in der Hauptstadt sehr bekannt machte. Unter anderem unterrichtete er auch in der Borgerdydsskol ev. Religion und Dänisch. Dadurch übte er Ende der zwanziger Jahre großen Einfluss auf
S. Kierkegaard aus, der bei ihm diese Unterrichtsfächer in der Oberstufe bis 1830 hatte. Von 1832–1834 machte S.C.W. Bindesböll eine
Auslandsreise. 1838 wurde er zum Gemeindepfarrer von Nakshov
und Brönderslev berufen. 1851 wurde er zum Bischof des AalborgStiftes, 1856 zum Bischof des Laaland-Falster-Stiftes ernannt. In dieser Funktion starb er am 30. Januar 1871.
S.C.W. Bindesböll war nicht nur ein tüchtiger Bischof, sondern
gab sich auch theologisch-erbaulichen Gedanken hin. U.a. schrieb
er die damals beliebten „Tanker til Eftertanke over Sön- og Festdagsevangelier“ („Gedanken und Nachgedanken über die Sonn- und
Feiertagspredigten“), 2. Auflage 1875. Schon als Pfarrer übte er ein
politisches Amt aus. Er wurde 1848 geistliches Mitglied der Ständeversammlung in Roskilde. Als süddänischer Bischof war er von
1866 bis 1870, also bis kurz vor seinem Tode, Mitglied des Land-
7. D IE S CHULE
81
stings für das Amt Maribo. 1868 wurde er außerdem zum Mitglied
der Kirchenkommission berufen.95
Bei diesem ausgezeichneten Lehrer hatte S. Kierkegaard in der
obersten Klasse nur noch wenige Stunden Dänisch und Religion.
Das wurde ausgeglichen durch das ebenfalls von jenem gegebenen
Fach „Stil“ bzw. „Dänische Stilübungen“. Die Begegnungen zwischen Lehrer und Schüler waren intensiv. Hier kamen Geist und
Geist zusammen. Die Schnelligkeit und Präzision in der Erfüllung
der Stilaufgaben durch S. Kierkegaard wurden von seinem ehemaligen Schulkameraden E.J. Anger besonders hervorgehoben.96
In den Stilübungen teilten sich S.W.S. Bindesbøll für die dänische und Rektor Nielsen für die lateinische Sprache. Diese Stilübungen wurden wichtig für die spätere schriftstellerische Tätigkeit S.
Kierkegaards. Der Unterricht im sprachlichen Stil wird im Weldingbrief vom 3. September 1869 an Hans Peter Barfod ausdrücklich erwähnt.97 Hier werden auch noch andere Lehrerpersönlichkeiten genannt, die S. Kierkegaard ab 1826 unterrichteten. Neben Rektor Nielsen gab teilweise Professor Carl Emil Scharling Lateinunterricht.
Der Pfarrer J.E. Storch (richtig: „Storck“) gab zeitweise Unterricht in
Dänisch und Religion. Unter ihm schrieb S. Kierkegaard einen stilistisch fundierten und inhaltsreichen Aufsatz über das Thema von Reise und Vergnügen nach bzw. in Charlottenlund. Er alludierte hierin
geschickt den Namen der Verlobten von Storck: „Charlotte Lund“.98
Professor L.H. Warncke, der den beliebten Lehrer in Geographie
und Geschichte D.V. Friedensreich abgelöst hatte, kam nicht so gut
weg. Er wurde zwar als fleißiger Mann geschildert, aber zugleich als
schwache Persönlichkeit. S. Kierkegaard kritisierte ihn wegen seiner
Übertreibungen. Er durchschaute die Schwächen dieses Lehrers.99 In
95
96
97
98
99
Vgl. KLN I, 321.
S. Johansen, Hg., Erindringer, a.a.O., S. 15; siehe auch Anm. 93.
S. Johansen, Hg., Erindringer, a.a.O., S. 12.
S. Johansen, Hg., Erindringer, a.a.O., S. 17.
Vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 38, 41.
82
7. D IE S CHULE
Mathematik wurde S. Kierkegaard in der Klasse I B der Oberstufe
von G.J. Martensen unterrichtet, der von Beruf her eigentlich Kontorchef war. Der Deutschlehrer Boy Mathiesen, ebenfalls Professor,
wurde von F. Welding als schwache Persönlichkeit charakterisiert.
Er schien gegenüber den intelligenten Jungen völlig hilflos.100
Beeindruckend als Lehrerpersönlichkeit war Ludvig K. Müller.
Er gab Religion und Hebräisch. Müller war umfassend gebildet und
auch als Historiker und Sprachwissenschaftler auf hohem Niveau.
Latein und Hebräisch gab auch der spätere Rektor in Odense Rudolph Johannes Frederik Henrichsen. Neben dem späteren Rektor in
Aarhus C.F. Ingslev und dem späteren Rektor in Sorø und Roskilde
Ernst Frederik Christian Bojesen gab P.C. Kierkegaard bis zu seinem Weggang 1828 dem Bruder Søren Griechischunterricht. Dieser
schien den älteren Bruder nicht für voll genommen zu haben. Es gab
immer wieder kleine Störungen. S. Kierkegaard gab später selbst an
seiner ehemaligen Schule Lateinunterricht.101
Im Gegensatz zu den heutigen Unterrichtsplanungen war die Woche damals mit Unterrichtsstunden von früh bis abends ausgefüllt.
Nur der Mittwochnachmittag war frei. Vorrang hatten die alten Sprachen, in deren Beherrschung S. Kierkegaard meisterlich war. Ohne die glänzenden Kenntnisse in Griechisch und Latein, aber auch
in Hebräisch wäre er nicht in der Lage gewesen, die Dissertation
wie die pseudonym herausgegebenen Werke geschrieben zu haben.102
Übrigens war der oben erwähnte Hebräischlehrer L.K. Müller häufiger Gast bei M.P. Kierkegaard.103 Es gab also über die Schule hinaus
auch private Verbindungen zu den Lehrkräften der Borgerdydsskol.
Zu beachten ist Folgendes: Von den 45 Wochenstunden Unterricht in
100
101
102
103
Siehe Anm. 98.
Vgl. S. Kühle, a.a.O., S. 38 ff.
Vgl. Sophia Scopetea, Kierkegaard og graeciteten. En kamp med ironi, Kopenhagen 1993.
Siehe W. von Kloeden, Kierkegaards View of Christianity: The Home and the
School, a.a.O., S. 15.
7. D IE S CHULE
83
den obersten Klassen dienten 22 den alten Sprachen.104 Nimmt man
die Stilübungen im Lateinischen hinzu, dann ergibt sich für die alten
Sprachen die größere Hälfte.
Seitens der Klassenkameraden wird über die Schülerjahre S.
Kierkegaards nichts Aufregendes berichtet. Er galt als fleißig und
von den verschiedenen Lehrern her als ordentlicher Schüler. Der
Dichter H.P. Holst berichtet, dass man an Søren keine großen Erwartungen knüpfte. Nicht einmal wurde er als „et godt Hoved“ („ein
kluger Kopf“) angesehen. Allerdings galt er als ein guter „Lateiner“.
Er zeigte keine Anlage zum Schriftsteller, keine Lust zum Disputieren. In ihm fand sich nach H.P. Holst kein Zeichen einer scharfsinnigen Dialektik, die ja später zum tragenden Grund seines Denkens
wurde.105 So wurde auch betont, dass keine besondere Leistungs- und
Verhaltensart von Søren den anderen Schülern als mustergültig vorgestellt wurde. Allerdings war er zum Necken aufgelegt und sein
„beskidte mund“ („ungewaschenes Maul“), wie sich E.J. Anger erinnert, „kostede ham mangen blodige naese“ („kostete ihn oft eine
blutige Nase“).106 Dieser Ausbruch zum Foppen der Mitschüler ist
auch bei F. Welding belegt.107
Drei weitere Zeugen mögen noch angeführt werden, um die Tendenzen zum Spott an seinen Mitschülern zu erhärten. Ein Brief von
Pastor F. Schiödte in Aarhus vom 12. September 1869 an Barfod
enthält folgende Charakterisierung: „Sein Sinn fürs Lächerliche war
groß, und dieser Sinn bekam frühzeitig eine höhere Weihe dadurch,
dass er durch seine eigene Innerlichkeit hindurch den Mangel an Innerlichkeit und die Leere bei den anderen fühlte und perzipierte.“108
104
105
106
107
108
Zur Rekonstruktion des Stundenplans siehe Emanuel Skjoldager, Søren Kierkegaard og mindesmaerkerne, Kopenhagen 1983, S. 57.
Siehe Anm. 86 und die Quellenangabe bei C. Jörgensen, Søren Kierkegaard,
a.a.O., S. 22 f.
Ebd.
Siehe Anm. 86 und C. Jörgensen, a.a.O., S. 24.
Text bei H. Ulrich, Kierkegaard, Tagebücher, a.a.O., S. 36; dieser Briefauszug
84
7. D IE S CHULE
Vertieft wird diese Aussage durch eine Betrachtung von Bischof P.E.
Lind in Aalborg, mitgeteilt in einem Brief vom 16. September 1869
an H.P. Barfod. Lind betonte, dass S. Kierkegaard von seinen Mitschülern als „et vittigt Hoved“ („ein witziger Kopf“) betrachtet wurde. Es war gefährlich, mit ihm Streit zu bekommen, „da er seine Gegner lächerlich zu machen verstand“. Dabei war die Einstellung der
Mitschüler die, „dass er im Grunde ein guter Junge sei“.109 Schließlich sei auf das Zeugnis der Familie Munthe-Brun hingewiesen. Hier
geht es um eine an jeder Schule sich begebende Handlungsweise seitens eines oder mehrerer Schüler bzw. Schülerinnen. Folgendes wird
berichtet: Eines Tages saß ein großer Junge in der Schule und weinte. Als ein Lehrer vorbeikam und den Jungen fragte, warum er Tränen vergießen würde, antwortete er: „Søren driller“ („Søren neckt“).
Aber der Lehrer sagte nur: „Hvad saa? Du kunde jo let putte ham i
den bukselomme“ („Was soll das? Du könntest ihn ja leicht in deine
Hosentasche stecken“).110 Diese Berichte bestätigen die Schärfe des
Geistes verbunden mit der Wehrhaftigkeit von dem jungen Schüler
Søren. Spott und Neckereien bildeten die unsichtbare Abwehrmauer.
Zu den eben angeführten drei Zeugen muss sich der Bericht über
ein weiteres Ereignis gesellen. Jener ist in der bisherigen Forschung
zu wenig beachtet worden. Es geht um den Bericht des Leutnants
Frederik Meidell, eines Freundes von P.C. Kierkegaard, mitgeteilt
in einem Brief an H.P. Barfod vom 7. November 1869. Die entsprechenden Zeilen zeigen die Gegenwehr der Schulkameraden, gereizt
durch die scharfe Dialektik des jungen S. Kierkegaard. Hier offenbart
sich die Brutalität des „Alle gegen Einen“. Diese zieht tiefe seelische Wundmale bei den Opfern nach sich. Das Ereignis einer „Klas-
109
110
kommt nicht bei S. Kühle, S. Johansen und B.H. Kirmmse (s.o.) vor. Textpassagen wegen der Länge deutsch.
Vgl. S. Johansen, Erindringer, a.a.O., S. 16, B.H. Kirmmse, Encounters with
Kierkegaard, a.a.O., S. 11, deutscher Text bei H. Ulrich, Kierkegaard Tagebücher, a.a.O., S. 36 f.
Berichtet von S. Kühle, a.a.O., S. 42.
7. D IE S CHULE
85
senkeile“ hinterlässt immer tiefe Spuren, besonders in einer zarten
Seele. F. Meidell berief sich in seinem Brief auf S. Kierkegaards
früheren Schulkameraden, späteren Justizrat Thorup, der ihm vom
Zorn der Klasse über Sørens ätzende „Dialektik“111 berichtet hatte.
Die Klasse beschloss demnach, ihm, Søren, deshalb „Strammbuchs“
zu geben, d.h. ihn mit Linealen, Buchriemen usw. zu traktieren.112
Der junge S. Kierkegaard hatte es nötig, sich mit der Schärfe seines Geistes zu wehren. Umgekehrt gab es nämlich viel Spott, aber
auch Mitleid über seine Kleidung. Diese war aus grobem Tuch und
merkwürdig geschnitten. Er kam immer mit Schnallenschuhen, nicht
mit den üblichen Stiefeln und trug Wollstrümpfe. Diese Kleidung
ähnelte der des Kirchenschülers. Daher wurde er „Chordrengen“
(„Chorknabe“) genannt. Die einfache, altmodische Kleidung führte mit Hinweis auf den früheren Beruf des Vaters als Strumpf- und
Wollwarenhändler zu dem weiteren, wenig schmeichelhaften Spitznamen „Søren Sock“.113
In S. Kierkegaards Schulzeit fiel die Konfirmation am 20. April
1828 in der Frauenkirche durch den damaligen Hausseelsorger und
Schlosskapellan J.P. Mynster, der ja im Leben von Vater und Sohn
Kierkegaard eine entscheidende Rolle spielte. Hier ist folgender Einschub für die Zeitspanne des Schulbesuchs von S. Kierkegaard wichtig: Für Vater und Sohn Søren war es, wie schon oben erwähnt, ein
schwerer Schlag, als in Folge eines Unfalls auf dem Schulhof der
elfjährige Bruder Sørens, Søren Michael, 1819 starb. Vermutlich war
die Todesursache eine Hirnblutung. Drei Jahre später 1822 starb die
111
112
113
Bei V. Ammundsen, Søren Kierkegaards Ungdom, a.a.O., S. 50, Anm. 1; H.
Ulrich, Kierkegaard Tagebücher, a.a.O., S. 576, Erläuterung zu Anm. 54.
Ebd.
Nach dem Welding-Bericht, u.a. bei S. Johansen, Erindringer, a.a.O., S. 13,
deutsch bei H. Ulrich, Søren Kierkegaard, 2. Teil: Die Tagebücher, a.a.O., S. 31
f.; Joakim Garff hat einen diesbezüglichen Unterabschnitt im 1. Teil seiner umfassenden Biographie über Kierkegaard mit „Socken-Søren“ betitelt; deutsche
Ausgabe München 2004, S. 29 ff., die dänische Ausgabe ist 2000 in Kopenhagen erschienen.
86
7. D IE S CHULE
Die berühmte Christusdarstellung von Bertel Thorvaldsen in der Frauenkirche, in
der Sören 1828 konfirmiert wurde. Foto: Internet
älteste Schwester Maren Kirstine, wahrscheinlich an einer Nierenentzündung. Sie war die Lieblingstochter des alten M.P. Kierkegaard.
Auf diese Schicksalsschläge muss noch einmal deutlich hingewiesen werden. Eine gewisse Gegenwirkung ergaben die Hochzeiten der
beiden schon erwähnten Schwestern Søren Kierkegaards. Nicoline
Christine, geb. am 25. Oktober 1799, wurde am 24. September 1824
mit dem Tuchhändler und späteren Handelsagenten Johan Christian Lund durch den Hausseelsorger J.P. Mynster getraut. Petrea Severine, die Lieblingsschwester Sørens, geb. am 7. September 1801,
feierte am 11. Oktober 1828 mit dem damaligen Assistenten, dem
späteren Justizrat und Kontorchef an der Nationalbank, Henrik Fer-
7. D IE S CHULE
87
dinand Lund Hochzeit. Die beiden Schwager S. Kierkegaards waren
Brüder. Zu Henrik Ferdinand Lund ergab sich ein besonderes Verhältnis, indem S. Kierkegaard ihm sein ganzes Geldvermögen zur
Aufbewahrung in der Bank anvertraute. Diese sollte ohne Zinsgewinn geschehen. Jener wandte sich energisch gegen den Plan, willigte schließlich ein und bewahrte das Geld auf, bis S. Kierkegaard
sich von seinem Schwager H.F. Lund den letzten Teil aushändigen
ließ.114
Am Ende der Schulzeit in der Borgerdydsskol reichte Rektor
Nielsen, wie es damals üblich war, zur Dimittierung von S. Kierkegaard am 29. Juli 1830 ein „Skole-Vidnesbyrd“ („Schulzeugnis“)
und ein lateinisches Testimonium für die ihn aufzunehmende Kopenhagener Universität ein. Ohne diese Zeugnisse war das Examen
Artium, das vor der Aushändigung des akademischen Bürgerbriefes
bestanden werden musste, nicht möglich.
Nielsens Zeugnis enthält folgende Merkmale zum Charakter und
zum Verhalten S. Kierkegaards:115 Er sei zwar „et godt Hoved“ („ein
guter Kopf‘), aber zeigte doch lange Zeit ein kindliches Wesen. Ihm
würde der „Alvor“ („Ernst“) fehlen. Er zeige eine „Lyst“ („Neigung“, „Lust“) zur „Frihed og Uafhaegighed, der ogsaa i hans Opförelse viser sig i en godmodig untertiden pudselig Ungeneerthed“
(„Freiheit und Unabhängigkeit, die sich aber in seinem Auftreten in
einer gutmütigen, bisweilen possierlichen Ungeniertheit“) offenbare.
Er habe keine lange Ausdauer im geistigen Eindringen in die vorgegebene Materie. Hervorzuheben sei aber die gute geistige Tätigkeit
in den späteren Schuljahren. Hier sei auch ein Anwachsen von Ernst
zu verspüren. Daraus ist zu folgern, dass S. Kierkegaard später ähnlich wie sein Bruder an der Universität zu den „Dygtige“ („Tüchti114
115
Vgl. H. Lund, Erindringer, a.a.O., S. 42, 166–168; T. Lund, Et Liv, Kopenhagen
1924, S. 211–213.
Der vollständige Text findet sich u.a. bei S. Johansen, Erindringer, a.a.O., S. 20
f.
88
7. D IE S CHULE
gen“) gehören wird. Gelobt wird sein „aaben“ („offener“) und „ufordaervet“ („unverdorbener“) Charakter.
Erwähnt wird dann das Schicksal des auf dem Schulhof beim
Spielen verunglückten Bruders, das Folgen für die Entwicklung S.
Kierkegaards gehabt haben könnte. Dann folgt die Aufzählung von
dessen selbst angegebener Lektüre. Es sind vor allem die üblichen
Werke altgriechischer und lateinischer Autoren. Soweit das Zeugnis.
Bedenkt man allerdings, dass S. Kierkegaard selbst die Auswahl von
Homer bis Horaz getroffen hat, dann ergibt sich ein noch reicherer
Literaturhintergrund. Auch im Deutschland des 19. Jahrhunderts –
bis in das 20. Jahrhundert hinein – gab es am Humanistischen Gymnasium ein großes Angebot an altgriechischer und lateinischer Literatur. Die bedeutende humanistische Bildung zeigte sich bei dem
jungen S. Kierkegaard in der Lektüre der frühplatonischen Dialoge
„Eutyphron“ und „Kriton“. Jene ermöglichte die Vertiefung in die
griechisch-philosophischen Denkprozesse und in das Philosophieren
überhaupt. Das erwies sich, wie schon angedeutet, als wichtig für die
Dissertation 1841 mit dem Eingehen auf die sokratische Ironie und
für die pseudonymen Grundschriften 1844.
Das auch lateinisch gefasste „Testimonium“116, das an Rektor und
Professorenschaft der Universität Kopenhagen gerichtet ist, beginnt
sehr weitschweifig mit Gedanken von Cicero: „Zuerst, sagt Cicero,
müssen die Bürger davon überzeugt sein, dass alle Begebenheiten in
Kraft ihrer göttlichen Macht geschehen. [ . . . ] Dass Menschen, deren
Sinn von diesen Gedanken durchtränkt ist, keineswegs vom Wahren
abweichen [ . . . ].“ Dann heißt es weiter, auf den jungen S. Kierkegaard bezogen: „Der ehrwürdige junge S.A. Kierkegaard hat sich
zeitig daran gewöhnt, die Grundlage für sein Leben in dieser Überzeugung zu suchen, nämlich den Ausgang der Geschehnisse danach
zu beurteilen.“ Dann kommt Nielsen auf den Einfluss der Eltern auf
116
Siehe Anm. 115. Das gilt auch für die folgende Übersetzung und die Gedankengänge des „Testimonium“. Wegen der Länge hier deutsche Übersetzung.
7. D IE S CHULE
89
den Sohn Søren, besonders auf deren tiefe Religiosität, zu sprechen.
Dabei bezieht jener, was selten genug ist, die Mutter mit ein.
Nielsen kommt dann auf das Vorbild des Bruders Peter Christian
zu sprechen, in der Hoffnung, dass S. Kierkegaard ihm gleich wird.
Erwähnt wird dann nochmals der Vater und dessen Verbindung von
Berufstätigkeit und philosophisch-theologischer Orientierung: „Sein
Vater hat nämlich nach der Vorschrift der Philosophie Handel getrieben und mit seiner Geschäftsführung das Lesen theologischer, philosophischer und schön literarischer Bücher vereint. Und seine Weisheit und Güte ist in seinem Verhalten und besonders in seiner Kindererziehung zu sehen.“ Es spricht für den Pädagogen alten Schlages, dass er das Umfeld seines Zöglings beleuchtet und damit selbst
seine eigene, innerste Saite zum Klingen bringt. Dem großen Lob
auf das Elternhaus folgt daher der Hinweis, dass der junge Mann auf
das Beste für das Studium empfohlen wird.
8. Z USAMMENFASSUNG DER
EIGENEN B EURTEILUNG VON
K INDHEIT UND J UGEND IM
RÜCKBLICK DURCH S.
K IERKEGAARD SELBST
Bei diesem Rückblick geht es um Einsicht in die Tagebuchnotizen.
Problematisch ist es immer, die Aussagen in den pseudonym gehaltenen und schriftstellerisch begründeten Quellen zu suchen. Natürlich spielen hier eigene Erfahrungen hinein. Doch steht das Poetische
im Vordergrund, wie es die Einsatzstücke in den „Stadier paa Livets
Vei“ („Stadien auf dem Lebensweg“) von 1845 bekunden.117
Im Zentrum der Tagebuchnotizen über die Kindheit steht das
Schlüsselwort der „olykkelige Individualität“ („unglücklichen Individualität“). Von früh an hat sich S. Kierkegaard so verstanden. Diese
liegt in dem „Missverhältnis zwischen Leib und Seele“ begründet.
Der „alte Mann“, wie S. Kierkegaard weiter mitteilt, war in seiner
Schwermut den Anfechtungen auf dem Gebiet des Glaubens ausgeliefert. Er legte die ganze Last seines Alters auf den Sohn. Die
Spannkraft des Geistes machte es diesem möglich, dass er dennoch
wirken konnte.118 In der strengen Liebe ist dann der Vater im „Dennoch“ zu sehen: Er ist der „bedste Fader“ („beste Vater“).119 Durch
117
118
119
Vgl. SV 8, S. 52–168, SKS, Bd. 6, S. 217–337. In der Zusammenfassung alle
Zitate in deutscher Übersetzung.
Pap. VII 1 A 126, SKS, Bd. 20, NB: 34, S. 35.
Pap. VIII I A 177, SKS, Bd. 20, NB 2: 69, S. 170.
92
8. Z USAMMENFASSUNG
diese Hypothek der Belastung brauchte der Sohn lange Zeit, „um im
tiefsten Sinne zu sich selbst Du zu sagen“.120
Das Geheimnis der Schwermut ist zu sichern. Es liegt tief im Inneren des Menschen, und schon ein Kind kann in der Schwermut
sein.121 Das bezieht S. Kierkegaard natürlich auf sich. Auch das Bekenntnis zum Leiden führt in die eigene Kindheit zurück. Und auch
hier ist es die erste Last der Schwermut, die das Kind erlebt hat:
„Seit meiner frühesten Kindheit hat ein Pfahl des Kummers in meinem Herzen gesteckt. So lange er da sitzt, bin ich ironisch, wird er
herausgezogen, sterbe ich.“122 Ein gesunder, starker Mensch war er
nie. Dieses Unglück hat sein ganzes Leben bestimmt.123 Hier spielt
auch seine Ängstlichkeit hinein, die er mit H.C. Andersen teilt. Wie
oft hat er sich gewünscht, voll körperlicher Kraft zu sein: „In der
Zeit meiner Jugend ist meine Qual furchtbar gewesen.“124 Auch wenn
er von einem schwermütigen Greis erzogen worden ist, so bleibt das
Bekenntnis, dass die strenge Erziehung zum Christentum durch diesen greisen Vater entscheidend für das Leben und seine Theologie
gewesen ist. Es ist „det glade Budskab – for Tungsindige“ („die frohe Botschaft für Schwermütige“).125
120
121
122
123
124
125
Pap. VIII lA 27, SKS, Bd. 20, NB: 141, S. 97.
Pap. VIII 1 A, 179, 191, 239, SKS, Bd. 20, NB 2: 71, NB 2: 79, NB 2: 125,
S. 171, 173.
Pap. VIII 1 A 205, SKS, Bd. 20, NB 2:92, S. 179.
Pap. IX A 74, SKS, Bd. 20, NB 5:71, S. 402.
Pap. IX A 74, SKS, Bd. 20, NB 5:71, S. 402.
Pap. IX A 70, SKS, Bd. 20, NB 5:67, S. 400, hier: Pap. VIII 1 A, 341, SKS,
Bd. 20, NB 2:219, S. 225.
9. D ER B EGINN DES
EIGENTLICHEN S TUDIUMS
S. Kierkegaard ist jetzt 18 Jahre alt. Zur Studienzeit ist Folgendes vorauszuschicken: Die Basis für ein Interesse an theologischen
Grundfragen wurde durch die Erziehung bei S. Kierkegaard gelegt.
Ein Studium der Theologie – auch nach dem Willen des Vaters –
bedeutete für den jungen Kierkegaard alles andere als ein striktes
Durchhalten von Besuchen theologischer Lehrveranstaltungen. Das
Pensum war breit gestreut. Der Orientierungswille war also weitgehend. So hatte die dänische wie deutsche Literatur einen großen Stellenwert.
Vorrang aber hatte die Einübung in die Exegese, das Übersetzen neutestamentlicher Texte und die Lektüre der lateinischen Quellen zur alten Kirchengeschichte. All das bietet das Bild einer soliden Vorbereitung. In den gestreuten Notizen der ersten Zeit kommen
immer wieder Anmerkungen zum christlichen Glaubensgut vor, die
sich ab 1838 verdichten. Vor dem Tod des Vaters und vor allem danach im gleichen Jahr 1838 zeigt sich die Besinnung auf dessen Erbe.
Die Reifeprüfung wurde damals in Dänemark nicht am Ende der
Schulzeit vor dem Kollegium der Schule gemacht. Zuständig war die
Universität, die eine Gewähr dafür haben wollte, dass der kommende Student für das Studium gewappnet war. Die Universität verlangte
für die Sicherung des akademischen Bestandes zwei Examen. Außerdem galt als Voraussetzung für die Annahme des Studierenden ein
Schreiben des Rektors der Höheren Schule, das Leistung und Charakter hervorheben sollte. Dies geschah, wie schon erörtert, durch
Rektor M. Nielsen in zwei Schreiben S. Kierkegaard betreffend.
94
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
Das „Examen artium“ im Oktober 1830 vor der Kommission
der Universität Kopenhagen bestand S. Kierkegaard mit Bravour.
Er wurde im dänischen Aufsatz, in Geschichte, Griechisch, Französisch, Latein, Hebräisch, Religion, Arithmetik, Geometrie und
Deutsch geprüft. Das Examenszeugnis wies für die ersten vier Fächer ein „laud. prae ceteris“ („ausgezeichnet gut“) auf, für die übrigen Fächer ein „laud.“ („laudabilis/sehr gut“). Mit dem Prüfungsergebnis vom 30. Oktober 1830 war das erste Examen beendet.126
Der Ordnung nach wurde S. Kierkegaard am 1. November 1830
in das Dänische Königliche Leibkorps und zwar in die 7. Kompanie
des Studentenkorps aufgenommen. Bereits am 4. November wurde
er wieder als untauglich für den Militärdienst entlassen. So konnte
er sich für das „Studium generale“ einschreiben, an dessen Ende das
zweite Examen stand.
Bevor auf S. Kierkegaards Eintritt in das Universitätsleben eingegangen wird, muss Grundsätzliches zur Universität Kopenhagen
gesagt werden. Vom 4. Oktober 1478 stammt die alte Privilegurkunde, welche die Universität der dänischen Hauptstadt zu einer in sich
selbständigen Lehranstalt unter der Oberaufsicht des Bischofs von
Roskilde als Kanzler machte. Das Personal der neuen Universität erhielt eine eigene Jurisdiktion. Der Dompropst Peder Albertsen wurde
zum Prokanzler ernannt. Er nahm Kontakte mit der Universität Köln
auf und holte von dort die ersten Lehrer und Studierenden.
Im Jahre 1539 erfolgte eine neue Ordnung: „fundats og ordinans“ durch Johanes Bugenhagen. Als Vorbild diente die Universität Wittenberg. Die bisher scholastisch ausgerichtete Universität Kopenhagen wurde nun vom protestantischen Geist durchwirkt. In der
Novelle Christian IV. („novellae constitutiones“) wurde eine Reform
durchgeführt. Die Universität erweiterte man von außen und innen.
126
Vgl. S. Kühle, Søren Kierkegaard. Barradom og Ungdom, Kopenhagen 1930,
S. 71; N. Thulstrup (Hg.), Breve og Aktstykker vedrörende Søren Kierkegaard,
I, Kopenhagen 1953/1954, S. 6; C. Jörgensen, Søren Kierkegaard. En Biografi,
Bd. I, Kopenhagen 1964, S. 31 f.
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
95
1623 wurde das „Regens“ eingerichtet, das als Wohnstatt für die Studenten ausersehen war. 1642 errichtete man das Observatorium im
„Rundetaarn“ („Runden Turm“). Dazu kam ein „anatomisches Theater“. In dieser und der nachfolgenden Zeit gab es bedeutende Lehrer,
wozu man auch Nicolaus Steno (Niels Stensen, 1638–1686) rechnen
kann. Dieser war Anatom, Begründer der modernen Geologie, später Konvertit, Prinzenerzieher und apostolischer Vikar. Er entdeckte
den Speichelkanal und die Tränendrüsen. Schon früh also spielten
die Naturwissenschaften im Universitätsangebot eine große Rolle.
Der „Runde Turm“, Foto: Lucian Freudenberg
1647 wurde die Universitätsbibliothek erbaut, die zusammen mit
dem alten Universitätsgebäude 1728 niederbrannte. Nach dem Wiederaufbau wurde die Universität 1732 durch H. Grams Einsatz neu
durchorganisiert. 1778 richtete man den botanischen Garten ein.
1790 schließlich wurde die lateinische Sprache bei den Vorlesungen
96
9. D ER B EGINN
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S TUDIUMS
offiziell zugunsten der dänischen Muttersprache abgeschafft. Doch
noch zu Zeiten S. Kierkegaards hielt sich das Lateinische bei einzelnen Vorlesungen, bei Disputationen und Examina.
Die erste dänisch abgefasste Magisterabhandlung stammte von
1736. Zur Zeit S. Kierkegaards dominierte an der Theologischen Fakultät für die Fachsprache das Dänische. Die Thesen aber zur Magisterverteidigung wurden oft lateinisch verfasst. Søren Kierkegaards
Dissertation von 1841 wurde von 15 lateinisch formulierten Thesen
eingeleitet.127
Die Voraussetzung zum Studium des gewählten Faches, nämlich – auch auf Wunsch des Vaters – der Theologie bildete das „filologikum“ („Philologicum“), das mit zwei zeitlich verschiedenen
Examina absolviert werden musste. S. Kierkegaard erlebte auch nach
außen die architektonische Leistung des Wiederaufbaus nach den napoleonischen Kriegen. Das Hauptgebäude der Universität, das heute
noch zu bestaunen ist, wurde durch Peder Malling von 1831 bis 1836
neu errichtet.
Für das sogenannte „Zweite Examen“ belegte S. Kierkegaard
Vorlesungen über verschiedene Wissensgebiete, die für die Prüfungen relevant waren. Es waren die Philosophie (einschließlich der
Psychologie), die Geschichte und Literatur der Antike, Höhere Mathematik und die Naturwissenschaften. Abgesehen von diesen Vorbereitungen war der Besuch dieser Lehrveranstaltungen eine geeignete allgemeine Vorbereitung für das kommende Theologiestudium.
Im Wintersemester 1830/31 hörte S. Kierkegaard vier Vorlesungen über das klassische Altertum. Von Johan Nikolaj Madvig (1804–
1886) nahm er zwei Angebote wahr: Es handelte sich um die Vorlesungen „Cicero de finibus“ (3st.) und „Geschichte der römischen
Literatur“ (3st.). J.N. Madvig war erst 1829 auf den Lehrstuhl für
Klassische Philologie berufen worden. Er war als Cicero-Forscher
127
Vgl. SV, 3. Ausg. Kopenhagen 1962 durch A.B. Drachmann u a., Bd. 1, S. 63
f.
9. D ER B EGINN
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97
Die Universität von Kopenhagen, Foto: Lucian Freudenberg
ein glänzender Vertreter seines Faches und hatte schon bis 1830 mehrere Untersuchungen über Cicero geschrieben.128 Madvig ging später
auch in die Politik und wurde für einige Zeit bis 1851 Kirchen- und
Unterrichtsminister. 1867 wurde er Präsident der Wissenschaftsgesellschaft in Dänemark. Für S. Kierkegaard war es ein Glücksfall,
eine so hervorragende Persönlichkeit als Lehrer zum Beginn seiner
Studienzeit erhalten zu haben.
Die zwei anderen Vorlesungen, die S. Kierkegaard besuchte,
beinhalteten die Gräzität. Es handelte sich um die „Graekisk Literaturhistorie“ („Griechische Literaturgeschichte“) (3st.) und um die
„Eumeniden“ von Aeschylos (3st.), den dritten Tragödienteil der
128
J.N. Madvig erschloss wichtige Werke Ciceros. So schrieb er z.B. „Emendationes in Ciceronis libros philosophicos“, Part I, Kopenhagen 1826; M. Tullii
Ciceronis orationes selectae XII. Recognoscit et emendavit, Kopenhagen 1830.
J.N. Madvig spielte auch in der späteren Zeit S. Kierkegaards eine Rolle (vgl.
Pap. X 1 A, 497, SKS Bd, 22, NB 11 Nr. 193, S. 116).
98
9. D ER B EGINN
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S TUDIUMS
„Orestie“, jenem ausgereiften, meisterhaften Spätwerk des antiken
Dichters. Beide Lehrveranstaltungen wurden von dem Professor für
Griechisch an der Kopenhagener Universität Frederik Christian Petersen abgehalten. Dieser war nicht nur ein tüchtiger Altphilologe,
sondern auch ein guter Archäologe.
F.C. Petersen wurde am 9. Dezember 1786 in Antvorskov/Seeland geboren. Er promovierte mit der Untersuchung. „De
Aeschyli vita et fabulis commentatio“ an der Universität Kopenhagen zum philosophischen Doktor. Die Arbeit wurde 1816 veröffentlicht. Nach der Lehrtätigkeit ab 1815 wurde er 1818 zum ordentlichen Professor der Altphilologie an die Universität Kopenhagen
berufen. Von 1819 bis 1821 lehrte er auch vorübergehend an der
Theologischen Fakultät. Im Jahre 1826 wurde er Mitglied der dänischen Akademie der Wissenschaften. Zahlreiche Veröffentlichungen machten ihn auch über Dänemark hinaus bekannt. 1819 erschien seine Arbeit „Om den aristoteliske Poetik“ („Über die aristotelische Poetik“) in der Reihe „Det Skandinaviske Litteratur Selskabs
Skrifter“, Band 16. Im gleichen Jahr wurden die „Observationes
in Sophoclis tragoediam, quae inscribitur Oedipus Rex“ veröffentlicht. Die Weite seines Forschungsgebietes zeigt auch die im Jahr
1819 erschienene Untersuchung „Amphiktionske Forbunds Oprindelse“ („Der Ursprung des Amphiktionischen Verbandes“), Sonderdruck aus der Reihe „Det Skandinaviske Litteratur Selskabs Skrifter“. 1825 gab F.C. Petersen die „Almindelig Inledning til Archaeologiens Studium“ („Allgemeine Einführung in das Studium der Archäologie“) heraus. Das Werk wurde schnell bekannt und 1829 ins
Deutsche übersetzt.129
1826 erschien das „Handbog i den graeske Litteraturhistorie“
(„Handbuch der griechischen Literaturgeschichte“). Die zweite Edition erfolgte 1830; 1834 kam die deutsche Übersetzung heraus.130 Die
129
130
Erscheinungsort war Leipzig.
Erscheinungsort war Hamburg.
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99
zweite Edition des vorzüglichen Übersichtswerkes von F.C. Petersen
besaß S. Kierkegaard.131 Ebenfalls 1826 erschien die Studie „De statu culturae qualis aetatibus heroicis apud graecos fuerit“. Ein Jahr
später erfolgte eine Vergleichsstudie „De arte poetas veteres graecos
romanosque in nostras linguas convertendi“. Die von S. Kierkegaard
erlebte Vorlesung über die Eumeniden von Aeschylos hatte ihre Wurzeln u.a. in der Schrift „Oberservationes in Aeschyli Eumenides“ von
1827.
Es folgte innerhalb von zwei Jahren das Hauptwerk „De Libanio
Sophista commentationes quatuor“ (Kopenhagen 1827/1828). Das
vierbändige Grundlagenwerk über den Sophisten und Rhetor Libanios (lat.: Libanius), der von 315 bis 393 n. Chr. lebte, zeigt am Wirken und hinterlassenem Schrifttum des Rhetors das letzte Aufleuchten der heidnisch-hellenistischen Kultur. Noch einmal wurden Tugend und Religiosität der vorhellenistischen Klassik gegen das junge
Christentum – allerdings im Toleranzsinn – ausgespielt.
Libanios war heimlicher Lehrer und Freund von Kaiser Julian („Apostata“), aber auch Lehrer in Rhetorik von Chrysostomos.
Er lehrte in Konstantinopel, Nizäa und Nikodemien Rhetorik, bis
er in seine Geburtsstadt Antiochien zurückkehrte. Er, der in Wort
und Schrift dem großen klassischen Vorbild Demosthenes verpflichtet war, wurde der „kleine Demosthenes“ genannt. Sein am klassischen Griechisch geschulter Sprachstil wurde als Orientierungsmöglichkeit noch im Mittelalter geschätzt. Er hinterließ eine Reihe von
Musterreden („Deklamationes“), eine Biographie über Demosthenes, eine Selbstbiographie und 1.600 Briefe.132 Es war daher für F.C.
131
132
Søren Kierkegaards Bibliotek ved N. Thulstrup, Kopenhagen 1957, Kat.
Nr. 1037.
Zur Antiposition gegenüber dem Christentum vgl. u.a.: Franz Xaver Funk/Karl
Bihlmeyer, Kirchengeschichte I, Paderborn 1936, S. 195, S. 349, 357 (hier
als Lehrer des Chrysostomos). Søren Kierkegaard musste auf Libanios auch
in dem zweibändigen Werk von August Neander über Chrysostomos gestoßen sein, das er Ende 1850 durchgearbeitet hatte. Es handelt sich um die 1.
100
9. D ER B EGINN
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S TUDIUMS
Petersen eine große Verlockung, diesen späten Vertreter eines hervorragenden Griechisch ausführlich zu behandeln. Seinen Schülern
brachte er das Erbe griechischer Sprache und Kultur nahe.
F.C. Petersen gab auch die „Maanedsskrift for Litteratur“ („Monatsschrift für Literatur“) in 20 Bänden (Kopenhagen 1829–1838)
und die „Tidsskrift for Litteratur og Kritik“ („Zeitschrift für Literatur und Kritik“) in 7 Bänden (Kopenhagen 1839–1842) heraus.
S. Kierkegaard erwarb später noch zwei weitere Werke von F.C.
Petersen. Es handelt sich um „Om Epheteme og deres Diskasterier i Athen“ („Über die Epheter und ihre Diskasterien in Athen“),
Kopenhagen 1847133 und um „Platons Forestillinger om Statemes
Oprindelse, Statsforfatninger og Statsbestyrelsel“ (Platons Vorstellungen über den Ursprung der Staaten, die Staatsverfassungen und
die Staatsregierung“), Kopenhagener Universitätsfestschrift 1854.134
Die Wertschätzung gegenüber F.C. Petersen durch S. Kierkegaard kam darin zum Ausdruck, dass dieser ein Jahr vor dessen Tod
noch ein Werk des Altphilologen anschaffte. Das Interesse F.C. Petersens an S. Kierkegaards Entwicklung zeigte sich in der kritischen
Achtsamkeit bei der Durchsicht von dessen Dissertation und bei der
diesbezüglichen Thesenverteidigung.135 F.C. Petersen war Propst am
Regens, Ritter des Danebrog-Ordens. Er verstarb 1856 in Kopenhagen. S. Kierkegaards Lehrer im Alten Testament während des Wintersemesters 1830/31 war Matthias Hagen Hohlenberg. S. Kierkegaard hörte bei ihm „Philosophische Vorlesungen über die kleinen
Propheten“. Später wird er nachweislich im Sommersemester 1833
133
134
135
Aufl., Berlin 1821, Bd. I, erster Abschnitt. Er selbst besaß die große Ausgabe
der „Declamationes“: Libanii Sophistae Orationes et declamationes“, rec. J.J.
Reiske. Vol. I–IV, Altenburg 1791–1797, Søren Kierkegards Bibliotek, a.a.O.,
Kat. Nr. 1124–1127.
Søren Kierkegaards Bibliotek, a.a.O., Kat. Nr. 720.
Søren Kierkegaards Bibliotek, a.a.O., Kat. Nr. 1171.
Vgl. J. Garff, Søren Aabye Kierkegaard, deutsche Ausgabe München/Wien
2004, S. 235 ff.
9. D ER B EGINN
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S TUDIUMS
101
eine Vorlesung über „Der letzte Teil der Genesis“ besuchen. Beide
Lehrveranstaltungen waren jeweils vierstündig.
M.H. Hohlenberg wurde am 18. März 1797 in Kopenhagen geboren. Er wurde 1814 Student der „Odense Schule“ und 1819 theologischer Kandidat. Früh übte er sich in der Hebräischlektüre und Exegese des Alten Testaments. Für eine alttestamentliche Abhandlung
erhielt er 1821 die Goldmedaille der Universität. 1822 promovierte
er zum Dr. phil. mit einer Abhandlung „De originibus et fatis ecclesiae christianae in India Orientali“. Nach diesem Erfolg reiste er ins
Ausland zu Studienzwecken. Seine Ziele waren Berlin, Halle, Paris,
London und Oxford. Es handelte sich also bei ihm um einen gut vorbereiteten Alttestamentler und Orientalisten. Er blieb drei Jahre bis
1825 im Ausland.
Nach der Rückkehr wurde M.H. Hohlenberg Privatdozent für das
Alte Testament an der Universität Kopenhagen. 1826 wurde er Lektor für Theologie. 1827 folgte die Ernennung zum Extraordinarius an
der Theologischen Fakultät. 1828 promovierte er zum Dr. theol., Voraussetzung für die Berufung zum ordentlichen Professor der Theologie. Das Dissertationsthema lautete: „De Capite decimo libri Geneseos“. 1831 wurde er zum Ordinarius für Altes Testament an der
Theologischen Fakultät in Kopenhagen berufen. Bis zu seinem Tod
gab er zusammen mit seinem Kollegen Henrik Nicolai Clausen die
„Tidsskrift for udenlandsk theologiske Litteratur“ („Zeitschrift für
ausländische theologische Literatur“) heraus. Von 1829 bis 1838 war
M.H. Hohlenberg Mitarbeiter an der „Maanedsskrift for Litteratur“
(„Monatsschrift für Literatur“). Außerdem war er Mitglied der Kommission für die revidierte Übersetzung des Alten Testaments. 1845
gab er Teile von Übersetzungen aus dem Buche Hiob, aus den Psalmen und aus dem Buche Amos heraus. Er war ein gründlicher theologischer Arbeiter und Lehrer.136
136
Vgl. auch Kirke Leksikon for Norden, Kopenhagen, II, 1904, S. 447 und Bibliotheca Danica, Kopenhagen, Bd. 1, S. 18. Ihn als „leidlich anonym“ zu bezeichnen, wie es J. Garff tut, ist nicht gerechtfertigt. Dazu J. Garff, a.a.O.,
102
9. D ER B EGINN
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S TUDIUMS
Zuletzt soll für das Wintersemester 1830/31 die wichtigste Lehrkraft für S. Kierkegaard genannt werden. Sie wird ihn auch später begleiten. Es handelt sich um Frederik Christian Sibbern (1785–1872),
den Lehrer in Psychologie und Philosophie. Diese Fachgebiete sah
F.C. Sibbern eng zusammen. Einige Sätze zum Lebenslauf werden
die Bedeutung dieses Vertreters für Philosophie auf dem Kopenhagener Lehrstuhl für beleuchten. Die Familie Sibbern stammte aus
Holstein. F.C. Sibbern wurde am 18. Juli 1785 in Christianshavn,
das zwischen der Altstadt Kopenhagen und Amager liegt, geboren.
Sein Vater Frederik Gabriel Sibbern war als Arzt in einem Erziehungsheim in Christianshavn tätig. Er stammte aus Segeberg, während die Familie der Mutter in Plön ansässig war. Diese Frau war tief
religiös, hochgebildet und gab ihre Gaben an die sechs Kinder weiter. Im Hause Sibbern wurde gemäß den heimatlichen Wurzeln viel
Deutsch gesprochen. 1791 kaufte der Vater ein eigenes Haus in der
Lille Torvegade – ein Zeichen des bescheidenen Wohlstands.
Der Vater starb mit 50 Jahren. Es war nun für die Mutter eine
schwierige Aufgabe, die sechs Kinder zu ernähren. Sie schaffte es
durch die Teilvermietung des Hauses. Ab 1794 erhielten F.C. Christian Sibbern und einer seiner Brüder Hausunterricht bei Jens PaludanMüller, dem späteren Bischof. Nach dem Tod des Vaters sorgte dieser dafür, dass sein Zögling Frederik Christian einen Freiplatz an der
Herlufsholm Skole („Herlufsholm-Schule“) erhielt. Nach den notwendigen Studentenexamina studierte dieser Jura. Er besuchte auch
die berühmten Vorlesungen von Heinrich Steffens in Eler’s Kollegium vom 11. November 1802 an in Kopenhagen, konnte aber zuerst
keinen Gefallen daran finden.137
137
S. 52.
Heinrich Steffens, Inledning til philosophiske Forelaesninger („Einleitung zu
philosophischen Vorlesungen“), zuerst in Buchform: Kopenhagen 1803, 2.
Ausg. 1905, TB 1968.
9. D ER B EGINN
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S TUDIUMS
103
Das Interesse ging über die Rechtswissenschaft hinaus, besonders als Niels Treschow (1751–1833) die Professur für Philosophie
1803 an der Universität Kopenhagen übernahm. Dieser war von Immanuel Kant beeinflusst, suchte aber einen selbstständigen Weg.
Kants Auffassung von der Unmöglichkeit, in das Wirkliche einzudringen, dem „Ding an sich“, lehnte er ab. Niels Treschow verband
die platonische Ideenlehre mit der Wissenschaft von der Erfahrung.
Damit ebnete er den Weg zur dänischen Lebensphilosophie – und
über diese zu S. Kierkegaards Existenzdenken. Zur Vertiefung theoretischer Rechtsfragen orientierte sich F.C. Sibbern im Verlaufe des
Studiums bei N. Treschow.
Während der Studienzeit hatte F.C. Sibbern Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten. Es ergab sich eine intensive Begegnung mit N.F.S. Grundtvig (1783–1872). Bei aller Verschiedenheit
der Charaktere kam es auch später nie zum Bruch. Freundschaft
schloss F.C. Sibbern mit dem norwegischen, späteren Theologieprofessor Svend Borchmann Hersleb (1784–1836). Begegnungen hatte
er auch mit den beiden Brüdern Hans Christian Ørsted (1777–1851),
dem bedeutenden Physiker, und Anders Sandøe Ørsted (1778–1860),
dem Rechtsgelehrten und Staatsmann. Die Begegnung mit Letzterem
führte zum tragischen Lebensproblem von F.C. Sibbern. Er verliebte
sich unglücklich in die Frau von Anders Sandøe Ørsted. F.C.Sibbern
verarbeitete später diese für ihn unerfüllte Liebeserfahrung in dem
Briefroman „Efterladte Breve af Gabrielis“ („Nachgelassene Briefe
von Gabrielis“, 1826/1850), ein Werk, das bis Ende des 19. Jahrhunderts fünf Auflagen erlebte. In diesem schöngeistigen Werk wird
versucht, unglückliche Leidenschaft durch das Harmoniestreben zu
überwinden. Es ist eine Leitlinie, die sich auch in den philosophischen Arbeiten von F.C. Sibbern findet.
1810 wurde F.C. Sibbern cand. jur. (juridisk kandidat). 1811
promovierte er mit einer Arbeit über philosophische Prinzipien der
Rechtswissenschaft „De principiis philosophicis disciplinae juris“.
Im gleichen Jahr wurde er als Nachfolger für N. Treschow, der an
104
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
die neu gegründete Universität Kristiana (Oslo) ging, vorgeschlagen. Der junge Gelehrte unternahm aber erst eine zweijährige Auslandsreise. Hier begegnete er Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Josef Schelling, Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, Johann
Wolfgang von Goethe und schließlich Heinrich Steffens. Jetzt erkannte er die Bedeutung des Letzteren für das Gespräch zwischen
Naturwissenschaft und Philosophie. Daraus entstand eine tiefe Verbundenheit. Nach seiner Rückkehr wurde F.C. Sibbern als Professor
der Philosophie an der Universität Kopenhagen von 1813 an bis 1870
der Lehrer für Generationen.
Bis 1830, zu dem Sommersemester, als S. Kierkegaard mit dem
Besuch der Universität und den Vorlesungen F.C. Sibberns begann,
hatte dieser bereits 13 Abhandlungen veröffentlicht. Für das Gebiet
der Psychologie kamen vier wichtige Untersuchungen infrage, aus
denen man die Grundlinie der Psychologie-Vorlesungen entnehmen
kann. Bereits 1819 erschien in Kopenhagen: „Om Elskov eller Kjerlighed imellem Mand og Quinde“ („Über die erotische Liebe138 und
die Nächstenliebe zwischen Mann und Frau“).
Ebenfalls 1819 kam der 1. Teil des Lehrbuchs „Menneskets aandelige Natur og Vaesen. Et Udkast til en Psychologie“ („Des Menschen geistige Natur und Wesen. Ein Entwurf zu einer Psychologie“) in Kopenhagen heraus. Der 2. Teil erschien 1828 unter dem Titel „Menneskets aandelige Natur og Vaesen, befragtet i pathologisk
Henseende“ („Des Menschen geistige Natur und Wesen, betrachtet
in pathologischer Hinsicht“) oder auch unter dem Titel „Psychologisk Pathologie“ („Menneskets aandelige Natur og Vaesen, 2. Del“).
Der Erscheinungsort war ebenfalls Kopenhagen. Der letztere Titel
wurde dann gebräuchlich, vor allem seit Herausgabe des Werkes
insgesamt zum Jubiläumsjahr 1885. Der Begriff „Pathologie“ wurde
138
„Elskov“ ist immer die erotische Liebe. Daher musste das Adjektiv bei der
Übersetzung eingefügt werden. „Kjerlighed“ (jetzt „Kaerlighed“) wurde dann
erweitert zur „Nächstenliebe“. Eigentlich ist sie einfach die „Liebe“, aber nicht
im sexuellen Sinn.
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
105
von F.C. Sibbern im weitesten Sinne gebraucht. Er bezog ihn auf die
Gesamterfassung von Gefühlen und Leidenschaften. In der großen,
zweibändigen Psychologie geht es um das ganze menschliche Leben in seinem Beziehungsgeflecht, also nicht allein um die Psyche.
Das Gebiet der Psychologie umreißt die Gefühle des Menschen und
sein Denken. Seelisches Leiden wird verbunden mit Denkansätzen
zum Ertragen bzw. Überwinden. Hier bahnt sich das Gespräch zwischen Psychologie und Philosophie zu einer umfassenden Sicht auf
den Menschen an.
F.C. Sibbern betonte immer wieder, dass er aus dem Hang zur
Lebensbeobachtung heraus zuerst Psychologe wäre.139 Das schließt
nicht aus, dass psychologische Grundeinsichten in philosophische
Erörterungen eingeflossen sind. So gibt es zuweilen keine klare Abgrenzung. Es finden sich im Vorwort vom ersten Teil seiner oben
angegebenen Psychologie aus dem Jahre 1819 Hinweise für die philosophische Erkenntnislehre. Es geht also um die Vielfalt und Besonderheit der Gegenstände und Formen, die sorgfältig im Sinne einer sich entwickelnden Totalansicht beobachtet werden müssen. Das
fördert ein Einheitsstreben.
F.C. Sibberns Einheitsstreben tritt in dem erwähnten Buch über
die Liebe zwischen Mann und Frau von 1819 zu Tage. Liebe im umfassenden Sinn („Kaerlighed“) wird als ein psychisches und geistiges Streben nach einer Einheit angesehen. Echte Liebe verbindet Geist und Sinnlichkeit (Naturtrieb), erweitert den Horizont und
das Verständnis für ewige Werte. Es gibt bei F.C. Sibbern nicht die
platonisch-traditionelle Unterscheidung zwischen dem Ewigen und
dem Endlichen. Der Einheitsgedanke ist Ausdruck des Harmoniebedürfnisses. Dieses begleitete F.C. Sibbern im Nachklang zu seiner
unglücklichen Liebesgeschichte ein Leben lang.
139
Vgl. dazu auch J. Himmelstrup, Sibbern. En Monografi, Kopenhagen 1934,
S. 77, 124.
106
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
Nach F.C. Sibbern kann sich das Unendliche wie das Ewige in
der Welt entfalten. So steht auch die Vernunft nicht über den Dingen, sondern zeigt sich im Menschen aus der Natur heraus. Hier
ist Schellings Einfluss vorhanden, ohne dass der dänische Lebensphilosoph dem deutschen Idealismus völlig huldigt.140 Das bedeutet
nun dialektisch: Indem das Individuum sich selbst verwirklicht, verwirklicht es das allgemeine Leben. Dieses tritt dann in individueller
Form hervor. Im weitesten Sinne ist das die „Totalorganisation“. Das
wirkliche Leben ist mit einbezogen. Diese Gedanken werden auch in
dem Einführungswerk „Om Erkjendelse og Granskning“ („Über Erkenntnis und Forschung“), erschienen in Kopenhagen 1822, deutlich
ausgesprochen.
Die Lebenskraft ruft nach der Vernunft. Die Vernunft wiederum
lebt von der Empirie. Die Dynamik des Lebens tendiert nach der
Ganzheit. Insofern hat F.C. Sibbern einen klaren Entwicklungsgedanken. Aber dieser sieht nicht so wie bei G.F.W. Hegel aus, der
alles unter das System einordnet. Nach dem dänischen Philosophen
hat die Entwicklung ganz verschiedene Ausgangspunkte. Es ist das
„Sporadiske“ („Sporadische“), das Streben nach einer lebendigen
Einheit von verschiedenen Erfahrungsebenen aus.141
Die Selbstverwirklichung geschieht in der Suche nach der Wahrheit. Der Mensch muss sich ganz darüber im Klaren sein, die Wahrheit finden zu wollen. Diese muss im Zusammenhang mit dem Leben
stehen. Sie kann nicht davon losgelöst sein. Das Harmoniestreben
soll aus der Wahrheitssuche herauskommen, eben zum Wohle des
Ganzen. Bei seinem Schüler S. Kierkegaard wird später dieses Stre140
141
Vgl. Friedrich Wilhelm Josef Schelling, Von der Weltseele, 1798, in: Werke,
hg. von Manfred Schröter, Bd. 1, München 1927, S. 571–576; siehe auch Carl
Henrik Koch, Strejftog i den danske filosofis historie, Kopenhagen 2000, S. 57
ff., S. 70.
Vgl. dazu auch das spätere Werk von F.C. Sibbern: Speculativ Kosmologi med
Grundlag til en speculativ Theologi („Spekulative Kosmologie mit der Grundlage für eine spekulative Theologie“), Kopenhagen 1846, S. 107.
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107
ben, die Selbstsuche und -findung christlich motiviert sein und zuerst
dem Wohle des Einzelnen dienen. Erst von diesem her kann dann ein
Gemeinschaftsgefühl aufgebaut werden. Die Spuren seines Lehrers
lassen sich bei S. Kierkegaard erkennen.
Fasst man diese Gedanken zur Psychologie zusammen, dann
kann Folgendes festgestellt werden: Die Psychologie setzt voraus,
dass man sich selbst verstehen will. Um sich selbst verstehen zu
können, muss man sich beobachtend und verstehend zum anderen
wenden. Die Beobachtung ist entscheidend für eine Totalanschauung. Der Psychologe muss etwas vom Dichter haben. Darum ist die
„Lebenspoesie“ so wichtig. Diese hatte F.C. Sibbern im Briefroman
„Efterladte Breve af Gabrielis“ (Kopenhagen 1826/1850)142 so deutlich hervorgehoben. Die Psychologie verhilft zur Lebensphilosophie.
Diese wird durch die „Lebenspoesie“ gespeist. S. Kierkegaard hatte
sich sieben Bücher von F.C. Sibbern erst ab 1835, beginnend mit der
„Logik“143 , angeschafft.
Am 25. April 1831 folgte für S. Kierkegaard der erste Teil des
sogenannten „Zweiten Examens“, also des „filologikums“. Er bestand es in Latein, Griechisch, Hebräisch, Geschichte mit „laud.“,
also „sehr gut“, und in Niederer Mathematik mit „prae“, also „ausgezeichnet gut“. Zur Vorbereitung des zweiten Teils vom obigen Examen, dem „filosofikum“, hörte er nun im nächsten Semester weiter
bei seinem Lehrer F.C. Sibbern Psychologie mit vier Wochenstunden, dann Logik mit drei Wochenstunden. Ein Glücksfall für die
Universität Kopenhagen war, dass aus Kristiania (Oslo) der Dichterphilosoph Poul Martin Møller (1794–1838) im Sommersemester
1831 auf den zweiten Lehrstuhl für Philosophie berufen wurde. Die142
143
S.o.
Logik som Taenkelaere, fra en intelligent Iagttagelses Standpunkt og i
analytisk-genetisk Fremstilling af F.C. Sibbern („Logik als Denklehre vom
Standpunkt einer intelligenten Beobachtung aus und in einer analytischgenetischen Darstellung“), 2. Aufl. Kopenhagen 1835. Vgl. dazu Søren Kierkegaards Bibliotek, a.a.O., Kat. Nr. 777, dazu Kat. Nr. 778–782, 1097.
108
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ser vertrat nun mit seinem Kollegen F.C. Sibbern die dänische Lebensphilosophie, die so bedeutsam für S. Kierkegaard wurde. P.M.
Møller war im Sommersemester 1831 zuständig für die Vorlesungen
in Moralphilosophie und löste den zum Bischof von Seeland ernannten Theologen Peter Erasmus Møller ab. Bei Georg Frederik Krüger
Ursin (1797–1849), dem Mathematiker der Universität Kopenhagen,
hörte S. Kierkegaard zwei Vorlesungen mit insgesamt sechs Wochenstunden, worüber noch zu sprechen ist.
Auf die Gedankenwelt von F.C. Sibberns Logik-Vorlesung im
Sommersemester 1831 gilt es genauer einzugehen. Hier zeigt sich
der Gegensatz zu G.F.W. Hegel. Die Vorarbeit für S. Kierkegaards
spätere Existenz – und Angstanalyse wurde hier geleistet. Erwähnt
wurde schon, dass F.C. Sibbern die Grundlage seiner Psychologie
für philosophische Erörterungen benutzte. Das ist wichtig für die
Durchdringung der philosophischen Logik mit Erkenntnissen über
die menschliche Psyche. So bilden die erwähnten Werke über die
Psychologie einen Einblick in das philosophische Arbeiten von F.C.
Sibbern, besonders auf den Gehalt seiner Vorlesung über Logik im
Sommersemester 1831. Dazu sind folgende drei Werke, die bis 1830
erschienen waren, hinzuzuziehen: Wichtig ist zuerst die Arbeit „Logikkens Elementer. Som Manuskript for Tilhörere“ („Elemente der
Logik. Als Manuskript für Zuhörer“), erschienen 1822 in Kopenhagen.
Dazu kommt die schon erwähnte „Logik som Taenkelaere. Ny
Udarbeidelse, endnu som forelöbigt Aftryk for Tilhörere“ („Logik
als Denklehre. Neue Ausarbeitung, noch als vorläufiger Abdruck für
Zuhörer“), die 1827 in Kopenhagen erschienen war. Wie schon erwähnt, war die neue Fassung als 2. Auflage von 1835 im Besitz
S. Kierkegaards. Wichtig für die Beschreibung der Logik-Vorlesung
sind drittens die Gedankengänge F.C. Sibberns in dem von ihm
1829–1830 in Kopenhagen herausgegebenen „Archiv og Repertorium“ („Archiv und Repertorium“).
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Zu F.C. Sibberns philosophischem Gedankengang, wie er sich
in der Logik-Vorlesung präsentierte, kann Folgendes hervorgehoben
werden: Das intelligente Erkennen als Grundvorhaben der Philosophie kann nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern im Seinsgrund der Dinge. Das ist eine deutliche Wendung gegen die spekulative Vorgehensweise Hegels. Die Grundlage für diese Sicht des
dänischen Lebensphilosophen besteht in einer zusammenhängenden
Ordnung der Dinge an sich. Aber das ist nicht das letzte Wort dazu.
Es ist die Grundlage des ersten Schrittes zum umfassenden Denken.
Diesem ersten Schritt folgt die Idee. Die Idee ist erst der Einheitspunkt. Sie ist Ausdruck eines alles durchdringenden Ersten, das sich
wiederum in der Aussagekraft der Idee offenbart. Die philosophische
Logik drückt diese Erkenntnis aus.144 Hier ist der Einfluss Platos zu
spüren. Die Idee ist also bereits in den Dingen zur Stelle. Die Wissenschaft aber arbeitet die Idee heraus, lässt sie umso stärker werden.
Es bedarf immer eines sorgfältigen Studiums, um zu einem
Grundgedanken der Philosophie zu kommen. Daher ist ein weites
Forschungsfeld vonnöten. Dass uns das Ziel der Ideal-Erreichung
nicht vollständig gelingt, liegt an dem, was F.C. Sibbern das schon
oben erwähnte „Sporadiske“ („Sporadische“) im Dasein nennt, d.h.:
Es gibt eine Vielfalt von Erfahrungen, die zeigen, dass das Individuum den Reichtum der Ideenwelt zwar spüren kann, aber ihn nie
erreicht. Von dorther ist es auch kein Wunder, dass es so viele Anschauungen in der Philosophiegeschichte gibt. Jeder Denker sieht
nur einen Teilbereich. Das aber kann nicht zum Pessimismus führen. Im Gegenteil! Gerade in der Vielfalt der Anschauungen manifestiert sich das reichhaltige Angebot von Gedankenführungen und
Denkstrukturen, die aber doch in einem Zusammenhang stehen. Auf
diese Zusammenhänge des einen mit dem anderen beruft sich F.C.
Sibbern und baut darauf seine Erkenntnislehre auf.145 Alles zusam144
145
Vgl. Om Erkjendelse og Granskning, a.a.O., S. 87 ff., 95.
Vgl. dazu Harald Höffding, Mindre Arbejder: Frederik Christian Sibbern, Kopenhagen/Oslo 1899, S. 61–112, bes. 85.
110
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men ergibt eine Ganzheit. Jedes einzelne Ding wird durch das andere
bestimmt und steht in Wechselwirkung mit ihm.
Das ist gut in der Natur zu sehen. Sie tritt in einem einzigen
Wechselprozess vor Augen. Es ist ein Ringen aller gegen alles, was
das Daseinsprinzip im Ganzen ausmacht. Allerdings geht es hier
nicht um einen Vorlauf zum Darwinismus. Der Wechselprozess im
Allgemeinen wird durch zwei Faktoren bestimmt: (a) durch die Ordnung selbst, die in den Dingen liegt; (b) durch eine Bestimmung nur
für das eine Ding, das für dieses gültig ist.
Mit dem dargelegten Wechselspiel kann es keine abgehobene
Systemdialektik geben. Der Lebensprozess selbst erweist sich als
treibende Kraft. Damit kann auch der historische Prozess nicht einseitig beleuchtet werden, denn darin liegen ganz unterschiedliche
Entwicklungsstufen und Wechselwirkungen. Mit diesem Ausgangspunkt des Philosophierens ergibt sich für F.C. Sibbern eine Logik
aus der Erfahrung. Es zeigt sich hier eine Weiterführung der von ihm
erarbeiteten psychologischen Grundgedanken.
F.C. Sibbern hat S. Kierkegaard siebzehn Jahre überlebt. Seinen
oben angegebenen Standpunkt über die Entwicklung der Natur hatte er in der „Speculativ Kosmologi med Grundlag til en speculativ
Theologi“ („Spekulative Kosmologie mit einer Grundlage für eine
spekulative Theologie“), Kopenhagen 1846, niedergelegt. Er näherte sich dabei immer mehr einer Entwicklungsphilosophie. Die Ablehnung der Hegel-Schule wurde dadurch schärfer. Vom Nebelhaften her könne sich die Entwicklung bis zu den höchsten Formen des
Geistes zeigen.
In seinem Spätwerk warb F.C. Sibbern für die ursprüngliche und
lebendige Religiosität in dem Leben des einzelnen Individuums. So
kann er in der Schrift „Meddelse af Indholdet af et Skrift fra Aaret 2135, I–II“ („Mitteilung vom Inhalt einer Schrift aus dem Jahre
2135, I–II“, Kopenhagen 1858–1872) ein utopisches Staatsleben vorstellen, worin er das kirchliche Christentum scharf kritisierte. Seine
polemische Zielrichtung war aber eine andere als die seines Schülers
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111
S. Kierkegaard. Er wollte die Gesinnung für eine freie Hingabe an
Gott wecken.
Wie schon erwähnt, hatte bis 1830 P.E. Møller (1776–1834) als
Theologe den zweiten Lehrstuhl für Philosophie inne. 1830 wurde
er zum Bischof des Stiftes Seeland ernannt. Er zeichnete sich durch
intensive Studien über die isländische Sprache und isländische Historiographie aus. Die altnordische Sprache wie die Saga-Welt wurden von ihm neu erschlossen. Für diesen vielseitigen Theologen und
Sprachforscher wurde nun der ebenfalls hoch gebildete P.M. Møller
auf den zweiten Lehrstuhl für Philosophie der Universität Kopenhagen berufen. Vorher lehrte er das gleiche Fach an der Universität
Kristiania (Oslo) seit 1826. Zuerst war er dort Lektor, 1828 dann
Professor.
Verband F.C. Sibbern Psychologie mit der Philosophie und versuchte sich mit Erfolg im Literarischen, so verband P.M. Møller die
Philosophie mit der Poesie. Hier bildete die klassische griechische
Philosophie einen Schwerpunkt. Angeregt zu Studien über die Antike wurde er durch den Vater. P.M. Møller wuchs in einem Pfarrhaus auf, dessen Inhaber Rasmus Møller (1763–1842), ab 1831 Bischof des Stiftes Lolland, ein ausgezeichneter Kenner der lateinischen Klassiker war, deren Werke er zum Teil übersetzte.
P.M. Møller wurde am 21. März 1794 in Uldum bei Vejle/Jütland
geboren. Er hatte noch einen jüngeren Bruder. 1802 erfolgte der
Wechsel in das Pfarrhaus von Købelev auf Lolland. Ab 1807 besuchte P.M. Møller die Gelehrtenschule in Nakskov. Bis dahin wurde er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Hans Ulrik vom Vater
unterrichtet. 1809/1810 wurde er nochmals vom Vater zur Vorbereitung auf die Kathedralschule in Nykøbing Falster unterwiesen. Diese
Schule besuchte er wieder mit seinem Bruder ab 1810 bis 1812. 1810
verstarb die Mutter fünfundvierzigjährig in geistiger Umnachtung.
Nach dem Tode von Bodil Maria Møller ging R. Møller 1812 eine zweite Ehe mit der Pastorenwitwe Hanne Winther ein. Diese Eheschließung wurde auch für P.M. Møller bedeutsam, da er mit Christi-
112
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an Winther (1796–1876) einen Halbbruder erhielt, der zu den besten
Dichtern Dänemarks im 19. Jahrhundert zählt. So gab es in der erweiterten Familie Møller zwei Poeten, welche die dänische Literatur
bereicherten.
Nach dem notwendigen „Zweiten Examen“ als Ausweis für ein
gelungenes „Studium generale“ studierte P.M. Møller von 1813 bis
1816 Theologie an der Universität Kopenhagen. Die von ihm selbst
gesetzte kurze Studienfrist wurde verursacht durch seine einseitige
Liebe zu Margrethe Bloch. Sie gab ihm 1816 einen Korb. Nie hatte sie einen Zweifel darüber gelassen, dass sie ihn nicht liebte.146
Aber P.M. Møller blieb bei seinem Anspruch auf die von ihm geliebte Frau. Für ihn brach eine Welt zusammen, als er ihre Ablehnung erfuhr. Was ihm Trost gab, war die Dichtkunst. Diese wurde
zum Ventil seiner Trauer. Das Dichten beflügelte ihn in einer ähnlichen Situation durchlebter unglücklicher Liebe, wie es die von F.C.
Sibbern war.
P.M. Møller, seit seiner Gymnasialzeit ein Liebhaber homerischer Gesänge und der altgriechischen Kultur überhaupt, übersetzte
1816 einen Teil des neunten Gesanges der Odyssee. Hier geht es um
den Besuch des Odysseus beim Zyklopen.147 Die Vorarbeit zu der
Homer-Dichtung brachte Sicherheit im Ausdruck, gefördert durch
ein hohes Sprachgefühl. Jenes floss in die eigene Dichtkunst ein,
mit der er das Unglück der verschmähten Liebe bewältigen wollte.
Impulse gaben ihm die skandinavischen Dichter Adam Oehlenschläger (1779–1850), Esaias Tegner (1782–1846) und Erik Gustaf Geijer
(1783–1847).
146
147
Margrethe Bloch hatte schon am 30.9.1815 in einem Brief an Marie Aagaard
klar ihre Ablehnung gegenüber P.M. Møllers Werben bekundet. Vgl. Motten
Borup (Hg.), Poul Martin Møller og hans Familie i Breve I–III, Bd. I (1810–
1819), Br. Nr. 12, Kopenhagen 1976, S. 22.
P.M. Møller, Efterladte Skrifter I–VI in drei Bänden, 2. Aufl. Kopenhagen
1848–1850 („ES“), Bd. I, S. 238–253.
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113
In dem Gedicht „Torbisten of Fluen“ („Der Mistkäfer und die
Fliege“) vom Winter 1816/17 erhielt der Liebeskummer seinen tiefen Niederschlag.148 Das Motiv kommt in den von Büsching und v. d.
Hagens gesammelten deutschen Volksliedern von 1807 vor. Es wurde ausgeweitet zur Selbstdarstellung des unglücklichen Liebhabers
in Gestalt des Mistkäfers und der bezaubernden Fliege. Das Werben
um diese ist schon wegen der äußeren hässlichen Gestalt aussichtslos. Wie entsetzlich musste P.M. Møller gelitten haben, dass er sich
mit einem Mistkäfer verglich! Als frisch gebackener Kandidat der
Theologie hielt sich P.M. Møller im Winter 1816/17 bei den Eltern
in Köbelev auf, wo er dem Vater beim Predigtdienst helfen konnte. In der Zeit vom Frühling 1817 bis Herbst 1818 war P.M. Møller
Hauslehrer des Grafen Moltke auf dem Gut Espe bei Skelskör. Hier
kam es zu weiteren inneren Auseinandersetzungen über die unglückliche Liebe in Gedichtform. Im Frühjahr 1817 entstand das Gedicht
„Den Enbenede“ („Der Einbeinige“).149 Resignation und gleichzeitiges Wissen von der Möglichkeit eines Liebesverlustes führten zu einer gewissen Gelassenheit mit einem Unterton von Humor. Dies wird
in der ersten wie elften gleichlautenden Strophe besonders deutlich.
In dem Gedicht „Den gamle Elsker“ („Der alte Liebende“)150 vom
Herbst 1817 wurde eine versöhnliche Note hineingebracht. Sehnsucht und Hoffnung durchziehen die Strophen. Ab Herbst des gleichen Jahres erlebte P.M. Møller die Freude, die Söhne des Grafen
Moltke zum Studium nach Kopenhagen begleiten zu können. So hat148
149
150
ES I, S. 17–20; zuerst aufgenommen in J.M. Thieles (Hg.) Gedichtsammlung
„Rosenblade“ („Rosenblätter“) von 1818. Erschienen auch in der Werkauswahl von V. Andersen: Udvalgte Skrifter“ („Ausgewählte Schriften“, „US“),
Kopenhagen 1895, Bd. I, S. 11–14.
ES I, S. 20 f., US I, S. 54–57; aufgenommen auch in J.M. Thieles Gedichtsammlung.
ES I, S. 22–24, US I, 59–62; zuerst gedruckt in Hauchs Nytaarsgave („Neujahrsgabe“) for 1819. S. Kierkegaard benutzte dieses Gedicht in einer Aufzeichnung während der Verlobungskrise 1840/41; vgl. Pap. III A, 95, SKS,
Bd. 19, Not 7:9, S. 208; vgl. Thulstrup (Hg.), Breve og Akst. Nr. 18, S. 50 ff.
114
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te er die geliebte Universitätsstadt wieder. Erwähnenswert ist noch,
dass P.M. Møller in dem Baggesen-Oehlenschläger-Streit aktiv auf
die Seite A. Oehlenschlägers trat, damit auf die Seite des romantischen Ideals. Jens Baggesen (1764–1826) vertrat die klassische Seite
der Poesie. Er war ganz nach Weimar hin orientiert.
Um sich von dem Liebeskummer zu befreien, wollte P.M. Møller auf Distanz zu Dänemark gehen. Er fuhr als Schiffspastor auf
der „Christianshavn“ am 1. November 1819 nach China. Über Kapstadt, wo er drei Wochen blieb, reiste er mit dem Segler weiter
über Batavia (heute Jakarta) und Manila nach Kanton, wo das Schiff
am 21. September 1820 vor Anker ging. Die Rückreise begann am
19. Januar 1821 und ging über St. Helena und Ascension zurück nach
Kopenhagen, wo die „Christianshavn“ am 14. Juli 1821 anlegte.
Die Schiffsreise trug wesentlich zur Selbstbesinnung und Lebenszuversicht von P.M. Møller bei. Er konnte die unglückliche
Liebesgeschichte überwinden. Durch die erfolgreichen Gespräche
mit den Mitgliedern der Schiffsmannschaft wurde P.M. Møller im
sprachlichen Ausdruck sicher. Der lebensnahe Umgang mit den einfachen Menschen wirkte sich positiv auf die Prosa aus. Er brachte
eine Reihe von Arbeiten von der Reise mit, denn er hatte ja genügend Zeit, um sich schriftstellerisch zu betätigen.
Für den späteren Philosophielehrer P.M. Møller war die Arbeit
an den „Strötanker“ („Verstreute Gedanken“) von 1819 bis 1821, also an der ersten Folge, von wesentlicher Bedeutung.151 Sie nahmen
die späteren philosophischen Essays vorweg. Die „Strötanker“ bezogen sich auf Augenblickseinfälle zu Problemen des Lebens und ihrer gedanklichen Auslotung. Diese Notizen in Kurzform sollten auch
zu späteren Diskussionen in den Studentenkreisen Kopenhagens dienen. Die meisten Gedanken sind auf einzelnen Blättern geschrieben
worden. Gleich zum Anfang der „Strötanker“ von der Chinareise
wurde betont, dass das Lesen jener keine Arbeit, sondern ein Ersatz
151
Insgesamt: ES III, S. 1–140, US II, S. 295–438; vgl. Pap. III A, 95.
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115
für das Gespräch bilden sollte.152 Lebensäußerungen, gesellschaftliches Zusammenspiel wie Gedanken zur Poesie wurden hintergründig notiert. Eine Rückbindung an die Klassische Philologie und Philosophie ergab sich von der Interessenlage P.M. Møllers. Das hatte
wesentlichen Einfluss auf seinen späteren Schüler S. Kierkegaard. In
den weiteren Aphorismen, die unter dem Titel „Strötanker“ („Verstreute Gedanken“) bis 1831 niedergeschrieben wurden, verstärkte
sich dieser Aspekt. Die Niederschrift jener dauerte also bis zur Begegnung P.M. Møllers als Lehrer an der Universität Kopenhagen mit
S. Kierkegaard.
Auf der Chinareise entstanden auch die „Optegneleser paa Kinarejsen“ („Aufzeichnungen auf der Reise nach China“)153 , die besonders eine farbenreiche Schilderung der angesteuerten Städte im ostasiatischen Raum beinhalten. Die Sehnsucht nach der dänischen Heimat war auf dieser Reise übermächtig. So entstand das später mit
„Gläde over Danmark“ („Freude über Dänemark“) überschriebene
Gedicht. Es fehlt heute kaum in einem dänischen Schullesebuch.
Ausdrucksstark heißt es zu Beginn der dritten Strophe: „Mine Venner i den danske Sommer!/ Mindes I den vidtforrejste Mand“ („Meine Freunde in dem dänischen Sommer!/ Erinnert euch an den weit
gereisten Mann“).154 Das Gedicht mit seinem dritten Vers ist später
von S. Kierkegaard in die Widmung für P.M. Møller zum Beginn
von „Begrebet Angest“ („Der Begriff Angst“, 1844) aufgenommen
worden. Es zeigt die tiefe Verehrung des Schülers gegenüber dem
liebenswürdigen Lehrer.155
152
153
154
155
Vgl. ES III, S. 1 f., US II, S. 296.
ES II, S. 223–259, US II, S. 35–70.
Das Gedicht steht: ES I, S. 63–65, US I, S. 96–98.
Vgl. SV (3), Bd. 6, S. 103; SKS, Bd. 4, S. 311, Bd. K 4, 5.344–346 mit Einzelhinweisen; dazu H.P. Rohde, Poul Martin Møller og Søren Kierkegaard,
FS zum 70. Geburtstag von Masaru Otani. Søren Kierkegaard-Taenkning og
Sprogbrug i Danmark, Kopenhagen, S. 1–22 (als dänische Manuskriptfassung).
116
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Von Heimweh spricht auch das während des Chinaaufenthaltes
oder auf der Rückreise geschriebene Werk mit sechs Gedichten „Scenere i Rosenborg Have“ („Scenen im Rosenborg-Garten“).156 Hier
ist es die Sehnsucht nach dem Kopenhagen des Studienaufenthaltes.
Dazu gesellt sich die leicht ironisch gehaltene Schilderung aus der
Zeit der Chinareise: „Statistisk topografisk Skildring af Laeggsgaarden i Ölseby-Magle“ („Statistisch-topographische Schilderung vom
Bezirkshof in Ölseby-Magle“).157 Stilistisch gesehen ist es eine Parodie auf den pinnigen Kanzleistil. Mit der Ortsbezeichnung ist das
Haus des Großvaters gemeint.
Für den poetischen Realismus in Dänemark bahnbrechend war
und ist die unvollendete Gegenwartsnovelle „En dansk Students
Eventyr“ („Die Abenteuer eines dänischen Studenten“).158 Auch dieses Werk wurde auf der Chinareise entworfen und 1824 mit den ersten drei Kapiteln innerhalb der Studentenvereinigung in Kopenhagen
vom Dichter vorgelesen. Es gilt als das poetische Hauptwerk P.M.
Møllers, da es seinem Streben gemäß die Wirklichkeit sehr genau
aufnahm. Wichtig war auch die im Roman vorgenommene Selbstanalyse, die eine Vorreiterrolle hatte für die folgende Literatur des
Realismus.
Im Oktober 1822 wurde P.M. Møller Adjunkt für Griechisch und
Latein an der Metropolitanschule in Kopenhagen. Er liebte diesen
Beruf, klagte aber darüber, dass er zu viele Stunden unterrichten
musste.159 Tatsächlich hatte er am Tag zuweilen zwölf Stunden zu
geben. 1824 wurde er Rezensent für die „Dansk Litteratur Tidende“
156
157
158
159
ES I, S. 44–46, US I, S. 100–116. Mit „Garten“ ist der Schlossgarten von Rosenborg in Kopenhagen gemeint.
ES II, S. 195–222, US II, S. 3–34; auch in Gyldendals Bibliotek, udgivet med
Efterskrift Af Frederik Nielsen, 2. Aufl. Kopenhagen 1971, S. 119–142.
ES II, S. 59–159, US I, S. 217–421, auch in Gyldendals Bibliotek, a.a.O., S. 7–
115.
Vgl. V. Andersen, Poul Møller, Kopenhagen 1944, S. 154; B. Henningsen, Poul
Martin Møller oder die dänische Erziehung des Søren Kierkegaard, Studienreihe Humanitas, Frankfurt/Main, 1973, S. 55
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117
(„Dänische Literaturzeitung“). April 1825 veröffentlichte P.M. Møller seine Übersetzung der ersten sechs Gesänge der Odyssee, eine
Meisterleistung der Übersetzungskunst.160 Die Antike bildete überhaupt die Basis für seine spätere philosophische Erkenntnisarbeit.
F.C. Sibbern wollte P.M. Møller gern als Kollegen an die Universität Kopenhagen haben. Er bemühte sich seit 1824 darum. P.M. Møller war durchaus dazu bereit, wenn er auch selbst das weite Feld der
Philosophiegeschichte und ihrer Probleme nicht voll erarbeitet hatte.
Aber es blieb ihm die Zuversicht durch die hervorragenden Basiskenntnisse in der klassischen Philologie und Philosophie. 1826 wurde eine Dozentenstelle für Philosophie nicht in Kopenhagen, sondern
in Christiania (Oslo) an der 1811 gegründeten Universität frei. Diese
Stelle konnte er einnehmen. Er hatte die damals klassischen Fächer
der Philosophie – Logik, Psychologie, Metaphysik und Ethik – wahrzunehmen. Später, in Kopenhagen, wurden diese Angebote noch erweitert durch die Moralphilosophie.
Am 30. Juni 1827 heiratete P.M. Møller die aus Fünen gebürtige
Betty Berg. Sie entstammte einem angesehenen Bauerngeschlecht.
Ein Jahr später am 10. Juli 1828 wurde er zum Professor für Philosophie an der Frederiksuniversität Christiania ernannt. Am 7. August
1828 wurde der erste Sohn Rasmus Christian geboren. Ihm folgten
drei weitere Söhne, wobei der dritte Sohn, also der vorletzte in der
Reihe der vier Söhne, 1831 kurz nach der Geburt verstarb. Das große
Unglück war schwer erträglich. Ein Trost war für das Ehepaar Møller, dass Poul Martin im gleichen Jahr, am 1. April 1831, zum Philosophieprofessor in Kopenhagen ernannt wurde.
P.M. Møller kam also zu der Zeit als Universitätslehrer nach
Kopenhagen, als S. Kierkegaard sein Studium begann. Es war eine fruchtbare Begegnung zwischen den beiden Männern. Die Liebe
zur klassischen Philosophie, zur Dichtkunst und zur ironisch gehaltenen Befragung der Zeit vereinte beide. Aus den „Strötanker“, die
160
ES I, S. 135–137.
118
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ja zum größten Teil bis 1831 vorlagen, kann man gut das Anliegen
P.M. Møllers verstehen. Ein Hauptzug darin war die Skepsis gegenüber der philosophischen Spekulation, wenn diese die persönliche
Erfahrung des Menschen nicht beachtete.
Dichter und Denker zu sein war für P.M. Møller kein Widerspruch. Witz und Ironie gehören dazu, Gedanken zum Leben richtig anzubringen und einzuordnen. Er reihte sich ein in die Kritiker
des Hegelschen Systems, das er selbst vorher bewundert hatte. Der
wichtige Wahrheitsbegriff muss das Leben widerspiegeln. So kann
er auch zur Dichtkunst sagen: „Lüge ist die Poesie, die nicht vom
Leben kommt. Je näher sie zum Leben kommt, desto wahrer, je ferner, desto mehr Lüge ist sie.“161 Dabei kann die Poesie die Probleme
des Lebens nicht lösen, so aber doch in Frage stellen.
Von der entscheidenden Begegnung Lehrer – Schüler 1831 her
ist noch Folgendes als Vorausschau zu beachten: 1834 starb P.M.
Møllers Ehefrau Betty, was ihn dazu führte, die Frage nach Tod und
Unsterblichkeit näher zu betrachten. Dabei ging es ihm um die wichtige Aufgabe, der Persönlichkeit ihr Recht zu geben, was bei Hegel vernachlässigt worden war. Der einzelne Mensch kann nicht im
Denkprozess des Systems einfach verschwinden. Deutlich sah P.M.
Møller sich durch die Kunst bestätigt. Würde man das ewige Leben
verleugnen, würde echte Kunst keinen Bestand haben. So ist es auch
mit der Fantasie des Menschen. Soll diese ihm Antrieb sein, so kann
das Bewusstsein hierfür nur durch die Realität des Unsterblichkeitsbegriffes kommen.
Der Titel seines Essays darüber lautet: „Tanker over Muligeden
af Beviser for Menneskets Udødelighed, med Hensyn til den nyeste derhen hørende Litteratur“ („Gedanken über die Möglichkeit von
Beweisen für des Menschen Unsterblichkeit, im Hinblick auf die
neueste dazu gehörende Literatur“).162 1835 wurde P.M. Møller Re161
162
Aus den „Strøtanker“ 1822–1826, US II, S. 341, vgl. C. Jörgensen, Søren Kierkegaard. En Biografi, Bd. I, a.a.O., S. 91.
ES V, S. 38–140, US II, S. 199–291.
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daktionsmitglied der „Maanedsskrift for Literatur“ („Monatsschrift
für Literatur“). Hier konnte er seine Schrift über die Unsterblichkeit
1836/37 unterbringen. Diese Zeitschrift galt als Plattform der Idealisten.163 Zweifellos gelang P.M. Møller mit seinem Essay die Darstellung einer Gegenposition zu Hegel.
Weihnachten 1836 heiratete P.M. Møller Eiline von Bülow. Für
die Vorausschau ist auch die 1837 erfolgte Betrachtung „Afhandling
om Affektionen“ („Abhandlung über die Affektion“)164 wichtig, die
durch Kurzaussagen in den „Strötanker“ vorbereitet worden war. In
den Gedanken über die „Affektion“ geht es um den Kontrast zwischen Wirklichkeit bzw. Natürlichkeit auf der einen, der Scheinwelt
durch Selbstbetrug auf der anderen Seite. Der affektierte Mensch ist
nicht imstande, sich selbst durch die Freiheit zu bestimmen, was später bei Søren Kierkegaard durch den Begriff „Wahl“ vertieft wurde.
Der affektierte Mensch übernimmt im Leben eine falsche Rolle, die
ihm niemals zugewiesen worden ist. Solche Gedanken waren von
P.M. Møller schon 1830/31 entwickelt worden.
In einer Spätnotiz vom Sommer 1854 mit Randbemerkung griff
S. Kierkegaard in Erinnerung auf zwei Worte P.M. Møllers zurück.165
Sie zeigen das tiefe Interesse desselben an seinem Schüler, mit dem
er oft Gespräche seit Studienbeginn führte. Beide wohnten ja nicht
weit voneinander entfernt. In der einen Aussage ging es P.M. Møller um die umsichtige Warnung vor einem zu groß angelegten Studienplan. In der anderen Aussage gegenüber seinem Kollegen F.C.
Sibbern betonte er, dass S. Kierkegaard durch und durch polemisch
wäre, „dass es ganz schrecklich wäre“.
163
164
165
Vgl. dazu B. Henningsen, Poul Martin Møller, a.a.O., S. 70, Anm. 21.
ES III, S. 163–176, US II, S. 438–448.
Pap. XI 1 A 275 f., SKS, Bd. 25, NB 30 Nr. 93,93a, S. 461, vgl. Pap. XI 2 A
26. Wieweit P.M. Møllers Ahasver-Notizen vom Charakterbild seines Schülers
bestimmt waren, lässt sich nicht sicher feststellen; vgl. F. Brandt, Den unge
Søren Kierkegaard, Kopenhagen 1929, S. 347 ff., 365, 412–414.
120
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
Zuletzt ist des Mathematikers und Astronomen der königlichen
Universität Kopenhagen G.F.K. Ursin (1797–1849) zu gedenken.
Zum umfassenden „Studium generale“ mit Abschluss gehörte die
Teilnahme an Lehrveranstaltungen der Höheren Mathematik. Mit
Georg Frederik Krüger Ursin traf S. Kierkegaard auf einen umfassend gebildeten Mann, der auch für die Volksbildung in Kopenhagen
tätig war. Die Gebiete der Mathematik und der Astronomie konnten damals übergreifend gelehrt werden. So belegte S. Kierkegaard
im Sommersemester 1831 eine zweistündige Vorlesung von Ursin
über „Sfärisk Trigonometri“ und eine vierstündige Lehrveranstaltung über „Elementär Astronomi“.
G.F.K. Ursin lagen für seine Forschungs- und Lehrarbeit bedeutende Entdeckungen des 18. Jahrhunderts vor. Zu denken ist
an Leonhard Euler (1707–1783). Er entwickelte die Variationsrechnung, die Wellentheorie des Lichts und die Theorie der Planetenbewegung. Zu nennen ist weiterhin der französische Astronom und
Mathematiker Pierre Simon Marquis de Laplace (1749–1827) mit
einer detaillierten Darstellung der Bewegungsabläufe von den Himmelskörpern. Das hatte er in seinem Hauptwerk „Traité de mecanique Celeste“ in fünf Bänden (1799–1825, dt.: „Abhandlung über
die Himmels-Mechanik“) niedergelegt. Von großer Bedeutung für
die astronomische Forschung war auch der Engländer James Bradley
(1692–1762). Er entdeckte die Aberration mit der daraus resultierenden Berechnung der Lichtgeschwindigkeit. J. Bradley bestimmte die
Position von über 3.200 Fixsternen. Wichtig für die damalige Forschung waren die geodätischen und astronomischen Arbeiten Friedrich Wilhelm Bressels (1784–1846). Schließlich gab es tiefe Einsichten durch Josef Louis de Lagrange (1736–1813), der die theoretische
Mechanik ausbaute.
Das meiste Forschungsmaterial lag dem dänischen Mathematiker und Astronomen vor, als er seine Dissertation für den Doktor der
Philosophie einreichte. Der Titel lautete „De eclipsi Solari 7. Sept.
1820“. Jene bezog sich auf die Untersuchung über die Sonnenfinster-
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
121
nis vom 7. September 1820: „Om den ringformige Soelformödelse 7.
Sept. 1820 isaer for Danmark med Kaart og Kobber“ („Über die ringförmige Sonnenverdunklung 7. Sept. 1820, besonders für Dänemark
mit Karte und Kupfer“), Kopenhagen ohne Jahreszahl. Für viele, die
sich für das Grundstudium vorbereiten wollten, war das Lehrbuch
für Mathematik von G.F.K. Ursin ein wichtiges Hilfsmittel: „Laerebog i den rene Mathematik isaer med Hensyn til dem, der forberede
sig til Universitaetet, 1. Deel“ („Lehrbuch der reinen Mathematik
besonders mit Hinblick auf die, die sich auf die Universität vorbereiten, 1. Teil“), Kopenhagen 1822. Das Buch hatte zwei Tafeln. Ohne
diese erschien es dann in zweiter Auflage 1826. 1824 erschien dann
der zweite Teil des umfassenden Werkes: „2. Deel indeholdende Stereometrien, Trigonimetrien, Algebra og det Endeliges Analysis“ („2.
Teil, beinhaltend die Stereometrie, Trigonometrie, Algebra und die
Analyse des Endlichen“). Auch dieser Teil hatte zwei Tafeln. Beide
Teile wurden zusammengefasst als „Laerebog i den rene Mathematik
i tvende Deele“ („Lehrbuch der reinen Mathematik in zwei Teilen“),
Kopenhagen 1824.
Populär war das Ursinsche Rechenbuch „Regnebog eller Anviisning hensigtmaessigen at udföre Huus- og Handelsregning“ („Rechenbuch oder Anweisung für den Zweck, Haus- oder Handelsrechnung auszuführen“), Kopenhagen 1824. Noch 1841 erreichte das
Buch die dritte Auflage. S. Kierkegaard benutzte es schon im Schulunterricht. Er erinnerte sich besonders daran wegen der Rückseite des Titelblattes. Hier war vermerkt, dass dem Ersten, der jeden
Fehler in der Endsumme aufdecken sollte, ein Spezies Reichstaler
zukommen würde. S. Kierkegaard verarbeitete diese Bemerkung in
einem Zeitungsartikel des „Faedrelandet“ („Das Vaterland“) Nr. 26
von 1851: „Foranlediget ved en Yttring af Dr. Rudelbach mig betraeffende“ („Veranlasst durch eine mich betreffende Äußerung von
Dr. Rudelbach“). Ein weiteres praktisches Handbuch neben anderen Untersuchungen stellte folgendes dar: „Begyndelsesgrunde af
den geometriske tegnelaere til brug isaer for Kunst- og Haandverks-
122
9. D ER B EGINN
DES EIGENTLICHEN
S TUDIUMS
Skoler“ („Anfangsgründe der geometrischen Zeichenlehre zum Gebrauch besonders für Kunst- und Handwerksschulen“), Kopenhagen
1829. Mitverfasser dieses Buches war Gustav Frederik Hetsch. Diesem Handbuch waren 48 Foliozeichnungen angefügt. 1828 erschien
auch in Kopenhagen mit einer ähnlichen Zielrichtung wie bei dem
letzten angeführten Werk „Geometrie, udarbeidet med stadigt Hensyn til Anvendelsen i Kunsten og Haandvaerker“ („Geometrie, ausgearbeitet mit ständiger Hinsicht zur Anwendung in der Kunst und
bei Handwerkern“).
1829 wurde in Kopenhagen die „Polytechnische Lehranstalt“ gegründet, deren erster Direktor kein Geringerer als H.C. Ørsted war.
Dieser sorgte auch für die Gleichstellung der Lehranstalt mit den Fakultäten der Universität in Kopenhagen. Die Idee zur Gründung des
Polytechnikums kam aber von G.F.K. Ursin. 1830 erschien dessen
„Astronomie Nr. 1–2“ in Kopenhagen. Das Werk hatte vier Tafeln.
Im Sommersemester 1831 hörte S. Kierkegaard also bei G.F.K
Ursin „Sphärische Trigonometrie“ mit zwei Wochenstunden und
„Elementare Astronomie“ mit vier Wochenstunden. Am 22. Oktober
1831 bestand er den zweiten Teil des „Zweiten Examens“ mit lauter
„prae“ („ausgezeichnet gut“). Dieser zweite Teil umfasste die Prüfungen in „Theoretischer Philosophie“, „Praktischer Philosophie“,
„Physik“ und „Höherer Mathematik“. Zu beachten ist die gute Orientierung auch in den gegebenen naturwissenschaftlichen Fächern.
Der Weg war nun frei, das eigentliche Studium, zuerst der Theologie, zu beginnen.
Die Einflüsse und Grundlagen dafür habe ich versucht, im vorliegenden Büchlein darzustellen.
A BKÜRZUNGSVERZEICHNIS
123
A BKÜRZUNGSVERZEICHNIS
BBKL
Betr.
Ktl.
Pap.
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Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, begründet und herausgegeben von Friedrich Wilhelm Bautz, fortgeführt von Traugott Bautz, Herzberg, später Nordhausen
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Jakob Peter Mynster, Betrachtungen über die christlichen
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Katalog over Søren Kierkegaards Bibliotek. En Bibliografi
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Søren Kierkegaards Papirer nach der ersten von P.H. Heiberg/V. Kuhr/E. Torstung veranstalteten Ausgabe, neu herausgegeben mit zwei Ergänzungsbänden durch N. Thulstrup, Kopenhagen 1968 ff. (mit nachgeordneter Band- wie
Gebietsnummer und Notizziffer, dazu oft unterteilte Bandnummer; Beispiel: X 4 A 12 usw.).
Søren Kierkegaards Skrifter, hg. vom Søren Kierkegaard
Forschungszentrum, Kopenhagen 1997 ff. – mit jeweiligem Kommentarband: „K“.
Søren Kierkegaard, Samlede Skrifter, Bind 1–20, udgivet
af A.B. Drachmann/P.A. Heiberg/H.O. Lange, 3. Ausgabe
ved Peter P. Rohde, Kopenhagen 1962–1964.
124
L ITERATURVERZEICHNIS
L ITERATURVERZEICHNIS
W ERKAUSGABEN ( DÄNISCH )
Søren Kierkegaard, Samlede Vaerker, Bind 1–20, udgivet af A.B. Drachmann/L. Heiberg/H.O. Lange, 3. Udg. ved Peter P. Rohde, Kopenhagen
1962–1964.
Søren Kierkegaard, Papirer, udg. af P.A. Heiberg/V. Kuhr/E. Torstung,
2. Oplag ved N. Thulstrup (erweitert mit zwei Bänden), Kopenhagen
1968–1978 (zur Band- und Ziffernangabe siehe Abkürzungsverzeichnis).
Søren Kierkegaard Skrifter, udg. af Søren Kierkegaard Forskningscentrum,
Kopenhagen 1997 ff. (mit jeweiligen Kommentarbänden).
Breve og Aktstykker vedrörende Søren Kierkegaard, udg. af N. Thulstrup,
Kopenhagen 1953–1954.
Søren Kierkegaard, Gesammelte Werke in 36 Abteilungen. Übersetzt und
mit Anmerkungen versehen von Emanuel Hirsch/Hayo Gerdes/Martin
Junghans. Abt. 1 ff., Düsseldorf 1950 ff. Dazu Registerband, erstellt
von Ingrid Jacobsen/Hartmut Waechter, unter Mitwirkung von Hayo
Gerdes, Düsseldorf 1969. Diese Gesamtausgabe auch als Gütersloher
Taschenbuch Siebenstern („GTB“) Nr. 600–631, 32 Bände einschließlich Registerband, Gütersloh 1979 ff. mit Nachdrucken.
Søren Kierkegaard, Philosophisch-theologische Schriften. Unter Mitwirkung der Søren Kierkegaard Gesellschaft Kopenhagen, hg. von Hermann Diem/Walter Rest, Bd. 1–4, Köln 1951 ff. Nachdrucke im dtv Taschenbuchverlag, zuletzt München 2005.
Søren Kierkegaard, Briefe. Übersetzt, ausgewählt und mit einem Nachwort
versehen von Walter Boehlich, Köln/Olten 1955.
Søren Kierkegaard, Werke. Übersetzt und mit Glossar, Bibliographie sowie
jeweils einem Essay „Zum Verständnis des Werkes“ hg. von Liselotte
Richter, Hamburg Rowohlt Klassiker TB, 1960–1962, Bd. 2 und 3 (RK
L ITERATURVERZEICHNIS
125
81 und RK 89) mit „Erinnerungen von Hans Bröchner“. Übernommen
mit jeweiligen Nachdrucken durch Europäische Verlagsanstalt, Syndikat, Athenäum, Frankfurt/Main 1986/1991.
Søren Kierkegaard, Schriften 1–4. Übersetzt mit Einleitung und Kommentar, hg. von Hans Rochol: Phil. Bibl. Meiner, Hamburg 1984–2000:
„Der Begriff Angst“ (Phil. Bibl. 340, 1984), „Philosophische Bissen“
(Phil. Bibl. 417,1989), „Die Krankheit zum Tode“ (Phil. Bibl. 470,
1994), „Die Wiederholung“ (Phil. Bibl. 575, 2000). Sonderkassette außer „Die Wiederholung“, 2005.
Søren Kierkegaard, Zweiter Teil: Die Tagebücher (in Auswahl) 1832–1839.
Übersetzt und hg. von Hermann Ulrich, Berlin 1930.
Søren Kierkegaard, Tagebücher 1834–1855 (Auswahl). Ausgewählt und
übertragen von Theodor Haecker, München 1949, 4. Aufl. 1953.
Søren Kierkegaard, Die Tagebücher. Ausgewählt, neu geordnet und übersetzt von Hayo Gerdes, Bd. 1–5, Düsseldorf 1962–1974.
Søren Kierkegaard, Geheime Papiere (Tagebuchnotizen). Aus dem Dänischen übersetzt, kommentiert und hg. von Tim Hagemann. Mit einem
Essay von Klaus Harpprecht. Die andere Bibliothek, hg. von Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt 2004.
Deutsche Søren Kierkegaard Edition (DSKE), hg. von Heinrich Anz/Niels
Jörgen Cappelörn/Hermann Deuser/Heiko Schulz. In Zusammenarbeit
mit dem Søren Kierkegaard Forschungszentrum Kopenhagen: Bd. 1:
Journale und Aufzeichnungen AA–DD (entspricht der Aufgliederung
in SKS, s.o.), Berlin/New York 2005. Die Edition wird fortgesetzt.
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Solbjerg, vol. 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Die Hafenstraße in Kopenhagen, Foto: Lucian Freudenberg . . . . . . 32
Nytorv, Foto: Lucian Freudenberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Denkmal von Jacob Peter Mynster in Kopenhagen, Foto: Lucian
Freudenberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Die berühmte Christusdarstellung von Bertel Thorvaldsen in der
Frauenkirche, in der Sören 1828 konfirmiert wurde. Foto: Internet . . 86
Der „Runde Turm“, Foto: Lucian Freudenberg . . . . . . . . . . . . 95
Die Universität von Kopenhagen, Foto: Lucian Freudenberg . . . . . 97
Die Kindheit und Jugend großer Denker und Denkerinnen ist in
der Regel gut erforscht. Bei Søren Kierkegaard ist dies bisher
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978-3-643-15449-1
LIT
www.lit-verlag.de
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