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Автор: Seel W.
Теги: waffen militärangelegenheiten militärische ausrüstung militärgeschichte handwaffen
Год: 1993
Текст
INHALT
Made in Germany... 9 ZIEL: NATO-ERPROBUNG
DIE STUDIENPHASE Das Kaliber 4,3 mm 32
Historischer Rückblick 10 Der Studienauftrag vom März 1973 33
HülsenlosePatrone 10 „Fremdforschungen“ 34
Ein neues Gewehr Wache Konkurrenten! 35
12
Erste Überlegungen 12 Treffen der Nationalen Rüstungsdirektoren (CNAD) 35
Besprechung im Verteidigungsministerium Heckler & Koch, Diehl und Mauser 36
14
Erste Entwürfe 14 Zielsetzungen für 1973 38
Teamarbeit 38
Zielsetzungen für das neue Gewehr Kooperation Heckler & Koch - 16 41
Bilanz der frühen Studienarbeiten
Dynamit Nobel AG 17 BRD wird Pilotnation für die hülsenlose
Visierentwicklung durch Optische Werke Technologie 42
Hensoldt AG 17 Novum: Der Walzenverschluß 42
Der erste Studienvertrag mit Hensoldt 18
Der erste Studienauftrag an Heckler & Koch 20 DIE ENTWICKLUNGSPHASE
Studien 1968 -1969 21 Der Prototyp 1 46
Die FINABEL-Forderungen 23 Vertrag Heckler & Koch - Hensoldt AG 48
Die Studien 1970 24 Prototyp 2 52
Das Stangenmagazin 24 Munitions-Prototypen 53
Die Studien 1971 26 Prototyp 3 54
Schlußbericht 1971 30 Wechsel zum Kaliber 4,75 mm 55
Studien im Jahr 1972 31 Abkehr vom Reflexvisier 58
Erfahrungsaustausch Bundesrepublik - „Gewehr G11“ 60
Großbritannien 32 Zielvorgabe: NATO-Erprobung 62
Vorbereitungen der NATO-Erprobung 65
Wird das G 11-Gewehr an der NATO-Erprobung teilnehmen? 66
Prototyp 4 und 5 67
NATO-Vorerprobung in Meppen 70
Entwicklungsarbeit im Jahr 1977 71
Das G 11 wird auf NATO-Ebene erprobt! 72
HITP-Treibmittel 72
6
ENTWICKLUNGSPARTNER
Konkurrenz zur Patrone 5,56 mm
Suche nach Entwicklungspartnern
Verhandlungen mit GIAT
Englisches Interesse
Schweizer Sturmgewehr kontra G 11
Der amerikanische Markt
Deutsch-amerikanische Kooperation
ACR-Test
EIGENINITIATIVE
„Vertragslose“ Visierentwicklung
Rotationsantrieb
Wird die G 11-Entwicklung fortgesetzt?
Warten auf einen neuen Entwicklungsauftrag
Finanzielle Grenzen
„Kochen auf Sparflamme“
WAFFEN-PROTOTYPEN
Prototypen-Reihe
Design der Waffe
Einsteck-Zieloptik
5,56 mm oder hülsenlose Munition?
Polygonlauf
Teleskoppatrone
Das G 11 wird bekannt
Der Vertrag vom 13. Dezember 1982
Beeindruckende Schießvorführungen
76
76
77
79
80
81
82
83
91
92
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97
97
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100
102
108
108
109
113
114
116
NEUE INNENBALLISTIK
Arbeitsgruppe Heckler & Koch - Dynamit Nobel 118
Neues Innenballistik-Konzept 118
„Anzündkette“ 119
Patronenlageroptimierung 128
Drehschlagbolzen 130
SERIENREIFE UND TRUPPENERPROBUNG
DESG11
Die Jahre 1987 und 1988 134
Automatisierte Patronenfertigung 136
Munitionsfamilie 140
Truppenerprobung des G 11 142
Pessimistische Perspektiven 147
BESCHAFFT DIE BUNDESWEHR DAS G 11?
Das Jahr 1989 152
Bevorstehende Einführung 152
Serienvorbereitungen 152
Das Jahr 1990 156
Gewehr G 11 - Quo vadis? 156
Schlußüberlegungen 158
Danksagung 160
7
MADE IN GERMANY
/Technik hat weltweit einen guten Ruf.
Dies gilt ebenso für deutsche Waffentechnik: Waffen
aus dem Schwarzwald sind seit hundert Jahren überra-
gend treffsicher, zuverlässig und dauerhaft.
Wiederum haben deutsche Firmen - unterstützt
durch deutsche Regierungsstellen - eine Waffe mit über-
ragender Treffsicherheit und hoher Feuerkraft geschaf-
fen.
In zwanzigjähriger Entwicklungsarbeit ist das
Sturmgewehr G 11 entstanden, geplant als zukünftige
Waffe der deutschen Bundeswehr.
Diese Entwicklungsgeschichte soll Einblick gewäh-
ren in die Entstehung des Hochtechnologieproduktes
„Gewehr G 11“ und seiner hülsenlosen Munition.
Tüchtige Mitarbeiter der Entwicklungsfirmen Heckler &
Koch, Dynamit Nobel und Hensoldt haben ein revolu-
tionäres Waffensystem realisiert - ein Beleg für den
hohen Stand deutscher Waffentechnik!
Ate
DIE
STUDIENPHASE
Hülsenlose Patrone
Historischer Rückblick
Seit Jahrhunderten sind die Forderungen an eine
Schußwaffe klar definiert: Treffsicherheit, schnelle Feu-
erfolge, ausreichende Geschoßwirkung im Ziel und
Zuverlässigkeit unter allen Bedingungen.
Die zeitraubende Ladeprozedur des präzise schie-
ßenden Vorderladers mit gezogenem Lauf ließ Massen-
feuer nicht zu, während andererseits die schnell-
schießende glattläufige „Commissflinte“ keinen präzi-
sen Einzelschuß erlaubte. So standen lange Zeit Treffge-
nauigkeit und schnelle Feuerfolge im Widerspruch
zueinander. Erst der Handrepetierer mit der Metallpa-
trone ermöglichte ein genaues und relativ schnelles
Feuern zugleich.
In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts löst
das rückstandsfrei verbrennende rauchlose Pulver das
bisherige Schwarzpulver ab. Damit wird die technologi-
sche Voraussetzung für die wenig später entwickelten
automatischen Waffen geschaffen.
So liegen um das Jahr 1900 die Grundtypen der
heutigen Schußwaffen fest. In den darauffolgenden
bewaffneten Konflikten werden diese Waffen perfektio-
niert - in ihrer Leistung jedoch nicht grundlegend verän-
dert. Das deutsche Sturmgewehr aus dem Jahr 1944
faßt alle Erkenntnisse und Forderungen zusammen und
wird zum Vorbild der Nachkriegsentwicklungen in Ost
und West. Daß diese Waffen eine überproportionierte
Munition verschießen, wird im Interesse der Muniti-
onseinheit von Gewehr und Maschinengewehr in Kauf
genommen.
Das Gewicht der Munition begrenzt die Muniti-
onsausstattung des Soldaten. Eine erwünschte Vermeh-
rung der Feuerkraft des Schützen läßt sich nur durch
einen größeren Munitionsvorrat des einzelnen Soldaten
erreichen. Dies setzt eine leichtgewichtige Munition
voraus eine Patrone mit einem kleinkalibrigen
Geschoß und als bedeutsamster Gewichtsfaktor der
Verzicht auf die Patronenhülse, macht doch das
Gewicht der Hülse fast die Hälfte des Patronengewich-
tes aus. Damit ist der Weg vorgezeichnet zu einem
wirklich effektiven neuzeitlichen Militärgewehr: Es
wird eine hülsenlose Munition verschießen.
Die leere Patronenhülse ist ein schwergewichtiger,
teurer Wegwerfartikel, der im Dreck des Schlachtfeldes
versinkt. Das hohe Gewicht der Munition begrenzt den
Munitionsvorrat des einzelnen Schützen und schränkt
seine Feuerkraft erheblich ein. Daher liegt der Gedanke
nahe, auf die Hülse selbst zu verzichten und eine ent-
sprechende Patronengestalt zu finden.
Die Hülse der Metallpatrone hat eine Doppelfunk-
tion zu erfüllen - sie dient als Transportmittel aller
Patronenkomponenten und führt im Moment des
Schusses die Abdichtung, die „Liderung“, herbei. Das
setzt eine langfristig dauerhafte und korrosionsbeständi-
ge Patronenhülse voraus, die ausreichend stabil und
starkwandig ist, um dem hohen Druck der Pulvergase
widerstehen zu können - im Augenblick des Schusses
aber doch im Bereich des Hülsenmundes so elastisch
ist, den Lauf nach hinten abzudichten.
In den Vorgängern der Metallpatronen hat es histo-
rische „hülsenlose“ Patronen gegeben. Frühe Mehr-
schüsser wie das Lorenzoni-Gewehr (Bild 1) führen die
Ladungskomponenten einzeln zu. Einzelne Patronen-
konstruktionen der Vorderladerepoche werden als
Ganzes geladen (Bild 2). Frühe Hinterladergewehre wie
das preußische Zündnadelgewehr (Bild 3 ) und das
französische Chassepotgewehr vereinigen in der hülsen-
losen Papierpatrone Ladung und Zündung. Die Hülle
verbrennt mit der Treibladung und muß nicht ausge-
worfen werden (Bild 4). Den jeweiligen Forderungen
der Epoche haben diese Waffensysteme entsprochen.
An eine moderne Waffe mit hülsenloser Munition sind
dagegen höhere Anforderungen zu stellen.
10
Um 1970 ist die Zeit wohl reif für zeitgemäße
Überlegungen zum alten Thema hülsenlose Munition.
Seit 1959 sind im Frankford Arsenal der US-Armee Ver-
suche und Studien mit hülsenloser Munition durchge-
führt worden - von 1966 an im Rahmen eines dreijähri-
gen Forschungsprogramms. Mit handgefertigten Patro-
nen (Bild 5) kann nachgewiesen werden, daß hülsenlo-
se Munition sowohl im Einzelschuß als auch halbauto-
matisch und vollautomatisch zu verfeuern ist (Bild 6).
Bis 1967 hat das U.S. Army Munitions Command in
Frankford Arsenal und das U.S. Army Weapons Com-
mand in Rock Island Arsenal 23 000 Schuß hülsenlo-
( ! \ ser Munition verschossen.
Bild 2: Ein historischer Vorläufer: Patrone für das mecklenburgische
Dorngewehr von 1851. Die Patrone wurde als Ganzes geladen.
Bild 3: Schnitt durch das preußische Zündnadelgewehr.
Bereits 1961 führt Dynamit Nobel Versuche mit
einer hülsenlosen Patrone durch und ermittelt bei
einem ersten Beschußversuch am 13. Dezember 1961
eine Geschoßgeschwindigkeit von 429 m/s (Bild 7 und 8).
Diese erste hülsenlose Patrone hat ein Geschoßkaliber
von 7,62 mm und als Anzündung ein elektrisches
Zündhütchen. Dabei zeigt dieser erste Schießversuch
einen relativ hohen Gasdruck von 4 500 bar, weil das
Patronenlager ohne den später verwendeten Expan-
sionsraum ausgebildet ist. Entgegen der ersten, ellipti-
schen Bauform ist bei der zweiten Patronenform ein
a runder Querschnitt gewählt worden (Bild 9).
K Sowohl die Fertigung der Patrone selbst als auch
B die Fertigung des Gasdruckmessers gestaltet sich
dadurch leichter.
Bild 5: Hülsenlose Patrone aus den US-Versuchen der 60er Jahre.
Dynamit Nobel läßt weitere Beschüsse folgen, die
aufzeigen, daß mit einem plastifizierten Festtreibstoff
keine geeignete voll verbrennbare, hülsenlose Munition
mit einwandfreier Innenballistik hergestellt werden
kann. Versuche mit verschiedenen Treibmitteln in den
folgenden Jahren zeigen, daß sich Treibmittelkörper für
hülsenlose Treibladungen im Prinzip von allen konven-
tionellen gekörnten Treibmitteln herstellen lassen, doch
sind die Beschußergebnisse nicht erfolgversprechend -
die Versuche werden abgebrochen.
Bild 6: Amerikanische Versuchswaffe für hülsenlose Munition aus den 60er
Jahren.
Bild 8: Hülsenlose Dynamit-Nobel-
Patrone, Entwicklungsstand: Jahres-
ende 1961.
Loses Treibmittel co. 1,2 g
Treibladung co. 5,4 g
Verstärkungsladung <o. 0,7 g
Elektt. Zündung
Vollmontelgescbd) 7.62 mm
Bild 7: Hülsenlose Dynamit-
Nobel-Patrone vom Februar
1961. Zur raumsparenden
Magazinierung hat die
Patrone einen elliptischen
Querschnitt.
Bild 9: Hülsenlose Patronenmodelle von Dynamit Nobel aus den 60er Jahren. 11
Ein neues Gewehr
Die NATO-Allianz der westlichen Staaten hatte zur
Festlegung auf eine gemeinsame Gewehrmunition aller
MitgUedsarmeen” geführt (Bild 10). Aus logistischen
Gründen und im Interesse einer Standardisierung ist
lange am Konzept einer einheitlichen Munition für
Gewehr und MG festgehalten worden. Als die Bundes-
republik sich Ende der 60er Jahre von diesem Dogma
löst, werden Forderungen an ein neu zu entwickelndes
Militärgewehr formuliert:
• Herabsetzung des Waffen- und Munitionsgewichts,
• Herabsetzung der Waffenlänge,
• Erhöhung der Treffwahrscheinlichkeit,
• Beibehaltung von nur zwei Patronenarten für die
Infanteriebewaffnung ( MPi, Gewehr, leichte und
Alle Forderungen sind nur mit einer deutlichen
Kaliberreduzierung und dem Übergang zu einer hülsen-
losen Patrone zu erreichen. Eine Kaliberreduzierung auf
4 oder 5 mm ist von Anfang an beabsichtigt. In Verbin-
dung mit einem hülsenlosen Aufbau der Patrone kann
mit dem reduzierten Kaliber ein revolutionärer Ent-
wicklungsschritt der Waffentechnik vollzogen werden.
Erste Überlegungen
Die beiden Unternehmen Heckler & Koch und
Dynamit Nobel AG nehmen im Sektor kleinkalibriger
Waffen bzw. Munition einen vorderen Rang in der
wehrtechnischen Industrie der Bundesrepublik ein. Es
liegt daher nahe, daß vom Verteidigungsministerium
diese beiden Firmen bei den Studien3’ einer neuen
1) Auf der Bosis des Abkommens von Ottawa (STANAG 2310) wurde 1954 die 7,62
mm-Munifion ols NATD-Potrone definiert.
2) Minberg, Klous: Rundum kleiner: Dos neue Gewehr. Wehrtechnik 8 (1976) Nr. 2,
12 S. 46-48.
Schützenwaffe41 ins Auge gefaßt werden. Heckler &
Koch (Bild 11) hat auf der Basis des CETME-Gewehres
das Gewehr G 3 der Bundeswehr entwickelt und tau-
sendfach produziert (Bild 12), während die Dynamit
Nobel AG bedeutendster und traditionsreicher deut-
scher Lieferant für Kleinwaffenmunition ist (Bild 13).
Am 7. März 1967 finden sich Vertreter beider Fir-
men zu einem Meinungsaustausch bei Dynamit Nobel
ein.
Ganz konkret um eine Waffe für hülsenlose Muni-
tion geht es bei einer Besprechung in Stadeln am 29.
August 1967 zwischen Mitarbeitern von Heckler &
Koch und Dynamit Nobel.
Heckler & Koch schlägt ein längsgeteiltes Patronen-
lager vor, 3 Läufe im Laufbündel erscheinen als kon-
struktive Lösung realisierbar, während Dynamit Nobel
zwei übereinanderliegende gegenläufige Trommeln in
die Diskussion einbringt. Diese beiden Trommeln sollen
zahnradartig die im Gurt liegende Patrone erfassen. Das
Kunststoffmaterial des Gurtbandes soll die Dichtung der
Patrone im Lauf herbeiführen. Dynamit Nobel macht
einen weiteren Vorschlag: Zuführung einer recht-
eckigen oder runden Patrone durch eine Ventilklappe,
die sich beim Gasdruck selbsttätig schließt.
Als Aufgabenstellung nehmen die Mitarbeiter der
beiden Unternehmen aus dieser Besprechung den
Beschluß mit in ihre Firmen, sich bis zur nächsten
Besprechung eingehend mit möglichen Lösungsprinzipi-
en zu befassen und konstruktive Vorschläge zu
machen.
Dynamit Nobel teilt am 16. Oktober 1967 in
einem Schreiben an Heckler & Koch mit, daß Dr. Gaw-
lik5’ in der ersten Oktoberwoche eine Besprechung mit
Ministerialrat Bühler vom Verteidigungsministerium
hatte. In diesem Gespräch sei von Dr. Gawlik auf die
beginnende Zusammenarbeit der beiden Firmen zur
Entwicklung einer Schützenwaffe der zweiten Generati-
on hingewiesen worden. Leitende Dynamit-Nobel-Mit-
arbeiter treffen am 28. November 1967 in Oberndorf
ein, um mit Heckler & Koch die näheren Bedingungen
der zukünftigen Zusammenarbeit zu besprechen.
Dynamit Nobel legt erste Entwürfe für die Patro-
nenzuführung in der Form eines Kunststoffbandes vor
und schlägt das Waffenprinzip des Revolvers vor.
3) Im omtlichen Sprachgebrauch gelten die vom Verteidigungsministerium beauftrag-
ten G 11-Arbeiten als "Studien", die im Vorfeld der "Entwicklung" die Realisierbarkeit
untersuchen sollen. Die "Entwicklung" dagegen wird vom Bundesamt für Wehrtechnik
und Beschaffung eingeleitet und betreut.
4) Der korrekte Bundeswehr-Terminus wäre "Handwaffe".
5) Dr. Gawlik ist zu Beginn der G11-Studien Entwicklungschef bei Dynamit Nobel.
13
BESPRECHUNG IM
VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM
Am 4. Januar 1968 findet im Verteidigungsministe-
rium eine Besprechung mit den beiden beteiligten Fir-
men statt61. Noch liegt keine technische Forderung von
militärischer Seite vor. Die Bundeswehr erwartet die
Vorschläge der zuständigen technischen Stellen im Ver-
teidigungsministerium. Somit ist die Industrie gebeten,
Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dabei gibt das Ver-
teidigungsministerium die Basisforderung an: Die
Sicherstellung der Funktion hat vor der Präzision zu
stehen.
Der weitere Forderungskatalog:
• Theoretische Studien des Batelle-Instituts bei der
Infanterieschule Hammelburg haben für das Gewehr G3
ergeben, daß bei kurzem Zielauftauchen ein normaler
Schütze nur eine begrenzte Treffähigkeit hat.7’ Es soll
angestrebt werden, daß bis 300 Meter Distanz nur eine
Visierstellung notwendig ist.
• Die neue Waffe muß vollständig geschlossen sein.
• Die Abzugseinrichtung soll gestatten, daß Einzelfeu-
er, begrenzte kurze Feuerstöße und Dauerfeuer abzuge-
ben sind.
Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums be-
steht zu diesem Zeitpunkt kein Interesse daran, die Lei-
stung des Gewehres G 3 durch Umrüstung auf ein
anderes Kaliber zu steigern.
Im Etat des Verteidigungsministeriums sind für
1968 keine finanziellen Mittel für Studienarbeiten über
eine neue Schützenwaffe vorgesehen. Trotzdem bittet
das Verteidigungsministerium die Industrie um ein
Angebot, um über die finanzielle Belastung im Falle
eines Auftrages an die Industrie unterrichtet zu sein.
Im Verlauf dieser denkwürdigen Unterredung
erfahren die Vertreter von Heckler & Koch und Dyna-
mit Nobel, daß auch die Konkurrenten IWK6 7 8) und Diehl
an Studien zu einer zukünftigen Schützenwaffe arbei-
ten. Ministerialrat Bühler teilt den Firmenvertretern
mit, daß Studienaufträge des Verteidigungsministeriums
sowohl für die Waffe als auch für die Munition als
Ganzes nur an eine Firma vergeben werden können.
Daher ist von der Industrie nur ein Angebot abzugeben.
Daraus ergibt sich für Heckler & Koch und Dynamit
Nobel die zwingende Notwendigkeit enger Koopera-
tion.
6) Mit Ministerio'rot Bühler hotte bereits om 9. November 1967 eine Besprechung
stattgefunden.
7) Dos Batelle4nstttut hat Berichte obgegeben im Dezember 1965, Moi 1966, Sep-
tember 1966, Moi 1967, September 1967.
8) Mouser ist zu diesem Zeitpunkt ein Tochterunternehmen der Industriewerke Karls-
ruhe (IWK).
Das Verteidigungsministerium setzt einen Termin
bis zum Jahresende 1970. Bis zu diesem Zeitpunkt
müssen die beiden Firmen ihre Neuentwicklungskon-
zeption vorlegen. Sobald das Verteidigungsministerium
dann aufgrund der Studie Entwicklungsforderungen
festlegen kann, werden diese auch dem zuständigen
NATO-Ausschuß bekanntgegeben.
Das ganze Projekt hat eine durchaus internationale
Dimension - besteht doch schon zu diesem Zeitpunkt
die Absicht, mit Frankreich auf Regierungsebene einen
Staatsvertrag für eine Gemeinschaftsentwicklung abzu-
schließen.
Erste Entwürfe
Die Wahl des Kalibers 4,9 mm geht auf eine bei
Dynamit Nobel durchgeführte Studie des Bundesvertei-
digungsministeriums zurück. Umfangreiche Versuche
mit 7,62 mm-Geschossen, Duplex- und Triplex-
Geschossen dieses Kalibers und Geschossen der Kaliber
5,56 mm und 4,9 mm sowie Flechet-Geschossen hatten
die Überlegenheit des Kalibers 4,9 mm gezeigt. Eine
konventionelle Patrone dieses Kalibers ist auf Entfer-
nungen von 300 bis 500 Meter der Patrone 5,56 mm
überlegen. Von Heckler & Koch ist für die Patrone Kal.
4,9 mm eine Waffe gefertigt worden, die im Äußeren
dem Gewehr HK 33 entspricht.
Bild 14: Erste Bauform einer hölsenlosen Patrone für ein Bandmagazin.
14
Beide Unternehmen erarbeiten ein erstes gemein-
sames Konzept einer hülsenlosen Munition (Bild 14).
Die völlig neue Waffenkonzeption verlangt eine Patro-
nenform, die sich nicht an konventionellen Formen
orientieren kann. Mit diesem Grundgedanken schlägt
Dr. Gawlik als Form der Pulverladung ein flaches,
schwach gewölbtes Plättchen vor, in dem das Geschoß
sitzt. Die Zündung erfolgt durch einen mechanischen
Schlag auf zwei Stellen an der Oberseite des Preßlings.
Zwei Zündpunkte sollen eine bessere Zerteilung des
Pulverkörpers nach der Entzündung gewährleisten.
Zum Verkleben der Pulverkömer des Preßlings
kann Lösungsmittel nicht verwendet werden. Erst nach
Wochen wäre das Lösungsmittel wieder aus dem Preß-
ling entfernt. Dr. Gawlik wählt ein poröses Pulver
in T-Form, wie es in Manöverpatronen verwendet wird.
Die Pulverkörner werden mit einer wäßrigen Emulsion
aus Kunststoff überzogen. Das so behandelte und
getrocknete lose Pulver läßt sich problemlos verpres-
sen.
Der wichtige Gedankenaustausch und die Festle-
gung auf das weitere Vorgehen macht viele Bespre-
chungen zwischen den Ingenieuren von Heckler &
Koch und Dynamit Nobel notwendig. Tilo Möller, der
später die ganze Entwicklung der neuen Waffe bei
Heckler & Koch leiten wird, ist bei einer Unterredung
am 21. Februar 1968 in Stadeln erstmals mit dabei.
Heckler & Koch legt einen neuen Entwurf für den Ver-
schluß vor. Die Querzuführung der Patronen wird bei-
behalten, die Verbrennungskammer ist geteilt. Der
Schlagbolzen wirkt nun auf den Stoßboden der Patrone
ein. Die ursprüngliche Idee, einen gegabelten Schlagbol-
zen im oberen Teil des Verschlusses unterzubringen, ist
verworfen worden.
Die Tablettenform des Pulverpreßkörpers ist erhal-
ten geblieben, auch soll die Zuführung der Munition
noch durch ein Folienband erfolgen (Bild 15). Es hat
innenballistische Vorteile, wenn das Geschoß einen Pul-
verschuh erhält, der in den Pulverpreßkörper eingesetzt
wird - die Urform des „Boosters“’1. Als zweckmäßig
wird ein Einwegmagazin aus Kunststoff angesehen. Der
kompakte Pulverpreßkörper macht einen Expansions-
raum in der Kammer des Gewehres notwendig. Damit
wird eine Ladedichte von 0,6 wie bei der NATO-Patro-
ne ermöglicht. Der Expansionsraum verzögert den Gas-
druckanstieg in der Anfangsphase und reduziert den
Spitzengasdruck.
9) Als Booster wird die Übertrogungslodung bezeichnet. Der Zündstrohl des Zündhüt-
chens würde den Pulverpreßkörper nicht ousreichend sicher entzünden.
ZIELSETZUNGEN FÜR DAS NEUE GEWEHR
Am 16. April 1968 formuliert das Verteidigungsmi-
nisterium Studienaufträge „über Waffe und Munition
der zweiten Generation“ an Heckler & Koch und Dyna-
mit Nobel.
Sehr konkret formuliert das Verteidigungsministeri-
um in diesem Studienauftrag seine Erwartungen an die
neue Waffe: Als entscheidenden Nachteil der Nach-
kriegsgewehre beurteilt das Verteidigungsministerium
die geringe Treffsicherheit, dieser Waffen bei freihändig
abgegebenen Feuerstößen. Die Ursache liegt in der
Größe des Rückstoßimpulses und im Waffenprinzip
selbst. Durch Anpassung der Patronenleistung an die
Kampfentfemung von 300 Metern kann der Rück-
stoßimpuls wesentlich reduziert werden. Eine weitere,
ganz erhebliche Verringerung der Streuung läßt sich
durch rücklaufbewegliche, schwimmende Lagerung des
Waffensystems erreichen.
Es ist Zielsetzung des Verteidigungsministeriums,
mit der zukünftigen Waffe sowohl das bisherige
Gewehr als auch die Maschinenpistole zu ersetzen.
Die neue Waffe soll Leistungsmerkmale besitzen,
die einen deutlich erkennbaren Fortschritt der Waffen-
technik darstellen:
• Erhöhung der Treffwahrscheinlichkeit unter Kampf-
bedingungen durch Abgabe von kurzen Feuerstößen.
Dabei soll auch bei freihändigem Schießen der mittlere
Treffpunkt mit dem Haltepunkt zusammenfallen und
die Verteilung der Schüsse auf der Zielfläche möglichst
normalverteilt sein, d.h. das bisherige Auswandern der
Schüsse eines Feuerstoßes nach rechts oben (bei Rechts-
händern) sollte vermieden werden.
• Beim 3-Schuß-Feuerstoß soll auf Ziele bis 300 m eine
deutliche Erhöhung der Treffwahrscheinlichkeit ge-
genüber dem Einzelschuß durch Streuung der drei
Schüsse um den mittleren Treffpunkt herum erreicht
werden. Dafür muß die Streuung innerhalb gewisser
optimaler Grenzen - nicht zu groß und nicht zu klein -
liegen. Das gilt für alle Anschlagarten. Zur Erreichung
dieser Forderung darf nach den darüber durchgeführ-
ten Untersuchungen der beim Einzelschuß auftretende
Rückstoßimpuls nicht höher sein als 0,3 kps, damit der
Schütze die Waffe „im Ziel halten kann“.
• Die Kampfreichweite kann auf 300 Meter reduziert
werden.
• Auf 300 Meter Kampfentfernung muß die Auftreffen-
ergie des neuen Gewehrs mit der des Gewehrs G 3
über 1 000 Meter übereinstimmen. Zur Geschoßform
ist die Haager Deklaration zu beachten.
• Das neue Gewehr soll die Länge der derzeitigen
Maschinenpistole von 650 mm nicht überschreiten, da
Rücksicht auf die Verwendung in und von gepanzerten
Fahrzeugen aus genommen werden muß.
• Die Munition sollte so leicht wie möglich und in
hoher Stückzahl magaziniert sein. Die Verpackung soll-
te Verbrauchsgut sein, sie sollte lüft- und wasserdicht
sein und an die Waffe angesetzt werden. Das Ver-
brauchsmagazin soll eine viel größere Anzahl von
Schüssen enthalten als das derzeitige Magazin mit 20
Schuß, wobei an eine Anzahl von 100 gedacht werden
könnte.
• Das Gewicht der geladenen Waffe sollte das Gewicht
der derzeitigen nicht überschreiten. Es wäre zweck-
mäßig, wenn es leichter sein könnte. Die Schußpräzisi-
on muß jedoch gewährleistet sein.
• Einzelschuß und Dauerfeuer müssen möglich sein.
• Hülsenlose Munition wäre wünschenswert. Die Vor-
teile liegen neben der Gewichtsersparnis auch darin,
daß kein Hülsenauswurf erforderlich ist und damit die
Waffe geschlossen ausgeführt werden kann.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Einführungstermin der
neuen Waffe für 1975 geplant. Die Studienphase soll
1969 abgeschlossen sein. Bis dahin soll der Nachweis
erbracht werden, daß eine Waffe mit den beschriebe-
nen Merkmalen truppenreif entwickelt werden kann.
Das Schwergewicht der Untersuchung liegt im Auffin-
den eines Waffenprinzips für hülsenlose Munition, das
die genannten Forderungen erfüllt.
Allen Beteiligten ist damals nicht bewußt gewesen,
daß es viele Jahre mühevoller Ingenieurarbeit kosten
wird, bis die hochgesetzten Ziele erreicht sind - daß sie
erreicht wurden, ist ein Beleg für den hohen technologi-
schen Stand der Entwicklungspartner Heckler & Koch,
Dynamit Nobel AG und Hensoldt AG10). Besonders
erschwert wird die Arbeit dadurch, daß eine Waffe und
eine neue Munition gleichzeitig zu konzipieren und zu
entwickeln sind und dies im Rahmen einer Technolo-
gie, die es bis zu diesem Zeitpunkt selbst in Ansätzen
noch nicht gibt.
10) Als Entwicklungspartner für das Visier.
16
Kooperation
Heckler & Koch - Dynamit Nobel AG
Die enge Wechselbeziehung zwischen der neuarti-
gen Munition und der zu entwickelnden Waffe sowie
die Erwartungen des Verteidigungsministeriums veran-
lassen Heckler & Koch und Dynamit Nobel zu enger
Zusammenarbeit auf vertraglicher Basis.
Ein Vertragsentwurf liegt im Mai 1968 vor, und
am 15. November 1968 kommt ein Vertrag zwischen
den beiden Unternehmen zustande, der Heckler &
Koch als Hauptauftragnehmer und Dynamit Nobel als
Unterauftragnehmer verpflichtet. Gemeinsam werden
beide Unternehmen eine Studie über die Möglichkeiten
der Entwicklung eines speziellen Handfeuerwaffensy-
stems erarbeiten. Auftraggeber wird das Bundesministe-
rium der Verteidigung sein.
Monate vorher haben beide Firmen gemeinsam ein
Angebot ausgearbeitet, das die Kosten der Studienarbei-
ten erfaßt Dieses Angebot ist am 16. Mai 1968 dem
Ministerium übergeben worden.
Die in den darauffolgenden Wochen erarbeiteten
Basisdaten für die Studie begründen eine beispielhafte
Entwicklung über mehr als 20 Jahre, wie im Rückblick
festzustellen ist.
Visierentwicklung
durch Optische Werke Hensoldt AG
Mit einer herkömmlichen Visierung ist die gefor-
derte Treffgenauigkeit der neuen Waffe nicht zu errei-
chen. Von Anfang an stehen daher Überlegungen zur
Neugestaltung der Visierung gleichrangig neben der
Waffen- und Munitionsentwicklung. Nur ein optisches
Visier kommt in Frage.
Das renommierte Optikunternehmen Hensoldt in
Wetzlar (Bild 16) hat als Lieferant von 100 000 Ziel-
fernrohren für das von Heckler & Koch gefertigte
Gewehr G 3 einen guten Ruf. Hensoldt stattet auch seit
Jahren die Heckler & Koch-Waffenfamilien mit opti-
schen Visieren aus und gehört damit zum kleinen Kreis
hochqualifizierter deutscher Technologie-Unternehmen,
die hochgesteckte Entwicklungsziele der Wehrtechnik
bewältigen können.
Die ersten Überlegungen zu einem Visier, das
modernsten Forderungen genügt, tauscht Hensoldt
schon 1968 mit Heckler & Koch aus. Im Rahmen lau-
fender Entwicklungen schlägt Hensoldt Kleinzielfern-
rohre mit geringer Vergrößerung vor, die ein beidäugi-
ges Zielerfassen ermöglichen (Bild 17).
Bild 17: Allererste
Einsteckoptik von Hensoldt.
DER ERSTE STUDIENVERTRAG
MIT HENSOLDT
Bild 18: Prinzip des Reflexvisiers.
Die vom Togeslicht beleuchtete Zielmorke wird mit Hilfe eines Objektives ins
Unendliche obgebildet. Zwei Prismen oder Spiegel lenken die Lichtstrahlen in
dos Auge des Beobochters. Dos Prismo oder der Spiegel trögt eine teildurch-
lössige Schicht, so doß der Beobachter sowohl die Zielmorke als auch das
Ziel überlagert sieht.
Aus Kostengründen scheitert der Vorschlag eines
Kleinzielfernrohres. Eine billigere Lösung einer opti-
schen Visiereinrichtung muß gefunden werden. Keines-
falls lassen sich auf moderne kurze Schußwaffen mecha-
nische Visiere setzen. Als Mitte 1968 ein kostengünsti-
ges Reflexvisier in die Diskussion eingebracht wird,
kann Hensoldt ein Muster dieser Visiereinrichtung vor-
legen. Das Reflexvisier (Bild 18) basiert auf einem alten
englischen Patent, das unterdessen weitgehend in Ver-
gessenheit geraten war. Ein Hensoldt-Meister aus der
Montageabteilung baut in eigener Initiative das erste
Muster eines Reflexvisiers.
Das Reflexvisier entspricht im Prinzip den Vorstel-
lungen des Verteidigungsministeriums. Hensoldt erhält
daraufhin einen auf den 30. September 1968 datierten
Studienauftrag über die Weiterentwicklung des
Reflexvisiers. Die Hensoldt-Entwicklungs- und Kon-
struktionsgruppe „Sonderoptik“111 mit Herrn Goubeaud
und Herrn Schmidt - letzterer als Gruppenleiter12’ -
beginnt mit den Entwicklungsarbeiten. Bis zum
Abschluß der G 11-Entwicklung bearbeitet über zwei
Jahrzehnte hinweg ausschließlich Herr Goubeaud das
G 11-Visier. Daneben betreut die Vertriebsabteilung
Sondertechnik13’ mit Herrn Walter Mutz als Leiter die
Entwicklung des neuen Visiers. Anfang der 80er Jahre
wird Herr Mutz von Herrn Hofmann abgelöst (Bild 19).
Die Forderungen an ein Reflexvisier sind hoch
gesteckt: Der Helligkeitsbereich, in dem die Zieleinrich-
tung einzusetzen ist, soll sich erstrecken von voller
Tageslichtbeleuchtung bis zu tiefer Dämmerung. Die
18
Vorzüge des Reflexvisiers vor anderen konventionellen
Zieleinrichtungen sind gravierend: Akkommodations-
schwierigkeiten sind beseitigt, da Zielbild und Zielsta-
chel für das Auge im Unendlichen zusammenfallen
und somit scharf gesehen werden. Der Abbildungsmaß-
stab 1: 1 des Reflexvisiers gestattet ein schnelles beidäu-
giges Zielen. Versuche am 18. und 19. November 1968
bei der Bundeswehrerprobungsstelle in Meppen bestäti-
gen die Vorzüge des Reflexvisiers (Bild 20 und 21).
Dem stehen Nachteile des Reflexvisiers gegenüber:
Konstruktionsbedingt ist ein Reflexvisier nicht so licht-
stark wie ein Zielfernrohr, die Zielmarke des Reflexvi-
siers ist bei ungünstiger Lichtverteilung gelegentlich nur
schwer zu erkennen. Farbfilter können den Kontrast
verbessern. Bei Dämmerung reicht die Helligkeit nicht
aus, die Zielmarke des Reflexvisiers ausreichend auszu-
leuchten. Sie ist dann nur schwach oder gar nicht zu
erkennen.
Bild 20: Dos erste Versuchsmuster des Reflexvisiers in einfochster Aus-
führung.
Bild 21: Dos "Revi 10" ols Ergebnis der Studie.
11) In dieser Abteilung werden die Militärgeräte entwickelt.
12) Mitte der 70er Jahre wird Herr Schmidt Konstruktionsleiter der gesamten Hen-
soldt-Konstruktions- und Entwicklungsabteilung. Nachfolger in der Konstruktionsgruppe
"Sonderoptik" wird Herr Ambrosius.
13) Damalige Benennung: Vertriebsabteilung "Sonderoptik". 19
DER ERSTE STUDIENAUFTRAG
AN HECKLER & KOCH
Nachdem zwischen Heckler & Koch und Dynamit
Nobel eine rechtliche Basis geschaffen ist, erteilt das
Verteidigungsministerium am 28. November 1968 den
ersten Studienauftrag an Heckler & Koch. Dieser Auf-
trag wird in den nächsten Jahren durch Folgeaufträge
ergänzt.
Im ersten Auftrag ist die Aufgabenstellung klar
umrissen; Ziel dieser Studie ist der Nachweis, daß ein
Gewehr realisiert werden kann, mit dem in allen
Anschlagarten von ungeübten Schützen kurze Feuer-
stöße mit so geringer Streuung abgegeben werden kön-
nen, daß die Treffwahrscheinlichkeit unter Kampfbedin-
gungen erhöht wird. Dabei sind die Richtfehler, wie sie
vom Batelle-Institut bei der Infanterieschule in Ham-
melburg gemessen wurden, zugrunde zu legen.
Das Ziel soll erreicht werden mit einer Waffe mit
bevorzugt reiner Querzuführung und querbeweglichem
Verschluß mit geteiltem Patronenlager. Dabei sind
wichtige Detailuntersuchungen einzelner Waffenfunk-
tionen und Waffenbaugruppen notwendig:
• Untersuchung der Verschlußbewegung und der Ver-
riegelung,
• Untersuchung der Dichtigkeit zwischen den Ver-
schlußteilen untereinander, zwischen Verschluß und
Rohr und der Dichtigkeit des Schlagbolzens,
• Untersuchung des Zuführmechanismus,
• Untersuchung des Magazins und der Abdichtung der
Waffe,
• Beanspruchung des Munitionsbandes unter Berück-
sichtigung der hohen Kadenz von über 2 000 Schuß
pro Minute,
• Entfernung von Rückständen und Beseitigung von
Zündversagern,
• Untersuchung der mechanischen und elektrischen
Zündung der Treibladung,
• Untersuchung der Erwärmung des Patronenlagers,
• Untersuchung des Energieaufwandes für die Funkti-
on der Waffe,
• Untersuchung der rücklaufbeweglichen Lagerung der
Waffe und der Nachweis der erreichten Streuung bei
Feuerstößen durch ungeübte Schützen,
• Angabe der Waffenlänge und des Gewichtes einer zu
entwickelnden Waffe mit 100 Schuß magazinierter
Munition,
• Erstellung eines automatisch schießenden Versuchs-
modells und Nachweis der erreichbaren Schußfolge.
• Ist mit dem vorgenannten Versuchsmodell ein
Schießen von der Schulter noch nicht möglich, so ist
eine rücklaufbewegliche Lagerung für eine konventio-
nelle Waffe möglichst hoher Schußfolge und eines klei-
nen Rückstoßimpulses zu erstellen. Die erreichbare
Treffgenauigkeit mit dieser Anordnung bei Feuerstößen
ist nachzuweisen.
Grundlegende Neuerung der zu entwickelnden
Waffe ist deren hülsenlose Munition. Daher widmet der
Entwicklungsauftrag dieser Komponente besondere Auf-
merksamkeit:
• Klärung der Zündungsart mechanisch oder elek-
trisch,
• Klärung der optimalen Formgebung des Pulverkör-
pers mit eingebettetem Geschoß unter Berücksichti-
gung einer möglichst hohen Schußfolge. Zu fordern ist
dabei ein kleiner Transportweg der Patrone, ein kleiner
Verschlußhub und raumsparende Unterbringung im
Magazin.
• Zuführprobleme der Patrone,
• Untersuchung der Magazinierung, wobei verschiede-
ne Schußzahlen im Magazin vorgesehen sind - Richt-
zahl ist 100 Schuß;
• Untersuchung der auftretenden ballistischen Proble-
me, soweit es sich für die Studie als notwendig erweist,
wobei bei vorgegebener Geschoßenergie von maximal
40 mkp in 300 Meter Entfernung ein möglichst gerin-
ger Rückstoßimpuls der Waffe anzustreben ist;
• Herstellung von Munitionsmustern unter Berücksich-
tigung der Ergebnisse bereits durchgeführter Studienar-
beiten sowie Studien zur Gurtung und Magazinierung
der Munition,
• Durchführung von Schießversuchen im Gasdruck-
messer und in der Waffe.
Treibmittel und Zündung sind bei der neuen Muni-
tion von besonderer Bedeutung. Gefordert wird eine
rückstandsfreie Verbrennung des Pulverkörpers und sei-
ner Umhüllung.
20
STUDIEN 1968-1969
Im August 1968 steht ein Meßlauf für die ersten
hülsenlosen Patronen zur Verfügung, die Schießver-
suche beginnen. Erstes konkretes Meßergebnis ist eine
Vo-Messung am 11. November 1968.
Über die Arbeiten muß Heckler & Koch Berichte
an das Verteidigungsministerium abgeben. Der Zwi-
schenbericht vom 24. Februar 1969 macht die ersten
tastenden Bemühungen der beiden Firmen deutlich:
Es wurden Überlegungen angestellt, wie man ein
Patronenlager abdichten kann. Als Resultat dieser
Überlegungen ergab sich, daß bei möglichst kurzem
Zuführweg und kurzem Verschlußweg ein in
Längsachse geteiltes Patronenlager vorteilhaft ist. Die
Patrone sollte dafür eine rechteckige Form haben. In
dieser geometrischen Form wurden Musterpatronen
und 2 Schießmodelle hergestellt.
Das erste Schießmodell ist aufgebaut auf das Ver-
schlußsystem vom K 98, womit in erster Linie die
Möglichkeiten studiert werden sollten, ob im Prinzip
die vorgesehene Form der Patrone zur Lösung der
Aufgabe führen kann.
Das zweite Schießmodell ist mit zweigeteiltem Patro-
nenlager hergestellt worden im Hinblick auf späteres
Öffnen und Schließen. Bei beiden Schießmodellen
müssen vorerst die Patronen von Hand eingelegt wer-
den.
Es wurde zunächst die mechanische Zündung bevor-
zugt.
Bei der Abgabe von 50 Schüssen zeigte sich, daß die
Abdichtung noch nicht den gestellten Erwartungen
entspricht und weitere Untersuchungen notwendig
macht.
Die vorgenommenen V0-Messungen ergaben im-
merhin Maximalwerte von 580 m/s bei allerdings
erheblichen Streuungen. Die Ursache der Streuung
muß durch weitere Untersuchungen geklärt werden.
Um eine erste Bilanz zu ziehen, wird Ministerialrat
Bühler nach Oberndorf eingeladen. Am 16. und 17. Juli
1969 können die Heckler & Koch-Ingenieure das bisher
Erreichte zur Diskussion stellen.
Aus einem anderen Zwischenbericht erfahren wir
Details der Entwicklungsarbeiten zwischen Mitte
Februar 1969 und Juli 1969:
Die Arbeiten der Firma Heckler & Koch konzentrier-
ten sich im genannten Zeitraum in erster Linie auf die
Untersuchung der Dichtigkeit der Verschlußteile
untereinander sowie der Verschlußteile gegenüber
den angrenzenden Waffenteilen. Bei verschiedenen
Versuchsmodellen, die gebaut wurden und die in
erster Linie für die Munitionsuntersuchung gedacht
waren, hat sich gezeigt, daß die Dichtigkeit des Patro-
nenlagers niemals durch irgendwelche Kraftwirkung
von außen in entgegengesetzter Richtung des Gas-
drucks erreicht werden kann.
Der Aufbau des in der Aufgabenstellung gewünschten
zweigeteilten Patronenlagers kann daher auf jeden Fall
nur realisiert werden, wenn die Kräfte des innen auf-
tretenden Gasdruckes selbst dazu verwendet werden,
die einzelnen beweglichen Patronenlagerteile durch
entsprechende Dimensionierung zur gegenseitigen
Liderung zu bringen.
Bis zum Ende des Berichtszeitraumes ist es wohl
gelungen, auf dieser Basis ein zweigeteiltes Patronen-
lager entsprechend einer später zu entwickelnden
Waffe zu bauen, das einen einwandfreien Aufbau des
Gasdruckes und damit eine vollständige Verbrennung
des Treibmittels gewährleistet, jedoch ist der Gas-
schlupf an einzelnen Stellen noch zu groß.
Die anfänglich aufgetretenen Schwierigkeiten bei der
Abdichtung der mechanischen Zündeinrichtung kön-
nen heute praktisch als gelöst betrachtet werden. Ein
in seiner Masse sehr klein gehaltener Schlagbolzen
wird mit Hilfe eines Schlagstückes freifliegend gegen
das Zündmittel der Patrone geschleudert und beim
Beginn des Gasdruckaufbaus sofort gegen die selbst-
dichtende Pfanne gedrückt.
Um eine möglichst hohe Schußfolge zu erreichen,
wurde ein zweigeteütes Patronenlager gewählt, wobei
eine Hälfte starr und eine Hälfte beweglich ausgebildet
werden soll. Ursprünglich war nun gedacht, die Patro-
nen in reiner Querbewegung zuzuführen. Dadurch,
daß das Geschoß auf jeden Fall rund ausgebildet ist,
entstehen aber bei einer reinen Querzuführung auf
der Seite des starren Patronenlagerteils zwei freie
Dreiecke, die in etwa einem zu groß dimensionierten
Freiflug bei einer herkömmlichen Waffe gleichzu-
setzen sind. Eingehende Untersuchungen haben
gezeigt, daß durch diese freien Dreiecke zuviel Gas in
Schußrichtung durch den Lauf entweichen kann und
daher kein einwandfreier und vor allen Dingen kein
gleichmäßiger Druckaufbau im Patronenlager entsteht.
Wir sind aus diesem Grund dazu übergegangen, in
unsere Überlegung neben der reinen Querzuführung
der Patrone eine zusätzliche Querbewegung der Patro-
ne und eine zusätzliche Höhenbewegung einzubezie-
hen. Dadurch wird erreicht, daß bei geschlossenem
Patronenlager neben einer besseren Abdichtung zum
Rohr hin auch sofort eine präzise Geschoßführung
vorhanden ist.
21
I
-X—^er Zwischenbericht vom 17. September 1969
informiert über den Stand der Studienarbeiten zu die-
sem Zeitpunkt:
Für die Zündung der Patrone wurde von den zwei
möglichen Zündungen „elektrisch“ oder mechanische
„Schlagzündung“ die letztere ausgewählt. Gegen die
elektrische Zündung sprechen folgende Überlegungen:
Die elektrische Zündung benötigt eine isolierte Strom-
zuführung in der Verbrennungskammer der Waffe.
Die Verbrennungskammer wird bei einer hülsenlosen
Munition wesentlich stärker beansprucht als bei
einem normalen Schuß. Dadurch besteht die Gefahr,
daß die Isolation entweder ausbrennt oder durch Ver-
schmutzung leitend wird. Durch eine große Zahl von
Versuchen wurde bestätigt, daß das elektrische Zünd-
system für eine Waffe, welche Tausende von Schuß
ohne Störungen abfeuern soll, für ein narrensicheres
und robustes Waffensystem ungeeignet ist (Bild 22).
In Anpassung an das ausgewählte Lager des neuen
Waffensystems wurde als Treibladung eine flache
Tablette ausgewählt mit den Abmessungen: Höhe ca.
8 mm, Länge ca. 20 mm, Breite ca. 10 mm, die ein
Geschoß von 4,9 mm Durchmesser enthält. Diese
Abmessungen ermöglichen einen möglichst geringen
Verschlußweg. Das Kaliber 4,9 mm ist bereits in
Bild 22: Hülsenlose Versuchspatrone mit elektrischer Zündung.
22
früheren Studien als verhältnismäßig optimal für den
genannten Zweck ermittelt worden.
Die Pulvertablette wird jetzt aus zwei Hälften zusam-
mengesetzt, die quer zur Geschoßachse gepreßt wer-
den. Das Geschoß wird zwischen die beiden Hälften
gelegt, und das Ganze wird durch Kleber verbunden.
Mit solchen Preßlingen konnten nunmehr für die Ver-
suche Patronen hergestellt werden, die es gestatten,
im Einzelschuß innen- und außenballistische Messun-
gen durchzuführen. Diese Patronen sind zunächst nur
für den Einzelschuß mit Handladung geeignet, um
den hülsenlosen Schuß studieren zu können. Schock-
festigkeit und geregelter Abbrand bedürfen noch eines
eingehenden Studiums.
Im November 1969 wird erstmals die Möglichkeit
geprüft, das Geschoß über die ganze Länge in den Pul-
verpreßkörper einzusetzen - eine Lösung, die sich sehr
viel später als richtig erwiesen hat.
Um die Streuung bei Feuerstößen zu reduzieren,
führt Heckler & Koch parallel zu den Versuchen mit
hülsenloser Munition Versuche mit konventioneller
Munition durch (Bild 23 und 24).
Das Ergebnis der bisherigen Studien findet sich im
dritten Zwischenbericht vom 22. Dezember 1969:
Der im zweiten Zwischenbericht noch als ungenü-
gend dargestellte Abbrand der Pulverkörper konnte
durch eine entsprechende Verteilung des Zündmittels
auf annähernd die gesamte Länge des Preßlings erheb-
lich verbessert werden. Durch die jetzt gewählte
Anordnung und Verteilung von Zünd- und Treibmittel
wird erreicht, daß sich beim Anbrennen des Zündmit-
tels der Pulverkörper zerlegt und dadurch entspre-
chend einer Patrone mit losem Pulver die Verbren-
nung gleichmäßig von allen Seiten erfolgen kann.
14) Die Führungsstöbe der Heere Frankreichs, Italiens, der Niederlande, des United
Kingdom, Deutschlands, Luxemburgs und Belgiens sind in der FINABEL vertreten. Die
FINABEL konzentriert sich auf Konzeptarbeit im Heeresbereich und stimmt mit den
Partnern Rüstungsforderungen ob.
- o
Bild 24: Lafettierte Versuchswaffe für Patronen 9 mm x 19, mit Gehäuse.
Die FINABEL-Forderungen
Von Anfang an hat die Bundesrepublik Deutsch-
land bei den Überlegungen der NATO für ein zweites,
kleineres Handwaffenkaliber darauf hingewiesen, daß
nur ein revolutionärer technischer Durchbruch, näm-
lich der Übergang zur hülsenlosen Munition, die Ab-
lösung der eingeführten Handwaffen rechtfertigt. Bei
den Arbeiten für gemeinsame Forderungen der europäi-
schen FINABEL-Staaten14’ sind frühzeitig die deutschen
Vorstellungen für ein modernes Infanterie-Handwaffen-
konzept eingegangen.
Am 23. September 1969 teilt der Verteidigungsmi-
nister der Firma Heckler & Koch mit, daß die FINABEL-
Staaten militärische Forderungen ausgearbeitet haben,
die an ein neu zu entwickelndes automatisches Gewehr
zu stellen sind. Diese neue Waffe soll in den Jahren
1975 bis 1980 das bisherige Gewehr ablösen.
Die FINABEL-Forderungen führten in der Bundes-
wehr u.a. zu der Präzisionsfestlegung, daß 75 % Treffer
auf eine Entfernung von 100 Metern durch einen erfah-
renen Schützen stehend freihändig in einem 60 x 60 cm
großen Quadrat liegen müssen.
DIE STUDIEN 1970
Bild 25: Erstes doppelrei-
higes Stongenmogozin
für hölsenlose Potronen.
Heckler & Koch geht systematisch und zielgerich-
tet die Studienarbeit an. Für die Ablaufplanung sind
Netzpläne erstellt - hat doch der Verteidigungsminister
einen engen Terminrahmen vorgegeben.
Im April 1970 stellt Heckler & Koch ein neues
Konzept zur Abgabe von Mehrfachschüssen vor. Cha-
rakteristisch für diesen Entwicklungsstand ist das dop-
pelreihige Stangenmagazin (Bild 25). Dieses erfordert
allerdings eine geänderte geometrische Form des Treib-
mittels, die Patrone mit der gewölbten Oberseite - für
ein Bandmagazin konzipiert - ist in dieses Stangenmaga-
zin nicht zu laden. Gleichzeitig realisieren die beiden
Entwicklungsfirmen eine erste Heckzündungspatrone
(Bild 26). Ein Metallamboß wird für die Schlagzündung
dieser Patrone als notwendig erachtet und als
Metallzapfen im Geschoßheck eingesetzt. Die ungünsti-
ge Außenballistik dieser Geschoßverlängerung zwingt
die Ingenieure, sich von dieser Zündungsweise abzu-
wenden. Später hat der Entwicklungspartner Dynamit
Nobel nach dem Vorschlag von Herrn Fibranz mit dem
harten, verbrennbaren Boosteramboß eine taugliche
Heckzündung geschaffen.
Neben den außenballistischen Mängeln der ersten
Patronen mit der neuen Außengeometrie ist der Sitz
des Geschosses im Pulverkörper noch nicht optimal.
Eine Rille am Geschoß oder eine Anstauchung des
Hecks verbessern die Fixierung des Geschosses im
Treibmittelkörper nur unvollkommen.
Die Schlagempfindlichkeit der ersten Heckzün-
dungspatrone hat sich wesentlich gebessert, doch läßt
die Gleichmäßigkeit der ballistischen Leistung zu wün-
schen übrig. So geht Dynamit Nobel nach relativ kurzer
Zeit zur seitlichen Anzündung der Patrone über
(Bild 27). Das Geschoß selbst bildet nun das Widerlager
der Zündung.
Für die neue Patronenform müssen neue Gas-
druckmesser angefertigt werden. Noch handelt es sich
um stationäre, fest montierte Waffenprototypen.
Mit wachem Interesse verfolgt das Verteidigungs-
ministerium die Arbeiten der Heckler & Koch-Ingenieu-
re. Am 11. Mai 1970 lassen sich leitende Bonner Mini-
sterialbeamte den erreichten Entwicklungsstand in
Oberndorf vorführen und besprechen mit dem Heckler
& Koch-Team die Ergebnisse und das weitere Vorgehen.
Als nicht praktikabel wird der querbewegliche Ver-
schluß aufgegeben, gleichfalls das Munitionsband, da
durch das Kunststoffband die rückstandsfreie Verbren-
nung der Zündung und des Treibmittels - ein an sich
gelöstes Problem - ungünstig beeinflußt wird.
Bild 26: Erste hölsenlose Potronen mit Heckzöndung. Metallamboß als
Gegenlager.
Die Aussprache mit den Bonner Auftraggebern
sieht vor, daß von Heckler & Koch zukünftig ein System
mit längsbeweglichem Verschluß und Rollenverriege-
lung und federgetriebenem Stangenmagazin untersucht
wird. Ein automatisch schießendes Versuchsmodell für
3-Schuß-Feuerstöße soll bis zum 31. Juli 1970 - dem
Ablieferungstermin der Studie - fertiggestellt werden.
Die Treffgenauigkeit bei Feuerstößen wird an einem
Modell untersucht, das konventionelle 9 mm-Patronen
verschießt (Bild 28). Als ballistische Leistung der hül-
senlosen Patrone 4,9 mm ist eine Geschoßanfangsge-
schwindigkeit von 810 m/s erreicht. Der Pulverkörper
wird beidseitig gezündet, als Ergebnis dieser Bespre-
chung soll zukünftig nur von einer Seite gezündet wer-
den.
Das Stangenmagazin
Der vierte Zwischenbericht vom 2. Juli 1970 doku-
mentiert den Entwicklungsstand zu diesem
Zeitpunkt,gleichzeitig erfahren wir durch diesen Bericht
von der Abwendung vom Trommelprinzip des Maga-
zins, dem Wegfall des Magazinbandes und der Annah-
me des Stangenmagazins:
1. Patronen und Patronenlager: Die im Zeitraum des
dritten Zwischenberichtes begonnene Untersuchung,
mit Hilfe einer Reduzierung des Leervolumens im
Patronenlager den bis dahin erreichten Gasdruck von
2500 Atmosphären noch zu steigern und damit die
Geschoßanfangsgeschwindigkeit zu erhöhen, wurde
fortgesetzt.
2. Waffenverriegelung: Nach Punkt 3 der Aufgabenstel-
lung, nach dem die Waffe bevorzugt mit einer Querzu-
führung ausgeführt werden soll, muß das Patronenlager
in Längsrichtung geteilt werden. Hierbei nimmt die mit
24
Bild 27: Erstes Patronenmuster für das dop-
pelreihige Stangenmagazin mit seitlicher
Anzündung und Rundkopfgeschoß.
dem Rohr verbundene feststehende untere Hälfte den
Schlagbolzen auf, und zur Verriegelung der oberen
Hälfte wurde anfänglich ein querbeweglicher Schieber
vorgesehen. Da bei diesem System die Verriegelung des
Querschiebers in derselben Richtung erfolgt, in der
durch die Längsteilung des Patronenlagers die maxima-
len Kräfte auftreten, ist eine Verriegelungskraft von 25
Tonnen erforderlich. Eine derart hohe Beanspruchung
für die Verriegelungselemente ist zwar durch die ent-
sprechende Ausbildung der Verriegelungsart zu realisie-
ren, erscheint jedoch aufgrund der praktischen Versu-
che als nicht zweckmäßig. Daher wurde im zurücklie-
genden Berichtszeitraum von einem Querschieber abge-
gangen und ein Längsschieber (Hülse) gewählt, der das
in Längsrichtung geteilte Patronenlager formschlüssig
umfaßt. Diese Art der Abstützung der beweglichen
Patronenlagerhälfte bringt Vorteile mit sich:
2.1 Auch im Moment des Öffnens der Waffe ist die
bewegliche Patronenlagerhälfte noch formschlüssig
umgeben. Dadurch wird eine zeitlich wesentlich länge-
re Abdichtung des Patronenlagers erreicht.
2.2 Treten doch Gase aus dem Patronenlager aus, so
werden diese innerhalb der Hülse aufgefangen und kön-
nen nicht in den Bereich der magazinierten Pulverpreß-
linge gelangen.
2.3 Durch die Längsbewegung wird das quer zugeführ-
te Geschoß gleichzeitig im Rohr angesetzt, und es tre-
ten dadurch unter Erhöhung der Präzision geringere
Gasverluste durch das Rohr auf.
2.4 Bei reiner Längsbewegung der Verschlußteile entfal-
len die bei der ursprünglich vorgesehenen Verriege-
lungsart quer zur Schußrichtung auftretenden Momen-
te. Dadurch ist die Gefahr ausgeschaltet, daß die Streu-
ung der Waffe beim Schießen von Feuerstößen negativ
beeinflußt wird.
3. Magazinierung und Zuführung: Bei den zurücklie-
genden theoretischen und praktischen Untersuchungen
über die Ausstattung und Anordnung des Magazins
wurden zweierlei Möglichkeiten untersucht:
3.1 Ein mit dem zurücklaufenden Waffensystem fest
verbundenes Magazin mit einem Fassungsvermögen
von ca. 100 Patronen oder
3.2 drei mit dem äußeren Waffengehäuse fest verbun-
dene Magazine mit einem Fassungsvermögen von je ca.
30 Patronen, wobei die einzelnen Magazine derart
angeordnet sind, daß die Patronen jeweils an der Stelle
entnommen werden können, an der sich dem jeweili-
gen Schuß entsprechend das zurücklaufende Waffensy-
stem befindet.
Aufgrund eingehender Studien der Lafettierungs-
verhältnisse unter verschiedenen Bedingungen und um
die Möglichkeiten verschiedener Feuerarten nicht ein-
zuengen, ergibt sich als Ergebnis dieser Studien nur die
unter 3.1 beschriebene Variante.
Das mit dem zurücklaufenden System fest verbun-
dene Magazin muß zwangsläufig innerhalb des Waffen-
gehäuses liegen, nicht zuletzt um die Pulverpreßlinge
gegen äußere Einflüsse zu schützen - somit ergeben sich
die geometrische Form und die Außendimension der
Waffe. Der ursprüngliche Gedanke, die 100 Patronen
auf einem Gurtband innerhalb einer Magazintrommel
anzuordnen, läßt sich nicht durchführen, da hierfür das
Waffengehäuse auf etwa der halben Länge noch außer-
halb des erforderlichen Querschnittes für Verschluß,
Abzug usw. einen Durchmesser von ca. 150 mm auf-
weisen müßte.
Als vorteilhafteste Lösung erscheint daher ein par-
allel zur Längsachse der Waffe liegendes zwei- oder
dreireihiges Stangenmagazin, das von oben in die Waffe
eingesetzt wird. Um hierbei die Verpackung der Patro-
nen direkt als Magazin verwenden zu können, ist die
gesamte Zubringereinrichtung waffenseitig fest einge-
baut. Da durch diese Magazinanordnung die einzelnen
Patronen von einem zwangsläufig gesteuerten Greifer
direkt aus der Verpackung in das Patronenlager einge-
setzt werden können, erübrigt sich das bei der Maga-
zintrommellösung erforderliche Gurtband. Gleichzeitig-
bietet der Greifer bei entsprechender Steuerung die
Möglichkeit, die Waffe wieder zu entladen. Durchge-
führte Schockprüfungen an den Pulverpreßlingen haben
bestätigt, daß deren Festigkeit für die vorgesehene
Zubringerart auch bei entsprechend hoher Kadenz aus-
reichend ist.
4. Waffenmodell: Auf der Grundlage der unter Punkt
1 bis 3 beschriebenen Erkenntnisse wurde im Berichts-
zeitraum ein erstes, sich automatisch öffnendes Schieß-
modell mit einer Abzugseinrichtung für Einzel- und
3-Schuß-Feuer gebaut, jedoch vorerst noch ohne auto-
matische Zuführung. Bei den dabei durchgeführten
Messungen wurden die Voraussetzungen geschaffen,
um das Ziel der Studie, eine lafettierte, automatisch
schießende Waffe mit hülsenloser Munition, realisieren
zu können.
3
Bild 28: Trefferbild eines
3-Schuß-Feuerstoßes aus
einer lafettierten Waffe
Kal. 9 mm x 19.
25
Waffe Nr. 3/7
Kal. 9 mm x 19
DIE STUDIEN 1971
Das Verteidigungsministerium plant, im Mai 1971
den erreichten Entwicklungsstand den NATO-Partnern
vorführen zu können. Es wäre den militärischen Dienst-
stellen durchaus wünschenswert, mit einer funkti-
onstüchtigen Waffe für hülsenlose Munition die gesam-
te NATO für diese Waffe zu interessieren, da in den
NATO-Ausschüssen ein großes Interesse vorhanden ist.
Am 21. Januar 1971 reicht Heckler & Koch den
fünften Zwischenbericht an das Verteidigungsministeri-
um weiter. Dieser Zwischenbericht ist so umfangreich,
daß hier nur kurze Auszüge wörtlich wiedergegeben
werden können:
Dichtigkeit der Verschlußteile: Die in der ersten Jah-
reshälfte 1970 durchgeführten und im vierten Zwi-
schenbericht geschilderten Untersuchungen über die
Dichtigkeit der Verschlußteile wurden fortgesetzt und
eingehende Untersuchungen über die Ausgestaltung
des Patronenlagers in einem automatisch schießenden
Schießmodell durchgeführt.
Dabei zeigt sich, daß das noch von der ursprünglich
angestrebten Konzeption eines querbeweglichen Ver-
riegelungsschiebers stammende längsgeteilte Patro-
nenlager verhältnismäßig lange Trennfugen aufweist,
deren Abdichtung in bezug auf die Verschmutzung
immer problematisch ist.
Es wird versucht, das Problem der Abnutzung der
Dichtflächen durch Erosion des längsgeteilten Patro-
nenlagers zu lösen. Um die Undichtigkeiten des Ver-
schlusses zu beheben, wird eine neue Bauform
erprobt. Das Ganze wird eingebaut in einen Ver-
schluß, der mit dem G 3-Gewehr identisch ist. Die
Verschlußbauart hat die Form von zwei zylindrisch
übereinander geschobenen Hülsen, so daß ein kurzer
Gesamtrücklaufweg des Verschlusses erreicht wird.
Magazin und Zuführung werden wie in der im vierten
Zwischenbericht geschilderten Konzeption in einer
ersten Ausführungsform eines Schießmodells verwirk-
licht.
Zur lafettierten Waffe151 soll ein Zitat aus dem glei-
chen Zwischenbericht folgen. Dieses Zitat belegt, daß
das lafettierte System zur Präzisionserhöhung entschei-
dend beiträgt und die Streuung unabhängig vom Schüt-
zen macht:
Mit den im vierten Zwischenbericht beschriebenen
Waffen für die Patrone 9x19 mm wurden im abgelau-
fenen Berichtszeitraum sehr umfangreiche Beschußver-
suche zur Ermittlung der Präzision beim 3-Schuß-Feu-
erstoß auf 25 Meter durchgeführt. Dabei wurden
grundsätzlich alle Versuchsreihen, bei denen die Waffe
konstruktiv unterschiedliche Merkmale aufwies, einmal
vom Schießbock aus mit fester Aufspannung und zum
anderen von den verschiedensten Schützen stehend im
Schulteranschlag geschossen. Die dabei erzielten Ergeb-
nisse der Trefferbilder waren völlig unabhängig vom
Schützen und stimmten mit denen überein, bei denen
die Waffe auf einem Schießbock aufgespannt war.
Diese in der Praxis gewonnene Erfahrung deckt sich
mit den zuvor angestellten theoretischen Überlegun-
gen, da die lafettierte Waffe lediglich über eine Feder
kräftemäßig mit dem Gehäuse verbunden ist. Beim
Feuerstoßschießen werden keine nennenswerten Kräf-
te von innen nach außen und damit auf die Schulter
des Schützen übertragen.
Damit bei dieser „labilen Verbindung“ jedoch die
geforderten Trefferbilder mit der gewünschten Schuß-
verteilung erreicht werden können, müssen folgende
Bedingungen erfüllt sein:
1. Das gesamte System muß in Längsrichtung mög-
lichst reibungsfrei beweglich sein und darf über die
Zeitdauer des 3-Schuß-Feuerstoßes weder in
Schußrichtung noch zum Schützen hin abgepuffert
werden. Eine Abhängigkeit der Trefferbildgröße von
der Stärke der Lafettenfedern wird noch in einer
getrennten Beschußserie untersucht.
2. Die Schließ- und Pufferfedern des eigentlichen Ver-
schlußsystems müssen in der Seelenachse liegen, oder
aber die Gesamtkomponente aller gleichzeitig wirken-
den Federkräfte muß durch die Seelenachse laufen.
3. Durch Betätigung des Abzuges dürfen keine nen-
nenswerten quer zur Schußrichtung auftretenden
Kraftkomponenten entstehen.
4. Die Verteilung der gesamten Masse des lafettierten
Teiles der Waffe muß möglichst zentrisch zur Seelen-
achse liegen, um bei der Beschleunigung des Systems
keine Unsymmetrie der Kräfte zu erhalten. Quer zur
Schußrichtung bewegliche Teile wie z.B. der in der
ursprünglichen Konzeption vorgesehene Querschieber
bringen zwangsläufig eine sehr große Trefferbildstreu-
ung mit sich, wenn zur Seelenachse kein äquivalenter
Massenausgleich eingebaut ist.
Mit den Zwischenberichten haben wir wertvolle
Quellen zur Dokumentation des jeweiligen Entwick-
lungsstandes. Der sechste Zwischenbericht ist noch
umfänglicher als die vorausgegangenen Berichte, er
datiert vom 8. September 1971. Nun gilt das erprobte
Patronenlager als brauchbare Lösung im Rahmen des
Studienauftrages (Bild 29). Die Zündung ist seitlich
angeordnet (Bild 30). Die Verriegelung des Verschlus-
ses geschieht mit einem starren, rollenverriegelten
Gasdruckladesystem (Bild 31).
26
Patronenauflage
Liderkragen Schlagbolzen Patronenraum
Bild 29: Rollenverriegelter Verschluß mit seitlicher Zündung. Dorstellung im
Moment der Potronenzuführung.
Rohrmund mit Patronenlager und Verschlußhülse
in geschlossenem Zustand
Rohrmund mit Patronenlager und Verschlußhülse in geöffnetem Zustand
Bild 30: Rollenverriegelter Verschluß mit seitlicher Zündung.
Bild 31: Rollenverriegelung des ersten Gosdruckloders.
15) Bei einem lafettierten Waffensystem ist die Waffe rücklaufbeweglich in einem
Gehäuse gelagert, wobei die beim Schießen auftretenden Rücklaufkräfte über eine
beim Rücklauf sich spannende Feder auf die Schulter des Schützen übertragen wer-
den. Eine Stoßbelastung tritt dadurch nicht mehr ein bzw. erst nach dem Austreten
des Geschosses aus dem Rohr Damit kann der Schütze die Rückstoßkräfte aufneh-
men, ohne ihnen in präzisionsmindernder Weise auszuweichen 27
Durch Hochgeschwindigkeitsaufnahmen werden
die kinematischen Bewegungsabläufe des Zuführsy-
stems analysiert. Fotoaufnahmen im Dunkeln dokumen-
tieren die Schwachstellen der Verschlußdichtigkeit (Bild
32). Der siebente Zwischenbericht vom 3. November
Bild 32: Im Dunkeln offenbort der Verschluß seine Schwachstellen.
1971 enthält Werte zur Selbstentzündungstemperatur
des Pulverpreßkörpers. Frühestens bei einer Tempera-
tur von 150 Grad Celsius tritt Selbstentzündung auf.
Die Bemühungen der Dynamit-Nobel-Techniker laufen
darauf hinaus, die Selbstentzündungstemperatur mit
einer Beschichtung des Pulverkörpers heraufzusetzen.
Die Treffbildstreuung wird näher untersucht.
Dynamit Nobel erprobt verschiedene Geschoßformen
(Bild 33).
Die Erkenntnisse aus der lafettierten Waffe für
Pistolenpatronen werden auf die Waffe für hülsenlose
Munition übertragen. Bei den Untersuchungen der
Bild 33: Hülsenlose Patronen Kol. 4,9 mm mit verschiedenen Geschoßformen.
Bild 35: Aufzeichnung der Mündungsbewegung durch Laserstrahl während
eines 3-Schuß-Feuerstoßes ouf 25 Meter Entfernung am 24. Januar 1972.
Schütze Ministerialrat Bühler.
Treffwahrscheinlichkeit findet ein Laser Anwendung.
Er projiziert die Mündungsbewegung der Waffe
während eines 3-Schuß-Feuerstoßes auf empfindliches
Filmmaterial. Damit ist zu ermitteln, wieweit die Waffe
aus dem gewählten Haltepunkt schützenbedingt aus-
wandert (Bild 34 und 35).
Als erreichtes Ergebnis ist festzustellen, daß Ende
September/Anfang Oktober 1971 die Waffe für hülsen-
lose Munition so weit entwickelt ist, daß sowohl Feuer-
stöße als auch Dauerfeuer zu schießen sind: als Modell I
(Bild 36) nur fest eingespannt und als Modell II (Bild 37
und 38) auch von der Schulter aus.
28
£Koch
SCHLUSSBERICHT 1971
Aus dem Schlußbericht vom Dezember 1971
erfahren wir den Entwicklungsstand und die bis zu die-
sem Zeitpunkt durchgeführten Studienarbeiten:
Drei Teilaufgaben waren gestellt:
1. Hülsenlose Munition
2. Automatisch schießende lafettierte Waffe für hülsen-
lose Munition
3. Untersuchung der Treffwahrscheinlichkeit
Der Schlußbericht kommt zu dem Ergebnis, daß
sowohl die hülsenlose Munition als auch eine dafür
geeignete Waffe realisierbar sind und eine entsprechen-
de weitere Entwicklung zu einem truppenbrauchbaren
Gewehr führen wird.
Die Probleme der Patronenlagerabdichtung und
der Abdichtung des Schlagbolzens sind - im Rahmen
der damaligen Forderungen - konstruktiv bearbeitet
worden.
Problem Zündung
Einige Entwicklungswege haben in eine Sackgasse
geführt, so die elektrische Zündung, die bei einer
schnellfeuernden Handfeuerwaffe mit enormen Schwie-
rigkeiten verbunden ist. In der Anfangsphase der Versu-
che wird die Zündung quer zur Geschoßachse angeord-
net. Zu diesem Zeitpunkt stellt sich diese Anordnung als
optimale Lösung dar, da eine Abstützung am Über-
gangskonus des Laufinneren zur Realisierung der Heck-
zündung als zu unpräzise erscheint.
Masseverschluß oder Gasdrucklader?
Eine halbstarre Verriegelung des Verschlusses ähn-
lich der Verriegelung des Gewehres G 3 kann nicht ver-
wirklicht werden, da sich der Gasdruck im kleinkalibri-
gen Lauf sehr langsam abbaut. Somit verbleibt als kon-
struktive Lösung nur noch das System eines Gasdruck-
laders, wobei die Gasentnahmebohrung kurz vor der
Mündung plaziert wird.
Rückstoßminderung
Die Problemstellung Rückstoßminderung war nicht
unmittelbar an die hülsenlose Munition gekoppelt - ist
aber parallel zur Entwicklung der hülsenlosen Munition
mit konventioneller Munition untersucht worden.
Innovation hülsenlose Munition
Das entscheidende Element der neuen Waffe ist
die hülsenlose Munition. Die militärische Forderung
lautet: Auf 300 Meter Entfernung muß neben einer
guten Präzision noch eine Geschoßenergie von 40 kpm
vorhanden sein. Außerdem soll die hülsenlose Munition
den gleichen Forderungen genügen können wie kon-
ventionelle Munition.
Daher muß gewährleistet sein:
1. Rückstandsfreie Verbrennung von Treibmittel und
Anzündsatz,
2. Beständigkeit gegen Umwelteinflüsse,
3. Chemische Beständigkeit des Treibmittels und des
Anzündsatzes,
Rill en formen für Geschoß 4,9
Ogivenformen für Geschoßoptimierung 4,9 voru.nach
Beschuß
Patrone, geholten durch Federkraft
4. Hohe Zuverlässigkeit in der Funktion, geringer
Raumbedarf und mechanische Haltbarkeit in- und
außerhalb der Waffe.
Erst sehr viel später hat man das Geschoß vollstän-
dig mit dem Pulverpreßkörper umschlossen. In der
Anfangsphase gilt diese Bauform als nicht realisierbar
und mit sehr erheblichen Nachteilen verbunden. Das
einzelne Pulverkorn wird mit einer Umhüllung aus
Polyvenylacetat versehen. Beim Pressen des Treibmit-
telkörpers verbindet diese Schicht die Pulverkörner.
Die Befestigung des Geschosses im Treibmittel-
körper wird auf verschiedene Weise erprobt. Es werden
eingepreßte Geschosse, eingeklebte Geschosse und durch
Halterillen verankerte Geschosse untersucht (Bild 39).
Bild 40: Patrone mit Einsenkungen für gefederte Haltebolzen.
Bild 43: Erosion am Verschluß.
Studien im Jahr 1972
Die rechteckige Form der Patrone hat den Vorzug,
daß eine größere Anzahl Patronen im Magazin unterge-
bracht werden kann. Ein Greifer entnimmt die Patrone
dem Magazin und führt sie dem Patronenlager zu. Dies
geschieht mit großer Geschwindigkeit. Damit die Patro-
ne nicht aus dem Greifer springt, erhält sie vier Einsen-
kungen, in die gefederte Bolzen greifen (Bild 40 und
Bild 41, oben ). Eine Fortentwicklung des Jahres 1972
ist der federbelastete Greifer ohne Bolzen (Bild 41,
unten ), der den gesamten Preßling umfaßt. Das macht
eine Umgestaltung des Preßlingkörpers notwendig
(Bild 42).
Bild 44: Versuchswaffe mit seitlichem Ladehebel.
Noch ist der Schlagbolzen nicht sehr haltbar. Die
Abdichtung zwischen Schlagbolzen und Patronenlager
ist zu verbessern. 1971 waren noch überwiegend Ein-
zelschüsse abgegeben worden. Zunehmend wird bei
den Schießversuchen des Jahres 1972 mit Feuerstößen
geschossen. Dabei zeigen sich die ersten Lebensdauer-
Probleme (Bild 43).
Bild 45: Versuchswaffe mit seitlichem Ladehebel. Gehäuseoberteil entfernt.
Entzündungsversuche der magazinierten Munition haben das Waffeninnere
verschmutzt.
Bei den Musterwaffen des Jahres 1971 - sowohl
beim Schießmodell als auch bei der Schulterwaffe -
konnte der Verschluß nur mit einer Hilfsvorrichtung
gespannt werden. Dazu mußte bei jedem Laden der
Schulterwaffe das Oberteil des Waffengehäuses entfernt
werden. 1972 erhält die Schulterwaffe eine Durchlade-
einrichtung (Bild 44). Eine Kniehebelkonstruktion setzt
die große Kraft der Schließfedern auf ein praktikables
Maß herab (Bild 45).
Aus den Versuchsberichten läßt sich die technische
Entwicklung der Waffe ablesen. Daneben sind Bespre-
chungsprotokolle eine wichtige Quelle zur Geschichts-
schreibung dieser Waffe: Am 6. und 7. Februar 1973
Bild 42: Hülsenlose Patrone Kol. 4,9 mm mit Rundkopfgeschoß für Greifer
ohne Federbolzen.
informiert Heckler & Koch-Ingenieur Tilo Möller die
Vertragspartner in einer Besprechung über den Ent-
wicklungsstand der neuen Waffe. Herr Möller weist
darauf hin, daß zwei unterschiedliche Probleme zu
lösen sind: das Verschießen der hülsenlosen Munition
und die Begrenzung der Sireuung im Feuerstoß. Die
rechteckige Form der hülsenlosen Munition hat den
Vorzug erhalten, da bei dieser Form die größte Patro-
nenmenge im Ma.azin untergebracht werden kann und
die zu diesem Zeitpunkt noch seitlich angebrachte Zün-
dung besser zu orientieren ist. Die Verbesserung des
Treffercildes ist allein durch eine hohe Schußfolge nicht
zu erreichen, nur die Lafettierung hat die bisherigen
guten Ergebnisse erbracht.
Nach den Worten von Herrn Möller bereitet der
3-Schuß-Feuerstoß noch Probleme. Es kommt dabei
noch zu Funktionsstörungen, der Pulverkörper wird
zerstört - er ist noch nicht fest genug. 31
ERFAHRUNGSA USTA USCH
BUNDESREPUBLIK - GROSSBRITANNIEN
Besondere Bedeutung erhalten die Heckler & Koch-
Arbeiten an einer neuen Schützenwaffe durch eine Ver-
einbarung zwischen dem deutschen und dem britischen
Verteidigungsminister vom Januar 1973. Ziel dieser
Vereinbarung ist ein gegenseitiger Informationsaus-
tausch über die jeweiligen nationalen Entwicklungs-
arbeiten an Infanterie-Handwaffen und Infanteriemuni-
tion.
Der Informationsaustausch zwischen der BRD und
Großbritannien wird so geregelt, daß den beiden Regie-
rungen größtmöglicher Nutzen aus sich gegenseitig
ergänzenden nationalen Studien und Entwicklungsar-
beiten erwächst. Dabei arbeitet der deutsche Partner
vornehmlich auf dem Gebiet der hülsenlosen Munition,
und der britische Partner spezialisiert sich auf das
Gebiet eines optimierten konventionellen Handwaffen-
systems im Kal. 4,85 mm x 45.
Den Heckler & Koch-Ingenieuren wird bekannt,
daß in den USA alle Waffenuntersuchungen mit hülsen-
loser Munition eingestellt worden sind.
Die Zeitvorstellung des Bonner Verteidigungsmini-
steriums geht unterdessen dahin, daß die neue Schüt-
zenwaffe für hülsenlose Munition 1975 bei der NATO
vorgestellt werden kann und daß 1976 erste Waffen
erprobt werden können.
ZIEL: NATO-
ERPROBUNG
Das Kaliber 4,3 mm
Die Wahl des Kalibers 4,9 mm resultierte aus Ver-
suchen, die Dynamit Nobel 1967 mit konventioneller
Munition durchgeführt hatte16’. Der Forderung nach
einer sehr flachen Flugbahn entsprach dieses Kaliber
noch nicht. 10 Zentimeter Gipfelhöhe sind auf 300
Meter Schußentfernung gefordert, 21 cm Gipfelhöhe
des 4,9 mm-Geschosses sind unzulässig viel.
Eine Kaliberreduzierung auf 4,3 mm kommt mit
12 Zentimeter Gipfelhöhe schon sehr nahe an den
geforderten Wert heran. Die Kaliberreduzierung
erscheint daher unumgänglich. Zusammen mit der
Änderung der runden Geschoßspitze in eine strömungs-
günstigere Form bietet eine Kaliberreduzierung weitere
Vorzüge: bei1 gleichbleibender Außengeometrie der
Treibmittelpreßlinge eine größere Festigkeit des Pulver-
preßkörpers, ein geringerer Mündungsimpuls sowie ein
geringerer Rücklaufweg des Systems. Der Einbau eines
Leuchtsatzes in das doch sehr kleine Geschoß des Kali-
bers 4,3 mm erscheint noch möglich. Während der
Besprechung vom 6. und 7. Februar 1973 fällt die Ent-
scheidung für das Kaliber 4,3 mm.
Die Festlegung auf dieses Maß ist nicht zufällig. Es
kann auf die Laufgeometrie der zu diesem Zeitpunkt
kleinstkalibrigen Jagdpatrone .17 Remington zurückge-
griffen werden. Die Mündungsgeschwindigkeit von
1200 m/s der Hülsenpatrone dieses Kalibers läßt auch
für eine hülsenlose Patrone gute außenballistische Lei-
stungen erwarten. Außerdem sind Geschosse in diesem
Kaliber vorhanden, es erscheint aussichtsreich, daß das
Kaliber .17 auch ein zukünftiges US-Standard-Kaliber
werden könnte (Bild 46).
Bild 46: Mit Sorgfalt vergleicht Dynomit Nobel kleinkolibrige Geschosse.
32
Die Reduzierung des Kalibers bedeutet für die
Dynamit Nobel AG und für Heckler & Koch ein gehöri-
ges Stück Arbeit. Heckler & Koch fertigt neue Preß-
werkzeuge für die Pulverpreßlinge, außerdem sind
neue Läufe und die zugehörigen Hämmerdome zu kon-
struieren und zu fertigen. Der vorhandene Gasdruck-
messer wird umgebaut, erweist sich aber nicht als op-
timal und wird durch neu konzipierte Gasdruckmesser
ersetzt (Bild 47).
Bild 47 Gosdruckmesser für die hülsenlose Munition Kol. 4,3 mm.
Am 13. April 1973 findet in Stadeln eine Vor-
führung statt, die zu einer neuen Konzeption der Muni-
tion führt. Heckler & Koch hat Vorbehalte gegen die
beabsichtigte Reduzierung des Kalibers auf 4,3 mm, da
hierdurch die Fortführung der Studienarbeiten um
Monate verzögert wird.
Im Sommer 1973 hat Dynamit Nobel die Geschoß-
fertigung auf das Kaliber 4,3 mm umgestellt, so muß
Heckler & Koch nachziehen und das Waffenkaliber
reduzieren. Ende August 1973 sind die ersten Rohre im
Kaliber 4,3 mm fertiggestellt.
Der Studienauftrag vom März 1973
Im März 1973 kommt ein neuer Vertrag zwischen
dem Verteidigungsministerium und Heckler & Koch
zustande. Das Ziel ist sehr allgemein formuliert: „Kine-
matik und Treffgenauigkeit einer Waffe für hülsenlose
Munition“. Die dem Vertrag angehängte technische
Aufgabenstellung führt dagegen recht präzise die einzel-
nen Ziele der Untersuchung auf:
1. Optimierung des Patronenlagers,
2. Umgestaltung der Zuführeinrichtung,
3. Selbstentzündung,
4. Treffwahrscheinlichkeit,
5. Schußfolge,
6. Ermittlung der Ursache für die Streuung im Einzel-
schuß und beim Feuerstoß,
7. Berichterstattung über die Versuchs- und Studiener-
gebnisse.
Die Zielsetzung des Verteidigungsministeriums zur
Lafettierurg ist noch nicht endgültig formuliert: Im Vor-
feld des Vertrages vom 27. März 1973 ist das Verteidi-
gungsministerium der Ansicht, daß die Lafettierung ent-
fallen kann und die Forderung nach der hohen Treff-
wahrscheinlichkeit unberücksichtigt bleiben soll. Dies
steht allerdings im Widerspruch zum Arbeitsplan, der
im Oktober 1972 zwischen dem Bundesverteidigungs-
ministerium und Heckler & Koch über die Fortführung
der Arbeiten festge'egt worden ist. Heckler & Koch
erklärt sich zu der neuen Zielsetzung bereit und will
eine Waffe mit reduzierten Forderungen auf eigene
Kosten weiterentwickeln.
Diese Überlegung w.rc hinfäüig, da im Vertrag
vom 27. März 1973 doch wieder die lafettierte Waffe
als Forderung erscheint
Nachteilig wird für Hec e & Koch auch - und es
verzögert die Fortführung der Arbeiten daß die Dyna-
mit Nobel AG vom Verteidigungsministerium für die
Fortentwicklung der hülsenlosen Munition und deren
weitere Fertigung zeitweilig keine Mittel bekommt.
Immerhin macht der abgeschlossene Studienvertrag mit
dem Verteidigungsministerium doch erhebliche Muniti-
onsmengen notwendig. Heckler & Koch bezieht dann
den eigenen Munitionsbedarf für die Studie gegen
Bezahlung von Dynamit Nobel.
16) Siehe dos Kapitel "Erste Entwürfe". Die Anweisung des Verteidigungsministeriums
an das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung zur Einleitung der Entwicklung
vom 14. Juni 1974 gibt nur einen Kaliberbereich von 4 bis 5 mm vor
33
„FREMDFORSCHUNGEN“
Der Studienvertrag vom März 1973 fordert, daß
die Ursachen der Streuung untersucht werden. Dazu ist
eine apparatetechnische Ausstattung notwendig, die in
der Arbeitsgruppe für ballistische Forschung der Fraun-
hofer-Gesellschaft e.V. in Weil am Rhein vorhanden ist.
Das Verteidigungsministerium empfiehlt die Einbindung
dieses Forschungsinstituts in die Studienarbeiten.
Bild 49: Alfred Weisser, der die ersten grundlegenden Konstruktions-
arbeiten an der neuen Waffe durchgeführt hat.
Heckler & Koch beauftragt das Forschungsinstitut
mit der Durchführung der Versuche und stellt Munition
und zwei Waffen zur Verfügung:
1. Lafettierte Waffe hoher Schußfolge zum Verschießen
der Patrone 9 mm x 19 mit 3-Schuß-Feuerstoßeinrich-
tung (Bild 48, 49 und 50),
2. Lafettierte Waffe für hülsenlose Munition zum Ver-
schießen einer hülsenlosen Patrone im Kaliber 4,9 mm
(Bild 51).
Bild 50: Lafettierte Waffe hoher Schußfolge im Schießgestell, Kal. 9 mm x
19. Basis der Waffe ist der Verschluß der Pistole VP 70. Mit dieser Waffe
führt die Fraunhofer-Gesellschaft, Arbeitsgruppe für ballistische Forschung
Beschußversuche zur Untersuchung der Treffwahrscheinlichkeit durch.
Bild 48: Lafettierte Waffe Kol. 9 mm x 19 zur Untersuchung der Streuung
durch die Fraunhofer-Gesellschaft, Arbeitsgruppe für ballistische Forschung in
Weil am Rhein. Angebaut ist ein Reflexvisier mit unterem Einblick.
34
Wacb.a Kankurrentenl
Unterdessen schläft die Konkurrenz nicht. Diehl
und Mauser entwickeln gleichfalls Gewehre für hülsen-
lose Munition.
Ingenieur Politzer hat bei der Firma Diehl im
August 1970 die 3-Einzelschuß-Einrichtung realisiert.
Bei einer späteren Serienfertigung wird Heckler & Koch
die Firma Diehl nicht als Konkurrenten haben, da
bekannt wird, daß sich Diehl nicht an der Serienferti-
gung einer Waffe für hülsenlose Munition beteiligen
wird.
Dem Verteidigungsministerium kann die Konkur-
renz der beiden anderen Studienfirmen nur recht sein,
da hierdurch eine Summe von Problemlösungen zusam-
menkommt, die in die Entwicklung der neuen Waffe
einzubringen sind.
In den USA finden auch Entwicklungsarbeiten an
hülsenloser Munition statt, es wird den Heckler &
Koch-Ingenieuren bekannt, daß dort die Patronenlager-
abdichtung unlösbare Probleme bereitet.
Treffen der Nationalen Rüstungsdirektoren
(CNAD)
Im Oktober 1973 werden sich die Nationalen
Rüstungsdirektoren (CNAD)17’ der NATO-Länder tref-
fen. Diese Konferenz ist für Heckler & Koch von außer-
ordentlicher Bedeutung, ist man doch in Fachkreisen
der Ansicht, daß bei dieser Sitzung die Frage beraten
wird, ob die Bundesrepublik als Pilotland für eine neue
Infanteriewaffe einer NATO-Standardisierung und
damit einer weiteren Verbreitung der 5,56 mm-Patrone
zustimmt oder als bessere Alternative eine Waffe für
hülsenlose Munition einführen wird.
Entscheidet sich die Bundesrepublik für eine hül-
senlose Munition, so werden vorausSiCirüiCu in /zwei-
einhalb Jahren 50 Waffen zur Verfügung stehen müs-
sen, die soweit ausgereift sind, daß sie Erprobungen auf
internationaler Ebene standhalten.
Das Ergebnis dieser Sitzung ist dann doch etwas
anders als erwartet: Auf der Sitzung wird der Vorschlag
unterbreitet und abgestimmt, in einem Vergleichs-
schießen festzustellen, ob neue Technologien gegenü-
ber konventionellen Waffen Vorteile aufweisen können.
Zunächst soll daran beteiligt sein: Großbritannien mit
einem Gewehr Kal. 4,85 mm in „Bullpup-Konfigurati-
on“, d.h. Magazin hinter dem Griffstück angeordnet
und dadurch geringere Waffenlänge, Belgien mit einer
Waffe im Kal. 3,5 mm mit Plastik-Hülsenpatrone und
Deutschland mit der Waffe für hülsenlose Munition.
Das 5,56 mm-US-Gewehr und ein 7,62 mm-Gewehr -
beide für konventionelle Munition - werden als Ver-
gleichswaffen dienen. Später werden sich diese Zielset-
zungen ganz wesentlich ändern.
Das Verteidigungsministerium geht im August
1973 davon aus, daß Großbritannien das erste Land
sein wird, das ca. 1980 eine neue Waffe einführen
wird. Das FA-MAS-Gewehr Frankreichs im Kal. 5,56
mm gilt als Übergangslösung. Als Entwicklungsziel
Großbritanniens wird eine modernisierte Waffe im
EM 2-Stil, Kaliber 4,85 mm angenommen, die jedoch
von der Bundesrepublik und den USA abgelehnt wird.
Die USA werden keine Waffe für hülsenlose Munition
einführen.
17) CNAD = Conference of the National Armament Directors, seit 1966 zentrales
Forum des NATO-Bündnisses für die Rüstungszusammenarbeit.
35
HECKLER & KOCH,
DIEHL UND MAUSER
Am 23. August 1973 findet im Verteidigungsmini-
sterium eine Sitzung statt, bei der alle an der Studie be-
teiligten Firmen ihre Konzepte auf den Tisch legen.
Das Verteidigungsministerium beurteilt die Entwür-
fe der anderen Firmen:
Bild 52: AAouser-Versuchswoffe für hülsenlose Munition.
Foto: Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung - Wehrtechnische Studien-
36 Sammlung
Diehl-Konzeption
„Die in den zurückliegenden Jahren verfolgte Waf-
fenkonzeption mit einem 2-Schieber-Systerri, bei dem
Geschoß und Treibmittelkörper getrennt zugeführt wer-
den, und die mit einem zwangsgesteuerten Wendelma-
gazin versehen ist, läßt sich für eine truppenbrauchbare
Waffe nicht realisieren18*. Die daraufhin vorgenommene
Änderung zu einem 1 -Schieber-System mit einteiliger Pa-
trone führt ebenfalls nicht zum Erfolg. Beide Ausführun-
gen werden von der Firma Diehl praktisch selbst verwor-
fen. Aus diesen Gründen wurde als neuartige Variante
eine Waffe mit exzentrischem Drehschieber-Verschluß
und Stangenmagazin konzipiert. Da diese Konzeption je-
doch nur eine geringe Schußfolge zuläßt und durch die
Magazinanordnung nicht zum Lafettieren geeignet ist,
wurde als beste Konzeption eine Drehschieberverschluß-
Waffe in Verbindung mit 3 Rohren vorgeschlagen.
Die bei allen Waffentypen verwendete Munition ist
nur teilhülsenlos, da der Boden und das Zündhütchen
aus Messing bestehen.“
Mauser-Konzeption
„Die Firma stellte auf dem Papier gleichfalls mehre-
re Varianten vor, die praktisch alle auf einem Trommel-
prinzip aufgebaut waren. Eine dieser Versionen ent-
spricht dem Prinzip der DEFA-Kanone und erlaubt eine
Schußfolge von 2 500 Schuß pro Minute. Auch bei die-
ser Waffe ist praktisch identisch mit dem Konzept der
Firma Diehl ein zwangsgesteuertes Wendeimagazin vor-
gesehen. Da dieses Prinzip eine zu niedrige Schußfolge
aufweist und sich nicht lafettieren läßt, stellt es kein
brauchbares Konzept dar.
Eine weitere Version war eine dreiläufige Waffe mit
einem igelartigen Trommelmagazin, das von hinten in
die Waffe eingeführt wird, mit einem Durchmesser von
ca. 120 mm, und maximal 50 Patronen faßt.
Bemerkenswert ist, daß bei der Firma Mauser ver-
sucht wurde, in die erstgenannte Waffe einen reinen
Massenverschluß einzubauen, der nach deren Aussage
27 m/s Rücklaufgeschwindigkeit erreicht.
Als neues Kaliber bei allen Mauser-Konzeptionen ist
4 mm vorgesehen. Die Patronen stellen ebenso wie bei
der Firma Diehl nur teilhülsenlose Munition dar. Wie
weiterhin angegeben wurde, hat Mauser bis dahin ca.
160 Schuß geschossen19*.“
18) Immerhin erreicht diese Versuchswaffe mit einem 3-Schuß-Feuerstoß eine Kadenz
von 2000 Schuß pro Minute.
19) Heckler & Koch dagegen ca. 1000 Schuß.
1 1a 1b
20
16
19a
U
11
2
Nachdem die Teilnehmer dieser Besprechung ihre
Systeme vorgestellt haben, diskutiert man diese. Die
dreiläufigen Systeme werden verworfen, das Trommel-
prinzip von Mauser (Bild 52 und 53) könnte aussichts-
reich sein. Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums
genügt keines der drei vorgestellten Firmenkonzepte den
Forderungen; keines der Waffenkonzepte ist militärisch
realisierbar. Das Verteidigungsministerium schlägt des-
halb eine Kooperation der beteiligten Firmen vor. Nur so
erscheint es der Hardthöhe möglich, die Ziele der Bun
desrepublik im Rahmen der europäischen Arbeiten zur
Entwicklung einer neuen Schützenwaffe terminlich zu
verwirklichen. Außerdem hält das Verteidigungsministe-
rium einen Zusammenschluß aus finanziellen Gründen
für dringend erforderlich.
Das Management für den gesamten Studienkom-
plex soll dabei in die Hände der Firma Mauser gelegt
werden, da nach Auffassung des Verteidigungsministeri-
ums nur dieses Unternehmen aufgrund des MRCA-Pro-
jektes die für ein derartiges Management erfahrenen
Mitarbeiter habe.
Dieses überraschende Umdenken der Hardthöhe
kann nicht im Interesse von Heckler & Koch sein. Sehr
deutlich legt Geschäftsführer Alex Seidel seine Vorstel-
lungen auf den Tisch.
Er erwähnt, daß die anfängliche Hauptforderung
des Verteidigungsministeriums lautete: „Verschießen
hülsenloser Munition“. Dann sei sofort als gleichrangig
das „Halten im Feuerstoß“ hinzugekommen. Dies habe
bei Heckler & Koch Versuche mit einem lafettierten Sy-
stem ausgelöst - Arbeiten, die gewissermaßen als Neben-
studie betrieben wurden. Als drittes sei der sehr ver-
ständliche Wunsch der Truppe nach einer handlichen
Waffe hinzugekommen. Mit diesen nachgezogenen For-
derungen sei der Rahmen einer Studie gesprengt wor-
den.
Nach seiner Ansicht ist auch die Abwicklung des
MRCA-Projektes nicht vergleichbar mit der Einführung
einer Schützenwaffe der zweiten Generation. Wegen
des Termindrucks erklärt Alex Seidel jedoch die Bereit-
schaft zur Zusammenarbeit.
Heckler & Koch kann in dieser bedeutsamen Sit-
zung das Konzept einer Waffe mit Walzenverschluß vor-
legen (Bild 54). So treffen Verteidigungsministerium
und Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung ge-
meinsam die Entscheidung, das Konzept des Heckler &
Koch-Rotationsverschlusses für die weitere Studien- und
Entwicklungsarbeit auszuwählen, da es die größten Er-
folgsaussichten hat, alle Forderungen zu erfüllen. Die
Entwürfe von Mauser und Diehl (Bild 55, 56 und 57)
werden fallengelassen.20’
9 10
8
17
7d
7
Bild 53: Mauser-Versuchswaffe für hülsenlose Munition. Zeichnung zum
Potent Nr. 2313591 vom 19.3.1973.
—16
7 a
19
An den gesamten Beratungen nimmt nun das Bun-
desamt für Wehrtechnik und Beschaffung teil, da letzt-
lich diese Behörde nach Abschluß der Studienphase den
Entwicklungsauftrag erteilen wird.
Für die Heckler & Koch-Ingenieure ergibt sich die
Notwendigkeit, mit Nachdruck an der Entwicklung
ihres Konzeptes zu arbeiten, existiert doch der Walzen-
verschluß erst als Entwurf. >
(Zufuhrposition)
Aus wurfÖffnung
Bild 54: Erste Prinzipdor-
stellung des Walzenver-
schlusses (ous dem ersten
Zwischenbericht des Studi-
envertrages vom 27. Mörz
1973, der Zwischenbericht
ist im Juli 1973 erstellt
worden).
Bild 56: Diehl-Experimentalwaffe für zweiteilige hülsenlose Muni-
tion Kol. 5,56 mm. Rücklaufender Woffenmechanismus mit 120-
Schuß-Mogazin. Foto: Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaf-
fung - Wehrtechnische Studiensommlung
Schlagbolzen \Mehrvök
Bild 55: Diehl-Wen-
delmogozin mit ge-
trennter Zuführung
der Geschosse und
der Treibmittelkör-
per. Zeichnung ous
Potent Nr.
2010554 vom 6.
3.1970.
Rg. 1
Bild 57: Diehl-Walzenver-
schluß. Zeichnung aus Po- fcA
tent Nr. 2401543 vom
14.1.1974.
Fig la o
20) Bisher hotte seitens des Verteidigungsministeriums Herr Buder dieses Projekt be-
treut. Als erste Aktivität nimmt Herr Minberg on dieser Sitzung teil. Im Oktober 1973
verläßt Herr Boder dos Verteidigungsministerium, und Herr Minberg tritt seine Nachfolge
on. Herr Bühler geht im Mörz 1974 in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Ministerial-
rat Schopen.
37
ZIELSETZUNGEN FÜR
IQ73
In den vorausgegangenen Versuchen und Studien
hatten die Heckler & Koch-Ingenieure die grundsätzliche
Realisierbarkeit einer Waffe für hülsenlose Munition
nachweisen können. Ein neues Waffenmodell der Ent-
wicklungsreihe - offenbar das allererste Baumuster des
Walzenverschlusses - hat Heckler & Koch am 17. und
18. Juli 1973 einem leitenden Beamten des Verteidi-
gungsministeriums in Oberndorf vorgestellt. Notfalls ist
Heckler & Koch bereit, eine eigene Entwicklung auch
ohne Auftrag des Verteidigungsministeriums zu betrei-
ben. Dynamit Nobel würde sich auch unter diesen Um-
ständen bereit erklären, weiterhin Heckler & Koch mit
hülsenloser Munition zu beliefern.
In einer Unterredung am 4. September 1973 zwi-
schen leitenden Mitarbeitern von Heckler & Koch und
Dynamit Nobel fällt die Entscheidung, wie zukünftig die
hülsenlose Munition auszusehen hat. Die Patrone wird
ein Geschoß im Kaliber 4,3 mm mit Ogivalspitze haben.
Die Anfangsgeschwindigkeit wird auf 1 200 m/s festge-
legt.
Bei dem Entwicklungsvorsprung, den Heckler &
Koch durch die vorausgegangenen Studien auf dem Ge-
biet der hülsenlosen Munition hat, ist natürlich deren
Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den konkurrieren-
den Unternehmen Mauser und Diehl gering, zumal das
Verteidigungsministerium weniger eine einzelne Firma
als vielmehr den Leiter einer angestrebten Gemein-
schaftsentwicklung bei allen Beratungen in der NATO
oder in sonstigen Ausschüssen als Vertreter der deut-
schen Industrie benennen will. Heckler & Koch sieht
hierin eine Einschränkung der Firmeneigenständigkeit
und eine Zurücksetzung der eigenen Entwicklungserfol-
ge.
Es ist wohl ganz besonders amerikanischer Unter-
stützung zu verdanken, daß bei einer NATO-Arbeitsta-
gung in Brüssel Anfang November 1973 die Bundesrepu-
blik zur Pilotnation der Entwicklung einer neuen Schüt-
zenwaffe der zweiten Generation ernannt wird.
Die neue Waffe, das Heckler & Koch-Modell für hül-
senlose Munition, soll den NATO-Partnern im April
1977 in ausreichender Menge für die im Oktober 1973
beschlossene Vergleichsuntersuchung der NATO ausge-
liefert werden.
Teamarbeit
Die zweite Jahreshälfte 1973 ist geprägt von einer
optimistischen Zukunftserwartung der Heckler & Koch-
Ingenieure. Es ist eine Gruppe hochtalentierter Kon-
strukteure und Praktiker mit jahrelanger Erfahrung in
38 der Entwicklung moderner Handfeuerwaffen.
Bild 58: Links: Herr Epp, der Leiter der HK-Versuchswerkstott.
Rechts: Herr Schäfer; bei vielen Woffenvorführungen demonstriert er die
Treffsicherheit der HK-Waffen.
Als Chef der Wehrtechnik-Entwicklungsabteilung
ist Tilo Möller von Anfang an für die neue Waffe und
deren hülsenlose Munition verantwortlich. Der Entwick-
lungsgruppe gehören an: Herr Kästner, Herr Katzmaier,
Herr Wössner. Später kommt noch Herr Jakubaschk
hinzu.
Man wird später die konstruktive Durcharbeitung
des G 11 -Gewehrs in drei Epochen einteilen, die Einzel-
zeiträume sind durch Projektleiter geprägt: Unter der
Leitung von Herrn Ketterer entsteht die Walzenumset-
zung durch Steuerschieber, als nächster bringt Herr Ja-
kubaschk seine berufliche Erfahrung aus der Büroma-
schinenbranche ein. Unter seiner Ägide entstehen der
Rotationsantrieb und das Gleichdickgetriebe. Herr Wei-
chert bringt ähnliche Erfahrungen ein, unter seiner Lei-
tung erhält die Waffe in Hinblick auf die spätere Serien-
fertigung den endgültigen Entwicklungsstand.
Dem Konstruktionsbüro ist eine Versuchswerkstatt
angegliedert (Bild 58). Dort arbeiten 50 ausgebildete
Mechaniker, die größtenteils die Meisterqualifikation
haben. Die Versuchswerkstatt selbst ist mit dem mo-
dernsten Maschinenpark ausgerüstet, der ein autarkes
Arbeiten auf dem gesamten Gebiet der spanlosen und
spanabhebenden Fertigung ermöglicht (Bild 59 und 60).
Darüber hinaus ist die Möglichkeit gegeben, die
Waffenfertigungseinrichtungen des Unternehmens auf
Teilgebieten mit heranzuziehen. Dadurch können kurz-
fristig Rohre beliebigen Kalibers gefertigt werden (Bild
61 und 62). Die Härterei und der Werkzeugbau des Un-
ternehmens stehen den Studienarbeiten zur Schaffung
einer neuen Waffe für die hülsenlose Munition zur Ver-
fügung.
Bild 59: Waffengehöuse-Prögen.
Bild 62: Einrichten der Rohrhämmer-Maschine.
Im Labor arbeiten die Herren Streckfuß, Rall,
Wemz, Hertweck an der neuen Waffe. Zur Erprobung
und Überprüfung stehen sieben gedeckte Schießstände
zur Verfügung und ein Freischießstand über 600 Meter
(Bild 63 und 64).
Bild 65: Konstruktionsobteilung des Dynamt-Nobel-Technikums in Stadeln. Hier wird die hölsenlose Munition optimiert.
Der Entwicklungspartner Dynamit Nobel ist
gleichermaßen mit modernster Ausstattung versehen
(Bild 65):
• Technikum für Zündmittelentwicklung mit Laborier-
anlage,
• Zündmittelprüflabor,
• Mechanische Werkstatt zur Werkzeugherstellung,
• Schießbahnen bis 500 Meter Länge mit Möglichkei-
ten innen- und außenballistischer Messungen,
• Ballistisches Meßlabor mit der Ausstattung zur Hoch-
geschwindigkeitskinematographie, Funkenblitztech-
nik, Zielballistik für Weichziele sowie mit der Ausstat-
tung zur Erfassung von innen- und außenballistischen
Größen und Waffenfunktionen (Bild 66),
• Technikum zur Munitionsentwicklung mit Laborier-
anlage,
• Umweltprüflabor,
• Kunststoff-Prüflabor,
• Werkstoff-Prüflabor für mechanische, spektralanalyti-
sche und metallographische Untersuchungen.
21) Der Serienfertigung vorgefagerte Forsdwngs- und Entwicklungsabteilungen gelten
bei Dynamit Nobel als 'Technikum'.
Bild 66: Auswertung der innen- und außenballistischen Meßwerte in der Be-
schußabteilung der Dynamit Nobel AG.
40
BILANZ DER FRÜHEN
STUDIENARBEITEN
Einzelne Problemstellungen waren in besonderen
Studien untersucht worden, so:
• Optimierung des Patronenlagers,
• Umgestaltung der Zuführeinrichtung,
• Selbstentzündung,
• Treffwahrscheinlichkeit,
• Schußfolge.
Die technische Aufgabenstellung dieser zurück-
liegenden Studien gliederte sich wie folgt:
1. Optimierung des Patronenlagers
1.1 Verbesserung der Funktion und Lebensdauer der
Abdichtung,
1.2 Konstruktive und experimentelle Untersuchung
zur Auflagerampe des Patronenlagers,
1.3 Herabsetzung des Verschleißes des Patronenla-
gers durch konstruktive Maßnahmen und Werkstoff-
wahl,
1.4 Untersuchung der Lebensdauer des Schlagbol-
zens bei Dauerfeuer mit hoher Kadenz;
2. Umgestaltung der Zuführeinrichtung
2.1 Konstruktive und experimentelle Untersuchung
zur Herabsetzung der Beschleunigung bei der Zu-
führung der hülsenlosen Patronen,
2.2 Berechnung und Messung der Beanspruchung
der Munition bei der Zuführung,
2.3 Berechnung und experimenteller Nachweis der
maximal zulässigen Kadenz;
3. Selbstentzündung
3.1 Messung der beim automatischen Schießen am
Pulverkörper auftretenden Temperatur,
3.2 Konstruktive und werkstoffseitige Maßnahmen
zur Vermeidung der Selbstentzündung,
3.3 Ermittlung der zulässigen Schußzahl, die ohne
Gefahr der Selbstentzündung bei ungünstigen Um-
welteinflüssen (Sonneneinstrahlung und hohe
Außentemperatur) in rascher Folge abgegeben wer-
den kann;
4. Treffwahrscheinlichkeit
4.1 Untersuchung der Treffwahrscheinlichkeit der
einzelnen Feuerarten und Auswahl der optimalen
Feuerart unter Berücksichtigung der zur Bekämp-
fung des Ziels zur Verfügung stehenden Zeit und des
Munitionsverbrauchs,
4.2 Einfluß der Anschlagart auf die Lage des mittle-
ren Treffpunktes,
4.3 Untersuchung einer einheitlichen festen Visier-
einstellung (Kampfvisier) für alle Feuerarten (Einzel-
feuer, Dauerfeuer, Feuerstoß) bis zur maximalen
Reichweite,
4.4 Auswirkungen verschiedener konstruktiver
Merkmale der Waffe und der Lafettierung auf die
Treffgenauigkeit;
5. Schußfolge
In Abhängigkeit von der Lagerung der Waffe in
einer Schulterlafette ist der Einfluß der Schußfolge
auf die Treffgenauigkeit zu untersuchen.
6. Ermittlung der Ursache für die Streuung beim Ein-
zelschuß und beim Feuerstoß.
7. Berichterstattung
Vierteljährlich sind Zwischenberichte vorzulegen,
die folgendes beinhalten: Berechnung, Konstrukti-
onszeichnung, Bilddokumentation, Versuchsergeb-
nisse, Schlußfolgerungen und Vorschläge für weite-
res Vorgehen.
41
BRD WIRD PILOTNATION EUR DIE
HÜLSENLOSE TECHNOLOGIE
42
Die Entscheidung der CNAD für die Zulassung der
neuen Technologie der Bundesrepublik22' und damit die
Entscheidung für die Waffe von Heckler & Koch wird
von der Geschäftsleitung und den Mitarbeitern als Her-
ausforderung und Chance verstanden, besteht doch die
begründete Hoffnung, daß die Heckler & Koch-Waffe
eines Tages auch bei den NATO-Partnern eingeführt
wird.
1977 werden auf NATO-Ebene Erprobungen statt-
finden mit dem Ziel, neben der 7,62 mm-Standardmuni-
tion eine zweite, kleinere und leichtere Munition zu nor-
mieren. Zu diesen Erprobungen will die Bundesrepublik
schußtüchtige Waffen für hülsenlose Munition bereit-
stellen. Das Zeitkorsett ist somit eng geschnürt - wollen
die Heckler & Koch-Ingenieure die gesetzten Ziele errei-
chen, so gilt es, sich modernster Methoden des Pro-
jektmanagements zu bedienen. Um die einzelnen Ent-
wicklungsschritte in den Griff zu bekommen, setzt
Heckler & Koch das Netzplan-Verfahren ein.
Die Finanzmittel für die vorausgegangenen Studien-
aufträge sind im August 1973 aufgebraucht. So führt
Heckler & Koch einstweilen die Entwicklungsarbeiten
auf eigene Rechnung fort.
Am 15. Februar 1974 endet der laufende Teilstudi-
enauftrag. Das Oberndorfer Unternehmen strebt an,
einen neuen Studienauftrag zu bekommen - besser noch,
mit dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
einen Entwicklungsauftrag für eine Waffe mit hülsenlo-
ser Munition abschließen zu können.
Die bisherigen Aufträge des Verteidigungsministeri-
ums sind Studienaufträge zur Prüfung und Untersu-
chung der Realisierbarkeit des neuartigen Waffenprin-
zips. Im Vorfeld eines Entwicklungsauftrages zum Bau
von Versuchsmodellen der neuen Waffe findet am 18.
und 19. Dezember 1973 bei Heckler & Koch eine Be-
sprechung mit leitenden Beamten des Verteidigungsmi-
nisteriums und des Bundesamtes für Wehrtechnik und
Beschaffung sowie den beteiligten Firmen (Heckler &
Koch, Dynamit Nobel AG, Hensoldt/Wetzlar, ABF/Weil
am Rhein) sowie mit Mitarbeitern der Erprobungsstelle
91 der Bundeswehr in Meppen statt. Heckler & Koch
znn dokumentieren, daß im Unternehmen auf breiter
Basis intensiv am Gesamtproblem gearbeitet wird und
c - r & Koch sich nicht einer sinnvollen kooperativen
.—jybeit mit anderen Firmen verschließt. Es be-
für :as Unternehmen die Hoffnung, zukünftig als
Finna mit der Fortführung der begonnenen Ver-
sucre £ nmgi zu werden.
22 Mr Hotionoien Rüstungsdirektoren (CNAD)".
Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
signalisiert in dieser Besprechung, daß im Verlauf des
Jahres 1974 eine fertige Waffe vorliegen muß - 1975
müssen erste Erprobungswaffen bereitstehen.
Mit welchem Nachdruck auch auf europäischer
Ebene an der Entwicklung einer zukünftigen Infanteries-
chützenwaffe gearbeitet wird, beweist eine FINABEL-
Munitionserprobung in England im September 1974.
Novum: Der Walzenverschluß
Vom Frühjahr 1973 ab verfolgen die Heckler &
Koch-Ingenieure die Idee einer anderen Verschlußbau-
form. Nicht mehr mit einem starr verriegelten Zylinder-
verschluß, sondern mit einem Walzenverschluß sollen
die geforderten Leistungen des
„neuen Gewehrs1
werden (Bild 67).
Bild 67: Schnitt durch Walze
und Dichtung von Prototyp 0,
belastet mit 125 Schuß.
erreicht
Wie kaum eine
andere Bauform eig-
net sich der Walzen-
Verschluß für eine
schnellfeuernde Waffe mit
kurzen Zuführwegen. Gerade
mit dieser Bauform läßt sich die gefor-
derte Gasdichtigkeit erreichen. Heckler & Koch läßt sich
den Walzenverschluß am 21. März 1974 patentrecht-
lich schützen (Bild 68).
Die Idee dieser Bauform stammt von Herrn Möller,
Herr Kästner hat den Walzenverschluß auf dem Zeichen-
brett ausgearbeitet.
Liegt das Grundprinzip „Walzenverschluß“ fest, so
fordert die zwangsgesteuerte Drehung dieses Bauteiles
die Innovationskraft der Heckler & Koch-Konstrukteure.
Herr Katzmaier läßt als Muster eine Walze mit Bund an-
fertigen. In diesen Bund ist eine Steuerkurve gefräst.
Über der Walze ist ein Schieber geführt mit einem Bol-
zen, der in eine Steuerkurve des Bundes eingreift. Hin-
und hergehende Bewegungen des gaskolbengesteuerten
Bleches sollen die Walze drehen. Als Handmodell funk-
tioniert diese Problemlösung. Herr Ketterer entwickelt
diesen Vorschlag weiter und kehrt die Elemente um: Der
Bolzen sitzt nun seitlich an der Walze, und der Schieber
trägt die Steuerkurve (Bild 69).
Die Waffe soll eine Kadenz von 2 000 Schuß/Minu-
te erreichen. Wie die Walze bei diesen ultraschnellen
Abläufen zu steuern ist, welche Vorlaufgeschwindigkei-
ten des Steuerschiebers möglich sind und wie die Steuer-
kurve zu gestalten ist, erproben die Heckler & Koch-Kon-
strukteure an einem Antriebsmodell (Bild 70).
Die Funktionsteile der Waffe mit dem Walzenver-
schluß sind zur Jahreswende 1973/74 in der Detailkon-
struktion. Für den März 1974 ist ein erstes vollautomati-
sches Schießen vorgesehen. Im April 1974 soll die fertige
Waffe vorgesteilt werden können. Noch schießt die
Waffe kein störungsfreies Dauerfeuer. Während des
ganzen Frühjahrs 1974 arbeitet Heckler & Koch mit
Nachdruck an der Beseitigung dieser Schwierigkeiten.
Erst wenn die Waffe störungsfrei Dauerfeuer schießt, ist
die Realisierbarkeit des Konzeptes dieser Waffe nachge-
wiesen.
Der durchaus brauchbare Entwicklungsstand der
neuen Waffe wird Anfang März 1974 von Projektleiter
Tilo Möller beschrieben:
AKSTltACT
[561
Fletcher
# 31
Bild 68: Dos amerikanische Potent des Walzenverschlusses Es entspricht dem
deutschen Potent Nr. 2413615.
n,ted States Patent
Kastner et al
10.520
39.232
*.294.636
2.976,77c
42/9
42/9
42/9
«9/33 MC
«9/155
1
1^5] Invento
Underwood
APPLICATIONS
42/9
»2/59
42/9
3,997,994
Dec. 21 1976
POR£K -x Patents OR
7/1863
2/1919 D
3/1961
^ner, SU|2.Muhj£
Gennany
f73J Assignee: Heckler ä v x.
Germany mMf’ Oberndorf.
[22J Filed:
nn Mar-«1,1975
111 APP>- No..' 557,375
[3OI
Gcrmany
t.s. a.
g<[ Int. CI?
1581 F“M<>fSeärcf.
«/«O; 89/33 MC, 4 a
References Cited
- 42/9; 42/39.3
13 R. 17, 126, J55.’
^dSTATESPatents
ß2/!«854 Cook
6/1863
tndge The
“-hieb can be
W'hich is
-weh £
Ein Walzenverschluß gestattet durch seine extrem
kurzen Zuführwege hohe Schußfolgen mit einer hül-
senlosen Patrone im Kaliber 4,3 mm. Die Zuführung
erfolgt über ein nachladbares zweireihiges gerades
Stangenmagazin, das bis zu einer Kapazität von 100
Patronen ausgelegt werden kann. Die bereits erprobte
Abzugseinrichtung erlaubt das Schießen von Einzelfeu-
er, Feuerstößen mit einer Kadenz von 2 000 Schuß pro
Minute sowie annähernd rückstoßfreiem Dauerfeuer
mit einer Kadenz von 400 Schuß pro Minute.
Damit ist gewährleistet, daß eine auf diesem Prinzip
basierende Waffe im Rahmen einer Weiterentwicklung
zu einem truppenbrauchbaren Gewehr führt, dessen Lei-
stungsmerkmale und technische Daten den Forderungen
einer zukünftigen Infanteriewaffe entsprechen.
Bild 69
VN 5060 Die Kurven befinden sich an der Walze
VN 5088 Die verbesserten nachgefrästen Kurven befinden sich an der Walze
VN 51445/2 Die Kurven befinden sich an dem Steuerschieber
Bild 70: Antriebsmodell zur Optimierung der Wolzen-Steuerkurve. Für die deut-
liche Dorstellung der Wolze ist om Modell der vordere Steuerschieber obge-
nommen. 43
Die theoretisch ermittelten Ergebnisse werden
durch Beschußversuche an einem ersten Prototyp der
zukünftigen Waffe bestätigt (Bild 71).
Neben einem Waffensystem im Schießgestell wird
eine Schulterwaffe des Vormodells zum Prototyp 1 ge-
fertigt, die schon viele Merkmale der späteren Fol-
gemodelle aufweist (Bild 72). Unübersehbar ist
der Haltegriff unter dem Vorderschaft. Nach
Drücken eines Hebels kann mit diesem Handgriff
die Ladebewegung ausgeführt werden (Bild 73).
Diese Griffanordnung macht die Waffe auch für Links-
händer bedienbar. Eine verschließbare Öffnung hinter
dem Visier gestattet das Entladen einer nicht verschosse-
nen Patrone. Dazu hat die Waffe im Griffstück einen
Auswerfer.
Der Heckler & Koch-Bericht Nr. 301 vom 20. Juli
1974 bestätigt, daß mm ein Waffenmodell vorliegt, mit
dem funktionssicher Einzelfeuer, 3-Schuß-Feuerstoß und
Dauerfeuer geschossen werden kann. Die dabei erreich-
ten Schußfolgen sind für den 3-Schuß-Feuerstoß ca.
1 800 Schuß/Minute und für das langsame Dauerfeuer
ca. 400 Schuß/Minute. Der Berichterstatter stellt fest,
daß zu diesem Zeitpunkt mit absoluter Sicherheit davon
auszugehen ist, daß das gewählte Waffenprinzip zu einer
truppenbrauchbaren Lösung führen wird.
Bild 71: Erstes Schießmodell des Prototyp 1, Kol. 4,3 mm.
44
45
DIE ENTWICKL UNGSPHASE
--ihr»
Der Prototyp 1
Die Abkehr vom Zylinderverschluß stellt in der Ent-
wicklungsgeschichte der hier beschriebenen Heckler &
Koch-Waffe, die man später Gewehr G 11 nennen wird,
eine Zäsur dar. Dies drückt sich in der Benennung der
Versuchsmodelle aus. Alles Vorausgegangene findet sich
unter dem Rubrum Modell 0, die neue Entwicklungs-
epoche beginnt ihre Zählung mit dem Prototyp 1.
Die Waffe ist ein Gasdrucklader im Kaliber 4,3 mm
(Bild 74). Die Walzenbewegung geschieht durch Kur-
venschieber und Nocken an der Verschlußwalze (Bild
75). Im Moment der Schußauslösung dichtet der Gas-
druck die zweigeteilte Drehwalze gegen das umgebende
Verriegelungsstück ab. Noch hat die Patrone seitliche
Anzündung (Bild 76).
Die Forderungen des Lastenheftes werden von die-
ser Waffe erfüllt. Daß beim ersten Leistungsnachweis-
schießen Störungen auftreten, führt das Bundesamt für
46
Bild 76: Hülsenlose Patrone
Kol. 4,3 mm Form A.
Wehrtechnik und Beschaffung auf ungenügende mecha-
nische Festigkeit und auf maßliche Fehler von nachge-
ordneten Bauteilen zurück.
Am 14. Juni 1974 wird das Bundesamt für Wehr-
technik und Beschaffung vom Verteidigungsministerium
beauftragt, die Entwicklung der neuen Waffe einzulei-
ten. Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
muß nun aufgrund der militärischen Forderungen und
der Entwicklungsanweisung ein Lastenheft erstellen.
Dieses Lastenheft wiederum muß mit den Fachreferaten
des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung231,
dem Verteidigungsministerium, dem Heeresamt und der
Industrie abgestimmt werden. Es wird daher Anfang Ok-
tober 1974, bis der Entwurf eines Entwicklungsvertrages
vorliegt. Am 23. Dezember 1974 kommt der erhoffte
Entwicklungsvertrag zustande. Um keine Zeit zu verlie-
ren, beginnt Heckler & Koch, noch bevor der Entwick-
lungsvertrag unterzeichnet ist, mit den Entwicklungsar-
beiten.
Hochgeschwindigkeitsaufnahmen ermöglichen in
diesen Versuchen Rückschlüsse auf die Bewegungsabläu-
fe des neuen Waffensystems. Fotoaufnahmen in der
Dunkelheit dokumentieren, daß bei Beginn der Walzen-
drehung nach dem Abfeuern im Patronenlager noch ein
Restgasdruck vorhanden ist, der ins Waffeninnere aus-
bläst (Bild 77). Die Erosion im Übergangsbereich
Walze/Rohrmund ist ganz beachtlich (Bild 78). In den
folgenden Versuchsreihen wird dieses Problem gelöst.
Mit Gründlichkeit und dem sprichwörtlichen
schwäbischen Erfindergeist geht Heckler & Koch den
neuen Auftrag an. Am 8. Januar 1975 erhält das Bundes-
amt für Wehrtechnik und Beschaffung von Heckler &
Bild 78: Erosion om Mundstück der Walze bei Prototyp 1.
Koch den Netzplan mit den vorgesehenen Entwick-
lungsschritten der neuen Waffe. Monatliche Kurzbe-
richte informieren die Koblenzer Behörde über den Fort-
gang der Arbeiten.
Der Vertrag sieht vor, daß die Arbeiten im Herbst
1977 abgeschlossen sind. Danach soll der Truppenver-
such mit der neuen Waffe beginnen.
23) Die Federführung für dos Vorhoben G11 log im domoligen BWB-Referot WM II3,
spöter WM III3. Vorhobenverontwortlicher im BWB wor von Anfong on Herr Kapelle.
Schußrichtung
Jzengehäuse
Zeitlicher Bildabstand
. 0,33 ms (Belichtungszeit ca. 0,3 ms).
F i I mgeschw ind i gkei t:
, 3 000 B/s
ung eines zweiten
weglicher Wal
47
VERTRAG HECKLER & KOCH -
HENSOLDT AG
Hatte Heckler & Koch mit den vorausgegangenen
Verträgen lediglich Studien zu einer neuen Waffe durch-
führen sollen, so ist der Vertrag vom Dezember 1974 ein
Entwicklungsvertrag zu einem Gewehr für hülsenlose
Munition und schließt die Entwicklung eines entspre-
chenden Visieres ein. Die bisherige enge Zusammenar-
Reflexvisiers bei den unterschiedlichsten Beleuchtungs-
beit zwischen Hensoldt und Heckler & Koch setzt ein
Entwicklungsauftrag fort, den Heckler & Koch am 28.
Januar 1975 der Firma
Hensoldt
erteilt.
Beim Leistungsnachweisschießen des
Waffen-Prototyps 1 am 18. und 19. Dezember 1974
hatte Hensoldt zwei Ausführungen des Reflexvisiers vor-
gestellt - montiert auf ein Heckler & Koch-Gewehr HK 33
(Bild 79). Während Ausführung 1 keine Strichplattenbe-
leuchtung hat, dient Visierausführung 2 als Erprobungs-
träger zur Ermittlung der optimalen Strichplattenbe-
leuchtung mit einem Betalight - einer nuklearen Licht-
quelle (Bild 80), die in den ersten Jahren der Visierent-
wicklung mit verschiedenen Mustern verwirklicht wird.
Später macht das Verbot der Verwendung tritiumhaltiger
Lichtquellen in der Bundeswehr den Einsatz dieser Kon-
struktionslösung nicht mehr möglich.
Mit dem Entwicklungsauftrag geht eine Terminpla-
nung einher, die vorsieht, zu welchen Zeitpunkten wel-
che Visiertypen zur Erprobung bereitstehen müssen
(Bild 81). Äußerlich sehen diese Visierformen alle gleich
aus (Bild 82), doch zeigt der innere Aufbau das Bemühen
Hensoldts, eine möglichst universelle Brauchbarkeit des
Verhältnissen zu erreichen. Zur Kontrasterhöhung er-
probt Hensoldt eine Blaufärbung des Bildes und eine
Rotfärbung der Strichplatte durch Filter. Visieraus-
führung 3 wird mit verschiedenen Formen des Absehens
Bild SO: Ein fluoreszierender Acrylstab wird durch 2 Betalights angestrahlt und läßt das Absehen intensiv rot aufleuchten.
48
Bild 82: Das Vonroje^ zum Pro- * totyp 1 mit ie^eiiise im Tragegriff. Noch fertr > Air genmuschel aus Gumr Bild 81 Bild 83: Reflexvisier Ausführung 4, hier noch die schematische Grund- körperdarstellung vom 4. Oktober 1974.
Planung der Visierentwicklung vom 3. September 1974 Ausführung Stückzahl Liefertermin Visiermodelle
1 2 36. KW 1974 Ausführung nach Zeichnung SK 5073, 1 x mit Abschlußglas klar, 1 x mit Abschlußglas FG 6 2 1 50. KW 1974 Erprobungsträger zur Ermittlung der optimalen Strichplattenbe- leuchtung 3 6 17. KW / Reflexvisier mit regelbarer Strichplattenbeleuchtung wie nach 19. KW 1975 Ausf. 2 optimiert, verschiedene auswechselbare Blaufilter, 3 verschiedene Strichplatten (1 x nach FINABEL, 1 x mit Balken- kom und waagerechten Balken ohne Einteilung, 1 x nur Balken- korn) 4 6 45. KW/ Optimierte Kombination aus den Ergebnissen nach Ausführung 48. KW 1975 Zusätzliche innenliegende Blende gegen Lichtaustritt der Strichplattenbeleuchtung nach vom. 3 verschiedene Ausführungen des Lichteinfalls für das Absehen: 1. Lichteinfall direkt von vorn (bisherige Konzeption), 2. Halbkugelförmiges floureszierendes Plexiglas, 3. Lichteinfall direkt von vorn und von oben. 4 a 3 20. KW 1976 Entsprechend Ausführung 4, jedoch unter Berücksichtigung der Erprobungsergebnisse weiter optimiert 5 4 40. KW 1976 Optimierte Ausführung unter Berücksichtigung der bis dahin gewonnenen Ergebnisse 1. Vorserie 10 10. KW 1977 Mindestens entsprechend Ausführung 5 2. Vorserie 70 22. KW 1977 Entsprechend mindestens der 1. Vorserie
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49
Ansic
Bild 86: Prototyp 3 mit dem Reflexvisier
des letzten Entwicklungsstandes.
Kollimatorobjektiv
v— Teilerspiegel
— 29,5'
Bild 84: Letzter Entwicklungsstand des Reflexvisiers (Ausführung 4a).
50
Bild 85: Letzter Entwicklungsstand des Reflexvisiers (Ausführung 4a)
erprobt. Oberstes Ziel aller Bemühungen um ein brauch-
bares Reflexvisier ist eine Steigerung der Lichtausbeute.
Mit Ausführung 4 sollen verschiedene Möglichkeiten
des Lichteinfalls zur Strichplattenbeleuchtung verglichen
werden (Bild 83, 84 und 85), auch erhalten diese Ver-
suchsmuster ein Kondensorsystem mit einer halbkugel-
förmigen Sammellinse, die gegenüber der bisherigen
Konzeption wesentlich mehr Licht aufzufangen ver-
spricht. Die Strichplattenbeleuchtung mit einem Beta-
light darf nicht dazu führen, daß der Schütze vom Geg-
ner bemerkt wird, Lichtaustritt aus der Optik nach vorne
mit einer innenliegenden Blende ist nur mit hohem Auf-
wand zu verwirklichen, außerdem wird durch diese
Blende der Lichteintritt begrenzt. Als einfachere Lösung
für die Regelung der Strichplattenbeleuchtung schlägt
Hensoldt nach vorn abgedeckte Betalights vor, die in
zwei Stufen verschiedener Helligkeit eingeschwenkt
werden. Während der Sommerzeit oder beim Schießen
über hellen Schneeflächen wird ein einschwenkbarer
Kontrastfilter notwendig, der krasse Helligkeitsunter-
schiede abschirmt. Mit einem kippbaren Glaskeil reali-
siert Hensoldt die ballistische Anpassung des Reflexvi-
siers an verschiedene Schußentfernungen (Bild 86).
— Kontrastfilter
Kondensorsystem
Lichtein
tritt
Schutzscheibe
-Planplatte
Justierschraube, S.-
Strichplatte —J
65 tief
Untersch
der Ausf
Fabr.- Nr Strichplatte „d" „e“ Spektra IteUerspiegel Transmission 5<7/e bei „a" ,ye^' 500nm -520fm.^480rrm — Farbe
50279 d a grün
50280 d ß 0 grün
A 50281 e JK a grün
50282 d a grün
50283 e grün
8 1 7
O zul. Rundlaufabw. O zul. Planlaufabw. Alle nicht bemaBfen Kanten gebrochen Klassifizierungsschlüssel
m Datum Oberflächenbehandlung zul. Abw. mittel DIN 7168 Oberfläche Reihe 2 DIN 3141 MaBstab: ] J
—
197b Datum Name Reflexvisier Ausf.ta ( Ansichtszeichnung)
Beerb. l9iT he.
Cepr.
Norm
SK5190BI.3 (3)
Zust. Änderung Datum Name Ers. für: | Ers. durch:
PR0T0TYP2
Bild 87: Prototyp 2.
Noch zeigen die Versuchsmuster der Waffe Proble-
Es werden 3 Waffen des Prototypenstandes 2 gefer-
tigt (Bild 87 und 88). Die Konstruktion gleicht im we-
sentlichen dem Prototyp 1. Eine der drei Waffen hat eine
neue, verbesserte Patronenzuführung.
me. Der Prototyp 2 hat starken Funkenflug beim Öffnen
des Patronenlagers, das führt zum Entzünden des Maga-
zininhaltes. Abhilfe verspricht die Geometrieänderung
der Patrone von der Patronenform B zur Form C 1 und
eine Abdeckung des Zündsatzes mit einer Blei-Zinn-
Folie241. Solche Probleme lassen sich relativ leicht lösen.
Schwerwiegender sind die Zuführstörungen der Patrone.
Im September 1975 sind die Entwicklungsarbeiten
so weit fortgeschritten, daß eine Verbesserung des Cook-
off-Punktes in der Praxis nachgewiesen werden kann. Es
können 50 Schuß in 3-Schuß-Feuerstößen geschossen
werden, ohne daß die gefürchtete Selbstentzündung der
Patrone im heißen Patronenlager auftritt.
Den Auftrag des Bundesamtes für Wehrtechnik und
Beschaffung zur Entwicklung eines brauchbaren Geweh-
res der zweiten Generation hatte ausschließlich Heckler
& Koch erhalten. Der Konkurrent Mauser setzt ohne
Amtsauftrag in eigener Initiative und auf eigene Kosten
die Entwicklung fort. Dynamit Nobel erhält von der
Mauser-Muttergesellschaft Industrie-Werke Karlsruhe
(IWK) im Sommer 1975 einen Auftrag über die Ferti-
gung einer runden hülsenlosen Munition mit Heckzün-
dung im Kaliber 4,3 mm. Diese Bauform ist von Heckler
& Koch längst als unzweckmäßig verworfen worden, so
stellen die Bemühungen von Mauser keine Konkurrenz
mehr dar. Nachteilig ist allerdings, daß bei Dynamit
Nobel mit dem Auftrag von IWK Fertigungskapazitäten
belegt werden, die der gemeinsamen Arbeit zur Verfü-
gung stehen müßten. Nicht zu unterschätzen ist auch
die Gefahr, daß Know-how einem Dritten zugänglich
werden könnte.
24) Ab der Form A 2 hot die Patrone eine Zündsatzabdeckung, die auch den Feuchtig-
keitsschutz verbessert.
52
Bild 90: Hölsenlose Patrone Kol. 4,3 mm. Form B.
Bild 91: Hölsenlose
Patrone Kal. 4,3 mm,
FormCl.
Mit dem Vertrag vom 23. Dezember 1974 läuft par-
allel zur Waffenentwicklung die Patronenentwicklung
bei Dynamit Nobel weiter. Quaderform und die seitliche
Anzündung der Patrone sind für die einzelnen Muniti-
onsmuster dieser Vertragsdauer charakteristisch. Mit
der Patronenform A , dem ersten Munitionsmuster des
Kalibers 4,3 mm, wird die geforderte Geschoßgeschwin-
digkeit von 1 170 m/s noch nicht erreicht (Bild 89). Die
Treibladungserhöhung von 1,7 Gramm auf 2,2 Gramm
bei der Patronenform B (Bild 90) erbringt zwar eine ge-
ringfügige Geschwindigkeitserhöhung, führt aber zu un-
vollständiger Verbrennung des Pulverkörpers. Änderun-
gen der Außengeometrie des Treibladungspreßkörpers
zeigen keine besseren Resultate. Daher wird mit der Pa-
tronenform A 1 wieder auf die alte Preßlingsgeometrie
zurückgegangen. Mit dieser Patronenform A 125) wird
das Leistungsnachweisschießen des Gewehrprototyps 2
durchgeführt.
Die Patronenform A 1 führt mit geringfügigen Än-
derungen zur Form A 2 und zur schon genannten Bau-
form C 1 (Bild 91 und 92). Im Zeitraum vom September
1975 bis zum Januar 1976 liefert Dynamit Nobel 10 000
Patronen der Form C 1 an Heckler & Koch.
Die Patronenfertigung aus Nitrozellulose (NC) ent-
hält einige problematische Schritte: Das Dosieren des
Treibmittels in die Preßform ist schwierig, weil die ein-
zelnen Treibmittelkörner infolge der Beschichtung
schwer rieselfähig sind. Eine volumetrische Dosierung
ist daher nicht möglich - jede Treibmittelmenge muß ein-
zeln abgewogen werden.
Der gepreßte, poröse Treibmittelkörper hat die Ei-
genschaft, sich nach dem Pressen wieder zu entspannen.
Dadurch kommt es zu unerwünschten Formänderun-
gen. Ein Schutzüberzug unmittelbar nach dem Pressen
verhindert die Formänderungen weitgehend. Trotzdem
ist ein spanabhebendes Nachbearbeiten der NC-Treib-
mittelkörper erforderlich.
Das Fügen und Verkleben der beiden Treibmittel-
Halbschalen mit dem Geschoß erfordert Sorgfalt und ist
recht aufwendig. Alle Teile müssen sehr sorgfältig mit
Klebemittel versehen und bis zum Abbinden des Klebers
in einer Vorrichtung unter Druck gehalten werden.
Die Feuchtigkeitsempfindlichkeit des NC-Treibmit-
tels wird später beim Übergang auf das HITP-Treibmittel
kein Problem mehr sein.
Bild 93: Konventionelle Vergleichspatrone Kal. 4,3 mm x 45.
Bild 94: Modifiziertes Gewehr HK 33, Kal. 4,3 mm x 45 zur Optimierung des
Rohrinnenprofils.
Bild 89: Hölsenlose Patrone Kal. 4,3 mm, Form A.
Bild 92: Hölsenlose Patrone Kal. 4,3 mm, Form C1.
Für die umfänglichen Versuche zur Optimierung
der Geschoßform und des Laufinnern ist die kostenauf-
wendige hülsenlose Munition nicht erforderlich. Daher
wird für diese Versuche eine konventionelle Patrone Ka-
liber 4,3 x 45 geschaffen (Bild 93). Als Hülse dient eine
eingezogene 5,56 mm-Hülse. Bis Anfang März 1975
sind 8 000 Patronen dieses Kalibers von Dynamit Nobel
gefertigt worden. Als Versuchswaffe dient ein modifizier-
tes Gewehr HK 33 (Bild 94).
25) Im ursprünglichen Lastenheft war nur unterschieden worden zwischen den Muni-
tionsentwicklungsstufen A, B, C, D und E. Notwendige Varianten in den Kategorien A, B,
C und D erzwingen Neufestschreibungen der Munition im Lastenheft vom 28. Oktober
1975.
V
PROTOTYPS
Bild 95: Prototyp 3.
Der zweite Prototyp der neuen Waffe erfüllt in
einem Leistungsnachweisschießen Anfang September
1975 die Forderungen des Lastenheftes, so gibt das Bun-
desamt für Wehrtechnik und Beschaffung am 7. Oktober
1975 die Fertigungsaufnahme für den nächsten Prototyp
frei.
Die firmeninterne Erprobung besteht Prototyp 3
(Bild 95 und 96), scheitert aber im Leistungsnachweis-
Schießen in der ersten Februarwoche 1976 durch den
Bruch des Verriegelungsstücks. Ursache ist die fehlerhaf-
te Wärmebehandlung dieses Bauteils.
Prototyp 3 ist ein wichtiges Glied in der Entwick-
lungskette zum Gewehr Gil. Neuerungen gegenüber
dem Vorgänger zeichnen diese Waffe aus:
• neu entworfenes Gehäuse mit angelenkter Abschluß-
kappe und Entladeeinrichtung, die durch einfaches
Betätigen des Durchladehebels das Entladen nicht ab-
gefeuerter Patronen ermöglicht;
• waffenzugehöriges, beidseitig schwenkbares Magazin-
gehäuse sowie Magazin mit Vorholeinrichtung;
• aufschießendes Funktionsprinzip mit entsprechender
Abzug-Neukonstruktion26’;
• neu konzipierte Patronenzuführung mit zwangsge-
steuerter Schwenkkurbel.
Zum Jahresende 1975 verfestigt sich die Ansicht
immer mehr, daß eine Heckzündung ganz wesentliche
Vorteile bringt. Der Treibmittelkörper fragmentiert bei
Heckzündung besser, und bei gleicher Treibmittelmenge
bewirkt die Heckzündung ein höheres Gasdruck- und
Geschwindigkeitsniveau. Hinzu kommt, daß bei der
Heckzündung der Schlagbolzen nicht geteilt sein muß,
um mit dem Patronenlager zu laufen. Die Mechanik der
Waffe kann damit einfacher werden. Dementsprechend
wird das Lastenheft abgeändert. Eine Kaliberänderung
wird in Erwägung gezogen. Entsprechende Versuche
verzögern den Leistungsnachweistermin des Gewehr-
prototyps 3, zu dem noch mit der Patronenform C 1 ge-
schossen wird.
26) Den Prototyp 2 hot es sowohl in der Ausführung mit zuschießendem ols ouch mit
oufschießendem Verschluß gegeben.
54
WECHSEL
ZUM KALIBER 4,75 MM
Bit 99: Hülsenlose Patrone
Kol. 4,9 mm, Form A 4.
Zur Neufestiegung des Kalibers findet am 18. De-
zember 1975 in Bonn eine Besprechung zwischen Be-
amten des Verteidigungsministeriums und des Bundes-
amtes für Wehrtechnik und Beschaffung sowie Dynamit
Nobel- und Heckler & Koch-Mitarbeitern statt. Heckler &
Koch macht deutlich, daß die ungenügende Rohrlebens-
dauer gegen das Kaliber 4,3 mm spricht. Strömungsver-
luste im 4,3 mm-Lauf begrenzen eine erwünschte Steige-
rung der Geschoßanfangsgeschwindigkeit durch Er-
höhung der Treibladungsmenge, denn nur mit einer Ge-
schoßanfangsgeschwindigkeit des 4,3 mm-Geschosses
von 1 470 m/s läßt sich die Forderung des Entwick-
lungslastenheftes erfüllen, daß die maximale Flug-
bahnerhöhung auf 300 Metern nicht mehr als 10 cm be-
tragen darf.
Als mögliche Alternativen verbleiben die Kaliber
4,6 mm27), 4,75 mm281 und 4,9 mm2’1.
Im Vorfeld dieser Besprechung werden die Kaliber
4,6 mm und 4,75 mm von den beiden Entwicklungsfir-
men ausgewählt. Für das Kaliber 4,75 mm spricht, daß
ein Stahlhelmdurchschlag auf 600 Meter möglich ist
(Bild 97), die Innenballistik gestaltet sich günstiger, das
Mündungsfeuer wird geringer, und die Außenform des
Geschosses ist strömungsgünstiger zu gestalten. Nachtei-
lig wirkt sich eine um 4 cm größere Flugbahnerhöhung
aus.
Bild 97: Stahlhelmdurchschlog Kol. 4,75 mm auf 600 Meter Distonz.
Unter Abwägung aller Vor- und Nachteile entsch-
ließen sich die Beteiligten für die weitere Arbeit zum Ka-
liber 4,75 mm30) (Bild 98). Ausschlaggebend waren die
positiven Ergebnisse, die mit der Patrone Form A 4
Bild 98: Patrone
OH 4,75x21.
(Bild 99) in einem Vergleichssctüefien erzieii worden
waren. Der neuralgische Punkt, : •’U z: ': von der
Seite, wird von Dynamit Nobel mit jer . Pitroae
geändert. Es gehört zu den ersten Aufgaben von Herrn
Fibranz (Bild 100), der zu diesem Zeitpunkt in :: _Hül-
senlos“-Entwicklungsteam von Dynamit Nobel ng
bunden wird, die seitliche Zündung auf Heckzündung
umzuändern. War zuvor die seitliche Zündung notwen-
dig gewesen, um dem Zündsatz zur sicheren Funktion
eine harte Metallfläche unterzulegen, so übernimmt
nach dem Vorschlag von Herrn Fibranz nun ein hartge-
preßter Teil der Zerlegungsladung, ein „Amboßbooster“,
diese Funktion (Bild 101).
Bild 100: Herr Fibranz im Technikum der Dynamit Nobel AG, Werk Stadeln.
27) Abgeleitet von der CETME-Patrone CTP-613, Kol. 4,56 mm mit Löffelspitze. Für
diese Petrone hotte Heckler & Koch dos Gewehr HK-36 konstruiert. Die Patrone wer ent-
wickelt worden als Antwort ouf die amerikanische .223-Potrone. Von der 4,56 mm-
Hülsenpatrone sind ausreichende Munitionsvorröte vorhanden. Gerade für die Ver-
gleichsversuche und die Lebensdauerbeschüsse ist dies von großem Vorteil.
28) Zu diesem Zeitpunkt Kal. 4,7 mm genannt, später auf amtliche Veranlassung hin
als Kol. 4,75 mm bezeichnet.
29) Im Juni/Juli 1976 werden mit dem Prototypen 2/3, Kaliber 4,6 mm Versuche bei
tiefen Temperaturen nach NATO-Vorgaben durchgeführt. Eingeschlossen sind Vereisungs-
versuche.
30) Entspricht einem Koliberdurchmesser des Polygonprofils von 4,75 mm und einem
Geschoßdurchmesser von 4,9 mm.
Aus den Erfahrungen der vorausgegangenen Studi-
en wissen die Heckler & Koch-Techniker, daß die Grenz-
werte der Munitionzuführgeschwindigkeit nicht durch
56 die Haltbarkeit der mechanischen Waffenteile vorgege-
ben sind, sondern ausschließlich durch die Festigkeit des
Pulverpreßlings. Ein Modell (Bild 102) dient zur Ermitt-
lung der maximal zulässigen Zuführgeschwindigkeit der
Munition. Dazu wird eine Patrone mit einstellbarer Ge-
Bild 102: Versuchseinrichtung zur Ermittlung der
maximal zulässigen Zuführgeschwindigkeit der
Munition.
Bild 104: Zuführfesfigkeit der Munition bei verschiedenen Geschoßrillen-
Ausführungen.
schwindigkeit in das Patronenlager eingestoßen und die
Geschwindigkeit sowohl des Geschosses als auch des Pa-
tronenkörpers geniessen und registriert. Ohne Halteril-
len eingesetzte Geschosse lösen sich aus dem Treibmit-
telkörper, allerdings sind auch Patronen mit gerillten Ge-
schossen nur begrenzt belastbar (Bild 103 und 104).
57
ABKEHR
VOM REFLEXVISIER •!
Zum Jahresbeginn 1976 kommen allen Beteiligten
Zweifel, ob die weitere Optimierung des Reflexvisiers
noch sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar ist. Durch die
immer höher geschraubten Forderungen, wie besserer
Kontrast, zusätzliche Helligkeitsregelung, zusätzliche
Entfernungseinstellung hat das Reflexvisier einen hohen
Leistungsstand erreicht, ist dabei aber teurer geworden
als ein Zielfernrohr. Die Baugröße hat sich verändert:
Das ursprünglich sehr kleine Reflexvisier ist nun fast so
groß geworden wie ein Zielfernrohr mit Prismenumkehr
- die kompakteste Zielfernrohrbauform. Das Funktions-
prinzip des Reflexvisiers setzt Grenzen, die nun deutlich
werden. Eine zu entwickelnde Zieloptik soll das nicht
voll befriedigende Reflexvisier ersetzen.
Der Hensoldt-Abschlußbericht vom 10. Juli 1978
beschreibt die weitere Entwicklung:
„In einer Besprechung am 9. April 19763” wurden
erste Vorschläge für eine Altemativlösung zum Reflexvi-
sier gemacht. Diese Überlegungen wurden in einer Be-
sprechung am 11. Juni 1976 in Oberndorf konkretisiert
und erste Festlegungen von technischen Daten für eine
Zieloptik zum Gewehr G 11 getroffen.
Am 15. Juni 1976 wurden in Wetzlar die endgülti-
gen Daten für eine Zieloptik festgelegt, ebenso die vorzu-
sehenden Stückzahlen. Vorgestellt wurden die ersten
Muster der neuen Zieloptik am 5./6. August 1976 in
Oberndorf und hierzu auch Änderungswünsche bespro-
chen. Im Rahmen der Arbeitsgruppensitzung G 11 vom
18. bis 20. Oktober 1976 wurden die Hensoldt-Zielopti-
ken für Gewehr G 11 nach Zeichnung 330103 vorge-
stellt.“ (Bild 105 und 106).
Damit fällt am 11. Juni 1976 in Oberndorf die Ent-
scheidung, das seitherige Reflexvisier durch eine Zielop-
tik zu ersetzen (Bild 107). Da beidäugiges schnelles Zie-
lerfassen auch mit einem Zielfernrohr beibehalten wer-
den soll, ist nur eine Abbildung 1 : 1 des Zielfernrohres
vorgesehen. Die künftige Zieloptik soll Entfernungsein-
stellmöglichkeiten 100, 200, 300 Meter aufweisen.
Über einen Drehknopf vorne unten sollen diese Entfer-
nungen eingestellt werden können. Für den mechani-
schen Aufbau der neuen Zieloptik gelten die Vorgaben:
• daß die Zieloptik als Tragegriff dienen kann,
• die Zieloptik durch eine Schnellspannverbindung am
Waffengehäuse befestigt ist und gegen andere Zielein-
richtungen ausgetauscht werden kann,
• ein Stahl-Außenrohr mit max. 26 mm Außendurch-
messer die Optik gegen Stoß und Schlag schützt,
• wärmeisolierender Überzug vorhanden ist.
31) An den Besprechungen hotten Beomte des Bundesamtes für Wehrtechnik und Be-
schaffung sowie Hensoldt- und Heckler & Koch-Mitarbeiter teilgenommen.
58
Bild 108: Zieloptik ohne Vergrößerung.
Bild 107: Prototyp 5 mit erstem Zieloptik-Muster.
Es werden verschiedene Lösungen einer Zieloptik
erprobt: solche ohne Vergrößerung und Zieloptiken mit
Vergrößerung. Ein Diavari-Zielfemrohr 1,5- bis öfach
vergrößernd aus dem Zivilprogramm von Zeiss32 wird in
militarisierter Ausführung am G 11-Gewehr erprobt.
Damit sind Vergleiche verschiedener Visiervergrößerun-
gen möglich. Die öfache Vergrößerung ist für die Schuß-
entfernungen des G 11 sicher nicht erforderlich, doch
muß der Nachweis aller Überlegungen im Praxistest er-
bracht werden.
Ein Kriterium sind die Kosten, daher werden auch
Einfachlösungen mit Kunststofflinsen untersucht. Nach
vielen Detailstudien kristallisiert sich eine in sich ge-
schlossene Optik mit festem Gehäuse und Zieltubus 1 :1
als zweckmäßige Lösung heraus (Bild 108). Die Kosten
einer nichtvergrößernden Optik sind nicht geringer als
die eines Zielfernrohres, da der optische Aufwand, die
Strichplattenebene im Ziel zu haben, dem Zielfernrohr
gleicht.
Einen neuen Lastenheftentwurf fixiert das Bundes-
amt für Wehrtechnik und Beschaffung im Oktober 1977.
Beim Abschluß des ersten Entwicklungsvertrages kann
im Sommer 1978 festgestellt werden, daß das optische
Visier im wesentlichen die Forderungen des neuen La-
stenheftes erfüllt.
Für den Waffenprototyp 5 beschreibt der Entwick-
lungsschlußbericht vom Juni 1978 die Zieloptik:
„Als Zielgerät wurde nach eingehender Erprobung
und Abwägung der Erfordernisse eine justierbare Zielop-
tik im Abbildungsmaßstab 1 : 1 gewählt. Die als Trage-
griff gestaltete Zieloptik ist gegen andere Zielgeräte aus-
tauschbar“.
Gewehre mit dieser Zieleinrichtung haben 1977 an
der NATO-Erprobung teilgenommen.
Das Absehen, als einfaches Ringabsehen mit einem
Innendurchmesser von 1,80 m auf 300 Meter Distanz,
wird aus vielen Alternativen im Rahmen einer simulati-
onsgestützten technischen Erprobung in Meppen ausge-
wählt. Von vielen Soldaten wird das Ringabsehen subjek-
tiv abgelehnt, doch erzielen ausgesuchte Scharfschützen
der Infanterieschule Hammelburg mit diesem Absehen
die besten Ergebnisse. Beim späteren Truppenversuch
werden die deutlichen Vorteile dieser Visierung offen-
bar, besonders bei schwierigen Zielen und bei kurzen
Expositionszeiten.
32) Hensoldt gehört zur Zeiss-Unternehmensgruppe.
59
„GEWEHRG11“
Modell Gewehr G11
Prototyp S
Noch ist die Waffe nicht mit einer einprägsamen Be-
nennung versehen Der später gebräuchliche Begriff
„Gewehr Gil“ taucht erstmals in einer Aktennotiz zu
einer Besprechung in Koblenz am 14. April 1976 auf.
Die Aktennotiz ist datiert auf den 15. April. Darin heißt
es erstmalig „Sturmgewehr G 11“, während die neue
Waffe in allen früheren Schriftstücken „Sturmgewehr für
hülsenlose Munition“ benannt wird. Mit der Namensge-
bung G 11 drückt das Materialamt der Bundeswehr aus,
daß es sich bei dieser Waffe um das erste Modell einer
ganz neuen Kaliberreihe handelt (Bild 109). Dieser Be-
nennungsvorgang erfolgt ganz automatisch bei der Ertei-
lung einer Katalogisierungsobjektnummer, die wieder-
um Grundlage für alle zu bearbeitenden technischen
Dienstvorschriften und Katalogisierungsarbeiten ist.
Heckler & Koch GmbH
Oberndorf - Neckar
61
ZIELVORGABE: NATO-ERPROBUNG
Im Oktober 1973 hatten die Rüstungsdirektoren
der NATO (CNAD) das schon erwähnte Erprobungspro-
gramm zur Auswahl und Standardisierung einer neuen
Infanteriepatrone beschlossen.
Den terminlichen Rahmen und den Beginn der
Truppenerprobung gibt ein NATO-Memorandum des
Stellvertretenden Generalsekretärs für Verteidigungswaf-
fen vom 2. Juni 1976 an:
Wenn dieses Erprobungsprogramm bis 1980
abgeschlossen sein soll, muß es 1976 anlaufen. Ein ent-
sprechendes Abkommen ist getroffen worden, es ent-
hält alle Vorkehrungen, die für die Erprobung und Aus-
wertung von Munition und Waffen und für die gesam-
te Überwachung, Finanzierung und Leitung dieser
NATO-Erprobungen erforderlich sind. ... Dieses Pro-
gramm wird in England und in Deutschland umgehend
aufgenommen werden, sobald die Gastländer und eini-
ge andere Länder das Abkommen unterzeichnet
haben..."
Die Rüstungsdirektoren der NATO (CNAD) beab-
sichtigen mit der bevorstehenden Erprobung, die Mit-
gliedsländer neben der bisherigen NATO-Patrone auf ein
einheitliches Zweitkaliber für Hand- und leichte Maschi-
nenwaffen der nächsten Generation festzulegen, droht
doch mit den britischen und deutschen Arbeiten an Kali-
bern zwischen 4 und 5 mm die Gefahr einer Destandar-
disierung des Kalibers der nächsten Handwaffengenerati-
on.
Die gemeinsamen Versuche und Tests werden in
Deutschland und in England stattfinden. Deutschland
stellt für den technischen Teil des Versuchsprogramms
die Einrichtungen der Erprobungsstelle 91 der Bundes-
wehr in Meppen zur Verfügung, der gemeinsame Trup-
penversuch findet an der Kampftruppenschule 1 der
Bundeswehr in Hammelburg statt. Mit Zustimmung der
NATO-Rüstungsdirektoren wird das Gewehr G 11 und
die hülsenlose Munition an diesem Auswahlverfahren
teilnehmen.
Die G 11-Entwicklung ist von Anfang an in den
NATO-Rahmen eingebunden gewesen. Alle technischen
Tests führt Heckler & Koch nach dem NATO-Testpro-
gramm AC 225/P III/D 14 durch33’. Mit der Weiterent-
wicklung wird die Einbindung der neuen Waffe in den
NATO-Rahmen immer deutlicher, da für die Truppener-
probung vermehrt auf die NATO-Forderungen Rücksicht
genommen werden muß. Es gilt abzuklären, welche Rei-
nigungsmittel, Schmiermittel, Korrosionsschutzmittel
und Dekontaminierungsstoffe im Rahmen der Bundes-
wehr und der NATO zugelassen sind und verwendet
werden. Daß diese Stoffe verträglich auf die Werkstoffe
der neuen Waffe wirken, muß von Heckler & Koch er-
probt werden.
Die forcierte Entwicklung läßt die zur Verfügung
gestellten Mittel des Bundes schnell dahinschmelzen. Es
kann nicht im Interesse des Bundes liegen, den Entwick-
lungsstand aus Kostengründen einzufrieren. Ein Ände-
rungsvertrag zur Fortführung der Arbeiten ist unbedingt
notwendig, da die NATO-Vergleichserprobung am 1.
April 1977 beginnen soll. Das G 11-Gewehr wird vergli-
chen mit den neuesten Entwicklungen der NATO-Part-
ner:
Belgien: FNC-Gewehr, Kal. 5,56 mm mit schwerem
Geschoß (SS 109), Minimi-LMG gleichen Kalibers,
Frankreich: FA-MAS-Gewehr, Kal. 5,56 mm x 45, US-
Patrone M 193 mit Stahlhülse,
Niederlande: MN 1 -Gewehr für Munition M 193 (in
Details abgeändertes Galil-Gewehr),
England: Gewehr und LMG im Kaliber 4,85 mm (ohne
3-Schuß-Einrichtung),
USA: Gewehr M 16 Al (II), Kal. 5,56 mm mit neuem
Geschoß (XM 777), (Bild 110).
Anfang Oktober 1976 hat Dynamit Nobel eine
Schußtafel für die Patrone 4,7 x 21 mm erstellt (Büd
111).
Schußtafel Patrone 4,7 mm
Ent- fernung (m) Rohr- erhöhung (Strich) Geschoß- geschwin- digkeit (m/s) Flugzeit (s) Kineti- sche Geschoß- energie (J) Flug- bahn- erhöhung (m) Seiten- wind- abtrift rWind = 1 m/s (m)
0 0 930 0 1460 0 0
100 0,6 837 0,11 1180 0,02 0,003
200 1,3 752 0,24 955 0,07 0,025
300 2,2 670 0,38 755 0,17 0,058
400 3,1 595 0,54 595 0,35 0,110
500 4.3 523 0,72 460 0,62 0,182
600 5,7 455 0,92 350 1,02 0,275
Bild 111: Ballistische Werte des hülsenlosen Munitionstyps DE 11
62
Breiteren militärischen Kreisen wird das Gewehr
G 11 bekannt, als es am 4. November 1976 im Rahmen
einer Präsentation einer größeren Zahl von NATO-Offi-
zieren in Brüssel vorgestellt wird. Im gleichen Monat ist
eine englische Delegation, die Heckler & Koch besucht,
beeindruckt von der Waffe.
Das Materialamt der Bundeswehr legt Ende No-
vember 1976 die Modellkennzeichen für die hülsenlose
Munition fest. Während anfänglich das Kaliber mit 4,75
bezeichnet worden ist, wird nun das Maß 4,7 mm ge-
wählt, um sich deutlich von der britischen 4,85 mm-Pa-
trone zu unterscheiden. Man weiß, daß parallel und un-
abhängig von den deutschen Untersuchungen in Groß-
britannien das Kaliber 4,85 mm geprüft wird und dort
als Ideal-Kaliber für Gewehr und leichtes MG angesehen
5
5
Laa<!'ähigkeitslehre
’3 Okt. 1376
Grenzlehre
^Rachenlehren
>sn.i - sanü/t ’s”’-e,T^
Einzelheit Z
'S/Üc*l
Teil
nnung
angaben
Datum
Name
535 to.isg
B.m-kungen
Patrone 0H4,75MMx21
Form D1
-vollständig -
DIN
Dynamit Nobiil
^xr,et/iiearligCHA/.r
rs.AbMuet Mtutm^
I 1511.1
------------
Bild 112: Patrone OH 4,75 x 21 Form D.
1: Treibmittelpreßling
2: Amboßbooster
3: Anzündsotz
4: Zündsotzobdeckung
5: Lockierung
wird. Tatsächlich hat das Geschoß der britischen 4,85
mm-Patrone einen Geschoßdurchmesser von 5 mm. Die
kleinere Bezeichnung wird von den Briten gewählt, um
sich deutlicher von der US-Patrone 5,56 mm (.223) ab-
zusetzen.
Dynamit Nobel hat zum Jahresende 1976 die Güte-
prüfmaße für die hülsenlose Patrone festgelegt. Der be-
absichtigten Abnahme des ersten Munitionsloses im Ja-
nuar 1977 sind somit verbindliche Prüfunterlagen gege-
ben. Die Patronenbenennung lautet OH 4,7 mm x 21
Form D 1 (Bild 112). Diese erste Patronenform wird die
Bezeichnungen erhalten:
Gefechtsmunition mit Weichkerngeschoß:
Patrone 4,7 MM DE 11
Gefechtsmunition mit Weichkemgeschoß und Leuchtspur:
Patrone 4,7 MM DE 21 (Bild 113)
Manövermunition:
Patrone 4,7 MM DE 28 (Bild 114)
Übungsmunition:
Patrone 4,7 MM DE 18 (Bild 115)
Exerziermunition:
Exerzierpatrone 4,7 MM DE 10
Das Kürzel DE steht für „Deutsches Entwicklungs-
modell“ (Bild 116). Eine durchdachte Fertigung und
eine genaue Qualitätskontrolle in allen Fertigungsstadien
sollen eine gleichbleibende Qualität der Munition ge-
währleisten (Bild 117, 118, 119). In den Jahren von
1976 bis 1978 wird Dynamit Nobel von den Patronenty-
pen DE 11 und DE 21 350 000 Patronen fertigen, die in
Meppen, beim NATO-Vergleich und in Cold Meece,
England, verschossen werden.
33) Es ist eine Zusammenstellung von Testverfahren für Infanteriewaffen (Pistole, Ge-
wehr, MG, MPi). Dieses Dokument ist mehrfach überarbeitet worden und stellt eine
Richtschnur dar.
63
Vorbereitungen der NATO-Erprobung
Als nächstes steht die Vorbereitung der Truppenver-
suche bei der Kampftruppenschule in Hammelburg für
Waffe und Munition an. Damit befaßt sich die NATO
Test Control Commission bei ihren Besuchen in Meppen
in der 12. Kalenderwoche 1977 und bei einer Sitzungin
Cold Meece am 29. und 30. März 1977.
Da die Waffen dreieinhalb Monate vor Beginn der
Truppenversuche zur Eingangsinspektion nach Meppen
geliefert werden sollen und der Beginn der Truppenver-
suche auf den 1. April 1978 angesetzt ist, ergibt sich
damit ein Liefertermin auf den 15. Dezember 1977.
Die Termine liegen damit weitgehend fest. Die Be-
deutung der Truppenversuche in Hammelburg ist recht
groß, da zahlreiche hohe Militärs aus den NATO-Staaten
zu Besuch erwartet werden.
Bild 119
imamii Nobel Sichtfehler - Musterkarte
AKTIENGESELLSCHAFT ~
ES-Abteilung M PATRONE 4,7 MM DE 11
Sicht fehler - Mus terkarte -Patr 4,7mm DE 11
Ifd. Nr. Merkmal Sichtmuster Ifd Nr Merkmal Sichtmuster
fO Rust im Pulvtrprtnimq
11 Puiv-PrtniiriQ unvollst »5 2 3 g f Zdq e*e %escbee.gt 1 ? ?? 1 2 3
12 2 3 4 fehlende Putverkörntr 13 x 1 b ? Teil GeschoOsette /Fuge Heck/ Fugt noch gut ffi ü H 1 2 3 2 •r e*Mgm: gn- Ges-b -C-« >5 x-re F e <e 1 1 w 2
’7 p. t P-i
4
13 1 2 3 fehlende Lockierung i i 1 2 3 18
Lack 7 fehlt Degafflent fehl! 1 2
65
WIRD DAS G11-GEWEHR AN DER
NATO-ERPROBUNG TEILNEHMEN?
Das Verteidigungsministerium beurteilt zu diesem
Zeitpunkt das G 11-Gewehr als Firmenversuchsmuster,
das noch technisch zu verbessern ist. Nach Ansicht des
Verteidigungsministeriums ist die NATO-Vergleichser-
probung verfrüht, da man den Entwicklungsstand des
Gewehrs G 11 zu optimistisch eingeschätzt hat. Aller-
dings hat das Verteidigungsministerium keine Möglich-
keit mehr, auf den NATO-Zeitplan Einfluß zu nehmen.
Ursprünglich, d.h. im Oktober 1973, war es die
Vorstellung, daß nur Technologien auf ihre Möglichkei-
ten und ihr Potential zur Verbesserung der Infanterie-
Handwaffen hin untersucht werden sollten. Daraus
wurde dann eine Vergleichserprobung von meistenteils
schon existierenden Waffen, von denen man wußte, daß
keiner der Kandidaten für eine gemeinsame Nutzung in
der NATO ausgewählt werden würde. Nun wird deut-
lich, daß bestenfalls eine Standardisierungsempfehlung
für eine neue Patrone neben der bereits standardisierten
Patrone 7,62 mm x 51 als Ergebnis erzielbar ist.
Bei der NATO-Vergleichserprobung werden die an-
deren Staaten konventionelle Waffen und Munition vor-
legen mit einem Übergewicht der US-Patrone 5,56 x 45
mm. Diese Patrone wird möglicherweise zur Standardi-
sierung vorgeschlagen. Natürlich wird die NATO-Patro-
ne erhalten bleiben. Gegen diese beiden Konkurrenten
ist die hülsenlose Munition ein Außenseiter und in die-
sem Entwicklungsstand noch nicht konkurrenzfähig,
doch bringt letztlich nur eine wesentliche Verkleinerung
des Geschoßkalibers bei höherer Geschoßrasanz und der
Verzicht auf die schwere und teure Patronenhülse einen
merklichen Rüstungsvorsprung. Nur mit der hülsenlosen
Munition ist das eigentliche Entwicklungsziel
66
Bild 121: Prototyp 5.
• Reduzierung der Schüt-
zenbelastung,
• Erhöhung der Treffleistung K
unter Kampfbedingungen,
• Erhöhung der Zuverlässigkeit
(nach Verschmutzung) zu erreichen.
Diesen Entwicklungsvorsprung kann die
Bundesrepublik für sich verbuchen, denn die
amerikanischen Entwicklungsarbeiten an hülsenloser
Munition haben noch kein vorzeigbares Ergebnis er-
bracht.
Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums ist die
Entwicklung der hülsenlosen Patrone noch nicht so weit
fortgeschritten, daß sich im Jahr 1980 eine Chance zur
Standardisierung in der NATO ergibt. Aus der Sicht des
Verteidigungsministeriums kann frühestens Ende 1983
mit einer Serienfertigung begonnen werden.
Nach der Bilanz des Verteidigungsministeriums hat
das G 11-Gewehr den generellen Nachweis der Funkti-
on des Waffenprinzips erbracht. Im April 1977 sind hohe
Offiziere des Verteidigungsministeriums und Beamte des
Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung nach
einem Besuch in Oberndorf der Ansicht und geben dies
als Empfehlung, die Weiterentwicklung des G 11 keines-
falls in Frage zu stellen (Bild 120). Nach Ansicht der Ver-
antwortlichen kann die Beteiligung des G 11-Gewehres
an der NATO-Vergleichserprobung nicht mehr mit Aus-
sicht auf Standardisierung der hülsenlosen Munition be-
trieben werden. Deutschland solle jedoch mit dem Ge-
wehr G 11 an der NATO-Vergleichserprobung teilneh-
men, um die übrigen Staaten von der Funktionsfähigkeit
dieses fortschrittlichen Waffenprinzips zu überzeugen
und ihre Ausrüstungsplanung in den kommenden Jahr-
zehnten in diesem Sinne zu beeinflussen.
Prototyp 4 und 5
Jeder Prototyp in der Entwicklungslinie der neuen
Waffe ist durch charakteristische Merkmale gekenn-
zeichnet. Den Prototyp 4 zeichnet sein neues Kaliber 4,7
mm aus. Die Patrone hat nun Heckzündung. Die „auf-
schießende“ Verschlußanordnung des Prototyps 2 hatte
gute Präzisionsergebnisse erbracht und wird deshalb auf
den Prototyp 4 übernommen.
Die Schließfederanordnung ist vereinfacht und ver-
bessert den Bewegungsablauf der Funktionsteile. Die
längsbewegliche Antriebsgruppe verkantet jetzt nicht
mehr.
Der Prototyp 4 wird von den Heckler & Koch-Inge-
nieuren als Vormodell des Prototyps 5 gesehen. Waffen
des Prototyps 5 (Bild 121)
werden an der NATO-Erprobung
teilnehmen (Bild 122). So wird die Erpro-
bung des Prototyps 4 nur als Vorerprobung des Prototyps
5 durchgeführt. Der Entwicklungsschlußbericht vom
Juni 1978 führt hierzu aus:
• Im Verlauf der Erprobung konnte die Lebensdauer der
Antriebsteile durch eine konstruktiv veränderte Ausle-
gung wesentlich verlängert werden.
• Die Patronenzuführgeschwindigkeit konnte durch
eine zwangsläufige Bewegungsführung innerhalb der
Steuerschieber so weit gesenkt werden, daß die Zuführ-
festigkeit der NC-Patrone ausreicht.
• Bei den Beschüssen mit NC-Munition beobachtetes
Mündungsfeuer machte die Notwendigkeit eines Feuer-
dämpfers deutlich.
• Das bisher in die Walze eingearbeitete Patronenlager
wurde durch eine in der Walze bewegliche Patronenla-
gereinheit ersetzt. Dies erbrachte eine optimale34’ Ab-
dichtung zwischen Ansetzstück und Rohr.
Der bevorstehende Termin der NATO-Erprobung
macht zügiges Arbeiten an den Prototypen notwendig.
Parallel zur werksinternen Erprobung hat die Erpro-
bungsstelle in Meppen zwei Waffen des Prototyps 5 zur
Vorerprobung erhalten. Verbesserungen und Verände-
rungen können damit noch vor Beginn der NATO-Erpro-
bung in die Waffe einfließen. Der Entwicklungsschluß-
bericht beschreibt die in den Prototyp 5 (Bild 123) einge-
brachten Fortentwicklungen:
Das Waffengehäuse von ursprünglich 1,2 mm
Dicke wurde aus hochfestem 0,8 mm Stahlblech ge-
prägt. Überdruckventile und ein Wangenschutz über der
Patronenausstoßöffnung machten die in dem abgedichte-
ten Gehäuse nicht zu vermeidende CO-Verpuffung für
die Waffe belanglos und bewirkten, daß sie vom Schüt-
zen unbemerkt verläuft.
Durch eine Anzahl von weiteren Sicherheitsmaß-
nahmen, geeignete Werkstoffe sowie die entsprechende
konstruktive Gestaltung konnte die durch einen Maga-
zinbrand befürchtete Schützengefährdung ausgeschlos-
sen und dieses Problem zufriedenstellend gelöst werden.
34) Aus heutiger Sicht eine verbesserte Abdichtung.
67
Bild 124: Schußzähler und Entlodeeinrichtung.
Bild 125: Schußzähler und Entlodeeinrichtung, Ansicht von unten.
Von der Waffe wird auch gefordert, daß eine nicht
abgefeuerte Patrone aus dem Patronenlager entfernt
werden kann. Das kann - da eine Hülse mit Auszieher-
rand fehlt - nur durch Ausstößen erfolgen. Bei den ersten
Prototypen ist diese Waffenfunktion eher beiläufig be-
handelt worden, die Ausarbeitung der reinen Schieß-
funktion hat im Vordergrund gestanden. Nun fordert das
Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung den Nach-
weis des zwangsgesteuerten Patronenausstoßens. Dazu
konstruiert Herr Katzmaier für den Prototyp 5 eine Funk-
tionsgruppe, die von den Kollegen scherzhaft „Katzo-
mat“ genannt wird (Bild 124,125,126).
Ein Getriebe vermittelt einer biegsamen Welle eine
schnelle Schubbewegung zum Ausstößen der Patrone.
Da nur 20 mm des Durchladewegs für das Ausstößen ge-
nutzt werden können, muß eine aufwendige
Zahnrad/Zahnstangen-Übersetzung in der Stillstands-
phase der Walze 80 bis 90 mm Ausstoßweg erzeugen.
Hinzu kommt, daß ein Durchladevorgang, der bereits
eingeleitet ist, auch durchgeführt werden muß. Dazu ist
weiterer mechanischer Aufwand nötig.
Die Funktionsgruppen in dem begrenzten Innen-
raum unterzubringen erfordert das ganze Talent der
Konstrukteure. Auf vorhandene Konstruktionslösungen
anderer Waffen kann nicht zurückgegriffen werden. In
allen Details ist das Gewehr G 11 eine revolutionäre
neue Waffe.
Mit dem Übergang zur Heckzündung hat die Waffe
bessere ballistische Leistungen, es verschlechtert sich
aber die Selbstentzündungsgrenze. Die schlechte Wär-
meabfuhr des punktuell aufgeheizten Schlagbolzens
zwingt zu Konstruktionsänderungen, allerdings reicht
die Zeit nicht aus, die NATO-Erprobungswaffen noch
mit diesen Verbesserungen zu versehen.
44 43
69
NATO- VORERPROBUNG
INMEPPEN
Der bevorstehende NATO-Vergleich wird an drei
Orten stattfinden: die Erprobung der Munition beim Eu-
ropean Regional Test Centre (ERTC) in Cold Meece,
England, die technische Waffenerprobung bei der Erpro-
bungsstelle 91 der Bundeswehr in Meppen und der ge-
meinsame Truppenversuch bei der Kampftruppenschule 1
in Hammelburg.
Von Heckler & Koch sind für die Vergleichserpro-
bung Gasdruckmesser, Meßrohre, Meßmittel und Son-
derwerkzeuge sowie 16 Erprobungsgewehre G 11 zu lie-
fern. Davon werden 13 Stück in der Erprobungsstelle 91
in Meppen verbleiben - 3 Gewehre sind nach der Vorer-
probung in Meppen weiter nach Cold Meece zu ver-
schicken.
Anfang Februar 1977 werden 7 000 Patronen 4,7
mm und 2 Gewehre Gil der Erprobungsstelle 91 in
Meppen übergeben, die sofort mit den Schießerprobun-
gen beginnt. Es ist die nationale Erprobung, die der spä-
teren internationalen NATO-Erprobung vorausgeht.
Die Ergebnisse der ersten Versuche teilt die Erpro-
bungsstelle im Rahmen einer Besprechung mit dem Bun-
desamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Meppen am
7. und 8. März 1977 Firmenvertretern von Heckler &
Koch und Dynamit Nobel mit. Mit dieser Vorerprobung
sollte die Funktionsbereitschaft und Betriebssicherheit
festgestellt werden. Ganz wesentlich sind dabei die
Cook-off-Prüfung und die Ermittlung der Schützenge-
fährdung bei Abbrand der Patronen in einem vollen Ma-
gazin in der Waffe.
Bild 128: Gerät zur Anzöndempfindlichkeitsprüfung der hölsenlosen Munition.
Die Versuche ergeben, daß es beim Dauerfeuer-
schießen zu Funktionsstörungen kommt Die Ursache
für ungewollte Zündungen von Patronen während der
Zuführung mit Abbrand der restlichen Patronen im Ma-
gazin müssen geklärt werden.
Das weitere Ergebnis der Versuche soll wörtlich fol-
gen:
„Weitere beobachtete Störungen waren Zündversa-
ger351 und Zuführstörungen36’. Bezüglich der Zündversa-
ger bedarf es noch der Klärung, ob die Schlagbolzenener-
gie nicht immer ausreichend ist oder ob die große
Streuung der Anzündempfindlichkeit (Bild 127,128 und
129) der Munition maßgebend ist. Die Zuführstörungen
lassen teilweise auf ungenügenden Rücklauf der Waffe
schließen. Durch die zwischenzeitlich verbesserte Zu-
führfestigkeit der Patronen ab Los 77.1 kann die Funk-
tionsreserve der Waffe erhöht und somit eventuell diese
Störung verringert werden37'. Insgesamt konnte durch
Änderungen an den Steuerschiebern die Funktion be-
reits etwas verbessert werden38’. Im Verlauf der Cook-off-
Versuche kam es zu einer ungewollten Zündung
während der Zuführphase nach dem vierten Schuß bei
ursprünglich mit 50 Schuß gefülltem Magazin. Die im
Magazin befindhchen restlichen Patronen brannten ab
und verursachten einen Druckanstieg, der das Waffen-
und das Magazingehäuse mit Magazin zerstörte.“
Bild 127: Prüfen der Anzündempfindlidikeit.
35) Es sind zum Teil Zündhütchenabdeckungen dafür verantwortlich gewesen. Diese
haben sich auf die Schlagbolzenspitze aufplattiert und diese unwirksam gemacht.
36) Messungen an der Waffe ergeben, daß die Patrone mit Geschwindigkeiten bis zu
12 m/s beschleunigt wird. Dies erschüttert die Struktur des Treibmittelkörpers.
37) Durch die größere Zahl unterdessen gefertigter Patronen hatte sich das Herstellver-
fahren verbessert. Streuungen in der Festigkeit des Treibmittelkörpers wie auch in der
Oberfläche sind geringer geworden.
38) Eines der Entwicklungsziele ist zu diesem Zeitpunkt die Reduzierung der Munitions-
Zuführgeschwindigkeit.
Weiterentwicklung PATRONt 4,7 MM
Bild 129: Aus einer Vielzohl von Spitzenformen wird die geeignete Sdilogbo
zenspitze ermittelt.
Bynatwi Nnb*s
Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
hält in einem Protokoll dieser Besprechung in Meppen
fest:
Von den Besprechüngste^nehmern wird
„Mit Versuchen und verschiedenen Maßnahmen zur
Verbesserung der Funktion und Sicherheit ist fortzufaF
ren. Ein Eingang von Waffe und Munition in die NATO-
Vergleichserprobung istijedoch nur möglich, wenn die
Schützensicherheit gevjhrleistet ist. Dies setzt natur-
gemäß auch eine ausreichende Funktionssicherheit vor-
aus.“
FW RONE 4 7 V-4 DE 11 Modifikationen
Zjei: Cook off -Erhöhung
PATRONE 4.7MM HersteUtechnoto^e
Bild 130: Schoutofel zur Munitionsentwicklung im Johr 1978.
„Als Eckdaten für die späteste Lieferung nach Sicher-
heitsfreigabe wurden beschlossen:
Munition... 1. April 1977 mit voller oder zumindest auf
Gasdruckmesser eingeschränkter Funktion und Betriebs-
sicherheit.
Waffe... 1. Juni 1977.“
Daraus ergibt sich die Konsequenz, den Konstrukti-
onsstand der Munition auf den Zustand des Munitionslo-
ses 77.1 festzulegen, damit die Betriebssicherheit vor
dem 1. April 1977 erklärt werden kann. Die Sicherheits-
untersuchungen an der Waffe sollen ganz besonders die
Ursachen der Magazinbrände klären.
Für die Terminplanung sind nun neue Eckpunkte
vorgegeben, die den Rahmen für die kommende Arbeit
des Oberndorfer Unternehmens abstecken.
Vom Verteidigungsministerium erfährt Heckler &
Koch am 14. März 1977, daß zum NATO-Vergleich des
neuen Gewehres am 25. März 1977 um 15 Uhr alle An-
gebote bei der NATO vorliegen müssen, wenn der Kan-
didat berücksichtigt werden soll.
Entwicklungsarbeit im Jahr 1977
Für Heckler & Koch ergibt sich nun die Notwendig-
keit, deutsche Dienststellen und NATO-Dienststellen
von der Richtigkeit des Entwurfes und von der Realisier-
barkeit zu überzeugen. Neben der Optimierung der
Waffe und der Munition selbst müssen Gasdruckmesser,
Präzisionsrohre, Lafetten entworfen und gefertigt wer-
den. Heckler & Koch sieht vor, bis zum Spätherbst 1977
die Simplifizierung und Gewichtserleichterung der
Waffe sowie die Erhöhung der Funktionszuverlässigkeit
abgeschlossen zu haben. Sollen alle erreichten Verbesse-
rungen in den internationalen Truppenversuch ein-
fließen und dem Kandidaten bessere Möglichkeiten ver-
schaffen, so muß dies in dem kurzen Zeitraum bis zum
Spätherbst 1977 geschehen.
Es ist ein großer Augenblick, als an einem Abend in
der zweiten Jahreshälfte 1976 die ersten drei Magazine
mit je 50 Schuß störungsfrei aus der Waffe verschossen
werden können. Diesen Erfolg dankt Heckler & Koch-
Geschäftsführer Alex Seidel den G 11-Technikern seines
Hauses und dem anwesenden Herrn Fibranz von Dyna-
mit Nobel mit einer spontanen Runde eines edlen Trop-
fens.
Auch die Munition wird weiter verbessert mit dem
Ziel, die vorläufige Treibladung auf NC-Basis, die feuch-
tigkeitsempfindlich ist und eine zu geringe Selbstentzün-
dungstemperatur hat, durch ein HITP-Treibmittel39' auf
Sprengstoffbasis zu ersetzen, das die Nachteile des NC-
Treibmittels ausschließt (Bild 130).
Um die bei den Erprobungen in Meppen deutlich
gewordenen Probleme und Funktionsstörungen zu be-
heben, wird Anfang Mai 1977 in Oberndorf eine Ergän-
zungserprobung im Beisein von Beamten des Bundesam-
tes für Wehrtechnik und Beschaffung, von Mitarbeitern
der Dynamit Nobel AG sowie von Heckler & Koch-Mitar-
beitern durchgeführt. Einiges kann verbessert werden,
die Cook-off-Grenze ist allerdings immer noch bei recht
geringer Schußzahl erreicht. Sie liegt beim Einzelfeuer
zwischen 15 und 30 Schuß je nach Schußfolge und beim
3-Schuß-Feuerstoß zwischen 12 und 18 Schuß. Außer-
dem zeigt sich als Schwachstelle das Dichtelement der
hinteren Liderung, dessen Lebensdauer noch unzurei-
chend und stark schwankend ist. Die Dichtfläche des
Walzengehäuses ist beim Ausfall der Liderung erosions-
gefährdet. Der Abzugsmechanismus ist störungßanfällig.
Eine vorläufige Schußtafel für hülsenlose Munition
des Kalibers 4,7 mm im Vergleich zur konventionellen
Patrone des Kalibers 5,56 mm und im Vergleich zur
NATO-Patrone ist am 21. April 1977 von Dynamit
Nobel ermittelt worden.
39) HUP = High Ignition Temperature Prapellunt, ein Treibmittel mit höherer Entzün-
dungstemperatur. 71
DAS G11 WIRD AUF NATO-EBENE
ERPROBT
Ob bei dem gegebenen Konstruktionsstand die
Waffe an den NATO-Erprobungen teilnehmen wird, ent-
scheidet sich endgültig in einer Besprechung im Bundes-
amt für Wehrtechnik und Beschaffung am 26. Mai 1977.
Es wird festgestellt, daß ursprünglich vorgesehen war,
als Basis für die Standardisierung einer neuen NATO-In-
fanteriewaffe und der zugehörigen Munition neue Tech-
nologien vorzustellen und zu prüfen. Letztlich sei ledig-
Technologie in die Versuche einbringe. Das Verteidi-
gungsministerium erklärt ausdrücklich, daß der Nach-
weis der Realisierbarkeit dieser neuen Technologie be-
reits als Erfolg gesehen wird. Bei gelungenem Nachweis
wird eine reelle Chance gesehen, weitere Interessenten
für die Neuentwicklung dieser Technologie zu finden.
Unter der Voraussetzung, daß keinerlei Sicherheitsrisiko
besteht, soll somit unbedingt das Gewehr G 11 am
NATO-Vergleich teilnehmen. Es wird nochmals festge-
stellt, daß die Entwicklung GT1 und hülsenlose Muniti-
on sich noch in einem Stand befindet, der es nicht
zuläßt, daß das System als Sieger aus dem Wettbewerb
hervorgehen könnte.
Abschließend stellen alle Besprechungsteilnehmer
fest, daß die Funktionsbereitschaft und Betriebssicher-
heit für die Waffe mit Einschränkungen erklärt wird.
Noch ist die Funktion bei Dauerfeuer unbefriedigend:
sehr früher Eintritt der Selbstentzündung, eingeschränk-
te Umgangssicherheit bei rauher Behandlung. Die Er-
klärung der Funktionsbereitschaft und Betriebssicherheit
mit Einschränkungen erfolgt schließlich am 27. Mai
1977 durch das Bundesamt für Wehrtechnik und Be-
schaffung.40'
Einen ersten Eindruck vom Gewehr G 11 erhält die
Truppe, als im Juli 1977 in Hammelburg Mitglieder der
NATO-Erprobungsgruppe aus Meppen eintreffen, um
mit Vergleichswaffen festzustellen, ob die dortigen
Klappscheiben auf alle Versuchswaffen ansprechen.
Dabei zeigt das Gewehr G 11 die beste Trefferleistung.
Hemmungen und deren Beseitigung werden in Hammel-
burg bei dem bevorstehenden Truppenversuch mit Straf-
punkten bewertet. Daher muß Heckler & Koch bei dem
bevorstehenden Truppenversuch alles daransetzen, die
Waffe störungsfrei zu machen.
40) Die Erklärung der FuBeSi (Funktions- und Betriebssicherheit) muß dem Truppenver-
such vorausgehen, damit Soldaten sicher mit dem Gerät umgehen können.
HITP-Treibmittel
Kernproblem aller Waffensysteme für hülsenlose
Munition ist die Selbstentzündungsgrenze, d.h. die Tem-
peratur, bei der in der heißgeschossenen Waffe ein
Schuß ungewollt bricht. Auch Waffen für konventionelle
Munition haben dieses Problem, jedoch leitet hier die
Patronenhülse einen Teil der Verbrennungswärme ab
Verbrennungsgasen, so daß die Erwärmung des Patro-
nenlagers langsamer erfolgt. Der Treibmittelkörper der
hülsenlosen Patrone ist dagegen unmittelbar der heißen
Patronenlagerwandung ausgesetzt.
Neben einer zweckmäßigen Gestaltung der Waffen-
teile verbleibt als effektivste Lösung die Wahl eines
hochtemperaturbeständigen Treibmittels - eines soge-
nannten „High Ignition Temperature Propellant“. Dieses
rückt den Cook off-Punkt nach oben - es kann eine
größere Zahl von Schüssen abgefeuert werden, bis die
Selbstentzündung der Patrone erreicht ist. Daneben be-
wirkt das Treibmittel auf Sprengstoffbasis der HITP-Pa-
trone eine geringfügig bessere ballistische Leistung, eine
verbesserte Resistenz gegen Feuchtigkeit und ein gerin-
geres Mündungsfeuer.
Von Anfang der Entwicklung der neuen Waffe an
werden HITP-Treibmittel erprobt Im Vorfeld der Trup-
penversuche im Rahmen des NATO-Vergleichspro-
gramms intensivieren die beiden Entwicklungsfirmen
diese Bemühungen. In der Besprechung über die Kaliber-
umstellung am 18. Dezember 1975 wird die Absicht for-
muliert, die Entwicklung des HITP-Treibmittels zu for-
cieren, „da für ein positives Abschneiden bei den anste-
henden NATO-Vergleichserprobungen dieses Treibmit-
tel als unabdingbare Voraussetzung angesehen wird“,
wie es im Ergebnisvermerk dieser Besprechung festge-
halten ist.
Letztlich hat sich unter dem Zeitdruck der vielen zu
lösenden Detailprobleme nicht realisieren lassen, zum
Liefertermin der Truppenerprobungswaffen und der
Truppenerprobungsmunition Anfang März 1978 die bis-
herige NC-Munition auf HITP umzustellen.
Im Besprechungsprotokoll zwischen Heckler &
Koch und Dynamit Nobel vom 4. Dezember 1978 heißt
es: „Die weiteren Entwicklungsarbeiten bei Dynamit
Nobel werden nur noch mit HITP betrieben.“ (Bild 131)
Ein Protokoll vom 9. Januar 1979 führt auf: „Gegen
Ende 2. Quartal 1979 wird ein Waffen-Prototyp 10 für
HITP-Patronen umgebaut sein.“ Ende Juni 1979 stehen
die ersten 4,73 mm-HITP-Patronen für Beschußversuche
zur Verfügung. Der Übergang zum HITP-Treibmittel
stellt in der komplexen G 11-Entwicklung eine der
72
Bild 131: Potrone 4,7 mm x 21 DE 11;
Waffe: Prototyp Nr. 6; links: Nitrozellulose
rechts: HUP.
Schlüsselneuerungen dar, daher soll in Kalenderform auf
diesen wichtigen Entwicklungsschritt eingegangen wer-
den:
Februar 1977
Fertigungsauslauf der NC-Patronen DE 11 und DE 21
August 1977
Beginn der Herstellung und der Erprobung der HITP-
Patrone im Technikum der Dynamit Nobel. Es ist die
Patronenform DE 11 mit einem HITP-Granulat.
November/Dezember 1977
Eine HITP-Scheibe auf dem NC-Pulverkörper wird er-
probt.
Januar 1978
Auslieferung von 300 Patronen an Heckler & Koch m
der Form DE 11, pmax = 3 700 bar, V5 = 930 m/s,
Fertigung mit quergeteiltem Werkzeug.
Februar 1978
Herstellung quergeteilter Patronen mit neuem Werk-
zeug, Schulter am Treibladungskörper.
Oktober 1977 bis Februar 1978
Aufgrund des frühen Cook-off-Punktes von 20 Schuß
und der Feststellung, daß eine 2 mm dicke HITP-Schei-
be am Boden der Patrone keinen Schutz vor Wärme-
einwanderung durch das Geschoß bietet, werden bei
Heckler & Koch Patronen mit einer Schulter am Treib-
ladungskörper versehen. Versuche mit einer Schie-
behülse im Patronenlager verlaufen negativ.
April 1978
Erprobung der HITP-Patronen in der Waffe G 11, Zu-
führfestigkeit ist noch ungenügend.
Mai 1978
Auslieferung von 10 000 HITP-Patronen, erstes Muster
eines „separaten Anzündhütchens“ mit Zündsatz im
Napf aus HITP.
November 1978
Versuche, Patronen aus einem Rundstrang einteilig
herzustellen.
Dezember 1978
Entwurf einteilig gepreßter Patronen.
Mai 1979
Erhöhung der Festigkeit des Treibladungspulvers durch
0,5 %ige Faserbeimischung.
Juli 1979
Faseranteil wird auf 4 % erhöht. Die Verschmutzung
wird größer und blockiert nach wenigen Schüssen die
Waffenfunktion.
Februar 1980
Faseranteil wird wegen der Verschmutzung auf 2 % re-
duziert.
April 1980
Erster 2 kg-Ansatz des HITP. Zur Zerlegungsverbesse-
rung Ecken des Treibladungskörpers abgedreht, Ecken
angebohrt, Patronenlager mit Nuten, mit Konus, im
Kreisquerschnitt.
Oktober 1980
Quergeteilte Patronen aus Vollstrangmaterial.
Dezember 1982
Ingesamt stellt Dynamit Nobel im Jahr 1982 11452
Patronen aus HITP her, davon werden 9808 Patronen
für Eigenerprobungen und Vorführerprobungen an
Heckler & Koch ausgeliefert.
Um die Munitionsentwicklung voranzubringen, hat
das Verteidigungsministerium am 19. Dezember 1978
mit Dynamit Nobel einen Studienvertrag abgeschlossen,
der die Entwicklung der HITP-Patrone beschleunigen
soll. Wenn dies auch ein eigenständiger Vertrag ist, so
soll doch die Studie auf das G 11 Waffensystem ausge-
richtet sein:
„Es ist daher das Hauptaugenmerk auf das soge-
nannte HITP-Treibmittel zu richten, welches hinsicht-
lich der Umweltbelastung weit weniger problematisch
zu sein scheint. Diese Technologie ist daher auf dem
Studienwege weiter zu verfolgen. Dabei ist von einer
auf das Gewehr-G 11 -System auszurichtenden Studien-
verfolgung auszugehen, um dadurch die Problemstel-
lung auf einen sich bereits abzeichnenden Anwen-
dungsbereich anzupassen.“
Realistisch und selbstkritisch beurteilt das Bundes-
amt für Wehrtechnik und Beschaffung die noch vorhan-
denen Mängel des neuen Treibmittels:
„Wie die ballistischen Daten zeigen, ist die Ge-
samtstreuung dieser Munitionsart noch zu groß. Inwie-
weit die schlechte Präzision auf die Waffe oder auf das
innenballistische Verhalten der Munition (Fragmentie-
rung des Pulverpreßlings, Freiflug des Geschosses, Ab-
bremsung des Geschosses beim Ansetzen, Verquet-
schung beim Rohrdurchgang, je nach Plattierungsart
und Dicke) zurückgeführt werden kann, ist immer
noch nicht geklärt. Es sind Grundsatzuntersuchungen
notwendig, die schon am Ende der Studienphase hät-
ten durchgeführt werden müssen.“
Mit der Durchgestaltung der Teleskoppatrone und
mit dem Übergang auf das neue innenballistische Kon-
zept - auf diese beiden Entwicklungsschritte wird noch
zu kommen sein - sind die kritischen Punkte des HITP-
Treibmittels bewältigt worden.
41) Sachstandsbericht des BWB vom 10. Januar 1979.
73
Bild 132: Cook-off-Vergleich HUP - NC - Treibmittel, Entwicklungsstand 28.
Nov. 1977.
Der Übergang auf das neue Treibmittel verbessert
das Cook-off-Verhalten (Bild 132). Die anderen Lei-
stungsmerkmale der neuen Patrone müssen noch opti-
miert werden. Anfangs verbrennt das HITP-Treibmittel
nicht schnell genug. Unerwünschte Funkenbildung beim
automatischen Öffnen der Waffe ist die Folge. Auch die
bessere HITP-Munition des Jahres 1979 ist noch nicht
vollkommen. Es kommt noch zu Funktionsstörungen in
der Waffe, wegen der Gefährdung der Waffe durch Gas-
druckausreißer und wegen der Verbrennungsrückstän-
de, die den Schlagbolzen und die Dichtelemente schon
nach wenigen Schüssen blockieren. In den nächsten Mo-
naten arbeitet Dynamit Nobel intensiv an der Verbesse-
rung der HITP-Patrone, so daß zur Jahresmitte 1980
schon bessere Versuchswerte zu ermitteln sind. Trotz-
dem sind noch lange Versuchsreihen und umfängliche
Detailstudien notwendig, bis das HITP-Treibmittel die
gewünschten Eigenschaften erreicht hat (Bild 133 und
Bild 134).
Dabei muß das HITP-Treibmittel auch die Funktion
der Manöverpatrone sicherstellen. In der Frühphase der
Entwicklungsarbeiten hatte die Gaskolbenrücklaufge-
schwindigkeit nicht ausgereicht, um eine automatische
Waffenfunktion zu ermöglichen - so wäre ein teilweiser
Verschluß der Mündung notwendig gewesen. Dagegen
sprechen einesteils Sicherheitsüberlegungen, außerdem
erlaubt das Lastenheft keine Veränderungen der Waffe
zum Verschießen der Manöverpatrone. Nur ein sehr of-
fensiv abbrennendes Treibmittel kann die Funktion des
Gasdruckladers G 11 sicherstellen.
Es zählt zu den großen Leistungen des Entwick-
lungspartners Dynamit Nobel, in langen Versuchsreihen
das HITP-Treibmittel den Erfordernissen des Waffensy-
stems angepaßt zu haben. Die Hauptbestandteile des
HITP-Treibmittels sind Oktogen (ein Sprengstoff), ein
inerter Binder, ein aktiver Binder und zur mechanischen
74
Festigkeitssteigerung Zellulosefasern (Bild 135). Diese
Fasern müssen rückstandsfrei und rauchfrei verbrennen.
Fasern aus Glas scheiden aus, Kohlefasem mit guten
Festigkeitseigenschaften sind untersucht worden. Dabei
hat sich gezeigt, daß die Umsetzungstemperatur des
Treibmittels nicht ausreicht, die Kohlefasem zu verbren-
nen. Erst Viskosefasern erbringen die gewünschte Festig-
keitserhöhung und verbrennen ohne Rückstände.
Bild 134: HITP-Potrone, Entwicklungsstand
Dezember 1981.
Bild 135: Frühe HITP-Patronenfertigung:
Oktogen und der thermisch entfernbare Füllstoff werden trocken vorgemischt und zu-
sammen mit dem durch Lösungsmittelzugabe gelartigen Binder aus PVB/PNP - der auch
die Fasern enthält - in einem Kneter vermischt. Späteres Ausheizen entfernt das Lö-
sungsmittel und den Porositätszuschlag
75
ENTWICKLUNGSPARTNER
Konkurrenz zur Patrone 5,56 mm
Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
kündigt sehr kurzfristig am 3. Februar 1978 den Ent-
wicklungsvertrag vom 23. Dezember 1974, da keine
Chance mehr besteht, als Gewinner aus der NATO-Er-
probung hervorzugehen - es ist eine außerordentliche
Kündigung gemäß § 13 des Vertrages.
Sowohl Heckler & Koch als auch Dynamit Nobel
sind dadurch in einen vertragslosen Zustand versetzt.
Beide Firmen schließen sich zu einer Arbeitsgemein-
schaft zusammen42’ und entwickeln trotzdem auf eigene
Kosten Gewehr und Munition weiter. Im nachhinein
wird Dynamit Nobel die Bilanz ziehen, für den NATO-
Truppenversuch 350000 Schuß hülsenloser Munition
geliefert zu haben.
Es ist ganz besonders die kurzfristige Terminierung
von knapp zweieinhalb Jahren von der Erteilung des Ent-
wicklungsauftrages im Dezember 1974 bis zum Beginn
der NATO-Vergleichserprobung, die sowohl den Ent-
wicklungsaufwand als auch die damit verbundenen Ko-
sten in erheblichem Maße mitbestimmt und nach oben
getrieben haben - Ursachen, die nicht von den Entwick-
lungsfirmen zu vertreten sind.
Auch die zusätzliche Forderung, einen weiterent-
wickelten Prototyp in größerer Stückzahl 12 Monate
später, d.h. im April 1978 in eine sich der technischen
NATO-Vergleichserprobung anschließende NATO-Trup-
penerprobung einzubringen, hat den Aufwand und die
Kosten vermehrt.
Die Entscheidung der militärischen Stellen, die
Weiterentwicklung des Gewehres G 11 nur noch sehr
zurückhaltend zu betreiben, hat verschiedene Gründe:
Ursprünglich hatten bei den NATO-Tests aus-
schließlich neuartige Waffensysteme mit neuen Tech-
nologien im Vergleich zu den bisher eingeführten auto-
matischen Waffen geprüft werden sollen. Bereits die
Vorplanung für diesen Test zeigte jedoch, daß letzten
Endes nur die Bundesrepublik von allen an diesem Test
teilnehmenden Nationen als einziger Staat eine völlig
neuartige, zukunftsweisende Waffe einbringen würde.
Alle anderen teilnehmenden Staaten würden sich mit
herkömmlichen Gewehr- bzw. Maschinengewehrsy-
stemen beteiligen.
Schon durch das Übergewicht der im Kaliber 5,56
x 45 mm eingebrachten Waffen wurde im Laufe der
Versuche immer deutlicher, daß am Ende dieses Tests
und nach Abschluß der Auswertungsphase ca. 1980
eine Patrone 5,56 mm NATO-standardisiert werden
würde.
Diese sich immer deutlicher abzeichnende Ten-
denz hat neben weiteren Fakten wie dem bisher er-
reichten Reifegrad der Waffe und der Befürchtung,
technisches Know-how und damit den bisherigen Ent-
wicklungsvorsprung anderen Staaten zugänglich zu
machen, zu der Entscheidung geführt, daß die Bundes-
republik das Gewehr G 11 zwar in der technischen
NATO-Erprobung in Meppen und Cold Meece belas-
sen wird, jedoch keine weiterentwickelten Geräte in
die Truppenerprobung einbringen will.
Etwa gleichzeitig mit dieser Entscheidung wurde
aus finanziellen Gründen und unter dem Aspekt, daß
eine Neubewaffnung der Bundeswehr auf dem Ge-
wehrsektor nicht besonders dringend erschien, der bis
dahin bestehende Entwicklungsvertrag sowohl auf
dem Gewehr- als auch auf dem Munitionssektor
gekündigt.
Man weist Verteidigungsminister Wörner auf diese
Sachverhalte hin, als er am 3. März 1978 in Begleitung
des Bundestagsabgeordneten Sauter Heckler & Koch
einen Besuch abstattet
Heckler & Koch will ftrmenintern die Entwicklung
des Gewehrs Gil „so forciert weiterbetreiben, daß im
Zeitraum der Beurteilungs- und Entscheidungsphase der
derzeit laufenden NATO-Erprobung eine weitgehend
ausgereifte, truppenbrauchbare Waffe für alle potentiel-
len NATO-Interessenten zur Verfügung steht, um neben
der zu erwartenden Standardisierung der konventionel-
len Patrone 5,56 mm das Interesse an einem neuartigen
Gewehr-Munitions-System zu vermehren“, wie in
einem Brief vom 23. März 1978 dem Verteidigungsmini-
ster mitgeteilt wird.
Außerdem beabsichtigt Heckler & Koch - nicht zu-
letzt auch aus finanziellen Gründen - für die Fertigent-
wicklung des Gewehrs innerhalb der NATO Partner zu
finden, um die G 11-Entwicklung eventuell als bilatera-
les Projekt weiterlaufen lassen zu können.
Suche nach Entwicklungspartnern
Faktisch steht nun fest, daß das Gewehr G 11 im er-
sten Quartal 1978 nicht mehr am Truppenversuch teil-
nehmen wird. Selbst wenn die technische Erprobung in
Meppen erfolgreich verlaufen sollte, ist das Waffensy-
stem G 11 aufgrund der festgeschriebenen Prozedur als
offizieller Kandidat aus dem Auswahlverfahren ausge-
schieden. Damit ist nach Auffassung von Heckler & Koch
und Dynamit Nobel der Weg für Verhandlungen mit in-
teressierten Partnern frei.
42) Die Vereinbarung wird in Troisdorf am 5. September 1978 und in Oberndorf am
27. November 1978 unterzeichnet.
76
In englischen Cold Meece laufen im Mai 1978
immer noch die Munitions-Erprobungen, allerdings
macht sich eine Verzögerung im Programm bemerkbar.
Der voraussichtliche Abschluß wird wahrscheinlich erst
im Februar/März 1979 erreicht werden. Auch bei die-
sen Erprobungen wird die hülsenlose Munition nicht an
der abschließenden Bewertung und Auswahl des Kandi-
daten für die Einführung als zukünftiger NATO-Standard
teilnehmen; die Bundesrepublik teilt am 18. April 1978
den zuständigen NATO-Stellen die Rücknahme des Ge-
wehrs G 11 als „Candidate Weapon“ mit.
Nach der Kündigung des Entwicklungsvertrages
durch das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
arbeitet Heckler & Koch auf eigene Kosten und auf eige-
ne Veranlassung am Projekt G 11 weiter, hofft aber, in
Frankreich einen Partner zu finden.
Es ist wohl weniger amerikanischer Einfluß gewe-
sen als vielmehr eine sorgfältig kalkulierte Überlegung,
daß Frankreich sich bereits vor Beginn der NATO-Erpro-
bung für die fertigentwickelte und schon genutzte 5,56
mm-Patrone entschieden hat (Bild 136). Das Interesse
der französischen Armee an der hülsenlosen Gewehr-
technologie wird von Heckler & Koch als eine Option
Frankreichs auf eine Waffe in ferner Zukunft gesehen.
Kurzfristig ist ein Ersatz des FA-MAS durch das Gewehr
G 11 nicht zu erwarten. Andererseits ist bekannt, daß
GIAT und Diehl bei der Entwicklung einer Maschinen-
kanone im Kaliber 30 mm mit hülsenloser Munition Zu-
sammenarbeiten. Daraus kann geschlossen werden, daß
sich Frankreich intensiv mit der Technologie hülsenloser
Munition befaßt.
Am 18. Mai 1978 findet bei DTAT in Paris eine Be-
sprechung zwischen französischen Persönlichkeiten und
Vertretern des Hauses Heckler & Koch statt. Den franzö-
sischen Gesprächspartnern werden die Fakten dargelegt,
die für das G 11-System sprechen:
1. bis dato die einzige vollautomatische Waffe, die die
Abgabe eines kontrollierten Feuerstoßes ermöglicht;
2. systembedingte Funktionssicherheit unter erschwer-
ten Bedingungen.
Für eine Zusammenarbeit mit Frankreich sprechen
auch andere Gründe: Es ist bekannt, daß die USA ebenso
wie die Sowjetunion an einer Waffe für hülsenlose Muni-
tion arbeiten. Die USA hatten ihre früheren Arbeiten an
einer hülsenlosen Waffe nur deshalb eingestellt, weil sie
dieses Waffensystem nicht realisieren konnten. Diese Ar-
beiten wurden wieder aufgenommen, nachdem Heckler
& Koch den Beweis erbracht hatte, daß die Idee einer
Waffe für hülsenlose Munition realisierbar ist. Die mögli-
che Geschoßzerlegung beim Eintritt in sogenannte wei-
Hßj'd 136: Links: Patrone 5,56 mm x 45;
DynomitNobelFertgjng.
Rechts: Patrone 5,56 mmx 45; französische
Fertigung mit Stahlhülse.
ehe Ziele aufgrund hoher Geschoß-
geschwindigkeit - eine frühere Be-
fürchtung - hat sich als bedeu-
tungslos erwiesen. Die französischen Gesprächspartner
hatten in dieser Hinsicht große Bedenken. Das G 11-Sy-
stem bietet nicht zuletzt kommerzielle Vorteile, da es
das einzige Waffensystem dieser Art auf dem Weltmarkt
ist, wogegen sich der 5,56 mm-Markt weltweit unter 11
Hersteller aufteilt.
Verhandlungen mit GIAT
Mit dem Rückzug der deutschen Amtsstellen aus
der G 11-Entwicklung rückt die Möglichkeit nahe, die
neue Waffe auf den internationalen Markt zu bringen.
Beide Entwicklungsfirmen kennen das große Interesse
der französischen Armee an der hülsenlosen Technolo-
gie und nehmen Kontakt mit dem französischen Unter-
nehmen GIAT431 auf.
Auch wenn Heckler & Koch Nachbaurechte der
neuen Waffe ins Ausland vergeben wollte, wäre dies nur
mit Einschränkungen möglich, da der Bund nach den
vertraglichen Bestimmungen der Vergabe von Nachbau-
rechten in das Ausland zustimmen muß. Frankreich ist
ein NATO-Land, die Zustimmung des Bundes zur Verga-
be der G 11 -Nachbaurechte an Frankreich ist daher si-
cher. Vertragsgemäß würde Heckler & Koch dann ver-
pflichtet sein, die vom Bund bezahlten Entwicklungsko-
sten schrittweise zurückzuzahlen.
Im Rückblick wird sich zeigen, daß sich die Ver-
handlungen mit Frankreich über Jahre hingezogen
haben. Das Verteidigungsministerium kennt und billigt
das große Interesse der französischen Armee am G 11-
Gewehr, auch wird die Bonner Behörde von Heckler &
Koch über die Verhandlungen mit Frankreich auf dem
laufenden gehalten.
Als Modell einer deutsch-französischen Zusammen-
arbeit zur Weiterentwicklung des G 11-Gewehrs und
der hülsenlosen Munition erscheint den deutschen Part-
nern die Abwicklung des Milan-Projektes vorbildhaft.
Eine erste Besprechung in Oberndorf mit dem Partner
Dynamit Nobel am 22. September 1978 führt noch nicht
zu einer von Dynamit Nobel gewünschten Arbeitsge-.
meinschaft.
43) Für Forschung und Entwicklung, technische Auswertung und Herstellung der franzö-
sischen Boden-Waffensysteme ist dos stootliche Büro "Direction des Armements Terrest-
res (DAT)" zuständig. "Groupement Industriel des Armements Terrestres (GIAT)" ist der
industrielle Arm von DAT.
77
Am 24. Januar 1979 findet eine Besprechung bei
GIAT, Paris, über eine zukünftige Zusammenarbeit statt.
GIAT hat über französische Regierungsstellen die An-
sicht des deutschen Verteidigungsministeriums über die
neue Waffe eingeholt:
Aufgrund der offiziellen deutschen Angaben sei
die französische Regierung im Zweifel, ob das Waffen-
system G 11 mit hülsenloser Munition eine gute Lö-
sung sei. Hinzu komme, daß dieses System in Frank-
reich noch nicht erprobt werden konnte. In deutsch-
französischen Regierungsgesprächen habe man aber
die Möglichkeit erörtert, in den 90er Jahren ein Nach-
folgegewehr für das FA-MAS und das G 3 gemeinsam
zu entwickeln - gegebenenfalls auf der Basis des G 11-
Systems. Daher habe die französische Regierung GIAT
aufgefordert, weiterhin mit Heckler & Koch im Ge-
spräch zu bleiben, jedoch nur dann vertragliche Bin-
dungen einzugehen, wenn Heckler & Koch und Dyna-
mit Nobel ein Ergebnis vorlegen, das von der französi-
schen Regierung geprüft und akzeptiert werden kann.
Die Besprechung bei GIAT führt zum Ergebnis,
daß die beiden deutschen Firmen nach Gründung
einer gemeinsamen deutschen Dachgesellschaft dem
französischen Verhandlungspartner Vertragsvorschläge
über Geheimhaltung, Kooperation und Gründung
einer gemeinsamen Gesellschaft machen werden. Es
dauert über ein Jahr, bis die beiden deutschen Firmen
eine G 11-Dachgesellschaft, die Gesellschaft für hül-
senlose Gewehrsysteme mbH (GHGS), ins Leben geru-
fen haben (Bild 137). Damit erhält die seit dem Herbst
1978 bestehende Zusammenarbeitsvereinbarung zwi-
schen Dynamit Nobel und Heckler & Koch eine breite-
re Basis mit dem Ziel, bei den Verhandlungen mit
Frankreich gemeinsam auftreten zu können.
Im Frühjahr 1980 lädt Heckler & Koch GIAT-Mit-
arbeiter zu Schießvorführungen ein. Diese finden am
3. Juni 1980 in Oberndorf statt. Heckler & Koch stellt
den französischen Interessenten die neue Waffe vor
und bietet einen Kooperationsvertrag an. Die Koopera-
tion soll sich auch auf England ausdehnen, um so ein
europäisches Konzept gegenüber den USA auszuarbei-
ten.
Es formiert sich eine technische Arbeitsgruppe,
die ihre erste Sitzung am 25. Mai 1981 bei Heckler &
Koch abhält. Beteiligt sind GIAT-Mitarbeiter und Mit-
arbeiter der beiden deutschen Firmen.
78
ENGLISCHES INTERESSE
Am 29. April 1982 werden das Gewehr G 11 und
die hülsenlose Munition im französischen Satory vorge-
führt. Es nehmen hohe französische Offiziere an dieser
Präsentation teil. Am 10. Mai 1982 findet eine französi-
sche Erprobung des Gewehrsystems G 11 in Bourges
statt. Die Zusammenarbeit mit dem französischen Part-
ner intensiviert sich, schon am 18. Mai 1982 folgen Ver-
handlungen in Oberndorf.
Die nächste Arbeitsgruppensitzung erfolgt am 9.
Juni 1982 bei Heckler & Koch. Noch ist ein Vertrag nicht
abgeschlossen, sondern nur im Entwurf erstellt. Auch
zur Jahresmitte 1983 diskutieren die deutschen und
französischen Partner noch über den Entwurf eines ge-
meinsamen Vertrages. Das entscheidende Problem ist
die Abfassung des Geheimhaltungsabkommens.
Im Juni 1983 ist eine weitgehende Übereinstim-
mung der Ansichten erzielt. Es erscheint möglich, das
Abkommen in absehbarer Zeit zustande zu bringen.
Durch Indiskretionen in der französischen Öffentlichkeit
werden die G 11-Aktivitäten bekannt, als am 3. Oktober
1983 der französische Abgeordnete Paul Chomat in der
Pariser Nationalversammlung eine Anfrage an den Ver-
teidigungsminister richtet über die G 11-Kooperation mit
der Bundesrepublik und Großbritannien.
Nachdem im Sommer 1984 nach langwierigen Ver-
handlungen mit GIAT eine vollständige Übereinstim-
mung über einen Geheimhaltungsvertrag zwischen der
Gesellschaft für hülsenlose Gewehrsysteme und GIAT
erzielt ist - dieser Vertrag auch von den deutschen Part-
nern unterzeichnet worden ist und nur noch vom fran-
zösischen Partner gegengezeichnet werden muß -, erhal-
ten die deutschen Firmen im Juni 1984 die Information,
daß die französische Seite an der ursprünglich vereinbar-
ten Art der Zusammenarbeit nicht mehr interessiert ist.
Kenner der Vorgänge vermuten, daß ein unterdes-
sen zwischen der Gesellschaft für hülsenlose Gewehrsy-
steme und den USA abgeschlossene ACR-Vertrag Ursa-
che für den französischen Rückzug gewesen ist. GIAT
zieht sich im September 1984 aus der vorbereiteten Part-
nerschaft zurück. Eine letzte Besprechung findet am 7.
Dezember 1984 in Paris statt. Heckler & Koch und Dyna-
mit Nobel erfahren, daß GIAT weiterhin an einem ge-
meinsamen Fertigungs- und Exportunternehmen „Euro-
fusil“ interessiert ist, daß man aber in Frankreich nicht
gerade begeistert sei von der deutschen G 11-Entwick-
lungskooperation mit den USA.
Ein letztes abschließendes Gespräch findet im März
1985 zwischen GIAT und Heckler & Koch statt. Es wird
dabei deutlich, daß sich GIAT aus der beabsichtigten
Partnerschaft zurückzieht.
44) Zwischenzeitlich wer das englische Gewehr auf das Kaliber 5,56 mm umgestellt
worden.
Verständlich ist der Wunsch von Heckler & Koch,
eine vom Verteidigungsminisieriam gewünschte Ent-
wicklungsarbeit nicht aus eigenen Mitteln finanzieren zu
müssen. Als Möglichkeit zur Verteilung der Lasten hatte
sich die beabsichtigte Zusammenarbeit mit Frankreich
angeboten.
Wenn auch die Kooperation mit Frankreich langfri-
stig nicht die erwünschten Resultate erzielt, so sind diese
Aktivitäten doch der Anlaß für Heckler & Koch und Dy-
namit Nobel gewesen, die vertragliche Grundlage für
eine G 11-Dachgesellschaft zu schaffen - die Gesellschaft
für hülsenlose Gewehrsysteme mbH.
Die Entwicklungsarbeit der beiden deutschen Fir-
men wird unterdessen weltweit bekannt. In der zweiten
Jahreshälfte 1979 zeigt Großbritannien großes Interesse
und würde einer Gesellschaft - der auch Frankreich an-
gehören soll - zur Schaffung eines hülsenlosen Ge-
wehrsystems beitreten. Das britische Verteidigungsmini-
sterium hat seine Zustimmung erteilt, daß die Royal Ord-
nance Factories einem deutsch-französischen Industrie-
konsortium beitreten kann. Allerdings erlaubt die Sat-
zung der Royal Ordnance Factories nicht, sich kapital-
mäßig an Unternehmen zu beteiligen. Verträge über ge-
meinsame Entwicklung und Produktion mit anderen Fir-
men können abgeschlossen werden.
So bleibt als einzige Form der Zusammenarbeit eine
bilaterale deutsch-französische Firma „Eurofusil“, die
durch einen Kooperationsvertrag wiederum mit den
Royal Ordnance Factories verbunden ist. Ein Arbeitspa-
pier des Bonner Verteidigungsministeriums von Ende
April 1980 diskutiert die Möglichkeiten der Zusammen-
arbeit: Würden sich England und Frankreich an den bis-
her aufgewendeten Entwicklungskosten beteiligen, d.h.
die Altrechte erwerben, so würde dies den deutschen
Steuerzahler entlasten. Die Fertigentwicklung soll anteil-
mäßig zu je einem Drittel von den drei Nationen getra-
gen werden - eine Form der Zusammenarbeit, die durch-
aus im deutschen Interesse ist. Die Fertigentwicklung
soll bei Heckler & Koch und bei GIAT erfolgen, England
wird eventuell Teilaspekte bearbeiten.
Ein Eingehen auf die deutschen Vorschläge setzt
voraus, daß sowohl England als auch Frankreich das Ka-
liber 5,56 mm nur als Zwischengeneration auf dem Weg
zur Einführung des G 11 in ihren Ländern ansehen. Das
Interesse an einem Zusammenarbeitsvertrag ist vorhan-
den, doch weist man die deutschen Verhandlungspart-
ner darauf hin, daß man das Waffensystem G 11 zum
derzeitigen Zeitpunkt nicht zum Nachfolgesystem des
neuen englischen Gewehres erklären kann. Ebensowe-
nig können die deutsch-französischen Partner erwarten,
daß Großbritannien das Kaliber 5,56 mm44’ nur als Zwi-
schenkaliber betrachtet.Dies ist das Ergebnis einer Un-
terredung am 4. Juli 1980 bei Dynamit Nobel.
79
Der zuständige General des britischen Verteidi-
gungsministeriums macht sich am 25. Juli 1980 in
Oberndorf mit dem Waffensystem G 11 vertraut. Engli-
scherseits besteht durchaus Interesse an einem baldigen
Abschluß eines Vertrages über die Zusammenarbeit der
Firmen Heckler & Koch und Dynamit Nobel AG mit den
Royal Small Arms Factories. Darüber hinaus finden Ver-
handlungen zwischen dem deutschen und britischen
Verteidigungsministerium statt. Über die Inhalte eines
Kooperationsvertrags laufen die Verhandlungen weiter,
Mitte Oktober 1980 liegt der siebte Entwurf vor - immer-
hin sind die Interessen dreier europäischer Staaten zu
berücksichtigen, und auf nationale Empfindlichkeiten ist
einzugehen.
Zur Jahresmitte 1981 ist festzustellen, daß die Ver-
tragsverhandlungen mit den Royal Small Arms Factories
ruhen. Das ist nicht verwunderlich, denn gerade durch-
läuft das neue englische Enfield-Waffensystem verschie-
dene Tests. Es ist offensichtlich zu spät, die Erprobung
des Enfield-Gewehres ist zu weit fortgeschritten, um
noch eine Änderung der englischen Ansichten herbeizu-
führen.
Heckler & Koch sowie Dynamit Nobel signalisieren
den Royal Small Arms Factories die Bereitschaft, einen
Forschungs- und Entwicklungsvertrag für ein hülsenlo-
ses Gewehr und dessen Munition abzuschließen. Es hilft
wenig, daß bei einem Besuch des britischen Verteidi-
gungsministers Heseltine in der deutschen Botschaft am
28. April 1983 ein Gewehr G 11 dem Minister vorge-
stellt wird.
Zur Passivität der englischen Verhandlungspartner
trägt wohl auch bei, daß die Royal Ordnance Factories in
private Unternehmen umgewandelt werden sollen.
Letztendlich sind alle Bemühungen erfolglos geblieben,
der britische NATO-Partner ist nicht bereit, eine Option
auf das Gewehr G 11 auszusprechen.
Schweizer Sturmgewehr kontra G 11
Mit wacher Aufmerksamkeit verfolgt man in Obern-
dorf die Schweizer Aktivitäten um ein neues Militärge-
wehr.
Die Schweizer Armee hat 1978/79 Entwicklungs-
aufträge an die Schweizerische Industrie-Gesellschaft
Neuhausen (SIG) und die Waffenfabrik Bern erteilt.
Heckler & Koch erfährt den Terminplan: Im August
1980 erfolgt die Festlegung eines Erprobungspro-
gramms, im Herbst 1981 die Auslieferung von je 2 mal
105 Waffen im Kaliber 5,6 mm und 6,45 mm in Normal-
und Karabinerausführung. Im Frühjahr 1982 müssen
Mängel an den Schweizer Versuchswaffen Kaliber 5,6
mm beseitigt werden, im März 1982 erfolgt die Festle-
gung auf das Kaliber 5,6 mm. Im Sommer 1982 beginnt
die Truppenerprobung des zukünftigen Schweizer
Sturmgewehrs.
Damit sind die Chancen recht gering, die Schweizer
Behörden für das Gewehr G 11 zu interessieren. Heckler
& Koch versucht es trotzdem und führt die Waffe am 15.
September 1981 einem Vertreter der Schweizer Rü-
stungsbehörde vor. Eine größere Präsentation ist im zu
Ende gehenden Jahr 1981 nicht mehr möglich.
Mit Zustimmung des Bonner Verteidigungsministe-
riums bietet Heckler & Koch der Schweizerischen Grup-
pe für Rüstungsdienste eine Demonstration des Geweh-
res G 11 im Frühjahr 1982 an. So findet erstmals eine
Präsentation des Gewehres und der Munition am 7. Mai
1982 bei der Waffenfabrik in Bern statt. Zur weiteren Er-
probung kommt zwischen der GHGS und der Schweizer
Rüstungsbehörde zur Jahresmitte 1982 ein Vertrag zu-
stande, der Heckler & Koch davor schützen soll, das
Know-how an der Waffe und der hülsenlosen Munition
zu verlieren.
Die Schweizer Rüstungsbehörde erhält für außen-
und zielballistische Untersuchungen von Heckler & Koch
hülsenlose Munition. Vom 12. Juli 1982 an untersucht
diese Dienststelle die G 11-Munition in einer zwei-
wöchigen ballistischen Erprobung in Thun. Um wenig
Waffen- und Munitionsdetails bekanntwerden zu lassen,
stellt Heckler & Koch zu den Erprobungen neben der
Munition nur einen Gasdruckmesser zur Verfügung.
Die in Thun ermittelten Meßwerte entsprechen
noch nicht den hochgesteckten Vorstellungen der
Schweizer Rüstungsbehörden, da einzelne Komponen-
ten der Patrone noch nicht optimiert sind.
Das Interesse Frankreichs und der Vereinigten Staa-
ten am Gewehr G 11 ist den Schweizer Rüstungsbehör-
den bekannt. Auch weiß die Schweiz, daß die Bundesre-
publik beabsichtigt, das Gewehr G 3 durch das G 11
nach 1990 zu ersetzen. So bietet im Februar 1983 Heck-
ler & Koch der Schweizer Rüstungsbehörde Gewehre
G 11 und hülsenlose Munition zur Erprobung an. Auf
dieses Angebot hin wird Ende März 1983 Heckler &
Koch zu einem kurzfristig terminierten zehnminütigen
Einzelfeuer-Präzisionsvergleichsschießen auf 300 Meter
Entfernung vor Mitgliedern der Militärkommission des
Nationalrates eingeladen.
Dieses Angebot kommt für Heckler & Koch zu früh,
da für die Fertigentwicklung der Munition und der aktu-
ellen Gewehr-Prototypen noch einige Monate benötigt
80
ER AMERIKANISCHE
MARKT
werden. Es wäre auch kein fairer Vergleich, da der völlig
neuen hülsenlosen Munition konventionelle Munition
gegenüberstehen würde. Die Ergebnisse würden keinen
objektiven Systemvergleich der gesamten Waffe bedeu-
ten, außerdem werden Fragen der Geheimhaltung
berührt. Zu einem späteren Zeitpunkt des Jahres 1983
erklärt sich Heckler & Koch bereit, die neue Waffe in der
Schweiz vorzuführen.
Unterdessen stellt sich heraus, daß die Evaluation
eines neuen Schweizer Sturmgewehrs bereits abge-
schlossen ist. Die Schweiz hat sich für eine Waffe der
SIG entschieden, der Schweizer Bundesrat hat im Febru-
ar 1983 die Botschaft für das Rüstungsprogramm 1983
an das Parlament weitergeleitet. Diese Botschaft enthält
auch die Beschaffung von 15 000 neuen Sturmgeweh-
ren.
In den Schweizer Medien entbrennt ein Streit dar-
über, ob die Entscheidung des Schweizer Bundesrates
über die Neubewaffnung richtig ist. Dem Argument, daß
mit der Wahl eines Schweizer Produktes Arbeitsplätze in
der Schweiz erhalten bleiben,* tritt Heckler & Koch mit
dem Angebot entgegen, Lizenzen in die Schweiz zu ver-
geben und ein helvetisiertes, in der Schweiz gefertigtes
Gewehr G 11 zu ermöglichen.
Die Entscheidung gegen das Gewehr G 11 fällt am
6. April 1983, als die Militärkommission des Nationalra-
tes der vom Eidgenössischen Militärdepartement bean-
tragten Beschaffung von vorerst 15 000 neuen Sturmge-
wehren von der SIG zustimmt.
Bild 138: Erste G11 -Schießvorführung in den USA in Fort Benning vor General
Wetzel und General Riscassi om 14. und15. Oktober 1981.
Das US-Verteidigungsministerium interessiert sich’
wieder für die hülsenlose'Mupitiß^B^amenkahS^iie
Delegation informiert sich im Dezember 1979 in
Deutschland auch über den Stand der G 11-Entwiek-'
Bild 139
lung. 1974 hatten die Vereinigten Staaten die Arbeiten
an hülsenloser Munition eingestellt, von 1981 an be-
schäftigen sich die USA wieder mit der hülsenlosen Pa-
trone. Die waffentechnische Abteilung des Unterneh-
mens General Electric startet ein Entwicklungspro-
gramm für eine Waffe mit hülsenloser Munition.
Am 21. Mai 1981 wird einer amerikanischen Dele-
gation das Gewehr G 11 vorgeführt. Die amerikanische
Regierung hat wieder finanzielle Mittel zur Erprobung
der hülsenlosen Technologie bereitgestellt. Für das Jahr
1981 sind 500 000 Dollar fest eingeplant, aber noch
nicht vergeben. Eine größere Bekanntheit des G 11 -Sy-
stems in den Vereinigten Staaten könnte das Interesse
amerikanischer Regierungsstellen wecken. Dazu plant
Heckler & Koch Schießvorführungen vor amerikanischen
Bedarfsträgern. Leitenden Beamten des US-Verteidi-
gungsministeriums die Waffe vorzuführen könnte im
gleichen Maße erfolgreich sein wie Vorführungen vor
Mitgliedern des jeweiligen Verteidigungsausschusses im
Senat und im Repräsentantenhaus. Als günstiger Zeit-
punkt erweist sich der Oktober 1981. Zu diesem Zeit-
punkt findet das jährliche Treffen der American Defence
Preparedness Association statt, diesmal am 14. und 15.
Oktober in der Infanterieschule Fort Benning, Georgia.
Im Rahmen des internationalen Handfeuerwaffen-Sym-
posiums dieser Gesellschaft wird die neue Waffe zum er-
sten Mal einem größeren Kreis von Fachleuten vorge-
führt (Bild 138).
Auf dem United States Army Annual Meeting in
Washington in der ersten Oktoberwoche 1981 sind so-
wohl Dynamit Nobel als auch Heckler & Koch mit einem
Informationsstand präsent.
Eine weitere Vorführung in den USA findet in der
43. Kalenderwoche 1981 vor dem US-Kongreß statt.
Hierzu werden 3 Gewehre G 11 mit 2 000 Schuß Muni-
tion zur Verfügung gestellt.
Zum Teil bitten hohe Offiziere befreundeter NATO-
Staaten um Vorführung des G 11-Gewehrs, zum Teil
lädt Heckler & Koch Entscheidungsträger ein und führt
die Waffe vor (Bild 139).
81
DEUTSCH-AMERIKANISCHE
KOOPERATION
1982 beginnt die US-Armee das Advanced Combat
Rifle (ACR)-Programm, um sich über den aktuellen
Stand der Waffentechnik und über zukünftige aussichts-
reiche Entwicklungen auf dem laufenden zu halten.
Die Vereinigten Staaten haben somit ein ganz vita-
les Interesse, die Technologie hülsenloser Munition ken-
nenzulernen, zumal in den USA schon in den 60er Jah-
ren Versuche mit dieser Munitionsart durchgeführt wor-
den sind.
An der amerikanischen Ausschreibung für die Ent-
wicklung eines Caseless Ammunition Rifle System
(CARS) beteiligt sich Heckler & Koch über die amerikani-
sche Firmentochter mit Erfolg: Am 28. September 1982
erhält Heckler & Koch einen Auftrag über die Entwick-
lung und Herstellung eines hülsenlosen Waffen-ZMuniti-
onssystems vom U.S. Department of the Army, vertreten
durch ARRADCOM (Army Armament Research and De-
velopment Command), Dover, N.J.
Der Entwicklungsvertrag ist in technisch definierte
Phasen eingeteilt:
Phase 1: Erarbeitung eines Lösungsvorschlages (Soft-
ware), entspricht einer Konzeptstudie,
Phase 2: Erstellung eines Versuchsmusters und Firme-
nerprobung (keine Hardware-Lieferung an den Auftrag-
geber), beinhaltet den Feasibility-Nachweis, d.h. den
Nachweis der reproduzierbaren Innenballistik und der
Präzision im 3-Schuß-Feuerstoß und der truppenbrauch-
baren Selbstentzündungsgrenze (Cook-off),
Phase 3: sieht die Lieferung von Waffen und Munition
zur technischen Erprobung vor,
Phase 4: umfaßt die Lieferung von Waffen und Muniti-
on für Truppenerprobungen.
Bild 140: ACR-Musterwaffe aus der Vertragsphase 2 hier
auf Wunsch des amerikanischen Vertragspartners mit einem
zusätzlichen mechanischen Notvisier.
Die Phase 1 schließt zur Jahresmitte 1983 ab. Mit
dem Zustandekommen eines Lizenzabkommens tritt die
Phase 2 offiziell am 15. März 1984 in Kraft. Das Lizenz-
abkommen erteilt den USA unter bestimmten Vorausset-
zungen das Recht der Verwertung des technischen
Know-how am Gewehrsystem für hülsenlose Munition
für Zwecke der US-Armee (Bild 140). Am 31. Dezember
1984 ist die Phase 2 abgeschlossen (Bild 141). Die Phase
3 (1. Februar 1985 bis 31. Oktober 1987)45’ schließt mit
umfänglichen Tests ab (Bild 142), darunter einer Schall
druckmessung am Ohr des Schützen (Bild 143). Im Rah-
men der Phase 4(1. September 1988 bis 30. September
1989) werden im März und Mai 1989 die weiter unten
aufgeführten ACR-Gewehre an die US-Regierung gelie-
fert.
Der Lizenzvertrag sieht vor, daß der amerikanische
Vertragspartner Einblick in die vorhandenen Unterlagen
nimmt. Die Bonner und Koblenzer Behörden stimmen
einer Einsichtnahme in technische Unterlagen durch
eine Kommission der US-Regierung zu, da durchaus ein
Interesse besteht, dem NATO-Partner die gesamte G 11-
Technologie zugänglich zu machen (Bild 144). Trotz-
dem verlaufen die Verhandlungen schleppend, einesteils
will Heckler & Koch ohne den Schutz vertraglicher Ver-
einbarungen keinen vollen Einblick gewähren, anderer-
seits sind die US-Dienststellen ohne genaue Kenntnis des
Entwicklungsstandes der G 11-Technologie nicht zu
einer Vereinbarung bereit.
Wenngleich die Gewehrtechnologie hülsenloser
Munition in der Leistung weit vor den Konkurrenten
liegt, so hat doch Heckler & Koch mit der Hülsenlos-
Technologie nicht das Monopol für eine eventuelle Ent-
wicklung eines zukünftigen Waffensystems für die US-
Streitkräfte. In der zweiten Jahreshälfte 1986
erhalten fünf weitere Firmen Forschungs-
verträge für ein neues Sturmgewehr
von der US-Armee.
82
Bild 141: General Wickhom, Generalstabschef des US-Heeres, schießt im Ok-
tober 1984 mit dem Gewehr G 11 auf der Standortschießanloge in Koblenz.
Im Hintergrund: links Herr Lochner, rechts Herr Möller.
Bild 142: ACR-Woffe ous der Vertrogsphose
Bild 143: Schalldruckmessung an einer ACR-Woffe.
Bild 144: Besuch des US-Botschafters Richard R. Burt am 12. September
1986 bei Heckler & Koch
ACR-Test
1985 werden Pläne der US-Regierung be-
1987 ein größeres Vergleichsschießen durchzu-
führen. Dabei soll sich herausstellen, welche Technolo-
gie vorteilhaft für eine zukünftige Infanteriewaffe ist. Ei-
nerseits soll sichergestellt sein, daß die US-Streitkräfte
Kenntnisse über ein möglicherweise noch unbekanntes
Produkt erhalten. Andererseits sichert ein solches Vorge-
hen die Hülsenlos-Technologie gegen den Vorwurf ab,
die US-Streitkräfte hätten nicht ernsthaft nach Alternati-
ven Ausschau gehalten.
Dieser ACR-Field-Test - er wird auf 1988 verscho-
ben - ist sehr wichtig. „Zum ersten Mal seit den Truppen-
versuchen mit dem SAWS (Small Arms Weapon System)
im Jahre 1966 wird das US-Heer zuverlässige Daten über
die Leistungsfähigkeit seiner wichtigsten Infanteriewaf-
fen sammeln können.“46’ Es gilt für die deutschen Ent-
wicklungspartner, das Waffensystem für hülsenlose Mu-
nition gegen die Konkurrenz der großen amerikanischen
Waffen- und Munitionshersteller zu behaupten. Der
ACR-Test wird durchgeführt in Fort Benning sowie Aber-
deen Proving Ground. Der Ablauf der Erprobungen ist
von den US-Behörden wie folgt vorgesehen:
• Lieferung von 5 ACR-Waffen und 15 000 Schuß Mu-
nition nach Aberdeen durch Heckler & Koch;
• technische Tests des ACR, Sicherheitsbescheinigung;
0 Truppenexperiment mit den ACR-Waffen;
• Lieferung von 15 Heckler & Koch-ACR-Waffen und
Munition;
9 Lieferung der Munitionsrestmenge nach Fort Ben-
ning;
• Beginn der Truppentests für alle Waffenprüfungen,
Dauer etwa 20 bis 36 Wochen;
• Abschluß der Truppentests, etwa 2 bis 5 Monate zur
Analyse und Veröffentlichung der Ergebnisdaten;
• Abschluß der Datenanalyse.
Die ersten 5 ACR-Gewehre werden am 3. März
1989 zusammen mit 6 000 Schuß Munition nach Aber-
deen Proving Ground geliefert (Bild 145). Die erste Mu-
nitionslieferung geschieht mit einer Transportmaschine
der Bundeswehr, während die zweite Teillieferung in
die Vereinigten Staaten große Probleme bereitet. Da die
Munition noch nicht klassifiziert ist, kann der Transport
nur auf dem Seeweg erfolgen. Insgesamt liefert Dynamit
Nobel vom Mai 1989 bis zum Juli 1989 90 000 Schuß
hülsenloser Munition in die Vereinigten Staaten: 15 000
Schuß nach Aberdeen zur Erteilung der Freigabegeneh-
migung für den Field-Test und 75 000 Schuß nach Fort
Benning für den Field-Test selbst.
45) Während der Phase 3 war eine "Stop work"-Order erfolgt und hotte zu Verzöge-
rungen geführt. Ursprünglich sollte die Phase 3 nicht so lange dauern.
46) Ezell, Edward: Handfeuerwaffen für das Jahr 2000. Internationale Wehrrevue
6/1987, S. 802.
83
Bild 145: Ein großer Augenblick: Die ACR-Waffen werden ousgeliefert. Von links noch
rechts: Herr Schoch, Herr H.P. Bootle, Herr H. Bootle, Herr Roll, Herr Epp, Herr Weber,
Herr Mouch, Herr Kurtz, Herr Ott, Herr Leicht.
Bild 146: Schützen und Waffen des ACRTest
Im Mai 1989 weist Herr Rall das Personal von Aber-
deen Proving Ground in die Handhabung der Waffen
ein. Aberdeen testet jede Waffe mit 3 OOO Schuß und er-
teilt im Dezember 1989 die Sicherheitsfreigabe.
15 ACR-Gewehre werden Ende Mai 1989 in die
Vereinigten Staaten verschifft.
In Fort Benning, Georgia, wo die Vergleichserpro-
bungen mit den anderen ACR-Kandidaten von Steyr,
Colt, AAI und dem verstärkten M 16 stattfinden (Bild
146), werden vier Wochen lang 12 Heeres-Unteroffizie-
re und 12 Luftwaffen-UnterOffiziere von den Firmenver-
tretern nach einem definierten Schulungsplan ausgebil-
det. Zuvor sind in Oberndorf englischsprachige Bedie-
nungs- und Instandsetzungsanleitungen erstellt worden.
Im Juli 1989 werden drei militärische Ausbilder und
zwei zivile Datensammler in Fort Benning am ACR-Ge-
wehr ausgebildet (Bild 147). Mr. Jim Schatz vorn ameri-
kanischen Heckler & Koch-Tochterunternehmen und
Herr Kurtz von Heckler & Koch/Oberndorf stellen die-
sen Männern das ACR-Ausbildungsprogramm vor, das
sie im Frühjahr 1989 entwickelt haben.
Auf der eigens für diese Tests entworfenen „Buck-
ner-Range“ wird ein auf der Welt einmaliges Szenario
verwirklicht. Von Nahkampfentfernungen bis zur Di-
stanz von 600 Metern sind Ziele installiert, die über eine
Gesamtcomputersteuerung ermöglichen, auch nahe Vor-
beischüsse zu registrieren, zu vermessen und zweidi-
84
mensional darzustellen. Damit wird erstmalig eine Beur-
teilung von Salvenfeuer möglich. Ende Juli 1989 zer-
stören starke Tornados und Gewitter die elektronische
Einrichtung der Schießbahnen. Die Versuche in Fort
Benning müssen nach dem Ausfall der elektronischen
Schußauswertung eingestellt werden.
In Oberndorf wird zwischenzeitlich ein besseres
Verriegelungsstück erprobt, das in den ACR-Versuch ein-
gebracht werden soll. Das Personal des U.S. Armament
Research, Development and Engineering Center
(ARDEC) stimmt im November 1989 einer Nachrüstung
der Heckler & Koch-Versuchswaffen zu. Vom 2. Januar
1990 bis zum 11. Januar 1990 bauen Heckler & Koch-
Mitarbeiter in der Waffenwerkstatt des Small Arms Cen-
ter von Aberdeen Proving Ground 15 ACR-Gewehre
um. Nachdem die Waffen nach Fort Benning zurückge-
flogen worden sind, kann am 16. Januar 1990 der ei-
gentliche ACR-Test beginnen (Bild 148). 85
Bild 149: Schießen auf bekannte Entfernungen. Es wird in verschiedenen 2»
Anschlagsorten geschossen: Stehend freihändig, liegend auf Sandsack auf-
gelegt und aus dem Schützenloch heraus.
Das amerikanische Testpersonal setzt sich zu glei-
chen Teilen aus Luftwaffensoldaten und Heeresan-
gehörigen zusammen (Bild 149 und 150). Auf der
Shelton-Range stehen drei große Wohncontainer, in .
denen sich für jedes Firmenteam ein kombinierter Un-
terrichts- und Werkstattraum befindet (Bild 151). Je-
weils 18 Schützen sind in Gruppen von 3 bis 4 Schüt-
zen den einzelnen Waffensystemen zugeteilt. Nach je-
weils drei Wochen wechselt das Team. Der Zeitplan
für die Ausbildung sieht eine einwöchige Schulung der
Schützen vor. Dem Unterricht im Klassenzimmer fol-
gen Schießübungen auf verschiedenen Schießbahnen
in allen Feuerarten und auf alle Entfernungen. Die
nächsten zwei Wochen schießt das Team unter voll-
ständiger Aufsicht der Armee auf der Buckner-Range.
Während dieser Woche haben die Firmenvertreter kei-
nen Zutritt zum unmittelbaren Schießversuch. Nur
wenn sicherheitsrelevante Vorfälle geschehen, wird
den Firmenvertretern der Zugang zu ihren Waffen er-
möglicht. Unbeeinflußt möchte die US-Armee objekti-
ve Vergleichsergebnisse gewinnen (Bild 152).
Das Angebot des Heckler & Koch-Teams, im Di-
stanzbereich von 300 bis 600 Metern auch im 3-
Schuß-Feuerstoß zu schießen, erweist sich nicht als
Vorteil, da über die große Entfernung die Scheiben
kaum erkennbar sind und sowohl jede Abzugbewe-
gung als auch der gesamte Munitionsverbrauch in die
| Bewertung des Waffensystems eingehen.
Der erste Testdurchgang ist im Mai 1990 abge-
schlossen. Es werden die Schützen ausgetauscht. Die
Ausbilder wechseln nicht. Es kommen 18 neue Schüt-
zen. Dies geschieht noch ein weiteres Mal. Unterdes-
sen ist es Mitte August 1990 (Bild 153) geworden. In
den letzten 14 Tagen der Phase 2 wird ein Teil der
Heeresschützen in die Golfregion abkommandiert. Zur
Durchführung der Testphase 3 kommen 10 Soldatin-
nen aus Heer und Luftwaffe, die ein verkürztes Test-
programm mit allen ACR-Kandidaten auf Buckner-
Range bis 300 Meter schießen (Bild 154).
Bild 147: Ausbildung der ACR-Trainer, 25 Meter-Schießen.
86
H Bild 152: Deutsche Offiziere und deutsche Beomte als Besucher und Beob-
achter des ACR-Test. Von links nach rechts: US-lnstrukteur, Herr Kapelle, US-
Schütze, Herr Sembach, Herr Mehling, Herr Breil, im Vordergrund sitzend
Herr AAinberg.
Bild 157: Mr. Stoner, der Schöpfer des omerikanischen Waffensystems M16,
schießt mit dem G 11. Sein Konzept, längere Feuerstöße mit 5 mm-leucht-
spurmunition, poßte nicht ins Konzept der amerikanischen Militärbehörden.
Die Schießversuche selbst sind mehr eine Belastung
für die Schützen als für die Waffen. Ganz bewußt wer-
den den Schützen kurze Auftauchzeiten der Ziele, eine
große Breite der Schießbahn und eine Vielzahl der Ziele
bei andauernd wechselnden Entfernungen zugemutet.
Die schlecht zu erkennenden Scheiben im unübersichtli-
chen Gelände und die ungünstigen Lichtverhältnisse set-
zen ganz gewollt die Schützen unter Streß.
Nach dem Abschluß der Versuche sind alle 15
Heckler & Koch-ACR-Waffen mit durchschnittlich 4 000
Schuß belastet und werden in voll funktionsfähigem Zu-
stand an die US-Armee übergeben (Bild 155,156, 157).
Im Frühjahr 1992 werden die Ergebnisse des ACR-
Tests bekannt. Diese lassen sich in den Sätzen zusam-
menfassen:
„The hit probability (percent of targets hit per trig-
ger pull) as a function of ränge is shown in Figures 12 -
13 for Phases I & II, respectively. These figures show
that the Ml 6A2, Colt and HK have about the same level
of hit probability. The flechette weapons (AAI and Steyr)
are about equal in hit probability but both Systems are
much worse than the other three weapons.“47'
„Die Trefferwahrscheinlichkeit (Zieltreffer in Pro-
zent pro Abzugsbetätigung) in Abhängigkeit der Ent-
fernung zeigt Abbildung 12 und 13 für jeweils die Pha-
sen I und II. Diese Abbildungen verdeutlichen, daß
M16A2, Colt und HK ungefähr die gleiche Treffer-
wahrscheinlichkeit aufweisen. Die Pfeilgeschoß-Waf-
fen (AAI und Steyr) sind hinsichtlich der Treffsicher-
heit ungefähr gleich, aber bedeutend schlechter als die
anderen drei Waffen.“
Es zeigt sich, daß die US-Forderung nach doppelter
Treffleistung im Vergleich zum M 16 A 2 von keinem
der Kandidaten erfüllt wird, doch ist das überdurch-
schnittliche Ergebnis der Heckler & Koch-Waffe bemer-
kenswert (Bild 158). Vorteile des G 11 im Nahbereich
werden bei großen Entfernungen durch die Art des ver-
wendeten Zielfernrohrs zunichte gemacht. Die deutsche
Version der Zieloptik (Bild 159 und 160) setzt auf
schnelle Zielerfassung bis 300 Meter und verzichtet
daher auf ein großes Sehfeld48'. Das „Aufbohren“ der Zie-
loptik für den ACR-Test durch stufenlose Vergrößerung
bis 4fach und die Auslegung des amerikanischen Abse-
hens - beides US-Forderungen - haben deutliche Nach-
teile im Zielerfassen gezeigt, hauptsächlich beim Ziel-
wechsel vom Nah- und Mittelbereich zu großen Entfer-
nungen bis 600 Meter.
Bild 153: Schützen der 2. ACR-Testphase, Sommer 1990.
Als Resümee der deutsch-amerikanischen Zusam-
menarbeit bleibt festzustellen, daß einesteils der Ver-
tragsabschluß von 1982 der G 11-Entwicklung über eine
kritische Phase hinweggeholfen hat und damit die Wei-
terentwicklung möglich gemacht hat - andererseits
haben die Amerikaner das gesamte Know-how der hül-
senlosen Technologie erhalten. In wochenlangen USA-
Aufenthalten haben Dynamit-Nobel-Mitarbeiter die
Techniker des Picatinny-Arsenals in die Fertigung einer
tauglichen hülsenlosen Munition eingewiesen49’ - erst-
mals für drei Wochen im September 1985 durch zwei
Chemiker und einen Techniker der Dynamit Nobel AG.
Dabei stellt Dynamit Nobel nicht nur Blaupausen zur
Verfügung, sondern auch Werkzeuge und Einrichtun-
gen. Zukünftige amerikanische Entwicklungen hülsenlo-
ser Munition, voraussichtlich im großkalibrigen Bereich
der Flugzeugbordwaffen, werden auf deutsche Basisfor-
schungen zurückzuführen sein.
Bild 154: Femal Shooter beim Schießen ous dem Schützenloch auf der Shel-
ton-Range.
Bild 155: Woffen-Instondholtung.
47) U. S. Army Materiel Systems Analysis Activity: Independent Evaluation Report
No. 5-91 of the Advanced Combat Rifle, August 1991, S. 23.
48) Dieser Nachteil wird durch beidäugiges Visieren mehr als kompensiert.
49) Hier hatten viele Jahre vorher die omerikanischen Versuche mit hülsenloser Muni-
tion Kol. 7,62 mm stattgefunden. Die Fertigungsanlogen können den Dynamit Nobel-
Mitarbeitern noch vorgeführt werden.
88
Bild 150: Schießen auf bekannte Entfernungen: gegen starke Konkurrenz müssen sich die HK-ACR-Gewehre behaupten.
UHCLASSIFIED
UNCLASSIFIED
I '4
Quelle: U. S. Army Materiel Systems Analysis Activity: Independent Eva-
luation Report No. 5-91 of the Advanced Combat Rifle, August 1991, Bild
12 und 13
Bild 158: Treffwahrscheinlichkeit der ACR-Kandidaten im Schnellfeuer auf
verschiedene Entfernungen in der ersten (links) und zweiten (rechts) Ver-
suchsphase.
Bild 159: Zieloptik der Heckler & Koch-ACR-Waffe.
Bild 160: Zieloptik der
Heckler & Koch-ACR-Waffe
(Schnittzeichnung).
Wiedergabe mit frdl.
Erloubnis der Firma Photonic
GmbH, Wien.
90 Bild 161, 162, 163: Momentaufnahmen aus der Hensoldt-Fertigung.
EIGENINITIATIVE
Vertragslose" Visierentwicklung
Bild 164
Hensoldt erprobt verschiedene Okularbauformen
und Justierungen der Optik, desgleichen Zielstachelbe-
leuchtungen mit ringförmig angeordneten Betalights.
meinschaft eingeht, kooperieren Hensoldt und Heckler &
Koch während dieses Zeitraumes in loser Absprache
(Bild 161,162,163).
Das Ende des ersten BWB-Entwicklungsauftrages
zum Jahresbeginn 1978 läßt allen drei Entwicklungsfir-
men keine andere Wahl, als die Weiterentwicklung mit
eigenen Mitteln fortzusetzen. Während Dynamit Nobel
mit Heckler & Koch eine schriftlich fixierte Arbeitsge-
Gestaltänderungen der einzelnen Waffenprototy-
pen erfordern Änderungen an der Visierbefestigung. Die
Umgestaltung der Waffe im Renftle-Design501 verändert
auch das Äußere der Zieloptik, die nun eine kantige Ge-
stalt erhält. Vierkantig wird auch die Augenmuschel aus
Gummi. Erstaunlicherweise liegt der kantige Tragegriff
des neuen Designs sehr gut in der Hand (Bild 164). Die
Waffe läßt sich gut tragen.
50) Siehe dazu dos Kapitel "Design der Waffe".
91
ROTATIONSANTRIEB
Bild 168: Ein maßstäbliches Funktionsmodell der Kurvensteuerung.
Der alte Entwicklungsvertrag des Bundesamtes für
Wehrtechnik und Beschaffung ist Anfang 1978 beendet.
Wann ein neuer Vertrag abgeschlossen wird, ist einst-
weilen noch ungewiß. So setzt Heckler & Koch die Ent-
wicklungsarbeiten in eigener Initiative und auf eigene
Kosten fort.
War beim Prototyp 5 noch von unten nach schräg
aufwärts ausgestoßen worden, so wirkt beim Prototyp 6
die biegsame Welle von oben senkrecht nach unten - mit
geringem Erfolg, denn der Biegeradius der Welle ist zu
klein und verursacht zu große Reibungswiderstände
(Bild 165 und 166). Immerhin ist es ein Weg in die rich-
tige Richtung - hatte sich doch aus den Erprobungen die
Forderung ergeben, daß die Patronenauswurföffnung
nicht im Gesichtsbereich des Schützen liegen darf und
sich zweckmäßigerweise an der Waffenunterseite befin-
den sollte.
Bild 165: System des Prototyp 6, die Entladeeinrichtung ols gesonderte Bau-
gruppe ist weggefallen. Eine biegsame Welle stößt von oben her die Potrone
aus der Walze.
92 Bild 166: Übertragung der Ausstoßbewegung bei Prototyp 6.
Der Entwicklungsschlußbericht vom Juni 1978
führt weiter aus:
Die Zuführung der Patronen erfolgt über ein form-
schlüssiges Gleichdickgetriebe mit Zuführhebel ohne
Klinke.
Die Antriebseinheit wurde zentral um das Waffen-
rohr angeordnet. Die kompakte Anordnung ist platz-
sowie teilesparend und schließt ein Verkanten der
längsbeweglichen Baugruppe aus.
Der Kasten für die Schußzähler- und Entladeein-
richtung konnte entfallen. Die komplette 3-Schuß Zähl-
einrichtung ist zusammen mit der Hahngruppe direkt
am Verriegelungsstück montiert.
Das zentral am Magazin angeordnete Lafettenfe-
dernsystem ermöglichte außer einer erheblichen Teile-
verminderung eine schmalere Bauweise des Magazin-
gehäuses.
Die Blechstärke des Waffengehäuses konnte ge-
genüber Prototyp V von 0,8 mm auf 0,6 mm reduziert
werden. Die Gehäusestabilität konnte durch die Ver-
wendung eines hochfesten Stahlbleches und teil-
gemäßer Vorprägung erhalten werden.
Die bisherigen Funktionsprobleme können zum N
überwiegenden Teil auf Wärmespannungen zurückge- Er
führt werden: Die Schüsse erwärmen das Patronenlager,
es dehnt sich aus und verklemmt sich in der Walze. Eine \
zweigeteilte Walze ohne eingesetztes Patronenlager
zeigt zwar ein sehr gutes Cook-off-Verhalten, ist aber in Walze n
ihrem kinematischen Verhalten untragbar (Bild 167, p°tr°ne
unten). Immerhin wird deutlich, daß ein nur aus zwei
Teilen bestehendes Patronenlager ein besseres Cook-off-
Verhalten hat. Bei Prototyp 11 wird man auf diese Er-
kenntnis zurückkommen, und auch die Waffe des aller- r
letzten Konstruktionsstandes ist mit einem zweigeteilten I
Patronenlager versehen. 1
Bis zum Prototyp 6 erfolgt der Antrieb der Walze V
über eine technisch aufwendige Kurvensteuerung (Bild
168). Das ruft stoßartige Belastungen hervor, die zu wn/ze r
schnellem Verschleiß führen (Bild 169). Günstiger läuft Patrone
die Waffenfunktion ab, wenn die Hubbewegung der PT 6A
Steuerschieber als Antrieb auf eine umlaufende Dreh-
masse einwirkt, die erst nach Ablauf des gesamten
Schußzyklus zum Stillstand kommt. Herr Jakubaschk - er /
leitet zu diesem Zeitpunkt die G 11 -Entwicklungsgruppe I
- bringt die Idee des Rotationsantriebs ein und nutzt ein | -
Gleichdickgetriebe, um sehr platzsparend die Drehbewe- L
gung in die Bewegung des Patronenladehebels umzu- \
wandeln. Hat bis zu diesem Zeitpunkt der Patronenlade-
hebel nach dem Entwurf von Herrn Ketterer eine Klinke, Walze r
die in der Aufwärtsbewegung wegschwenkt, so kann
Herr Jakubaschk mit dem Gleichdickgetriebe einen'Ta-
Bild 167: Patronenlaaert
Patrone 4.7 MM x 21
Patrone 4.7 MM x al
Bild 176: Der Übergang von der
Schulterpatrone zur Teleskoppa-
trone (rechts) deutet sich on.
tronenladehebel verwirklichen, der eine definierte Bahn
mit erwünscht niedrigen Geschwindigkeiten in einzel-
nen Phasen hat. Die Patronenzuführgeschwindigkeit
läßt sich damit ganz wesentlich reduzieren. Verschiede-
ne Antriebsformen (Bild 170) führen zur schließlich rea-
lisierten Bauform, die sich Heckler & Koch patentrecht-
lich schützen läßt (Bild 171).
Diesen wichtigen Entwicklungsschritt beschreibt
der AUschlußtaichT vom 25. Mai 1962:
„Mit dem Prinzipmodell (Bild 172), das nur einzeln
von Hand ladbar war, wurde nachgewiesen, daß der Ro-
tationsantrieb eine brauchbare Lösung des Waffenan-
triebs ist, da bei dieser Antriebsart eine Stillstandsum-
kehr (Vor- und Rücklauf) des Steuerschiebers entfällt.
Die Rotationsscheiben, die über eine Kurbel ange-
trieben werden, steuern und treiben alle Systemfunk-
tionen an und dienen während eines Umlaufs zur Ener-
giespeicherung. Der Vorteil dieser Anordnung liegt
darin, daß ein Funktionszyklus ohne Zwischenstopp er-
folgt, bis nach einer Scheibenumdrehung ein neuer
Schußzyklus eingeleitet werden kann.“
Bild 169: Weg-Zeit-Kurve der Walzenbewegung während eines Feuerstoßes
bei Prototyp 1. Die Prellamplitude (gestrichelte Kurve) resultiert ous Toleran-
zen der Bauteile.
Bild 170: Nicht realisierte Antriebsform des Potronenlodehebels über einen
Kurbelontrieb.
Der Entwicklungsschl-Jßbericht vom Juni 1978 be .-E
schreibt Merkma_e dieses Waremyps:
„Über ein neuentwickehes Maueser-Rastgetnebe511
wurde eine fortlaufend gleichgerichtete Walzendrehung
erreicht (.Bild 173). Diese Lösung ermöglicht nunmehr
durch die 180o-Walzendnehung -das Ausstößen einer
nicht abgefeuerten Patrone senkrecht nach unten durch-
die nachfolgend zugefühne Patrone ohne Zwiscnenrast
der Äl» lernen fatrone wird durch den
vom Zuhnnger eingeschy/enkten Ausstoßer entladen.“
Das Problem des Entladens der Waffe ist damit im
Prinzip zunächst; gelöst. Aber das Ausstößen einer xicht
abgefeuerten Patrone durch die nachfolgende Pa|rone
führt zu Problemen, kenn es stehen bei dieser konslruk
tiven Lösung die beiden Geschpßspitzen gegeneinander.
Git iten die Geschoßsoitzen aneinander vorbei, so zer-
brechen seitliche Kräfte den Pplverkörper. Die Ahplat-'
tung der Geschoßspitzen ist keine Lösung des Problems, *
müßte doch die piznebene Spitz enfläche unter Berück-
sicntlgung aller Toleranzen aus Waffe, Geschoß und
Treibmittelkörper einen Durchmesser von 3 mm haben -
undiskutabel für die Außenballistik der Munition. Eben-
sowenig ist ein verschobener Sechseckquerschnitt des
Pulverpreßkörpers (Bild 174), mit dem experimentiert
wird, zu akzeptieren. Auch das Aufsetzen eines Hüt-
chens auf die Geschoßspitze ist praxisfem (Bild 175),
wenngleich die notwendige Halterille am Geschoß keine
ballistischen Nachteile hat.
So liegt der Gedanke nahe, dem Treibmittelkörper
eine solche Form zu geben, daß er die Aufgabe des abge-
flachten Geschosses mit übernehmen kann - der Anstoß
zur späteren Teleskoppatrone ist damit gegeben (Bild
176).
Bild 175: Schulterpatrone mit überkalibriger
Geschoßkoppe.
Bild 174: Aluminium-Modell und Patronen mit
verschobenem Sechseckquerschnitt.
51) Die umlaufende Drehbewegung der Gleichdick-Kurvenscheibe wird ab Prototyp 6 mit
dem Vorteil geringerer Prellerscheinungen und weicheren Anlauf- und Abbremsverhaltens 93
durch ein Maltesergetriebe auf dos Verschlußteil übertragen.
94
Patentschrift
JE 2813633 C2
® Int. CI.3;
F41C11/02
F 41 D 3/00
aw«nzeichen:
P28 13 633 6 15
•taoeldetag
^»«nlegungstag:
«»□tfentlichungstag:
«tlichung der Erteilung kann Einspruch erhoben werden
@ Zusatz Zu: P 24 13 615.0
@ Erfinder:
Kelterer, Dieter, Ing.(grad ). Jakubaschk, Horst, Ing(grad).
7238 Oberndorf, DE; Rommel, Emil, Ing (grad ), 7242
Dornhan, DE
@ Entgegenhaltungen:
DE-OS 25 22 359
DE-OS 24 01 543
DE GM 74 09 887
Verschlußteil
Bild 172: Prinzipmodell als Vormodell des Prototyps 10. Parallel zum über ein Maltesergetriebe angetrieben. Damit ist der Wechsel vom schie-
Rohr liegt der Gaszylinder mit Pleuel, Scheibe und Walze. Die Walze wird bergesteuerten Linear-Antrieb zum Rotationsantrieb vollzogen.
95
WIRD DIE G11-ENTWICKLUNG
FORTGESETZT?
Seit der außerordentlichen Kündigung arbeitet
Heckler & Koch auf eigene Initiative weiter an der G 11 -
Entwicklung. Am 19. September 1978 teilt das Bundes-
amt für Wehrtechnik und Beschaffung Heckler & Koch
mit, daß die bereits angekündigte Grundsatzbespre-
chung über die Weiterführung der G 11-Entwicklung am
29. September 1978 in Koblenz stattfindet. Man bittet
Heckler & Koch und Dynamit Nobel um Teilnahme an
dieser Besprechung.
In der Hoffnung, daß sich die Entwicklungsarbeiten
möglicherweise doch fortsetzen lassen, erstellt Heckler &
Koch einen Finanzplan für die weitere Entwicklung des
G 11-Gewehres. Die Serienreifmachung der Waffe
scheint für das Jahr 1984 erreichbar.
Die Hoffnung von Heckler & Koch, schon bald
einen neuen Entwicklungsauftrag zu erhalten, erfüllt
sich nicht. Dagegen hat von den eigenfinanzierten Heck-
ler & Koch-Entwicklungsarbeiten das Bundesamt für
Wehrtechnik und Beschaffung seinen Vorteil, indem
Heckler & Koch ein Vertrag angeboten wird, der es er-
möglicht, daß Heckler & Koch noch bei Dynamit Nobel
lagernde Restbestände an hülsenloser Munition über-
nehmen kann. Dem Bund entstehen dadurch keine Ko-
sten - im Gegenteil, er erhält durch § 3 des Vertrages die
Möglichkeit, Auskünfte über den Fortgang der Entwick-
lung des Gewehres G 11 und der zugehörigen hülsenlo-
sen Munition einzuholen und sich an den Erprobungen
zu beteiligen.
Bei der Grundsatzbesprechung am 29. September
1978 in Koblenz nennt Heckler & Koch die Kosten der
weiteren Entwicklung. Aus der Sicht des Verteidigungs-
ministeriums besteht bei der Höhe der Kosten keine Aus-
sicht auf eine weitere Finanzierung der Weiterentwick-
lung. Heckler & Koch bemüht sich um eine Senkung der
Kosten durch Fortfall geplanter Prototypen als Erpro-
bungswaffen, weitgehende Amtsbeteiligung an den Fir-
menerprobungen, Fortfall der ausführlichen Berichter-
stattung und Reduzierung der Munitionsmengen. So-
wohl Dynamit Nobel als auch Heckler & Koch überprü-
fen die Zahlen nochmals, kommen aber zu keinem ande-
ren Ergebnis, da die jeweiligen Einzelwerte die Kosten-
untergrenze darstellen und man bei gleichem Leistungs-
umfang nicht weiter reduzieren kann. Nur durch den
Verzicht auf die Waffenzubehörentwicklung lassen sich
Kosten einsparen.
Ende November 1978 erwägt das Verteidigungsmi-
nisterium sogar die Rückstufung in die Definitionsphase
mit dem Ziel, Einzelvorhaben bei anderen Rüstungsfir-
men zu veranlassen - eine Überlegung, die nicht im
Sinne von Heckler & Koch sein kann.
Die Überlegungen der amtlichen Dienststellen
haben dann dazu geführt, daß am 20. Januar 1979 eine
Arbeitsgruppensitzung G 11 angesetzt worden ist, bei
der über das weitere Vorgehen entschieden wird.
Immerhin verkennen die amtlichen Dienststellen
nicht, daß der Termin für die NATO-Vergleichserpro-
bung es notwendig gemacht hatte, den Konstruktions-
stand für die NC-Munition zu einem Zeitpunkt festzule-
gen, zu dem weder die Entwicklung abgeschlossen war
noch eine Optimierung im Hinblick auf den damaligen
Konstruktionsstand der Waffe erfolgt war.
Die eigentliche Weiterentwicklung der Munition
kam unter diesem Termindruck zu kurz, denn auch die
Dynamit Nobel AG hatte Munition in großen Stückzah-
len liefern müssen. Insgesamt wurden ab Oktober 1974
bis zur Jahreswende 1978/79 über 350000 Patronen
bei Dynamit Nobel hergestellt. Das hat bei Dynamit
Nobel Entwicklungskapazitäten durch die Fertigung
blockiert.
Ab Waffentyp 3 mußte wegen des Termindrucks
der NATO-Vergleichserprobung von der stufenweisen
Weiterentwicklung von Waffe und Munition abgewi-
chen werden. Die Folge davon war, daß die für die Mu-
nitionsentwicklung bereitzustellenden Waffen entweder
nicht verfügbar waren oder zum Zeitpunkt, bei dem wei-
terentwickelte Munition untersucht werden sollte, be-
reits veraltet waren.
Gleichfalls ab Prototyp 3 mußte die Munitionsent-
wicklung der Waffenentwicklung hinterherhinken, da
sich je nach Entwicklungsstand der Waffe Probleme für
die Munition ergaben, die, wenn sie gelöst waren, oft
schon durch Fortgang der Waffenentwicklung überholt
bzw. durch neue Problemstellungen ersetzt worden
waren.
Der Sachstandsbericht des Bundesamtes für Wehr-
technik und Beschaffung vom 7. November 1978 doku-
mentiert den aktuellen Stand der Entwicklung des Ge-
wehres G 11 und der hülsenlosen Munition:
Prototyp 5 fertiggestellt und in den technischen
Teil der NATO-Vergleichserprobung eingebracht.
Der für den NATO-Truppenversuch vorgesehene
Prototyp 6 konnte nicht mehr fertiggestellt werden.
Aus Kostengründen erfolgt ein direkter Übergang zum
Prototyp 10.
Die fernere Planung sieht für das Jahr 1981 vor, daß
15 Erprobungswaffen fertiggestellt sind, die für eine um-
fassende technische Erprobung geeignet sind. Für 1982
sind weitere 20 Truppenversuchswaffen geplant. Diese
werden im wesentlichen dem Konstruktionsstand der
Erprobungswaffen entsprechen.
96
WARTEN AUF EINEN NEUEN
ENTWICKL UNGSA UFTRA G
Heckler & Koch stellt am 20. November 1978 fest:
Der bisherige Entwicklungsvertrag endete im Februar
dieses Jahres mit finanzieller Restabgeltung. Erreicht
wurden bis zu diesem Zeitpunkt:
Die Fertigstellung des Prototyps 5 für die techni-
sche NATO-Vergleichserprobung und ein Funktions-
modell des Prototyps 6. Schwachstellen waren noch
die Vielzahl der Teile, die zu niedrige Selbstentzün-
dungsgrenze, ungenügende Funktionssicherheit bei
Dauerfeuer.
Die technische NATO-Vergleichserprobung läuft
noch bis Ende 1979. Das Gewehr G 11 wird durch Be-
schluß der zuständigen Gremien der NATO entgegen
dem Antrag Frankreichs bis zum Ende in der Erpro-
bung verbleiben. Konventionellen Konkurrenzent-
wicklungen ist das Gewehr G 11 bereits im Konstrukti-
onsstand des Prototyps 5 in einigen Punkten überle-
gen.
Die seit Februar 1978 mit eigenen Finanzmitteln
durchgeführte Weiterentwicklung brachte erhebliche,
auch amtsseitig anerkannte Verbesserungen, die zur
Zeit im Prototyp 10 verwirklicht werden. Diese Verbes-
serungen sind:
• Steigerung der Selbstentzündungsgrenze um das
lOfache,
• ca. 50% weniger Teile,
• Steigerung der Schußfolge von 2 000 auf 3 000
Schuß pro Minute,
• ca. 40% geringeres Gewicht,
• noch kleinere Abmessungen.
Aufgrund dieser Ergebnisse will das Bundesamt für
Wehrtechnik und Beschaffung die Entwicklung weiter-
führen. Der vom Bundesamt für Wehrtechnik und Be-
schaffung aufgestellte AZF-Plan sieht vor, daß für die
Weiterentwicklung der Waffe weitere Beträge bereitge-
stellt werden, die nationale technische Erprobung 1982
durchgeführt wird, der Truppenversuch 1983 läuft, die
Beschaffungsphase theoretisch 1985 beginnen kann.
Heckler & Koch hat zusammen mit dem Partner Dy-
namit Nobel alle Vorbereitungen für die Einhaltung die-
ses Zeitplanes getroffen, die Entscheidung liegt nun bei
der Abteilung Rüstungsplanung des Verteidigungsmini-
steriums. Heckler & Koch wird Mitte 1979 eine für Vor-
führungen geeignete Waffe zur Verfügung haben. Somit
zeichnet sich eine Weiterentwicklung des Gewehres
G 11 ab. Noch ist ungewiß, wann mit dem erhofften
Vertrag zu rechnen ist. Später zeigt sich, daß Heckler &
Koch noch ein ganzes Jahr auf den Folgevertrag hat war-
ten müssen.
Finanzielle Grenzen
Als entscheidende Probleme stellen sich den amtli-
chen Stellen zum Jahresbeginn 1979 zwei grundsätzli-
che Fragen:
1. Wo liegen theoretisch und praktisch die Cook-off-
Grenzen bei NC- und HITP-Munition in einem innen-
ballistisch optimierten Patronenlager? Kann auf die
Weiterentwicklung von HITP-Munition verzichtet
werden?
2. Wo liegen bei hülsenloser Munition die innenballi-
stischen Grenzen, und kann damit ein militärisch
brauchbares Gewehr entwickelt werden?
Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
ist der Ansicht, daß die noch offenstehenden Probleme
innerhalb des im neuen AZF-Plan angegebenen Arbeits-,
Zeit- und Finanzrahmens realisierbar sind. Insgesamt ist
die NATO-Erprobung der zielgerichteten ruhigen Fort-
entwicklung der Waffe und der Munition nur nachteilig
gewesen und hat große Beträge verschlungen.
Bei einer Fortsetzung der Arbeiten würde sich die
Einführungsgenehmigung auf 1985 verschieben. Ur-
sprünglich war vorgesehen, dies schon 1979 zu verwirk-
lichen. Nicht nur der Kostenrahmen ist durch die Teil-
nahme an den NATO-Erprobungen arg strapaziert wor-
den, auch die Zeitplanung ist durcheinandergeraten -
Folgen, die den Entwicklungsfirmen nicht zur Last gelegt
werden können.
Andererseits darf aber nicht übersehen werden, daß
die NATO-Erprobung, ganz besonders die Erprobung in
Meppen, zu wertvollen Erkenntnissen geführt hat.
„Kochen auf Sparflamme
Das Verteidigungsministerium lädt alle am Projekt
G 11 Beteiligten zum 30. Mai 1979 nach Bonn ein. In
dieser Besprechung erfahren die Heckler & Koch-Mitar-
beiter aus erster Hand die Haushaltssituation und die
Probleme, die sich aus der hinausgeschobenen Beschaf-
fungsplanung ergeben. Auch werden die Möglichkeiten
und Grenzen internationaler Kooperation deutlich.
Tatsächlich sind die Haushaltsmittel soweit er-
schöpft, daß erst ab 1993 mit einer Beschaffung des
G11-Gewehres zu rechnen ist. Andererseits hat die Bun-
deswehr Interesse daran, die Technologie hülsenloser
Munition und deren Realisierbarkeit als Alternative zu
einer konventionellen 5,56 mm-Technologie erhalten zu
wissen.
Sollte sich die Fortführung der G 11-Entwicklung
überraschend beschleunigen, so gedenkt man, andere
Rüstungsprojekte zurückzustellen und dem G 11-Ge-
wehr eine höhere Priorität einzuräumen. Die auf die
97
WAFFEN-PROTOTYPEF
Jahre nach 1993 hinausgeschobene Beschaffungspla-
nung macht es bei den Haushaltsverhandlungen unmög-
lich, die gewünschten hohen Haushaltsmittel zur Verfü-
gung zu stellen.
Heckler & Koch kann einen weiteren Entwicklungs-
vertrag erwarten mit der primären Zielsetzung einer Ent-
wicklungsfortführung, die den neuesten Konstruktions-
stand bis ca. Mitte 1980 vorführbereit macht, um so
sichtbare Ergebnisse zu haben.
Dem kritischen Beobachter wird deutlich: Das Ver-
teidigungsministerium hält die Entwicklung des Geweh-
res G 11 „am Kochen - wenn auch mit reduzierter Flam-
me“, und das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaf-
fung wird mit Heckler & Koch einen neuen Entwick-
lungsvertrag abschließen, allerdings nur bis Ende 1981
mit der Prämisse: Primäres Ziel dieser Entwicklungsfort-
führung muß sein, den neuesten Konstruktionsstand bis
ca. 1980 vorführbereit darzustellen, um so die Argumen-
te auch durch sichtbare Ergebnisse untermauern zu kön-
nen, dem Bedarfsträger (der Bundeswehr) die bessere
Handhabe zu geben, sich mit den Vorteilen einer neuen
Technologie vertraut zu machen und diese in die
zukünftige Ausstattungsplanung mit aufnehmen zu kön-
nen.
Als Ergebnis der Besprechung am 30. Mai 1979
zeichnet sich die Fortführung der Gewehr-G 11-Ent-
wicklung ab, wenn auch mit weniger schnellem Tempo
als bisher.
Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung
hat unterdessen ein überarbeitetes Lastenheft für das Ge-
wehr G 11 erstellt. Dieser Entwurf liegt am 21. Juni
1979 vor und sieht die Weiterentwicklung des gesamten
innenlafettierten Teils vor. Von Heckler & Koch werden
daraufhin eigene technische Forderungen erarbeitet, die
Richtschnur und Grundlage der bevorstehenden Ent-
wicklungsarbeit sein werden.
Heckler & Koch führt die Arbeiten fort mit dem Ziel,
den Prototyp 11 fertigzustellen. Das Verteidigungsmini-
sterium will die Entwicklungsarbeit nur sehr langsam
weiterführen. Dagegen stellt das Bundesamt für Wehr-
technik und Beschaffung Überlegungen an, eine Kleinse-
rie fertigen zu lassen. Es geht dabei von der Überlegung
aus, daß Anfang 1980 ein Funktionsmodell zur Verfü-
gung steht, anhand dessen die Technische Reife erklärt
werden kann. Nach Erteilung der Technischen Reife sol-
len dann 20 Truppenversuchsmuster erstellt und erprobt
werden. Für diesen großangelegten Truppenversuch
sind 1,5 bis 2,5 Millionen Patronen erforderlich. Vorerst
bleibt es noch bei diesem Gedankenmodell.
Prototypen-Reihe
Die Entwicklungsstufen der Waffen sind durch Pro-
totypbenennungen charakterisiert. Nach dem Ende des
ersten Entwicklungsvertrages erfolgt der Übergang vom
Prototyp 6 (Bild 177) direkt zum Prototyp 10 (Bild 178),
wie oben dargestellt wurde. Eine Ergonomiestudie der
Waffe aus Holz (Bild 179) soll die Verlagerung des
Spannhebels an die Seite der Waffe untersuchen. Die
späteren Prototypen haben an dieser Stelle den Ladegriff
Bild 177: Gestoltönderungen der Waffe bedingen eine andere Visierbefesti-
gung. Bei Waffenprototyp 6 hat die Zieloptik gerade Füße.
Bild 178: System des Prototyp 10.
Bild 179: Ergonomie-Modell aus Holz mit seitlichem Ladehebel.
Das Pleuel des Prototyps 10 neigt dazu, den Gaskol-
ben zu verkanten, die Drehmasse reicht für einen guten
Funktionsablauf nicht aus - Mängel, die sich erst im Be-
schußversuch zeigen und die bei den nächsten Prototy-
pen behoben werden.
Neben den Prototypen entwickelt Heckler & Koch
einen neuen Gasdruckmesser, der im Patronenlager, der
Abdichtung und der Schlagbolzeneinheit mit den Waffen
98
Bild 182: Prototyp 13 mit verbessertem Entla-
demedianismus: Der Ausstoßer wird zwangs-
weise zurückgestellt. Alle Bewegungen sind
zwangsgesteuert, dadurch wird die hochschnel-
le Ablauffolge sichergestellt.
Parallel zur Erprobung des Prototyps 10 wird im 1.
Quartal 1979 der Prototyp 11 (Bild 180j •jr.r r.ert. Die
Funktionsgruppen sind fortentwickelt, n_r die Schlagbol-
zengruppe wird vom Prototyp 10 übernommen. Die Ent-
ladeeinrichtung besteht aus einem Winkeihebel, der von
der Durchladeeinrichtung (am Gehäuse c-tätigt werden
kann. Eine Schwinge betätigt einer, weiteren Hebel, an
dessen Ende der Entladestößel anc Jenkt ist Ende No-
vember 1979 ist der Prototyp 11 fertiggestellt. Zwei
Geräte werden gefertigt, eines davon erhält Dynamit
Nobel zur Munitionsuntersuchung.
Die Umstellung der Umfangslag-rung der Walze auf
eine Zapfenlagerung mit kleinem Durchmesser beim
Prototyp 11 erbringt eine ganz wesentliche Besserung
der Funktion. Das Bundesamt für Wehrtechnik und Be-
schaffung hat diese Lösung in die Entwicklung einge-
bracht.
Der Jahresbericht 1979 hebt die Vorteile der zen-
tralen Walzenlagerung hervor:
„Besonders hervorzuheben ist die gute Funktion
der Waffe, die auf Anhieb nach der Montage gegeben
war.“
Der Außendurchmesser der Walze kann nun mit
größerem Spiel versehen werden.
Erstmals sind größere Schußbelastungen der Waffe
möglich. Insgesamt werden mit dem Prototyp 11 nahezu
8 000 Schuß abgegeben, davon 1 000 Schuß im Einzel-
feuer, ca. 1 500 Schuß im 3-Schuß-Feuerstoß und ca. 5
500 Schuß im Dauerfeuer.
Der Prototyp 12 (Bild 181) soll sowohl ein reduzier-
tes Gewicht als auch eine reduzierte Zahl von Teilen er-
halten. Zur Jahresmitte 1980 ist ein System des Proto-
typs 12 fertiggestellt. Der Auswurf befindet sich bei Pro-
totyp 12 nicht mehr oben an der Waffe, sondern an der
Unterseite.
Auch für den Prototyp 13 (Bild 182) gilt die Zielset-
zung, das Gewicht und die Zahl der Teile zu reduzieren.
Es gilt, Funktionsverbesserungen zu erzielen. Zum Jahres-
ende 1980 sind drei Systeme des Prototyps 13 fertigge-
stellt. Die Schießversuche mit den drei Modellen dieses
Prototyps beginnen im März 1981.
Die Funktionssicherheit hat sich so weit gebessert,
daß der Prototyp 13 einer hohen Schußbelastung unter-
worfen wird. Die drei gefertigten Prototypen 13 reichen
nicht aus, zumal die anlaufende HITP-Erprobung weite-
re Schießmodelle nötig macht. Deshalb werden fünf wei-
tere Systeme des Prototyps 13 gefertigt.
Insgesamt werden mit dem Prototyp 13 ca. 8 000
Schuß abgegeben, zusätzlich ca. 500 Schuß mit HITP-
Munition (Bild 183).
Im Hinblick auf eine spätere Serienfertigung wird
die Waffe nach dem Prototyp 14 unter der Federführung
von Herrn Weichert gründlich überarbeitet. Die bisheri-
ge Patronenzuführung über 6 Drehpunkte läßt sich auf 3
Drehpunkte reduzieren. Das Gleichdickgetriebe weicht
kostengünstiger zu fertigenden Zahnrädern. Die Waffen-
teile werden im Hinblick auf eine spätere Großserienfer-
tigung umgestaltet.
Für Kant- und Prägeteile müssen Betriebsmittel kon-
struiert und gefertigt werden. Da im Prototypenbau Ein-
zelstücke zu fertigen sind, reichen einfache Hilfswerk-
zeuge aus.
Bild 183: HITP-Munitionsfamilie des Prototyp 13.
99
DESIGN DER WAFFE
Ganz zu Beginn der G 11-Entwicklung steht die
Durchgestaltung der Funktionsteile im Vordergrund. Mit
dem Fortschreiten der Arbeiten wird eine zweckmäßige
Gestaltung des Waffenäußeren wichtig. Das Bauhaus-
Prinzip „Form folgt der Funktion“ bewährt sich auch
hier - die ergonomisch notwendige Außengestalt der
Waffe resultiert aus dem Platzbedarf der Funktionsteile
(Bild 184), das Gewehr G 3 wird zum Maßstab für die
ergonomisch zweckmäßige Außenform der neuen Waffe
(Bild 185).
In Prägungen des Stahlgehäuses ist das Verriege-
lungsstück geführt. Selbst hochfestes dünnwandiges
Stahlblech verhindert nicht, daß Belastungen des schma-
len und hohen kastenförmigen Gehäuses zu Funktions-
störungen führen. Weiterhin wäre eine zusätzliche
Trennstelle des Gehäuses erwünscht, um besser an die
inneren Teile zu gelangen. Die Übertragung der Abzug-
bewegung geschieht im Blechgehäuse mit zu großen To-
leranzen. Abhilfe verspricht der Übergang auf ein leich-
tes, formstabiles Kunststoffgehäuse. Aus Versuchen er-
Schon frühzeitig entstehen Holzmodelle, um die
Handlichkeit der Waffenform zu prüfen (Bild 186 und
187).
Um die Außenform der Waffe noch professioneller
zu gestalten, wird der Designer Renftle vom Sommer
1979 an in die Entwicklung mit einbezogen (Bild 188).
Er verleiht dem Äußeren der Waffe eine ergonomische
Gestalt, die trotz vieler konstruktionsbedingter Vorgaben
als elegant zu bezeichnen ist.
gibt sich, daß thermische Probleme nicht zu erwarten
sind. Ein Kunststoffgehäuse wird unvermeidliche CO-
Verpuffungen im Waffeninnern elastisch abfedern,
während sich das Blechgehäuse plastisch verformt.
Außerhalb des Entwicklungsvertrages vom 11. No-
vember 1979 übernimmt Heckler & Koch die Entwick-
lung der Baugruppen Gehäuse, Abzug, Handschutz,
Schulterkappe, Griffstück, Ladeeinrichtung und Wan-
genschutz. Zu jedem Prototyp werden die zugehörigen
Baugruppen weiterentwickelt und erstellt. Das Design
de^s Prototyps 11 (Bild 189) ist durchaus sachlich und
materialgerecbt. Für Prototyp 12 (Bild 190) war ur-
sprünglich kein Gehäuse vergebenen. Es zeigt sich je-
doch, daß für einige Untersuchungen und. Vorführungen
eh.. Gebause notwendig ist. Das Gehäuse ist nahezu bau-
gleich zum Gehäuse des Prototyps 11, es hat ein nur be-
helfsmäßiges Visier.
fcs» Prototyp 13 (Bild 191) hat'einen Handschutz aus
Kunststoff-Spritzguß. Mit diesem Handschutz werden
auch die Prototypen 11 und 12 nachgerüstet.
Schulterwoffe. Es ist dos Waffenmodell
für die Streuungsuntersuchungen mit konventioneller Pistolenmunition.
00 Bild 184: Der Raumbedarf der Funktionsteile bestimmt die Longe der Waffe. Form des Durchladegriffs.
HECKLER & KOCH
GMBH
7238 OBERNDORF/N
7A -rt.
Bild 185: Auch für dos Gewehr G11 gelten ergonomische
Forderungen.
Das Institut für Ingenieur-Design „dr. garnich de-
sign“ in Esslingen ist seit 1979 für die Heckler & Koch-
Firmenabteilungen Maschinenbau und Steuerungstech-
Bild 187: Holzmodell einer ersten Schulterwaffe für hülsenlose Munition vom
November 1973.
Bild 188: Renftle-Design-Studie, Woffenmodell ous Holz.
nik tätig. Es liegt nahe, diese Erfahrungen auch für das
G 11-Design zu nutzen. Daher erhält das Esslinger De-
sign-Institut Anfang 1983 den Auftrag zur Entwicklung
eines kompletten Kunststoff-Gehäuses einschließlich
Griff, Abzug, Handschutz, Tragriemen mit Halterung,
Bedienelemente etc.
Wegen der außerordentlich hohen Anforderungen
hinsichtlich Formstabilität, Temperaturbeständigkeit
und Schlagfestigkeit werden die führenden Kunststoff-
Hersteller zu Rate gezogen. Ein modifizierter ABS-Werk-
stoff erweist sich schließlich als geeignet.
Bild 192: Prototyp 14. Drei
Schnapper holten die Kolben-
koppe, das Gehäusevorderteil
wird durch 2 Schnappver-
bindungen geholten. Die Reib-
schweißverbindung zwischen
Ober- und Unterteil des Mittel-
stückes ermöglicht glätte
Visierfuß-Außenflächen. Die
Waffe hot die Seriennummer
079 und ist dotiert: 9/84.
Bild 194: Gewehr G11 mit
der Seriennummer 150. Die
Waffe befindet sich heute in
der Wehrtechnischen Studien-
sammlung der Bundeswehr
in Koblenz.
Technisch und gestalterisch werden alle Möglich-
keiten moderner Kunststoff-Spritztechnik ausgereizt. So-
wohl die augenfällige äußere Gestalt als auch die ergono-
mischen Vorteile des neuen Waffengehäuses unterschei-
den sich ganz wesentlich vom bisherigen Blechgehäuse.
Erste Vorschläge finden für den Prototyp 14 Ver-
wendung (Bild 192). Heckler & Koch entwickelt diese
Form später unter fertigungs- und handhabungstechni-
schen Gesichtspunkten weiter (Bild 193 und 194).
Bei den späteren Prototypen wird zur Ausgestaltung
von Details immer wieder Herr Renftle eingeschaltet. 101
EINSTECK-ZIELOPTIK
Will man die G 11-Visierentwicklung in Epochen
einteilen, so könnte man . den letzten Zeitraum mit der
Entwicklung der Einsteckoptik verbinden.
Ausgangspunkt ist der Vertrag vom 20. August
1980, den Hensoldt mit Heckler & Koch abschließt.
Damit werden nach der vorübergehenden Zeit loser Ab-
sprachen wieder vertraglich fixierte Entwicklungsziele
gestellt. Hensoldt wird eine Zieloptik nach Lastenheft-
vorgaben entwickeln. Die Forderung des Lastenheftes52’
lautet:
„Es ist eine monokulare Visier-Zieloptik ohne Ent-
fernungseinstellung (Kampfentfernung bis ca. 300 m)
mit Augenmuschel für ein zukünftiges Infanteriegewehr
zu entwickeln. Bei der Entwicklung dieses Visiers ist von
sehr hohen Fertigungsstückzahlen auszugehen. Daher
ist bei der Konstruktion besonders auf möglichst gerin-
gen Aufwand, geringes Gewicht und wirtschaftliche Se-
rienfertigungsmöglichkeit zu achten.“
Bild 196: In der zweiten Jahreshälfte 1982 wird die aufwendigste Zieloptik
für dos Gewehr G11 gebout.
Der Lastenhefterstellung sind Diskussionen zwi-
schen Heckler & Koch sowie Hensoldt vorausgegangen,
in denen die Entwicklungspartner den Rahmen der Wei-
terentwicklung abstecken. Vier grundsätzliche Forde-
rungen soll die zukünftige Visieroptik erfüllen:
a. Reduzierung des Gewichtes unter Verwendung von
Aluminium-Feinguß anstatt Stahl-Feinguß sowie Ver-
wendung von geeignetem Kunststoff für die inneren
Optikfassungen,
b. Reduzierung der optischen Bauelemente unter ver-
tretbarer Verminderung der optischen Leistung,
c. Keine Visierwinkeleinstellung, sondern fest einge-
stellter Visierwinkel von 1,9 Strich mit Höhen- und Sei-
tenjustierung,
d. Integrierte Strichplattenbeleuchtung mittels Leucht-
diode, elektronischem Zeitglied und Batterieknopf-
zellen.
52) Lastenheft vom 28. März 1980 mit Neufassung vom 10. Juni 1980 und Ergän-
zung vom 30. März 1981.
Technische Daten:
Vergrößerung
Eintrittspupille
Austrittspupille
Sehfeldwinkel
Sehfeld
A.P-Abstand
Okulareinstellung
Geweht
Objektivabstimmung
1x
10mm
10mm
11.5°
200m/1000m
ca. 33 mm
-0,5 dpt
ca. 400 g
100 m
102
Bild 195: Lastenheftvorgabe für den Einbauraum der Zieloptik.
Bild 198: Passives Nachtzielgerät
Orion 80 an der Waffe.
103
104
Bild 199: Erste Ausführung einer Einsteckoptik mit Alugehöuse.
Bild 200: Große Abschlußscheiben der Erprobungsmuster erleichtern die Reini-
gung der Zieloptik.
Bild 201
Bild 202: Die Endform der G11-Einsteckoptik.
105
Mit dem Ziel, die Zahl der optischen Glieder auf das
geringste Maß zu reduzieren, berechnet Hensoldt die
Optik neu und verzichtet ganz bewußt aut eine optate
Korrektur und Randbildschärfe des optischen Systems.
Die ersten beiden Zieloptiken nach den neuen Ver-
tragsforderungen - noch ohne Strichplattenbeleuchtung -
werden von Hensoldt am 12. Dezember 1980 an Heck-
ler & Koch ausgeliefert.
Das Lastenheft definiert den verfügbaren Einbau-
raum für die Zieloptik (Bild 195) und fordert eine Strich-
plattenbeleuchtung. Damit ist die Verwendung der
Waffe bei Dämmerung und des Nachts verbessert. Der
Raumbedarf für Batterie und Schalter verlangt eine Um-
gestaltung der Visierfüße. Die Spannungsweiterleitung
durch die Visieroptik geschieht mit gedruckten Leiter-
bahnen, der Schalter hat zur Schonung der Batteriekapa-
zität eine Zeitschaltung und zur Helligkeitsregelung eine
Potentiometerfunktion - aufwendige Techniken bei be-
grenztem Einbauraum und nach strengen militärischen
Normen, für die Hensoldt Unterlieferanten gefunden
hat, die ihrerseits Entwicklungsarbeit einbringen.
Die ersten beiden Zieloptiken mit Strichplattenbe-
leuchtung liefert Hensoldt am 15. Mai 1981 an Heckler
& Koch. Nach einer Kurzerprobung erhält Hensoldt die
beiden Geräte zur Weiterentwicklung zurück. Mit
einem neuen Gehäuse versehen und nach Verzicht auf
die Helligkeitseinstellung erhält Heckler & Koch eine
Optik der neuen Ausführung (Bild 196) am 30. Oktober
1981, die andere Optik mit verminderter Linsenzahl im
Umkehrsystem und einer Strichplatte als Fadenkreuz am
11. Dezember 1981.
Die verschiedenen Ausführungsformen dieser Ziel-
optiken werden jeweils von der Bundeswehr-Erpro-
bungsstelle in Meppen erprobt. Erprobungsprotokolle in-
formieren Hensoldt und Heckler & Koch über die
Brauchbarkeit und geben Hinweise auf notwendige
zukünftige Entwicklungsschritte. Insgesamt ergeben sich
gute Leistungswerte des optischen Visiers. Das eigentli-
che Problem liegt jedoch in der Gestaltung des Abse-
hens. Ein Fadenkreuz ist zu grob, es verdeckt kleinere
Ziele völlig. Ein ausreichend feines Fadenkreuz ist wie-
derum für das Schießen in der Dämmerung und zum
schnellen Zielerfassen kurzzeitig exponierter Ziele stark
eingeschränkt. Vergleichsversuche mit verschiedenen
Formen des Absehens sind erforderlich und werden in
der zweiten Jahreshälfte 1983 und im ersten Vierteljahr
1984 in Meppen mit Zieloptiken und G 3-Erprobungs-
wata duicbigeWt.
Nachtsichtgeräte der Bundeswehr müssen auf die
G 11-Zieloptik passen (Bild 197). Später wird man auch
das Orion-Nachtsichtgerät auf das Gewehr G 11 setzen
(Bild 198).
In der ersten Jahreshälfte 1983 werden erneut
Überlegungen angestellt, eine vergrößernde Zieloptik zu
erproben.
Die entscheidende Innovation der Zieloptik zum
letztgültigen Entwicklungsstand geschieht gleichzeitig
mit dem Übergang auf das dreiteilige Waffengehäuse aus
Kunststoff. Fest mit dem Mittelteil des Waffengehäuses
ist die Aufnahme der Zieloptik verbunden. Es bietet sich
nun an, die Zieloptik in die Aufnahme einsteckbar zu ge-
stalten. Sind anfangs noch Objektiv und Okular getrennt
in den Griff eingebaut, so kann zum Jahresende 1983
mit der Vereinigung von Objektiv und Okular in einer
Einbaueinheit die im Truppenversuch formulierte Forde-
rung nach einer leicht auswechselbaren Optik realisiert
werden (Bild 199 und 200). Die Ähnlichkeit mit dem 15
Jahre vorher von Hensoldt vorgeschlagenen schwach
vergrößernden Kleinzielfernrohr ist nicht zu übersehen.
Die Einsteckoptik hat anfangs ein Aluminiumgehäu-
se, bald erfolgt nach dem Vorschlag von Herrn Goube-
aud der Übergang auf glasfaserverstärkten Kunststoff.
Diese Neuerung wird bei Hensoldt anfangs mit Skepsis
gesehen, hat sich aber als richtig und zweckmäßig erwie-
sen.
Unter Berücksichtigung der späteren Serienferti-
gung überarbeitet Heckler & Koch die Höhen- und Sei-
tenjustierung der Einsteckoptik und legt im September
1986 die Außenmaße dieses wichtigen Waffenteiles fest
(Bild 201).
Technische Lieferbedingungen der G 11-Zieloptik,
die von Hensoldt „Zieloptik ZO 1“ genannt wird, kön-
nen am 8. Dezember 1986 von Hensoldt aufgestellt wer-
den. Damit ist die Entwicklung vorläufig abgeschlossen
(Bild 202 und 203). In vorbildlicher Zusammenarbeit
haben zwei deutsche Unternehmen den traditionell
hohen Stand deutscher Waffentechnik nachweisen kön-
nen (Bild 204,205,206).
106
107
5,56 MM ODER HÜLSENLOSE
MUNITION?
r! 12
ß-Sk izze 11
'7 7 //7 s 7 y////z7z!y
53?5------------------------- -
-- 5Z.95----
Im Juli 1976 hatten sich 11 NATO-Länder auf die
Erprobung, Auswahl und spätere Einführung einer zwei-
ten Standard-Munition neben der bisherigen NATO-Pa-
trone geeinigt.
Im Verlauf dieser Bemühungen ist es keinem ande-
ren NATO-Staat gelungen, die FINABEL-Forderungen an
eine neue Waffe für die Infanterie insgesamt zu erfüllen,
mit der das FINABEL-Konzept zur Ausrüstung der Infan-
terie verwirklicht werden könnte. Nur das Gewehr für
hülsenlose Munition der Bundesrepublik kann die Reali-
sierbarkeit des FINABEL-Konzeptes sicherstellen.
Zum Zeitpunkt der NATO-Vergleichsversuche ist
das Gewehr G 11 noch nicht truppenverwendbar, so
wird zwangsläufig die Auswahl unter den konventionel-
len Munitionsarten getroffen531. Dabei steht die von den
USA favorisierte Patrone 5,56 x 45 mm an der Spitze.
Die Bundesrepublik hält am FINABEL-Konzept fest.
Hätte sich die Bundesrepublik dem allgemeinen Trend
angeschlossen und - möglicherweise aus kommerziel-
lem Interesse - gleichfalls 5,56 mm-Waffensysteme wie
z.B. das Gewehr HK 33 (Bild 207) und das LMG HK 21
Al in das NATO-Vergleichsprogramm eingebracht, so
hätte sie an Glaubwürdigkeit verloren.
Am 28. Oktober 1980 entscheiden sich die NATO-
Staaten für eine 5,56 mm-Patrone als zweite Standard-
Kleinwaffenmunition. Vorbild ist die 5,56 mm-SS-109-
Patrone von FN. Die Bundesrepublik behält die 7,62
mm-Patrone für das Gewehr vorerst bei und setzt als
zukünftige Munition auf die hülsenlose Patrone.
Dabei sind die Aussichten auf eine spätere europa-
weite Einführung der hülsenlosen Patrone zu diesem
Zeitpunkt noch durchaus günstig: Das G 11 soll voraus-
sichtlich 1992 das G 3 der Bundeswehr ersetzen. Frank-
reich wird als Übergangslösung die 5,56 mm-Munition
einführen und könnte Mitte der 90er Jahre in Zusam-
menarbeit mit der Bundesrepublik das G 11 einführen.
England wird die Entscheidung über eine Patrone noch
verschieben und auf eine Vereinbarung mit der Bundes-
republik über das G 11 warten. Norwegen wird eine Ko-
operation über das G 11 mit der Bundesrepublik verein-
baren. Die Niederlande haben die gleiche Haltung wie
Norwegen. All dies setzt voraus, daß die Bundeswehr
eine Vorreiterrolle bei der Einführung der neuen Tech-
108 nologie einnimmt.
Polygonlauf
In den 60er Jahren entwickelt Heckler & Koch das
Polygon-Laufprofil. Im Gegensatz zum Standard-Profil
mit seinen scharfen Kanten ergibt das Polygonprofil eine
fast perfekte Abdichtung zwischen Geschoß und Lauf-
wand. Die Gasdichtigkeit und die damit einhergehende
geringere Erosion erhöht die Lebensdauer des Laufes.
Die Bundeswehr führt das Heckler & Koch-Polygon-
profil 1970 beim Maschinengewehr MG 3 ein. Die
Heckler & Koch-Pistolen P 9 und P 7, das Heckler &
Koch-Präzisionsschützengewehr PSG 1 und die Heckler
& Koch-Jagdwaffen-Selbstlader sind mit Polygonläufen
ausgestattet.
So werden auch die Prototypenwaffen mit Polygon-
läufen ausgerüstet. Hat der erste Prototyp noch einen
Feld/Zug-Lauf, so schießen die nächsten Prototypen aus
einem 4fach-Polygonlauf (Bild 208). Lebensdauerversu-
che, die 1976 mit Hülsenmunition 4,3 mm x 45 durch-
geführt werden, zeigen, daß Polygonläufe in diesem klei-
nen Kaliber eine höhere Lebensdauer als Feld/Zug-Läufe
erreichen. Weiterhin sind die Tombakablagerungen des
Geschoßmantels im Laufinnern geringer.
Nach Umstellung auf das Kaliber 4,75 mm wird
zunächst das 4fach-Polygon-Profil beibehalten - sowohl
für die hülsenlose Patrone als auch für die Testmunition
der entsprechenden Hülsenpatrone.
Schießversuche mit dem Prototyp 13 machen deut-
lich, daß der Polygonlauf Grenzen hat. Schon bei
Schießversuchen mit der Hülsenpatrone 5,56 mm x 45
aus den HK-Gewehren G 41 und dem LMG HK 23 war
aufgefallen, daß bei großem Freiflug das Polygonprofil
nicht mehr imstande war, den vollen Drall zu erteilen -
es entsteht Schlupf, der bei einem kalibergleichen
Feld/Zug-Lauf nicht entstehen würde. So kehrt Heckler
& Koch wieder zum Feld/Zug-Profil zurück.
53) Später wird man zu der kritischen Ansicht gelangen, der NATO-Vergleich sei eine
reine Verkaufsschau für Waffen und Munition des Kalibers 5,56 mm gewesen.
TELESKOPPATRONE
Das Gll-Gewehr ist in seiner Endgestalt die
Summe vieler Detailbemühungen und das Ergebnis eini-
ger ganz wesentlicher Entwicklungssprünge. Zu letzte-
ren zählt der Übergang zur Teleskoppatrone mit
hochtemperaturstabilem Treibmittel. Detailreichen und
langdauemden Versuchen des Chemielaboratoriums des
Werkes Stadeln der Dynamit Nobel AG ist dieses Treib-
mittel zu verdanken (Bild 209 und 210). Auf den aktiven
Bild 209: Anolysenlobor der Dynomit Nobel AG in Stadeln.
Kunststoffbinder ist schon hingewiesen worden. Die Vis-
kosefaser-Beimischung ist für die Festigkeit der Teleskop-
patrone von großer Bedeutung.
In den zurückliegenden Entwicklungsjahren hatte
der Pulverpreßling eine Gestalt erhalten, die auf das
Nitrocellulose (NC)-Treibmittel zugeschnitten war. Die
umfänglichen Versuche mit HITP-Patronen zeigen Übel- 109
Bild 212:
Die Schulterpotrone
im Potronenloger.
Bild 210: Rückstandsprüfungen im Rotationsverdompfer,
Anolysenlobor Stadeln.
stände, die nur mit
einer Gestaltänderung
der Patrone zu behe-
ben sind (Bild 211).
Unabhängig vom
Treibmittel erzwingt
die niedrige Cook-off-
Grenze eine Änderung
der Patronengestalt,
ebenso macht das
geänderte Entladekon-
zept der Waffe eine
andere Patronenform
notwendig. Zu diesem
Zeitpunkt hat der um
360 Grad drehende
Patronenlagerkörper
zwangsläufig ein mit-
tig symmetrisch geteiltes Patronenlager, das von beiden
Seiten geladen werden kann. Der Anschlag für die Schul-
terpatrone ist ein schmaler Steg, der vom heißen Gas
umströmt wird und die Patrone bis zum Entzündungs-
punkt aufheizt (Bild 212).
Ein völlig glattes Patronenlager ohne vorstehende
und thermisch kritische Schulterpunkte wäre die ideale
Lösung. Da die Schulterpatrone einen definierten An-
Bild 211: Verg ‘ H Schu -\ : e-Te sKoppatrone.
110
Bild 213: Dos bewegliche Ansatzstück im Potronenloger.
setzpunkt erfordert, um eine sichere Zündung zu ge-
währleisten, behilft man sich mit einem beweglichen
Ansetzstück in der umlaufenden Walze (Bild 213). Da
sich auch dieses Ansetzstück erwärmt und als loses Teil
die Wärme nur verzögert abführt, ist keine wesentliche
Verbesserung erreicht.
Der Durchbruch ist nur mit einer glatten Teleskop-
patrone zu erreichen, die ein völlig glattes symmetri-
sches Patronenlager ermöglicht. Heckler & Koch erkennt
aus den Waffenerprobungen, daß kein Weg an der Tele-
skoppatrone vorbeifuhrt. Mit einer entsprechend gestal-
teten Teleskoppatrone hofft Heckler & Koch außerdem,
die geringe Schlagbolzenstandzeit zu erhöhen. Der Im-
puls zum Wechsel auf die Teleskoppatrone kam von
Herrn Jakubaschk und war am 4. März 1981 erstmals in
einer Arbeitsgruppensitzung vorgestellt worden (Bild
214). Daneben soll ein stabileres Heck der Teleskoppa-
trone eine wesentlichere Verbesserung bezüglich der
Verschmutzungs- und Schlagbolzenprobleme bringen.
Wirkungsvoll könnte ein Hineinverlegen des Anzündsat-
zes in das Innere des Treibmittelkörpers unmittelbar hin-
ter das Geschoß sein (Bild 215). Der Geschoßboden
dient dabei als Amboß, die Übertragung der Energie des
Schlagbolzens zum Anzündsatz geschieht mit einem ver-
brennbaren HITP-Stößel genügender Festigkeit.
Fragmentierte Treibmittelreste aus „Überzünd-
störungen“, d.h. Störungen, bei denen der Anzündsatz
den Booster nicht entzündet hat, geben Aufschluß über
die ultraschnelle Abfolge der innenballistischen Vorgän-
ge. Dabei zeigt sich, daß im Gegensatz zur NC-Patrone
die HITP-Patrone zuerst am Heck fragmentiert und den
Schlagbolzen sowie die Patronenlagerdichtung stärker
belastet (Bild 216). Bei diesen modellhaften Überlegun-
gen wird deutlich, daß der ungeführte lange Freiflug des
Geschosses der Schulterpatrone bis zum Eintritt in das
Rohr die Präzision des Schusses mindert. Die Teleskop-
patrone dagegen führt das Geschoß bis zum Eintritt in
das Rohr, verhindert ein Schrägansetzen und auch ein
Abströmen von Anzündgasen nach vorne in das Rohr
vor dem Ansetzen des Geschosses.
NC-Patrone
Phase 1: Entzündung
HITP-Patrone
NC-Patrone
Phase 2: Maximaler Boostergasdruck
HITP-Patrone
NC-Patrone
HITP-Patrone
Phase 3: Endphase
Geschoß wird im Rohr angesetzt.
P(bar]
200-
P(bar]
200-
P(bar]
200-
Heck: Wird vom Anzündsatz sofort zer-
legt, Zündschwaden gelangen
zum Schlagbolzen und zur Lager-
dichtung.
Heck: Bleibt erhalten, wird vom Booster-
gasdruck an das Verriegelungs-
stück gedrückt und wirkt als Dich-
tung.
Heck: Ist bereits fragmentiert, der Boo-
stergasdruck schleudert die Parti-
kel mit großer Geschwindigkeit
gegen den Schlagbolzen und die
Dichtlippen des Patronenlagers.
Heck: Noch nicht fragmentiert,
Zündstrahl wird ins Innere der
Patrone gelenkt.
0 +
0
0 +
0
Patronenlager in Liderstellung
Schlagbolzen in Grundstellung
100-
Q1
03 04 Q5 06 Q7 t[ms]
Patronenlager in Liderstellung
Schlagbolzen in Grundstellung
100-
04-
0
0.1
Q7 t (ms]
100-
Patronenlager in Liderstellung
Schlagbolzen in Grundstellung
01 02 03 Q4 Q5 06
07 tlrr.s]
Bild 216: Dos Fragmentierungsverholten der HITP-Potrone
112
DAS Gil WIRD
BEKANNT
Durch die Schießversuche an der Kampftruppen-
schule in Hammelburg wird die neue Waffe zunehmend
bekannt. Die Öffentlichkeit erhält erste Informationen
durch die Fachpresse: Herausgeber John Weeks der „Ja-
neUs Defence Review“ publiziert den ersten fundierten
Beitrag über die neue Waffe.
Am 12. September 1980 erfährt Projektleiter Tilo
Möller bei einer Besprechung im Bundesamt für Wehr-
technik und Beschaffung, daß die Finanzierung zur Wei-
ter- und Fertigentwicklung einschließlich der Nullserien-
beschaffung des Gewehres G 11 ab dem Haushaltsjahr
1981 nunmehr endgültig gesichert ist.
Eine Bundeswehrvorführung auf mittlerer Ebene ist
für Anfang November 1980 vorgesehen. Der obersten
Ebene der Bundeswehr soll das G 11 im März 1981 vor-
geführt werden. Zu diesem Zeitpunkt wird eine Waffe
im endgültigen Design vorhanden sein.
Am 2. September 1981 findet in London vor hohen
Offizieren der britischen Waffen- und Munitionsfabriken
eine Vorführung des Gewehres G 11 statt. Zunehmend
wird das Gewehr G 11 bekannt. Informationen über das
G 11 aus dem „Jane’s Infantery Weapons“-Handbuch
werden im Sommer 1981 über die Nachrichtenagentur
AP weltweit verbreitet (Bild 217).
Am 16. September 1981 treffen sich Mitarbeiter
des MAD und des BND mit ausländischen Nachrichten-
diensten der NATO. Neben anderen Waffen wird das
Gewehr G 11 vorgeführt.
Schwedische Offiziere sehen das Gewehr G 11
Bild 218: Pressefoto mit dem Prototyp 13, oufgenommen im Februar 1982.
Industrierepräsentanten sollen an diesen Vorführungen
nicht teilnehmen. Heckler & Koch bekommt deshalb bei
Präsentationen den Vorwurf zu hören, aus Firmeninter-
esse so zugeknöpft zu sein.
Die Redaktion des Nachrichtenmagazins „Der Spie-
gel“ bittet in der ersten Septemberhälfte 1981 um Infor-
mationen über das neue Gewehr. Jochem Peelen, freier
Mitarbeiter des deutschen Fachblattes „Soldat und Tech-
nik“, erhält Informationen über das Gewehr G 11. Ian V.
Hogg, der englische Fachkenner, wird nach Oberndorf
eingeladen.
Zurückblickend ist festzustellen, daß vom Frühjahr
1981 an ausgiebige Öffentlichkeitsarbeit über das Ge-
wehr G 11 betrieben wird, kompetente Fachjournalisten
werden bevorzugt mit Informationen versorgt und zum
Schießen mit der neuen Waffe eingeladen. Eine Fotose-
rie, die im Februar 1982 zur Weitergabe an die Presse
aufgenommen wird, zeigt den Prototyp 13 (Bild 218).
YEN! GII SiLANININ $EMASI
*.r > Federal Almanya’da gebitirifen kovanuz mermi aUn G .11 tURiinln
Hanf ve ku llantsli c j nato «a* •x«“»
J kndar billnen modeDere göre <ok daha baflf re Rnllani^u.
Kiyaslamak ifin G-3 NOTO SILAHI
während einer Vorführung am 11. November 1981 in
der Infanteriekampfschule Bornsborg.
Das Verteidigungsministerium macht bei diesen
Vorführungen die Auflage, daß nur Militärpersonen
befreundeter Staaten Einblick in die Waffe bekommen.
Kovansiz mermi atiyor...
Almanlann
harika silahi...
GII silahi i(in kovansiz mermi
SözO^dilen bu avantajlannm ytmisira “G il” ÖzeUikleri ta$iyor;
bu siiahtn. simdiye kadar üretilen silahJar ifinde en kisa ve en hafif
otomatik tülek olduju belirtiljyor. Kuliammitun cok kolay oldujju ve
^ayanik!) olüjuyla dikkati vektigi Ifade
Bild 217: Dos Gewehr G11 wird weltweit bekannt.
113
DER VERTRAG VOM 13. DEZEMBER 1982
Am 13. Dezember 1982 schließt das Bundesamt für
Wehrtechnik und Beschaffung einen neuen Vertrag mit
Heckler & Koch.
Über die weitere Fortführung der Entwicklung er-
stellt Heckler & Koch am 18. Januar 1983 einen Projekt-
strukturplan. Dieser Plan ist auch für Dynamit Nobel
Basis der weiteren gemeinsamen Arbeit.
Wichtige Arbeiten fallen dem finanziellen Rotstift
zum Opfer, so die Vorseriengeräte, deren Finanzierung
in der mittelfristigen Finanzplanung des Bundes wieder
gestrichen wird, obwohl sich das Verteidigungsministeri-
um bemüht, die Vorseriengeräte wieder in der Finanz-
planung unterzubringen, um an der geplanten Erstbe-
schaffung festhalten zu können. Heckler & Koch ist ge-
zwungen, die Zahlen des Kostenansatzes nochmals zu
überdenken.
Eine große Arbeitsbesprechung G 11 mit allen Be-
teiligten des Verteidigungsministeriums, des Bundesam-
tes für Wehrtechnik und Beschaffung, des Heeresamtes,
des Materialamtes der Bundeswehr, der Erprobungsstel-
le 91 sowie der Firmen Heckler & Koch und Dynamit
Nobel AG ist für den 13./14. Dezember 1983 angesetzt.
Es geht dabei darum, die internationale Situation darzu-
stellen, die Finanzierung, den Entwicklungsstand der
Waffe, den Entwicklungsstand der Munition und den
Entwicklungsfortgang für 1984 festzulegen sowie die
bisherige Entwicklung aufzuzeigen.
Bild 220: Übergabe eines G11-Prototyps 14 on die Wehrtechnische Studien-
sammlung beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz
durch Herrn Saile.
Von links nach rechts: Staatssekretär Dr. Manfred Timmermann, Oberbürger-
meister Willi Härter, Regierungsdirektor Dr. Arnold Wirtgen, Stadtoberrechtsdi-
rektor Sebastian Monreal, Herr Saile von Heckler & Koch.
Foto: Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung - Wehrtechnische Studien-
114 Sammlung
Bild 219: Übergabe der ersten Prototypen 14 an die Erprobungsstelle 91 der Bu t
Meppen am 27. und 28. September 1984. Hintere Reihe (von links): Herr Runde, Herr (
Langemann, Herr Roll, Herr Jakubaschk; Vordergrund (von links): Herr Müller, Ht
Herr Möller, Herr Kapelle
Mittlerweile erproben die Heckler & Koch-Ingenieu-
re den Prototyp 14. Am 20. März 1984 findet eine Be-
sprechung statt, die für die weitere G 11-Planung die Pri-
oritäten und die Termine setzt. Die ersten beiden voll-
ständigen Gewehre des Prototypenstandes 14 werden
am 27. September 1984 der Erprobungsstelle Meppen
übergeben (Bild 219), das Bundesamt für Wehrtechnik
und Beschaffung erhält am 5. November 1984 den Pro-
totyp 14 (Bild 220).
115
BEEINDRUCKENDE
SCHIESSVORFÜHRUNGEN
Bild 221: Indonesische Delegation mit Army Chief General Rudini, Kompflwppenschule 1 der Bundeswehr in Hommelburg om 4. September 1985.
Die Schußleistung des G 11-Gewehrs verbessert
sich zunehmend, so z.B. bei einer Vorführung bei der
Kampftruppenschule 2 in Munster am 19. Dezember
1984, wo im Beisein hoher Offiziere der Bundeswehr
von den Gästen mit dem Gewehr eine große Zahl NC-
Patronen ohne Störung verschossen werden. Dabei lag
die Umgebungstemperatur nahe dem Gefrierpunkt
Eine bedeutungsvolle und wichtige Schießvor-
führung hat am 15. November 1984 in Troisdorf stattge-
funden. An dieser Vorführung haben hohe Offiziere des
Verteidigungsministeriums teilgenommen. Es sind die
maßgebenden Entscheidungsträger für die erhoffte Ein-
führung des G 11-Gewehrs.
Bild 222: Der Bundestagsabgeordnete Staatsminister Lutz Stovenhagen
(Mitte) am 3. Juli 1985 bei Heckler & Koch.
Bild 223: "Action-Fotos" mit dem Prototyp 14, aufgenommen im Mai 1985.
Eine Kommandeurstagung am 19./20. März 1985
in Hammelburg bietet Anlaß, die Waffe kompetenten Of-
fizieren vorzuführen. Die Waffe zeigt ausgezeichnete
Funktion und Treffleistung. Die Funktionsweise und der
geringe Rückstoß der Waffe beeindrucken die Bataillons-
kommandeure. Die Resonanz dieser Demonstration ist
hervorragend - es scheint, als könne man die letzten
Skeptiker für die neue Waffe gewinnen.
Hohe Militärs befreundeter Staaten nutzen einen
Besuch in der Bundesrepublik, um Heckler & Koch und
die neue Waffe kennenzulernen (Bild 221). Auch deut-
sche Politiker informieren sich über die neue Waffe (Bild
222). Wie bereits im Februar 1982 wird wieder eine Fo-
toserie mit „Action-Szenen“ erstellt. Die Fotos zeigen
nun den Prototyp 14 (Bild 223).
117
NEUE
INNENBALLISTIK
Arbeitsgruppe Heckler & Koch -
Dynamit Nobel
Es sind umfängliche Versuchsreihen während der
Jahre 1981, 1982 und 1983 notwendig, um klar die
Überlegenheit der Teleskoppatrone über die Schulterpa-
trone aufzuzeigen und den Entwicklungspartner Dyna-
mit Nobel von der notwendigen Änderung zu überzeu-
gen. Es erweist sich dabei als nützlich, daß die Ver-
suchsergebnisse in der sogenannten „Arbeitsgruppe“ dis-
kutiert werden.
Regelmäßige technische Besprechungen in vier-
wöchentlichem Abstand waren bereits mit der Bildung
der Arbeitsgemeinschaft zwischen Heckler & Koch und
Dynamit Nobel im Herbst 1978 beschlossen worden541.
Bald hatte dieses Gremium den Namen „Arbeitsgruppe“
erhalten. In regelmäßigen Intervallen trifft sich die Ar-
beitsgruppe - später sogar in regelrechten Klausurtagun-
gen -, um die Arbeitsergebnisse auszutauschen, zu disku-
tieren und neue Ziele für das weitere Vorgehen zu
stecken. Die Arbeitsgruppe arbeitet nach streng wissen-
schaftlichen Kriterien, bis ins kleinste Detail muß für die
Entwicklungsschritte der Nachweis der Brauchbarkeit
erbracht werden. Nach der jeweiligen Ursachenklärung
eines Erprobungsergebnisses werden Abhilfemaßnah-
men angegangen. Losgelöst von persönlichen, vielleicht
subjektiv geprägten Ansichten einzelner wird mit der Ar-
beitsgruppe die G 11-Entwicklung über einen „Tot-
punkt“ hinweggebracht, als im November 1982 die Auf-
fassungen der beiden Entwicklungsfirmen über die Tele-
skoppatrone sehr differieren.
Ein kurzer Statusbericht von Dynamit Nobel faßt
die Entwicklungsschritte zur neuen Patronenkonfigurati-
on zusammen:
Die Entwicklung von Waffe und hülsenloser Pa-
trone hat zur Teleskoppatrone geführt, das Geschoß
befindet sich ganz im Treibmittelkörper. Quadratischer
Querschnitt der Patrone und ein Verschluß aus Kunst-
stoff an der Geschoßseite kennzeichnen die Patrone.
Bis 1986 wurde das von der Hülsenmunition be-
kannte innenballistische Konzept verfolgt, wonach sich
das Geschoß nach Anbrand des Treibmittels und dem
Gasdruckaufbau in Bewegung setzt und ohne Verzöge-
rung in den Rohreinlauf eingepreßt und mit dem sich
aufbauenden Gasdruck beschleunigt wird.
Dabei wird dem Patronenkörper viel zugemutet: Er
muß sich am Patronenlager abstützen können, um das
Geschoß bis zum Eintritt in den Rohreinlauf zu führen.
Er soll die Abdichtung gegen überholende Verbren-
nungsgase bewirken55’ - muß aber auch als Treibmittel
die nötigen Eigenschaften haben. Im August 1985 zieht
Heckler & Koch die Bilanz, daß mit diesem Konzept
nicht weiterzuarbeiten ist. Die Anfangsgeschwindigkeit
hat Standardabweichungen von 20 bis 40 m/s. Die
Druck-Standardabweichung beträgt 500 bar. Gelegent-
lich treten Drucksprünge auf, die bis auf 7 000 bar an-
steigen.
Daher entscheiden sich die Entwicklungspartner für
ein neues innenballistisches Konzept.
Neues Innenballistik-Konzept
Die Arbeiten am geänderten Innenballistik-
Konzept56’ nehmen die beiden Entwicklungsfirmen von
der zweiten Jahreshälfte 1985 an für ein ganzes Jahr in
Anspruch. In detailreichen Einzelstudien und Versuchen
werden Geschoßbefestigung, Geschoßumformung, An-
zündkette, Expansionsraum, Patronenlager, Schlagbol-
zen, Patronengeometrie und Treibmittelzusammenset-
zung erprobt. Die Hauptmerkmale des neuen Innenballi-
stik-Konzeptes liegen im April 1986 fest und werden
Mitte Juni 1986 in einem Abschlußversuch nachgewie-
sen (Bild 224j:
Neue Patronenlagergeometrie, zusätzlicher Ex-
pansionsraum im Verriegelungsgehäuse, Drehschlag-
bolzen und neue HITP-Patrone.
54) Am 4. Dezember 1978 vereinbart
55) wenngleich diese Funktion ganz wesentlich von der Kappe bewirkt wird.
56) Präzisiert wird das neue Innenballistik-Konzept im Rahmen einer Arbeitssitzung bei
Dynamit Nobel in Troisdorf am 6. November 1985. Zur Prüfung der Realisierbarkeit des
neuen innenballistik-Konzepts wird ein Zusatzentwicklungsvertrag abgeschlossen, der
zum 30. Juni 1986 planmäßig und mit positivem Ergebnis ouslöuft.
118
Die Ausarbeitung der neuen Waffenkonzeption hat
Zeit gekostet. Heckler & Koch beschreibt die Konsequen-
zen:
Bedingt durch das Erreichen physikalischer Gren-
zen mußte in den Jahren 1985/86 ein Sonderpro-
gramm über die Änderung des innenballistischen Kon-
zeptes durchgeführt werden, in dessen Folge die Ter-
mine so eng wurden, daß technische Erprobung und
Truppenversuch zum Teil parallel und gemeinsam
durchgeführt werden mußten.
Die hierin enthaltenen technischen Risiken wur-
den bewußt in Kauf genommen. Auch ohne die auftre-
tenden Störungen hätten aufgrund der Truppenver-
suchsergebnisse geänderte Waffen für Nacherprobun-
gen und Nachversuche hergestellt und geliefert wer-
den müssen. Für die Beseitigung der Störanfälligkeit
wird über die beantragten Mittel hinaus ein zusätzli-
cher erheblicher Anteil ohne Finanzierungsleistung
durch den Bund erbracht.
In der Jahresmitte 1987 stellen sich in der Fortent-
wicklung der Patrone Probleme, die sich in vorüberge-
henden ungleichmäßigen ballistischen Ergebnissen der
Patrone äußern. Die Ursache findet sich im Fertigungs-
werk Stadeln der Dynamit Nobel AG. Die anlaufende
Munitionsfertigung im größeren Maßstab - auch für den
ACR-Test - veranlaßt die Umstellung vom Laborbetrieb
auf eine teilautomatisierte Fertigung mit einer um das
Zehnfache größeren Verfahrenstechnik und bringt Pro-
bleme in der Gleichmäßigkeit der größeren Treibmitte-
lansatzmengen.
Dynamit Nobel ist gehalten, die Herstellung der ge-
fährlichen Stoffe mit einer „Second Source“-Anlage par-
allel neben der bestehenden Fertigung zu betreiben, um
im Falle einer Produktionsstörung die Lieferfähigkeit zu
erhalten. Dies kann in einer Fremdfirma oder innerhalb
der Firmengruppe sein. So wird eine zweite Anlage in
Dellbrück aufgebaut, die anfangs Stadeln mit größeren
Treibladungsmengen versorgt.
„Anzündkette"
Zum Jahresende 1987 ist ein Entwicklungsstand
der hülsenlosen Patrone erreicht, der nur noch in Details
zu verbessern ist. Die Patrone besteht aus 5 Teilen:
1. Geschoß,
2. Treibladungskörper,
3. Anzündhütchen,
4. Anzündverstärkersatz,
5. Geschoßkappe.
Die Anzündung und Verbrennung der Treibladung
ist in langen Versuchsreihen bis in alle Details unter-
sucht. Die Folge der Abläufe bezeichnen die Ingenieure
der beiden Entwicklungsfirmen als „Anzündkette“. Den
Ballistikern schwebt eine ideale Ablauffolge vor:
• Anzündung durch den Drehschlagbolzen,
• verzögerter Gasdruckaufbau durch langsamen Ab-
brand der Anzündverstärkung mit Geschoßbewe-
gung in den Rohreinlauf, dabei wird die Geschoß-
kappe vom Geschoß durchschlagen,
• Stillstand des Geschosses. Das Geschoß dichtet das
Rohr ab,
• weiterer Gasdruckaufbau durch Verbrennung des
Treibladungspulvers,
• bei einem Druck von 500 bis 800 bar wird das Ge-
schoß wieder in Bewegung gesetzt und beschleunigt
im Rohr bis auf 925 m/s Anfangsgeschwindigkeit.
Der zeitliche Ablauf erfolgt in 4,5 bis 5 ms (Bild
225). Die Geschoßkappe verläßt mit dem Restgas in
deutlichem Abstand hinter dem Geschoß das Rohr. Die
Geschoßkappe wird vorher vom Geschoß durchschlagen
und überholt.
Bild 225: Innenbollistik.
Einer idealen Anzündkette möglichst nahezukom-
men ist ein wichtiges Teilziel der Entwicklungsarbeiten.
Dabei muß das für LOVA-Treibmittel57’ des Pulver-
preßkörpers ausgeprägt schlechte Anzünd- und Anbrand-
verhalten berücksichtigt werden581. Auch bei Minus-
temperaturen von 54 Grad muß die Anzündung gewähr-
leistet sein, um Anbrandversager zu vermeiden.
57) 10VA = Low Vulnerable Ammunition. An eine moderne Munition ist die Forderung
zu stellen, daß sie wenig empfindlich gegen Beschuß und Hitze ist. Wenn der Munitions-
vorrat einen Schußtreffer erhält, darf die Munition nicht detonativ umsetzen. Konventio-
nelle Munition mit NC-Treibmittel entspricht nicht dieser Forderung, während die G 11 -
Munition dieses Verhalten nicht mehr zeigt.
58) Das NC-Treibmittel entzündet sich bei 172 oC, das HITP-Treibmittel entzündet sich
bei 260 oC. 119
Anlage 2
für Zl5r.srari.teJ
*a.
WERK STADELN
PATRONE 4.7MMX3 41
J Konto.. lA'A ‘
T WA 026 303
Napf
TR193/18 G 57/ngpd n') ESÜIlß.
__ _____________________—......---- Amboß ne I
Amboß gekl. Lack Nr.
Durch geschickte und präzise Versuchsanordnun-
gen lassen sich die ultraschnellen Detailabläufe auf-
klären. Bei Überschreiten einer bestimmten Temperatur
beginnt die Pulveroberfläche zu pyrolysieren, bis schließ-
lich der eigentliche Zündzeitpunkt erreicht ist. Die Ent-
wicklung des Pyrolysevorgangs mit ansteigender Tempe-
ratur und Zeit wird mit der Anzündkette optimal er-
reicht. Der Geschoßstillstand von 0,5 bis 1 ms gibt dem
Treibstoff die erforderliche kurze Zeitspanne, sich bis
zum selbsttätigen Brennvorgang aufzuwärmen. Insge-
samt ist die Optimierung der Anzündkette eine sehr
harte und mühevolle Entwicklungsarbeit für Dynamit
Nobel.
Das unterschiedlich tiefe Eindringen des Geschos-
ses in den Rohrübergang wirkt sich nachteilig auf Streu-
ungen und Toleranzen im Schuß aus. In langen gemein-
samen Versuchsreihen erkennen die beiden Entwick-
lungsfirmen, daß die Präzision des Schusses im Rohrü-
bergang entschieden wird. Waffenseitig geht von diesem
Detail ein großer Einfluß auf die Schußpräzision aus.
Der Freiflug des Geschosses vom Patronenlager
zum Übergangskonus übt eine gasdrucksenkende Wir-
kung aus. Da die Verbrennungsrückstände der frühen
HITP-Patronen den gasdruckregulierenden Expansions-
raum zusetzen, wird bei einigen frühen Prototypen auf
den Expansionsraum verzichtet, und der Freiflug muß
die Gasdruckregulierung bewirken. Die späteren HITP-
Treibmittel verbrennen rückstandsfrei und „spülen“ den
Expansionsraum bei jedem Schuß frei.
Es wird untersucht, ob die Beschichtung des Ge-
schosses mit Gleitmitteln Verbesserungen bringt. Ein
Gleitlack mit hohem Anteil an Molybdändisulfid erweist
sich als geeignet und verbessert zusätzlich die Ge-
schoßleistung (Bild 226 und Bild 227).
Bild 226: Rechts: G11-Geschoß mit Lackbeschichtung.
Anzündsatz'• 13320 -G 19,5 m9Z* Z.f N
Ambon-?-Al.w.ir<193/18 ~________________________
TR2.ffl63/i. . Ansatz i SIL .Gewicht' g, gepreßt: Jabonert!^t//(
, Haftvermittler
Anzündhut.
63 c N ( RingfuqenlackNr 39/40
Doturnj4 M Nome
vglm/s) |
(bor)
Treibmittel
Geschoß
Anzundverst
sonstiges
S‘ück an 9A
Luft druck-
GDM Nr «r n 26
GV388*/
2o
Lcuflönge 550mm
t 4 (ms J
Beschuß terr.
Lauf Nr | 2^2
I Pm {bor*
______ Patronenlager hint
Bild 228: Schießversuch mit früher Teleskop
potrone zur Ermittlung der zweckmößigsten Koppenform.
Bild 227: Geschoßlockieren.
Von hoher Wichtigkeit ist die Ausbildung der Ab-
schlußkappe am vorderen Ende der Patrone, übt die
Kappe doch beim Eintritt des Geschosses in den Über-
gangskonus des Rohres eine Trichterfunktion aus. Die
Geschoßkappe hat verschiedene Aufgaben zu erfüllen.
Sie muß
• das Geschoß im Treibmittelkörper fixieren,
• den Patronenkörper gegen Feuchtigkeit und Schmutz
abdichten,
• die gewollte Trichterfunktion ausüben, ohne nachtei-
lige Formänderungen am Geschoß nötig zu machen,
• das Voreilen der Anzündgase verhindern.
Insgesamt untersucht Dynamit Nobel 24 verschie-
dene Kappenformen. Zum Schluß bleiben zwei Kappen-
varianten übrig, von denen die Variante 20 die besten Ei-
genschaften hat (Bild 228 und 229).
Die Geschoßhaltekraft der Kappe wird über die
Wanddicke des inneren Kegels aufgebracht. Die Verbin-
dung der Kappe mit dem Patronenkörper geschieht mit
Silikonkleber. Im Moment der Schußauslösung durch-
fährt das Geschoß die Kappe im Zentrum. Die Kappe
reißt symmetrisch auf, das Geschoß fährt zentrisch in
den Rohrübergang.
Nur mit modernsten technologischen Verfahren
sind die hohen Anforderungen an die Bauteile zu erlan-
gen. Elektronenstrahlvemetzung verbessert die Formsta-
bilität der Kappe bei Wärmebelastung. Es zeigt sich, daß
ein temperaturfester Silikonkautschuk zwar alle Prüfun-
gen im Gasdruckmeßgerät besteht, andererseits aber bei
120
PATRONE 4.73MM *33 DM11 Konstruktionsstond
Technische Erprobung
Truppenversuch
Bild 231
Dauerfeuer ein unerwünschtes Mündungsfeuer verur-
sacht. So ist Polyäthylen der geeignetere Werkstoff. Die
thermoplastische Eigenschaft dieses Kunststoffes im
heißen Patronenlager wirkt sich nicht nachteilig aus
(Bild 230).
Ende 1988 ist die Fertigentwicklung der Patrone
und die dazugehörige Erstellung der technischen Liefer-
bedingungen erfolgt (Bild 231). Die äußeren Abmessun-
gen der Patrone entsprechen immer noch den ca. 4 Jahre
früher festgelegten Dimensionen. Die Patronenkompo-
nente Anzündhütchen ist von der früheren „Schulterpa-
trone“ unverändert übernommen. Stofflich hat sich die
Boosterladung nicht verändert, sie wird in einem dünn-
wandigen Metallnäpfchen untergebracht. Die Boosterpil-
le brennt durch die einseitige Öffnung des Näpfchens
nur von der Stirnseite ab und erzeugt damit den ge-
wünschten langsamen Abbrand der Boostermischung.
Durch Kneten wird die teigige Treibladungsmasse
homogenisiert (Bild 232). Der Treibmittelrohling ent-
steht als Vollstrang durch Fließpressen (Bild 233). Der
gewichts- und maßgenaue Zuschnitt des aus der Presse
austretenden Endlosstranges stellt ein Problem dar. An-
fangs geschieht das Zuschneiden noch manuell. Dabei
muß jeder Rohling bis zu dreimal gewogen und nachge-
Kappe: HDPE GM 5050
Kleber: E 43 Fa.Wacker
Geschoß: GV 388Z
Geschoßlack; Greblon - Gleitlack
05-1863-L 52 443
Weilburger Lackfabrik
Patronenlackierung;
Grundierung
Beschichtung
Gleitmittel
L71
L67/2
PTFE- Spray
Dynamit Nobel
AKTIENGESELLSCHAFT
ES-Abfeilung M
Maße und Masse It. Zeichnung 1300891
Bild 229: Geschoßkoppe der Teleskoppatrone.
schnitten werden, bis er das gewünschte Gewicht er-
reicht hat. Für eine kontinuierlich arbeitende Fertigungs-
anlage können mechanische Schneidvorrichtungen nicht
eingesetzt werden, da sie den lösemittelfeuchten Strang
entweder zu stark deformieren oder der Strang sich
nicht vom Messer löst. Dynamit Nobel setzt einen Hoch-
druckwasserstrahl zum Schneiden ein. Ein Wasserstrahl
tritt mit 3 000 bar aus einer 0,12 mm-Düse aus und
trennt den Strang fast ohne Verlust in kontinuierlichem
Auspressen des gesamten Mischansatzes (Bild 234). Das
geschieht gefahrlos, da weder brennbare Lösungsmittel
noch der Explosivstoff der Treibladung entzündet wer-
den können.
Die Endform erhält der Körper durch Pressen (Bild
235). Dabei wird der Amboß mit ausgeformt. Lunker
dürfen nicht entstehen (Bild 236). Der Boostersatz wird
separat gefertigt und bei der Montage der Patrone einge-
setzt. Die Montage ist damit weitgehend vereinfacht:
• Einsetzen des Näpfchens mit Ringfugenlackierung
(Bild 237),
• Boostersatz und Geschoß einsetzen,
• Abschlußkappe mit Kleber benetzen und einsetzen.
As Beispiel für die Wechselbeziehung Munition -
Waffe sei hier die Auswirkung auf die Munition ange-
führt, die sich aus dem Übergang vom Schiebeschlagbol-
zen zum Drehschlagbolzen ergeben hat. Anders als der
Schiebeschlagbolzen benötigt der Drehschlagbolzen
keine zentrale Amboßfläche an der Patrone, daher kann
Dynamit Nobel einen leicht zu fertigenden zentralen
Überzündkanal des Treibmittelkörpers wählen.
121
Ansatz ; 710/1
Geschoß: Greblonlack+Vaseline
Kappe : PE
DYNAMIT NOBEL
AKTIENGESELLSCHAFT
ES-ABTEILUNG M
KURZZEITPHYSIK
DATUM : 29.01.88
BESCHUSSZETTEL : 670/1
GERAETE-TYP : 053/PTL 198-25
ROHR Nr. : 273
ROHRLAENGE CoaJ: 525
MESSWANDLER : TYP 6211 SN 300184
CAL-FAK. (E/VJ : 1000
TEMP. C6RDJ : 21
OBJEKT
LOS / FZ
ANZUENDUNG
TIP
GESCHOSS
HUELSE
4.73MM133DN11 WEICHKERN
60eg B115N IM CU NAPF
SIEHE BEMERKUNG
GV38SZ2 KAPPE20 ARALDIT
BEMERKUNG
TLP. :ANSATZ 710/1 TR333/16/2 1.52g-1.55g
GESCH.:6REBL0NLACK GV388Z2 KAPPE-NR.20 PE ARALDIT
S.Nr.
TI T2 T3 Tp* T4
------------------- [t5] ------------------
Vxx («J: 5.20
P«ax INT VI V2 V«
(bar] [barts] ----------------Ir/SJ----------
MITT 1.519 3.562 1.514 4.301 5.076 4136 2.791 910.8
MAX 1.955 4.295 1.645 5.105 5.870 4478 2.912 932.9
HIN 1.135 3.145 1.335 3.825 .4.620 3898 2.662 891.2
SPW. .820 1.150 .310 1.280 1.250 580 .250 41.7
+ .436 .733 .131 .804 .794 342 .121 22.1
- .384 .417 .179 .476 .456 238 .129 19.6
S.ABW .188 .238 .069 .263 .271 159 .064 8.5
V-M X 4.6 2.5 1.7 2.3 2.0 1.4 .9 .3
VAR X 12.4 6.7 4.6 6.1 5.3 3.8 2.3 .9
4^1'1
Bild 230: Die Gasdruckkurvenschar zeigt, daß es gelungen ist, eine reprodu-
zierbare Innenballistik sicherzustellen.
122
Ansatz : 710/1
Geschoß: Greblonlack +Vaseline
Kappe Silikon IQ 90
DYNAMIT NOBEL
AKTIENGESELLSCHAFT
ES-ABTEILUNG M
KURZZEITPHYSIK
DATUM : 01.02.88
8ESCHUSSZETTEL :
GERAETE-TYP :
ROHR Nr. :
ROHRLAENGE Cntsl:
MESSWANDLER :
CAL-FAK. TE/V] :
TEMP. (GRD] :
670/2
053/PTL 198-25
275
525
TYP 6211 SN 300184
1000
21
OBJEKT
LOS / FZ
AtlZUENDUNG
TIP
GESCHOSS
HUELSE
4.73MM133DM11 WEICHKERN
60r.q 8115N IM CU NAPF
SIEHE BEMERKUNG
6V3S9Z2 KAPPE20
BEMERKUNG : TLP.:ANSATZ 710/1 TR355/16/2 1.52c-l. 55tj SILIKON I090D515 E43
GESCH. :GREBLONLACK t VASELINE KAPPE:
Vxx Er.]: 5.20
S.Nr. TI T2 T3 Tpa T4 Pnax INT VI V2 Vb
-— [ns] - — [bar] [barts] — -[nZSJ—- —
MITT 1.726 3.833 1.612 4.770 5.446 3640 2.696 891.8
MAX 2.195 4.345 1.885 5.565 6.120 3872 2.830 905.1
HIN 1.335 3.175 1.495 4.045 4.800 3326 2.564 870.8
SPH. .860 1.170 .390 1.320 1.520 546 .266 54.3
+ .469 .512 .273 .595 .674 232 .154 13.5
.391 .658 .117 .725 .646 314 .132 21.0
S. ABU .203 .252 .083 .294 .290 152 .064 9.1
V-M 7. 4.4 2.4 1.9 2.5 2.0 1.6 .9 .4
VAR l 11.8 6.6 5.1 6.2 5.5 4.2 2.4 1.0
123
TLP - Rohling
1666.11-03 TM/4
2
TLP-Körper, vorgepreßt
1666.11-02 TM/4
3
TLP-Körper
1666.11 - 01 TM/3
4
TLP-Körper mit Anzündung
und Lackierung
cn
Näpfchen
1665 - 17 TM/4
b
Näpfchen, geladen
1665 - 16 TM/4
7
Kapsel
1666.2 - 11 TM/4
8
Kapsel, geladen
1666.2 - 10 TM/4
9
Geschoß
(9451000/4)
10
Kappe Nr.20
1666.1 - 05 TM/4
11
Patrone **»73 MM x 33
1666.11 TM/4
ohne Zeichn.
Kapselbetrieb
ZQ-Freigabe
, 60 mg laden TZ
Booster B 127
Geschoßbetrleb
ZQ Freigabe
HDPE, Kostalen GM 5050
2.
3.
einkleben mit Araldit
ausheizen 1 Std. 70°C
ausheizen 1 Std. 50°C. (TZ)
Bodendicke Kontrolle
Gewicht: 2,22 - 2,27 g
Eingangskontrolle
TLP TH 333/13/2
Lösemittel feucht
Maß- und Sichtkontrolle
Teflon sprühen
verpacken
Anzündsatz Nr. 4928 (13320) TZ
1 aden
1. Granulat TR 193/18
2. pressen
J. ausheizen 4 Str. 100°C (TM)
4. Bodendtcke kontrollieren
Näpfchen einsetzen
Ringfugenlackierung
Lackierung
Kontrolle: Ladefähigkeit
Rückstand
_ I L I
12
Dqnamii Nobel
AKTIENGESELLSCHAFT
ES-Ableilung M
Bild 233: Fertigungsstadien der Teleskoppatrone.
pressen, ausheizen
Nacharbeiten
Kontrolle: Gewicht 100 %
Maße
Herstellplan
PATRONE 4,73MMx33
Typ 11
124
Bild 232: Kneter zur Treibmittelmischung.
125
Bild 234: Topfpresse zum
Strangpreßen des Treibmittels.
In gekippter Stellung kann der
Zylinder beluden werden.
Bild 236: Treibladungskörper 4,73 mm x 33,
DM 11 Weichkern. Vergrößertes Schnittbild zur
Untersuchung der Fließpreßtechnologie.
126
Bild 235: Tandemwerkzeug,
mit dem anfänglich der
fließgepreßte Treibmittel-
rohling in die endgültige
Form gebracht wird.
Bild 237: Anfängliche
Technologie der hölsenlosen
Patrone: Durch Tauchen wird
die Lackierung aufgebracht.
127
PATRONENLAGER-OPTIMIERUNG
Von Mitte 1987 an steht die Gestalt des Patronenla-
gers fest, es besteht aus zwei Teilen. Der hintere, leichte-
re Teil des Patronenlagers muß sowohl zum Verschluß-
stück hin dichten als auch die Abdichtung der radialen
Teilung bewirken.
Die konstruktive, maßliche Gestaltung des Patronen-
lagers ist nicht diffizil, doch müssen thermisch bedingte
Gestaltänderungen nach hohen Schußzahlen aufgefangen
werden. Dabei darf nicht die geringste Undichtigkeit ent-
stehen - geringster Gasschlupf würde nach wenigen
Schüssen zur erosiven Zerstörung der Dichtlippen führen.
Soll das Patronenlager unter allen Bedingungen
dauerhaft dicht schließen, so müssen die Dichtlippen
richtig gestaltet sein. Unter dem hohen Druck dürfen
sich die Funktionsteile nicht plastisch verformen, dies
würde den Rundlauf der Walze blockieren. Andererseits
wirken sich zu große Spaltbreiten erosionsgefährdend
aus. Neben dem iterativen Herantasten - es werden in
endlos langen Versuchsreihen viele Patronenlagerbaufor-
men auf dem Zeichenbrett entworfen (Bild 238) und auf
der Schießbahn getestet - bietet modernste Rechentech-
nik eine Möglichkeit zur Dichtlippen-Optimierung des
Bild 238: Patronenlager-Barformen
128
Patronenlagers. Die Rechenmethode der „Finiten Ele-
mente“ war schon früher zur Festigkeitsüberprüfung des
hochbelasteten Verriegelungsstückes eingesetzt worden.
Bei der Optimierung des Patronenlagers leistet die Finite-
Elemente-Rechenmethode beste Dienste (Bild 239). Die
Rechenergebnisse müssen im Konstruktionsteam von
Herrn Weichert umgesetzt werden, um der Werkstatt
Fertigungszeichnungen in die Hand zu geben.
Schießversuche untermauern die theoretischen Erkennt-
nisse (Bild 240).
Daneben ist die Trockenlaufeigenschaft des Ver-
schlusses gefordert. Hier hat Heckler & Koch große Er-
fahrungen aus dem Bereich automatischer Waffen. Herr
Mauch als Leiter der G 11-Fertigungskonstruktion5* löst
dieses Problem mit einer aus der Raumfanrtechnik be-
kannten temperaturbeständigen Molybdändisulfid-Be-
schichtung. Hochverschleißfeste Titannidrid-Beschich-
tungen erweisen sich als nicht geeignet, da zum Aufbrin-
gen Prozeßtemperaturen von über 1000 Grad erforder-
lich sind, die zum Verzug der Teile führen.
Patronenlager.- 2-teilig
für Patrone 4,73 MM*33
Bild 239: Potronenlngernusschnitt mit errechn • ’-'n Sponnungsverlouf.
Bild 240: Streuung der bollistischen Werte bei dreiteiligem und zweiteiligem
Potronenloger. Die Anzündsicherheit im tiefen Temperaturbereich hot sich we-
sentlich gebessert.
59) Siehe weiter unten, neben seinen anderen Aufgaben beschäftigt sich Herr Mauch in-
tensiv mit dem G11 -Patronenlager.
129
DREHSCHLA GBOLZEN
Der von Heckler & Koch im Rahmen der Arbeiten
am neuen innenballistischen Konzept entwickelte Dreh-
schlagbolzen entzündet die Patrone. Meisterhaft ist die-
ses problematische Konstruktionsdetail gelöst: Der Dreh-
schlagbolzen bewegt sich ausschließlich rotierend in sei-
ner Dichtpfanne (Bild 241 und 242). Die Abdichtung er-
folgt im Moment der Zündung sofort, da der Abdichtweg
nahezu Null ist. Der Schlagbolzen ist so angeordnet, daß
sich seine Spitze in den Anzündsatz „hineinschraubt”
(Bild 243).
Bild 241: Drehschlagbolzen-Modell im Maßstab 10:1.
Bild 244: Schiebeschlagbolzen m Expansionsraum
Mit dem Drehschlagbolzen ist eine wichtige Hürde
genommen - beginnt doch die Zerlegung der HITP-Pa-
trone nach Auftreffen des Schlagbolzens im Heckbe-
reich. Dieser Vorgang führt zu erhöhter Erwärmung der
Schlagbolzenspitze, zu einer hohen Erosion sowie zu Ab-
lagerungen. Anfangs, als die Schlagbolzenfassung noch
frei im Expansionsraum steht (Bild 244), reichen wenige
hundert Schüsse aus, um die Schlagbolzenspitze unter
Hitzeeinwirkung zu verbiegen (Bild 245). Eine Verbesse-
rung erbringt die Verlagerung des Expansionsraumes.
Nun bewegt sich der Schlagbolzen im massiven Teil des
Gehäuses, so daß die Wärme besser abgeleitet werden
kann (Bild 246).
Bild 243: Konstruktionsentwurf des Drehschlagbolzens.
130
Bild 242: Drehschlagbolzen-
Modell.
Oben: Schlagbolzen in
Ruhestellung, unten:
Schlagbolzen zündet
Patrone.
131
Bild 246: Schlagbolzen-Bauformen.
Pfannenschlagbolzen
Schaftabgedichteter Schlagbolzen
132
Neben der schlechten Temperaturfestigkeit des ur-
sprünglich axialbewegten Schlagbolzens genügt auch
dessen Abdichtverhalten nicht den Forderungen. Der
Schlagbolzen wird vom Hahn angeschlagen und bewegt
sich dabei von seiner axialen Dichtfläche in das Patro-
nenlager hinein. Verbrennungsrückstände setzen sich
auf die Dichtfläche und heben zunehmend die Dichtwir-
kung auf. Nach Abbrand der Patrone beschleunigen die
Verbrennungsgase den Rücklauf des Schlagbolzens.
Dabei wird der Schlagbolzen über die Dehnungsgrenze
hinaus belastet - der Schlagbolzenschaft reißt ab. Nur
unwesentlich verbessert sich die Dichtwirkung durch
Einbringen einer temperaturbeständigen Graphit-
packung. Erst der Drehschlagbolzen löst dieses große
Problem - allerdings mit einem besonderen, thermisch
hochbelastbaren Werkstoff - dies wiederum eine Er-
kenntnis, die Herr Ketterer einbringt (Bild 247 und 248).
Gasdruckmesser 2600
- Waffengleich -
6/86
Schnitt D
Bild 248: Drehschlagbolzen.
133
SERIENREIFE UND TRUPPENERPROBU!
Die Jahre 1987 und 1988
Zum Jahresbeginn 1987 ist die Erklärung der Funk-
tions- und Betriebssicherheit - ein wichtiger Meilenstein
in der Entwicklung der Waffe - für das dritte Quartal
1987 vorgesehen. Voraus gehen harte Tests mit der
Waffe bei der Erprobungsstelle der BW in Meppen und
bei Heckler & Koch in Oberndorf (Bild 249). In Obern-
dorf beaufsichtigt die dortige Güteprüfstelle der Bundes-
wehr den ordnungsgemäßen Ablauf der Erprobungen,
die von Herrn Katzmaier geleitet werden. Neben den
Munitionslieferungen durch Dynamit Nobel und den
Versuchswaffen muß Heckler & Koch Datenpakete mit
Waffenfotos, Baugruppendarstellungen, Stücklisten und
technischen Daten an die Amtsseite liefern - Aufgaben,
die von der Heckler & Koch-Abteilung Technische Do-
kumentation unter Leitung von Herrn Saile zu bewälti-
gen sind.
Mit der Auslieferung der Truppenversuchswaffen
im Juni 1988 ist der Zeitpunkt für Überlegungen zur spä-
teren Serienfertigung gekommen.
Voraussichtlich kann der Fertigungsanlauf 1990/91
beginnen. Es ist zu erwarten, daß 300 000 Gewehre an
die Bundeswehr zu liefern sein werden. Daß dabei CIM-
Überlegungen angestellt werden, ergibt sich selbstver-
ständlich601. Fortschrittliche Steuerungstechniken und
integrierte Qualitätssicherung sind frühzeitig vorzuse-
hen. Dies ist besser, als diese später einer bestehenden
Fertigung aufzusetzen.
Einen effektiveren Entwicklungsfortgang soll eine
Umstrukturierung in den Entwicklungsfirmen erzielen.
Anstelle der bisherigen gemeinsamen Projektleitung
geht ab 15. Januar 1988 die Fertigentwicklung ein-
schließlich der bereits begonnenen Serienreifmachung in
den Verantwortungsbereich der Heckler & Koch-Ferti-
gungskonstruktion unter Leitung von Herrn Mauch
über. Verantwortlicher Projektleiter innerhalb des Ent-
wicklungsbereichs wird Herr Weichert.
Bei Dynamit Nobel wird ebenfalls eine neue Projek-
torganisation unter Leitung des späteren Leiters der For-
schungs- und Entwicklungsabteilung im Werk Stadeln,
des Herrn Brede, gebildet. Die Munitionsfertigentwick-
lung geschieht durch Herrn Fibranz. Für die Serienreif-
machung und Projektierung der Serienfertigung wird
eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Herrn Reimer in-
stalliert.
60) ClM=Computer Integrated Monufocturing, moderne computergestützte Produk-
tionstechnologie
Bild 249
Erprobungen zur Erklärung der G 11-Funktionsbereitschaft und Betriebssicherheit
Erprobungsanteil der Wehrtechnischen
Dienststelle 91 der BW in Meppen
1. Ermittlung des Iststandes
- Eingangsinspektion
- Ermittlung wesentlicher Kenndaten/
Waffentechnische Messungen
- Handhabungsprüfung (siehe auch Pkt. 2)
- Vorbeschuß
- - Funktionsprüfung,
- - v- und Kadenzmessung,
- - Treffbildschießen im Anlieferungszustand
2. Prüfung zur Sicherheit der Waffe
- Ermittlung von möglichen kritischen Funktionsbereichen
und Handhabungspraktiken
3. Rüttel-, Stoß- und Prallbeanspruchung
4. Waffensignatur
- Effekt von Plastikteilchen vor der Mündung
5. Schießplatzsicherheit
- Ermittlung des Sicherheitsbereiches mit ballistischem
Rechenmodell
6. Ermittlung der Treffwahrscheinlichkeit
- Kurzprogramm Treffbildschießen
7. Dauerbeschuß mit Messungen und Überprüfung der
Justierbeständigkeit (siehe Erprobungsplan)
8. Ausgangsinspektion
Erprobungsanteil Heckler & Koch in
Oberndorf
1. Vorbeschuß, d.h. Überdruckbeschuß, Anschuß,
Viq -Messung, Kadenz, Trefferbilder und
Funktionsbeschuß
2. Hohe Temperaturen (+63°C)
3. Tiefe Temperaturen (-35°C)
4. Cook off
5. Rohrverstopfung (Geschoßvorlage vom und hinten
6. Fallversuche (1,5 m Höhe auf Beton)
7. Beschuß ohne Schmierung (entfettet mit Waschbenzin)
8. Erschwerte Bedingungen
9. Regen/Dichtigkeit, Wasser im Gehäuse, Schlamm
und Vereisung
10. Verträglichkeit mit Lösungs- und Reinigungsmitteln
11. Nachweis der Schützensicherheit bei
CO-Verpuffungen im Waffengehäuse
12. Nachweis der Schützensicherheit bei Zündung einer
Patrone in nicht verriegelter Stellung des
Patronenlagers.
134
Bild 250: Automatisierte
Presse zur Formung der
Treibmittelrohlinge.
135
AUTOMATISIERTE PATRONENFERTIGUNG
Rückblickend ist festzustellen, daß ab 1988 die
Konstruktion des Gewehres G 11 feststeht, nur noch De-
tails der Waffe optimiert werden. Besondere Bedeutung
wird der Funktionssicherheit der Munition beigemessen.
Dazu sind umfängliche Schießversuche notwendig, für
die ausreichende Munitionsmengen zur Verfügung ste-
hen müssen. Das bedingt, daß schon die Vorstoffe des
Treibmittels in guter Gleichmäßigkeit und in ausrei-
chender Menge termingerecht angeliefert werden.
Für die Waffenfunktionsprüfung ist ein täglicher
Munitionsbedarf von 1 000 Patronen angesetzt. Die Fer-
tigungsvorbereitungen dieser großen Munitionsmengen
beginnen schon im Januar/Februar 1988, so daß ab Jah-
resmitte 1988 mit einer kontinuierlichen Lieferung der
notwendigen täglichen Menge gerechnet werden kann.
Die präzise Fertigung der großen Munitionsmengen bei
Dynamit Nobel ist mit einer Munitionsfertigung in reiner
Bild 251: Nachbearbeitung des fertig gepreßten Treibmittelkörpers: Längenbe-
arbeitung, Bobrungen kalibrieren, Bohrung im Amboß durchbohren, Zündhüt-
chensitz kalibrieren. Zwischen den Bearbeitungsstationen ist jeweils eine Kon-
trollstation.
Handarbeit nicht mehr zu bewältigen, wenngleich durch
rationelle Fertigung per Hand täglich bis zu tausend Pa-
tronen hergestellt werden - in den Jahren 1987 und
1988 rund 180 000 Patronen. Dynamit Nobel ent-
wickelt und installiert für diffizile Arbeitsschritte eine ro-
boterbestückte Fertigungsanlage (Bild 250 und 251).
Von der Jahresmitte 1988 an übernehmen kleine Robo-
ter einer Pilotfertigungsanlage die Erzeugung und ganz
besonders das Prüfen der hülsenlosen Munition und
ihrer Komponenten (Bild 252). So können im Verlauf
des Jahres 1989 rund 200 000 hülsenlose Patronen und
1990 ca. 300 000 hülsenlose Patronen hergestellt wer-
den (Bild 253).
Wie bei einer konventionellen Hülsenmunition üb-
lich, muß auch für die hülsenlose Munition eine Mög-
lichkeit gefunden werden, bei einem neuen Treibmittel-
los eine „Ladungsermittlung” durchzuführen. Bei tradi-
tioneller Munition besteht die Treibladung aus sehr vie-
len Treibladungspulverkörnern, die üblicherweise aus
verschiedenen Herstellchargen gemischt werden, um
die gewünschte Abbrandcharakteristik zu erreichen. Bei
einem anschließenden Ladegewichtsbeschuß wird die
geforderte ballistische Leistung eingestellt.
136
Bild 257:
Geschoßwirkung
im Vergleich.
Bei hülsenloser Munition muß jeder Treibladungs-
körper identische Umsetzungseigenschaften besitzen.
Als erste Maßnahme einer Fertigungskontrolle hat Dyna-
mit Nobel das Ladungsgewicht mit einer Spannweite
von 40 - 60 mg bei einem mittleren Gewicht von 1,58 g
festgelegt. Zur Ladungsermittlung der hülsenlosen Mu-
nition wird aus einer Treibladungspulverknetcharge eine
Probe gezogen und zu Treibladungspulverkörpern verar-
beitet, mit Referenzkomponenten zu Patronen laboriert
Bild 254, 255: Roboter zum GewichtssorTieren der fertigen Treibladungskör-
per. In Kästen für 8 Gewichtsklassen legt der Roboter die Preßlinge ab. Durch
Beschuß wird die Zuordnung der Gewichtsbereiche zu den Losen ermittelt.
Bild 256: Roboter zum Patronenassembling. Links: ßoosterzuführung, hinten:
Rundförderer zur Geschoßzuführung, vorne links: die vorloborierten Patronen.
Der Roboter nimmt rechts eine Koppe auf, dreht diese Kappe an einer Kleber-
spritzdüse vorbei und setzt die Kappe drehend in den Treibmittelkörper ein.
Nur so ist ein gleichmäßiger Kleberauftrog möglich.
und ballistisch geprüft. Die Beurteilung der Ergebnisse
führt zur Verarbeitungsfreigabe des Knetansatzes oder
zur Nacharbeit, d. h. eine zu lebhafte Treibladungschar-
ge kann mit einer schwächeren Charge homogenisiert
und neu geprüft werden.
Die Chargen haben im innenballistischen Verhalten
untereinander Toleranzen. Eine begrenzte Steuerungs-
möglichkeit wird über die einstellbare Leistung der
Anzündverstärkung gefunden, mit der Toleranzen in der
Innenballistik ausgeglichen werden können.
Der Patronenkörper wird nach Fertigstellung einer
Gewichtskontrolle unterworfen. Eine elektronische
Waage, gekoppelt mit einem Roboter, klassifiziert die
Patronenkörper in acht Gewichtsklassen (Bild 254 und
255). Diese werden nach dem Vorbeschuß (Ladege-
wichtsermittlung) zu Losen mit definierten Gewichts-
spannweiten zusammengestellt. Die restlichen Patro-
nenkörper gehen als „Umschaff” zurück zur Treibmittel-
herstellung.
Das Kleben der Abschlußkappe geschieht gleichfalls
mit Hilfe eines Roboters (Bild 256).
Die Verbesserungen an Waffe und Munition im Jahr
1988 haben die ballistische Streuung eingeengt und die
Reproduzierbarkeit der Waffenpräzision verbessert. Da-
neben hat die Verfahrensverbesserung der Patronenferti-
gung im apparativen Bereich einen Einfluß auf die
Schußpräzision. Mit der Robotertechnik fallen die Patro-
nen sehr gleichmäßig aus. Damit sind sehr viele Streupa-
rameter beseitigt worden. Die Flugbahnüberhöhung des
Geschosses beträgt jetzt 17 cm auf 300 Meter. Der
Energieinhalt des Geschosses reicht aus, um in 600
Meter Entfernung einen Stahlhelm zu durchschlagen
und erfüllt damit u.a. auch die an ein LMG zu stellenden
Durchschlagsforderungen (Bild 257). Bei einem Waf-
fenlebensdauerbeschuß im Jahr 1989 werden 8 200 Pa-
tronen aus einer Waffe verschossen, dabei wird nur eine
Störung durch Versagen der Munition festgestellt.
139
MUNITIONSFAMILIE
Die Patrone mit Weichkemgeschoß ist im Novem-
ber 1988 fertigentwickelt (Bild 258), die technische Er-
probung ist abgeschlossen, der Truppenversuch läuft zu
diesem Zeitpunkt noch. Abgeschlossen - und auch er-
probt - ist die Entwicklung einer Überdruckpatrone.
Eine Exerzierpatrone ist ebenfalls fertig, die technische
Erprobung abgeschlossen.
Bei konventioneller Munition kann das Geschoß
verlängert werden, um den Leuchtsatz eines Leuchtspur-
geschosses unterzubringen. Diese Möglichkeit besteht
bei der hülsenlosen Patrone nicht (Bild 259). In das klei-
ne Geschoß läßt sich der Leuchtspur-Brennsatz für eine
300 m-Schußdistanz unterbringen. Da die Munition
auch für ein LMG vorzusehen ist, muß die Brenndauer
über eine Entfernung von 600 m ausreichen. Die erfor-
derliche Brenndauer von 2,5 Sekunden erfordert eine
Länge des Leuchtsatzes von 18 mm. Bei einer Ge-
schoßlänge von 23 mm müßte fast der gesamte Bleikem
durch Leuchtsatz ersetzt werden. Hier müssen neue
Wege beschritten werden, um eine gute Übereinstim-
mung der Flugbahnen sicherzustellen.
Eine Übungspatrone mit Leichtgeschoß (Plastik-
Trainings-Patrone) erfordert eine Formänderung der
Kappe und ein verändertes innenballistisches Konzept.
Die Feinabstimmung der Faktoren Anzündkette, Treibla-
dung und Geschoßgeometrie nimmt sehr viel Zeit in An-
spruch, so daß es bis zum Februar 1990 dauert, bis Dy-
namit Nobel die Übungsmunition zur technischen Erpro-
bung und Truppenerprobung vorstellen kann (Bild 260).
Die Abteilung für Ballistik des Emst-Mach-Instituts
der Fraunhofer-Gesellschaft erhält von Heckler & Koch
einen Forschungsauftrag, das Treffverhalten der hülsen-
losen Munition zu untersuchen. Im Untersuchungsbe-
Difnamit Nobi
AKTIENGESELLSCHA1
PATR
Bild 258: Dos ursprüngliche Geschoß mit kalibriertem vorderen Geschoßteil
und Führungsband ist durch dos gezeigte Geschoß mit Rille ersetzt worden.
140
richt vom März 1988 ist festgestellt, daß durch eine Er-
höhung der Präzision bei der Geschoßherstellung es
möglich ist, die vorhandene Treffbildstreuung wesent-
lich herabzusetzen.
1
2
|g>4,92-o,ois [
Weichkern
Bild 259
Geschoss
Kal. 4,73 MM
UEBUNG, 4,73MMx33, DM18
141
TRUPPENERPROBUNG DES G 11
Bild 261: Anschuß der Truppenversuchswaffen 1988 auf der 15-Meter-Heck-
ler & Koch-Schießbahn mit elektronischer Trefferanzeige und Trefferspeiche-
rung.
Im Truppenversuch soll das Gewehr G 11 in der
Handhabung, der Schieß- und Treffleistung, den Ausbil-
dungserfordernissen, der Wartung und Pflege und der
Materialbelastbarkeit mit dem eingeführten Gewehr G 3
verglichen werden. Darüber hinaus soll festgestellt wer-
den, ob das Gewehr G 11 truppenverwendungsfähig ist
und die erbrachten Leistungen eine Ablösung des Ge-
wehres G 3 und der Maschinenpistole rechtfertigen.
Insgesamt sind in der zweiten Jahreshälfte 1988 an
die 50 G 11-Gewehre für militärische Erprobungen und
Versuche zu liefern. Mitte April 1988 befinden sich 12
Erprobungswaffen für den Truppenversuch in der
Fertigstellung, die Ende Mai 1988 abgeschlossen sein
wird (Bild 261). Die Fertigstellung von 15 weiteren Er-
probungswaffen wird für Juli 1988 erwartet. Alle sicher-
heitsrelevanten Prüfungen sind positiv abgeschlossen
worden. Die Serienreifmachung ist angelaufen, die Ferti-
gungsunterlagen sind teilweise erstellt, fertigungs-
vorbereitende Maßnahmen sind waffen- und munitions-
seitig in der Bearbeitung. Eine wichtige Hürde nimmt die
neue Waffe im Juni 1988 - die Funktions- und Be-
triebssicherheit (FuBeSi) der Waffe wird durch das Bun-
desamt für Wehrtechnik und Beschaffung erklärt.
Die Ausbilder und Versuchsleiter des Truppenver-
suchs erhalten Ende Mai 1988 in Hammelburg von
Heckler & Koch-Mitarbeitern eine Einweisung in die
Waffe. Dazu stehen 2 000 Schuß hülsenloser Munition
zur Verfügung, der Truppenversuch selbst erfordert
50 000 Patronen.
Bild 262,263,264,265: G11-Truppenerprobung in Hammelburg 1988.
143
Die Truppenversuchswaffen werden im Juni 1988
nach Hammelburg gebracht, verbleiben dort bis Anfang-
Dezember 1988 (Bild 262, 263, 264, 265) mit einem
vierwöchigen Zwischenaufenthalt bei der Kampftrup-
penschule 2 in Munsterlager. Mitte Dezember 1988 er-
folgt die Verteilung der Waffen auf die Schulen der Bun-
deswehr:
- Luftlande- und Lufttransportschule Altenstadt/Schon-
gau,
- Gebirgs- und Winterkampfschule Mittenwald (Bild
266),
- Internationale Fernspäherschule Weingarten.
Hier finden Teilversuche statt, die bis Ende Januar 1989
dauern werden.
144
Bild 266: Truppenversuch bei der Gebirgs- und Winterkompfschule in Mittenwold,
145
Bild 267: Dos Hondhobungsmodell entspricht in Form, Ausstattung und Ge-
wicht der Originolwoffe. Nur dos Innenteil weicht von der Waffe ob und be-
steht aus einem nicht schießfähigen Modell.
G 11-Handhabungsmodelle, die in der äußeren
Form und in der Gewichtsverteilung der Waffe entspre-
chen (Bild 267), sind vom Herbst 1984 bis zum Frühjahr
1985 bei den „Schulen der Kampftruppen der Bundes-
wehr” durch Offiziere und Unteroffiziere der Bundes-
wehr ergonomischen Untersuchungen unterzogen wor-
den (Bild 268). Der Truppe ist damit schon vor Beginn
der Serienkonstruktionsarbeiten Gelegenheit gegeben,
ihre Erkenntnisse für die Handhabung, die Ausbildung
und den Einsatz der neuen Waffe einzubringen (Bild
269).
Die ungewöhnliche Waffe G 11 hat nicht nur vor-
behaltlose Befürworter, von militärischer Seite werden
immer noch Bedenken gegen das Konzept der Waffe
laut, obgleich die Waffe in jahrelangen Versuchen die
Richtigkeit der zugrunde liegenden Idee bewiesen hat.
Das militärische Management der neuen Waffe
besteht auf der Einhaltung des Terminplans, trotz
Verschiebung des Programms. Die Vorlage der Einfüh-
rungsgenehmigung wird vom Heeresamt nach wie vor
zum Juni 1989 geplant. Die finanzielle Situation ver-
langt besondere Maßnahmen, unter anderem die Zu-
sammenlegung von Serienreifmachung und Serienvor-
bereitung.
Bild 268: Hondhobungsmodell G 11, Trogeweise wie Rucksock. Formgestolt
der Woffe wie Prototyp 14 im ursprünglichen Gornich-Design. Dos Gehäuse-
mittelteil ist durch Reibschweißen aus zwei Einzelteilen gefügt.
146
Bild 269: Hondhobungs- und Trageversuche mit dem G 11 bei der Gebirgs-
und Winterkampfschule in Mittenwald.
Pessimistische Perspektiven
Am 14. und 15. Dezember 1988 besuchen leitende
Beamte des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaf-
fung die Firma Heckler & Koch (Bild 270). Dabei wird
der zukünftige Bundeswehr-Bedarf mitgeteilt, der sich
auf 224000 Gewehre G 11 bis zum Jahr 2003 be-
laufen wird. Heckler & Koch geht etwa von 20 000 Ge-
wehren pro Jahr aus. Entwicklungspartner Dynamit
Nobel stellt ebenfalls Überlegungen an, wie die zukünf-
tige Großserienfertigung der Munition zu gestalten ist.
Die Roboter mit ihren 6 Freiheitsgraden wird man für
die Serienfertigung nicht einsetzen, es wird eine Trans-
ferfertigung sein - doch liefert die Roboterfertigung Ver-
fahrensdaten für die zukünftige Serienfertigung. Die
amtsseitig genannten Bedarfszahlen schwanken, doch
wird Dynamit Nobel die Fertigungsanlage auf eine
Jahreskapazität von 40 Millionen Patronen auszulegen
haben.
Eine Verzögerung ergibt sich, weil die beantragten
Haushaltsmittel nicht freigegeben werden. So müssen
die vorbereitenden Maßnahmen für die weitere Trup-
penerprobung und den Truppennachversuch eingestellt
werden.
Bei Heckler & Koch analysiert man 1989 mit Skepsis:
Die politische Situation läßt erwarten, daß keine
rasche Entscheidung für die Freigabe der beantragten
Haushaltsmittel zu erwarten ist. Ein Entscheidungs-
termin ist gleichfalls nicht abzuschätzen mit der Folge,
daß die bisherige Terminplanung nicht eingehalten
werden kann.
Als eines der Ergebnisse des Truppenversuches war
der Wunsch der Truppe nach einem Zweitmagazin an
der Waffe deutlich geworden. Heckler & Koch erklärt
sich bereit, zur Fortsetzung der Erprobung 6 Waffen die-
ses Konstruktionsstandes zu entwickeln und zu fertigen
- zunächst eigenfinanziert. Man versieht diese Waffen
mit dem Kürzel K 2 (= Konstruktionsstand 2).
In den Waffen des Konstruktionsstandes K 2 (Bild
271, 272) sind die Truppenforderungen realisiert. Die
K 2-Waffen erhalten drei Magazinschächte. Diese neh-
men 2 Stangenmagazine auf. Ein Leerschacht dient zur
Aufnahme des leeren Wechselmagazins. Damit stehen
drei „Bahnhöfe” für die Munition bereit, wie es die Heck-
ler & Koch-Konstrukteure bildhaft ausdrücken. Der Schüt-
ze verfügt damit über eine große Anzahl von Patronen un-
mittelbar an der Waffe. Der Konstruktionsstand K 2 gilt
als der letzte Entwicklungsstand der Waffe, er wird mit
CAD-Zeichnungen festgehalten (Bild 273 und 274). Mit
der Festlegung auf den Stand K 2 sind auch Korrekturen
des Designs der Waffe verbunden (Bild 275 und 276).
Die Lieferung dieser 6 Waffen für den Truppen-
nachversuch sagt Heckler & Koch für Ende Dezember
1988 zu. Munition wird, soweit sie nicht durch den be-
stehenden Vertrag abgedeckt ist, kostenlos beigestellt.
147
Bild 274: Dos Patronenlager ols CAD-
Zeichnung.
Bild 271: Gewehr G11, Konstruktions-
stand K 2.
Bild 273: CAD-Ärbeitsplatz in der Wehrtechnik-
Entwicklungsabteilung von Heckler & Koch.
148
Konstruktionsstand K 1 Konstruktionsstand K 2
Nachtkampffähigkeit Griff und Optik gehäusefest Nachtsichtgerät nicht verwendbar Griff und Optik abnehmbar, Nachtsichtgerät, Restlichtverstärker ansteckbar
Nachladekonzept 1 Magazin = 45 Patronen an der Waffe bis zu 3 Magazinen = 135 Patronen an der Waffe
Handschutz 1 Magazinschacht 3 Magazinschächte, Multifunktionsaufnahme zur Be- festigung von Bajonett, Zweibein u.ä. Anlenkung Trageriemen
Trageriemen - Änderung Schulterkappe und Beschlagteile Trageriemen
Nachladeeinheit * Fassungsvermögen 15 Patronen, Kennung Ladezustand Patronenfixierung, Fallsicherheit
Zeichnungssatz Planungszeichnungen Fertigungszeichnungen
149
Bild 270: Im sportlichen Wettstreit messen on der G11 -Entwicklung Beteiligte
ihre Treffsicherheit:
Herr Peglau, Leiter der Güteprüfstelle HK,
Herr Seidel, jun., Geschöftsleitung HK,
Herr Steevens, HK-Büro Bonn,
Herr Chorton, WTD 91, Leiter für die technische Erprobung G11,
Herr Menzel, Abt.-Leiter WM BWB,
Herr Hevelt, UAbt.-Leiter WM IIIBWB,
Herr Kopelle, WM III3 BWB,
Herr Lamp, Geschäftsleitung HK.
Bild 272: Herr Möller präsentiert das G 11 am 29. Mai 1990 ausländischen
Militärattaches. Es ist eine Waffe des Konstruktionsstandes K 2.
150
Bild 276: Gewehr G11 des letzten Konstruktionsstandes.
BESCHAFFT DIE BUNDESWEHR
DASG11?
Das Jahr 1989
1989 werden die offenen Prüfabschnitte des Trup-
penversuchs fortgesetzt. Die erforderlichen Nachversu-
che erfolgen ab Januar 1989 mit den vorgenannten
neuen Waffen. Es gelingt Heckler & Koch, diese Waffen
noch vor Weihnachten 1988 fertigzustellen und
auszuliefern. Damit kann der Truppenversuch termin-
gemäß weiterlaufen und abgeschlossen werden.
Die Fortführung der technischen Erprobungen wird
am 12. Januar 1989 im Bundesamt für Wehrtechnik und
Beschaffung besprochen. Zielsetzung ist, gleichfalls
termingerecht die Technische Reife erklären zu können.
Das Gewehr G 11 als zukünftige neue Waffe der
Bundeswehr soll zunächst nur bei den Kampftruppen
Maschinenpistole und Sturmgewehr ablösen. Mit der
Neubewaffnung wird die Fernspähtruppe beginnen, ge-
folgt von der Luftlandetruppe und der Gebirgstruppe. In
den ersten Jahren der Beschaffung werden die Stückzah-
len noch gering sein, sollen danach jedoch ansteigen.
Zum Jahresbeginn 1989 sieht die Entwicklung-
sphase so aus, daß die technische Erprobung zum Jahre-
sende 1989 abgeschlossen ist und die Technische Ein-
führungsreife am 30. März 1990 erklärt wird. Der Trup-
penversuch an der Kampftruppenschule 1 in Hammel-
burg hat vom 1. Juni 1988 bis zum 19. Dezember 1988
stattgefunden, die Nachversuche haben am 19. Dezem-
ber 1988 begonnen und sind am 31. Dezember 1989 be-
endet worden. Truppenversuche an der Kampf-
truppenschule 2 haben im August 1988 stattgefunden.
Die anderen Erprobungen sind Ende Januar 1989
einschließlich der Nachversuche abgeschlossen. Versu-
che mit dem Tragriemen und der Visieranbringung lau-
fen vom 29. November 1988 bis 15. Januar 1989 bei
allen Schulen, so daß die Truppenverwendbarkeit am
30. März 1990 erklärt werden kann.
Bevorstehende Einführung
Die Haushaltssituation erfordert eine „Überlap-
pung” der Phasen Entwicklung und Beschaffung. Mittel
zur abschließenden Entwicklung und zur Vorbereitung
der Serienfertigung stehen nicht zur Verfügung. So er-
hält Heckler & Koch im Januar 1989 einen neuen Ter-
minplan. Als Zieldaten werden angestrebt:
• Erklärung der Technischen Einführungsreife: 30.
März 1990,
• Erklärung der Truppenverwendbarkeit: 30. März
1990,
• Einführungsgenehmigung: 30. Mai 1990,
• Beschaffung: vorgezogene Maßnahmen ab 1991, Be-
ginn der Auslieferung im 4. Quartal 1991.
Die Einführung des Gewehres G 11 scheint nun un-
mittelbar bevorzustehen, für Heckler & Koch und Dyna-
mit Nobel ein Anlaß zur Feststellung:
Das hülsenlose Munitionskonzept des G 11 ist bei
Handwaffen auf absehbare Zeit das einzige, das alle
Vorteile der Kaliberverkleinerung in sich vereint.
Die Bilanz der zurückliegenden Monate formuliert
Heckler & Koch am 21. März 1989 in knappen Worten:
Seit Juni 1988 Truppenversuch an den Schulen
der Kampftruppen. Im September 1988 Unterbre-
chung des geplanten Ablaufs wegen Häufigkeit von
Störungen und nichttruppentauglichen Detaillösun-
gen. Festlegung von Nachversuchen ab Dezember
1988 und Änderungen. Im Januar 1989 Beschluß des
Gerätemanagements zur Phasenüberlappung Entwick-
lung/Beschaffung, d.h. Vorziehen von Maßnahmen
der Serienfertigung und weiterhin Verschieben der
Einführungsgenehmigung in Quartal 2/1990. Im Fe-
bruar 1989 Zwischenauswertung des Truppenversuchs
mit nachgebesserten Waffen und einem Handhabungs-
modell mit den festgelegten Änderungen. Die getroffe-
nen Maßnahmen bewirken eine sichere Funktion,
überzeugende Trefferleistung teilweise 100% besser als
mit G 3. Bei der sicheren Funktion noch die Störquote
von 0,5 Promille - die Lastenheftforderung liegt bei
gleich oder kleiner 3 Promille. Damit sind die Vorbe-
halte zur Truppenverwendbarkeit bezogen auf die
Funktionssicherheit ausgeräumt.
Serienvorbereitungen
Bei der Vorhabenkonferenz am 28. April 1989, die
über die fehlenden Haushaltsmittel für die Entwicklung
und Beschaffung des Gewehres und der Munition ent-
scheiden soll und in der auch die Kostensteigerung des
Sturmgewehres erörtert wird, fällt die Entscheidung, das
G 11-Gewehr in die Bundeswehrplanung zu verankern.
Ziel ist, einen Vertrag über die Anlaufphase ohne
Einführungsgenehmigung auszuhandeln. In jahrelanger
Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium hat
Heckler & Koch die Erfahrung gemacht, daß vom An-
gebotsstadium bis zum Auftrag - ganz besonders wenn,
wie im vorliegenden Fall, der Bewilligungsausschuß
eingeschaltet wird - viele Monate vergehen können. Da
der Vertrag über die Anlaufphase den Bewilligungs-
ausschuß passieren muß, ist mit einem wirksamen Ver-
trag erst im Verlauf des Jahres 1990 zu rechnen. Diese
Zeit muß von Heckler & Koch überbrückt werden. Allein
Dynamit Nobel stellt für die Vorbereitung der
Munitionsgroßserienfertigung im Jahr 1989 Millionen-
beträge aus eigener Tasche zur Verfügung. Für die erste
152
Bild 277: Fertigungsholle für die geplonte Serienfertigung der hölsenlosen
Munition bei Dynomit Nobel.
153
154
Ausbaustufe der Munitionsfertigung entsteht auf dem
weiträumigen Dynamit-Nobel-Gelände in Fürth eine Fer-
tigungshalle (Bild 277), in der die hülsenlose Munition
nach modernsten Technologien gefertigt werden soll
(Büd 278).
Dynamit Nobel ist einstweilen nicht bereit, ohne
einen Auftrag weitere Patronen auszuliefern. Ein neuer
Munitions-Lieferauftrag muß auch die von Dynamit
Nobel seit Jahresbeginn 1989 vorab ohne Auftrag über-
lassenen Munitionsmengen abdecken. So verbleibt
Heckler & Koch keine andere Wahl, als für die Erpro-
bung und den Truppenversuch und zur Sicherstellung
der eng terminierten Technischen Einführungsreife, der
Truppenverwendbarkeit und der Einführungsgeneh-
migung Dynamit Nobel in eigener Initiative mit der
Lieferung der Munition zu beauftragen.
Militärischerseits gibt es offensichtlich immer noch
Vorbehalte gegen das Gewehr G 11, so nimmt das Bun-
desamt für Wehrtechnik und Beschaffung im November
1989 eine Risikoabschätzung für das neue Gewehr und
seine Munition vor. Dabei wird der erreichte Entwick-
lungsstand dokumentiert:
„Ein erprobungsfähiger Qualitätsstand von Waffe
und Munition wurde Mitte bis Ende 1988 erreicht. Vom
Anfang 1989 an sind noch Änderungen in die Waffe
eingeflossen. Im September 1989 ist bei Heckler & Koch
ein Dauerversuch durchgeführt worden. Ein Nachver-
such bei militärischen Erprobungsstellen findet ab dem
6. November 1989 statt.“
Wenn auch die Fortführung der Entwicklungsarbei-
ten in der ersten Jahreshälfte 1989 eine Terminverschie-
bung zur Folge gehabt hat, so scheint doch noch reali-
sierbar, bis Ende März 1990 die Technische Ein-
führungsreife für das Gewehr und die Weichkernpatrone
zu erklären.
Die Erklärung der Technischen Einführungsreife
würde den theoretischen Abschluß der Erprobungen be-
deuten. Damit ist noch kein endgültiger Stand der Waffe
erreicht, Änderungen und Verbesserungen werden auch
dann noch notwendig sein. Die beabsichtigte Erstausrü-
stung der Truppe mit 2 000 Gewehren61’ ist daher eher
als ausgedehnter Truppenversuch mit einer Nullserie an-
zusehen.
Am Ende dieses ereignisreichen Jahres ergibt die Bi-
lanz der Versuche und Erprobungen:
Februar bis August 1989: Umentwicklung vom
Konstruktionsstand K 1 zum Konstruktionsstand K 2 auf-
grund der Truppenforderungen aus dem Trup-
penversuch,
September 1989: Dauerbeschuß über 6 120 Schuß,
Nacherprobungen mit gleicher Waffe und geändertem
Patronenlager,
Bild 279: Winterkompf-Touglichkeitserprobung des G 11, Erprobung der An-
schlogsorten.
Oktober 1989: Keine Reproduzierbarkeit der TIC-
Beschichtung erreichbar; aufgrund von Materialverzug
bei 1 000 Grad Beschichtungstemperatur Änderung der
Beschichtung in Hartchrom plus Molybdändisulfid,
November 1989: Dauerbeschuß mit 3 131 Schuß,
Dezember 1989: Dauerbeschuß mit zweimal 3 550
Schuß in Aberdeen Proving Ground, USA; offizieller Ab-
schluß des deutschen Truppenversuchs am 13. Dezem-
ber 1989,
4. Quartal 1989: Truppenversuch mit 4 Waffen, be-
lastet mit je ca. 1 500 Schuß.
Die Truppenversuche vom November 1989 bis
zum Januar 1990 ergeben eine störungsfreie Funktion
der Waffe. Insgesamt zeigt sich das Gewehr G 11 dem
bisher eingeführten Gewehr G 3 überlegen. Das Gewehr
G 11 überbietet alle Waffen hinsichtlich des Muniti-
onsvorrates an der Waffe und der Treffwahrschein-
lichkeit. Bei gleichem Effekt verbraucht das Gewehr G
11 weniger Munition als alle anderen Waffen.
Auch unter Winterbedingungen ist das Gewehr G
11 truppentauglich. Vom 3. bis zum 27. Januar 1989 fin-
det an der Gebirgs- und Winterkampfschule in Mitten
wald mit 4 Gewehren eine Winterkampf-Tauglichkeit-
serprobung statt (Bild 279). Es sind Waffen, die bereits
vom Juni 1988 an in Hammelburg erprobt worden sind.
61) Die 2000 Gewehre sollten Bestandteil des Serienreifmachungsvertrages sein. Sie
wären am Ende des Serienreifmachungsvertrages zu liefern gewesen sowie eine be-
stimmte Menge von Munition.
155
DAS JAHR 1990
Ende März 1990 kann die Erprobung bei der Wehr-
technischen Dienststelle 91 der Bundeswehr in Meppen
sowie die Erprobung unter amtlicher Aufsicht in Obern-
dorf beendet werden. Die wesentlichen Forderungen der
Lastenhefte erfüllt die Waffe. Geringe Abweichungen
vom Lastenheft werden im Rahmen der Serien-
vorbereitung behoben. Insgesamt sind bis zu diesem
Zeitpunkt in Meppen 4 Waffen mit ca. 15 000 Schuß be-
schossen worden. Bei der Kampftruppenschule 1 in
Hammelburg sind 4 Waffen mit ca. 5 000 Schuß be-
schossen und bei Heckler & Koch unter amtlicher Auf-
sicht 5 Waffen mit ca. 25 000 Schuß beschossen wor-
den.
Am 23. März 1990 stellt das Bundesamt für Wehr-
technik und Beschaffung fest: Die Technische Ein-
führungsreife für die Gefechtspatrone wird ohne Ein-
schränkungen erklärt.
Für die Einführungsreife der Waffe wird der Vorbe-
halt fehlender statistischer Breite gemacht, der mit der
Serienvorbereitung und der Nullserie ausgeräumt wird.
Das Risiko, daß es hierbei zu gravierenden Schwierigkei-
ten kommen könnte, wird als gering angesehen.
Am 3. April 1990 erhält Heckler & Koch vom Bun-
desamt für Wehrtechnik und Beschaffung das ersehnte
Fernschreiben:
Serienvorbereitung und Pilotlos Gewehr G 11.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich gebe Ihnen davon Kenntnis, daß heute nach-
mittag der Entwurf des G 11-Vertrages62’ von der
Leitung des BWB unterzeichnet wurde. Die Vor-
lage ans Ministerium geschieht kurzfristig.
Mit freundlichen Grüßen
Unter denkbar schlechtesten Rahmenbedingungen
und durch den vollen Einsatz und die Flexibilität aller
Beteiligten wird termingerecht am 26. März 1990 durch
das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung die
Technische Einführungsreife und am 4. April 1990
durch das Heeresamt die Truppenverwendbarkeit er-
klärt.
Nun scheint der Einstieg in die Beschaffung gesi-
chert, nachdem erneut alle denkbaren Möglichkeiten
zur Kostenreduzierung durchgerechnet worden sind.
Die Technischen Lieferbedingungen für das Gewehr
G 11, die Grundlage für einen Serienauftrag wären, sind
im September 1990 fertiggestellt (Bild 280).
Der Entwurf der Einführungsgenehmigung wird im
Heeresamt termingerecht erstellt und an alle Beteiligten
versandt.
Mittlerweile haben sich die Stückkosten des Ge-
wehres gegenüber dem 1975 veranschlagten Preis er-
höht - nicht nur wegen der Preissteigerungsrate, son-
dern auch wegen notwendiger Änderungen, die sich aus
der Entwicklung ergeben haben und die durch erweiter-
te oder zusätzliche Forderungen der Bundeswehr
entstanden sind.
Das Verteidigungsministerium befindet sich in einer
Zwangssituation. Einesteils sind die Kosten hochge-
schnellt, andererseits muß die Ausrüstungslücke von
200 000 Gewehren geschlossen werden63’. Mit dem Ge-
wehr G 11 können die bisherigen Schützenwaffen als
veraltet angesehen werden - eine Neuauflage des Ge-
wehres G 3 kann nicht in Frage kommen. Neben den mi-
litärisch-taktischen Vorzügen der neuen Waffe sprechen
noch politische Gründe für eine baldige Annahme durch
die Bundeswehr. Ohne die Einführung des Gewehres
G 11 durch die Bundeswehr können keine Partner-
staaten gewonnen werden. Eine internationale Stan-
dardisierung des hülsenlosen Munitionskonzeptes wäre
dann nicht mehr durchsetzbar und der richtungsweisen-
de Technologievorsprung verloren.
Gewehr Gil- Quo vadis?
Schließlich erfährt Heckler & Koch Mitte September
1990 die ernüchternde Tatsache, daß die Parlaments-
Vorlage des Serienvorbereitungsvertrages als gestoppt
anzusehen ist.
Die G 11-Entwicklung wird von der Turbulenz der
Zeitereignisse erfaßt: Zeitgleich mit der Vorbereitung
und dem Abschluß des Serienvorbereitungsvertrages ge-
schehen weitreichende politische Ereignisse. Es fällt die
KSZE-Entscheidung zur Truppenreduzierung, es wird
die Auflösung des Warschauer Paktes absehbar, es steht
die deutsche Wiedervereinigung vor der Tür. Zu diesen
weitreichenden Ereignissen kommt hinzu, daß der Be-
willigungsausschuß des Haushaltsausschusses in der lau-
fenden Legislaturperiode ein letztes Mal tagt und danach
Neuwahlen stattfinden. Erhebliche Finanzmittel werden
für andere Zwecke benötigt.
Vorübergehend beunruhigt die Entwicklungsfir-
men, daß die aus der Wiedervereinigung von der NVA
übernommenen AK 74-Gewehre und die großen
Munitionsmengen einen Malus für das Gewehr G 11
darstellen - wenn auch vieles gegen die sowjetische
62) Es ist der Serienvarbereitungsvertrog gemeint
63) Diese Ausrüstungslücke besteht nur bis zum Einigungsvertrag und fällt mit der spä-
teren vertraglich verbindlichen Verkleinerung der Bundeswehr ganz weg.
156
Ausgabemonat: September 1990
Bundesamt für Wehitechnik und Beschaffung Technische Lieferbedingungen Gewehr Gil TL 1005-0097 Ausgabe 1 Seite 1 von 16 Seiten
Diese TL gehen den Bedingungen der anderen Anlagen des Vertrages vor. Sie gelten jedoch nicht, wenn im Vertrag anderes vereinbart ist. V^.iaorgw.gsnummer; Versor jrongsartikelname: 1005-12-314-4110 GEWEHR 4, 73 mm x 33, Gil ZUB g.<?hvtzr- /Bsnut gHaggE.g.eteahia»eÄg Die Bundesrepublik Deutschland hat aufgrund gesonderter Vereinbarungen das - im Umfang ausschließlich durch diese Vereinbarung festgelegte - Recht zur Verwertung und Vervielfältigung der mitgeltenden Zeichnungssätze 1000196 und 1000197 unbeschadet gegebenenfalls darauf lastender in- und ausländischer Schutz- rechte einschließlich Urheberrechte sowie Weitergabe bzw. Mitteilung ihres Inhaltes an Auftragnehmer; diese dürfen vorstehende Unterlagen nur zur Erfüllung des Auftrages, auch im Rahmen eines Unterauftagsverhältnissee, verwerten. Jede anderweitige Nutzung dieser Unterlagen ist nicht gestattet, soweit nicht ausdrücklich zugestanden- Inhalt; 1 ALLGEMEINES 3 QUALITÄTSSICHERUNG 1.1 Anwendungsbereich 3.1 Qualitätsprüfungen 1.2 Mitgeltende Unterlagen 3.2 Gütesicherung 1.3 Allgemeine technisch-organisatorische 3.3 Güteprüfung Forderungen 1.4 Losgrößen 4 VERPACKUNG 1.5 Tolerierung 1.6 Verpflichtung von Unterauftragnehmern Anhänge; 2 TECHNISCHE FORDERUNGEN 2.1 Lieferumfang Anhang A: Kennzeichnung der Waffe 2.2 Konstruktionsstaiidsfestlegung und Waffenteile 2.3 Technische Daten 2.4 Werkstoffe Anhang B: Anschußscheibe 2.5 Fertigungsverfahren 2.6 Kennzeichnen der Erzeugnisse 2.7 Beschaffenheit und andere Merkmale 2.8 Leistungsforderungen an das Gil 1 • 1 1.1.1 Systenrnerkmale Das Gewehr Gil ist eine automatische Handwaffe mit folgenden Systemmerkmalen: - Die Waffe arbeitet nach dem Funktionsprinzip des Gasdruckladers. - Es werden hülsenlose Patronen im Kaliber 4,73 mm x 33 verschossen. - Die Munitionszuführung erfolgt aus einem 45-Schuß-Stangenmagazin. - Es sind 3 Feuerarten wählbar: - Einzelfeuer, - 3-Schuß-Feuerstoß, - kontinuierliches Dauerfeuer. - Das lafettierte Waffensystem ist in einem abgedichteten Gehäuse rücklaufbeweglich gelagert.
Änderung geg .nüber der letalen Ausgabe Frühere Ausgaben
Frühere Ausgabemonate
Prehorveoer •
Bild 280
157
Waffe spricht: 300 Patronen magaziniert sind 6,3 Kilo-
gramm schwerer als hülsenlose Munition des Gewehrs
G 11 in Nachladeeinheiten, die Streuung beim Einzel-
feuer ist etwa doppelt so groß wie der bisher von der
Bundeswehr geforderte Standard, die Treffwahr-
scheinlichkeit unter Gefechtsbedingungen entspricht
veralteten Gewehren, das nicht geschlossene Waffen-
gehäuse führt zu Funktionsstörungen bei extremen Um-
weltbedingungen, Laden und Entladen der Waffe im ge-
sicherten Zustand ist nicht möglich, die Mün-
dungsbremse führt zu zusätzlichen Belastungen des
Schützen durch die toxischen Pulvergase.
So ist schließlich Mitte Oktober 1990 die Bilanz zu
ziehen, daß in der laufenden Legislaturperiode es nicht
mehr zu der angestrebten parlamentarischen Beratung
der G 11-Einführung kommen wird.
Bonn bekundet, daß das Gewehr G 11 auch weiter-
hin hohe Bedeutung habe, das Vertragswerk dem Bewil-
ligungsausschuß in der alten Legislaturperiode allerdings
nicht vorgelegt werden könne, da der Bericht des
Bundesrechnungshofes noch nicht ausgewertet sei.
Heckler & Koch hat aus der selbstfinanzierten
Weiterentwicklung der Waffe zum Konstruktionsstand 2
noch Forderungen. Diese werden vom Bund abgegolten.
Es ist durchaus hervorzuheben, daß die gesamte Ent-
wicklung des Gewehres G 11 und seiner hülsenlosen
Munition vom Bund bis auf den letzten Pfennig bezahlt
worden ist.64'
Der Bericht des Bundesrechnungshofes vom 24. Ja-
nuar 1991 ist in der ersten Februarwoche 1991 an das
Verteidigungsministerium gegangen. Der Tenor des Be-
richtes über die neue Waffe ist eindeutig:
„Die Beschaffung des Gewehres G 11 soll noch
nicht eingeleitet werden. Aufgrund des Beitritts der
neuen Bundesländer und der neuen Bedrohungslage
sollte zunächst der Bedarf aufgezeigt und nachgewie-
sen werden. Die Entwicklungen sollen qualifiziert
abgeschlossen werden und vor der Entscheidung über
eine Serieneinführung lediglich Waffen für einen Nach-
versuch beschafft werden.“
Schlußüberlegungen
Seit drei Jahrzehnten ist die Bundeswehr mit dem
Gewehr G 3 bewaffnet. Den heutigen Ansichten über
eine zeitgemäße Schützenwaffe entspricht das Gewehr
G 3 nicht mehr. Das Gewehr G 11 hätte die Nachfolge-
waffe werden sollen.
64) Die Entwicklung der Zieloptik zum letzten Konstruktionsstand wurde durch Hensoldt
selbst finanziert.
65) Wehrtechnik 4/1986,5.41.
Die internationale Entspannung stellt die Notwen-
digkeit einer baldigen Umbewaffnung in Frage. Anderer-
seits zeigen aktuelle kriegerische Auseinandersetzungen,
daß Nationen auf den bewaffneten Schutz ihrer Eigen-
staatlichkeit nicht verzichten können. In diesem Wider-
spruch rückt eine Neubewaffnung der Bundeswehr in
weite Ferne. Weder politisch noch finanziell läßt sich der
Ersatz der konventionellen Munition durch die G 11-
Technologie derzeit verantworten.
Kürzungen des Wehretats und die verminderte
Wehrwilligkeit der Öffentlichkeit tun ein übriges, so bald
einen Ersatz des Gewehres G 3 der Bundeswehr durch
das Gewehr G 11 nicht erwarten zu lassen.
Wenn auch am 8. März 1992 die Einführungsge-
nehmigung für das Gewehr erteilt worden ist (Bild 281),
so ist eine Beschaffung in weite Ferne gerückt. Ein
Studienvertrag des Verteidigungsministeriums über ein
leichtes MG für hülsenlose Munition wird von Heckler &
Koch bearbeitet, doch werden die Ergebnisse ohne eine
laufende Serienfertigung der hülsenlosen Munition nur
theoretischen Charakter haben.
So hat die politische Entwicklung das Gewehr G 11
überholt. Doch was wird in 10 oder 15 Jahren sein,
wenn die gegenwärtige Handwaffengeneration ver-
schlissen ist? Wird dann das G 11 -System bzw. eine
Weiterentwicklung eine Chance bekommen?
Unbestritten sind die revolutionären Vorzüge der
Waffe:
- Höhere Treffwahrscheinlichkeit durch 3-Schuß-Feuer-
stoß und beim Dauerfeuer durch rücklauffähige Waffen-
anordnung,
- einfache Schützenausbildung durch optisches Visier,
- Unempfindlichkeit durch gekapselte Bauweise,
- größerer Munitionsvorrat bei gleichem Gewicht durch
hülsenlose Munition.651
Was hat die Waffe G 11 notwendig und was hat die
Waffe G 11 möglich gemacht? Sicherheitspolitisch ist die
Entwicklung des Gewehres notwendig gewesen. Die ge-
steigerte Einsatzbereitschaft eines mit dem Gewehr G 11
bewaffneten Soldaten hat die Entwicklung dieser Waffe
gerechtfertigt.
Technologisch ist die Zeit reif gewesen, die schon
sehr viel früher erkannten Probleme einer Waffe für hül-
senlose Munition zu lösen. Ganz besonders haben neue
Kunststoffe die Beständigkeit der Munition, der Muniti-
onsverpackung, das Leichtgewicht und die zweckmäßi-
ge Gestalt der äußeren Bauteile der Waffe ermöglicht.
Rechnereinsatz, moderne Meßtechnik und die Verwen-
dung des Lasers haben sowohl eine Analyse der ultra-
schnellen Abläufe und Bewegungen deutlich gemacht
als auch die Probleme der Verschlußteilabdichtung
beherrschbar werden lassen. Moderne Oberflächen-
158
BUNDESAMT FÜR WEHRTECHNIK UND BESCHAFFUNG
Bundesamt für Wehnechnik und Beschaffung, Postfach 7360, 5400 Koblenz
Heckler & Koch GmbH
Postfach 13 29
7238 Oberndorf/N.
EIN' “-ANG
16 AFR 1'132
Hf-ckOr Koch
Geschaftszeichen
(Bitte bet Antwort angeben)
WM III 3
Bearbeiter
Herr Kapelle
Durchwahl-Nr
400-
74 85
Koblenz
13. April 1992
Gewehr G11;
Planungs-Nummer 1005-01330
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich gebe Ihnen zur Kenntnis, daß für das Sturmgewehr 4,73 mm G11 die Einführungs-
genehmigung unter der Code-Nr. 10630 am 08. März 1992 erteilt wurde.
Die Einführungsgenehmigung umfaßt neben dem Gewehr G11 noch folgende Anteile:
- Sonderwerkzeugsatz MES 2/3, PINr 4933-01936
- Kfz-Halterung (ohne Planungsbegriff, ohne eigene PINr)
- Patrone 4,73 mm x 33, DM 11, Weichkern, PINr 1305-01612
- Patrone 4,73 mm x 33, DM 21, Leuchtspur, PINr 1305-01622
(mit vorl. Sperrvermerk bis zum Vorliegen der "Erklärung der
Techn. Einführungsreife" und "Erklärung der Truopenverwendbarkeit")
- Übungspatrone 4,73 mm x 33, DM 18, PINr 1305-01579
(mit vorläufigem Sperrvermerk wie vor)
- Übungsoatrone 4,73 mm x 33, DM 48, Leuchtspur, PINr 1305-01569
(mit vorläufigem Sperrvermerk wie vor)
- Manöverpatrone 4,73 mm x 33, DM 28, PINr 1305-01559
(mit vorläufigem Sperrvermerk wie vor)
- Exerzierpatrone 4,73 mm x 33, DM 10, PINr 1305-01609
(mit vorläufigem Sperrvermerk wie vor)
- Manöverpatronengerät mit Manöveroatrone DM .... (noch nicht festgelegt)
PINr 1305-01559
• (mit vorläufigem Soerrvermerk wie vor).
Mit eigenen Phasendokumenten sind noch folgende Anteile einzuführen:
- Schalldämpfer Sturmgewehr 4,73 mm, PINr 1005-01207
- Magazintasche Sturmgewehr (für Ladestreifen, nachladbar),
PINr 8465-01507.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Kapelle
Allgemeines Ternsprechwahlnetz d. Bw
Kennzahl 4424-8 (Vermittlung)
Durchwahl 4424-
Dienstgebaude
Koblenz
Konrad-Adenauer-Ufer 2 - 6
Öffentliches Fernsprechnetz
(02 61) 4 OO-l (Vermittlung)
Telex
8 62 661
Telefax
4 00-76 30
Drahtanschrift
bwb kblz
T eletex
261842 = BWB
Bild 281
beschichtungen ermöglichen ein wartungsfreundliches
Handling der Waffe mit großen Reinigungsintervallen -
sehr zur Erleichterung des Soldaten.
Mit Recht kann behauptet werden, daß die hohen
Forderungen des militärischen Auftraggebers an diese
Waffe voll realisierbar geworden sind. Dazu gehörten ein
erstklassiges Ingenieurteam und beträchtliche Finanz-
mittel. Neben dem Waffenproblem und dem Muni-
tionsproblem mußte das Problem der ergebnisorientier-
ten Kooperation dreier Firmen bewältigt werden - es ist
gelungen. „Verantwortung ist nicht teilbar”, unter die-
sem Motto hat Heckler & Koch-Entwicklungsleiter Tilo
Möller mit seinen Mitarbeitern eine revolutionäre Waffe
in allerbester Oberndorfer Tradition des Waffenbaus ge-
schaffen. Für den Munitions-Teilbereich der Entwick-
lung hat Dynamit Nobel exzellente Arbeit geleistet, und
im gleichen Maße hat Hensoldt durch sein Visier zur
Treffsicherheit der Waffe beigetragen.
159
DANKSAGUNG
160
Allen voran gilt mein Dank der Firma Heckler &
Koch, die es ermöglicht hat, meine Studien zur Obern-
dorfer Waffen- und Industriegeschichte fortzusetzen.
Herr Tilo Möller hat dieses Buch angeregt und alle Türen
für mich geöffnet. Gleichzeitig danke ich Herrn Brede
und Herrn Fibranz von der Firma Dynamit Nobel AG.
Ich habe in Fürth Einblick in die Entwicklung der G 11-
Munition nehmen können. Wie das G 11-Visier entstan-
den ist, habe ich beim Entwicklungspartner Hensoldt in
Wetzlar erfahren. Konstrukteur Karl-Heinz Goubeaud,
in dessen Händen die Entwicklung des G 11-Visiers gele-
gen hat, sowie Herr Martin Hofmann als Vertriebsleiter
des Hensoldt-Bereichs Sondertechnik haben für mich
zwei Jahrzehnte Visierentwicklung rekapituliert.
Es ist für Heckler & Koch ein großer Verlust, daß
Dieter Ketterer, der lange Jahre G 11-Projektleiter war,
1991 an den Folgen eines Verkehrsunfalls verstorben ist.
Gerne hätte ich Herrn Ketterer befragt und in die Bear-
beitung mit einbezogen.
Behördlicherseits habe ich den folgenden Herrn für
die Mühe bei der Durchsicht des Manuskriptes zu dan-
ken. Gerade deren Anmerkungen, Hinweise, Ratschläge
und Richtigstellungen waren wichtig für die Berücksich-
tigung aller Aspekte der G 11-Entwicklung:
- Herr BDir Dipl.-Ing. Minberg vom Verteidigungsmini-
sterium in Bonn,
- Herr TROAR Dipl.-Ing. Kapelle vom Bundesamt für
Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz,
- Herr Oberstlt. Sembach vom Heeresamt in Köln,
- Herr BDir Dipl.-Ing. Brundiek von der Wehrtechni-
schen Dienststelle der Bundeswehr, ErpSt 91 in Mep-
pen,
- Herr Oberstlt. Brandt von der Gebirgs- und Winter-
kampfschule, SpezStabATV in Mittenwald.
Heckler & Koch-Mitarbeiter und Dynamit Nobel-Mitar-
beiter haben sich die Mühe gemacht und die einzelnen
Manuskriptfassungen gelesen. Ihnen verdanke ich den
tieferen Einblick in die Entstehungsgeschichte der neuen
Waffe:
- Herr Jakubaschk, heute nicht mehr Heckler & Koch-
Mitarbeiter, hat sich die Zeit genommen und Entwick-
lungsdetails in die Erinnerung zurückgerufen.
- Herr Katzmaier, der Schöpfer des „Katzomat”, hat
mich an den konstruktiven Entwicklungsgängen teilha-
ben lassen.
- Herr Kurtz hat am ACR-Programm teilgenommen.
Viele Informationen zu diesem wichtigen Praxistest ver-
danke ich ihm.
- Durch Herrn Mauch habe ich erfahren, wie mühevoll
der Weg zu einem tadellos funktionierenden G 11-Ver-
schluß gewesen ist.
- Herr Rall hat über viele Jahre hinweg die Hauptlast der
G 11-Erprobung im Labor zu tragen gehabt. Viele Stun-
den lang hat Herr Rall geduldig meine Fragen beant-
wortet und viele wertvolle Details zu dieser Entwick-
lungsgeschichte beigetragen.
- Herr Saile, der über zwei Jahrzehnte hinweg an der G
11- Entwicklung teilgenommen hat und nicht mehr dem
Oberndorfer Unternehmen angehört, hat mir wertvolle
Informationen geben können.
- Mr. Jim Schatz ist Marketing Manager für hülsenlose
Waffentechnologie bei der amerikanischen Heckler &
Koch-Gesellschaft. Ich danke ihm für die Informationen
und Fotos zum ACR-Programm.
- Herr Weichert hat als Projektleiter die Waffe serienreif
gestaltet und meine Fragen beantwortet.
- Herr Wössner, ein Konstrukteur der frühen Stunde,
hat mir die Charakteristika der einzelnen Prototypen
deutlich gemacht. Er hat in der Frühphase der G 11-
Entwicklung am Schußzähler und am Abzug gearbeitet.
- Herr Dr. Gawlik hat bis zu seinem Ruhestand im Jahr
1975 den Dynamit Nobel-Teil der G 11-Entwicklung ge-
leitet und mir Informationen zur Frühphase gegeben.
- Herr Reimer und Herr Strohm von Dynamit Nobel AG
haben mich während meiner „Feldstudien” in Fürth un-
terstützt.
Herr Dipl.-Ing. Walter Schmid ist den Kennern Obern-
dorfer Waffen- und Industriegeschichte als engagierter
Bewahrer historischer Dokumente und Geschichtsquel-
len bekannt. Er ist immer für mich ansprechbar gewe-
sen, und ihm verdanke ich wertvolle Erkenntnisse
während meiner vielen Studienaufenthalte in Oberndorf
(Bild 282).
Für Hilfe und Unterstützung habe ich weiterhin zu dan-
ken:
der Kreis- und Stadtbibliothek Kempen,
Herrn Elinkmann,
Herrn Dr. Gamich,
Herrn Dr. Rolf Wirtgen von der Wehrtechnischen Studi-
ensammlung der Bundeswehr,
Herrn Heinrich von der Wehrtechnischen Studiensamm-
lung der Bundeswehr,
Mr. Peter Labbett,
Herrn Rainer Möller,
Herrn Renftle,
Herrn Manfred Stegmüller.
Bilder und Zeichnungen haben zur Verfügung
gestellt:
Heckler & Koch,
Dynamit Nobel,
Hensoldt AG,
Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald,
Wehrtechnische Studiensammlung der Bundeswehr in
Koblenz,
Heckler & Koch Inc., USA,
Photonic GmbH, Wien,
Herr Möller,
Herr Kapelle.
Einige Bilder entstammen dem Archiv des Verfassers.
Bild 282: An der Waffe: der Leiter des Woffenmuseums Oberndorf, Herr Dipl.-
Ing. Walter Schmid, stehend von rechts: der Autor, Herr Roll und der Sohn des
Autors.
161
In zwanzigjähriger Entwicklungsarbeit ist das
Sturmgewehr Gil entstanden - die treffsicherste Waffe
der Neuzeit.
Vorjahren noch streng geheim, kann nun die
gesamte, bis ins Detail gehende Entwicklung
dieser Heckler & Koch-Waffe für
hülsenlose Munition offengelegt werden.
Dazu haben die Entwicklungsfirmen dem
Waffenhistoriker Wolfgang Seel
alle Türen geöffnet. Nie zuvor hat modernste
Waffentechnik so ausführlich dargestellt ; \
werden können. W
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JOURNAL VERLAG SCHWEND GMBH